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Full text of "Neue Jahrbücher für Philologie und Paedogogik"

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fftoriitTT of 
^ß wt^\/ßliUUll 

\ 1817 ^ ^ djP" ^ 



AHTBS SCIENTIA VER.ITAS 







Neue 



JAHRBOGHER 



für 



Philologie und Paedagoglk. 



Begründet 



von 



M. Johann Christian Jahn. 



Gegenwärtig herausgegeben 



von 



Reinhold Klotz Radolph Dietsch 

Professor in Leipzig Professor iu Grimma 

und 

Alfred FleckeiseD 

Gymnasiallehrer in Dresden. 




ZWfillJMDZWAMZieSTESR JAHRGAM«. 

Fünfundsechszigster Band. 



Leipzig 1852 

Druck und Verlag von B. G. Tcubner. 






A 



Vorwort. 

Mehr als sechsundzwanzig Jahre sind verflossen , seit die Jahr- 
bücher für Philologie undPaedagogik ins Leben traten. War in diesem 
langen Zeiträume auch manche bittere Erfahrung zu verschmerzen, 
mancher schwere Kampf zu bestehn , so können wir doch mit dank- 
barer Freude auf denselben zurückblicken, da sich die Zeitschrift stets 
gütiger Theilnahme zu erfreuen hatte und in Folge davon eine nicht 
unerspriessliche Wirksamkeit auszuüben vermochte. In der lieber- 
zeugjing, dass sie ihre Dankbarkeit gegen die Mitarbeiter und Leser 
und ihr Interesse für die Wissenschaft und das höhere Schulwesen 
nicht besser an den Tag legen könnten als durch erhöhte und 
erneute Anstrengungen, um möglichst allen gerechten Anforderungen 
zu genügen, berathschlagten Redaction und Verlagshandlung unter sich 
und mit Freunden , was in dieser Hinsicht zu thun räthlich und nöthig 
sei , und glaubten mit der Ausführung dessen, was sich als wttnschens- 
werth ergeben hatte, nicht erst bis zur Beendigung eines Jahrgangs 
zögern zu dürfen , sondern dieselbe sofort ins Werk setzen zu müssen. 
Freudig erfüllt die Redaction die Pflicht, von den Veränderungen, 
welche mit Beginn des fünfundsechzigsten Bandes eintreten , Rechen- 
schaft abzulegen. 

Da alle Erfahrungen die Ueberzeugung begründen , dass die aus 
des genialen Passow Geiste entsprungene, durch den unvergesslichen 
Jahn praktisch ausgebildete und von seinen Nachfolgern festgehaltene 
Idee der Zeitschrift noch immer fruchtbar sei , und dass die Humanität 
mit Ernst verbindende unparteiische Haltung derselben sich bei der über- 
wiegenden Mehrzahl ihrer Leser voller Anerkennung erfreue , so er- 
schien die Festhaltung der bisher befolgten Grundsätze 
und der ursprünglichen Tendenz als Pflicht, dagegen stellte 
sich bei dem von Jahr zu Jahr mehr anwachsenden Reichthum der Litte- 
ratur eine Erweiterung des der Zeitschrift zugemessenen 
Raumes als Bedürfniss heraus. Die Verlagshandlung, welche ihren 
Eifer für die Wissenschaft immer bewiesen, entschloss sich bereit- 
willig, eine solche Druckeinrichtung zu treffen, dass ohne Ver- 
mehrung der Bogenzahl und ohne gänzliche Umgestaltung ein 
grösserer Raum gewonnen würde. Das hier vorliegende Heft gibt 
davon Zeugniss, dass dabei die Eleganz der Ausstattafi^u»d.^\ft.^^^Q!v.- 



4 Vorwort. 

lichkeit des Drucks eher gewonnen als verloren hat. Welch bedeuten« 
des Opfer dabei gebracht werde, da von einerErhöhung desPrei- 
ses gänzlich abgesehn w i r d , wird jeder Einsichtige ermessen. 

Um die Geschäfte besser besorgen und grössere Thätigkeit ent- 
wickeln zu können , erkannten die beiden bisherigen Redactoren eine 
Vermehrung ihrer Kräfte für nothwendig. Sie haben die Freude , in 
dem mitunterzeichneten A. Fleckeisen, Lehrer am Vitzthumschen 
Geschlechtsgymnasium und Blochmann-Bezzenbergerschen Erziehungs- 
haus in Dresden, ihrem Leserkreis einen Collegen vorstellen zu kön~ 
nen, dessen litterarische Leistungen und bewiesener Eifer für die 
Wissenschaft eine tüchtige Förderung unserer Zeitschrift verbürgt. 

Beide Veränderungen werden es möglich machen , von allen be- 
deutenden Leistungen aus den Gebieten der Wissenschaften, welche 
im Kreise der Zeitschrift liegen, wie bisher ausführliche und einge- 
hende Beurtheilungen zu geben , zugleich aber das Ganze der Lit- 
teratur schneller und vollständiger in kürzeren Anzeigen 
und Uebersichten zur Kenntniss zu bringen. Die uns bereits 
zugesagte oder in Aussicht gestellte Mitwirkung von namhaften Ge- 
lehrten lässt uns die Erreichung dieses Zieles trotz der entgegen- 
stehenden Schwierigkeiten hoffen. 

Liegt es im Interesse der Wissenschaft und des höhern Schul- 
wesens , dass von den an den einzelnen Anstalten vorgegangenen Ver- 
änderungen, von deren äusseren und inneren Verhältnissen , namentlich 
aber auch von den durch sie ausgegebenen Gelegenheitsschriften, die 
selten im Buchhandel zu haben sind und auf dem Wege des Program- 
mentausches erst später und in grosser, schwer zu übersehender 
Masse den einzelnen Anstalten zukommen , möglichst vollständig und 
schnell genaue Kenntniss verbreitet werde , so hoffen wir beifällige 
Zustimmung auch für die Einrichtung , welche uns um grössere Voll- 
ständigkeit, Praecision und Schnelligkeit (namentlich in den statisti- 
schen Mittheilungen) zu erreichen räthlich schien, dass nämlich in 
Zukunft die Personal- und Schulnachrichten für sich 
gegeben, die Programme und Dissertationen aber nach 
Fächern zusammengestellt zur Anzeige und Beurthei- 
lung gebracht werden. Wie weit wir unsere Absicht erreichen 
können , hängt freilich davon ab , ob wir durch freundliche Zusendung 
von Notizen und durch gütige Erfüllung der von uns vor kurzem wie- 
derholt an die Directionen der Gymnasien Deutschlands gerichteten 
Bitte unterstützt werden. 



Vorwort. 5 

Wenn wir ferner auch A u s z ü g e und In ti'alts angaben aus 
den bedeutendsten Zeitschriften geben werden, so glauben 
wir damit den Wünschen vieler unserer Leser entgegenzukommen. 

Eine wesentliche Veränderung schien das mit den Jahrbüchern ver- 
bundene Archiv erfahren zu müssen. Dieses war bisher dadurch, dass 
in Folge des dem Publicum gegebenen Versprechens jährlich eine be- 
stimmte Bogenzahl geliefert werden musste , seiner ursprünglichen Be- 
stimmung, den Mitarbeitern Gelegenheit zu bieten, sich über interessante 
Gegenstände ausführlicher, als es deren Zwecke gemäss in einer Recen- 
sion geschehn könnte, auszusprechen, entfremdet worden. Jene Bestim- 
mung in Zukunft mit Strenge festzuhalten, ist unser Eutschluss, dazu aber 
die Verwandlung der Supplemente in zwanglose Hefte 
nothwendig. Wenn dieselben dann auch nicht zunächst mit Recensio- 
nen in Verbindung stehende, aber die Wissenschaft und das Unter- 
richtswesen wahrhaft fördernde Abhandlungen und ausführliche Mit- 
iheilungen erschienener Gesetze und Verordnungen enthalten werden, 
so wird dies gewiss weder dem Zweck der Supplementhefte noch den 
Wünschen der Leser widersprechen. 

Welcher Einsichtige sollte verkennen, dass die Anbauuug und 
Verbreitung eines echt wissenschaftlichen Geistes eine der wichtig- 
sten Aufgaben sei, von deren Erfüllung wesentlich das Glück der 
Zukunft abhängt? Der Kampf, den die Humanitätswissenschaften und 
die auf sie gegründeten Anstalten gegen viele Gegner zu führen haben, 
ist noch nicht beendet. Niemand möge augenblickliche Ruhe für Frie- 
den oder Sieg nehmen! Gerade hierin liegt die Aufforderung, das 
eigne Haus auszubauen und zu befestigen, damit es künftigem An- 
dränge zu widerstehn geeigneter werde. Ohne Anmassung dürfen 
wir aussprechen, dass die Jahrbücher für Philologie und Paedagogik 
unter den dazu bestimmten Zeitschriften einen ehrenvollen Platz ein- 
genommen haben. Redaction und Verlagshandlung glauben den Be- 
weis geliefert zu haben, wie sie Opfer und Anstrengungen nicht scheuen, 
um die Zeitschrift auf dem Höhepunkte der Wissenschaft zu erhalten. 
So dürfen sie auch wohl die sichere Erwartung hegen , dass ihren Be- 
mühungen der Erfolg und die diesen allein verbürgende Mitwirkung 
Aller, denen die Erreichung des genannten Zieles am Herzen liegt, nicht 
fehlen werde. 

Leipzig, Grimma und Dresden 1. Mai 1852. 

Die Redaction : 

Prof. Dr. R. Klotz, Prof. Dr. E R. Difitaok^ i^^^l^lssaM^ 



8 Griechische Litteratar. 

Schwager, und dieser Argwohn zu grosser Härte verleitet. Den Ver- 
dacht, ein Verwandter von ihm könne den Mord des Vorgangers ver- 
anlasst haben , lässt Oedipus 249 blicken , und eine Spur davon ent- 
hält schon die Vermuthung 124 sq.; späterhin richtet er denselben 
zuversichtlich auf Kreon , sobald, wie Sehn, treffend bemerkt, Ti- 
resias den Apollo als den bezeichnet, der ihn zu Fall bringen werde. 
Dieses plötzliche Ergreifen eines Verdachts , welchen er sofort hart- 
näckig festhält, beweist das Gegentheil der Eigenschaften, welche die 
Note zu 949 an Oedipus wahrnimmt, wenn sie ihn ^vorsichtig und 
gründlich' nennt. Einen Widerspruch schliesst das Urtheil p. 13 ein, 
wo Oedipus klu^ heisst und dabei stets unklug reflectirend. In ande- 
rer Weise ist er 969 zu nachsichtig beurtheilt: *die Worte ei' xi fiij 
T(0(i^ Ttod'G) enthalten einen selbst spitzfindelnden Versuch des from- 
men Gemüths, das Wort des Gottes in Ehren zu halten.' Er sucht 
sich vielmehr mittelst einer solchen Erklärung über die Furchtbarkeit 
des ihm gewordenen Orakels zu täuschen. Ueberhaupt stellt sich 
Sehn, ihn besser vor, als es die Intention des Dichters zu erlauben 
scheint, wie wenn er p. 19 sagt: *mit wahrhaft ängstlicher Sorge 
wird sein Aufbrausen aus edlen Motiven hergeleitet.' Oedipus stellt 
natürlich die edelsten Beweggründe voran, aber nicht zu verkennen 
ist sein beleidigtes Selbstgefühl, welches ihn so sehr verblendet, 
dass er in ruhmredigster Weise von sich spricht (380 sqq.) und sich 
für einen bessern Mantis als Tiresias selbst erklärt , obgleich er ihn in 
der Erwartung etwas von ihm noch nicht Geahntes zu vernehmen^ be- 
stellt hatte. Bei dieser Gelegenheit durfte ihm nicht das Praedicat ^des 
sonst bescheidenen' beigelegt werden, wie p. 8 geschieht; erst im 
Oedipus Col. hat er sich in der Schule der Leiden (Vs. 7) diese Tu- 
gend angeeignet. Selbst sein erstes Auftreten ist ein Gemisch von 
Mitleid mit dem Unglück des Volks und übergrossem Vertrauen (ccv- 
^aöla^ wie es Kreon 549 nennt) auf seine persönliche Kraft; auch 
kann er das stolze Gefühl seiner hohen Stellung nicht unterdrücken 
(8). Am weitesten geht in der Ueberschätzung dieses Charakters der 
Satz : Vor nichts bebt der starke Held zurück , der vor allen Dingen 
die volle Wahrheit lernen will.' Das Verlangen , seine wahre Her- 
kunft zu erforschen, ist'so natürlich, dass es keiner Seelengrösse be- 
darf , um ihm nachzugeben. In Beziehung auf Laios ist es eine ge- 
wagte Behauptung, ^dieser habe auch in der Schiste beabsichtigt, den 
unerkannt zu tödten, welchen er als Knaben wissentlich aus dem Wege 
zu schaffen gesucht hatte' (p. 18). Sehr schlimm kömmt besonders lo- 
kaste weg. Den Gipfel der Abneigung gegen sie erreicht Sehn, 
in dem Ausspruch p. 21 : ^ihr widerfährt nicht mehr als sie verdient, 
wenn sie nach Durchschauung verschuldeter Greuel sich erhängt.' 
Man muss sich erinnern, wie mild die Alten den pjtQi,6(i6g beurtheil- 
ten. Zu viel ist auch auf ihre Rechnung geschoben, wenn erzählt wird 
(ib.): ^das mit Laios, den sie bethört, erzeugte Kind hatte sie aus 
Angst ohne weiteres aus den Augen geschafft.' Die Frivolität, wel- 
ch^ sie im Lauf der Handlung verräth, findet jedesfalls darin einige 



Schneidewin: Sophokles. Zweites a. drittes Bandchen. 9 

Entschuldigung, dass sie bemuht ist, denOedipus zu beruhigen, wel- 
cher ja selbst bei der Nachricht von Polybos Tod Aehnliches vor- 
bringt (971 sq.). 

Verdienstlich ist die Yergleichung von Sophokles Drama mit der 
Bearbeitung früherer und späterer Dichter p. 22 — 26 zusammenge- 
fasst in dem Ueberblick: ^das Hinausrücken der Entdeckung nach 
langer Zeit ; der Aulass zu derselben durch die allgemeine Landesnoth, 
welche Oedipus Edelsinn ins hellste Licht stellt; der ungestüme Eifer, 
dem Gott zu dienen, der ihn stets von sich gestossen *} — das Alles 
ist Erfindung des Sophokles, der die Fäden zu seinem kunstreichen 
Gewebe auf eben so tief berechnete wie natürlich scheinende Weise 
geschlungen hat.' 

Daher ist in der Erklärung dieser Tragoedie ganz besonders die 
Bezüglichkeit ins Auge zu fassen , das Streben jedes Wortes zu dem 
Mittelpunkte hin, d. h. dem unseligen Abirren des Oedipus, der in 
immer tieferes Dunkel geräth, je mehr er sich der Wahrheit nahe 
glaubt. Es ist die von dem Herausgeber allenthalben angedeutete 
Ironie, der Gegensatz zwischen dem, was der Held erstrebt und dem, 
was das Schicksal verhängt : wie wenn er , der gefeierte Herrscher, 
zwar der Pest ^ dem Anlass der Erkenntniss des Wahren ' ein Ende 
macht, aber nur durch seinen eignen Sturz in namenlosen Jammer. 
Dieser Contrast tritt vorzüglich im Chorgesang 1220 am Schluss in 
den Worten hervor: x6 6^ ogd'ov eljcstv ccninvsviSa t in (Sid'ev xal 
%cn:BKol^iri(Sct rov^iov oiifia, womit die treuen Anhänger einen wehmü- 
thigen Rückblick auf den Eingang des Dramas werfen, vergl. Vs. 49. 

Es dürfte nun schwer fallen, alle die treffenden Bemerkun- 
gen anzuführen, in welchen frühere und spätere Theile des Dramas 
hier zueinander in Relation gebracht werden , doch möge es gestattet 
sein, wenigstens Einiges auszuheben, wie zu Vs. 124, dass Oedi- 
pus zu Anfang der Tragoedie (139. 225. 231. 236. 246) immer im Sin- 
gular , von ^inem Räuber spreche , aber 842 sqq. durch die Lage der 
Dinge veranlasst werde, umgekehrt auf die Blehrzahl von Räubern 
alle seine Hoffnung zu setzen; zu 297 von dem hohen Vertrauen des 
Chors auf Tiresias (ov^sXiy%Giv avtov) , damit die Anhänglichkeit der 
Thebaner an den ehemaligen Retter die härteste Probe bestehe; zu 
350 von der Verblendung des Oedipus , der nicht einmal durch Tire- 
sias wunderbares Wissen von dem 238 ausgesprochenen TtrJQvyiia an 
seiner Sicherheit irre wird; zu 672, wo Oedipus voraussetzt, Kreon 
werde aus Theben fliehen, was am Ende sein eignes Schicksal ist; 
zu 827 , dass er , wie ehedem , nochmals durch das Orakel irre geführt 
wird, denn gerade in seiner korinthischen Umgebung, welche er so 
ängstlich jetzt noch meidet, würde er ayvog geblieben sein; zu 1146 
über die triumphirende Sprache des Korinthiers, der von Oed. Her- 
kunft noch nichts ahnt, während der Thebaner besorgt das Weitere 



*) Es ist oben bemerkt, weshalb wir letzterem Satz nicht beipflich- 
ten konnenr 



10 Griechische Litteratur. 

abbrechen möchle; zu 1484 wird an Tiresias Worte 415 erinnert, zu 
1520 an den schon 569 ausgesprochenen Grundsatz Kreons. Häufig hat 
Sehn, auch auf die absichtlose Zweideutigkeit mancher Worte liin- 
gedeutet, wie 264. 365. 397. 572. 928. 930. 

Freilich kann man hier im eifrigen Bemühen , Alles der Art auf- 
zuspüren, leicht zu weit gehn: auch Sehn, scheint uns mehrere- 
male in den Worten des Dichters versteckte Beziehungen gesucht zu 
haben , welche dieser schwerlich beabsichtigt hat. Er entdeckt z. B. 
eine Zweideutigkeit in 101 ^reeJe, das vom Gott gemeinte (offfia), wie 
aus dem Gesagten zu entnehmen war. Zugleich konnte aber von den 
Zuschauern rod' alfia auf Oedipus, den Sohn des Laios, gedeutet 
werden, wie auch 102r^v<j£ rv%rjv auf den Redenden selbst bezogen 
werden konnte.' Desgleichen zu 113 *die Zuschauer konnten wie- 
der rmÖ€ q)6v(p öviiit, ganz anders verstehn: trifft mit diesem Mör- 
der (9?6vog, wie Medea bei Pindar heisst cc TLeXlcco cpovog) zusammen, 
zumal q>6v(p TCegucsöstv das Gewöhnliche ist.' Besonders auffallend 
ist die Bemerkung unter 397 6 iitjöev slömg OlölTtovg: Vielleicht deu- 
tet Sophokles auch auf den in Oldl — Ttovg enthaltenen Stamm ^U hin, 
wodurch ein spitzes Oxymoron entstände : ich, der (durch euch) nichts 
wissende und doch wissende Oed.' Ebenso wenig wird man beistim- 
men können, wenn die Note 605 erklärt ^ rsQaaxoTtov nennt Kreon den 
Tiresias mit Anspielung auf die Namensbedeutung o ta xelqea (>9co~ 
nmv^ der Wundermann, indem er in Oedipus Sinne höhnend redet.' 
Abgesehn von der Unzweckmässigkeit des Etymologisirens in die- 
ser Situation kann dem Kreon gar nicht einfallen, von dem Seher in 
Oed. Sinne höhnisch zu sprechen , und der Zuschauer konnte es auch 
nicht vermuthen, weil Kreon sonst die eignen Worte des Oedipus 
wiederholen müsste ; Sophokles wollte gewiss nur in der Bezeichnung 
derselben Person den Ausdruck wechseln, vergl. 483. 526. 556. Un- 
gegründet erscheint ferner die Ansicht, dass in 889 ein Bezug auf 
Laios (den längst Verstorbenen) und lokaste liege, als die ^ ihrem 
Vortheil durch ungerechtes Handeln nachgiengen.' Noch weniger 
dürfte die Auffassung von 879 dem Sinne dieser Worte (xo %cil^g d' 
^lov Ttolsi Ttockcciöfia ^rftoxB Xv6cci Q'eov aitovfiaL) entsprechen : * der 
Gedanke an den Abgrund, in welchen lokaste stürzen werde, erin- 
nert den Chor an ihr nahes Verhältniss zu Oedipus (579), weshalb 
er die Gottheit bittet, das dem Staat heilsame ncckai(S(ici^ die Befrei- 
ung von der Sphinx, nimmer zu vernichten, vergl. 506 f. 694 f.' Das 
nalatöfia soll demnach Oedipus selbst sein als 6 TiccrccTtakalöag triv 
Zfplyyal Vielmehr wird das Ringen ''), welches dem Staate Vortheil 
bringt, aufgehoben durch das Verdrängen Anderer, welche das Recht 
haben, daran sich zu betheiligen. Oedipus hebt es auf, der sich ge- 
gen Tiresias und Kreon herrisch benahm und zu tyrannischer Will- 



*) Das Bild des Ringkampfes findet Sehn, auch 386 in dem Xa- 
&Qa (i vnsWoov inßcclsLV tfistgSTai, wo eher das der still heranschlei- 
chenden Schlange zu Grunde liegt, wie Ant. 531. 



Schneidewin: Sophokles. Zweites u. drittes Bandchen. 11 

kür hinreissen liess. Das stimmt zwar nicht zu der früher vom Chor 
(an den citirlen Stellen 506. 694) ausgesprochenen Verehrung, indess 
muss man sich erinnern, dass der Dichter bisweilen dem Chor seine eignen 
Ansichten in den Mund legt, und dieser, wie Sehn, in der Einleitung 
zum Oed. Col. p. 27 selbst bemerkt, ^mitunter unbewusst doppel- 
sinnig spricht.' 

Zu künstlichen Interpretationen verleiten vorzüglich die dunkeln 
und aenigmatischen Reden des Tiresias. Der Art ist 337, wo Sehn., 
das T^v örjv d oiiov valovöav (oQyrjv) ov TcatEtSeg ausführlich 
commentirt: ^mit gesuchter Undeutlichkeit spricht Tiresias von ogyri 
i[ii^^ indem er scheinbar auf ogyccvetag 335 zurückweist. In der Ttiat 
hat er aber den Vorwurf Kcc7ic5v xax. im Sinne : meine Gemüthsart 
tadelst du, als sei ich xc^xcov 7iciM(Stog; deine OQyrj aber, die der 
mir vorgeworfenen nahe wohnt , d. h. die zugleich (in Kanmv xa- 
%L(Sxs) ausgesprochen ist, die erschautest du (eben beim Aussprechen) 
nicht. (Doch kann o^iov vaCovöav auch heissen sollen: deine Ge- 
müthsart, die deiner Beurtheilung der meinigen gleich ist. Dieser 
Doppelsinn geht verloren, wenn man mit Dindorf ti^v öol 6 6. v. 
schreibt.) Musste Oed. dies auf sein zorniges Auffahren beziehen, 
wie er in der That nur das Hörfälligste auffasst und 339. 344. 45 von 
OQyi^EG^cii redet, so will doch Tiresias nur andeuten, dem Oed. selbst 
komme das Praedicat jca^ccSv ^i^KStog zu.' Aber die OQyr] desOedipus 
wohnt nicht der dem Tiresias vorgeworfenen nahe, noch ist die Ge- 
müthsart des Oedipus seiner Beurtheilung von Tiresias Gemüthsart 
gleich , sondern sie wohnt mit Oedipus zusammen , sie ist es zugleich, 
die Anlass zu der oqyi] des Tiresias gibt, und diese besteht eben, 
darin, dass sie die des Oedipus erregt; d. h. ohne den Jähzorn, wel- 
chen Oedipus gerade in dieser Scene an den Tag legt, würde er den 
Laios nicht erschlagen haben und dadurch jetzt nicht den Seher nö- 
thigcn, seine Frage nach dem Mörder jenes unbeantwortet zu lassen, 
durch diese scheinbare Verstocktheit aber sich dem schlimmsten Ver- 
dacht auszusetzen. Die oqyri ist also hier in Beziehung auf Tiresias 
causativer, in der auf Oedipus passiver Bedeutung. Eine andere 
nicht genug aufgeklärte Stelle ist 425. In der langen Anmerkung dazu 
vermisst man eine deutliche Exegese ; wenn Tiresias von xaxa redet, 
S (J i^L^döei öol re aal rotg öolg xii^voig^ ist das ^dich dir und dei- 
nen Kindern Gleichmachen' keineswegs nur so viel, dass er durch Ent- 
hüllung jener schlimmen Dinge als Bruder seiner Kinder erscheinen 
wird, wenn auch Sehn, hinzusetzt: ^nach der sprachlichen Eigen- 
heit der Griechen zu sagen l^tJog, Y,oivog i^ol ts nal ßoi (zu 0. C.808), 
(xoLvav TtoUÖGiv TiOLvcc 261 ), um das Gleichsein als beiden verschiede- 
nen Theilcn gemeinsam scharf auszuprägen, reicht obige Erklärung 
aus, indem der Dichter den natürlichen Gegensatz zwischen Vater und 
Kindern, der in Oed. Lage aufgehoben ist, recht scharf markirt.' 
Damit ist ja nur der eine Theil erklärt, wie er den Kindern gleich 
wird , keineswegs aber der andere , wie er sich selbst gleich wird. 
Näher kömmt zwar dem eigentlichen Sinn die^e^K \S^^xV& -^ "^^^ "«ss^ 



i 



12 Griechische Litteratar. 

Schluss der Note gesagt ist: ^doch konnte der Hörer auch in cc ö* 
i^LiStoösi <Soi den Gedanken finden, den Oed. würde die Erkennung 
des unseligen Verhältnisses als kcckcSv nciKiarov (337) in sein von An- 
fang an ihm bestimmtes Elend zurückversetzen', doch ist so noch 
nicht die wahre Beziehung derselben angedeutet. Denn Tiresias 
meint, Oedipus wisse noch nicht, wer er sei, er halle sich noch für 
einen Korinther und den Sohn des Polybos. Es liegt in der Natur 
der Sache , dass der Aufschluss über Alles ihm zu gleicher Zeit ge- 
geben wird, aber der Dichter weiss den tragischen Eindruck dadurch 
zu verstärken , dass er das Schlimme getheilt aufzählt. Die Sprache 
des Tiresias musste etwas Geheimnissvolles haben, um durch die von 
ihm gemachten Enthüllungen nicht sofort die Katastrophe herbeizu- 
führen ; auch war es nöthig , dass der Prophet selbst aufgebracht und 
gereizt schien, um die Vorstellung zu bewirken, dass er so Arges 
nur im Zorn, in leidenschaftlicher, unzurechnungsfähiger Aufregung 
vorbringe: daher auch der Chor unentschieden bleibt und weder zu- 
zustimmen noch zu leugnen vermag. Auf ihn nämlich geht das ovrs 
öoKOvv X ovx aTtoqxxöKOvd" (483), was Sehn, nicht mit nee affirman- 
tia nee negantia übersetzen durfte, sondern mit nee approhantem 
(vergl. Ant. 1103) nee neganlem , wie Ref. schon früher in den Acta 
Sem. phil. Heidelb. p. 81 bemerkte. 

Der Chor ist noch nach dem Abgang der Ipkaste geneigt, den 
Oedipus für ein Götterkind zu halten, nachdem er sich selbst einen 
Sohn der Tvxrj genannt, übrigens ausgesprochen hat, er werde nicht 
ablassen sein Geschlecht zu erforschen : xoi6(S8b ^ ixqnjg ovx Sv i^ik- 
^01(1 hl Ttox aXXogj cißxs firj ^fiad-siv xovfiov yivog (lOM sq.). Was 
bedeutet dieses aXXog? Sehn, sagt in der Note: ^mit Döderlein 
habe ich akkod statt ükkog geschrieben, da dieses sich nicht genügend 
erklären lässt.' Gut, aber wie ist älXods zu erklären? Will Oedipus 
damit aussprechen, er werde keine anderen Wege einschlagen als 
die zum Ziel führenden? Können das die Textesworte in dieser Form 
bedeuten? Bei der nahen Aussicht auf Entdeckung seiner Abkunft 
muss Oed. in zuversichtlichster Weise über das Aufhören seiner bis- 
herigen Ungewissheit sich äussern. Darauf leitet das abschliessende 
äiSxe fifi^fice&stv r. y. Das *ein Anderer werden' kann nur darin 
bestehn, dass er sein Geschlecht endlich erkennt, sonst bliebe er 
derselbe. Der Text spricht also das Gegentheil von dem aus , was er 
sagen sollte. Dem alXog in der Bedeutung von aklotog musste wenig- 
stens ein folgendes d-ikeiv oder iTti&vfisiv entsprechen. Schreibt man 
aber akaog , so ist der Folgesatz gehörig erklärt , und zugleich eine 
Hinweisung auf die nächste Zukunft, eine bedeutungsvolle Beziehung, 
eine unbewusste Weissagung gewonnen, denn erst, wenn Oedipus 
sich aus Abscheu vor seinem Geschlecht, seinen Eltern und Kindern 
blendet, hat er die wahre Beschaffenheit seines yivog erkannt, er ist 
dann geistig hellsehend, aber am leiblichen Auge blind, vorher war 
es umgekehrt, vergl. 413, wo diese Zusammenstellung des eigentlichen 
//ad metaphorischen Ausdrucks von Sehn, aus Aesch. Prom. 445 



Schneiderin : Sophokles. Zweites u. drittes Bändchen. X3 

und Ag. 1606 belegt wird. Auch Aeschylus kennt den tropischen Ge- 
brauch von akaog^ Prom. 550. 

Die Erzählung vom Vorgang des Mordes 798 — 813 wird, wie 
die Leser des Philologus (1849. S. 175 ff., 751 ff.) sich erinnern, auf 
sehr verschiedene Weise von Firnhaber und von Schneidewin verstanden. 
Da nothwendig einige Zeit verstreicht, ehe Oedipus von dem Wagen- 
lenker (oder Herold) zu dem König gelangt, scheint Ref. die Ansicht 
Firnhabers die natürlichere zu sein, dass jener sich nicht auf dem 
Wagen befunden habe, sondern vor demselben hergeschritten sei. Das 
besonders schwierige oxov jtaQccarelxovra (808) glaubt Schneidewin 
durch Verbindungen wie ifißccteveiv ncexQiöog^ iivai rijg o^ow erklä- 
ren zu können und übersetzt ^ den des Wagens vorbeigehenden , im 
Bereich des Wagens beim Vorüberziehn begriffen , wo er dem Laios 
schlaggerecht war.' Diese Exposition ist offenbar gezwungen und 
wohl auch unrichtig, da das Bereich des Wagens nicht ausserhalb 
desselben liegen kann. Obgleich Sehn, kurzweg behauptet , die 
Gonjeetur o%ovg (von Döderlein) sei grob , lassen wir uns dadurch 
doch nicht abschrecken, sie zu billigen, da auch Firnhabers Aushilfe, 
welcher o%ov (liöov verbindet (*als er an der Mitte des Wagens vorüber- 
gieng'), nicht haltbar scheint; er beruft sich smf (litSrig inr^g — ix- 
xvUvdetcctj wodurch aber nur die Stärke des Stosses geschildert wird, 
welcher den Laios von seinem sichern Sitz auf den Boden herab- 
stürzte. Die Interpunction endlich, nach oQa und vor (lidov^ welcher 
beide sonst in Allem uneinigen Kritiker den Vorzug gegeben haben, 
kann Ref. nicht für richtig halten; Laios hatte vielmehr,* nachdem Oe- 
dipus seinen Herold geschlagen, auf sein Vorübergehn gewartet, 
und wie er ihm nahe genug war, die Misshandlung seines Dieners 
erwiedert. 

An folgenden Stellen des Dialogs wollen wir ausserdem unsern 
Dissens nicht verschweigen. Zu 88 erklärt Sehn.: *die gewöhn- 
liche Interpunction hinter dv<Sq>OQ ist falsch , da dv<Sq>OQa nicht mit 
evtvxBtv verbunden werden darf.' Er bezieht evtvxetv nämlich zu 
q>riiifi als Subject. Was ist aber gegen diesen Gedanken einzuwenden : 
schwierig ist die Erforschung des Mörders nach langer Zeit; ehe er 
gefunden ist, hört die Pest nicht auf, dann aber ist auch die Ent- 
deckung in jedem Betracht glückbringend? Schn.'^s Interpunction 
gibt eine schwerfällige Constrnction ; vergl. dagegen auch El. 945. 
In 116 ist Sehn, an xamd' angestossen, er hat auch wegen des 
mangelnden Objects mit Recht die Lesart verdächtigt, doch wird man 
den Sinn: ^ auch kein Bote, kein Begleiter auf der Reise ist z urück- 
gekommen' darum nicht ausgedrückt wünschen, weil er schon in 
ayysXog liegt. Dem Mangel des Objects ist leicht abgeholfen durch 
die Aenderung rcc^ el^ otov oder rcc^ sldsv ov . und es bedarf nicht 
des in der Note vorgeschlagenen raKetd'sv oder des von Sintenis con- 
jicirten (Philol. 1850. S. 745) %arBi<s. Denn bIöb kehrt in der Antwort 
Kreons wieder , womit auf das Vorhergehende zurückgewiesen ist ; 
auch 293 sagt Oedipus tov d' l^ivt ovde^ 6q^« 1^\l^% 12«^^K^ ^^ 



14 Griechische Litteratur. 

• will Sehn, freilich in slxs verwandeln , indess wird es seine Stelle 
wohl behaupten müssen. Auch die Aenderung rolg alvlotg (251) für 
toiad^ aQticog werden nicht Alle für so unzweifelhaft halten wie ihr 
Urheber. Soll roiads nicht auf die Mörder bezogen werden dürfen, 
nachdem Oedipus doch von mehreren gesprochen hat: ehe 7tXei6v(ov 
(ihal Wenn er aber vorzugsweise nur 6inen im Sinn hat, wird es 
hinreichen t(pd zu setzen, womit deutlich genug der Mörder bezeich- 
net ist, welchen man auch 241 unter rovöe zu verstehn hat, und 
fdccöfia als Praedicat dazu, mit Bezug auf 97. Es bleibt derselbe, ob 
Verwandter des Oedipus oder nicht, ot aXrioi würden aber von ihm 
als Leute anderer Gattung unterschieden werden. Statt des 2ä4 für 
xa'O'io^ vorgeschlagenen nayoviog könnte eher na^Xi^og eintreten, wie 
umgekehrt Elmsley aO'Xiog durch ad^eog ersetzt hat. Die Vertauschung 
mag das vorhergehende ^eov veranlasst haben. Uebrigens ist El. 1181 
einer Aenderung entgegen. Gelegentlich erinnert Ref. an die Les- 
art xr](s6iyeyrig^ die auch im La. die ursprüngliche gewesen zu sein 
scheint und eines guten Sinnes keineswegs ermangelt : euch trage ich 
es auf in meinem und des Gottes Namen zu erfüllen , da das Land so 
fruchtlos und elendiglich umkömmt. In 294 liest man jetzt et — öelfia- 
zog cxiyet (liqog für ei — delfioctog y e%ei, ^iqog^ doch passt jenes Ver- 
bum (reconditam secum servat übersetzt es die Note) nicht zum Ob- 
ject; das y aber, welches der Pal. beibehält, war nicht zu verwerfen. 
Das 297 von den besten codd. gebotene ov^ekiy^fov ist als Ausdruck 
grösster Sicherheit dem Futur wohl vorzuziehn ; warum für letzteres 
cevtbv spreche, wie Sehn, behauptet, vermag Rec. nicht zu er- 
rathen. Eine andere mit Unrecht hintangesetzte Variante von La. 
(pr. manu) Lc. und Pal. ist 315 Tcovog^ wodurch ein hier nicht gefälliges 
Uomoeoteleuton vermieden wird. Müssig wäre 349 ßgorviv mit Auslas- 
sung von elvat^ welches in den Handschriften nach k'(pr}v leicht weg- 
fiel, und unnütz 355 Kano rovSe zu vermuthen, auch hat Sehn, 
die herkömmliche Lesart genügend erklärt, indem tovto zugleich den 
Inhalt des kühnen Wortes und die daraus hervorgehende Strafe ein- 
schliesst. Ganz unrichtig ist 368 der Vorschlag tavx für Tavr , denn 
Tiresias sagt gerade hier etwas Neues , was er vorher noch nicht be- 
rührte, wie die vorkündigende Frage 364 zu verstehn gibt. Nach 
dem hxere; (567) ist auch wieder k'öxofiev zu erwarten, aber für Tta^ 
würden wir nicht mit Sehn. aX}L oder ccq schreiben , sondern , was 
näher liegt , kccqt k'axofiev, Dindorfs hier aufgenommenes cciKciXXovöc 
(597) ist eine mehr speciöse als sichere Conjectur; für iK7iciXov(St 
spricht, dass die Leute, welche etwas von Oedipus zu erhalten wünsch- 
ten, den Kreon zu einer Besprechung einluden, welche im Palast 
selbst nicht vor sich gehn durfte. An IVO-' av y (672) ist nichts 
auszusetzen , also der Vorschlag ear av rj entbehrlich. Eben so un- 
nöthig wird 740, wie aus der eignen Note hervorgeht, elQTte für elxe 
vorgeschlagen; jenes wäre etwas geziert. Was 749 Sehn, lesen 
will, oxvfp [lev für oxva (lev^ scheint durch die ähnliche Stelle Ant. 
1105 fiokig fihvy xaQÖlccg d' i^latafiai ro ÖQciv nicht genügend gerecht- 



Schneidewin : Sophokles. Zweites u. drittes Bändchen. 15 

fertigt zu werden: wenn lokaste aach jetzt zagt, weiss sie doch nicht 
voraus, ob sie die ihr noch unbekannte Frage des Gemahls ebenfalls 
mit Zagen beantworten wird. Für die Ausstossung von 815 dürfte die 
Bedeutungslosigkeit desselben, namentlich in den stark accentuirten 
Wörtchen vvv hi allerdings sprechen. Wir verstehn übrigens nicht, 
warum Sehn, nicht lieber 816 ivriQ in iiiov verwandeln als die 
Wiederholung avÖQog — ivrjQ dulden mag. In 1463 wird bezweifelt, 
dass CCV6V xovS ccvöqog nach dem vorhergehenden tKirj XQccTte^oc %CDQlg 
iarcc^ri noch folgen konnte, als wenn solche poetische Tautologien 
bei Sophokles und Andern nicht in Menge vorkämen. Es bedarf daher 
nicht der Aenderung ovnot oicciv^ eben so wenig der auch nur in 
der Note zu 1456 gemachten %aLv^ für öbw&. 

Als vorzügliche Verbesserungen in diesen Partien betrachtet 
Ref. 13 ^i] xaroiKtelgcov ^ wie 221 avrog ovn i'xcav (über letzteres 
vergl. die ausführlichen Erörterungen von Schneidewin selbst, Philol. 
1850. S. 370 ff. u. Sintenis S. 743), 1280 (lovm^ wodurch der folgende 
oft verurtheilte Vers gerettet wird, 1463 rra^' für tavd^ und 1494 
roi<sSe toig^ denn durch roig ifioig würde sehr ungeschickt Oedipus 
selbst ausgeschlossen. Richtig ist Neues von Hermann und Wunder 
gebilligte Correctur 230^' '§ aXXrjg xsQog widerlegt, da die Angabe 
eines andern Mörders schon in 224 enthalten ist und i^ akkrig x^o- 
vog insofern auf Oedipus passt, als er sich für einen Fremden hält. 
Aus dem cod. Pal. ist zum erstenmale 18 otös 6* yMa>v aufgenommen 
und 229 a<sq>aX'i]gy was auch F hat. 

In den Chorgesängen sind nicht alle Correcturen so glücklich wie die 
Ergänzung rZvOo^^^TjöT« 906, wenn anders hier nicht ein zweiter Epitrit 
erforderlich ist; für minder gelungen halten wir die mittelst der 
volleren Form iyXacmiöi 214 versuchte Ausfüllung, wodurch eine 
Responsion zu dem hier verkürzten strophischen Verse (aötQOTtav 
KQaxfj vific3v) gewonnen werden sollte ; dass aber in der Antistrophe 
nach dem Epitheton ccylaoTCi nichts ausgefallen sein könne , wird man 
mit eben so wenig Sicherheit behaupten, als dass co Z€v (202) die 
Abschreiber aus Homerischer Reminiscenz zugesetzt hätten; denn 
wenn alle Götter bei ihrem Namen angerufen werden , sieht man nicht 
ein, weshalb nur Zeus einfach 7rcirr7|f^heisst. Lässt man aber co Zfv, wie 
billig, stehn, so sind auch die übrigen von Sehn, beliebten Ab> 
änderungen , wie TtvQtpoQCiyv (200) statt tccv nvqfpoqiov und nXaO'iivai 
(213) für 7t6lccad"¥Jvai nicht weiter nöthig. Keine Neuerung, sondern 
Rückkehr zum Alten , lange Aufgegebenen ist es , wenn 189 e^coTTcr, 
welches man sonst mit ccXkciv verband, als Epitheton der Athena be- 
trachtet wird; Sophokles soll damit auf Pallas ykcivTiciTttg oder yo^- 
ywTtig deuten , wie sie als scharfblickendste Göttin in Lakonika als 
Ophthalmitis , Optilitis , Ptillia, in Argos als ^O^vdeQKca verehrt wurde. 
Während Sehn, diese Bemerkung niederschrieb, scheint es dass 
ihm der Vers der Antigone 536 xiyyovd «vcött« Ttaqeiiv^ woraus der 
Sophokleische Gebrauch des Wortes nach Sinn und Form erhellt, 
nicht gegenwärtig war ; einen Beleg zu dem als F^m^Kco^Q^Q^ %<^^%».^^- 



16 Griechische Litteratur. 



ten evcmrig zu geben, hat er ebenfalls unterlassen und sich begnügt 
hinzuzusetzen : ^mit Lobeck Paralipp. I, 269 das Femininum evcmt. zu 
setzen (Callimach. OvTti avaiSiS^ ev^i) widerrathen ähnliche Dichter- 
stellen, in welchen die masculinische Endung im Vocativ communi 
gen. gebraucht erscheint.' Nimmt man überdies mit Dindorf an, 
dass dem dact. tetr. das svoTta Tti^iiffov aX%iv als iambisches Glied 
sich anschliesse, eine Verbindung, für welche die Analogie vieler 
Stellen spricht, vergl. Oed. Col. 234. El. 126. 162. 170. 211. Phil. 142. 
861. 1093. 1130. 1207, gewissermassen auch Phil. 1133, so ist das 
Herüberziehn des Epitheton in den contrastirenden Rhythmus ofifen- 
bar auch eine Härte ; endlich missfälit das Nachschleppen desselben, 
da die allgemeinere und ehrenvollere Bezeichnung %qvfiia ^yccxe^ 
^log vorausgegangen ist. Ein Verkennen der Bildersprache des Dich- 
ters finden wir 196 in der Aufnahme von Döderleins Conjectur OQfiaw, 
denn der aTto^evog oQfiog ähnlich dem viiivaiog uvoq^og (422) soll 
dem ^eyccg d-akccfiog Afiq>tt^rag entsprechen ; auch für das unendlich 
wßite Meer ist der Begriff ^akcefiog Gegensatz. Diesen absichtlichen 
Widerspruch haben beide nicht verstehn wollen. Döderlein, dessen 
Argumente Sehn, wiederholt, sagt Minut. Sophocl. 1846. p. 5: *ut 
nunc haec leguntur, verba &Qy»iov kIvöcovcc pro appositione accusa- 
tivi OQ(iov habenda sunt. Id per se incredibile; tam diversae sunthae 
notiones , ac ne illud quidem aptum , quod malum illud ablegatur in 
portum aliquem ubi quiescat, ac non in ipsum mare, ubi pereat.' 
Hiergegen muss bemerkt werden , dass der aito^svog OQfiog vielmehr 
Apposition zu dem nachgeschickten &Qi^Kiog xXvdcav ist. Dem schwung- 
vollen Rhythmus IdO^Agsd te xov ficeksQOv og hat Sophokles schwer- 
lich in der Gegenstrophe mit einem unaufgelösten lambus geantwortet, 
nahe lag hier AvKii % ava^^ rd ze aa %q. Im zweiten Chor ist sehr 
zu bezweifeln , ob der durch Felsen und Holen umirrende Stier 476 
selbst in der kühnsten Lyrik Tterqcciog heissen könne ; das wäre eher 
ein versteinerter Stier, wie Ant. 827 von einer Tuxqatcc ßldötcc ge- 
sprochen wird. Sehn, hätte bei Dindorfs %ixqag me tavqog sich 
beruhigen sollen : der ''£^00^ ime^owMg Ant. 785 beweist natürlich 
gar nichts für den TCstQaiog ravQog. lieber die schwierige Stelle 666 
bemerkt Sehn, mit Recht, man vermisse ungern das »al %a^ der 
Handschriften; es kann in der That gar nicht fehlen, da zwei ganz 
verschiedene Uebelstände besprochen werden, die Pest und der 
Zwist der Herrscher. Deshalb war ^%av^ welches der Scholiast 
noch nicht gelesen zu haben scheint, zu tilgen und nach G. Hermanns 
Rath zu lesen ickki (i cc dvöfiOQog yä q>d'lvov<Sa TQv%ec %ccl xa^ tl %. 
X., dies alles in einem Vers. Viel Mühe machte bisher jedem Her- 
ausgeber 892; Sehn, schreibt von den früheren ebenfalls abwei- 
chend : xlg Irt ^ox iv xolisS' dvrjQ ^vfi^v ßikri ev^sxcct ilw%äg afiv- 
ve^v; und bemerkt dazu: ^der Chor, über die Freimüthigkeit seiner 
Aeusserungen betroffen , rechtfertigt sich durch den Gedanken : wel- 
cher Mensch nur wird ferner noch bei solchen Verhältnissen (Ant. 39 
ei xiS iv xwxotg) sich rühmen können , des Zornes Pfeile fernzu- 



Schneidewin : Sophokles. Zweites u. drittes Bändchen. 17 



halten von seiner Seele ? Es wandelt den Chor an , in seinem from- 
men Eifer die Langmuth der Götter zu tadeln, wenn sie die verdiente 
Strafe nicht eintreten lassen. -O-vficov ^kht\ die ffegen die Frevler 887 
ausgesprochene Verwünschung , wie man sagt t^<püvai aQag Ant. 1085 
aq>7JKa &vfim xccQÖlag ro^ev[icacc. Die Handschriften d'viia^ wofür ich, 
da ßikri 'iffvxäg nicht wohl verbunden werden kann , d-viicSv gesetzt 
habe: der Plur. hat intensive Bedeutung, hoher Zorn, wie (iT^vieg^ 
d'ccvatoiy östitva und ähnl. — ev^srat Musgrave statt des irrthümlich 
wiederholten iq^ercci : Aesch. Ag. 1314 rlg Sv av^atto' ßQorog av aai- 
vec'öaliiovc q>vvai xctS c^xovcov;' Die Einführung des sonst nicht vor- 
kommenden gen. pl. von %vyi,og ist gewagt. Vielleicht aber ist sie 
durch die Nothwendigkeit, den Begriff heftigen Unwillens anzubrin- 
gen, entschuldigt? Uns scheint der Chor nichts von dem sagen zu 
wollen, was ihm Sehn, und Andere beigelegt haben, sondern den 
Gedanken auszusprechen, der im folgenden Satz d ya^ — yp^ziuv 
eine Parallele erhält: wenn solches ungestraft hingeht, ist die Ver- 
suchung der Begierde, weil die göttliche Züchtigung ausbleibt, zu 
gross. In diesem Sinn ist es ganz passend von Geschossen der Lust 
zu sprechen, welche jeder von der eignen Seele abwehren müsse; 
durchaus anderer Art sind die Kccgölag to^6V[iccr(Xf welche von dem 
Gegner auf uns gerichtet werden. Man sieht, dass es, wenn diese Auf- 
fassung richtig ist, genügt &v(iov zu corrigiren. Eine ganz ähnliche 
Verbindung der Sittenreinheit und Frömmigkeit, deren Erhaltung da^ 
von abhängig gemacht wird, dass die Götter das Unrecht strafen, 
finden wir El. 249. Für Musgraves «vgfrat, welches mit dem Prae- 
sens c[(Avv£iv schlecht harmonirt (daher die Aeschylische Stelle nichts 
beweist) schreibe man öi^erat und hebe die asyndetische Fassung des 
Satzes durch Einschieben von dh nach tlg. Zu 1197 theilt Sehn, die 
in den Acta Sem. phil. Heidelb. 96 von Ebner und Ref. vorgetragene 
Ansicht, dass Oedipus nicht erst apostrophirt und dann sogleich von 
ihm in der dritten Person gesprochen werden könne, vielmehr avi- 
Cxccg und xaXet geschrieben werden mdsse. Man Hess sich durch eine 
metrische Schwierigkeit bewegen, in der ganzen Antistrophe die 
dritte Person einzuführen, nämlich durch den spondeischen Schluss 
des Glyconeus mit iKQccrriGag tov. Diesen hat jetzt Schneidewin be- 
seitigt , indem er iKQcltsig TtQOtov in den Text setzte ; das Imperfect, 
glaubt er, vergegenwärtige lebendig die vom Chor erlebten Begeben- 
heiten, neben dem Aor. wie 1202 nalst^ weil Oedipus noch König 
sei. Ref. kann jedoch nicht zugeben , dass auf diese Weise die mo- 
mentane Besitznahme des evöccl^onv okßog zu bezeichnen möglich war ; 
überdies ist tt^otoi; ein etwas prosaischer Zusatz, und wenn etwas 
corrigirt werden soll , würden wir noch lieber ig %avx oder ^^-jtag 
lesen, halten aber für wahrscheinlicher, dass Sophokles sich auch 
hier, wie an zwei Stellen im Philoktet (176. 1151) die Vertretung des 
lambus durch den Spondeus erlaubte. Weiterhin, 1212, scheint 
AcCCaysvig tinvov eine zu starke Aenderung der Vulgata Aatuov ti%- 
vov zu sein, leichter wäre durch ein vor t^xvov ' eia^<QX«^c&j^<«» ^ ^u^ 

iV. Jahrb. f. PMl. u. Paed. Bd. LXV. Hft, \. '^ 



18 Griechische Liilcratar. 

helfen. Ein unmetrischer Vers ist 1350 stehn gebiiehen. Das Schema 

davon , p. 157 ^Cl^C^-l^C^ ^ Zi^L stimmt damit gar nicht 
überein, es ist übrigens auch sonderbar genug ausgefallen, da der 
strophische Vers (1330) sich auf den ersten Blick als dochmius dime- 
ter zu erkennen gibt. Vergleicht man mit diesem nun die Worte 
vonccöog htiitodlaq Skvi fi ano re q>6voVf so ergibt sich sogleich in 
iitmoölctg der Ueberschuss einer mora; auch abgesehn vom Vers ist 
dies Epitheton neben 'jtidag verdächtig. Das ?Ai;€, vi^ofür die meisten 
Handschriften ikvcs geben, istSchn.'^s Aenderung, die er aber weder 
durch , seine eigne Emendation iüQoreig (1192) noch durch iSixov 1391 
stützen kann. Einzig richtig ist was La. hat SXaßi fi , worüber sich 
Schneidewin folgendermassen auslässt : * die Quellen Hvöi ft , IkvCev, 
ausser Laur. A pr. eXcißi fi', das man des Metrums halber aufgenom- 
men hat. Allein cctco (so wäre aus dem zweiten Gliede zu ergänzen, 
wie 734) Ttidag (ovror, Ivd-ivra) ekccße, tne solutum vinculis secum 
asportamt^ würde die Hauptsache , das Entfesseln, als Nebensache be- 
handeln : ausserdem ist der Gedanke der Rettung in ?qvxo xavidoiaev 
kräftig ausgedrückt. Daher scheint ekaße Schreibfehler, zumal es 
nach dem Schol. oöt tg ano rijg TtiSrjg rijg äiavefiofiivrig tovg TCodag 
(lov h'kaße Kai öi,i(S<p<si [le Glosse von e^o zu sein scheint. Folglich 
ist — elvi fi zu schreiben, schon wegen 1034 Xvon c k'^ovra dioTO- 
Qovg Ttoäotv a%yLag.^ Diese Folgerung ist aber übereilt. Man erin- 
nere sich, wie oft vorher im Drama die Rede davon gewesen ist, dass 
der Korinther den kleinen Oedipus von jemand erhalten habe (1039. 
1142. 1156). Darauf geht ^laße^ was Sehn, falsch mWniäag verbindet, 
um es als irrthümliche Lesart los zu werden. Glossem ist, glauben 
wir , ein Wort , das noch nicht verdächtigt worden, aber durch die ab- 
weichende Form des Dochmius von 1329 einiges Bedenken erregt, 
ayqlag. Es sollte das in der vom Scboliasten erkannten Bedeutung 
seltene voiiaöog verdeutlichen ; htntoöLag aber kann kaum etwas an- 
deres sein als Corruptel für vno niöag^ wodurch dasselbe Wort im 
vorhergehenden Vers wegfiele , der Dochmius aber im zweiten eine 
1330 ganz entsprechende Gestalt erhielte. Die in 1349 entstandene 
Lücke muss nun ein Verbum ausfüllen, das dem vofiaöog vtco niöag 
sich sinn- und sprachgemäss verbände, etwa igjd'aQfiivov. Da ava- 
aci(^<a bei Sophokles, soweit wir uns erinnern, nicht vorkömmt, wird 
das (iB nach akaßev eine geeignetere Stelle vor hcoösvy welches so 
auch besser mit dem einfachen igvxo stimmt, finden. Demnach schla- 
gen wir vor zu schreiben: oloid^ oarig lyv, og itp^aQ^ivov vo^ddog 
VTto Ttidag eXaßsv a%d re g)6vov i^o xdfi liSqxSev. In 1360 endlich 
wird man lieber Elmsleys ad'sog beibehalten als Schneidewin'^s Vor- 
schlag aXt^ZQog aufnehmen, da einem mit dem a privativum anhebenden 
Worte ein gleiches zu entsprechen pflegt. 

Neuer Zusatz in diesem und dem folgenden Bändchen ist die am 
Schluss hinzugefügte Analyse der Metra, an der wir ausser dem 
schon Bemerkten keine Ausstellung zu machen wissen , als dass daf 



Schneidewin : Sophokles. Zweites u. drittes Bandchen. 19 

Schema der Verse 173 sqq. nicht mit der richtigen Andeutung in der 
Note zu 173 übereinstimmt. 

Viel Treffliches enthält die Einleitung zum Oedipus aufKolo- 
n o s , nur hat Sehn, die unsres Erachtens nicht gegründete Vorstellung 
vom Hasse der Götter, welcher den Oedipus verfolge, auch auf die- 
ses Drama angewandt, und ein gewagter Ausspruch eröffnet die Ab- 
handlung: moralische wie poetische Gerechtigkeit habe Sophokles ge- 
trieben, den Oedipus auf Kolonos als Ergänzung des Oedipus Tyran- 
nos zu dichten. Da nun Sehn., man sieht nicht recht warum, die 
Abfassung des ersten Drama sehr früh ansetzt — Einleitung zu Oed. 
Tyr. p.28: *es liegt der Ol. 84, 3 gegebenen Antigone wahrscheinlich 
noch voraus, was obenein Rückbeziehungen in diesem Drama zu be- 
stätigen scheinen ' — so müsste , da Oedipus auf Kol. in die letzten 
Jahre des Tragikers fällt, der drückende Gedanke, er sei dem ge- 
mishandelten Helden eine Satisfaction schuldig, sehr lange auf ihm 
gelastet haben. Uebrigens steht diese Ansicht nicht recht im Einklang 
mit dem p. 1 aufgestellten Satze , dass die Götter durch Leiden den 
Menschen zur Einsicht führen und Barmherzigkeit üben, wenn der 
Mensch durch edle Ergebung ihren Willen ehre. Leiden aber, welche 
zur Besserung über die Menschen verhängt werden , sind keine Ver- 
folgungen. Daher auch p. 2 in den Worten, welche die Idee des 
Dramas umfassen sollen , der Ausdruck nicht ganz passend gewählt zu 
sein scheint: ^die gerechte Vergeltung' heisst es *der nun abge- 
büssten und schweren Leiden des edlen Dulders durch einen erwünsch- 
ten Tod', aber Leiden werden ja weder abgebüsst noch vergolten. 
Was den Mythus betrifft, so sollen diesen als * hieratische Sage' in 
Verbindung mit dem Cult der chthonischen Götter nach Zerstörung 
der Stadt durch die Epigonen die Kadmeier nach Attika getragen ha- 
ben. Sollte sie so früh schon ausgebildet worden sein? In die dich- 
terische Behandlung derselben hat Sehn, tiefe Blicke geworfen. 
Er macht darauf aufmerksam, dass das Orakel, von welchem Oedipus 
90 sqq. spricht, mit dem früher ertheilten (Oed. T. 790 sq.) identisch 
sei , aber dort nicht vollständig mitgetheilt werden konnte , ohne der 
dramatischen Wirkung Abbruch zu thun, dass ferner Apollo durch 
sein den Thebanern gegebenes Orakel diese belehrt, die spät er- 
folgte Verbannung des Oedipus sei, nachdem sie sein Gebot nicht un- 
mittelbar nach der Entdeckung vollzogen hatten, ein eigenmächtiger 
Schritt gewesen, indem er sie jetzt nöthigt, sich um den mishandel- 
ten zu bemühn, so dass nun eine völlige Umkehrung eintritt. Be- 
sonderes Gewicht legt Sehn, auf den Contrast der beiden ersten 
Reden, mit welchen Oedipus beide Tragoedien eröffnet, und weist die 
Steigerung des zweiten Dramas in Oedipus Zusammentreffen mit dem 
Fremden, dem Chor, dem Theseus, so wie darin nach, dass Oedipus 
sich bei dem Chor mehr im allgemeinen rechtfertigt, vollständiger 
aber gegen Kreon (p. 18) ; denn derselbe , der eben noch ihn gebeten 
hatte, seine Greuel vor der Welt zu verbergen, weil er glaubte ihn 
durch erheucheltes Wohlwollen zu gewinnen, zieht in dei: V^\V^^v^- 



20 Griechische LitteraturT 

gung seines Verfahrens vor Theseus schamlos jede Hülle von Oedi- 
pus Thaten weg und veranlasst ihn auf diese Weise , sich ausführlich 
über seine Schicksale auszusprechen. Ferner wird aufgedeckt, wie 
Kreon durchaus es vermeide , den Eteokles '*') , welcher zunächst bei 
Oedipus Fortfuhrung ans Attika betheiligt war , in Gegenwart dessel- 
ben zu nennen und dafür den Auftrag von ganz Theben unterschiebe ; 
desgleichen wie er mittelst der Behauptung, den Athenern müsse der 
Aufenthalt des Oedipus bei ihnen unwillkommen sein, schlau das den 
Thebanern von Oed. auswärtiger Niederlassung geweissagte Unheil 
ignorirt. Sehr wohl ist hinsichtlich des Polyneikes bemerkt, dass Oe- 
dipus, hätte er dem bedrängten Sohn vergeben und sich auf seine 
Seite gestellt, nur dessen Rachsucht behilflich gewesen wäre, da die 
erklärte Absicht, gegen den Bruder Alles aufs Spiel zu setzen, die 
Ruchlosigkeit des dem Vater nur im Drang der Noth nahenden Soh- 
nes offenbare. 

Auch im einzelnen ist vieles zum erstenmal hier hervorgehoben, 
was zu innerlicherer Auffassung des Dramas gehört, wie, dass 89 Oe- 
dipus mit dem Ausdruck des Orakels (Ssiivcov einen weitern und nnr 
bestimmten Begriff verband , welcher sich ihm in seiner wahren und 
concreten Bedeutung erst da erschliesst, wo er bei den Eumeniden 
eine Zuflucht gefunden hat, bei den nüchternen, vi^(pmv aolvoigj wie 
der Dichter (100) mit sinnvoller Vergleichung sagt; dass 392 sqq. die 
Worte der Ismene ganz orakelartig lauten, wo sie im Gespräch mit 
ihrem Vater diesem den Inhalt von Apollos neuestem Spruch mittheilt ; 
dass der zwischen 72 und 587 scheinbar obwaltende Widerspruch durch 
die jetzt erst nach Ismenes Meldungen mögliche Einsicht in die Ab- 
sichten der Thebaner aufgehoben wird; dass 646 Oedipus anderes im 
Sinne hat, als Theseus vorsteht, denn dieser glaubt demnächst gegen 
Oedipus Verfolger einem glücklichen Kampfe sich unterziehn zu 
müssen, während Oedipus von einem in später Zukunft erfolgenden 
Sieg Athens über Theben spricht, nächstens aber arges zu leiden be- 
fürchtet, wenn Theseus sich entferne; dass 931 Theseus unbewusst 
Kreons Vorwurf, den dieser 804 dem Oedipus machte, auf ihn selbst 
anwendet und dieser 855 dem Oedipus vorwirft, was er nachher 957 
zu seiner eignen Entschuldigung benutzen muss. Richtig ist zu 1076 
(gegen Wunder) behauptet, dass daselbst nur Antigone bezeichnet zu 
werden brauchte, welche vor den Augen des Chors fortgerissen wor- 
den war, während Ismenes Entführung der Chor bloss durch Kreons 
Geständniss erfuhr. In der Scene des Polyneikes weist die Note dar- 
auf hin , wie schonend jenen die Schwester bei Oedipus einführt, dann 
zu 1301 , wie Polyneikes mit sichtbarem Behagen seine mächtige Bun- 
desgenossenschaft schildert. Er kömmt noch einmal (1310) darauf zu- 
rück, wo er eigentlich nur Bitten an den Vater richten wollte. Aber 



*) Dieser, meint Schneidewin p. 16, sei bei Aeschylus 'ein dem So- 
phokleischen Oedipus Tyr. sehr ähnlicher Charakter.' Das mochte ihm 
doch schwer fallen nachzuweisen. 



Schneidewifl : Sophokles. Zweites u. drittes Bändchen. 21 

Oedipos hält der von dem ungerathenen Sohne angerufenen Alö(6g 
die ÄlitTi entgegen , welche nicht weniger als jene naQeÖQog des höch> 
sten Gottes sei, und gibt ihm zu bedenken, dass er vergesse, wie 
er selbst des Vaters unglückliches Umherirren verschuldet habe, wenn 
er , um sein Mitleid rege zu machen , die eigne Lage der des Vaters 
vergleiche. Von dem Solin ins Elend gestossen zu sein war mehr, 
als einem Menschen mit Gleichmuth zu ertragen zugemuthet werden 
durfte ; darauf gebt die von Theseus an Oedipus gerichtete Frage (598) : 
. r/ yccQ xo /xetf ov ij xar avd'Qomov voöeig ; 

Sorgfältige Berücksichtigung des den Tragikern und insbeson- 
dere dem Sophokles eigenthümlichen Stils hat auch hier manche un- 
nütze Correctur abgewendet. Den Charakter der Situationen weiss 
Sophokles , je nachdem sie ruhiger oder bewegter sind , vortrefQich 
durch den regelmässigen oder ungeordneten , ja verwirrten Gang der 
Rede zu zeichnen, daher wer bloss nach den Gesetzen strenger Logik den 
Ausdruck prüfen will , Gefahr läuft das Schönste zu zerstören. Der 
Art ist z. B. Dindorfs gewaltsame Aenderung reif ovv ^vvulg^ wel- 
che Wunder etwas voreilig in den Text gebracht hat, für ßQOtmvy ^vv 
otg. Denn ^ifv olg verbindet sich mit dem freilich etwas fernstehenden 
^ov, dazwischen ist aber, um der Ermahnung des Oedipus mehr 
Nachdruck zu geben, die negative Antithese fitj nahmxe xrl. ge- 
schoben. Vergebens hält Wunder 453 Cwvoav ts ra| iftov TtaXaC- 
ffccra für corrupt, das Hyperbaton gesetzt statt c, t. i^ ifiov xct %. ist 
durch ähnliche Stellen gesichert. Demselben misfiel auch %atiiSXBt- 
'ipccg 467, und er zog die Lesart Kctxäöxeijjov vor (aperta emendatio ali- 
cuius grammatici nach G. Hermanns treffendem Urtheil); jenes recht- 
fertigt Schneidewin, indem er erinnert, wie die abergläubische Scheu 
des Chors durch das kühne Betreten des Eumenidenhains tief verletzt 
war. Richtig ist 230 a>v hergestellt, wo Wunder av schrieb, und 
wohl bemerkt, dass x6 xCvhv Accusativ sei; nur war es nicht nöthig, 
den Genitiv von dem im Sinne von xiveod'at gefassten xlveiv abhängen 
zu lassen, da xIvbiv == ajtoÖLÖovcci ist und als Substantiv gefasst 
mit jenem Casus unbedenklich verbunden werden kann. 

Wo die Erklärung nicht ausreicht, hat Sehn, mehreremal mit 
gutem Erfolg zur Emendation gegriffen. Hierzu rechnen wir 204, wo 
Reisig die Wiederholung derselben Frage in xlg ^<pvg ßqoxmv and 
xig noXvTCovog SyBi nicht glücklich mittelst der Lesung xL il o noXv- 
Ttovog ayti zu vermeiden suchte. Man muss mit Sehn, xov S(pvg 
schreiben, so dass der Chor erst nach dem Namen von Oedipus 
Vater, dann nach dessen eignem sich erkundigt. Merkwürdig, dass 
Wunder glauben konnte, xCg igyvg sei so viel als xlg 6e Sgnxse. Weiter- 
hin , 227, entspricht Kcctcc&rjöet besser als naxa^rjaeig dem usus. Sehr 
einfach und gut ist 458 geholfen, wo Hermann (Svv jtQOiSxaxatg aefivcctatj 
Lobeck övv 7tqo(Sxa<Svv öB^vaidt und Dindorf ^ilrfi^ ofiov ^QfxSxaxusi 
xatg a£(AVcct(St unnöthigerweise schrieben, indem jeder von ihnen über- 
sah, dass La. nicht övv xatöi tcrrg, sondern TtQog xatöt xatg hat und 
das öirv nur zur Erklärung des in dieser Bedeutung seltnetea ic^<^ 



22 Griechische Litteratar. 

darübergeschrieben ist. Es bedarf nun keiner weitern Correctur als 
ratööe fürtatfSt. Wo dem Oedipus die bei dem Trankopfer zu beobach- 
tenden Ceremonien angegeben werden, ist die Vorschrift, dreimal 
Krüge mit Quellwasser auszugiessen , den dritten Krug aber durchaus 
mit Wasser und Honig, sehr ungereimt, denn das olov schliesst den 
Gedanken an Unvermischtheit ein. Vortrefflich dagegen erscheint 
Schneidewin^s nur in der Note vorgebrachte Emendation Susaotg ye ti^- 
yag* rov tskevratov ^ iXav — . Die beiden ersten Ausgüsse sind 
nicht Wasser und Honig, sondern einfach Wasser, wenn die Beleh- 
rung in 481 Sipn haben soll. Nicht zu bezweifeln ist wohl auch die 
Richtigkeit von 500 iv ra%ei reo statt iv tccxbi ti, von 861 tovr avto 
vvv TteTCQci^stat für mg rovto v. TT., wie die Vulgata nach Triklinius 
hat , besonders noch 1231 , hier ist tlg nkdyxd'ri jtoXvfiox^og Igen ei- 
gentlich gar nicht zu verstehn und der Gegensatz tlg ov xa^unanf 
EVI verlangt den durch Schnei dewin^s Emendation tlg %, noxe (A6%d^ 
^ce> gebotenen Gedanken. Sehr scharfsintaig wird 1595 für Soqi,x£ov 
vorgesmagen TQinoQwpov zu schreiben , wobei Schneidewin auf die 
vom Scholiasten zu Vs. 57 geretteten Verse verweist, in denen ein 
kC^og XQixaQccvog vorkömmt '*') ; nur bleibt die Sache problematisch, da 
wir von den übrigen hier angegebenen Localitäten auch nichts weite- 
res wissen und eine Relation von Thorikos zu Kolonos nicht durchaus un- 
denkbar ist. Für die Verwerfung von y^ t^^ (^5)» welches Döderlein 
de brachylogia p. 6 zu vertheidigen sucht, wird richtig bemerkt, dass es 
sich nicht um einen Sitz im Lande überhaupt handle; die Verbesse- 
rung ix rrfi^ mit Bezug auf 36 scheint keinem Zweifel zu unterliegen. 
Allerdings ist auch einigemal zu rasch das Bestehende ver- 
worfen, wie ebenfalls 45 cStfre mit mg zu vertauschen unnöthig war, 
denn nehmen die Erinyen den Oedipus freundlich auf, so geschieht 
das im Einklang mit Apollos Willen. . Desgleichen ist 61 die Ver-^ 
muthung ^vvovüCa leci entbehrlich; zu koyotg hat man nur mit Bezie- 
hung auf ^wovalcc nliov einen restrictiven Ausdruck hinzuzudenken : 
nicht sowohl durch die (dichterische) Sage, aber mehr durch münd- 
liche Fortpflanzung an Ort und Stelle. Für 113 wird die Parallele mit 
Eur. Hec. 812 ausreichen , um der Bestreitung des <S%i]iia xa^ oXov 
xal (liQog^ weil bei dem Wegführen der Gebrauch der Füsse sich von 
selbst verstehe, zu begegnen. Was Sehn, an die Stelle bringen 
will, nsQcc für Ttoöa^ verbindet sich schlecht mit xQvilmv. Als sehr 
sicher (vergl. die Note zu 891) betrachtet er seine Correctur gHntvifv 
yccQ 0Qd> für gjmvrj y. o. (138) , aber Oedipus will nur andeuten , dass 
das Gehör ihm das Gesicht ersetze, er bedient sich einer Metonymie, 
denn qxavfj steht für cexofj^ mit dem Ohr bemisst er die Entfernungen. 
In 148 hat zwar La. das hier gebilligte und aufgenommene aS^/xov, was 
schon Andern gefiel , die iicl öfiix^ig mit propter parvas res über- 
setzten ; diese Erklärung vereinigt sich jedoch nicht mit (liyag , wel- 
ches der Chor bloss von körperlicher Grösse verstehn kann, denn ihm 

*) Vgl. Schneidewin im Philologas V. S. 240. 384. Die Red, 



Schneidewin: Sophokles. Zweites u. drittes Bändchen. 23 

ist noch unbekannt , wer der Fremde ist und ob bedeutend oder nicht. 
Gegen ihn erscheint Antigone klein. Wir sehen in Sq^iow nur irrige 
Uebertragung der ältesten Schrift und halten ä^fiow allein einer na- 
türlichen Erklärung fähig: Oedipus, die hohe Heldengestalt, würde 
sich nicht auf Kleines stützen , nicht abhängig sein von der Hand sei- 
ner jungen Tochter, wäre er. ein evdcir/ficov. Die Bedeutung von 6^- 
fiav =^ !(f7tHv^ welche voraussetzend Schneidewin die Version gibt: 
^ich starker Mann würde nicht auf schwachem Stabe meines Weges 
ziehen', ist erst noch zu erweisen. An der Stelle des * seltsamen 
ccTta^ keyofuvov' 7Ccefi(io(f (165) sähe Sehn, lieber das Homerische 
xaii(iOQ\ und doch ist jenes kräftiger und bedeutender. In 278 hätte 
er besser die Triklinische Lesart (lotQav Ttoutöd's^ welche Schäfer und 
Hermann hinreichend vertheidigt haben , beibehalten , als (ao^q^ ^(iTtoi- 
«rcrO'e geschrieben, wofür wenigstens Oed. T. 175 SXlov ^ Sv äXXip 
7t^l6(Hg nichts beweisen kann ; in 339 muss Svaa&ktai oder vielmehr 
övöad'Xioi bleiben, öufdd'Xuci verwirft Sehn, mit Recht wegen des 
folgenden TQCzrig,, aber eben dies Wort mnsste ihn auch abhalten, 
t^iaa&Xwi vorzuschlagen. In der ersten Parodos misfällt ihm cr%e/- 
qanov^ weil es dem Gedanken von 702 unpassend vorgreife. Aber ab- 
gesehn von der zweifelhaften Formation des dafür proponirten a%e/- 
^fftov^ was am Ende nur eine Erklärung des dabeistehenden avtinoiov 
wäre , mfisste dann auch 711 getadelt werden , wo die später folgende 
Entwicklung ebenfalls summarisch angekündigt ist Zu '854 lautet 
die Note: ^ die gewöhnliche Lesart ßC^ q>CX(ov müsste auf Oed. Be- 
nehmen bei der Enthüllung seiner Herkunft, zumal auf die Blendung 
gehen , worauf namentlich OQyi^ ^ ri (f asl kv(iccCvetat deutet. Da aber 
nirgend die q>Ckot dem Oedipus in jener Zeit zureden , sondern er im 
^dXafwg allein sich blendet , so scheint q>lXmv unerklärlich. Ich habe 
daheiw^/tf tpQevmv geschrieben, vgl. 659. 805.' Hier übersieht Sehn., dass 
ßl^ q>lXmf mit 0{fy^ %iqtv Sovq verbunden werden muss : hätte Oed. ge- 
gen Kreon (denn der ist vorzüglich unter 9/A0& zu verstehn) freundlicher 
und milder sich benommen, so würde er nach Entdeckung seiner Abkunft 
nicht mitsolcherHeftigkeitgegensichgewüthet haben. Aber die Beschä- 
mung im Gefühl des gegen ihn begangenen Unrechts steigerte seine Lei- 
denschaft. Die zur Bestätigung von ßla g>Q8vmv aus Aesch. Choeph. 76 an- 
gezogene Stelle ist übrigens unbrauchbar, da dort ßlcf g>8Qoiiiv(xyv 
gelesen wird. Zu streng scheint die Verwerfung von Xiyoov in 939. 
wofür vifuov an den Platz gebracht worden ist; denn wer etwas 
denkt, kann es auch aussprechen, diese Vertauschung beider Begriffe 
darf keinem Leser Homers auffallen. Wenn 1024 Theseus einen So- 
loecismus begienge, wollte er sagen ovg ov firi ywve — qyvyovxeg — 
l3rev%oi^ff£, werden wir lieber fi^ stehn lassen und, wie schon von 
Andern geschehn ist, inev^ayinai schreiben, als mit Sehn, ov dti 
itorcB^ was für den Augenblick, in welchem es ausgesprochen werden 
soll, unpassend wäre. Seltsam sind die zu 1522 geäusserten Beden- 
ken: ^ unter tovvov den x&qog ov yfyv d'aveiv zu verstehn geht 
nicht an , da vielmehr Oedipus Ruhestätte nicht verralhen wecd&vv 



24 Griechische LiUeratur. 

sollte. Da es eben so unstatthaft ist zu ravrov den Begriff vinvg, aus 
ov (le x^ ^dcvBiv zu entnehmen , wie roikov im Sinne von ifAi zu fas- 
sen, so zweifle ich nicht, dass Soph. TV(ißov de geschrieben hat, vgl. 
1540 — 45^, als wenn das Pronomen nicht eben so gut mit Beziehung 
auf x^Qov gesetzt, die Grabesstätte bedeuten könnte. In 1573 wird 
nicht jedermann mit Schneidewin das auf g)a(Sl folgende Xoyog s%h 
^ sehr befremdlich' finden; die durch seinen Vorschlag TCaQ *At6a 
ka%og aiev l%£(v entstehende Häufung der Infinitive wäre wohl eine 
noch grössere Härte. 

Ein Verkennen der poetischen Metonymie , welche sich mehr er- 
lauben darf als die prosaische, verräth sich in der Correctur von 658, 
über deren Sicherheit Schneid, sich starke Illusionen macht: dort 
sagt Theseus Jtolkal d* aTteilal nollcc 6ii (larrjv Mtcvi dv(im wurrpcsl" 
Ivfiav , wo die Drohungen in derselben Weise drohen , wie 267 die 
l^a als ÖBd^cc^OTcc aufgeführt werden. Die richtige Auffassung, wel- 
che an der frühem Stelle Sehn, vorträgt, hat er zu 658 ausser 
Acht gelassen, wenn er behauptet: ^es streitet gegen den Geschmack 
des Sophokles, den aitaikal ein nccxcateiXetv vieler IVci;, einen ^^g 
und vovg und schliesslich ein Abhandenkommen der von den aTtatkcil 
xaraTCStlfj^ivta ajtsiXiqiicna beizulegen.' Die ccTCBtXal scheinen ihm 
von den Abschreibern aus 656. 59. 60 geholt, nachdem Jtollotg we> 
gen der Aehnlichkeit der Schriftzüge ausgefallen sei , er glaubt sie 
mit vollem Recht verbannt und eine dem Sarkasmus besonders zusa- 
gende Parechese (jtoXXoi 6i noXkoig nolla) hergestellt zu haben, denn 
Sophokles lege dem Theseus diese ironischen Worte nicht ohne Be- 
zug auf seine Zeit in den Mund. Schliesslich weist er die Zusammen- 
stellung selbst dreier Casus desselben Wortes nach, wie aus Gorgias 
100 ed. Rsk. jtoXka TtoXXotg tcoXXwv Sgcata iQycc^etai, Der Autor aber, 
aus dem wir Sehn, widerlegen können, ist kein anderer als er 
selbst: er spricht in der Einleitung zum Oed. Col. p. 10 von einer 
Rede, die mit Salbung dem Chor zum Herzen redet! Darf sich der- 
gleichen die Prosa erlauben , warum nicht in viel höherem Grade die 
Poesie? Der d^fiog und vovg wird natürlich nicht den aitBi^Xal^ son- 
dern dem Drohenden beigelegt. 

Mitunter haben die Verbesserungen Anderer nicht die Billigung 
gefunden , welche sie verdienten. Nach unserm Gefühl musste z. B. 
159 öa iTtsiKuacci den Vorzug vor toy htemitSai erhalten. Die Hand- 
schriften geben (locKQalav t ^d^ «og, was durch ein ausgeschriebenes 
t£ (welches Wort auch nicht aufzugeben) und ein misverstandenes 
unciales o (Correctur von g>) entstanden sein könnte. Das od ijt, 
geht auf aXaav 6(inat(ov rjtSd'a g>vraX(iu>g zurück , und dvdaCfov fioc- 
XQaCov ist nicht, wie Schneid, glaubt, ein allgemeiner Satz (wel- 
chem er Toy ijt. anschliesst), sondern auf Oedipus allein zu beziehn. 
In 367 TtQLv (i8v yccQ cdrotg f^v igig Kqiovxl te d'Qovovg ici(S^ai xrA. 
deutet Sehn, in Hinblick auf Hesiod Op. 1 und Aesch. Eum. 962 
BQig auf edlen Wetteifer im Gegensatz des schlimmen, abei^ von einem 
Wetteifer im Resigniren wird mansich keine klare Vorstellung machen 



Schneidewin: Sophokles. Zweites und drittes Bändchen. 25 



können '*') , eben so wenig von einem Ijpog, dem Verlangen nach Re> 
signation. Einzig richtig ist Bergks i^Qetssv (vergl. Ei. 409 rooi rovr 
flQ6<sev), Näher als die von Früheren vorgeschlagenen Aenderungen 
vetOQOv^ veaXovg^ vsoyvijg lag 475 Bergks vacdqag^ was Schneidewin 
ebenfalls unberücksichtigt gelassen hat; übrigens durfte auch Her- 
manns ye vBaqäg zu beachten sein. Was 616 bisher nach Gonjectur 
gelesen wurde xaiUog xa ^Qog <si^ ist gewiss ungezwungener als 
Schn.'^s ra X^ara tc, tf., wenn ihm auch xaAco^ svrjfieQSi misfällt. 
Dasselbe gilt von Hermanns ^xo 'für rifimv 1021 ; viel schwerfälliger 
ist, wie Sehn, lesen will, rci TCatd^ odtjymv^ wodurch der Begriff 
des naraQXSLV rijg odov (vergl. 1019) nach seiner Meinung mit Nach- 
druck wiederholt würde. In 1098 wird man sich nicht lange besin- 
nen mit Bergk TtQOdTtcolovfiivag zu setzen und sehr bezweifeln, dass 
TtQOiSTtolovfiivag heisse ^ von nQoöTColoL den oncioveg des Theseus treu 
behütet.' Zwei Correcturen liegen (1190) für das corrupte xct tav 
iMcnUsxfßv övöoeßeöxazGiv ^ tzccxsq vor: die von Dawes, welche 
Sehn, befolgt , xa xäv 7iaiU(Sx(ov dvdiSeßiaxax o TtaxBQ^ und die von 
Toup xct rcSv xaxttfra dvööeßecxaxtov ^ TtdxsQ. Letztere, welche zu- 
gleich weniger ändert, trägt als eigenthümliches Hyperbaton mehr 
den Charakter der Echtheit an sich , überdies wird logischer xcc xa- 
nusxcc xmv öviSG. gesagt, da xaKUSxa der allgemeine Begriff ist, wel- 
cher jede einzelne schlimme Qualität steigert. In 1^7 passt i^sikri^ 
xixeg besser zu dalfiov als i^6tkriq>6xEg ^ auch liegt es im Interesse 
des Polyneikes, mehr das blinde Schalten des Schicksals, das den 
Oedipus verfolge, als persönliches ihm widerfahrenes Unrecht her- 
vorzuheben. Eine starke -Corruption zeigt 1375 iQsT r^, wofür 
Sehn, lieber mit Döderlein iQeiiteig als mit Turnebus iqBLt\>eig schrieb, 
weil das Praesens zu dem prophetischen Ton des Oedipus sehr gut 
stimme. Dann müsste aber auch Ttlvcxsig folgen , und nicht TcetSst. In 
1584 durfte wohl Hermanns %€iv6v y idatsl ßUnov aufgenommen wer- 
den, da o ael ßUnog nur *das ewige Leben' heissenkann. Mit Recht 
aber ist Eldikes <S7tevdet dem sonst aufgenommenen ?^7tei (307) vor- 
gezogen , da es nicht nur dem handschriftlichen &iösi (welches Reisig 
vergebens zu halten suchte) näher kömmt, sondern auch die offen- 
bare Anspielung auf das dTtevÖB ßQccöioag bewahrt. Sonderbar , dass 
man gerade darum die Gonjectur verwarf, als sei es unter der Würde 
der Tragoedie, Sprichwörtliches anzubringen! 

Von einigen Versen nimmt Schneid, an, dass sie überflüssig 
seien , also dem Dichter nicht gehören. * Verdächtig klingt' ihm 926, 
^ zumal neben 927 sq.' Doch können beide ganz gut nebeneinander 
stehn; 927 drückt mehr einen Tadel von Kreons Verfahren als das 
aus, was Theseus in ähnlicher Lage gethan haben würde; 926 aber, 



'*') Wenn auch Schneidewin in der Einleitung p. 17 berichtet, die Bru- 
der hätten 'nach Sophokles Umdichtung nach der Verbannung des Vaters 
in dem verständigen Entschiasse gewetteifert, der Herrschaft ganz zu 
entsagen/ 



26 Griechische Litteratur. 

dass Kreon durch sein unwürdiges Treiben die gebührende Achtung ' 
vor dem Herrscher des Landes ausser Augen gesetzt habe. Zu 1142 
wird kurz bemerkt : ^ diesen Vers würde niemand vermissen.' Doch 
ist auch er nicht unnütz; Theseus meint, es befremde ihn nicht, dass 
Oedipus früher mit seinen Kindern als mit ihm spreche, da er nicht 
in Worten, nur in Thaten den Glanz seines Lebens suche. So bildet 
der Satz ßaQog — l%a den Uebergang zu dem folgenden Ausspruch. 
Warum 1308 — 1312 Einschiebsel der Schauspieler sein sollen, ist 
nicht zu begreifen, indem zwischen 1307 und 1313 keine Verbindung 
besteht. Oder ist 1308 Druckfehler statt 1305? Das würde allerdings 
keine Schwierigkeit machen und dadurch der etwas auffallende Satz 
6vv imcc ta^söt xrA. (1311 sq.) beseitigt werden ; vielleicht genügt es 
aber nur diese beiden Verse zu streichen. Mit gutem Grunde verthei- 
digt aber Sehn. 614 sq. gegen Nauck, der (Philol. 1849. S. 192) in die- 
sen Versen einen Euripideischen Charakter finden wollte; sie sind 
vielmehr die Pointe der Darstellung von der Veränderlichkeit alles 
Irdischen ; gerade daraus , dass verfeindete Freunde später sich wie- 
der liebgewinnen, geht das Schwankende menschlicher Verhältnisse 
am deutlichsten hervor. Noch ein bezweifelter Vers ist in dieser Tra- 
goedie übrig, 1436 : ^avivx\ htel ov (loi ^äwCy oiv^ig ci|£rov, welchen G. 
Hermann dadurch erhalten zu können glaubte, dass er den Ausfall 
eines andern vorausgehenden annahm, etwa des Inhaltes: t^% (le 
itqog (Sq>mv rijg utgoötiKOvörig xv%bIv^ den Schneidewin aber durch eine 
leichte Emendation von dem Vorwurf der Sinnlosigkeit befreit: ovx^ 
^mvn für ov fioi iwirsi^ sonst müsste ja tiem Lebenden ein Grab be- 
reitet werden können. Da indes der Schlusssatz ov yaq f* ht ßki- 
iwvx iao^sd^ av&ig im wesentlichen dasselbe ausspricht, und die 
ganze Stelle durch den Ausfall der sentimentalen Worte des Verses 
1436 runder und kräftiger wird , treten wir auf die Seite derer , die 
den Vers ohne weiteres tilgen. Gelegentlich sei erlaubt zu bemerken, 
dass in Bezug auf 1432 die ursprüngliche Lesart svodoiri (wofür Bur- 
gess und Andere et; Sidolri corrigirten , was auch Schneidewin aufge- 
nommen hat) als durchaus nothwendig erscheint, natürlich mit der 
Aenderung (ygxo, sodanii, dass xaÖB mit absichtlicher schonender Unbe- 
stimmtheit gesetzt ist, indem Polyneikes auch so verstanden wird, was 
diejenigen nicht fühlten, die 1436 hinzufügten. 

Schliesslich wollen wir einige Stellen berühren, die noch einer 
Verbesserung bedürftig scheinen. In der ersten Unterredung des The- 
seus mit Oedipus fragt jener, nachdem Oed. von Kämpfen gespro- 
chen hat, die des Herrschers von Athen warten: noxeqa tcc rmv Cmv 
inyovGiv rj^fiov UyBLg; (588). Von den Zerwürfnissen im Haus des 
Oedipus erfährt Theseus erst 601, hier kann er sich also nicht darauf 
beziehn. Diese Unmöglichkeit hat erst Schneidewin aufgedeckt'*'), dem 

'*') Reisig in seiner Enarratio p. LXXXIX lässt den Theseus gerade- 
zu fragen: *nuni liberorum tnorum causam agendam dicis an meam?^ 
uad H ermann spricht in der Note zn dem Verae ebenfalls von einem be- 
^^llbenden Kampfe mit den Söhnen des Oedipus. 



Schneidewin: Sophokles. Zweites a. drittes Bandchen. 27 

wir übrigens nicht beistimmen können, wenn er ivvoüv schreibt statt 
B%y6vmv\ denn so ist nicht deutlich, wer unter den ot Col verstanden 
werden müsse. Theseus schliesst natürlich aus den Worten des Oe> 
dipus auf einen Kampf mit Theben , der ihm bevorstehe. Daher Ref. 
iyysvcav vorschlagt. Ausserdem war es nicht vorsichtig Ka(iov in den 
Text zu bringen , denn die Disjunctivpartikel kann hier eben so gut 
stehen wie im Oed. T. 492 tl yciq ij Actßöaidöaig tj reo üolvßov vbC- 
xog insiro. Dem Theseus gibt Oedipus zur Autwort: xetvoi xo(jU^€tv 
%€t(i avayua^ovcl fi€, Aeusserst hart wird hier entweder ce oder 
toifg M%ovxag zu dem Hauptverbum supplirt, oder ^u zu im^I^blv^ oder 
wie Reisig und Sehn, wollen, ava7xa£'oi;0£ intransitiv genommen und 
KOfil^siv als Folge davon behandelt: ^jene gehn mit Zwangsmaass- 
regeln um, so dass sie mich dorthin schaffen.' Auch in der Einlei- 
tung p. 19 ist mit Beziehung auf diesen Vers die Rede von den The- 
banern , welche kommen würden , um die Heimführung des Oedipus 
zu erzwingen. Gegen einen solchen Zwang musste aber Theseus je- 
desfalls protestiren, er konnte nur den Rath dem Flüchtigen geben, 
freundlicher Einladung zur Heimkehr nicht zu widerstreben. Der Ge- 
danke der Nöthigung liegt der Situation fern und muss hier beseitigt 
werden , wenn die Erwiederung des Theseus im nächsten Verse irgend 
welchen Sinn haben soll. Gedanke wie sprachlicher Ausdruck wird 
natürlich und klar, wenn man für avayTca^ovai setzt ava^, XQV^^^^^' 
Auf letzteres Verbum kann sich dann in 690 ^ikowag (die Hand- 
schriften ^iXovx av) zurückbeziehn. Schneidewin schreibt aXX Sv 
Q'BkcvxQuv und fügt hinzu : ^die Handschriften fehlerhaft akÜ d &ikovv 
av y Qv6i dol tp, x. Die Vermuthungen Reisigs akÜ sl ^ikovtag y 
(nämlich eMlvovg üe xo^U^iv q>evy6ig^^ ovöi xrl. nnd Hermanns akk ü 
bikovxag y ovdh 0ol g>. x. (^uid autem st, cum te eolunt recipere^ 
ne tibi quidem decorum est exulem esse ?) sind unverständlich und 
schwerfällig. Meine Emendation beruht auf der Voraussetzung, dass 
eine Glosse ei d'ikouv av zum Theil in den Text gedrungen ist. Die Stel- 
lung des av wie Ant. 466 aki av — xoixoig av i]kyovv, Sinn : aber 
wenn die Thebaner bereit sind dich zurückzuholen , so ist^s auch dei- 
nerseits (ovdh wie 591) nicht schön , im Auslande zu bleiben.' Man 
versteht nur nicht, was das av hier soll, wo Oedipus bestimmt er- 
klärt hat, dass die Thebaner seine Rückkehr wünschen. In der Stelle 
der Antigone hat av denselben Platz wie hier, kann aber auch, 
was hier _ unmöglich ist, grammatisch gerechtfertigt werden., Eher 
werden wir mit Benutzung von El. 233 aki! ovv evvola y avöia %xk, 
corrigiren dürfen aki ovv d'ikovrdg y ovdh xtk. Wo Theseus dem 
Kreon gebietet, ihn zu der Stelle zu führen, an welcher er die Jung- 
frauen untergebracht hat, sagt er ihm unter anderem; »ovk akkov 
e^eig elg xa^ (1028). Hierin vermag man wohl nicht den Sinn zu ent- 
decken, welchen Sehn, hineinträgt: ^auch wirst du nicht einen An- 
dern als Beistand für diesen Zweck haben , d. h. verlässt du dich etwa 
auf versteckte Bewaffnete, ohne welche du sicher dich nicht erfrecht 
haben würdest , dein Beginnen auszuführen , so werden die dv^ vn&^ 



28 Griechische Litteratur. 

helfen, da auch ich nicht ohne meine nQoaitolot mich mit dir zur Stelle 
begeben werde.' Hat sich nämlich Kreon far solche Fälle vorge- 
sehn, dann stehn ihm ja wirklicji Andere zu Gebot, welche die 
Mädchen entweder schon in die Ferne entfuhrt haben oder noch in 
der Nähe bewachen , und Theseus vermuthet das auch in den Worten : 
©ff i^otdd (Se ov fffikov — ig to<Sriv^ vßqiv ^xovra. Als Pendant zu 
dem oif ^dov muss er also etwas entsprechendes von sich selbst an> 
kündigen : er sehe sich so gut vor , wie jener auf seine Sicherheit be- 
dacht gewesen sein möge , also etwa xov^' äorclog S^cd a. Sehn, 
gibt dem Kreon ein zu grosses Maass von Unbesonnenheit,- wenn er 
glaubt, das xovx alXov ^ weise wohl sarkastisch auf die aXloi des 
Theseus 1023, welche dem Kreon abgiengen.' Uebrigens scheint das 
e^eig so gebraucht kaum griechisch zu sein. Gegen den Polyneikes 
ruft Oedipus 1390 ro Tccqxocqov (Sxvyvov naxqmov iqeßog an. Hier ge- 
nügen die zwei bisher gangbaren Erklärungen nicht, denn bei Tea- 
xQaov an Laios zu denken fehlt jeder Anlass , und warum soll Ere- 
bos Kind des Tartaros heissen, oder, was naxq^ov eigentlich bedeu- 
ten müsste, das dem Tartaros vom Vater vererbte? Sehn, ver- 
muthet daher %iX(oqov oder aqtayov^ was dann noch metri causa die 
Aenderung axvyiov nach sich ziehn müsste. Ist aber 7til(Qqov auf 
eine unendliche Leere anwendbar? Die andere Conjectur befriedigt 
darum nicht, weil man eher ein Epitheton erwartet, welches den Ein- 
druck von (Sxvyvov verstärkte , wie öKOxetvov, Unerklärlich ist uns 
1534 ce£ 6h ficoQlai Jtoketg (für a[ öh [ivQlai 7t6k€i,g) , wie Schneidewin 
mit Fröhlich geschrieben hat, ohne eine Aufklärung über diese (iah- 
qIcci zu geben. Es scheint hier ein unverkennbarer Gegensatz von dem 
Wissen des einzelnen und dem vieler vorzuliegen , letzteres ist schon 
im coUectiven noXtg enthalten ; Oedipus würde dann die Ansicht aus- 
sprechen , dass eine Bürgerschaft die Sache leichter nehmen und eher 
gegen das heilige arcanum freveln werde , darum dürfe dieses immer 
nur Einer, das Haupt des Staates, bewahren. Ist dies Sophokles Ge- 
danke, so kann er geschrieben haben el de hvqCcc nolig — Ka^ßQt- . 
0SV. In Zusammenhang steht damit, wie schon yocQ beweist, der näch- 
ste Satz: d-sol yocQ ev ftiv, otph (f slöOQ^a\ oxav xa &sf ag>eCg xig dg 
xo (icclvsöd-ai, xQaTtrj^ von welchem Schneidewin die sonderbare Erklä- 
rung gibt: ^Oedipus scheint hiermit nicht sowohl auf seinen eignen 
Sturz als auf Laios und lokaste hinzudeuten.' An einen solchen Rück- 
blick ist hier nicht von ferne zu denken, Sophokles will vielmehr 
sagen, der Frevel greife darum leichter um sich, weil die Götter ihre 
Strafen spät eintreten Hessen. 

Am Schluss des ersten Kommos ergänzt Schneidewin nach ßQOxov 
den fehlenden Daktylus durch ovdiv Sv. Eher mag ovdafiov ausge- 
fallen sein. Im zweiten Kommos machten bisher die Worte fjvsyxov 
xaxoraT, w §ivot, ^vsyKOv axcov (ihv^ &€og töxcD^ xovxoav d' avd'oU- 
Q£xov ovdiv (521) besonders grosse Schwierigkeiten, wo sowohl 
«fxcov als der ganze zweite Vers dem Metrum der Strophe wider- 
spricht. Für rjvsyKOv cctkou hat Schneidewin Martins i^vsyyi aixcDV auf- 



Schneidewin: Sophokles. Zweites u. drittes Bändchen. 29 

genommen und will, um den Wechsel der Formen fjvsyoiov — iqvByna 
zu rechtfertigen, geltend machen, dass ähnliches bei dem Gebrauch 
der Anaphora sich hie und da finde , z. B. Find. Fyth. I, 26 ^). Aesch. 
Cho. 407. From. 197. Eur. Med. 1252. Man wird aber nicht leugnen 
können, dass die Kraft des Ausdrucks hier durch jenen Wechsel etwas 
verliere und daher eine Emendation, welche die Gleichförmigkeit 
rettet, den Vorzug haben müsse. Der Art wäre G. Hermanns frühe- 
rer Vorschlag avoyv (statt axcoi/), welcher indes die weiterhin sich 
erhebenden Anstösse nicht beseitigt, auch wenn man mit Hermann im 
folgenden Verse xövxoiv id'eXrj[cov ovSiv schreibt. Späterhin emendirte 
derselbe, aber auch nicht sinngemäss (wie Sehn, urtheilt), ixtav 
(lev ^. L rovtmv anXccxricog ovdiv. Aber selbst Schn.^s xovxcdv d' 
oTtccvalvoii ovöiv^ was er in der Note zu 523 empfiehlt: *dann wird 
die That ebenso nachdrucksvoll zugestanden, wie 547, um sie durch 
die Umstände desto überzeugender zu rechtfertigen. Die Bildung des 
Satzes wäre ganz analog der Stelle 0. R. 337 sq. Denn indem sich 
ay^oiv (liv gleich vorandrängt, als ob folgen sollte rjvBynov ^' Ofimg, 
aiiuli quidem certe , so lässt die Rede ofxoov (liv hinterdrein ganz aus 
den Augen und wiederholt kräftigst den Gedanken ijvsyxov xaxorcera 
in Form eines negativen Gegensatzes zu aixayif fiiv' passt weder zu 
dem vorhergehenden, da der Gedanke Mch habe es zwar ohne zu 
wollen angestiftet, leugne es aber nicht' keinen Gegensatz bildet, 
noch zu der folgenden Frage ccXJl ig r/, welche unserer Ansicht nach 
das Regulativ für die Emendation von 523 und somit auch von 521 
darbieten musste. Unmöglich, obwohl es bisher und auch von 
Sehn, geschehn, kann man anoßkinaiv suppliren, das ig xi weist 
nothwendig auf ein ig ovdiv zurück , und dieses muss von einem Far- 
ticipium, welches mit in&v sich verbindet und das Begehen der Ver- 
brechen ausdrückt, abhängen, etwa von iXticccg (vergl. Herod. 11, 
124). Darauf müsste regelrecht Oedipus fortfahren : ivÖBd'slg öh Kaxä 
siva^ aber die dazwischentretende Frage des Chors ixi ig xl gibt 
seinem Satz eine andere Wendung. Schneidewin^s Interpretation von 
r^veyxov^ welches er als reines Activum fasst: ich habe Unheil ge- 
stiftet (er vergleicht dazu II. ft, 332 n^og Tcvqyov töav KccKoxrfta tpi- 
qovxeg) dürfte wohl so wenig wie in 962 sich bewähren; an beiden 
Stellen muss es = Mitcc^ov sein; in der letztern beweisen wenig- 
stens die q>6vot und ya^ioi, nichts, da ^v^MpOQug beigefügt ist, worauf 
das Verbum zunächst geht; überdies hat er die yainoi, nicht ange- 
stiftet, ja nicht einmal die g)6voi>^ alles ist an ihn gebracht und er zur 
That getrieben worden, ohne zu wissen, an wem er sie begieng, fii^ 
öiv ^vuig (977) , was hier = ofxcov. 

In dem ersten Stasimon denkt Sehn, das Praedicat der Nach- 



'*') Dies d'avfidaiov ngoatdia^ai , d'cev(uc dh nal naQiovxmv ditov- 
aat unterliegt gegründeten Bedenken. In den übrigen Stellen scheint 
bei der Variation eine Steigerung oder sonst ein fififect beabsichtigt 
zu sein. 



so Griechische Litteratur. 

tigaU TOI/ olvwji ivt%ov(Sa kusöov (675) durch die Zasammenstellnng 
mit Ai. 212 lixog dovQtalanov öxiQ^ag avixei AXaq halten zu können. 
Es wäre aber mehr als Kühnheit, wenn ein in Bezug auf den Sing- 
TOgel ganz und gar fehlender nexus der Bedeutungen ^stützen' und 
Mieben' dem Verbum aufgenöthigt würde. Mehrere Handschriften 
geben eine andere Silbenverbindung olvdTtctv Sxovca^ woraus wie 
von selbst das allein mögliche olvamov i%ov0a hervorgeht. In 693 
wird Aphrodite vom Chor apostrophirt ovdh 0v %QVifccvtog ^Atp^dha; 
diese Anrede wird so zu sehr iv nciqodtp abgethan^ was in den von 
Schneidewin deshalb angezogenen Stellen 712. 1557. Oed. T. 159 nicht 
der Fall ist; bis auf weiteres wird man daher lieber bei Hermanns 
oidi iicfv stehn bleiben. Ueber die schwierige Stelle im zweiten 
Stasimon 1054 sqq. ist Sehn, gleicher Ansicht mit Hermann, wel- 
cher die Lesarten OQStßdrccv (Par. a) und iyQ€iia%av (La.) combinirt, 
also Brfiiu Kai ausstösst und iyqs^i%civ als Attribut zu jenem In- 
trachtet. Dass von Theseus hier keine Rede sein darf, ist nicht za 
bezweifeln ; dass aber der fehlende Choriambus durch die freilich un- 
metrische Variante von oqeißixav ausgefüllt werden könne , ist keine 
so ausgemachte Sache. Sollen etwa die Jungfrauen selbst in die 
Schlacht verwickelt werden und ist das ^ in ausreichenden Kampf ver- 
flechten' einerlei mit einem Befreien aus den Händen der Feinde? 
Der Accusativ tag diörolovg scheint vielmehr von leinem jetzt verlor- 
nen Verbum (uQvvfisvovf) regiert zu sein, ififit^ai aber reflexiv ge- 
fasst werden zu müssen. Durch avöcpöstv 1076 ist der richtige Sinn 
getroffen , ob aber das Wort nach Form und Bedeutung aus Sophokles 
selbst belegt werden kann, wagt Ref. im Augenblick nicht zu ent- 
scheiden; sicherer wäre gewiss inöciösiv^ vergl. unten 1123 0v yccq 
viv i^i(SG}6ag^ ferner 1367 und Aias 187. Ebenso befriedigt uns mehr 
dem Sinne als der Form nach wtiad'sv statt des offenbar corrupten 
IttcI (liv in 1454, wo htuxev eine leichtere Aenderung wäre, ist es 
anders erlaubt dem Tragiker eine Pindarische Flexion zu leihn (Find. 
Pyth. IV, 211). In dergleichen ist allerdings Vorsicht rathsam ; einen 
Aeolismus wie o^ofv/€if(1466) anzubringen, halten wir selbst nach Dindorfs 
Vorgang für zu gewagt, können aber auch auf Schneidewins Autorität 
hin ovQcnda nicht als richtige Lesart betrachten, er versichert näm- 
lich: ^ovQccvla ist, da es dem Sinne vortrefflich entspricht und nach 
dioßolog ganz natürlich klingt, trotz des Anapaesten im lyrischen Tri- 
meter beizubehalten : ux kann auch mit Synekphonesis einsilbig ge- 
lesen werden. * Weder das eine noch das andre wird man einem 
Künstler wie Sophokles zutrauen wollen , sondern lieber nach einem 
andern Wort sich umsehn: der Blitz, welcher aus hellem Himmel 
herabfahrend den Chor erschreckt, konnte alQ'qUt genannt werden. 
Wenn 1494 Sehn. yvaXtov zu lesen vorschlägt, darf im Dochmius 
nicht anqiov htl vorhergehn; liegt hier die Corruptel nicht tiefer, so 
könnte der Singular a%qov inl yviXov helfen. Dem Vers widerstrebt 
auch no0€tdcc(ovlco , hiess es vielleicht bvccUod ^ea üoiSsidcDvlGyl 

Ueber den letzten lyrischen Theil der Tragoedie , den Wechsel- 



Schneidewin: Sophokles. Zweites a. drittes Bändchen. 31 

gesang der Schwestern und des Chors sind noch in neuester Zeit kri« 
tische Erörterungen erschienen , vergl. Philol. 1849. S. 172 ff. (ron 
Düntser) und 1850. S. 157 (von Firnhaber). Es ist keine Frage , dass 
diese Partie besonders stark gelitten hat; Lücken sind durch Nichts« 
sagendes, ja Verkehrtes ausgefüllt, wie 1690, oder durch Wieder- 
holungen der echte Text verdrängt, wie 1716 avd'tg coJ' ^Qi^(Mg ano- 
Qog aus 1735. Dass aber Ys. 1691 durchaus den Eindruck der Echt- 
heit macht: raXairav Sg S(ioiy b (UXlcov ßlog ov ßtanog^ mithin 
G. Hermanns Restitution des antistrophischen Verses hta^^ihzi ai 
X (o ^>Lku tag TCcrcQog coö^ i^C^g wenigstens die richtige metrische 
Form herstellt, scheint . keinem Zweifel zu unterliegen. Zwar hat 
Düntzer ^Atöag ?Aot tdXccivav a}g ifwty b zu einem Vers verbunden, 
aber das zerstört den schönen Rhythmus, tilgt die Uebereinstimmung 
der Choriamben 1691 mit 1695 , und bringt einen schroffen Uebergang 
vo» troch. trim. zu chor. dim. cat. (mit Anakruse) hervor. In Betreff 
des Ttcergl ^vvd'cevetv yEqai^ ist zweierlei denkbar: entweder stand 
in altern Handschriften das alles nicht , oder nur naxql. War letzte- 
res der Fall, so erklärt sich das weitere ll;vvQ'tiVHv ye^tcp aus 
dem Bedttrfniss , die Construction wohl oder übel zu ergänzen ; denn 
noch Firnhaber 1. c. p. 161 bemerkt : ^ ohne den Zusatz ^w^ctvstv ^s- 
qai,^ würde der Dativ 9rcirr(»Z keineswegs verständlich genug sein.' Er 
würde es gar nicht isein; das beweist aber noch nichts für die Echt- 
heit der ganzen Phrase, die eigentlich einen unmöglichen Wunsch 
enthält: möge Hades jetzt mich erfassen, um mit dem alten Vater zn 
sterben : das konnte sie vernünftigerweise nur sagen , so lang der Va- 
ter noch lebte. Rührt auch TtcttQl von dem Interpolator her, so müsste 
aus dem Gefühl, dass der lückenhafte Text einer Nachhilfe bedürftig 
sei , die Ergänzung erklärt werden. Der Metriker hätte dann nnr ver- 
gessen, auch die entsprecheqde Stelle der Gegenstrophe auszubes- 
sern, was G. Hermann nachholt mit der Emendation ccv^ig hf ^hw 
X&ovl TtrcDjpv ^d' aoLzov, Daraus dürfen wir die erste Hälfte bis 
' x&ovl dankbar acceptiren ; von dem Ithyphallicus aber ist, wenn ncetqi 
^w&cevstv yeqam aufgegeben wird , Umgang zu nehmen. Denn nicht 
mit^cnr^l, sondern einem .andern zweisilbigen Schlusswort .muss der 
Vers ergänzt werden; Ref. räth zu tti%ct^ welches bei der Aehnlieh- 
keit von % und h leicht als Dittographie vor xiXmvtiv ausgelassen 
werden konnte, oder taifv. Auf diese Weise würden die beiden letzten 
Verse der Ismene mit den beiden Sehlussversen des Chors in der zwei- 
ten Strophe fibereinstimmen. Für unsicher gilt femer am Schluss der 
-ersten Antistrophe 1713, indem er dem Vers 1706 so ähnlich ist, dass 
der Verdacht einer Verfälschung sich von mehrern Seiten erheben 
konnte. Dindorf stiess ihn ohne weiteres aus, ihm folgt, wenn auch 
nicht mit voller Entschiedenheit Sehn., indem er in der Note dazu sagt: 
^die Handschrr. Ig> (iri ySg iitl ^ivag^avetv ^XQ^t^S^ <xXk iqri(Aog 
i&avsg taSi (loi. Da nach Dindorfs Bemerkung die Stelle aus 1705 in- 
terpolirt ist, so darf man kaum eine Vermuthung auf jene Worte grün- 
den. Dem Gedanken angemessen versucht Arndt: tf& ^<i\^«t.(^^s^^^^^ 



32 Griechische Litteratur. 

^avetv ix^rpf a\ Itp ccg y l^fiog S^avsg adi (wi^ darum (weil ich dich 
stets beklagen werde) hättest du nicht in fremdem Lande sterben sol- 
len , in welchem du so vereinsamt mir gestorben bist.' Mit weniger 
Bedenklichkeit tritt Düntzer Dindorfs Urtheil bei ; er beschenkt zu- 
gleich den Sophokles mit einem neuen Vers : (ivxol 6e yäg Suke^iffav 
c5 tXccficav^ ^co, worauf folgt iQrifiog S&aveg codi ftot, und da er yäv 
in der Strophe zum vorhergehenden Vers zieht, muss er hier, was 
sich übel ausnimmt, ein g>ev hineinstopfen. Firnhaber nimmt sich der 
Vulgata an , in welcher ihm nur d'eol nöthige Aenderung scheint statt 
ta , er interpungirt vor BXQrjSsg und übersetzt : ^ ach , ihr Götter , nicht 
sterben in der Fremde ! Du wolltest es , aber nun liegst du so einsam 
mir!' Doch die Parallele mit Aesch. Sept. 233 d'sol itoXixcti^ fi^ \u 
dovXslag %v%bIv ist auf unsere Stelle nicht anwendbar, wo Antigone 
keinen Wunsch für ihr eignes Grab ausspricht. Es bedarf auch nicht 
der Arndtschen Emendation , in welcher der Uebergang mittelst des 
Relativs und die Restriction durch ye den lyrischen Schwung gar 
sehr lähmt; man stelle nur &^oi oder oX^oi an die Spitze des Verses, 
um die ungezwungene und natürliche Ideenverbindung zu erhalten: 
^ du ^wolltest auf fremdem Boden sterben , aber mir starbst du so ein- 
sam!' Uebrigens sehn wir nicht ein, warum der Dichter denselben 
Gedanken nicht mit denselben Worten^ wiederholen durfte , wenn er 
sonst gut angebracht war. Auch in dem, was Antigone 1697 — 1701 
vorträgt , scheint noch nicht alles im reinen zu sein. Sie betheuert, 
ihr sei selbst das lieb geworden im Dienst des Vaters , was sonst je- 
dem lästig falle : hieher kann %o (plXov als das ^ absolut liebe ' nicht 
passen, (itjöuficc drjroefplkov wäre matt, eher konnte Antigone sagen 
liflödu iÖQäxo q>tXov. In 1701 scheint Sehn, durch Hermanns ovöl 
yaq cav befriedigt, das hiesse: ^denn auch nicht bei Lebzeiten warst 
du mir jemals ungeliebt.' Widerspricht aber so nicht cSi/ dem ovdl? 
und soll Ttcni auf Vergangenheit oder Zukunft sich beziehn? Düntzer 
wollte mit ovdh neqctv helfen , das würde aber eher in einer christ- 
lichen Predigt, wo von ^dem Jenseits' oft die Rede ist, als in einer 
antiken Tragoedie am Platz sein. Wir vermuthen , Sophokles schrieb 
(yvdi yaq a>V, auch so, nach deinem Tod werde ich nicht aufhören, 
dich zu lieben. In 1745 würde ^stqsg das in aitoqa und nikayog aus- 
geführte Bild vorbereiten. 

Die Behandlung des Metrischen anlangend haben wir nach dem 
Obenbemerkten wenig mehr nachzutragen. Im ersten Kommos zu 
Ende scheint die paromonostrophische Form von 207 an unbeachtet 
geblieben zu sein, wenigstens ist in den Noten nicht ausdrücklich 
darauf hingewiesen , dass 207 — ^209 mit 237 — 239 ; 235 — ^237 mit 252 
— 254 stimmen; dem vorhergehenden System von daktylischen Tetra- 
metern 243 — ^248 entspricht, wenn auch nicht in der Zahl der Füsse, 
229 — ^234. Hier sind aber von Sehn., um Wortbrechungen zu ver- 
meiden, theilweise ganz verschiedene Verse angebracht: 230 ist ka- 
talektischer daktylischer Pentameter , 231 sq. sind anapaestische aka- 
talektische Dimeter , 233 ist gar ein katalektischer anapaestischer Di- 



Halm : Cicero» ausgeMrählte Reden. Bd. ^ und 5. S3 

meter von sonst unerhörter Form, denn die Katalexe ist zwei- 
silbig. Im Gegensatz dazu werden mittelst Wortbrechong 668 sqq. 
mehrei^e Kolenpaare zu einem Vers verbunden, wo der in Strophe 
und Antistrophe immer auf die gleiche Stelle fallende Wortausgang 
verräth , dass der Dichter die cantilena der Glykoneen nicht so lang 
fortsetzen wollte, als es hier geschieht: wie in der Strophe mit ^oo^a^, 
ai^öoiv ^ KUSöov ^ ßax%uat(xg geschlossen wird, so in der Antistrophe 
mit Sxvug^ &vnvoi^ ^ei&Qciw, Movöiiv, Vor den Anakrusen, welche 
dadurch hervorgerufen werden, zeigt Sehn, grosse Scheu, daher auch 
1045 durch Verknüpfung dreier Verse zu einem : sitip — "ui^ die Sym- 
metrie lieber aufgehoben als jene geduldet, ebenso 1213 mit dem fol- 
genden unnöthiger Weise verbunden wird. Die genaue Responsion 
in dem dritten Kommos verlangt, dass 882 zufolge der Dindorfschen 
Ausfüllung der Lücke si Zeig hi Zsvg dem Kreon eine Silbe weniger 
zagetheilt werde: Zwg Sv iidslri statt Zevg tavt S. e. In 1085 end- 
lich brauchte nur das Zet; vor jtavtwna zu treten, um den ischiorrho- 
gischen lambus ebenso leicht durchzuführen wie in der Strophe mit- 
telst der geringen Aenderungen \iiUjovii und (qSovciv mg. Hermanns 
n€cvTaq%ixa ^ welches Sehn, au^enommen hat, muss der Vulgata Trai'- 
Tcr^of weichen. 

Heidelberg. Kdiyser, 



Ciceros ausgewähiie Reden. Erklärt von Karl Halm. III. Band- 
chen. Die Reden gegen L. Sergins Caülina und fSr P. CorneliuB 
Sulla. Leipzig, Weidmannsche Buchhandlung. 1851. VIII und 175 S. 
V. Bändchen. Die Reden fSr T. Annius Mllo, für Q. Ligarins und 
für den Konig Dejotarus. 1850. VI und 151 S. 8. 

[Schluss.] 

Aus der dritten Rede, um nicht allzu viel Raum zu bean- 
spruchen, nur einige Stellen. Zu c. 1. §. 2 nascendi condicio war * das 
Loos der Geburt' zu tilgen; denn dies führt den Schüler zur Ver- 
wechslung des Wortes mit sors. — Statt e. 5. $. 10 zu sagen: *re- 
cepisseni^ synonymer Gegensatz von conßrmassei*^ was der Schüler 
von selbst finden muss , hätte es bloss des Wortes * recipere , ver- 
sprechen' bedurft. Dies gibt Denkstoff zur Auffindung des Uebrigen. 
Dagegen c. 7. %, 16 möchte eine Note wie : ^ ornntum aditus ienebatj 
hatte die Zugänge zu Allen inne , d. i. wusste sich zu Allen Zugang zu 
verschaffen ' nicht überflüssig sein^ Nebenbei erwähne ich , dass mir 
an mehrern Stellen der innere Grund für die Interpunction nicht klar 
ist, und dass ich darüber vom Verfasser «ine Aufklärung wünschte. 
So hier: nihil erat quod n&n ipse obiret occitrrerei^ eigilaret labo- 
rarel wegen des Komma nach oceurreret, wie auch I. §. 32 inter- 
pungirt ist: «I . . . omnia patefaeta iUusiraia^ oppreua «iiiidx^aVk 

^. Jakrb. f,.PhU. u. Paed. Bd. LXV. Hft. K ^ 



92 Griechische LiUeratur. 

^avetv ix^ijv a , i<p ag y l^fiog id'aveg codi fioi^ daram (weil ich dich 
stets beklagen werde) hättest da nicht in fremdem Lande sterben sol- 
len , in welchem du so vereinsamt mir gestorben bist.' Mit weni^r 
Bedenklichkeit tritt Düntzer Dindorfs Urtheil bei; er beschenkl zu- 
gleich den Sophokles mit einem neuen Vers : [ivxol 0b yäg inXeilKev 
CO rXccficDV^ ^co, worauf folgt S^fiog S&avsg codi fiot^ und da er yäv 
in der Strophe zum vorhergehenden Vers zieht, muss er. hier, was 
sich übel ausnimmt, ein g)ev hineinstopfen. Fimhaber nimmt sich der 
Vulgata an , in welcher ihm nur &£oi nöthige Aenderung scheint statt 
t(a , er interpungirt vor e%Qri^eg und übersetzt : * ach , ihr Götter , nicht 
sterben in der Fremde! Du wolltest es, aber nun liegst du so einsam 
mir!' Doch die Parallele mit Aesch. Sept. 233 d'sol nolZtui^ fiij \u 
SovXelag rv%stv ist auf unsere Stelle nicht anwendbar , wo Antigone 
keinen Wunsch für ihr eignes Grab ausspricht. Es bedarf auch nicht 
der Arndtschen Emendation , in welcher der Uebergang mittelst des 
Relativs und die Restriction durch ye den lyrischen Schwang gar 
sehr lähmt ; man stelle nur äfioi> oder otfioi an die Spitze des Verses, 
um die ungezwungene und natürliche Ideenverbindung zu erhalten: 
^ du vvolltest auf fremdem Boden sterben , aber mir starbst du so ein- 
sam!' Uebrigens sehn wir nicht ein, warum der Dichter denselben 
Gedanken nicht mit denselben Worten^ wiederholen durfte , wenn er 
sonst gut augebracht war. Auch in dem , was Antigone 1697 — 1701 
vorträgt, scheint noch nicht alles im reinen zu sein. Sie betheuert, 
ihr sei selbst das lieb geworden im Dienst des Vaters , was sonst je- 
dem lästig falle: hieher kanu ro tplXov als das ^absolut liebe' nicht 
passen, (irjöccficc dijratplXov wäre matt, eher konnte Antigone sagen 
(ifjöda iÖQoito g>lXov. In 1701 scheint Sehn, durch Hermanns ovda 
yuq cov befriedigt, das Messe: ^denn auch nicht bei Lebzeiten warst 
du mir jemals ungeliebt.' Widerspricht aber so nicht äv dem ovdel 
und soll Ttoti auf Vergangenheit oder Zukunft sich beziehn? Düntzer 
wollte mit ovdh niqctv helfen , das würde aber eher in einer christ- 
lichen Predigt, wo von *dem Jenseits' oft die Rede ist, als in einer 
aiitiken Tragoedie am Platz sein. Wir vermuthen, Sophokles schrieb 
ovdiyaq äg, auch so, nach deinem Tod werde ich nicht aufhören, 
dich zu lieben. In 1745 würde InsiQSg das in aitoqa und niXayog aus- 
geführte Bild vorbereiten. 

Die Behandlung des Metrischen anlangend haben wir nach dem 
Obenbemerkten wenig mehr nachzutragen. Im ersten Kommos zu 
Ende scheint die paromonostrophische Form von 207 an unbeachtet 
geblieben zu sein, wenigstens ist in den Noten nicht ausdrücklich 
darauf hingewiesen , dass 207 — ^209 mit 237 — ^239 ; 235 — ^237 mit 252 
— 254 stimmen; dem vorhergehenden System von daktylischen Tetra- 
metern 243 — 248 entspricht, wenn auch nicht in der Zahl der Füsse, 
229 — ^234. Hier sind aber von Sehn., um Wortbrechungen zu ver- 
meiden, theilweise ganz verschiedene Verse angebracht: 230 ist ka- 
talektischer daktylischer Pentameter , 231 sq. sind anapaestische aka- 
talektische Dimeter, 233 ist gar ein katalektischer anapaestischer Di< 



Halm : Ciceros ausgeMrfihlte Reden. Bd. ^ und 5. 38 

meter von sonst unerhörter Form, denn die Katalexe ist zwei- 
silbig. Im Gegensatz dazu werden mittelst Wortbrechung 668 sqq. 
mehrei^e Kolenpaare zu einem Vers verbunden, wo der in Strophe 
und Antistrophe immer auf die gleiche Stelle fallende Wortausgang 
verräth , dass der Dichter die cantilena der Glykoneen nicht so lang 
fortsetzen wollte, als es hier geschieht: wie in der Strophe mit %(o^a$, 
ar^ddv^ kusöov^ ßcexxiüotag geschlossen wird, so in der Antistrophe 
mit S%vug^ avnvoi^ ^si&Qcw^ Mov0av, Vor den Anakrusen, welche 
dadurch hervorgerufen werden , zeigt Sehn, grosse Scheu , daher auch 
1045 durch Verknüpfung dreier Verse zu einem : iXri[v--^A^ die Sym- 
metrie lieber aufgehoben als jene geduldet, ebenso 1213 mit dem fol- 
genden unnöthiger Weise verbunden wird. Die genaue Responsion 
in dem dritten Kommos verlangt, dass 882 zufolge der Dindorfschen 
Ausfallung der Lücke d Zeig ht Zsvg dem Kreon eine Silbe weniger 
zngetheilt werde : Zwg Sv ildslri statt Zevg xavt S. e. In 1085 end- 
lich brauchte nur das Zev vor JtavtOTnee zu treten, um den ischiorrho- 
gischen lambus ebenso leicht durchzufahren wie in der Strophe mit- 
telst der geringen Aenderungen \iikkovii und (qöovctv mg. Hermanns 
TtcevraQxiva ^ welches Sehn, aufgenommen hat, muss derVulgata Ttav- 
Tcr^flf weichen. 

Heidelberg. Kapser, 



Ciceros ausgewählte Reden. Erklärt von Karl Halm. III. Band- 
chen. Die Reden gegen L. Sergius Catilina und fSr P. CorneliuB 
Sulla. Leipzig, Weidmannsche Buchhandlung. 1851. Vlll und 175 8. 
V. Bändchen. Die Reden für T. Annius Mllo, für Q. Ligarins und 
für den Konig Dejotarus. 1850. VI und 151 S. 8. 

[Schluss.] 

Aus der dritten Rede, um nicht allzu viel Raum zu bean- 
spruchen, nur einige Stellen. Zu c. 1. §. 2 nascendi condicio war * das 
Loos der Geburt' zu tilgen; denn dies ftthrt den Schüler zur Ver- 
wechslung des Wortes mit sors, — Statt e. 5. $. 10 zu sagen: ^re- 
cepisseni^ synonymer Gegensatz von conßrmassei*^ was der Schüler 
von selbst finden muss , hätte es bloss des Wortes ^ recipere , ver- 
sprechen ' bedurft. Dies gibt Denkstoff zur Auffindung des Uebrigen. 
Dagegen c. 7. %. 16 möchte eine Note wie: ^omnium aditus tenebat, 
hatte die Zugänge zu Allen inne , d. i. wusste sich zu Allen Zugang zu 
verschaffen ' nicht überflüssig sein> Nebenbei erwähne ich , dass mir 
an mehrern Stellen der innere Grund für die Interpunction nicht klar 
ist, und dass ich darüber vom Verfasser «ine Aufklärung wünschte. 
So hier: nihil erat quod n&n ipse obiret occurrerei, eigüaret labo- 
raret wegen des Komma nach oceurreret^ wie auch I. §. 32 inter- 
pnngirt ist: «/ . . . omnia patefaeia iUusfrataj oppressa «iudicata 

^. Jakrb, f.^a, u. Paed, Bd, LXV. Hfi,\. ^ 



92 Griechische Litteratur. 

^avetv ix(^v a , itp ag y l^fiog i'^aveg oodi (loi^ daram (weil ich dich 
stets beklagen werde) hättest da nicht in fremdem Lande sterben sol- 
len , in welchem du so vereinsamt mir gestorben bist.' Mit weniger 
Bedenklichkeit tritt Düntzer Dindorfs Urtheil bei ; er beschenkt zu- 
gleich den Sophokles mit einem neuen Vers : [ivxol öe yäg Mnkef^/av 
m rXccfiGW^ ^co, worauf folgt SQfifiog Sd'avsg codi fiot^ und da er yäv 
in der Strophe zum vorhergehenden Vers zieht, muss er hier, was 
sich übel ausnimmt, ein q)ev hineinstopfen. Firnhaber nimmt sich der 
Yulgata an , in welcher ihm nur &eol nöthige Aenderung scheint statt 
ta , er interpungirt vor exQfif^sg und übersetzt : ^ ach , ihr Götter , nicht 
sterben in der Fremde ! Du wolltest es , aber nun liegst du so einsam 
mir!' Doch die Parallele mit Aesch. Sept. 233 d-sol noXitai^ fii} f&c 
dovXelag xv%bIv ist auf unsere Stelle nicht anwendbar , wo Antigone 
keinen Wunsch für ihr eignes Grab ausspricht. Es bedarf auch nicht 
der Arndtschen Emendation , in welcher der Uebergang mittelst des 
Relativs und die Restriction durch ye den lyrischen Schwang gar 
sehr lähmt; man stelle nur (0|xo( oder oI^loi an die Spitze des Verses, 
am die ungezwungene und natürliche Ideenverbindung zu erhalten: 
^ du :w^olltest auf fremdem Boden sterben , aber mir starbst du so ein- 
sam!' Uebrigens sehn wir nicht ein, warum der Dichter denselben 
Gedanken nicht mit denselben Worten^ wiederholen durfte , wenn er 
sonst gut angebracht war. Auch in dem, was Antigone 1697 — 1701 
vorträgt, scheint noch nicht alles im reinen zu sein. Sie beth'euert, 
ihr sei selbst das lieb geworden im Dienst des Vaters , was sonst je- 
dem lästig falle: hieher kann %o (plXov als das ^absolut liebe' nicht 
passen, (irjöaficc öijratpllov wäre matt, eher konnte Antigone sagen 
fiflöccu idgäto tpLXov. In 1701 scheint Sehn, durch Hermanns ov8l 
yaq cov befriedigt, das hiesse: ^denn auch nicht bei Lebzeiten warst 
du mir jemals ungeliebt.' Widerspricht aber so nicht cSi/ dem oidll 
und soll TTore auf Vergangenheit oder Zukunft sich beziehn? Düntzer 
wollte mit ovdi niquv helfen , das würde aber eher in einer christ- 
lichen Predigt, wo von ^dem Jenseits' oft die Rede ist, als in einer 
antiken Tragoedie am Platz sein. Wir vermuthen, Sophokles schrieb 
ovdiyitq &g^ auch so, nach deinem Tod werde ich nicht aufhören, 
dich zu lieben. In 1745 würde Ineiqsg das in aitoqa und jtiXayog aus- 
geführte Bild vorbereiten. 

Die Behandlung des Metrischen anlangend haben wir nach dem 
Obenbemerkten wenig mehr nachzutragen. Im ersten Kommos zu 
Ende scheint die paromonostrophische Form von 207 an unbeachtet 
geblieben zu sein, wenigstens ist in den Noten nicht ausdrücklich 
darauf hingewiesen , dass 207 — ^209 mit 237 — ^239 ; 235 — ^237 mit 252 
— 254 stimmen ; dem vorhergehenden System von daktylischen Tetra- 
metern 243 — 248 entspricht, wenn auch nicht in der Zahl der Füsse, 
229 — ^234. Hier sind aber von Sehn., um Wortbrechungen zu ver- 
meiden, theilweise ganz verschiedene Verse angebracht: 230 ist ka- 
talektischer daktylischer Pentameter , 231 sq. sind anapaestische aka- 
talektische Dimeter, 233 ist gar ein katalektischer anapaestischer Di- 



Halm : Ciceros ausgeMrfihlte Reden. Bd. ^ und 5. 38 

meter von sonst unerhörter Form, denn die Katalexe ist zwei- 
silbig. Im Gegensatz dazu werden mittelst Wortbrechungr 668 sqq. 
mehrei^e Kolenpaare zu einem Vers verbunden, wo der in Strophe 
und Antistrophe immer auf die gleiche Stelle fallende Wortausgang 
verrfith , dass der Dichter die cantilena der Glykoneen nicht so lang 
fortsetzen wollte, als es hier geschieht: wie in der Strophe mit %(o^a$, 
ai^öciv ^ Kusaov ^ ßcexxiüotag geschlossen wird, so in der Antistrophe 
mit S%vug^ &vnvoL^ ^ei&QCWy Movöiiv. Vor den Anakrusen, welche 
dadurch hervorgerufen werden , zeigt Sehn, grosse Scheu , daher auch 
1045 durch Verknüpfung dreier Verse zu einem : iiri[v--^A^ die Sym- 
metrie lieber aufgehoben als jene geduldet, ebenso 1213 mit dem fol- 
genden unnöthiger Weise verbunden wird. Die genaue Responsion 
in dem dritten Kommos verlangt, dass 882 zufolge der Dindorfschen 
Ausfüllung der Lücke d Zev^ hi Zsvq dem Kreon eine Silbe weniger 
zugetheilt werde : Zwg Sv ildslri statt Zevg tavt S. e. In 1085 end- 
lich brauchte nur das Zev vor jtavtOTtva zu treten, um den ischiorrho- 
gischen lambus ebenso leicht durchzuführen wie in der Strophe mit- 
telst der geringen Aenderungen fiikXovii und (QÖovatv ag. Hermanns 
nccvToeQxiva ^ welches Sehn, aufgenommen hat, muss der Vulgata rnnv- 
Tcr^flf weichen. 

Heidelberg. Kapser. 



Ciceros ausgewählie Reden. Erklärt von Karl Holm. III. Band- 
chen. Die Reden gegen L. Sergins Catilina und für P. CorneliuB 
Sulla. Leipzig, Weidmannscfae Buohbandinng. 1851. VIII und 175 8. 
V. Bändchen. Die Reden fSr T. Annius Milo, für Q. Ligarins und 
für den Konig Dejotarus. 1850. VI und 151 S. 8. 

[Schluss.] 

Aus der dritten Rede, um nicht allzu viel Raum zu bean- 
spruchen, nur einige Stellen. Zu c. 1. §. 2 nascendi eondicio war * das 
Loos der Geburt' zu tilgen; denn dies fahrt den Schüler zur Ver- 
wechslung des Wortes mit sors. — Statt e, 5. %. 10 zu sagen: ^re- 
cepüseni^ synonymer Gegensatz von conßrmassei*^ was der Schüler 
von selbst finden muss , hätte es bloss des Wortes ^ rectpere , ver- 
sprechen ' bedurft. Dies gibt Denkstoff zur Auffindung des Uebrigen. 
Dagegen c. 7. %. 16 möchte eine Note wie : * omnium adtius ienebatj 
hatte die Zugänge zu Allen inne , d. i. wusste sich zu Allen Zugang zu 
verschaffen ' nicht überflüssig sein^ Nebenbei erwähne ich , dass mir 
an mehrern Stellen der innere Grund für die Interpunction nicht klar 
ist, und dass ich darftber vom Verfasser «ine Aufklärung wünschte. 
So hier: iit4t/ erat quod n&n ipse obirei occurrerei, eigilaret labo- 
ratet wegen des Komma nach oceurreret^ wie auch I. §. 32 inter- 
pungirt ist: «1 . . . omn4a patefaeta iUusiraia, oppressa «tndi^aCa 

^. Jahrb. f.^a. u. Paed. Bd. LXV. Hft.\. % 



S4 Lateinische Litterntur. 

esse videatiS. Aehalich anderwärts. Auch in Stellen wie II. %. 17: 
nequBy id quare fieri non possit^ si me audire voleni^ inielligo igt 
mir die nach neque stehende Interpunction bedenklich, weil bei den 
Alten zwischen dem Object des regierenden und dem Subject des re- 
gierten Satzes die engste Beziehung herrscht, aas deren Beachtung 
so manche Structur erst ihre richtige Erläuterung findet. — Nach der 
Erklärung c. 9. $.21: ^ui^ cum; ui von iliud abhängig, was kurz 
gesagt ist für iUud quod factum est' würde der Schüler zu einem 
seltsamen, ja im Grunde unlateinischen Satz verleitet werden. Warum 
soll denn dieses ut als explicativ nicht von factum esse abhängig sein ? 
Der Anstoss, den Hr. H. an Ernestis Erklärung von praesens ninunt, 
scheint mir nicht nöthig zu sein. Ich habe den Gedanken des Redners 
immer nur so verstanden : * ist nicht jenes (d. h. die Verwaltung und 
Rettung des Staats durch die Götter) so leibhaftig vor Angen ge- 
stellt, da SS man sieht, es sei auf den Wink des gütigsten und er- 
habensten Juppiter geschehn, dass' etc. — In der verzweifelten 
Stelle §. 22 wie in mancher andern bin ich auf den vollständigen kri- 
tischen Apparat gespannt, den Hr. Halm in der Orellischen Gesammt- 
ausgabe zu liefern verspricht. Hier hält er die Stelle für lückenhaft 
und versucht eine Ergänzung. Ich habe , nach den bis jetzt bekannten 
Varianten und nach der emphatischen Wortstellung des Schlusses 
numquam essent profecto zu urtheilen , hier folgenden Gedanken ver- 
muthet: ^ iam vero illa Allobrogum sollicitatio tentata ah Lentuio 
ceterisque domesticis hostihus^ tarn dementer tantae res creditae et 
ignotis et harbaris commissaeque Htterae numquam essent profecto^ 
um' etc. — C. 10. §. 24 hat Hr. H. nach eiecit ex «rbe Kolon ge- 
setzt und die Worte zum Vorhergehenden gezogen. Aber da scheint 
es mir noch schwerer zu sein, sich von der Echtheit der Worte zu 
überzeugen. Nach der herkömmlichen Interpunction durch Komma 
nach oppressit und urbis hat man doch wenigstens eine tripartitio in 
einer Art von Chiasmus. Das restitisset von restare mit dem Dativ 
(ohne anderweitige Belege) wäre mir doch zu bedenklich und dem 
Sinne nach zu tautologisch , als dass ich nicht mit Matthiae ein ^caedi 
resistere^ i. e. non succumbere', ergo caedem effugere^ soviel Bür- 
ger, 4ils dem Blutbade entronnen wären, für erträglicher 
halten sollte. — Die Stelle c. 11. §. 26: eamdemque diem mtetligo^ 
quam spero aeternam fore^ propagatam esse et ad saluiem urbis ei 
ad memoriam consulatus me*, funoque tempore in hac re 
publica du OS eines extitisse^ quorum alter etc. hat wieder 
zu einer längern Bemerkung geführt. Die Meinung derer, welche den 
Acc. c. inf. entweder von inielligo oder von propagaiam esse abhän> 
gig machen, wird natürlich, wie es von einem Halm nicht anders zu 
erwarten ist, schlagend widerlegt. Er selbst hält die Stelle für lücken- 
haft und erwähnt Madvigs Ergänzung, in welcher mir indessen weder 
das omnique tempore noch das praedicatum iri besonders gefallen 
würde. Mir hat sich , so oft ich zu dieser Stelle zurückgekehrt bin, 
immer die Ansicht aufgedrängt, dass unoque tempore . , • extiiisse 



Halm : Cicero» ausgewahlie Reden. Bd. 3 uhd 5. 85 

fiur ein Erklärungssatz sei statt des einfachen duorumqne eieium. 
Weil nämlich Cicero diesen Begriff mit Emphase hervorheben wollte, 
so hat er den einfachen Genitiv in einen vollständigen Satz verwan- 
delt, der ebenso wie consulaius mei von ad memoriam abhängt. 
Daher haben wir hier, nur in anderer Sprachform, denselben Gedan- 
ken, den Cicero IV. §. 2S kürzer mit hui« 8 t empor is iotiusque 
mei consuUUus memoriam poshtlo aasgedrückt hat. Auf diese Weise 
habe ich stets geglaubt die Stelle meinen Schülern am besten verdent- 
liehen zu können. 

In der vierten Rede c. 1. §. 1 kehrt die Note zurück: ^con- 
dicio^ Bestimmung, Loos^, die ich schon oben gemisbilligt habe. 
Ich sehe an dieser Stelle weiter nichts als gewähltere Sprache des 
Redners statt des gewöhnlichen: *wenn mir das Consulat unter die- 
ser Bedingung gegeben worden ist.' — Warum c. 3. §. 5: ^eos 
muUis iam iudiciis iudicavisiis^ ihr habt schon durch viele Aeusse- 
rungen eures Urtheils entschieden' das iudiciis ein stärkeres Wort 
statt decreiis sein soll, wird dem Schüler nicht einleuchten. Nelken 
* diligentia = vigilanHa* ist der Secundaner* noch mehr verlegen, 
wie er das dabeistehende mea eirtute wiedergeben solle. Ich würde 
daher für dieses Wort etwa: patriotischer Eifer hinzusetzen, 
in §. 6 heisst eine Note: ^numquam putavi. Wir sagen: ich hätte 
niemals geglaubt.' Müsste man für diesen Sinn im Lateinischen nicht 
non puiaram erwarten? Zu den Worten id opprimi tusientando aui 
prolaiando nulio pacto poiest heisst die Note : * iusieniando , durch 
Einhaltthun, dadurch, dass man einem weitern Umsichgreifen des 
malum vorzubeugen sucht, was dem Redner ohne Anwendung von 
strengen Strafen unmöglich scheint.' Hier ist mir nicht klar, wie 
diese Erklärung in den Zusammenhang passe. Denn erstens ist doch 
nicht davon die Rede, dass dem * weitem Umsichgreifen' vorgebeugt 
werden soll, weil ja schon iaiius opinione disseminatum est ma- 
lum; manaf>ii etc.; zweitens ist der Gegensatz wohl nicht die 
^Strenge der Strafe', sondern die Schnelligkeit ihrer Anwen- 
dung: celeriter tobis vindicandum est» Darauf liegt der Hauptbe- 
griff. Daher kann ich nur der einfachen Deutung: ^ durch Hinhal- 
te n , d. h. durch Verzögerung nnd Aufschub ' folgen , wobei ich 
freilich nicht weiss, ob das dabei unschickliche aui statt ae auf der 
Attctorität sämmtlicher Handschriften beruhe. Sollte nach den Urkun- 
den out nothwendig sein, so wäre sustentando wohl eher: * durch 
Ertragung oder Unterstützung.' — In der schönen, aber für 
den Schulzweck zu langen Erörterung c. 4. %. 7 über die exquisite 
Strafe der ewigen Haft, die Caesar beantragte, bemerkt Hr. Halm am 
Schluss: ^Auffallend mnss es erscheinen, dass der Redner den 
Vorwurf des noeum geuus peenas nicht gegen den Antrag des Caesar 
zurückgewendet hat.' loh erkläre mir die Sache also: Weil Cicero 
selbst hie und da aus rhetorischen Gründen sich ein novum erlaubte, 
so hat er absichtlich diesen Vorwarf nicht stärker hervorgehohen. 
Aber leise hat er ihn angedentet, und zwar in den Wortem «udL 



86 Lateinische Litteratur. 

siugularem poenam inventa suni^ wo es dem Zuhörer nicht 
schwer sein konnte , den Gemeinplatz zugleich mit einem a Caesare 
im Gedanken zu verschmelzen. Auch dies gehört zur feinen Ironie 
dieser Stelle. — C. 5. $. 10 : ^ se iaciare , den Volksfreund spielen.' 
Dies liegt erst im folgenden papularü esse; das erstere heisst nur 
sich rühmen oder gros^sthun. — Für c. 6. §. 11 sepulia in 
pairia liess sich neben Tacitus wohl auch Giceronianisches verglei- 
chen, wie de imp. Cn. Pomp. %. 30: bellum sepultum; in Pis. §. 11: 
haec sunt in gremio sepulia consulaius iui. In §. 11 wird gesagt: 
^imporiunus^ gefühllos', was hier wohl im dabeistehenden ferreus 
liegt, d. i. omnis sensus humani expers^ während imporiunus etwa 
unserm unausstehlich entspricht. — ^ Zu c. 7. §. 14 ist mir die 
Note , welche an der wegen exaudio citirten Stelle gegeben wird, un- 
verstandlich , wofern es dort nicht etwa heissen soll: ^wenn kein 
Hindemiss in dem Wege steht, weder in der leisem Stimme, noch 
in der Entfernung des Sprechenden.' Indes ist dies unwahrscheinlich, 
da pro Milone §. 67 dieselbe Erklärung in ahnlicher Form wieder- 
kehrt, wo aber der in exaudire gesuchte Begriff im dabeistehenden 
ea voce liegt. *— Die Deutung c. 8. §. 17 : ^ instrumenium , alles was 
zum Betrieb eines Gewerbes gehört' scheint mir nicht recht zu passen, 
weil es dazu keiner frequentia civium bedürfte. Ich möchte daher 
lieber erklären: ^die Mittel sich zu erhalten.' — Die c. 10. 
$. 21 aber Pompejus gewählte Redeform : ^ seinem Siegeslauf haben 
nur die Grenzen des Erdkreises und der Sonnenlaufbahn ein Ziel ge- 
steckt' klingt im Deutschen schroffer als im Lateinischen. Daher 
würde ich dafür setzen: ^ seine Heldenthaten erfüllen den ganzen 
Erdkreis.' 

So viel über die Catilinarien. Um nun das andere Händchen , das 
früher erschienen ist, nicht ganz unbeachtet zu lassen, so möge noch 
Einiges hinzukommen. Alles was oben vom dritten Bändchen ge- 
sagt worden ist gilt auch vom fünften, nur dass hier noch ausser- 
dem das erste Gesetz des Programms : * die Sprache der Anmerkungen 
ist deutsch ' in ziemlichem Umfange durchlöchert wird. Denn es sind 
nicht wenige , zum Theil längere Erläuterungen von den Scholiasten, 
besonders von Ascouius, und aus Garatonis Nachlasse wörtlich ent- 
lehnt worden, wie S. 26. 27. 28. SO. 31. 32. 34. 36. 37. 38 n. s. f. 
Dadurch mag sich Hr. H., worauf er im Vorworte hofft, allerdings 
*den Dank der Freunde des römischen Redners erworben 
haben', aber über den Gesichtskreis des Secundaners ist hier- 
durch, wie in anderer Beziehung, seine Leistung hinansgerückt. So 
ist ferner das Argumentum Asconii zur Miloniana , dass Hr. H. statt 
einer kurzen deutschen Einleitung aufgenommen hat, ein treffliches 
Denkmal alter Interpretation für die W i s s e n s c h a f t , aber für S c h ü- 
1 e r ist dasselbe — man täusche sich nicht ! — eine trockne und 
langweilige Leetüre. Was der Schüler daraus wirklich braucht, um 
Ciceros Rede zu verstehn, das lässt sich auf zwei bis drei Seiten zu- 
sammenziehu. Wenn nun aber dafür das ganze Product in seiner Aus- 



Halm: Ciceros ausgewählte Reden. Bd. 3 ond 5. 37 

dehnung gegeben und dieses, wie hier geschieht, noch mit kriti- 
schen und exegetischen Noten versehn wird, so heisst dies 
nichts anderes als : specifisehe Philologie an die Stelle der Paedagogik 
setzen; aber der im Vorworte ausgesprochne Hauptzweck 'eine ra- 
schere Lectfire dieser Reden in den Schulen anzubahnen' ist auf 
diesem Wege nicht zu erreichen. Glaubt man die Erreichung dieses 
Zwecks überhaupt durch Ausgaben mit Noten befördern zu können, so 
müssen die Verfasser derselben wenigstens ans wirklicher Praxis ein 
klares Bewusstsein darüber haben, was bei dem zu erklärenden Au- 
tor den Schülern gerade Noth thut, d. h. wo die Mehrzahl in der 
Classe anstösst oder in der Wahl des entsprechenden Ausdrucks ver- 
legen ist. Hier mnss ein Wink oder eine kurze Andeutung eintreten, 
aber keine verfrühte Gelehrsamkeit. Diese Kenntniss kann nur in der 
Schule durch lebendigste Wechselwirkung zwischen Lehrer und Schü- 
ler gewonnen werden. Aber gerade von diesem praktischen, echt 
paedagogi sehen Sinne vermag ich — ich gestehe es ohne Rück- 
halt — in sehr vielen Bändchen der Weidmannschen Sammlung kaum 
eine Spur zu entdecken. Philologische Gelehrsamkeit und eigne For- 
schungen in Hülle und Fülle , aber keine weise Beschränkung , keine 
maassvolle Einfachheit, keine praktische Verwerthung derselben für 
die Schule, um wirkliche Resultate erzielen zu können! So weit 
es erlaubt sein dürfte, vom geschriebnen Wort auf lebendige Praxis 
des Lehrers einen Schluss zu ziehen, so finde ich den meisten paeda- 
gogischen und praktischen Sinn in den Leistungen von Rauchen- 
stein, Sintenis, Ladewig, Lhardy und Schneidewin (be- 
sonders im ersten Bändchen). Ich werde den Faden dieses Themas, 
weil er mit der Methodik und dem Umfange altclassischer Leetüre zu- 
sammenhängt , an passender Stelle weiterspinnen , zugleich in der Ab- 
sicht, meinem verehrten Freunde, Herrn Dietsch, auf seinen zwar 
würdevoll gehaltenen, aber etwas provocirenden Angriff (in diesen 
N. Jahrb. LXIl. S. 438 f.) Satz für Satz zu antworten. 

Jetzt kehre ich zu Hrn. Halm zurück , um über dessen Bearbei- 
tung der M i 1 o n i a n a noch einige Kleinigkeiten vorzubringen. Als 
Stellen, wo der Schüler mit ehrlichen Hilfsmitteln anstösst oder wegen 
des Ausdrucks verlegen ist, erwähne ich folgende: im Argumentum 
§. 2 summe studebai Hypsaeo et Sctpioni und §. 31 manet illa 
quoque excepia eins oratio. Beide Stellen bedurften einer kurzen 
Andeutung, dergleichen ich nunmehr zum Texte unmassgeblich bei- 
fügen will. In §. 5: ^exercitum^ geplagt.' %: 8: ^recte ac inre^ er- 
laubt und rechtmässig, wie unterschieden?' und ^eariatis^ getheilt.' 
§. 12: ^caedem^ der mörderische Kampf; cotttra rem pubNcam^ d. i. 
gegen die Sicherheit des Staates.' Auch ^studiis comprohavit^ 
durch Beifallsbezeugnngen ', und ein kurzer Hinweis auf den Gebrauch 
des anl . . . aut^ das hier nicht den aussch liessenden factischen 
Gegensatz bezeichne. In §. 18: ^ tragoedias^ tragische Aeusserungen.' 
%. 21: ^ ipsa lumina^ die erleuchtetsten Männer' und ^ conmetudines 
»tcitfs, geselliger Umgang.' §. 24: ^ sese transtulU^ w «^näVVr, %x^ 



S8 Lateinische LiUeratur. 

hinüber.' §. 25 : * ifiancam ac debilem^ unvollkommen und kraftlos. 
Was bedeuten diese Worte eigentlich? Bei Cicero steht anderwärts 
Seaevola maucus^ und bei den Athenern o£ idvvatoi die Invaliden.' 
Ferner: * eonvtüescebat ^ d. i. verstärkte sich.' §. 34: ^usiialis tarn 
rebus y durch die gewöhnlichen Hilfsmittel.' §.38: ^quantae occa- 
siones^ welche auffordernden Gelegenheiten.' In §. 46 ist wegen 
Interanmae nichts bemerkt, da sonst alle geographischen Namen kurz 
erläutert werden. §. 48 : * animam efßaniem^ in seinen letzten ZQgen', 
mit Beifügung der griechischen Wendungen, die bei Osenbrüggen 
stehn. §. S3: ^hominum valeniium, geschickter Leute.' §. 55: 
^Graeculi^ leichtes Griechenvolk.' §. 58: ^constanier, folgerichtig.' 
§. 60: * iniegriusj weniger mangelhaft. Was ist die eigentliche Be- 
deutung?' §. 67: ^ conquisilores ^ Werber' und ^excubiae^ die Po- 
sten, wie vom folgenden vigiliae unterschieden?' §. 69: ^vaga volu- 
bilisque forluna^ unstät und wandelbar.' %, 72: ^magisiraium per 
sediiionem abrogavit^ vermittelst eines Aufruhrs ihn des Amtes ent~ 
setzte.' §. 74: ^ca$tri$^ exercilu^ signis inferendis^ durch Kriegs- 
gewalt, bewaffnete Schaaren und feindliche Angriffe.' Die Worte 
§. 75 : qua ineidia huic esset tali viro conßagrandum versteht kein 
Secundaner, wenn man ihm nicht eine Andeutung gibt, wie etwa: 
* conßagrandum z= infamandum' oder ^vom bösen Ruf.' §. 93: ^^i- 
bus iniersum^ von denen ich Zeuge bin', weil Secundaner bei derar- 
tigem deutschen Dictate gleich mit iestem esse bei der Hand sind. 
Ebendaselbst: ^carebomala^ mit einem schlechten werde ich nichts 
zu thun haben. Wie ist diese Uebersetzung von carebo zu rechtfer- 
tigen?' §. 100: ^me supplicem abieci^ ich habe mich zu demuthigen 
Bitten erniedrigt.' 

In dieser Weise ungefähr müsste eine kleine Erweiterung des 
Lexicalischen eintreten, und die Gründlichkeit der kritischen, juristi- 
schen und antiquarischen Erörterungen müsste auf das äusserste Haass 
beschränkt werden , wenn die Ausgabe wirklich dem Bedürfnis» einer 
Secunda dienen und vor allem den Zweck *eine raschere Leetüre 
dieser Reden anzubahnen' erreichen wollte. Freilich sind alle diese 
Forschungen, wie gleich Anfangs gesagt wurde, ausgezeichnet zu 
nennen; aber sie gehören in diesem Umfange und in dieser Form 
nicht hierher. 

Von dem, was mir hie und da im Einzelnen auffällig oder be- 
denklich erschienen ist, will ich noch Einiges zur Miloniana anführen, 
aber nur in der Hoffnung auf weitere Belehrung. Uebergehn werde 
ich das, was schon Jordan in einer einsichtsvollen Beurtheilung 
dieses fünften Bändchens (imFebruarheftl851 d. Hützellschen Zeitschr.) 
vorgetragen hat. Im Argumentum Asconii §. 8 vermuthet Hr. IL, dass 
statt deinde^ was nicht passt, sed inde zu lesen sei. Sollte nicht 
quae inde näher liegen ? Die §. 12 nach quod Milo sie se def enderei 
vermuthete Lücke dürfte zweifelhaft sein , wenn man das sie nur em- 
phatisch so versteht , wie §. 20 tanto studio beigesetzt ist. Das vor 
Clodium siehende et ist wohl bloss durch Versehn aus der Endsilbe 



Halm : Ciceros ansgewählle Reden. Bd. 3 und 5. S9 

von defenderei entstanden. In §. 16 ist mir stets das idqme ipsnm 
in superiorihus nicht recht verst&ndlieh grewesen ; leh erwartete dafür 
ein idque poiiSBimum oder praesertim, Zn §. 30 ist mit Manu- 
tius inpidiosas statt des handschriftlichen ineidiam anfgenommen 
worden, was mir zu eiiam nicht recht kü passen scheint. Daher 
dürfte die Conjectar inHdi tarn wohl ansprechender sein. Der Ge- 
nitiv in §. 23: aliorum quoque iudicum. . . Pompeiut iaies pro- 
posuit lässt sich schwerlich vertheidigen. Vielleicht ist ntieKiudicum 
wegen der Aehnlichkeit mit dem folgenden qni de ea das Wort fiMis- 
dam ausgefallen, wodurch zugleich das nachstehende Urtheil tri nti m- 
guam neque ciariores eU.^ das von Allen gesagt etwas aufffillig 
ist, eine Beschrinknng erhielte. Zu §. 24 konnte wegen der Bedeu^ 
tung von noH respondere noch auf §. 35 verwiesen werden. Der 
Satz in §. 30: sed iia conUiM^ ui dtximüs^ neuirius consüio pvgna- 
tum esse eo die^ verum ei forte occur risse; ex ea rixa servarum ad 
caedem pervenium ist schwerlich anverdorben. Denn erstens muss 
das et, wenn es auf Milo gehn soll, nach vorhergehendem neuirius 
auffallen, und zweitens scheint das ex ea rixa hier anzudeuten, dass 
das Wort rixa unmittelbar vorausgegangen sei. Vielleicht lasst sich 
mit Versetzung von servorum vermuthen: verum rix am forie or- 
tarn esse servarum^ ex ea rixa iandem ad caedem pereentum. 
Statt amoreri in §. 32 dürfte aeerii den handschri filichen Zügen nä- 
her liegen. In den Worten: ditmnatum auiem opera maxime Appii 
Claudii pronuniiatum est ist Hr. Halm geneigt, vor profwniiaium est 
eine kleine Lücke anzunehmen. Steckt in dem letztern Worte etwa 
prioris nuniiaium est? Vorausgesetzt, dass Appius Claudius prior 
in dem Sinne gesagt sei, wie %, 25 maior Appius gelesen wird. 

In der Rede selbst c. J. §. 2 wird bei consilium eine Kürze der 
Rede angenommen, die mir noch gezwungener erschiene als die §. 50 
bei f^i bestrittene Brachylogie. Warum soll hier consilium nicht ein- 
fach die Einsicht bedeuten? Zu c. 2. §. 4 heisst eine Erklärung: 
^t>estrae auciorilaii dediti^ der Auct. der boni cives^ der Optimalen^ 
denen Cicero sich stets unterordnet.' Aber wie lässt sich beweisen, 
dass Cicero unter boni ciees nur die Optimaten verstanden habe? 
Sodann ist deditus wohl nicht gleich subiectus^ untergeordnet. 
Ich kann die Worte des Redners nur bildlich verstehn : ^ die wir eurem 
Willen und Ralhe stets gehorcht haben, d. h. die wir immer für euer 
Wohl thätig gewesen sind.' — In den Worten c. 4. $. 11: quapro- 
pter hoc maneat in causa wird hoc auf die Schlussworte des Satzes 
bezogen. Aber dies wäre in einer Rede theils hart, weil die bezüg- 
lichen Worte erst nachfolgen und durch bedeutsame Zwischensätze 
unterbrochen sind, theils wäre es nicht logisch, erst von einem ma- 
iwat zu reden , sodann in demselben Athem dieselbe Sache noch ein- 
mal mit einem si' id meminerilts, quod oblivisci nvn polesUs anzu- 
schliessen; ferner schiene mir dafür auch hoc nicht passend, indem 
man in diesem Sinne das einfache maneat erwartete; endlich würde 
der Redner seine Worte wohl ähnlich gestellt haben ^ wie in dAc «a- 



40 Lateinische Litleratur. 

gefährten Parallele. Demnach wird einfach zu erklaren sein : * daher 
soll dieses in der Rechtssache feststehn', d. h. diese Unterschei- 
dung , die er eben angefahrt hat. — In c. 5. §. 12 war bei mtermor- 
iuae doch richtiger zu sagen : * vom Tode wieder aufgelebt.' — C. 8- 
§. 30: ^manmelum^ harmlos' möchte unpassend sein statt mild. — 
Bei c. 9. §. 25 würde ich zu Anfang der Note von se imierpouebai 
unsern Aasdruck *er sagte gut fttr sie oder verpfändete 
sich' hinzugefflgt haben. In §. 26 sehe ich keinen Grund, warum 
man agresies ei barbaros als ethische Bezeichnung zu verstehn 
habe und nicht vielmehr dem ersten Blicke * Sklaven vom Lande und 
Ausländer' folgen dürfe, da im Zusammenhang und in der Sache kein 
Hinderniss. liegt. — In c. 10. $. 28 wird bei puerorum gewarnt: ^man 
hüte sich vor der Uebersetzung Sklaven oder Bursche, die mit 
den Epitheta muliebris und delieaius in Widerspruch stehn würde. ' 
Aber wie soll man die pueri symphoniaci anders als * musikalische 
Sklaven' übersetzen? Und worin soll der * Widerspruch' liegen? 
Ich denke, man werde zur Ausübung der Musik nicht die starkner- 
vigen und robusten Sklaven ausgewählt haben , sondern gerade die 
delicaU^ d. h. Personen von zarterem Körperbau, die deshalb 
auch zartere Speise genossen. Dagegen durfte das ntoUe cimcubina' 
T»m spadonumque agmen des Fabius Valens bei Tacitus Hist. III, 40 
von Hrn. H. nicht herbeigezogen werden. Das ist ganz anderer Natur. 
Denn wenn Cicero hier an einen so sittenlosen comitalus und an 
so lüderliches Gesindel gedacht hätte, so würde er ja den Milo und 
dessen Gattin geradezu compromittirt haben. Der Redner will vieU 
mehr nur den friedlichen und gemüthlichen Reisezug schil- 
dern, der kein kriegerisches Ansehn habe und nicht im Entfern- 
testen an einen insidiaior denken lasse. Man hat demnach die gegen- 
wärtige Stelle etwa zu übersetzen: 'mit grossem Reisegepäck and 
mit weiblicher Begleitung and Personen von zartem Körper , Sklavin- 
nen und Sklaven.' — Der c. 13. §. M zu conslringere angeführte 
Grundsatz : par maiorve poieslas plus ealeto ist dem Cic. hier schwer- 
lich in den Sinn gekommen. Denn im Vordergrunde seiner Darstel- 
lung steht nicht das Amt, sondern die Person: ^$$ cansul^ qui 
eam änderet posseique constringere ^ der den Math und die 
Kraft hätte.' — Auffällig ist mir c. 16. §. 42 die Interpunction in 
fabulam fictam^ levem. Denn wenn Cic. beide Adjectiva getrennt 
gedacht wissen wollte, so würde er wohl die Copula dazwischen 
gesetzt haben. So aber scheint mir fabtUam ßetam nur ^inen Be- 
griff zu bilden und ledern das dazu gehörige Adjeotiv zu sein, so dasa 
das Ganze anserm Meere Erdichtung' entspricht. Gleich wei- 
ter wird von der wankelmüthigen Neigung der Bürger gesagt: qui 
nan modo improbÜaH irascuniur candidatorum^ sed etiam in rede 
f actis fastidiunt^ wozu Hr. H. bemerkt: ^ fastidiuni >, ohne Ob- 
ject , einen Widerwillen empfinden. Man erinnere sieh an das Beispiel 
des Aristides.' Das scheint mir ein Irrthum zu sein , der durch den 
Zusammenhang dieser Stelle widerlegt wird. Wenn nämlich wirklich 



Halm : Ciceros ausgewählte Reden. Bd. 3 und 5. 41 

jene Antwort: $e i^arare ArisUdem^ sed Hbi nan placere quodprae^ 
ier caeieros lusius appellaHu eisei hier eine passende Parallele sein 
sollte, so hätte Cic. wenigstens reete facta saepe fasiidiuni schrei- 
ben müssen. Denn faUidire aliquid heisst bekanntlich ^ das Ganze 
mit Verachtung und Widerwillen zurückweisen ', wie es am Aristides 
geschah; aber fasiidire in aliquare^ wo man nicht nöthig hat von 
einem Fehlen des Objects zu reden , hat partitiven Begriff: nur Einiges 
zurückweisen, so dass es dann in den Sinn von fastidiosum esse über- 
geht. Demnach sagt der Redner: *die— - auch bei guten Hand- 
lungen oft noch etwas auszusetzen wissen.' In §. 43 wird ge- 
sagt: ^Dtttiebai = ve^iurus eraL* Das ist eine gefährliche Note, 
weil hierdurch die enallage temporum von den Todten zurückkehrt. 
Ich denke, dass man derartige Stellen richtiger etwa so zu erläutern 
habe: Die alten Griechen und Römer setzen bisweilen im Anfang oder 
am Schluss der Sätze mit einer gewissen emphatischen Praegnanz die 
blosse Yerbalform , wo wir Modernen nach unserm Gefühl noch ein 
Hilfsverbum dazunehmen. So hier : * diesen gehofften und erwünsch- 
ten Tag des Marsfeldes sich vorstellend wagte Milo — zu kom- 
men?' Auf ähnliche Weise §. 65 : laudabam , wo wir sagen : ich 
musste loben u. s. w. Aber c. 36. §. 99 würde ich nicht sagen : * ri- 
xero =z eidebor eixisse^ (wohl mihi videbor)^ weil damit der Ge- 
danke noch nicht klar wird, sondern ich würde , wenn lateinisch er- 
klärt werden soll, dafür setzen: ^praeclare vixero, i. e. felicem me 
praedicavero ', oder in einer Schulausgabe : * ich würde mich glück- 
lich preisen. Warum das futurum exactum ? ' — Das bei quod ca- 
pui est in allen Handschriften stehende audaciae wird geradezu eine 

* unlateinische Wendung' genannt. Warum soll man aber für unser 

* was die Hauptsache beimWagenist' lateinisch niemals so sagen 
dürfen? — Statt c. 17. §. 45: ^antevertii^ seil, profieisci* wäre 
wohl ein deutsches *er kam ihm zuvor' besser gewesen. Das 
folgende: ^fuit^ i. e. habita est* kann misverstanden werden, indem 
nunmehr ein angehender Secundaner leicht übersetzt : * die Versamm- 
lung wurde für sehr unsinnig gehalten ; ' darum wäre auch hier ein 
deutsches ^stattfand' besser gewesen. — Zu c. 18. §.48 fasst 
Hr. H. das ^occurrit^ in seltner Bedeutung für obsistit^ obici potest.' 
Sollte hier nicht wegen des nam die herkömmliche Deutung: ^denn 
es fällt mir ein, was die Gegner sagen' die einfachere 
sein? — Zu c. 21. §. 57: occideritne? occidit nimmt Hr. H. als Sub- 
ject an : is ex quo quaerebatur. Aber dann müsste beim Redner oc- 
ciderisne? occidisti stehn; bei der dritten Person dagegen war is de 
quo quaerebatur zu sagen. — Bei c. 23. §. 63: CatiUnam atque illa 
portenta haben römische Leser höchstwahrscheinlich nur an per- 
sönliche Bezeichnung gedacht, theils wegen der Concinnität, theils 
weil ihnen aus den Catilinarien das a monstro ilio atque prodigio^ 

die sentina und Aehnliches vorschwebte. Bei der directen Rede 

in c. 24. §.64: domus — scutis referta sollen dem Redner schon die fol- 
genden Worte delata etc. vorgeschwebt haben. Aber kann devvak^^<^^ 



42 Lateinische Litteratnr. 

dem Hörer, für den jede Rede berechnet sein muss, schon etwas 
vorschweben , was erst nachfolgt ? Naher liegt jcdesfalls , dass Cic. 
hier an das vorhergehende indicatur gedacht habe , woza er in der 
Construction zurückkehrt — Ich zweifle, ob c. 25. §. 68 in den 
Worten ne isle kaud dubie cessisset patria das dafür aufgenommene 
nie nothwendig sei. Denn das isle scheint mit absichtlicher Feinheit 
gesetzt zu sein: * wahrlich so wäre er (der vermeintliche Feind) aus 
dem Staate gewichen.' Die zu aniesiarelnr gegebene Ergänzung ist 
mir nicht verständlich genug. — Statt der Ausdrücke * Epithel' S.68; 
* Correclio in Form' und * do lose r Todtschlager' S. 71 doch lieber 
deutsche Wörter ! — Wenn c. 29. §. 79 mit Nägelsbach gedeutet 
wird: ^ condicionis^ Vorschlag', so scheint mir nichts anderes ge- 
schehn zu sein, als dass ein specielier Begriff untergeschoben ist, 
während der römische Redner den allgemein ern Ausdruck * L a g e ' 
gebraucht hat. — In c. 30. §. 81: in ea confessione hat Hr. H. nach 
der Vermuthung von Heumann und Zumpt das in in Klammern einge- 
schlossen. Nun, dann heisst es: * durch dieses Geständniss ', wäh> 
rend Cicero nach den Handschriften *bei diesem Geständniss' sagt, 
was hier eben so passend erscheint wie §. 100 zu Ende. — Zu c. 32. 
§. 86: ^ sine ftiitere, überhaupt ohne feierliches Leichenbegängniss' 
die Frage : wo steht das überhaupt, da die Worte nicht das letzte 
Praedicat enthalten , das erst mit spoliatus iliius supremi diei ceiebri- 
tate nachfolgt? Das funus ist einfach pompa funebris^ wie %. 33 
dafür gesetzt ist. — Das blosse haec ohne beigefügtes arma c. 35. 
§. 96 schiene mir in dieser Verbindung allzu dunkel gesagt zu sein. 
— In den Schlussworten von c. 36. §. 100: non abnuo^ non recuso^ 
eosque obsecro ^ iudices^ ui vestra beneficia^ quae in me contulisiis^ 
aut in hfiius saluie augeatis aul in eiusdem exitio occasufa esse H- 
deatis hat Hr. H. der Erörterung von Nägelsbach tat. Stil. S. 311 sei- 
nen Beifall gegeben, wozu ich mir eine allgemeinere Bemerkung er- 
lauben will. Der treffliche Nagels b ach besitzt eine grosse Virtuo- 
sität, lateinische Wendungen im Deutschen schlagend wiederzugeben. 
Aber er hat sich bisweilen durch seine Combinationsgabe über die 
Grenze der Möglichkeit hinausführen lassen, indem er theils in ein- 
zelne Wörter hineinlegt, was nur in Verbindung des gan- 
zen Satzes liegt , theils einen zu deutschen Standpunkt einnimmt, 
wodurch gerade das Wesen der lateinischen Struclur, die dem Schüler 
zum Bewusstsein kommen soll, verloren geht. Das Letztere ist der 
Fall, wie ich meine, bei Beurtheilung der vorliegenden Stelle. Wenn 
wir nämlich mit Nägelsbach sagen : ^ der Lateiner gebrauche zuweilen 
aui . . . aufm einer Verbindung, in welcher wir das zweite Glied 
nur mit wenn nicht subordiniren können' und demnach die obige 
Stelle dem Sinne nach deuten: Mch beschwöre euch, ihr Richter, die 
mir erzeigten Wohlthaten durch Erhaltung Milos zu vermehren, wenn 
ihr sie nicht mit dessen Verderben ebenfalls zu Grunde gehn sehn 
wollt'; so schieben wir eine ganz andere Gedanken form unter, 
an welche der Römer auch nicht im Entferntesten gedacht^ hat. Denn 



Halm : Cicero8 ausgewählte Reden. Bd. 3 und 5. 43 

um dies annehmen zu können , mässte diese AUraction bei den Römern 
die regelmässige Construction sein. Nun aber findet sich die Subor- 
dination mit wenn nicht, wo dieser Gedanke wirklich bezeichnet 
werden soll , im Lateinischen eben so häufig wie im Deutschen ; die 
wenigen Ausnahmen müssen daher , weil sie anders gedacht sind, auch 
anders erklärt werden. Noch weniger durfte es statthaft sein , Home- 
rische Stellen , wie hier mit U. x^ 108 — 110 geschieht, damit in Ver- 
gleichnng zu stellen , weil Homerische Parataxe für lateinische Syn- 
taxis nichts beweisen kann. Sodann ist sowohl bei der obigen Deu- 
tung als auch bei den Worten: ^ Cicero beschwört die Richter um das 
augere, nicht um das occasura esse videre* unbeachtet geblieben, 
dass der Redner seinen Gedanken nicht bloss von eos obsecro abhän- 
gig macht, sondern zugleich durch das vorhergehende non abnuOy 
non recuso *ich erklare mich mit Worten und Mienen bereitwillig 
dazu' 'näher motivirt hat, ja dass er vielleicht ohne diese Worte eine 
andere Redeform gebraucht haben würde, was auch daraus erhellen 
möchte, dass er nicht augeri^ sondern augeatis gesagt hat. Nach 
dem allen hat Cic. im zweiten Theile offenbar nur folgenden Gedanken 
ausdrücken wollen : ^oder dass ihr erleben (erkennen) sollt, 
dass beim Untergang des Milo das Andenken an eure Wohltbaten in 
meiner Seele verschwinden werde.' Und diese Gedankenform darf 
man ilun durch keine moderne Umformung wegwischen wollen. Dies 
geschieht aber bisweilen an den Stellen , wo Nägelsbach den Faden 
seiner gelehrten und geistreichen Erörterung zu Nebenpartien hinüber- 
spinnt. Von etwas Anderer Art ist das Beispiel , welches Hr. H. mit 
den Worten : ^ eine ähnliche Atlraction hatteu wir §. 84 in vincere- 
iurque^ hinzugefügt hat. Denn dort wird die Folge vom Eingeben 
des Gedankens mit gue angeschlossen und von dem Herausgeber selbst 
zu der Stelle ganz richtig erläutert. 

Ich hätte noch Manches im Einzelnen vorzutragen , was mir Be- 
denken oder Zweifel erregt, wenn nicht der Umfang, zu welchem 
meine kleinen Bemerkungen schon angewachsen sind , einen Stillstand 
geböte. Möge die Ausführlichkeit in dem Urtheile Entschuldigung 
finden, dass man diese Forschungen in wissenschaftlicher 
Hinsicht nicht hoch genug anschlagen könne. In dieser Bezie- 
hung ist nur der Wunsch beizufügen, es möchten sich in dem An- 
geführten einige Kleinigkeiten finden, die dem berühmten Philologen 
zu erneuerter Prüfung Veranlassung würden. Wenn ich aber über die 
paedagogische Einrichtung dieser Ausgabe mein Urtheil un- 
umwunden hingestellt habe, so kann sich Hr. Halm in voller Berechti- 
gung mit dem Bewusstsein trösten, dass es die Stimme eines Einzel- 
nen sei, von der ungewiss bleibt, ob Andere aus selbständiger Prü- 
fung und eigner Erfahrung ihr beistimmen können. Denn auf grössern 
Einfluss darf keine Beurtheilung in unseru Tagen Anspruch machen. 
Es bleibt mir jedoch die Gewissheit , dass ich mich der Hauptsa- 
che nach in Uebereinstimmuug mit dem fühle, was die Hrn. Rauchen- 
stein , Bäumlein , Jordan und Wendt über einzelne Bände det W^v5i.- 



44 Litteraturgeschichte. 

mannschen Sammlung an verschiedenen Orten geiirlheilt haben , wenn 
ich anch ans eigner Erfahrung der praktischen Ueberzeugung lebe, mün 
mflsse hier und da im Interesse der Schüler noch einen Schritt weiter 
gehn. Ob aber Hr. Halm seine Methodik in den folgenden Bandchen 
andern werde , das wird ohne Zweifal nach nochmaliger Prüfung nur 
davon abhängen, wie weit er das obige Urtheil mit seiner lieber- 
Zeugung vereinbar findet. Jedesfalls darf er das sichere Bewusst- 
sein nähren, dass man dem weitem Fortgange seiner Bearbeitung 
mit Verlangen entgegensieht. 

Mühlhausen. Ameis. 



Demostfienes der Staatsmann und Redner von Dr. Solu, k. Pro- 
fessor an der Universität zu München. Wien 1853. Wilh. Brau- 
muUer. 8. VJH und 212 8. 

*In den fieberhaften politischen Zerwürfnissen der Gegenwart' 
sagt Hr. Söltl in dem Vorworte * da so viele das gemeinsame Heil 
nur in dem gänzlichen Umstürze des Bestehenden und von der Grün- 
dung einer Republik erwarteten, da beinahe jeder Tag einen andern 
Staatsmann werden und vergehen sah; in dieser Zeit einen gefeierten 
Staatsmann des Alterthums betrachten, seine Ansichten, Plane nnd 
Bestrebungen , sein vielbewegtes Leben und endlich seinen Tod vor- 
überführen, und dabei die inneren traurigen zerrissenen Zustände 
der vielgepriesenen Hellenischen Republiken offen darlegen: dies 
könnte, schien mir, den einen zur angenehmen Erholung, den an- 
dern zur Warnung und Belehrung dienen.' Kürzer fasst der Ver- 
fasser am Schlüsse seine Aufgabe dahin zusammen: *ich wollte einen 
Staatsmann zeigen — dessen Leben und Tod eine glänzende Lobrede 
auf die Monarchie sind.' 

Wer das Leben eines Staatsmanns schreiben will , dessen eigne 
Zeugnisse über sein Streben und seine Thaten uns noch vorliegen, 
während wir auf der andern Seite seine wirklichen oder angeblichen 
Schwächen und Fehler in den Reden seiner politischen Gegner scho- 
nungslos aufgedeckt finden , kann auf verschiedene Art zu Werke ge- 
hen und verschiedene Zwecke bei seiner Darstellung verfolgen. Ent- 
weder sucht er vor allem aus dem Streite der Parteien und wider- 
sprechenden oder unsichern Berichte die Wahrheit zu ermitteln und 
schlägt zu dem Ende das kritische Verfahren ein. Er wird dann die 
Uebcrlieferung Schritt vor Schritt untersuchen, er wird sich bemü- 
hen zweifelhafte und dunkle Partien aufzuhellen, bestrittene Fragen 
zur Lösung zu bringen, und wird so einen sichern Grund legen, um 
ein Gesammtbild des Mannes, seiner Gedanken und seiner Thaten zu 
entwerfen. Wer diesen Weg geht, setzt die mitforschenden in den 



Söltl : Demosthenes der Staatomann und Redner. 45 

SUnd ihm fiberall nachznfolgeD und seine Behanptung^n an den Quel- 
len selbst zu prüfen. Auf diese Weise trägt er das seine zur Förde- 
rung der Wissenschaft bei , sieht sich aber allerdings genöthigt, oft- 
mals stille SU stehn und auf Umwegen dem Ziele zusustenem: er 
muss auf Leser rechnen, welche um die Frucht zu gemessen die 
Mühe, mit der sie gewounen wird, nicht scheuen. Ein andrer Weg ist 
der , dass man dem Leser das gewonnene Resultat allein gibt, wäh- 
rend man ihm die Mühe erspart nach demselben mitzuringen: man 
stellt ihm das vollendete Bild vor Augen, ohne ihn in die Werkstatt 
blicken zu lassen: man lädt ihn ein sich an dem Ganzen zu erfreun, 
ohne dass er den einzelnen Pinselstrichen zu folgen braucht. In die- 
sem Falle , denke ich , ist der Geschichtschreiber eher zu einer grös- 
sern Gewissenhaftigkeit verpflichtet, als dass er glauben dürfte ein 
leichtes Spiel zu haben, denn er steht allein mit seinem Namen für 
seine Darstellung ein. Er darf es sich also nicht ersparen, wenn er 
einen Staatsmann und Redner schildern will, mag dieser-dem Alterthum 
oder der neuem Zeit angehören , seine Reden selber zu lesen , dazu 
die gegen ihn gehaltenen, und endlich sich mit dem bekannt zu machen, 
was sonst noch über sein Leben gemeldet wird. Nur so wird er Fleiss 
und Treue, die ersten Pflichten des Historikers, bewiesen haben. 

Hr. Söltl hat den historisch-kritischen Weg nicht betreten wol- 
len. 'Die Alterthnmsforscher ' sagt er selbst * welche das unnenn« 
bare Vergnügen gemessen aus der Quelle selbst zu schöpfen, ver- 
weise ich $in diese. Mir war es nicht darum zu thnn, die vie- 
len langen und gelehrten Abhandlungen über einzelne Reden, Per- 
sonen und ZeitverhüUnisse zu vermehren.' Er wollte ein Gesammt- 
bild der Zeit und des Mannes geben, und zu dieser Aufgabe hat er 
schon längst sich gerüstet: ^schon früher, da ich meinen Schülern ein- 
zelne Reden des grossen Meisters erklärte, suchte ich in den Geist 
desselben einzudringen und sammelte Vieles über ihn und seine Zeit. 
Jetzt ordnete ich die zerstreuten Blätter, nachdem ich die neuesten 
Forschungen benützt hatte , und gestaltete daraus ein Ganzes.' Wir 
müssen gestehn , dass uns in diesen Worten nicht alles klar ist. Hat 
Hr. Söltl nicht das Glück gehabt aus der Quelle zu schöpfen, wegen 
dessen er die Alterthnmsforscher preist? Hat er nur aus einzelnen 
Reden des Meisters den Hauch seines Geistes verspürt? Wir können 
nicht glauben, dass er den Historiker und Biographen , welcher seinen 
Stoff aus dem Alterthume wählt, von einer Pflicht entbinden will, die 
ihm nicht minder obliegt als dem Alterthnmsforscher: und doch 
scheint es fast so. Wenn wir das Buch selbst aufschlagen , müssen 
wir uns überzeugen, dass Hr. Söltl Demosthenes als Staatsmann und 
Redner hat darstellen wollen , ohne ihn nur durchgelesen zu haben. 
Ein schlagender Beweis ist gleich auf der dritten Seite. Hr. Söltl hat 
gesagt, Demosthenes Geburtsjahr (385 oder 381 ?) könne nicht genau 
bestimmt werden. Darüber rechten wir mit ihm nicht. Weiter aber 
heisst es von dem Vater des Redners, der als ein angesehener Bürger 
*ana der Gemeinde Päania bei Athen' bezeichnet wird.^ ev %^\ \&^^&c^^ 



46 , Litteraturgeschichte. 

erkrankt, *da sein Sohn erst sieben Jahr alt war', und in der Rand- 
uote ' ist hinzugefügt : * Nach der Annahme , Demosthenes sei 385 
geboren.' Wenn Hr. Söltl nur die ersten beiden Seiten der Reden 
des Demostheues gegen seine Vormünder hätte nachsehn wollen , bo 
würde er gelesen haben , dass Demosthenes mit ausdrücklichen Wor- 
ten sagt, er sei beim Tode seines Vaters sieben Jahre alt gewesen. 
Das also steht fest; nur der Tod des Vaters wird je nach der Bestim- 
mung von Demosthenes Geburtsjahr verschiedenen Jahren zngetheilt: 
darauf aber hat sich Hr. Söltl gar nicht eingelassen. Es Usst sich 
denken , dass Hr. Söltl sich um die Gegner des Demosthenes nicht viel 
mehr gekümmert haben wird. Bei den Verhandlungen über die Ge- 
sandtschaft zu König Philipp schildert er (S. IIO) den Aeschines als 
den geschickten Redekünstler — *der dabei häufig wie ein echter 
Lügner sich widerspricht, der nicht mehr weiss was er gesagt hat. 
So entschuldigt er die freche Behandlung einer Freien als eine in der 
Trunkenheit verübte Mishandlung, und später sagt er, die ganze Er- 
zählung sei eine von Demosthenes erdichtete Lüge.' Wunderbar! die- 
ser gewandte Künstler, der alle möglichen Listen Übt, um seinem 
wohlgerüsteten Gegner sich zu entwinden , ist auf einmal so täppisch 
und unbeholfen, dass er selber nicht mehr weiss was er gesagt hat? 
Wir schlagen Aeschines Rede gegen Demosthenes selber auf und le- 
sen gleich in der Einleitung (§. 4 f. S. 190 f. R.): Mch gerieth ausser 
mir und mich empörte die Anklage, als Demosthenes mir in trunke- 
nem Muthe verübten Frevel gegen ein freies Weib von olynthischer 
Abkunft vorwarf; aber es war mir eine Freude , als ihr ihn bei die- 
ser Anklage unterbracht, und ich glaube damit den Lohn für meinen 
unbescholtenen Wandel empfangen zu haben. Euch also gebührt 
mein Lob und meine besondere Liebe, dass ihr auf den Lebenswan- 
del der vor Gericht stehenden mehr gebt als auf die Anklage ihrer 
Feinde: deunoch aber glaube ich von der Vertheidigung dagegen 
nicht abstehen zu dürfen. Denn wenn irgend einer aus der Mitte der 
Zuschauer oder unter euch, die ihr zu Gericht sitzt, sich für 
überzeugt hält, dass ich irgend etwas der Art verübt habe nicht nur 
gegen eine freie Person , sondern gegen irgend wen , so ist es mir 
unerträglich länger zu leben : und wenn ich nicht im Fortgang mei- 
ner Vertheidigung beweise, dass die Anklage eine Lüge ist und der 
sie zu erheben wagte ein gottloser Mensch und ein Sykophant: mag* 
ich auch in allen andern Stücken völlig gerechtfertigt dastehn , ich 
erkläre mich dennoch für des Todes schuldig.' Den versprochenen 
Beweis , dass Demosthenes Lügen ersonnen habe , sucht Aeschines ge- 
gen Ende seiner Rede (§. 163 ff. S. 319 f. R.) zu führen : nichts aber 
liegt ihm ferner als die Mishandlung einer Freien einzugestehn und 
mit seinem trunkenen Zustande entschuldigen zu wollen. 

Wir haben an zwei Beispielen gezeigt, dass Hr. Söltl die Reden, 
über welche er schreibt, entweder nicht einmal angesehn oder das 
Gegentheil von dem was sie besagen herausgelesen hat. Als letztes 
Beispiel von seiner Kenntaiss der Vorgänge, von denen er handelt, 



SöUl: Demosthenes als Staalgmatin und Redner. 47 

wählen wir den Harpalischen Process. Wir haben darüber eine Klag- 
schrift, welche unter Dinarchs Reden steht, und seit dem J. 1848 sind 
wichtige Bruchstücke von der Rede, welche Hyperides in dieser Sache 
als Ankläger gegen Demosthenes hielt, aus den aegyptischen Katakom- 
ben ans Licht getreten. Hr. Söltl aber hat es nicht der Mühe werth 
gehalten sich darum zu kümmern; statt dessen hält er sich an die 
Briefe des Demosthenes, an deren Echtheit ihm kein Zweifel beige- 
kommen zu sein scheint. Am Schluss des Buchs aber kommt er noch 
einmal auf diese Sache zurück mit folgenden Worten : ^ Selbst seine 
Unschuld wegeu der angeblichen Bestechung wurde einer Sage zu- 
folge noch offenbar; denn bald nachdem Harpalos ans Athen ent- 
wichen, wurde er von einem Makedonier meuchlings ermordet, sein 
Schatzmeister aber, gedrängt zur Angabe über die Verwendung der 
Gelder , nannte in einem Briefe nach Athen die Namen Aller und die 
Summen, welche Jeder erhalten hatte, des Demosthenes aber ge- 
dachte er nicht.' Wir begreifen nicht, welche Gründe Hrn. Söltl be- 
wogen haben das von Pausanias (2, 33, 4) aufbewahrte Zeugniss für 
eine Sage zu halten : aber selbst eine Sage durfte nicht in ihrem we- 
sentlichsten Punkte verwischt werden. Die Sache ist nämlich diese. 
Als Harpalos ermordet war (wir lassen die Frage durch wen ? ganz 
bei Seite), kamen seine Diener in die Hände des Philoxenos, der als 
Finanzbeamter Alexanders in Kleinasien öfters genannt wird; er war 
es auch der im Namen des Königs die Auslieferung des Harpalos und 
seiner Schätze von den Athenern gefordert hatte. Philoxenos ruhte 
nicht eher, als bis er aus -den Dienern und namentlich dem Schatzmei- 
ster herausgebracht hatte, wer alles von den Geldern des Harpalos be- 
kommen habe. Alsdann sandte Philoxenos ein Schreiben nach Athen, 
in welchem er die Namen derer , welche von Harpalos Geld empfangen 
hatten, und die Summen , welche jeder erhalten , aufführte : des De- 
mosthenes aber gedachte er nicht einmal , obgleich dieser dem Alexan- 
der am meisten verfeindet war und Philoxenos ihn persönlich hasste. 
Also handelt es sich nicht um den Brief eines Sklaven , dem keine Be- 
weiskraft beizulegen wäre , sondern um ein amtliches Schreiben, wel- 
ches von dem Bevollmächtigten des Königs in der Harpalischen Sache 
auf Grund der angestellten Untersuchung an die athenischen Behörden 
erlassen wurde. — Wir glauben nicht nöthig zu haben an weitern Bei- 
spielen nachzuweisen, wie es mit Hrn. Söltls Kenntniss der Reden 
des Demosthenes und der urkundlichen Zeugnisse zur Geschichte sei- 
ner Zeit bestellt ist. Da darf es uns nicht wundern, wenn er auf ^die 
langen und gelehrten Abhandlungen über einzelne Reden, Personen 
und Zeitverhältnisse' herabsieht, doch bedauern wir, dass er die 
neuesten Forschungen , welche er zu seinem Buche benutzt haben will, 
nicht näher bezeichnet hat. Angeführt wird bloss auf S. .120 ^ der 
Verfasser des Art. Demosthenes in Paulys Realencyclopaedie', aber 
sorgfältig benutzt ist dieser von Westermann gelehrt und ieissig be- 
arbeitete Artikel nicht ; dagegen finden wir nicht erwähnt die von Fr. 
Jacobs verfasste Uebersetznng von Demosthenes Staatsred&vi^ ^^^^ ^^ 



48 Litteratttrgeschichte. 

ganze Stacke mit geringen Abänderungen abgedruckt sind; man yergl. 
z. B. S. 114 f. mit Jacobs Uebersetzung 2. Ausg. S. 273 f. Was Nie- 
buhr, Böckh, K. F. Hermann, Winiewski, Vömel, Böhnecke, Droy- 
sen u. a. zur Kenntniss von Demosthenes und seiner Zeit beigetragen 
haben, ist von Hrn. Söltl, so viel wir haben wahrnehmen können, 
nirgends zu Rathe gezogen worden. 

Doch fordern wir nicht zu viel von einem Buche , das zunächst 
keinen andern Zweck hat, als die traurigen Zustände der hellenischen 
Republiken offen darzulegen, unserer Gegenwart die Vergangenheit 
als Spiegel vorzuhalten ? Gewiss ist dies eine lohnende Aufgabe und 
in dieser Beziehung bietet das Demosthenische Zeitalter reichen Stoff 
zur Belehrung dar. Wir wollen nur 6ine Seite berühren , die heillose 
Finanzwirthschaft , welche wesentlich zu dem sittlichen und politi- 
schen Untergange des athenischen Volkes beigetragen hat. Und wie 
hatBöckhs Meisterwerk von der Staatshaushaltung der Athener auf die- 
sem Gebiete die Wege geebnet und alles zusammengefasst, was zur 
Kenntniss und zur Würdigung dieser Dinge erforderlich ist; wie 
trefflich hat Böckh namentlich die Vertheilung öffentlicher Gelder un- 
ter das Volk zu Spielen und Festmahlzeiten, diesen ^Krebs der öffent- 
lichen Wohlfahrt' geschildert! Vergleiche man damit wie Hr. Söltl 
dergleichen abthut. S. 66 lesen wir folgendes : * Seit dem Jahre 452 
V. Chr. waren alljährlich Tausend Talente in den Schatz zurückgelegt 
worden mit der Bestimmung, ihn nur bei dringender Gefahr zu ver- 
wenden. Ferikles aber Hess von diesem für den Krieg bestimmten 
Gelde an jeden Bürger zweiObolen als Theatergeld vertheilen, um den 
schaulustigen Athenern diesen Genuss für einen Obol zu verschaffen und 
den andern Obol zur Entschädigung für den Zeitverlust; doch sollte 
damit die anfangliche Bestimmung des Geldes nicht aufgehoben wer- 
den. So wurde aber das Volk an den Genuss dieses Einkommens ge- 
wöhnt, und so lange Friede blieb, fühlte man den dadurch der 
Kriegskasse erwachsenen Schaden nicht' u. s. w. Wer dieser Dar- 
stellung folgt , wird auf keinen andern Gedanken kommen können, als 
dass der athenische Staat glücklich zu preisen sei, dessen Verwal- 
tung Mittel fand jährlich 1000 Talente , d. i. etwa anderthalb Millionen 
Thaler unseres Geldes zurückzulegen, und wer wird es der attischen 
Volksgemeiude verargen, wenn sie davon 25 bis 30 Talente, oder auch 
das doppelte, auf die Festspiele für sich verwendete? denn auf so viel 
kann man nach Böckh a. a. 0. N. A. 1, 315 die jährliche Ausgabe für 
das einfache Theatergeld veranschlagen. Aber es steht allerdings 
ganz anders damit. Was nämlich jene 1000 Talente betrifft, die Hr. 
Söltl hier hereinmischt, so wurden diese von dem vorräthigen Schatze 
abgesondert zurückgelegt im ersten Jahre des peloponnesischen Krie- 
ges (431), mit der Bestimmung, dass sie nur in dem Falle angegrif- 
fen werden sollten , wenn die Stadt Athen selbst von der See her an- 
gegriffen würde. Daran band man sich allerdings nicht, sondern es 
wurde jene Summe gegen die ursprüngliche Anordnung zum Kriege 
ausser Landes verwandt, als die Seeherrschaft der Athener überall 



Seyffert: Palaestra Ciceroniana. 49 

bedroht war. Aber die Theatergelder haben mit Jenen 1000 Talenten 
gar nichts zu thun, sondern sie wurden von den UeberschOssen be- 
stritten, welche dem Gesetze nach ungeschmälert der Kriegscasse zu- 
fliessen sollten , und je zerrütteter der Staat wurde und je weniger Ein- 
kaufte er von aussen her bezog, um so gieriger war das Volk nach 
dem Solde für Theater und Festgelage und setzte, um dem Simien- 
genuss zu fröhnen , Freiheit und Selbständigkeit aufs Spiel. Von die- 
sem Abgrunde suchte Demosthenes die Athener zurflckzureissen , und 
zum Theil ist es ihm gelungen: er hat, wie Niebuhr mit Recht sagt, 
ein von Demagogen verdorbenes und von Schmeichlern verführtes 
Volk durch die Kraft seiner Rede und seinen sittlichen Ernst gebildet 
und erzogen, er hat sie für alles grosse und herrliche empfänglicher 
gemacht. So konnte er das drohende Verderben aufhalten, aber es 
abzuwenden gieng über seine Macht. 

Wir haben angedeutet, auf welche Weise das Leben des De- 
mosthenes und die Schäden der athenischen Demokratie, mit denen 
dieser grosse Staatsmann den Kampf unternahm, unserer Zeit zur 
Lehre und zur Warnung vorgehalten werden können , müssen uns aber 
entschieden dagegen verwahren, dass monarchische Gesinnung zur 
Schau getragen werde als Aushängeschild leichtfertiger Buchmacherei. 

Grimma. Arnold Sckaefer. 



Palaestra Ciceroniana. Materialien zu lateinisdien Stilubungen für 
die oberste Bildungsstufe der Gymnasien. Von Dr. M, L. Sef[fferif 
Professor am Joachimsthalschen Gymnasium zu Berlin. Zweite ver- 
besserte und vermehrte Auflage. Brandenburg 18^7. Druck und 
Veriag von Adolph MuUer. XV n. 328 8. gr. 8. 

Mit herzlicher Freude begrüsst Rec. die zweite Auflage dieses 
trefflichen, in seiner Art ausgezeichneten Schulbuchs, in welchem mit 
praktischer Einsicht und ausnehmender Geschicklichkeit sich alles gar 
zweckmässig vereinigt, besorgt und zngerfistet findet, was zur Kunst 
eines echt lateinischen Stils anleitet und verhilft und welchem eben- 
deshalb, aller ihm noch anhaftenden Fehler und Schwächen ungeachtet, 
die gegen die hervorragenden Tugenden desselben von geringem Be- 
lang sind, die weiteste Verbreitung und fleissigste Benutzung ge- 
wünscht werden muss. Das Titelblatt nennt diese zweite Auflage der 
Palaestra Ciceron. eine verbesserte und vermehrte, und in dem 
Vorwort zu derselben wird das Verdienst der Verbesserung zum 
grössten Theil den Herren Recensenten der ersten Auflage, vor allen 
Nauck, nächst diesem Moser und Schultz zugeeignet, die 
ausser der allgemeinen Beurtheilung des Werkes einer genauen und 
sorgfaltigen Prüfung des Einzelnen sich unterzogen haben. Vcc- 

iV. Jahrb. f, PhU, u. Paed. Bd, LXV. Bfl. l. ^ 



dO Lateinische Spracinvissenschaft. 

mehrt wurde die neue Auflag^e nur um einige Materialien, nämlich 
Hat. VI. Cap. 27: lieber Augustus letzte Worte von Fr. Jacobs; 
Cap. 28: Zur Charakteristik Tibulls von Fr. Haase; Cap. 29; Die 
Nemesis der Griechen von K.Zell; Cap. 30 : Der Zweck der Gelehrten- 
schnle von LDöderlein. Mat.XllI. Cap. 1 — 18: lieber jlen Ursprung 
der Opfer von Fr. A. Wolf und Hat. XIV: Parallele zwischen 
Achilleus, Patroklos und Hektor von K. Zell. Wenn der Herr 
Verf. am Schlüsse des Vorworts bekennt, dass er der Materialien 
gern mehr gegeben hatte , wenn es ihm seine veränderten Verhältnisse 
möglich gemacht hätten , so kam es einmal auf einen recht ernstlichen, 
durch keine Schwierigkeit einzuschüchternden Versuch an, der preis- 
würdigen Maxime des Aristippus (Horat. Epist. I, 1, 19) treulich 
nachzuleben , was dem sonst mit so grosser , ausdauernder Liebe ge- 
pflegten Buche zu erheblichem Vortheil ausgeschlagen sein würde. 
Uebrigens ist bei Aufnahme der neuen Materialiev einer logisch < ge- 
ordneten , schönen und periodisch in sich geordneten Darstellung des 
Inhalts, der obendrein steilenweise ein irriger ist, bedauerlicher 
Weise nicht die gebührende Rücksicht zugewendet und somit eine 
correcte, praecise und geschmackvolle Latinisirung desselben mehrfach 
hintertrieben worden. So ist es anstössig und seltsam, wenn Mat. VL 
Cap. 27 Wieland den Schlüssel zu der, wie er meint, uner- 
klärlichen Verwandlung in dem Charakter des Augustus findet, wo 
Hr. S. im Commentar nachhelfend wendet: tUud intelUgi exisiimatj 
quod explicari vixposse videatur; wenn ebendaselbst statt des 
Auffälligen Bewunderungswürdiges genannt und bemerkt 
wird, dass in jenem Ausdruck des sterbenden Kaisers 
das gewöhnliche Bild des menschlichen Lebens enthal- 
ten sei, dann wieder von dem Schlüssel zu dem Geheimniss 
geredet und am Schlüsse gesagt wird :*dieselbe Lehre gibt £pi- 
Htet' tt.s.w. da vorhergeht: *Der Weise, sagt Aristo bei Diog. Laert,' 
VII, 160, ist dem guten Schauspieler gleich, der jede übernommene 
Rolle gehörig (jtqo<Srjfii6vxG)g) spielt.' Wie incorrect und in seiner 
Form verabsäumt ist Cap. 28 der Satz: *Das Land liebt er (Ti- 
bull) nicht etwa aus einem tiefen Sinn für Naturschönheiten, der 
überhaupt bei den Alten nicht zu finden ist, sondern es ist das 
Leben auf dem Lande, seine Einfachheit,, seine leiden- 
schaftslosen Geschäfte, seine unschuldigen Freuden 
und fröhlichen Feste, seine Frömmigkeit ist es, was er liebt' 
n. s. w. Etwas weiter hinab heisst es : ^Delia , seine erste und beste 
Geliebte, war ein Mädchen von niedrer Herkunft, und so lange ihre 
Schönheit keine Verführer anlockte, treu und von reinen, unschul- 
digen Sitten, fern von Verschwendung, Habsucht und Hochmuth.' Nun 
das konnte sie ja auch füglich immerfort bleiben, selbst wenn ihre 
Schönheit Verführer massenweise herbeilockte. Gleich darauf stossen 
wir auf folgende Passage: ^Gewiss erschienen dem verliebten Dichter 
die sonstigen geistigen und körperlichen Vorzüge seiner Delia voll- 
kommen genügend, um sie sich als eine auch dem Messala angeneh- 



SeyiTert: Palaestra Ciceroniaiia. 51 

me Wirthin zu denken, der doch, obwohl ein vornehmer und 
gebildeter Mann, ohne Zweifel fttr Schönheit und freundliche 
Anmuth so viel Sinn hatte, daas er darüber nach andrer Bildung 
zu fragen vergass.' Ferner: *Wie dem Tibull das stille, einfache 
Landleben zusagt, so ist auch seine Liebe still und einfach: Ruhe 
von Sorgen und glücklicher Genuss mit dem sichern Bewusstsein ge- 
genseitiger Treue sind die Ansprüche, welche er daran macht.' 
Woran? an seine Liebe? wie drollig! Weiter: *Ein solches Ge- 
müth, wenn gleich leicht zu entzünden (I, 3, 37), verlangt doch 
ebensosehr ein dauerndes Verhältniss' u. s. f. 

Gap. 30 lautet folgendermasseu :^Noch heutzutage (dieGegen- 
wart ist ja aber vorzugsweise in realistisch-materialistischen Bestre- 
bungen befangen. Uebrigens lauten die Worte bei Döderlein: *Ich 
spreche hier nicht vor Männern, von denen ein Einspruch zuyerwarten 
wäre, als werde die Schule zweckmässiger durch solche Beschäfti- 
gungen zu dem künftigen Lebensberuf bilden^) hört man Stimmen, 
dass die Schule (laut der Ueberschrift soll vom Zweck der Ge- 
lehrtenschule die Rede sein) zweckmässiger durch solche Be- 
schäftigungen zu dem künftigen Lebensberuf bilde, die diesem am 
meisten dienen und ihm verwandt sind, wie der Arzt durch 
möglichst frühzeitige Naturkunde. Aber die Vernunft ha( 
es prophezeiht (warum doch p r o p h e z e i h I?), die Erfahrung hat 
es erfüllt (bestätigt, bewiesen, dargethan, gelehrt), 
dass diese Art der Erziehung (von einer Art war noch gar 
nicht und vorher vom Bilden die Rede), deren Unfehlbarkeit 
(Erspriesslichkeit,Zweokmä8sigkeit, Vortrefflichkeit) 
gerade dem beschränktesten Geist am schnellsten einleuchtet und dem 
Oberflächlichsten als der einzige Weg zur Gründlichkeit erscheint (die 
Unfehlbarkeit? — ^ jede geistigere Berufsart zu einem vorneh- 
men (warum gerade vornehmen? Im Commentar dafür die Wen- 
dung: liberalissima studio iftgeni* non mulium a sordido quo- 
dam opificio abkorrere (disiare) eidenlur; schnurrig genug für die 
Ausdrucksweise des Originals) Handwerk herabwürdigt. Darum 
halten also Gymnasien (einige? gewisse? vielleicht gar 
Real- Gymnasien ? — } , wenn sie sich nicht selbst verkennen , als 
unerschütterlichen Grundsatz fest, dass die Gelehrtenschule 
zwar einen geistigen Lebensberuf bei ihren Zöglingen voraussetzt, 
aber nicht weiter fragt noch sorgt, von welcher Art er sei. Den 
künftigen Arzt und (oder) Staatsmann, wie den künfti- 
gen Geistlichen und Lehrer (der Geistliche ist ja auch 
Lehrer), so verschieden das Wesen ihres Amtes ist, bearbeitet sie 
auf gleiche Weise, das was ihnen gemeinschaftlich ist, allein ins Auge 
fassend, nämlich, dass ihre dereinstige Thätigkeit die geübtesten Gei- 
steskräfte fordert. (Richtiger: sie verfolgt bei allen ihr zum Unter- 
richt und zur Unterweisung übergebnen Zöglingen ausschliesslich den 
einen Zweck idealer, rein menschlicher Bildung, ohne Rücksicht auf 
das Be^ürfniss des praktischen Lebens und den in demselben dereinst 



52 Lateinische Sprachwi^senschafl. 

etwa zu übernehmenden Beruf). Drum (sie!) schaudert den 
Lehrer nicht (was in aller Welt gibts denn hier zu schaudern?), 
wenn er voraussieht, dass so manches, was er unter Müh und Arbeit 
gab und der Schaler im Sohweisse seines Angesichts em- 
pfing (warum und woher nun im Schweisse seines Angesichts ?), von 
so manchem nur gelernt wird, um einst vergessen zu werden. Wie der 
bildende Künstler (ein solcher ist auch der Bildhauer, auf welchen 
das Folgende gar nicht passt) seine Form, das mühsamste Werk zer- 
schlagt, wenn das Kunstwerk daraus hervorgegangen (die Form 
muss ja erst zerschlagen werden, damit das Kunstwerk ans Licht 
trete), so kann der Mann einst das Gelernte verlieren 
oder wegwerfen; die unsichtbaren Früchte (zu diesen lisst sich 
ja aber audi das mit Ernst und Fleiss Gelernte rechnen) vermag er 
nur zu verkennen, nicht zu vertilgen: denn der Geist erstarkt im 
Lernen und Denken, wie der Leib auf dem Ringplatz.' 

Eine derartige , der Logik ins Gesicht schlagende Darstellung 
sperrt sich in Wahrheit gleichsam mit Händen und Füssen gegen den 
Versuch, sie in correctem und elegantem Latein zu reproduciren, der 
nur durch ein Wunder gelingen dürfte. Wie leicht las st sich aber eine 
Aufgabe stellen, die mit richtiger und schöner Form einen der Bil- 
dungsstufe des gereiftem Schülers entsprechenden, belehrenden und 
anziehenden Inhalt verbindet, ein Gesichtspunkt, der bei der Wahl 
von Stilübungen nach Süpfles sehr richtiger Bemerkung (s. das 
Vorwort zu dessen Aufgaben S. III) vorzugsweise festgehalten wer- 
den muss. Ein Uebnngspensum, wie das in Rede stehende, ist ganz 
dazu angethan, selbst einem sonst unverdrossenen, freudig streben- 
den Schüler die lateinischen Stilübungen zu verleiden. 

Eine Glanzperiode der Palaestra Ciceroniana bildet ohne Wider- 
rede der Commentar zu den Materialien, welcher auch in Bezug auf 
die neu hinzugekommenen Abschnitte den gelehrten und geschmack- 
vollen Kenner classischer Latinität bewährt, der mit feinem und sich- 
rem Takt, mit grosser Gewandtheit und meisterlichem Kunstgeschick 
aus dem reichen ihm zu Gebote stehenden Sprachschatz das Gehörige 
und Angemessene auszuwählen und in eindringender, fruchtbarer Me- 
thode den Schüler zur Vergleichung und richtigen Unterscheidung 
deutscher und lateinischer Denk-, Anschauungs- und Darstellungs- 
weise anzuleiten versteht. Es ist wahrhaft ergötzlich und genussreich 
EU beobachten, mit welcher geistigen Frische und Regsamkeit, mit 
wie grosser Besonnenheit, Sorgfalt, Umsicht und Schärfe der Hr. 
Verf. das Satz- und Gedankengefüge des Uebungspensums durchdringt, 
mit welchem das Kleinste und scheinbar Unbedeutendste beachtenden 
Ueberblick, mit welcher Leichtigkeit, gründlicher und umfassender 
Sprachkenntniss er aus demselben heraus Alles , je nach Erforderniss 
logischer, idiomatischer, syntaktischer und lexikalischer Verhältnisse 
und Bezüge, anordnet, zurechtlegt und vermittelt, was den Schüler 
befähigt, ein correctes Latein in elegantem Colorit zu erzielen. Wir 
begegnen in dem Commentar einer Fülle feiner und scharfsinniger 



Seyifert: Palaesira Ciceroniana. 53 

^ammatischer, namentlich in die sogenannte syntaxis ornata einschla- 
gender Bemerkungen und Erörterungen, gelegentlich auch Berichti- 
gungen nnd Bereicherungen der Zumptschen Grammatik, auf deren 
Paragraphen meistens verwiesen wird. Auf Synonymik und Lexikolo- 
gie hatte in Betracht ihrer entscheidenden Wichtigkeit für correct- 
schöne, die feinsten Begriffsnüancen und Schattirungen treu wieder- 
spiegelnde Sprachdarstellung ungleich mehr Räcksicht genommen und 
namentlich D öder le ins gediegne Arbeiten fleissiger benutzt wer- 
den sollen. Nach den synonymischen Bestimmungen zu schliessen, 
welche der Hr. Verf. je zuweilen vorlegt, ist er insonders berufen 
und geschickt, an dem Fort- und Ausbau dieser wie wichtigen, so 
schwierigen Wissenschaft mitzuwirken. Als tüchtigen Methodiker er- 
weist sich der Hr. Verf. durch die eingestreuten, die Aufmerksamkeit 
uiid das Nachdenken anregenden oder zur Vorsicht mahnenden Fragen, 
die Grammatik, Synonymik und Phraseologie anlangend, durch fleis- 
sige Bezugnahme auf bereits dagewesenes und besprochnes, wobei 
das bekannte ^repetitio est mater' cet. guten Vorschub erhält, durch 
wiederholentliche Verwarnung vor unclassischen, nachclassischen, aus- 
schliessend dichterischen oder geradezu fehlerhaften Ausdrücken und 
Wendungen, wie sie in dem sogenannten Neu- und Notenlatein, wel- 
ches denn nicht selten zugleich auch baares Unlatein ist, im Schwange 
gehn, durch treffende Winke und Fingerzeige für gehörige Wortstel- 
lung, folgerichtige Anreihung, Gliederung, Verknüpfung und Inein- 
anderarbeitung oder durch die Eigenthümlichkeit der lateinischen 
Sprachdarstellung bedingte Trennung der Satztheile, behufs einer 
kunstgemässen , echt lateinischen Periodisirung derselben, bei welcher 
Gelegenheit hin und wieder mit zum Theil lateinisch, zum Theil deutsch 
ausgedrückten Sätzen , z. B. S. 42: ^Aique ipsi belli magis quam pacis 
artibus dediii^ quum iacereni lilierarum studio exsulaniibus MusiSy 
hielten so wenig auf die Latinität, dass n. s. w.' wohl auch mit einem 
wunderlichen Gemengsei von Deutsch und Latein dem Uebungsschüler 
in die Hände gearbeitet wird, z. B. S. 206: *ohne Rücksicht auf die 
Winke (adhoriatio^ 9ox) derer , die , da sie exemplo ei aucloriiaie 
praeire konnten, sich mit einer gelinden Erinnerung begnügten, öfters 
per summas asperitaies niii musste', durch beigebrachte, insonderheit 
aus Cicero und andern mustergiltigen Schriftstellern mit feinem Ken- 
nerblick und glücklichem Takte ausgewählte Stellen zu zweckmässiger 
Verwendung bei schwierigeren, namentlich in Bildern und Gleichnis- 
sen gehaltnen Partien des Uebungspensums , um denselben ein antikes 
Gepräge und Colorit anzugewinnen. Ein auszeichnendes Lob darf der 
Hr. Verf. noch beanspruchen auf Grund der äusserst fleissigen, ein- 
und umsichtigen Benutzung der schätzbaren , durch Scharfsinn , ein- 
dringende Sprachforschung und Sprachgelehrsamkeit hervorragenden 
Arbeiten unserer bedeutendsten Latinisten. 

Die nun folgenden Mittheilungen, die der Natur der Sache nach 
noch reichlich vermehrt werden könnten, wolle der Hr. Verf. als einen 
freilich nur schwachen Beweis der TheilnAbmit «»S?ft!^tft»^^^^^^'^« 



54 Lateinische Sprachwissenschaft 

der Palaestra Ciceron. widmel, von welcher er im Interesse der guten 
Sache , die sie fördern will und kann , aufrichtig und ernstlich wün- 
schen muss, dass zu ihren Thoren alle nach der Fertigkeit in Hand- 
habung echter, classischer Latinität ringenden Schüler eingehn mögen ; 
keiner von denen, die sich den in ihr angeordneten Uebungen mit 
Lust und Liebe , mit beharrlicher Treue und Gewissenhaftigkeit unter- 
siehen, wird sie unter dem Seufzer der Klage : ^operam et oleum per- 
didü' verlassen. 

Mat. VI. cap. 27. §. 1 ist neben in exiremo viiae [besser mit Zusatz, 
und zwar allgemeiner tempore^ specieller die etc.] noch moriens^ vita 
decedens und bei Schlüssel das bildliche recludi zu bemerken. 
Von der die Geschichte der Menschheit kein andres Bei- 
spiel kenne, post hominum memoriam in suo genere prorsus sin- 
gularis. §.3. Generalbeichte auf dem Todtenbette, /am- 
quam communi quadam scelerum fraudumque per iotam vitam com- 
missorum confessione. Der gewünschte Schlüssel zu dem 
Geheimniss, occuUam eius et quasi involutam tnentem aperirL 
Auch Hesse sich S c h I ü s s ^1 durch index geben. 

Cap. 38. §. 1. Dem öffentlichen Leben fremd, a ne- 
go tiis publicia , forensihus aversus , eine lebhafte Neigung ge- 
habt zu haben, appeientissimus, Ingredienzien, ex quibus 
conßaiur et efficifur, %, 2. nich t etwa aus einem tiefen Sinn 
fürNaturschonheiten, derüberhauptbei denAlten nicht 
zu finden ist, fto» quod vehementer commotus esset eius (ruris) 
amoenitatihus ^ quarutn sensu veterea omnino caruisse eensendi sunt^ 
quarum sensum teter es omnino nan habuerunt. Mit den reizend- 
sten Farben, mirifica colorttm »uavitate cum varietate dtscrimi- 
fi«m, quae eitam urbanam inter atque rusticam sunt. §. 7. ange« 
nehm gratus et iueundus^ freundliche Anmuth, eomOas^ fad- 
Utas, %, 8. werden Deliavon selbst gehoben u. s< w. Deliae 
animus ad cultum atque eam humanitatem excitatur^ qua cet. §. 10. 
dauerndes Verbältniss, constantia amoris. Die Gemeinheit 
sucht, nequitia expetit , caplat , eenatur. 

Cap. 29. $. !• tiefer empfunden, intimis sensibus per- 
ceptus (haustus) ^ altiorem praebens inteüectum^ ad sensum altior ; 
klarer ausgesprochen, act intellectum apertior (expressior^ il- 
lustrior) ; reicher ausgeführt^ ad argumentorum vim copiosior 
{amplior^ plenior et über ior^; welche den Uebermuth straft 
(vindex) der sich nicht selbst mässigt, sibi temperare (im- 
perare);\n die Schranken — zurückdrängt,/am^tj;a0tti»^r«m 
rationis ac disciplinae compeliit, 

§.4. eingeschlossen in menschliche Formen, induH 
specie humana^ forma hominum induti; so vollKraftundErha- 
b e n h e i t , viribus et praeslantia excellentes, DiesesMaass schuf 
ihre K ü h s t , pareiis es/, ortum debere^ proficisci, /ülil weiser 
Enthaltsamkeit, perite (scienter^ prudenter) et moderate. In 
den Lebren ihrer Philosophen, decreta. Welche die riok- 



verbeck : Gallerie heroischer Bildwerke. 55 

fig gemessne u. s. w.^ aequaMüas inira iusios rerum fines iem^ 
peraia (tusiis rerum ßnibus ei terminis circumscripta). Dasselbe 
Maass u. s. w. Nee aliunde repeiendum est iUud in nimiam poien- 
iiam cet. suscepium odium , oder mit fons ei cauaa esi, 

Cap. 30. §.1. hörtman Stimmen, iacianlur eoees censen- 
tium (dictantium). Zu dem künftigen Lebensberuf, ad obeuti' 
da eitae munera institui. Am meisten dienen, omnium maxime 
conducere, §.2. gerade dem beschränktesten Geiste, ab in- 
telUgentia minime instrucius. Zu einem vornehmen Handwerk 
herabwürdigt, adhanestiorem qu'endam quaesium mercenariorum 
detrudere^ ad artißcii quaestusque genus quoddam paulo liberalius 
abücere, §. 3. Darum halten also u. s. w. Quod quum ita sit cet.; 
wenn sie sich nicht selbst verkennen^ aseipso discedere se- 
cumque discordare^ a se disBentire^ sibi non cpnsiare, a se desciscerCj 
a se dissidere. Als unerschütterlichen Grundsatz fest, 
arte (ariissime) mordicus ienere quod ipsis propositum est, ui cet. 
Dass die Gelehrtenschule zwar u. s. w. ut sibi in disciplinam 
iradiios liUeris ac siudiis doctrinae idoneon reddani ad illud, quod 
aliquando suscepturi sunt vitae munus (genus) , quod cuiusmodi sU 
nihil curant {curare omittunt). §.5. Der Zweck der Gelehr- 
te nsc hui e u. s. w. Quae in ludis litterariis instituitur disciplina 
hoc maxime spectat, ut ingenia subigantur (praepareniur) ad con- 
cipienda cet. 

Die Correctur des Drucks ist mit auffallender Nachlässigkeit be- 
schafft, so dass die Zahl der nicht namhaft gemachten Druckfehler die 
der aufgeführten leichtlich um das dreifache übersteigt; zudem steht 
die äussere Ausstattung dieser zweiten Auflage an Lettern namentlich 
in Bezug auf den Druck der Materialien wie an Papier der der.ersten 
entschieden nach *), 

Neustreiitz. Eggert, 



Gallerie heroischer Bildwerke der alten Kunst, bearbeitet von Dr. 

Joh, Overbeekf Privatdocenten an der Universität zu Bonn. Er- 
stes Heft. Halle 1852. C. A. Schwetschke und Sohn. 8. 1—80 
gr. 8. und 2 [Steindruck-] Tafeln Fol. 

Dies erste Heft, dem nur die Widmung an F. G. Welcher vor- 
gedruckt ist, gibt weder Vorrede, die ja gewöhnlich bei nach und 
nach erscheinenden Werken, am Ende des ersten Bandes gegeben wird, 
och eine Uebersicht, aus der wir Plan und Umfang des Werks er- 

'*') Einer Ankündigung der Yerlagshandlung zufolge befindet sich 
gegenwärtig die dritte Auflage der Palaestra Ciceroniana unter der 
Presse. ÖV« 1^»^* 



56 Archaeologie. 

sehn können. Der Titel bietet ziemlich weiten Raum nnd vielleichl 
wird die Ausdehnung von der Aufnahme abhängen *). Es ist indes 
keine willkfirliche, planlose Auswahl von Mythen oder Bildern, son* 
dern dies erste Heft bietet in geordnetem Zusammenhang Darstellun> 
gen aus dem thebanischen Sagenkreise und zeigt, dass es innerhalb 
der gesteckten Grenzen auf eine gewisse Vollständigkeit angelegt sei. 
Ganz in Uebereinstimmung mit dem Titel ist der Text zur Erklärung 
der Bilder bestimmt: es sind aber nicht bloss die hier zuerst gege- 
benen oder wiederholten, sondern alle auch in andern Werken ab- 
gebildeten und selbst die in den Schriftstellern erwähnten bildlichen 
Darstellungen beschrieben , besprochen oder erwähnt. 

Der Kreis der Oidipodia ist im ersten Heft vollständig gegeben, 
der Kreis der Thebais angefangen. Jedem Kreise ist eine Uebersicht 
der poetischen Bearbeitungen im Alterthum vorangesciiickt, über wel- 
che, sofern sie nicht vollständig erhalten sind, in den Anmerkungen 
die weitern Nachweisungen gegeben werden. — Weshalb der Verf. 
über die Behandlung der Oidipodia in Komoedien nur auf Hermann 
zu Soph. Oed. Col. 1377 verweist, ist nicht wohl einzusehn, da we- 
nigstens der Chrysippos des Strattis, der mehrfach erwähnt wird, 
doch wohl hieher gehört. Vergl. Meineke Fragm. Com. Graec. I. 
p. m II. p. 783. 

Nicht mit dem Kadmos und seinen nächsten Nachkommen anzu- 
fangen, wird der Verf. gewiss triftige Gründe gehabt haben, über 
die wir in der Vorrede Auskunft erwarten dürfen. Im ersten Ab- 
schnitt werden vom *Raub des Chrysippos durch Laios' 
als *der ersten Quelle des durch Frevel fortgezeugten Unglücks im 
Labdakidenhause ' drei Darstellungen nachgewiesen, von denen zwei 
abgebildet sind und zwar die zweite hier zuerst. Forchhammer in 



*^ Ein dem ersten Heft beigegebener Prospectus spricht sich aller- 
dings über Plan und Umfang des Werkes aus und zwar in folgenden 
Worten: 'Die Gallerie heroischer Bildwerke soll den gesamraten Stoff 
ihres Kreises nach der strengsten Prüfung kritisch gesichtet, nach 
festen , aus der Poesie entnommenen Principien angeordnet in der mög- 
lichst vollständigen vergleichenden Zusammenstellung umfassen. Da 
aber innerhalb dieses fast unermesslichen Stoffes eine Gliederung nnd 
Abgrenzung nothwendig erschienen ist, so ist die Sammlung ^^ ohne 
irgendwelche Verzichtleistung auf die Fortsetzung, zunächst mit den 
beiden von der alten Poesie am meisten durchgearbeiteten nnd von der 
alten Kunst, mit Ausnahme etwa des herakleischen Mythenkreises, am 
meisten dargestellten Heldenkreisen, dem thebanischen und dem 
troischen, begonnen worden, welche zugleich den Kern und Stamm 
des epischen Cyclus bildeten/ Das Werk ist auf circa 30 Bogen 
Text m gr. 8 und ebenso viele Steindrucktafeln in Folio (auszugeben 
in 8 Heften) berechnet uiid wird vollständig folgende Mythenkreise 
enthalten: 1) der Oidipodia, 2) der Thebais und der Epigonen, 3) der 
Kypria, 4) der Ilias, 5) der Aithiopis, 6) der kleinen Ilias und der 
Iliupertiis, 7) der Nosten, 8) der Odysseia und der Telegonia. 

Die Red. 



Orerbeck: Gallerie heroischer Bildwerke. 57 

der Allg. Monatsschrift März 1852. S. 214 erhebt, wie Ref. scheint, 
nicht hinreichend begründete Zweifel gegen die Beziehung des Bildes 
auf Chrysippos. Ref. wird unten darauf zurückkommen. 

Im zweiten Abschnitt sind drei Abbildungen von *Oedipns 
als Kind' erklärt, ein Vasenbild und zwei Gemmen. Das Vasen- 
bild, auf welchem der Knabe von einem reisenden Hirten getragen 
wird, dem der Name Euphorbos beigeschrieben steht, wird mit Wahr- 
scheinlichkeit auf den Hirten des Polybos bezogen und das Epos als 
wahrscheinliche Quelle angegeben. 

Von den Bildern, welche die Sphinx im Kampf mit Jünglingen 
darstellen , hat Hr. 0. diejenigen , in denen der Jüngling im entschie- 
denen Vdrtheil erscheint, abweichend von Jahn auf Oedipus bezogen, 
der, wie nachgewiesen wird, nach einer andern Sage die Sphinx 
nicht durch Lösung des Rathsels, sondern durch Waffengewalt be- 
siegt hat. 

Der dritte Abschnitt behandelt in 16 Darstellungen *die Sphinx 
und thebanische Junglinge, nebst Haimon', die von der- 
selben getödtet werden, Bildwerke, in denen die Jünglinge über- 
wunden werden. Es sind zwei nur bei alten Schriftstellern erwähnte 
Darstellungen , dreizehn Gemmen und ein Terracottarelief. Fünf die- 
ser Darstellungen sind abgebildet und darunter zwei hier zum erstenmal. 

Dann folgen (4) Darstellungen *von Oedipus und der 
Sphinx% 47 an der Zahl (Nr. 24 — 71) und zwar 20 Vasengemälde, 
7 mit schwarzen, 13 mit rothen Figuren, 18 Gemmen und Pasten, 
6 Reliefs auf Vasen, Lampen u. s. w., 2 Wandgemälde und ein Spiegel. 
Von den 14 beigefügten Abbildungen sind 10 wiederholt, aber aus 
Werken, die zum Theil selten sind, 4 ersbheinen hier zuerst. Dazu 
kommt nun nach Gerhard Denkmäler 1851 im archaeol. Anzeiger S. 102 
das Gemmenbild der Sammlung von Herz in London , es sei denn dass 
dies schon früher aus andern Sammlungen bekannt wäre. Ferner ge- 
bort hieher eine neu entdeckte Vase mit der Leichenfeier des Patro- 
klos , an deren Hals sich die Sphinx umgeben von verschiedenen Figu- 
ren befindet, ebenda S. 91. 

Dass die Sphinx so häufig auf Gemmen (und die Bilder, Gem- 
men oder andre , auf denen sich die Sphinx allein findet , sind nicht 
berücksichtigt) vorkommt, ist sehr erklärlich, da der Vergleich eines 
verschlossenen Briefs mit dem Räthsel, dessen Symbol die Sphinx ist, 
nahe liegt; fand doch Augustus unter den Siegelringen seiner Mutter 
zwei mit der Sphinx. Auf den Vasen ist wohl die sepulcrale Bedeu- 
tung mit Jahn und dem Verf. gegen Braun festzuhalten , und das nicht 
bloss, wo die Sphinx auf eiuer Säule sitzt, sondern auf allen, wo sie 
mit Oed. zusammen vorkommt; denn Oedipus ist es ja, der, und wohl 
nicht zuerst im Oedipus Coloneus des Sophokles , das Räthsel des 
Lebens in der Hinfälligkeit des Menschen löst und durch sein eignes 
Beispiel gezeigt hat, dass erst der Tod alle Kämpfe endet und die 
letzte Versöhnung bringt. Die sepulcrale Bedeutung tritt allerdings 
am deutlichsten hervor, wenn die Sphinx abweichend vqvl 4%\ ^%si^ 



58 Arehaeologie« 

auf einer Säule und zwar meistens von ionischer Ordnung dargestellt 
wird: denn es soll damit ohne Zweifel ein Grabmal gemeint sein. 
Auch ist wohl kaum in zweifeln, dass auf wirklichen Grabmälern der 
Griechen öfters eine Sphinx gestanden hat, wenn auch bisher weder 
Zeugniss noch Denkmal nachgewiesen ist. Bestätigt wird diese Be- 
deutung durch zwei etruskische Aschenkisten , wo die Sphinx ken- 
taurenartig aufgefasst ist. Die abweichende Form kann hier um so 
weniger auffallen, wenn wir erwägen, dass es noch manche andre 
abweichende Art der Darstellung auch bei den Griechen gab, wie 
die Stellen der Alten zeigen, die Pauly in der Encycl. V. S. 1377 ange- 
führt hat. 

Bei spätem italischen Vasenbildern, die manches eigenthüm- 
liche haben und sich besonders durch zahlreicheres Personal auszeich- 
nen, wie Nr. 43, ist eine grössere Freiheit der Künstler nicht un- 
wahrscheinlich. Doch ist mitunter eine ganz andre Bedeutung anzu- 
nehmen, wie bei Nr. 44 (T. I. 2), von welcher Hr. 0. eine anspre- 
chende Erklärung gibt. Hier erscheint die Sphinx unter mehrerea 
Jünglingen in meist nachdenklicher Stellung, aber weder auf einem 
Felsen noch auf einer Säule , sondern auf dem Knie des einen Jüng- 
lings. Der Verf. nimmt an, dass eine Gesellschaft von Jünglingen 
dargestellt sei, die einander Räthsel aufgeben, und dass diese Art 
der Unterhaltung symbolisch durch die Sphinx ausgedrückt sei. 

Es folgt (6) ^Oedipus und Teiresias', die auf einem Va- 
senbilde erkannt werden , das oben die Götter Athene, ApoUon und 
Aphrodite darstellt, unten einen König thronend, vor welchem ein 
priesterlicher Seher von einem Knaben geführt steht, hinter dem 
König eine Frau mit einem Spiegel in der Hand, an einem Bade- 
becken stehend, welche als lokaste genommen wird. 

Auch von ^Oedipus Blendung' (7) ist nur eine einzige Dar- 
stellung Nr. 70 auf einer etruskischen Aschenkiste nachgewiesen, die 
von der gewöhnlichen Sage abweichend den Oedipus von den Die- 
nern des Laios blenden lässt, was übrigens auch aus einer verlornen 
Tragoedie nachgewiesen wird. 

Die Oedipodie schliesst (8) mit ^Oedipus Grabe % das auf 
einer Vase in einer einfachen Grabstele zwischen zwei Mantelfiguren 
dargestellt , als solches durch ein Distichon bezeichnet wird. 

Die Besprechung der Thebais, von der nur die Einleitung im 
ersten Heft gegeben ist, wollen wir aufschieben, bis das zweite Heft 
uns Veranlassung gibt darauf zurückzukommen. 

Der Verf. hat sich auf die Vergleichung der Kunstdarstellungen 
mit den Ueberlieferungen der Schriftsteller beschränkt und sich nicht 
auf Erklärung der Mythen selbst eingelassen. Das Recht dieser Be- 
schränkung muss wohl, zumal da die Principien der Erklärung so 
verschieden voneinander sind, zugegeben werden und Ref. könnte 
seine Aufgabe für gelöst halten mit der Bemerkung, dass er wenig 
nachzutraben gehabt, dass der Verf. sich einer zweckmässigen Kurze 
befleissigt habe, ohne etwas wesentliches zu übergehn, dass er, wo- 



Overbeck : Gallerie heroischer Bildwerke. 59 

fern er nicht alle Darstellungen wiedergeben konnte oder wollte, eine 
angemessene Auswahl getroffen habe, und dass endlich mit Recht das 
Werk als besonders für Gymnasialbibliotheken geeignet bezeichnet sei, 
damit es den Schülern bei der Leetüre der Tragiker in die Hand ge- 
geben werde. Denn nur durch diese Verbindung der Kunstwerke mit 
den Schriftstellern wird eine vollständige Kenntniss des mythischen 
Stoffs ermöglicht, die nothwendig ist, um über die Kunst der alten 
Tragiker ein begründetes Urtheil zu fällen, die sich nicht in der Er- 
findung, sondern in der Auswahl unter verschiedenen Wendungen des 
Mythos und in der Ausführung zeigt. 

Obgleich der Verf. nirgends auf die Erklärung, d. h. auf Ur- 
sprung und Bedeutung des Mythos eingegangen ist, hat er doch in 
der Klage über die Dunkelheit der monströsen Sphinxbildung und 
mancher Beiwerke, wie wenn auf der zweiten Chrysipposvase ein 
Hund eine Schlange verzehrt, die Nothwendigkeit der Erklärung, 
wenn sie möglich ist, anerkannt. Dies hat Forchhammer in der Mo- 
natsschrift (Märzheft 1852. S. 208 unter der Ueberschrift * Sphinx') 
Veranlassung gegeben, an dem Beispiel der Sphinx nicht nur diese 
Nothwendigkeit, sondern, auch die Möglichkeit nachzuweisen. Der- 
selbe macht Hoffnung auf eine umfassende Erklärung der thebanischen 
Sagen , obgleich er den Mythos vom Raube des Chrysippos noch nicht 
zu deuten wagt. Die Sphinx soll ein Symbol der Kälte sein, wie 
besonders nach Vasengemälden aus dem Mythos gezeigt und durch 
die Bedeutung deß Wortes ütpfyyca bestätigt wird. Die Deutung ist 
scharfsinnig und geistreich. Aber erklärt sie alles? Die Kälte ist 
doch in Boeotien schwerlich für Menschen tödtlich? — Das könnte 
bildlich zu verstehn sein , weil die Kälte überhaupt allem Leben feind- 
lich ist. Weshalb aber kommt sie aus Aethiopien? Wie kann Ares 
die Sphinx senden, wenn sie Kälte ist? Und wie hängt das Räthsel 
mit dem Frost zusammen? Allerdings passt nach Forchhammers Er- 
klärung gar manches gut zusammen, indes Ref. weiss nicht alle Ein- 
wendungen zu beseitigen und will die von ihm bisher versuchte Deu- 
tung der Prüfung nicht vorenthalten. Er hat bei der Sphinx an die 
durch Verschluss der unterirdischen Kanäle , welche die Gewässer des 
thebaischen Thalkessels ableiten , entstandene Ueberschwemmung mit 
ihren unmittelbaren und durch die stärkere Verdunstung vermittelten 
verderblichen Folgen gedacht. Ein solches Verschliessen konnte durch 
Erdbeben veranlasst werden: wofür die Abstammung von Typhon 
spricht, und zu dieser Erklärung passt die Chimaira so gut wie die 
Echidna , die übrigens wohl nicht beim Hesiodos als Mutter bezeich- 
net wird, wie denn auch für Orthros auch Orthos gelesen wird. Die 
Verwandtschaft mit dem Nemeischen Löwen und der eigne Löweu- 
körper sprechen ebenfalls für die Ueberschwemmung, zu der denn 
auch als Folge die Pest stimmt und die Lösung des Räthsels durch 
pedipus, insofern, nachdem das Wasser abgeflossen und verdunstet ist, 
der Boden noch lange von Wasser durchdrungen bleibt. Erklärt nicht 
Forchliammer selbst den Löwen für einen mythischew K^sk^x^^ ^^^ 



€0 Archaeologie. 

Ueberschwemmung? Die Beflttgelung bezeichnet die dadarch in grös- 
serer Masse schwebenden Dünste. Das Jungfranangesicht, wenn nicht 
bloss Ausdruck des sprachlich gegebenen Geschlechts, ist ihr mit 
Echidna, Sirenen und Harpyien gemein und mag mit dem Stamme 
fciq^m (verderben) zusammenhängen. Wie freilich die Jungfrau zu 
diesem Namen gekommen, bedarf noch einer weitern Untersuchung. 
Doch wollen wir Forchhammers und Wieselers (s. Philologus VI. 
S. 343) angekündigte Erklärungen des Einzelnen und des ganzen Ziv- 
sammenhangs erwarten, bevor wir eine Entscheidung wagen, denn 
durch eigne Anschauung des Landes ist F. im Vorzüge. 

Dagegen trägt Ref. kein Bedenken vom Raube des Chrysippos 
durch Laios auf einem Viergespann seine Ansicht auszusprechen, ob- 
gleich ihn Forchhammers Zweifel bedenklich machen könnte. Chry- 
sippos ist die Regenquelle, welche vom Steinbach (Laios) im wogen- 
den Strom (dem Viergespann) entführt wird. Dazu passt der Hund, 
welcher die Schlange verzehrt, ganz gut, denn der schlängelnde 
Bach verliert sich im schwellenden Boden des Waldes. Deshalb em- 
pfängt ihn ein Satyr, ein Ausdruck für das üppige Dickicht des Wal- 
des , wie Ref. bisher angenommen hat und noch nicht widerlegt findet. 
Scheint doch auch der Zweig dafür zu sprechen. Dass Pothos die 
Pferde lenkt und Himeros die Binde darreicht, lässt sich sowohl phy- 
sisch als ethisch verstehn. Die in der Ferne sitzende Frau für Aphro- 
dite zu erklären, wie der Verf. vorschlägt, widerspricht dem Begriff 
der Knabenliebe. Peitho Hesse sich allerdings annehmen. Allein 
sollte nicht in ihr vielleicht die Palaistra selbst personificirt sein 
(vergl. Welcher alte Denkmäler L S. 488), die ursprünglich auch 
eine physische Bedeutung gehabt haben kann: denn eine Quelle kann 
wohl als ringend bezeichnet werden und dem ursprünglichen Mythos 
möchte selbst der Paedagog nicht fremd gewesen sein, dessen Name 
vielleicht durch die unter ihm stehende Blume angedeutet ist. 

Die Bestätigung, welche Forchhammer für seine Ansicht von 
der Sphinx aus dem Bilde Taf. IL 3 entnimmt, scheint uns gewaltsam, 
denn erstlich ist es kein Satyr, sondern ein Silen, wie er nur auf 
Bildern vorkommt, die Scenen aus satyrischen Dramen darstellen. 
Auch legt F. besondres Gewicht auf das schneeige Gewand, und es 
ist doch nach Anm. 25 ausser dem Pantherfell roth. Auch ist die 
Schlange nicht steif erfroren, sondern springend dargestellt. 

Die Frage, wie sonst selbst spätere Vasen, wie mehrere der 
hier und von Forchhammer besprochenen benutzt werden dürfen , den 
Ursprung eines Mythos zu finden, ausführlich zu beantworten ist 
hier nicht der Ort: man braucht deshalb nicht ein überliefertes Be- 
wusstsein anzunehmen, sondern nur ein enges Anschliessen an alte 
Vorbilder. Auch Tempelsagen und Dichter, die (wie Ovid) gewiss 
kein Bewusstsein von der ursprünglichen Bedeutung der Mythen mehr 
gehabt haben , lassen doch häufig Einzelheiten aus der ältesten Ue- 
berlieferung wieder erkennen , nur weil sie aus alten Quellen schö- 



Overbeck: Gallerie heroischer Bildwerke. 61 

pfend dem Ursprang näher geblieben sind als ofl ältere Epen und ly- 
rische Gedichte. 

Schliesslich wird es nicht angeeignet sein, hier eine Frage, 
wenn auch nicht xar Entscheidung, doch zur Sprache zu bringen: 
nämlich wie die griechische Sphinx sich zu ähnlichen Wesen des 
Auslandes, namentlich Aegyptens, verhalte. Man ist wegen des hö- 
heren Alters aegyptischer Kunst nur zu leicht geneigt, eine Entleh- 
nung von dorther anzunehmen; allein die Art der Darstellung bei 
den Griechen weicht von der aegyptischen und, wie man jetzt hinzu- 
fügen kann , auch von der assyrischen so ab , dass man nicht wohl an 
eine unmittelbare Uebernahme der Gestalt von diesen Völkern denken 
kann. Da die aegyptischen Sphinxe ungeflügelt sind, so wäre eher 
anzunehmen, dass die assyrischen geflügelten Löwen den Griechen 
zum Vorbild gedient. Aber die assyrischen Wesen ähnlicher Art sind 
immer männlich, die griechischen Sphinxe nie. Eine äusserliche An- 
nahme setzt auch eine unveränderte Nachahmung voraus. Und es ist 
ein griechischer Name für ein fremdes fabelhaftes Wesen nur denkbar, 
wenn der Grieche selbst schon ein ähnliches Wesen kannte, obgleich 
wir weit entfernt sind in Abrede zu stellen , dass fremde Vorstellun- 
gen der Art besonders auf Teppichen durch den Handel früh nach 
Griechenland gekommen sind, aber gewiss eher aus Asien, nament- 
lich aus Assyrien und Babylon, als aus Aegypten, und dass diesel- 
ben auf die bildlichen Darstellungen der Griechen Einfluss gehabt ha~ 
ben. Doch selbst ein mittelbarer Einfluss der Art auf die Symbolik 
hat grosse Schwierigkeiten, da mit den fremden Figuren schwerlich 
auch die Bedeutung überliefert wurde, und wenn das, so fragt es 
sich, wie passte die Bedeutung in die eigenthümlichen Mythen der 
Griechen? Die griechische Sphinx ist ein fast allein stehendes Wesen, 
während es in Aegypten und Assyrien vielerlei verwandte und ähn- 
liche Gestalten gab. 

Wie alt die ältesten bildlichen Darstellungen der Griechen seien 
(und das sind bekanntlich die Thiervasen , auf denen sich auch häufig 
Sphinxe finden), ist noch nicht ausgemacht. Ref. erlaubt sich darüber 
Folgendes auszusprechen. Jünger als die Vasen mit ornamentartig 
verbundenen Thierfiguren sind zunächst die Jagden, Kampfspiele und 
andere Darstellungen aus dem Leben, aber auch diese sind älter als 
die mythologischen Bilder. Dieselbe Folge der Vorstellungen finden 
wir in den drei ältesten Beschreibungen von Kunstwerken bei Schrift- 
stellern, von dem Schilde des Achilleus, der, wie alle bei Homer 
vorkommenden bildlichen Darstellungen, nur Vorstellungen aus dem 
Leben hat, dem Schilde des Herakles, der «chon mythische Bilder 
daneben zeigt, und dem Kasten des Kypselos , auf dem nur mytholo- 
gische Bilder sich finden. Die ältesten Vasen mit mythologischen Bil- 
dern sind also gewiss nicht viel älter als der Schild des Herakles. 
Die Vasen mit Bildern aus dem menschlichen Leben oder wenigstens 
diese Gegenstände der Malerei sind ungefähr so alt wie die Beschrei- 
bung des Schildes des Achilleus, die Thiervasen oder diese Art der 



62 Höhere Paedagogik. 

Malerei, also die ältesten. Diesen ältesten Bildern seheint auch die 
Malerei bei den Griechen (J^wyqctfpUi) ihren Namen zu verdanken. 
Die griechische Vorstellung der Sphinx gehört also den ältesten Zei- 
ten Griechenlands an, d. h. sie ist älter als die Homerischen Gedichte 
oder vielmehr als die Beschreibung des Schildes des Achillens und 
kann viel, viel älter sein. Assyrien und Babylon aber waren damals 
und früher mächtige Reiche, in denen auch die Künste blühten und 
deren Kunstwerke durch phoenikische Kaufleute auch im Westen ver- 
breitet wurden. Wenn aber diese Vorbilder Einfluss gewannen auf 
die Gestaltung der Sphinx, so bleibt diese dennoch in ihrem ganzen 
Wesen griechisch. Mag diese Schlussfolge nicht unantastbar sein, 
sie ist aber so wahrscheinlich wie nur irgend eine andere in Betreff 
dieses hohen Alterthums. 

Hamburg. Chr. Petersen, 



Deutsche Briefe Über englische Erziehung nebst einem Anhang 
über belgische Schulen von Dn L. fFieae, Prof. am königl. 
Joachimsthal. Gymnasium. Berlin 1852. 211 S. '*'). 

Professor Wiese in Berlin , der im Jahre 1850 eine Reise nach 
England machte , hat seine paedagogischen Beobachtungen in England, 
die er ursprünglich nur für einen kleinen Kreis von Freunden aufge- 
schrieben hatte , auf Veranlassung seiner Freunde unter dem vorste- 
henden Titel der Oeffentlichkeit übergeben. Je weniger bei dem Man- 
gel an officiellen Nachrichten und an englischen Werken über die 
dortigen Verhältnisse des Unterrichts- und Erziehungswesens Kennt- 
niss desselben sich bei uns findet, desto willkommner muss dem Pae- 
dagogen und Lehrer eine Schrift sein, die diesen wichtigen Gegen- 
stand berührt. Der Verf. hat in den an einen Freund geschriebenen 
Briefen, wie er in dem Vorworte sagt, wenig geändert, nur hat er 
das meiste ganz persönliche getilgt. Sie enthalten eine Zusammen- 
stellung dessen , was dem Verf. aus eigner Anschauung , aus Gesprä- 
chen und aus früherer Leetüre gegenwärtig geblieben, nebst Auf- 
zeiehnnugen, die er sich an Ort und Stelle und gewöhnlich im ersten 
Eindruck des Erlebten und Gesehenen gemacht hatte. Eine eigentlich 
systematische Anordnung des Inhalts ist bei der losen Form, welche 
die ursprüngliche Bestimmung entschuldigt, nicht bezweckt, aber 
doch ist eine bestimmte Reihenfolge der abgehandelten Gegenstände 
nicht zu verkennen und die Briefe bilden ein wohlgeordnetes Ganze. 

^) Rücksichtlich der hier beurtheilten Schrift verweisen wir auch 
auf die im Archiv erscheinende Abhandlung von Dr. Breitenbach 'die 
englischen public schools und die deutschen Gymnasien.* 

Die Rtd, 



Wiese : dealsche Briefe über englische EriKiehaiig. OS 

Des Verfassers Absicht war nicht, einen statistischen Bericht 
über das englische Schulwesen zu geben, noch eine Darstellung der 
englischen Familienerziehung, sondern die Erziehungsgr^ind- 
sätze, welche man in den höheren öffentlichen Schulen, die unsern 
Gymnasien entsprechen, und in den Alumnaten befolgt, darzulegen 
und über mehrere der wichtigsten Schul fragen, welche jetzt in 
England verhandelt werden, Rechenschaft zu geben. Trotz der Schwie- 
rigkeiten, die jedem Fremden entgegentreten, der das englische Schnl- 
und Unterrichtswesen kennen zu lernen wünscht, ist es dem Verf. 
doch durch seine Bekanntschaft und seine Empfehlungen gelungen 
viel zu sehn tind zu erfahren. 

Das Ganze zerfällt in 14 Briefe; in den 9 ersten handelt der 
Verf. hauptsächlich von den Anstalten, die unsern Gymnasien ent- 
sprechen, S. 1 — 106, im 10. und 11. von den Universitäten, S. 107 — 
143, im 12. und 13. von den Elementarschulen, S. 144 — 175, im 14. 
von dem Zusammenhang des Lehrstandes mit der Kirche, von zwei Bil- 
dungsanstalten in London und dem tüchtigsten Paedagogen, den Eng- 
land in der neusten Zeit aufzuweisen gehabt hat, dem Dr. Arnold, 
S. 176—186. 

Es kann natürlich nicht unsre Absicht sein auf alle die Gegen- 
stände aufmerksam zu machen, die der Verf. in den Briefen zur Spra- 
che bringt; ich will, um denen, die das Buch nodi nicht aus eigner 
Leetüre kennen, von dem reichen Inhalte desselben einen Begriff zu 
geben, nur einige der wichtigsten Punkte berühren. Einrichtung der 
englischen Colleges; Mangel an Aufsicht; Verschiedenheit der eng- 
lischen Anstalten unter sich; Stellung zur Kirche; Stellung des Di- 
rectors und der Lehrer zu der Schule und den Schülern; Lehrerper- 
sönlichkeit; Autonomie der Schule; Unterrichtsgegenstande; alte Spra- 
chen; Werth derselben; Urtheile in England; Religionsunterricht; Ge- 
schichte; Mathematik; Ziel des Unterrichts; Lehrplan; Stundenplan; 
Mittel; Schulbücher; Kosten; Methode; Erfolge; Erziehung; Zweck 
der Erziehung; directe und indirecte Erziehungsmittel; Charakter- 
bildung ; Strafen ; körperliche Strafen ; liberale Behandlung von Seiten 
der Lehrer ; Freiheit der Zöglinge (auffallende Proben S. 23 ff.) ; Er- 
folge der Erziehung; Urtheile in England; Verschiedenheit von un- 
sern deutschen Einrichtungen; Mängel und Vorzüge etc. 

Es ergibt sich aus den Bemerkungen des Verf., dass in England 
der Kampf der widerstreitenden Ansichten sich um dieselben Fragen 
dreht wie bei uns (Alterthum oder neuere Zeit, alte Sprachen oder 
lebende , die Bibel und die Classiker , Kirche und Schule , Schule und 
Staat, alte oder neue Methode), dass die Forderungen nach Reform 
in Bezug auf das ganze Schulwesen sich mehr und mehr geltend ma- 
chen, dass aber bei dem ruhigen und besonnenen Charakter der Eng- 
länder in den öffentlichen Schulen die Extreme nicht so leicht sich 
berühren wie anderswo. Die Privatanstalten , deren England bei der 
verhältnissmässig geringen Zahl der öffentlichen Anstalten sehr viele 
zahlt, können natürlich den Anforderungen der Zeit weniger Wldft^- 



64 Höhere Paedagogik. 

stand entgegensetKeii als die reich dotirten öffentlichen Anstalten, die 
von der Gunst des Pablicams ganz unabhängig sind 

Bei dem Mangel an eigner Anschauung ist es natfiriich nicht mög- 
lich anzugeben, ob die Bemerkungen des Verf. in jeder Beziehung 
durchaus richtig sind oder nicht, ob er nicht einzelne Dinge mit an- 
dern Augen gesehn als andre Beobachter« Nach dem , was Ref. aus 
den Darstellungen von Fr. v. Raumer und andern Reisenden, die dem 
englischen Unterrichtswesen ihre Aufmerksamkeit zugewendet haben, 
in Erinnerung geblieben ist, glaubt er versichern zu können, dass 
der Verf. im allgemeinen sine ira et studio und mit Unparteilichkeit 
die englischen Verhältaisse angeschaut und dargestellt hat; nur scheint 
er mir bei den grossem Erziehungsanstalten die vortheilhaften Sei- 
ten mehr ins Auge gefasst zu haben als die Schattenseiten. Bei der 
Charakterbildung ist nach meiner Ansicht der Einflfuss der Schule zu 
hoch, dagegen der Einfluss der öffentlichen Verhältaisse u. s. w. nicht 
bedeutend genug hervorgehoben. Darin, dass der Verf. einen so sehr 
hohen Werth auf die religiöse Bildung legt und den theilweisen Man- 
gel an dieser bei uns so offen anerkennt, stimme ich mit demselben 
durchaus flberein; nur kann das Heil, wie so viele heutzutage zu 
thun scheinen, nicht in äussern Formen gesucht werden, der Geist 
ist es, der lebendig macht. Ist die Kirche wieder das geworden, 
was sie sein soll, hat die Religion wieder in den Familien den ihr 
gebührenden Platz eingenommen , so wird ihr Einfluss auf die Schule 
nicht ausbleiben. Bei der in unserer Zeit vielfach angeregten Frage 
nach der christlichen Gymnasialbildung ist das wichtig, was der Verf. 
Aber diesen Punkt von den englischen Anstalten sagt. Was die Lehrer 
betrifft, so legt der Verf. einen besondern Werth auf den kirchlichen 
Charakter derselben; bei uns, glaube ich, würde der kirchliche Cha- 
rakter an sich dem Lehrer keine Autorität in den Augen der Schuler 
geben. An Lehrern , die aus blosser Liebe zur Jugend sich dem Lehr- 
fache gewidmet haben, fehlt es auch bei uns nicht; ob ihre Zahl ge- 
ringer ist als in England, wer könnte das mit nur einiger Sicher- 
heit angeben? Die englischen Directoren haben darin einen grossen 
Vorzug, dass sie sich die Lehrer ganz selbständig auswählen können. 

Ob bei der Vergleichung der englischen höheren Bildungsanstal- 
ten mit den deutschen die letzteren nicht etwas zii sehr zurückgesetzt 
werden, wage ich nicht zu entocheiden. 

Auf die Ursachen, weshalb unsre Gymnasialzustände nicht so sind, 
wie sie sein könnten und sollten, will ich hier nicht näher eingehn, 
weil es nicht hieher gehört; aber dass die übermässigen Anforderun- 
gen , welche man an die wissenschaftliche Bildung der Lehrer macht, 
der zu hohe Werth, den man auf das Wissen legt, die in mancher 
Hinsicht allen Muth raubenden äussern Verhältaisse u. s. w. einen 
grossen Theil der Schuld tragen, ist wohl allgemein anerkannt. 

Das über die Universitäten und die Elementarschulen Gesagt« 
übergehe ich, obgleich auch in den diese Gegenstände behandelnden 
Briefen sich viel intaressantes und belehrendes findet. Zu den Mit- 



Programmenschau. 65 

Teilungen über die Universitäten ßnden sich interessante Zusätze in 
einem aus dem Englischen übersetzten Aufsätze * Englisches Univer- 
sitfitsleben' in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen. 1851. 12. Hft. 
S. 918 — 926. Ein Anhang handelt auf S. 187 — 211 über die belgi- 
schen Schulen, die Staatsschulen, die Atheneeu, die geistlichen Er- 
ziehungsanstalten der Jesuiten, der Josephiten u. s. w. , über den 
Unterricht, die Spannung zwischen Gouvernement und Clerus. Wer 
mehr über diesen Gegenstand zu lesen wünscht, findet in Helferiohs 
Briefen über Belgien reichhaltigen Stoff. Und somit empfehlen wir 
das auch äusserlich schön ausgestattete Werkchen allen Collegen und 
denen, die für die paedagogischen Zustände in andern Ländern Sinn 
haben, als angenehme und belehrende Leetüre. 

Essen. W. Buddeberg, 



Programme paedagogischen Inhalts. 



Als die erfreulichste Erscheinung auf dem Gebiete des Gymna- 
siailebens begrüssen wir die immer allgemeiner werdende und immer 
lauter und entschiedener sich aussprechende Ueberzeugung, dass die 
Schule auf ihre ursprunglichen Grundlagen zurnckgehn und dieselben 
mit grosserer Festigkeit bewahren müsse. Die stürmische, alles be- 
stehende mit Umsturz bedrohende Vergangenheit muss ja einen je- 
den, der dessen überhaupt fähig ist, zum Besinnen bringen und die 
Fragen 'was ist verschuldet?' und 'was thut noth?' in die Seele le- 
gen. Von jener Erscheinung geben die Programme Zeugniss, welche 
vdr hier zur Anzeige bringen. 

Wir beginnen mit einem, welches vom allgemeinsten Inhalte und 
Standpunkt ist:' lieber die Erziehung der Jugend unier dem £m* 
flusae des gegenwärtigen Zeitgeistes, Von Keller (28 S. 4. Progr. des 
k. Gymn. zu JRatibor, Ostern 1851). Ref. hat diese Abhandlung mit auf- 
richtiger Freude gelesen und bedauert nur, dass der Hr. Verf. durch 
den beschränkten Raum gehindert ward sie vollständig zu geben. Wie 
▼iel darauf ankomme, dass die verderblichen Einflüsse, welche der 
Zeitgeist auf die Erziehung geübt hat und fort und fort übt, in den 
einzelnen Erscheinungen nachgewiesen werden , da dieselben dem ver- 
wohnten Auge gar nicht so leicht erkennbar sind und sich ihnen zu 
entziehn ohne Erkenntniss nicht möglich ist, bedarf wohl keiner 
weitern Erörterung. Der Hr. Verf. hat diese Aufgabe in dem vor- 
liegenden Theile seiner Abhandlung zunächst an zwei Seiten der Er- 
ziehung zu losen versucht , an der immer mehr zunehmenden körper- 
lichen Abschwächung des Menschengeschlechts und an der immer mehr 
wachsenden Unsittlichkeit. Die dazu erforderlichen Eigenschaften.^ 
y. Jahrb. f, PhU. «. Paed, Bd, LXV. Hfl. \, ^ 



66 Progr&mmenschaa. 

gcharfer Blick, unbefangenes Urtheil, grandliche Kenntniss der ge- 
schichtlichen Entwicklung y aus welcher unsre Zeit hervorgegangen, 
sind ihm nicht abzusprechen. Mit sichrer Hand weist er die einzel- 
nen Erscheinnngen nach, in denen sich der Terderbliche Einfluss des 
Zeitgeistes zu erkennen gibt. Ln zweiten Theile geschieht dies na- 
mentlich durch die Darlegung, wie weit die jetzt für die Erweckung 
der Sittlichkeit angenommenen Grundsatze von den in der Zeit der 
Reformatoren geltenden verschieden sind. Barauf dass unsrer Ansicht 
nach der mit 2) bezeichnete Abschnitt vor dem unter 1) stehn sollte, 
legen wir kein grosses Gewicht. Eine Mbdification des Ausdrucks 
wünschten wir bei dem Ausspruch, dass in der frühern Erziehung 
als Zweck gegolten, den Menschen wehiger far das diesseitige ver- 
gängliche Leben, als für ein höheres unvergängliches Dasein zu bil- 
den und vorzubereiten. Zwar setzten die Männer jener Zeit gebüh- 
rendermassen die chi)stliche Erziehung über die irdische, sie wnss- 
ten, dass damit zugleich die beste und haltbarste, allein zu wahrem 
Glück führende Bildung für das Erdenleben gegeben werde , aber die 
Bildung für das praktische Leben war keineswegs so zurückgestellt, 
wie man aus jenen Worten folgern konnte, ob^eich sie in andern 
Dingen gesucht wurde als jetzt. Wird doch geradezu in den alten 
Schulordnungen und in den Sdiriften der Reformatoren der Schule 
als Zweck gestellt, Christen und gute, geschickte, brauchbare Diener 
der Kirche und des Staats zu ziehn. Auch wird die Erziehung der 
frühem Zeit gar zu finster geschildert. Es gibt Schattenseiten an 
ihr und brutaler Misbrauch der dem Lehrer eingeräumten gros- 
sem Gewalt ist nicht unerhört , aber dass die Männer jener Zeit 
richtig auch darüber urtheilten , zeigen die Aeusserungen Luthers über 
die Strenge seines Vaters. Dass man dem Knaben Würde zeigen, ihm 
Respect einflössen, Gehorsam anbilden müsse, war Grundsatz, aber 
man betrachtete auch die Kinder als heilige, von Gott anvertraute 
Kleinode. Viele verstanden es recht wohl, den Schülern in Vertrau- 
lichkeit sich zu nähern, aber sie verschmähten falsche Liebe zu er- 
kaufen, und wiesen jede Ueberhebung, jedes ungebührliche Sichgleich- 
stellen zurück. In vieler Hinsicht führte man die Jugend nicht so 
am Gängelbande wie jetzt, wo man durch kleinliche Beaufsichtigung 
viel mehr Lüge und Heuchelei erzeugt und über der Berücksichtigung 
niedriger äusserlicher Dinge die wichtigeren übersieht. In jener Zeit 
herrschte der Grundsatz und das Gesetz und zeigte sich allenthalben 
Einheit in der Behandlung der Jugend, während jetzt die Strenge mehr 
als Laune , die Forderung des Gehorsams als unberechtigter Despotis- 
mus erscheinen muss, weil die Schwächlichkeit regiert. Und mag 
auch die Strenge als übertrieben gelten, durch sie sind weniger Men- 
schen ZU Grunde gegangen, weniger so halbe , oberflächliche, haltlose, 
nnkräftige Charaktere gebildet worden. Wenn wir aber auch dies 
mit grosserer Entschiedenheit unserer Zeit vorgehalten wünschten, so 
stört es doch den guten Eindruck nicht , welchen die Schrift auf uns 
gemacht hat, und wir wünschen von Herzen, dass der Hr. Verf. uns 



Programmenschau. Q7 

bald die Fortsetzang geben möge. Da wir erwarten, dass in dieser 
die Nachtheile, welche der Zeitg^st auf die intellectuelle Bildung übt 
sor Darstellung kommen werden , so macben wir ihn auf mehrere der im 
folgenden zu besprechenden Schriften aufmerksam. Bei der Lettung 
des Torliegenden Theiles ist es dem Ref. von neuem recht deutlich 
vor das Bewusstsein getreten, wie doch alle Erziehung von der re- 
ligiösen Stellung des Erziehenden bedingt ist. Wird es in dieser Hin- 
sicht besser, dann wird auch das übrige besser werden. Nur der 
Geist Gottes' kann den Zeitgeist überwinden. Will die Schule den 
nicht leichten Kampf, den sie beginnen muss, glücklich bestehn, will 
sie die vielen Schwierigkeiten, die ihr vom Hause aus entgegenge- 
stellt werden, glücklich überwinden, so muss sie damit beginnen, dass 
sie sich selbst vom Zeitgeiste völlig innerlich frei mache.. Christ- 
liche Zucht muss sie an die Stelle der zeitlichen Schwäche, christ- 
lichen Glauben an die Stelle des Unglaubens setzen , unbehindert und 
angeirrt durch das Geschrei der Welt. Zwar wird sie in intellectuel- 
1er Beziehung nicht mit einemmale alles, was die Zeit ihr aufge- 
drängt, ausschliessen können, aber sie wird das, was nothwendig ist, 
von dem scheiden, was nur durch den Wind der Meinung in sie ge- 
kommen, und alles unter das ^inePrincip stellen, das ihr vorgezeich- 
net ist, sie wird sich bemühen in ihrer Zeit zu stehen, aber nicht 
von der Zeit zu sein (4n der Welt, nicht von der Welt' Melanchthon). 
Sehr schwierig wird die Beantwortung der Frage sein, welche durch 
die angezeigte Schrift ebenfalls angeregt ist, wie die Schule, selbst 
da, wo sie zugleich Erziehungsanstalt ist, weil sie doch dann nicht 
von Anfang an den Knaben übernimmt , für die körperliche Kräftigung 
zu wirken habe.' Der gymnastische Unterricht wird zwar vielen 
Schwächen wirksam entgegenarbeiten, aber allein genügen kann er 
nicht, da er weder alle durch zu frühe schädliche Genüsse in den 
Körper gebrachten Nachtheile- zu verbannen^ noch dem fortgesetzten 
und wiederholten Genüsse vorzubeugen vermag. Erfahrung gibt ohne- 
dies an die Hand, dass manche im Turnunterrichte gewöhnliche Ue- 
bungen (z. B. am Reck und beim Klettern) in andrer Hinsicht nach- 
theilige Folgen haben, und leider ist er noch nicht überall das, was 
er sein soll. Man legt auf Fertigkeit und Schaustellung einen zu 
grossen Werth und auf die gesundheitliche Ausbildung des Körpers 
einen zu geringen.. Ob die an so vielen Orten beobachtete Abneigung 
und Lässigkeit in Bezug auf diesen Unterricht von Seiten der Schüler und 
Eltern eine Folge der körperlichen Verweichlichung und des Strebens 
nach Ungebundenheit sei, oder ob man daraus einen Schluss auf die noch 
nicht zu völliger und einleuchtender Zweckmässigkeit gediehene Ausbil- 
dung jenes zu ziehn berechtigt sei, wagt Ref. nicht ganz zu entscheiden, 
obgleich er der Annahme des erstem sich weit mehr zuneigt *). Ein 



*) Die erwähnte Erfahrung bat an der höheren Bargerschule zu 
Oldenburg eine eigenthüm liehe Einrichtung herbeigeführt. Die Tur- 
ner bilden dort eine zwar unter Aufsicht stehende, aber doch sich 



08 Programmenschau. 

Pankt, welcher die Anfmerksamkeit der Lehrer besonders Terdient, 
ist die Haltung des Korpers während und ausser dem Unterrichte. 
Viele Gewohnheiten sind Folgen Ton Korperschwäche , aber yiele er- 
zeugen auch eine solche, ja manches fuhrt zu Unstttlichkeit , woTon 
man es kaum ahnet. Dass übrigens der sittlichende Einfluss der Schule 
auch bei der körperlichen Erziehung die segensreichsten Folgen ha- 
ben werde, bedarf hier keiner weitern Besprechung. — Einen sehr 
werthvoUen Beitrag zur Beantwortung der im Eingange dieser An- 
zeige angedeuteten Fragen bietet die Redcy welche der Director Dr. 
Friedr. Rieck beim Antritte seines Amtes am Gymnasium zu Zwik- 
kau gehalten und in dem Programme der Anstalt Michaelis 1851 ver- 
o£fentlicht hat. Sie geht Ton dem offensten Bekenntniss aus, dass 
der Glaube an die Vortrefflichkeit des deutschen Schulwesens durch 
die Erfahrungen der letzten Vergangenheit als ein Irrthum erwiesen 
sei, weist aber eben so entschieden die Maasslosigkeit der Anklagen, 
welche man gegen die Schule überhaupt und gegen das Gymnasium 
insbesondere erhoben hat , wie die heidnische Hoffnungslosigkeit , wel- 
che sich auf allen Gebieten des Lebens so yieler bemächtigt hat, zu- 
rück* Von dem im Christenthum festwurzelnden Glauben an die Mög- 
lichkeit einer Erneuerung und Erfrischung unsres Volkes durchdrungen 
wendet sie sich sodann zu den Terkehrten Richtungen der modernen Pae- 
dagogik u. zeigt als solche 1) die einseitige Herrorhebung. des Wissens 
Tor dem Können, 2) die Voranstellung der Subjectivität vor die 
ObjectiyitSt (der Reflexion vor die Vertiefung in das Object) , 3) den 
Mangel des rechten lebendigen alles zusammenhaltenden Mittelpunktes. 
IHesen bildet zunächst die Nationalität — 'nur das in und für die 
Gegenwart lebendige und nachwirkende hat für die Schule Werth 
und Bedeutung'; damit ist ebenso die Nothwendigkeit des Studiums 
der Alten erwiesen , wie die Methodik desselben bestimmt — über ihr 
aber die Religion, welche die Seele alles nationalen Gedeihens ist "*"). 
Auch in Bezug auf den Unterricht in dieser wird neben der lieber- 
lieferung der heiligen Wahrheit die Anregung des Suchens gefordert. 
Der grosse Reichtum an fruchtbaren Gedanken , welchen die durch 
Praecision der Darstellung ausgezeichnete Rede enthalt, wird durch 
den gegebenen Auszug nur in geringem Maasse angedeutet, möge er 
indes zur eignen Leetüre auffordern und anregen. — - Ausgezeichnet 
durch tiefe Einsicht, kräftige Gesinnung und christlichen Ernst ist 
auch -die Rede^ welche der Dr. Heiland beim Antritt des Directo- 



selbst regierende und ihre eignen Angelegenheiten selbständig verwal- 
tende Gemeinde. Nach dem Berichte des Rector Breier von Ostern 
1851 hat die Einrichtung, welche dort ausführlich beschrieben wird, 
gute Folgen gehabt, mancherlei Bedenken aber wird man dabei nicht 
unterdrücken können. 

*) Beiläufig macht Ref. auf die treffliche, schon in zweiter Auf- 
lage erschienene Schrift desselben Verfassers : ' Andeutungen über den 
Zusammenhang zwischen Kirche und Schule. Dresden. 8* dringend 
aufmerksam. 



Programmenschau. 69 

rata am Gymnasium xu Oels gehalten hat, mitgetheilt im Programm 
der genannten Anstalt Ostern 1852. Sie geht mehr auf die einseinen 
Disciplinen ein, welche die Gymnasialbildang ausmachen, zeigt, dass 
und warum in den classischen Sprachen der Kern und Schwerpunkt 
derselben liege, und warnt in Bezug auf die Realien, deren Berech- 
tigung nicht verkannt wird, vor dem auf bloss passives Aufnehmen 
berechneten Vortrage, wie vor der zu Geringschätzung positiver 
Kehntniss erziehenden philosophisch-kritischen Methode. Das geistige 
Können, die sittliche Gesinnung, die christliche Frömmigkeit werden 
als die Grundpfeiler und Endzielpunkte der gesammten Gymnasialbil- 
dung mit Nachdruck hervorgehoben ♦). — Was in den eben ange- 
zeigten Schriften in mehr andeutender, ist in wissenschaftlicher aus- 
führlicher Weise behandelt in der Abhandlung des Oberlehrer Kal- 
lenbach: üeber das Prineip der Einheit und der Manigfaltigkeit 
im GymnasUüunterrieht überhaupt und im lateiniichen Unterrichte 
insbesondere. Eine didaktische Skizze, (44 S. 4. Programm des k, 
Gymnasiums zu Quedlinburg, Ostern 1851). Wir tragen kein Beden- 
ken dieselbe für eine sehr bedeutende, die sorgfältigste Beachtung 
verdienende Arbeit zu erklaren, da sie auf theoretischem und histo- 
rischem Wege das Wesen des Gymnasiums in seiner ganzen Tiefe er- 
fasst und durch ernstes Nachdenken über die einzelnen Theile des- 
selben die trefflichsten Ansichten zu Tage fordert. Um des Inhaltes 
willen sehen wir gern von der öfters zu weit gehenden dialektischen 
Zersetzung des Stoffes, der doch auch zuweilen ein zu geringes Aus- 
einanderhalten der einzelnen Partien entgegensteht, ab und rechten 
auch nicht über die Ordnung der Gegenstande, die wir an manchen 
Stellen anders wünschten. Von dem bekannten Aussprache Luthers in dem 
Unterricht für die Visitatoren 1538 (v. Räumer Gesch. der Paedag. T. 
S. 173) ausgehend, entwickelt der Hr. Verf. zuerst die Bedeutung 
des Princips der Einheit und der Manigfaltigkeit in der Natur und 
in der Cultur , wobei er tiefe Blicke in den Gang der Geschichte dem 
Leser eröffnet. Zu dem deutschen Volke übergehend findet er als die 
Grundlagen seiner Bildung das Christliche, das Classische und das 
Nationale in Sprache , Litteratur , Kunst und Wissenschaften , welches 
letztere dadurch noch eine eigenthümliche Färbung und innere Viel- 
seitigkeit erhält, dass die Deutschen wegen ihrer vermittelnden Stel- 
lung in Europa entweder dazu bestimmt oder doch dazu geneigt sind, 
selbst mit Hintansetzung der eignen Nationalitat die Cultur anderer 
Elemente in sich anzunehmen. Erscheint uns hier der Ausdruck ' das 
Nationale' für das Moderne auch nicht ganz zweckmassig gewählt, 
denn auch Griechenlands und Roms Bildung war national, so erken- 
nen wir doch die Sache als ganz richtig an. Als ein treues Bild von 
dem vielseitigen Culturzustande unsers Volkes erkennt der Hr. Verf. 

♦) Die in demselben Programm enthaltene Rede desselben Verf. 
(zum Geburtstage des Königs am 15. Oct. 1851) zeigt ausser andern 
rühmlichen Eigenschaften begeisterten, auf festen Grundlagen ruhen- 
den Patriotismus. 



70 Programmensdian. 

die Bildangsaiutalten nicht sowohl in ihrer successiven, als in ihrer 
simultanen Manigfaltigkeit (Volksschule — Gymnasium — Univer- 
sität; Seminar — höhere -Bürgerschule — Realschule — Berufsschu- 
len). Bei der nun folgenden Darstellung, berechnet auf den Nachweis, 
dass das Princip der Manigfaltigkeit in dem gegenwärtigen Gymna- 
sium die weiteste Ausdehnung erreicht habe und jeder Schritt darüber 
hinaus als höchst bedenklich erscheine, hatte vielleicht eine strengere 
Auseinanderhaltung des thatsachlichen und des Urtheils darüber dem 
Leser die Auffassung etwas erleichtert. Das Gymnasium wird, abge- 
sehn von anderen Bildungszwecken, in seiner organischen Stellung 
zwischen Volksschule und Universität und gegenüber andern Bildungs- 
anstalten, als eine in sich selbst abgeschlossene Einheit betrachtet, 
welche den Zweck hat , die geistigen Kräfte des Schülers in Ueber- 
einstimmung mit den allgemeinsten Culturprincipien sorgsam einheit- 
lich und vielseitig zu entwickeln, dass er stark werde im Geiste und 
dadurch vorbereitet auf eine höhere wissenschaftliche Thätigkeit; 
diese Einheit differenzirt sich aber nach dem Hrn. Verf. in den Ge- 
sammtlehrer, das Gesammtbildungsmittel und die Gesammtzahl der 
Schüler. Von den Einzellehrern wird gefordert, dass in ihnen das 
Gesammtbildungsmittel subjectiv geworden, d. h. dass sie gelehrt 
seien, und das Bildungsmittel für die jedesmalige Altersstufe zweck- 
mässig gestalten und behandeln, d. h. dass sie Methode haben. Bei 
den Bildungsmitteln stellt er — mit unserer herzlichen Zustimmung — 
das gottliche Princip voran, da es die innere Einheit des Gymnasiums 
vermitteln und objectiv als Lebensprincip in der geschichtlichen Ent- 
wicklung aufgefasst werden muss. Das menschliche Princip findet er 
zunächst in den beiden alten Sprachen , wobei gezeigt wird , dass das 
Ziel, das man im lateinischen Unterricht durch Schreib- und Sprech- 
übungen erstrebt, nur bei ^iner Sprache erreicht werden und dass 
man deshalb eher in den Wunsch derer einstimmen kann, welche 
das Griechische an die Stelle des Lateinischen gesetzt, als in den 
derjenigen, welche beide Sprachen gleichgestellt wissen wollen. Zu 
diesen Bildungsmitteln tritt das nationale Princip in seiner deutschen 
Besonderheit und seiner europaeischen Manigfaltigkeit. Die hier 
geäusserte Ansicht, dass das Englische mehr als das Franzosische 
verdiene Bildungsmittel im Gymnasium zu sein, scheint sich immer 
mehr zur Geltung hindurchzuringen. Ob ihre Ausführung jetzt und 
überhaupt künftig möglich sei, wagt Ref. nicht zu entscheiden. In 
Bezug auf die Wissenschaften findet sich die durchaus treffende Be- 
merkung, dass man vielfach die Akademie in das Gymnasium hinein- 
gezogen habe, und dass namentlich Naturgeschichte, Geographie und 
Geschichte mit dem vorsichtigsten Eklekticismus gelehrt werden müs- 
sen, damit der Geist der Schüler durch diese Wissenschaften wohl 
genährt , aber nicht durch ihren Inhalt überfüllt werde , während Ma- 
thematik und Physik in ihrer intensiven Kraft zu wirken habe (auf 
d&s letztere werden wir später zurückkommen; der erstere Gedanke 
wird S. 19 noch einmal mit weiterer Begründung ausgesprochen). 



Programmenschaa. 71 

Nachdem so der Hr. Verf. die ungemeine Manigfaltigkeit, in welche 
sich die subjective Gesammtbildnng spaltet, durchgegangen hat, äus- 
sert er die ganz gerechte, von vielen getheilte, aber nur bei weni- 
gen KU kräftigem Entgegenwirken lebendig gewordene Besorgniss, dass 
über das Vielwissen das Rechtwissen, über die UmfangUchkeit die 
Gründlichkeit, über die extensive die intensive, über die receptive 
die reproductive und productive, über die äussere die innere Bildung, 
über das Gedächtniss und den Verstand das Gemüth und das Herz, 
über den Geist der Charakter, über die freie Auffassung des Objects, 
wie sie den Uhiversitäten angehört , die den Schalen mehr eigenthüm- 
iiche, gebundene, nothwendige, über die Vielseitigkeit der Bildung 
ihre Einheit in Grefahr kommen könne. Als durchaus festzuhaltende 
Bedingung bezeichnet er, dass der Schaler zur Erkenntniss seiner 
Bestimmung komme und zwar vor allem seiner himmlischen, ewigen, 
sodann aber auch seiner irdischen, ob er zu studieren befähigt sei 
oder nicht, wobei es nicht allein auf den Kopf, sondern, was man in 
iieuerer Zeit so vielfach hintangestellt habe, auf den Charakter an- 
komme; es thun unserer Zeit nicht sowohl sogenannte gute Kopfe, 
die sich leicht in alle Verhältnisse finden und diese auf sich wirken 
lassen , als vielmehr tüchtige , tiefe - Charaktere noth , die im Staate 
und in der Kirche feststehn. An diese Auseinandersetzung knüpft der 
Hr. Verf. einen historischen Rückblick darauf, was das Gymnasium 
gewesen , und wie es das, was es jetzt ist, geworden sei. In demselben 
zeigt sich nicht nur ein fleissiges gründliches Studium der Geschichte 
des Schulwesens , sondern auch eine genaue Bekanntschaft mit der 
Entwicklung der Cultur in Deutschland überhaupt. Als Hanptphasen^ 
werden unterschieden : die christlich-lateinische Schule der Reformato- 
ren, die Frankesche pietistische, die humaiiistische , wiederum in eine 
strengere und mildere geschieden , und die eklektische. Bei der er- 
sten wird als erfreulichen Eindruck machend die Einheit mit der Kir- 
che und die innere Einheit hervorgehoben. Hier ward das göttliche 
Princip über das menschliche gestellt , der Schüler zuerst zu dem Be- 
wusstsein seiner ewigen hohem Bestimmung, dann aber seiner irdi- 
schen geführt. Hier herrschte Einheit des Bildungszweckes; die Schule 
umfasste alle Stände und alle Berufi^arten. Die Lehrer waren Theo-> 
logen mit lateinischer und zwar grammatischer und logisch -rhetori- 
scher Bildung. Es gab keinen eignen Lehrerstand; das Lehramt war 
meist Durchgangsposten zum Predigtamt; in den mittlem Classen 
traten häufig frische Kräfte ein, nur in den obem blieben die Leh- 
rer wohl ihr ganzes Leben hindurch. Einfach waren die Bildungs- 
mittel, das Evangelium und das Latein, bei dem sich, da es in und 
ausser der Schule allgemeine Denk-, Darstellungs- und Redeform war 
[Ref. findet die später von dem Hrn. Verf. gegebene Modification rich- 
tiger: die lateinische Sprache war Sprache der Wissensehaft] , das 
Schulprincip mit dem Lebensprincip ausglich , welches also nicht bloss 
für die Ajisbildung des Geistes allein, sondern auch für das Leben 
und in der Praxis Bedeutung hatte. Von dem GriechiÄ^fcA». v^^w^^äv. 



72 Progr«mmen8ch.a. 

nur Elemente gegeben, am zu späterem tieferem Stadium anzuregen. 
Die Wissenschaften Terachtete man nicht, aber man fand für sie kei- 
nen oder nur einen sehr geringen Raum. Auch die äussere Organi> 
sation ^ar noch einfach (Luther 3 Haufen, die sächsische Schulord- 
nung 5, die wurttembergische 6 Haufen, welche Organisation typisch 
geworden. Sturm hatte 10 Classen mit jährigen Cursen , bemühte sich 
aber eifrigst, dass darüber die Einheit des Unterrichts nicht verloren 
gienge}. Der Uebergang Ton der Einheit zur Manigfaltigkeit ward 
durch Franz Baco und Arnos Comenius vorbereitet und durch die 
Frankesche Schule vermittelt. In ihr ward durch das mit den Fran- 
keschen Stiftungen verbundene Lehrerseminar der Anfang zur Bildung 
eines besondern Lehrerstandes für die Gelehrtenschulen gemacht- 
Zwar blieben die Lehrer Theologen, aber man beobachtete ihre Be- 
fähigung in der Praxis , gab ihnen besondere philologische Vorübung 
und eine allgemeine encyclopaedische Bildung, ja man stellte zuerst 
Fachlehrer an. Die Einheit wurde durch feste Normen für Lehrplan 
Ufid Methode und durch die Beaufsichtigung des Unterrichts durch 
Inspectoren zu erhalten gesucht, man fand sie aber vor allem darin, 
das« man den Unterricht als Gottes Werk ansah. Sehr treffend ist 
des Hrn. Verf. Bemerkung, dass diejenigen, welche sich über dasZu- 
vifü der religiösen Uebungen tadelnd äussern, sich wohl vorsehn mö- 
gen , nicht in den entgegengesetzten Fehler des Zuwenig zu verfallen. 
Des Christenthums wegen wurde die Bibel im Grundtexte gelesen, die 
griechischen Classiker blieben vor dem N. T. unbeachtet, manche 
Schriftsteller wurden wegen befürchteten Nachtheils entweder ganz 
ausgeschlossen oder nur in Chrestomathien zugelassen. Das Latein 
blieb zwar mit wenigen Modificationen in der vorherigen Weise, aber 
es hatte nicht mehr die alleinige Herrschaft; man nahm Ausbildung 
in der Muttersprache auf und legte durch die Wissenschaften den er- 
sten Grund zu den Realschulen. Hier trat ferner zuerst ein die 
Scheidung der Schüler nach Ständen (Paedagogiuin) und Berufsarten 
(Studierende und Nichtstudierende , selbst in der lateinischen Schule 
durch ParalleUectionen und Versetzung nach Fächern ; nur in der mit- 
telsten Stufe wurde Einheit gefordert). Da die Frankesche Schule 
mit der der Reformatoren den christlichen Charakter und die Grund- 
bedingung gemeinsam hatte, so lässt sie sich mit jener als ein Gan- 
zes betrachten. Der Hr. Verf. knüpft deshalb S. 13 daran die Be- 
merkung, dass, da die Wirkungen jener Bildung (der kirchlich-latei- 
nischen) zum Theil noch in unser Jahrhundert hineinreichen, man 
besser thue, auf die Aeusserungen der durch sie gebildeten Männer zu 
achten, als über die eignen Principien und Theorien zu philosophiren 
und in den eignen Schulen zu experimentiren. Die dritte Verände- 
rung beginnt mit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, indem das Gym- 
nasium den kirchlichen Charakter verliert, eine Tochter der Univer- 
sität im Dienste der freien Humanität und der freien Wissenschaft, 
eine Anstalt des Staats wird. Natürlich liegt der erste Grund dazu 
in den kirchlichen Zuständen und der Hr. Verf. schildert nach einer 



Programmenschau. 73 

lebendigen Darstellung des kirchlichen Lebens, wie es die Reforma- 
tion erzengt hatte (S. 16 ff.)> ^^^ Feindschaft gegen das Chri- 
stenthum in ihrer Entwicklang, bezeichnet sie aber aach als eine 
Zulassung Gottes zur grossem Verherrlichung des lautern Evange- 
liums , deren Anfang in unserer Zeit erkannt wird. Die Anklagen, wel- 
che in Bezug auf Kirchlichkeit und Religiosität erhoben werden, sind 
leider! gerecht und wohlbegründet. Wohl geben wir Hm. Prof. Jor- 
dan (Ztschr. für das Gymn.-wesen 1852* 1. S. 39 und 41) gern darin 
Recht, dass die Gymnasien mehr als andre Anstalten, z. B. die tech- 
nischen Schulen, davon gewahrt haben, aber die Beibehaltung des 
Religionsunterrichts, ja selbst seine, aber auch nicht überall geübte, 
Ehrtheilnng in kirchlich gläubigem Geiste verleiht denselben wahrhaft 
religiösen kirchlichen Charakter so wenig, als ihn die Beaufsichti- 
gung des Ganzen durch kirchliche Behörden allein verbürgt , vielmehr 
kommt hier alles auf das in sämmtlichen Lehrern vorhandene kirch- 
liche Bewusstsein und den aus demselben fliessenden, den ganzen Un- 
terricht und die ganze Erziehung bedingenden Geist an. Dass viele 
Gymnasien diesen Geist verloren, demselben entgegenwirkten, und 
nur noch die formliche Lossagung (auf diese arbeitete man auch schon 
hin) fehlte, ist schwerlich abzuleugnen. Die Erkenntniss davon hat 
die christlichen Gymnasien hervorgerufen , wie Hr. K. richtig bemerkt. 
Es hätte für den ^Ref. nicht erst der Auseinandersetzung in der Zeit- 
schrift für das Gymn.-wesen 1852. 1. S. 92 ff. bedurft, um die Gründe, 
welche das Gymnasium zu Gütersloh hervorriefen, und den Geist, in 
dem es gegründet ward, als in sich vollkommen berechtigt anzuer- 
kennen; dass man entschieden aussprach, was man wolle, kann auch 
nicht getadelt werden, aber dass man den Namen 'christliches Gym- 
nasium' gebrauchte (an 'evangelisches' im Gegensatz gegen 'katholi- 
sches ' würde niemand angestossen sein) , kann Ref. nicht gut heis- 
sen, weil man weder das Recht hatte, alle übrigen Gymnasien als un- 
christlich zu bezeichnen, noch das Recht, Christlichkeit von ihnen zu 
fordern, aufgeben durfte, was man doch in Beilegung jenes Namens 
finden konnte und musste. Als die zweite Ursache zu jener Verände- 
rung wird die Entwicklung der deutschen Sprache und Nationallitte- 
ratur bezeichnet, die um so mehr ein neues Bildungsmittel und eine 
neue Grundlage abgeben musste, als der Gedanke wahres enthält, 
dass alles Lehren und Lernen, Wissen und Können sein letztes Ziel 
in der Entwicklung der geistigen Kräfte und ihrer Offenbarung in 
der Muttersprache habe, und Gott selbst sich der einen Nationalität 
zur Bildung der andern bedient. Mit Recht macht aber hier der Hr. 
Verf. darauf aufmerksam, dass gerade die Einseitigkeit der alten 
Schule wesentlich zu jener Entwicklung der Sprache und Litteratur 
beigetragen habe, und stellt deshalb die aus jener hervorgegangenen 
Classiker den in der neuem erzogenen jungdeutschen Romantikern 
gegenüber. Wenn der Hr. Verf. dann die Entwicklung einer Natio- 
nallitteratur auch bei den übrigen neuen Culturvölkern Europas als 



74 Programmenschau. 

den Grund bezeichnet, weshalb das Französische *) and Englische 
aufgenommen wurden, obgleich jene beiden Völker das gleiche gegen 
das Deutsche zu üben weder geneigt noch gesonnen waren , so wollen 
wir ihm keinen Vorwurf daraus machen, dass er die politische Ge- 
staltung Deutschlands , die Niederlage des Nätionalgefühls und die da- 
durch bewirkte Vorliebe für das fremde und die weltgebietende Stel- 
lung Frankreichs und seiner Bildung nicht herrorhebt. Als dritte 
Ursache wird die Entwicklung der Wissenschaften und ihr Eintritt in 
die allgemeine Bildung bezeichnet und endlich wirft der Hr. Verf. 
noch einen Blick auf die Entwicklung der Philologie, die anfänglich, 
wenn auch hochgeachtet , doch nur Dienerin der Theologie war , dann 
aber durch den Realismus (in Frankreich und in den Niederlanden) 
und durch die grammatisch-kritische Periode hindurch nach Gesners 
und Heynes Vorgang durch F. A. Wolf sich zu. einer die sachliche und 
sprachliche Seite des Studiums der Alten Tereinigenden selbständigen 
Wissenschaft ausbildete und mit begeisterter Liebe gehegt wurde. Da 
nun die gleichzeitig eingetretene Entfremdung yom Christenthum — diese 
gab unbegründete Furcht ror Beeinträchtigung der classischen Stu- 
dien- durch die Grundsätze der Pietisten ein — in den Alten die Mu- 
sterbilder aller echten Humanität, in ihrem Studium das höchste 
Culturprincip sehn Hess, welche letztere Ansicht durch den Gegen- 
satz gegen die Philanthropen und Realisten Bekräftigung und Be- 
stärkung erhielt, so ward der Lehrerstand und mit ihm das Gymna- 
sium von theologisch- kirchlicher Bildung emancipirt. Ref. stimmt 
dem Hrn. Verf. Tollkommen bei, wenn er mehr als die frühere Ein- 
seitigkeit, wonach das Schulamt nur Durchgangsposten war, den gänz- 
lichen Mangel an christlich-kirchlichem Greiste bei den Lehrern be- 
klagt und wenn er , weil einmal Vereinigung der Theologie und Phi- 
lologie nicht mehr möglich sei — das , was man von philologischer Ge- 
lehrsamkeit in den Schnlamtscandidatenexaminibus Terlangt, scheint 
freilich auch nicht durchweg geeignet, die innere Tüchtigkeit der 
Lehrer zu fördern — , Ton den Lehrern wenigstens eine theologisch- 
paedagogische Ausrüstung Terlangt , nur wünschten wir das Maass und 
Wesen derselben näher bezeichnet. Weil nach unserer Ueberzeugung 
jeder Unterricht eine gründliche Bildung in der betreffenden Wissen- 
schaft fordert, so halten wir für den Religionsunterricht Lehrer , wel- 
che die Theologie zu ihrem Berufe gemacht haben, für nothwendig 
und möchten denselben nicht mit Hrn. Jordan a. a. O. den Ordina- 
rien zuweisen. Die Schule der Humanisten hat demnach ihr einheit- 



*) Dir. Ellen dt spricht in den Schulnachrichten des Gymnasiums 
zu Eisleben Ostern 1851 sich dahin aus, dass er, obgleich er das 
Französische lieber auf facultatiTen , aber unentgeltlichen Unter- 
richt Terweisen würde, gleichwohl um der NichtStudierenden willen 
in den Beginn desselben schon Ton Quinta an habe willigen müssen. 
Ref. hat schon längst sich dahin ausgesprochen, dass, weil man diese 
neuere Sprache nicht entfernen kann, es ihm zweckmässig scheine, 
die Erlernung der Elemente in einer früheren Zeit zu absolTiren, um 
dann grössere Concentration zu gewinnen. 



Programmenschau. 75 

liches Princip in dem rein menschlichen , in dem Geiste nnd der Form 
des Alterthnms, sie spaltet sich aber in die der strengeren , welche 
die Einheit in der classischen Bildung und als Zweck 'die Vorberei- 
tung zur Universität festhielten, und die der milderen, welche die 
Vielseitigkeit zuliessen und auch andern Zwecken dienen wollten. Bei 
der Charakteristik jener hebt der Hr. Verf. gebührend hervor, wie 
zunächst um die Ueber- oder Nebenordnung des Griechischen Streit 
entstehn, wie die Entscheidung dieses Streites, da für das Griechi- 
sche ein anderer Zweck als für das Lateinische festgestellt wurde, 
der Muttersprache, welche, seit sie sich als Gelehrtensprache ein 
Recht erworben, sich auch im Unterrichte von selbst Geltung ver- 
schafft hatte, einen weiteren Spielraum eröffnen musste, wie die für 
das Griechische veränderte Methode sich auch dem lateinischen Un- 
terrichte mittheilte, die Grammatik aus einer Anweisung recht zu 
denken und zu sprechen zu einer Anweisung zum Verständniss der 
Schriftsteller ward, die Schreibnbungen nur als Mittel zur Einfüh- 
rung in die Sprache beibehalten, die Dichter den Prosaikern gleich- 
gestellt wurden, kurz wie das Schulprincip ganz an die Stelle des 
Lebensprincips trat. Bei der Bildung der Lehrer schienen nebeiTden 
philologischen selten theologische, häufiger philosophische Studien, 
Paedagogik, Methodik, Didaktik gar nicht nothwendig, weil man 
glaubte, dass mit dem rechten Verständniss der Alten auch die rechte 
Methodik des Lehrens von selbst sich finde. Den Wissenschaften ward 
nur ein geringer Raum eingeräumt und die Erlernung der neueren 
Sprachen meist an den Privatunterricht verwiesen. Die Schule der 
strengeren Humanisten, im Wesen Sprachschule, hatte einen Plan, 
einen Zweck, einen Charakter. Mit Recht sagt der Hr. Verf., dass 
die bedeutenden Leistungen , die aus ihr hervorgiengen , einen Beweis 
dafür liefern, dass Einheit im Bildungsmittel für die Entwicklung der 
geistigen Kräfte nnd für die Gewöhnung an gründliche, anhaltende, 
vrissenschaftli^he Beschäftigung mit demselben Gegenstande von gross- 
ter Wichtigkeit sei. Die milderen Humanisten, für deren Grundsätze 
sich im ganzen der Staat entschieden hat, betrachten das classische 
Element zwar als den Mittelpunkt der rein menschlichen Bildung, 
aber nicht als Zweck, sondern nur als Mittel zur allseitigen Ent- 
vricklung der Geisteskräfte nnd wollen nicht die Vielseitigkeit der 
Einseitigkeit zum Opfer bringen; daher sie auch die Muttersprache, 
die Wissenschaften und die neueren Sprachen hereingezogen haben. 
Wenn hier der Hr. Verf. sagt, die Einheit dieser Schule könne man 
nur in dem ausgedehnteren Gebrauche der deutschen Sprache finden, die 
Gymnasien seien deutsch geworden , ohne deshalb den classischen Cha- 
rakter verloren oder einen entschieden nationalen angenommen zu ha^ 
ben, so machen vrir zwar darauf aufmerksam, dass jenes al» Princip 
von manchen ausgesprochen nnd vom Staate hie und da durch die 
Vorschrift, dass nach der Leistung im Deutschen die Gesammtbildung 
des Schülers geschätzt werden solle, anerkannt worden ist, müssen 
aber auch Hrn. Jordan a. a. O. Recht geben ^ da«« >n^^«. ^\bä ^^ 



76 Programmenschaa. 

wasste Beziehung des gesammten Unterrichts auf diess Princip alige 
mein sei, noch auch die Ueberfüllung eine Concentration darauf zu- 
lasse, wennschon der Zweck mittelbar mit erstrebt wird. Was der 
Hr. Verf. schon S. 15 ausgesprochen: 'Seitdem man aufhörte in den 
Gelehrtenschulen am ersten nach dem Reiche Gottes zu trachten und 
nach seiner Gerechtigkeit, da traten auch Fragen auf Fragen hervor 
über ideale und reale Bildung, über das Verhaltniss des Antiken und 
Modernen, über theoretische und praktische Bildung u. s. w.', dies 
erläutert er durch einen Blick auf die in unseren Zeiten so umfäng- 
lich gewordene SchuUitteratur uud die einander fast jagenden neuen 
Methoden. Da wir die kurzen und treffenden Charakteristiken nicht 

• 

auszuziehn Termogen, so begnügen wir uns mit einigen Bemerkungen. 
Wenn der Hr. Verf. S. 28 seine Freude darüber ausspricht, dass die 
Muttersprache in den Gymnasien keine verbotene mehr sei, so drängt 
sich uns daneben die wehmüthige Klage über die schon so oft gerogte 
unselige Leserei der Jugend auf. Bei den Gründen, warum so viele 
Lehrbücher entstehn und dennoch so wenige genügen (der reissende 
Fortschritt ia den Wissenschaften, aber auch die rücksichtslose Gel- 
tendmachung der Subjectivität), wurden wir auch die Unmöglichkeit 
mit hinzufügen, den in Bezug auf den Umfang der Kenntnisse erho- 
benen Ansprüchen bei der geringen Stundenzahl zu genügen. Wie 
viele Compendien sind von Lehrern gearbeitet, um den Unterricht zu 
suppliren! Wenn endlich die Trennung der naturwissenschaftlichen 
und mathematischen Fächer von den übrigen in der Lehrerbildung er- 
wähnt wird, so fordern wir auch in diesen, wie beim Religionsun- 
terrichte, gründliche Studien, aber können doch nicht genug vor der 
Einseitigkeit der Bildung warnen. Welch tiefer Riss entsteht nicht 
in der Gymnasialbildung durch Fachlehrer, welche sich dem Ganzen 
nicht unterordnen können oder wollen! Vollkommen Recht hat der 
Hr. Verf., dass er dem Streben, durch sorgfaltige innere und äussere 
Organisation des Unterrichts und durch Methode des Stoffes Herr zu wer- 
den, zwar eine gewisse äussere räumliche Beschränkung und eine 
naturgemässe Gestaltung und Behandlung der verschiedenen Lehrge- 
genstände als Resultat zuschreibt, aber die Erreichung einer tiefen 
innern Einheit bezweifelt. Wenn er nun auch den Umstand, dass 
das Gymnasium jetzt reifere Jahre und eine gewisse Vorbildung in 
Anspruch nimmt , als einen Vortheil gegen früher anerkennt , wenn er 
die allgemein gewordene Eintheilung in das Ober- u. Untergymnasium für 
den Unterricht und die Entscheidung für den Beruf zweckmässig findet, 
wenn er zugibt , dass die Manigfaltigkeit durch den allmählichen Anfang 
der Sprachen, durch die möglichste Einheit des Lehrers in einer und der- 
selben Classe und die desselben in einem Fache durch mehrere Classen 
verringert wird , so kann er doch dadurch die oben angeführte Besorg- 
niss um so weniger für beseitigt erachten , als das Nebeneinander aller 
Sprachen und Wissenschaften von Quarta an, die Mehrheit der Leh- 
rer und die fänffache Versetzung zur Verminderung der Einheit hin- 
zutreten, und wendet sich deshalb zu der Frage, was unter den ge- 



Programmenschau. 77 

gebenen Umstanden — denn eine augenblickliche Aendernng wird 
schwerlich zu erwarten sein — nothwendig sei, um die schlimmsten 
Folgen zu -vermeiden. Er erwähnt 1) vor der Versetzung sorgfaltige 
Prüfung der Reife des Schülers; 2) die Lehrer der folgenden Classe 
müssen das Gesammtwissen des eintretenden Schulers in sich anf> 
nehmen , um darauf weiter bauen zu können ; 3) das Bildungsmittel 
muss einen stetigen, identischen, einheitlichen Charakter annehmen, 
damit der Schüler der vorhergehenden Classe sich in der folgenden 
nicht verliere, sondern v^ederiinde. Er stellt zwei Systeme einander 
gegenüber, das excentrische oder synthetisch - progressive , und das 
concentrische, analytische oder progressiv - regressive (diese Namen 
vermögen wir nicht gutznheissen). Wahrend in jenem jede Classe 
als für sich bestehend betrachtet, dem Schüler selbst überlassen wird 
den Zusammenhang herzustellen , sollen in diesem die Classenbewnsst- 
sein möglichst ineinander greifen, sich in und auseinander entwickeln. 
Dem letztern wird gewiss niemand den Vorzug absprechen, gewiss 
aber auch mit dem Hrn. Verf. anerkennen, dass die Verschmelzung 
der Lehrer in eine geistige Einheit ihre Grenzen haben müsse, weil 
einmal der Schüler durch die Manigfaltigkeit der Individualitaten 
gewinnen solle (deshalb wird auch der Vorschlag, dass ^in Lehrer 
immer dieselben Schüler durch das ganze Gymnasium durchfuhren 
solle, auf das entschiedenste zurückgewiesen), und weil der Lehrer 
jeder Classe seine besondere Aufgabe zu losen, die der vorhergehen- 
den nur in soweit zu berücksichtigen habe, als sie Grundlage dieser 
sei. Sehr schon weist der Hr. Verf. die Vortheile des Systems und 
die Nothwendigkeit seiner Annahme bei dem Geschichtsunterricht, der 
Grammatik und sogar der Leetüre nach. Schliesslich warnt er dann 
noch einmal vor dem so verderblichen Theoretisiren und Experimen- 
tiren und ermahnt eindringlich die Lehrer zum Festhalten an der Ein- 
heit im Geiste Gottes und zu echter Collegialität. Indem Ref. dem 
Hm. Verf. seinen aufrichtigen Dank für die manigfache Anregung 
und Belehrung, welche er in seiner Abhandlung gefunden, abstattet, 
spricht er die Ueberzeugung aus, dass dieselbe jedem, der sich un- 
befangen in sie vertieft, nicht ohne Nutzen sein werde. — Da in 
den eben angezeigten Programmen christliche und kirchliche Erzie- 
hung von den Gymnasien mit Nachdruck gefordert vrird, so erwähnen 
wir zwei darauf bezügliche Reden, eine ^die Religion^ von Dir. Prof. 
Dr. Mor. Axt schon 1846 an die Abiturienten gehalten (mitgetheilt 
im Progr. des konigl. Gymnasiums zu Kreuznach, Ostern 1850), eine 
tief ergreifende Darstellung vom Wesen des Christenthums , vom Un- 
terschied zwischen der Religion und deren wissenschaftlicher Behand- 
lung, von dem Wechselverhaltniss zwischen Glauben und Liebe und, 
wie von dem Wandel des Christen überhaupt, so von seiner Stellung 
zu seinen Brüdern insbesondere, tief ergreifend sowohl durch den In- 
halt, als auch durch die kraftige, körnige und doch stets klare und 
verstandliche Sprache, und die von dem Geh. Kirchen- u. Schul-Rath 
Dr. Meissner bei der Einführung des Dir. R i e c k. %<(;Va}X.«qw^ ^^^^^s^ 



78 Programmenschau. 

obea erwähnten Zwickaner Programm) , welche die Frage behandelt : 
*8oll die Schale und insonderheit die Geiehrtengchule zum Glauben 
oder soll sie zum Nichtglauben erziehn ? \ also : 'ob gläubiges oder 
nicht gläubiges y ob christliches oder nichtchristiiches Gymnasium?' 
sehr lesenswerth wegen der ans dem yoiiigen Durchdrungensein von 
der Nothwendigkeit hervorgehenden Innigkeit und Wärme, welche 
daher eben so eindringlich zum Festhalten ermahnt, wie an der Hoff- 
nung darauf sich festhält. — In näherer Beziehung zu der oben er> 
wähnten Hauptfrage, als es der Titel ahnen lässt, steht: Ein Wort 
über öffentliche Schulprüfungen. Von Dir. Dr. Fried r. Kapp (Pro- 
gramm des königl. Gymnasiums zu Hamm. Mich. 1851. 19 S. 4). 
Von der Thatsache, die nicht allein in Hamm, sondern an fast al- 
len höheren Bildungsanstalten sich herausgestellt, dass die Theilnahme 
an den öffentlichen Prüfungen Ton Seiten der Väter und des gebilde- 
ten Publicums überhaupt von Jahr zu Jahr immer geringer geworden, 
findet der Hr. Verf. den Grund nicht in dem unbedingter gewordenen 
Vertrauen zu den Schalen, sondern in dem Mangel des Interesses an 
allem höheren rein geistigen Streben, das er unserm Zeitalter nicht 
mit Unrecht zum Vorwurf macht. Diese Anklage wendet sich aber 
auch gegen die Gymnasialbildung unserer Tage. Wir können es nur 
billigen! dass der Hr. "Verf. eine Stelle aus seiner vor 16 Jahren er- 
schienenen Schrift : ' G. W. Hegel als Gymnasial^Rector oder die Höhe 
der Gymnasia^bildung unserer Zeit' wiederholt und die hier berührte, 
in das innerste Leben nicht allein der Gegenwart, sondern auch der 
Zukunft tief eingreifende Frage unter Wiederabdruck von S. ' 2—8 
seines Programms in der Ztschr. f. d. Gymn.-wesen 1852. 1. S. 81 — 86 
nochmals zur Beachtung empfiehlt. Aus dem vorhergehenden kann nicht 
zweifelhaft sein, was wir darauf, ob er die Frage, was gelten solle, 
Studium oder ßxercitium, was besser sei etwas werden oder etwas 
lernen, richtig gestellt habe, antworten, dass wir nämlich die Ueber- 
fuliung mit Wissen, das gleichzeitige Hindurchführen durch eine Menge 
von verschiedenen Lehrfächern, die Berechnung des Unterrichts auf 
materiellen Nutzen, ja selbst auf das Bestehen der Examina, das 
ängstliche Gängeln der gesammten Erziehung (das ist, was Exerci- 
tium. genannt wird) als die sehr bedenkliche Seite unseres Gymnasial- 
wesens and die dem analogen Bestrebungen als gleich gefährlich für 
nnsere ganze Zeit einerseits , andrerseits die Wirksamkeit dafür, dass 
dem jagendlichen Geiste Zeit und Gelegenheit zur Sammlung seiner 
Kräfte, zu selbstthätiger Arbeit und Aneignung gegeben, in ihm be- 
geistertes Streben nach dem höchsten und idealsten angeregt und ge- 
nährt,- die Charakterbildung über dem Wissen und der Schärfung des 
Verstandes nicht vernachlässigt werde (Studium und Werden), als 
eine heilige, von allen mit Ernst zu betreibende Pflicht und Aufgabe 
anerkennen. Um das dem heutigen Schulleben mangelnde deutlicher 
zu machen, stellt der Hr. Verf. als Gegensatz hin die Schilderung 
seines Lebens auf dem Christiano-Ernestinum zu Baireuth in den Jah- 
ren 1806—1809, ein lebendiges, erquickliches, zu ernstem Nachden- 



Pro^ammenschaa. 79 

ken anregendes Bild. Die Lebrgegenstande hatten in jener Schnle 
fast denselben Umfang wie in unsern, der philosophische Unterricht 
sogar eine weit grossere Ausdehnung; die Stundenzahl, 32 wöchent- 
lich, war keine geringe; der Privatfleiss der Schüler wurde im höch- 
sten Grade in Anspruch genommen, ja sogar die zeitweilige Verwen- 
den von Nächten gefordert, aber es beruhte derselbe nicht auf 
Zwang, sondern auf Anregung des Ehrgefühls und begeisterten Stre- 
bens. Das Verhältniss zu den Lehrern war ein ehrfurchtsvolles und 
doch vertrauliches, die Disciplin keine polizeiliche, mehr von den 
Schülern unter sich geübt, aber sittlich-streng. Grossen Einfluss auf, 
die Schüler übte die Umgebung hochgestellter, im Berufe gewissen- 
hafter, für die Bildung begeisterter Männer, welche an der Schule 
und deren Gedeihen einen lebendig thätigen Antheil nahmen. Beson- 
ders übte Jean Paul einen solchen Einfluss aus und das Programm 
enthält einige interessante Beiträge zu dessen Charakteristik. Eine 
Grundbedingung dazu war aber freilich die von dem Hause aus den 
Schülern eingepflanzte Zucht, Achtung vor dem Gesetze und hochge- 
stellten bedeutenden Persönlichkeiten, Bestrebung nach Erreichung 
gleicher Tüchtigkeit. Indem der Hr. Verf. die Theilnahme an den 
öffentlichen Prüfungen und den daraus für die Schüler hervorgegan- 
genen Nutzen schildert, kommt er auf seinen eigentlichen Gegenstand 
zurück und wendet sich an das Publicum «einer Stadt mit der Frage, 
ob es nicht möglich sein sollte, ein gleiches Verhältniss zwischen ihm 
und dem Gymnasium herzustellen. Ref. würde dies als ein höchst 
erfreuliches Zeichen wiederhergestellten Zusammenwirkens zwischen 
Schule und Haus, wieder erwachten Interesses an dem rein geistigen, 
nicht unmittelbar materiellen Nutzen bietenden, wiederkehrender Ein- 
heit in der allgemeinen Bildung begrüssen. Aber es drängt sich doch 
auch die Frage auf, was die Gymnasien dazu thun müssen. Bieten 
die Prüfungen eine Anschauung von der Schule, geben sie eine wirk- 
liche Nahrung des Geistes und Auffrischung früher gewonnener Kennt- 
nisse, so wird auch ein höheres Interesse dafür erwachen; es will 
aber scheinen — was Ref. schon einmal ausgesprochen — , dass die 
Prüfungen an vielen Gymnasien in der Vorführung einer Menge Von 
Fächern in sehr kurzer Zeit ein Bild von ihrem Innern Zustande bie- 
ten. — Eine Stelle in dem eben angezeigten Programm S. 4: 'Wenn 
man allgemein erfahren muss , wie gerade solche Väter (die sich um 
die Schule sonst nicht bekümmern) gleichwohl wenn den Söhnen ir- 
gend etwas unangenehmes in der Schule, besonders bei der jährlichen 
Versetzung, dieser Passionszeit des Dirigenten, begegnet, über diese 
und ihre Lehrer nicht lieb- und gedankenlos genug — nicht urtheilen^ 
nein — nur räsonniren können' gibt Veranlassung zu erwägen, wie 
man solchen Urtheilen entgegenwirken könne. Wo auf eine bessere 
Ueberzeugung keine Hoffnung vorhanden ist, bat die Schule gleich- 
wohl die Pflicht, mit Entschiedenheit die von ihr als recht und wahr 
erkannten Grundsätze offen zu bekennen , will sie nicht durch Schwei- 
gen der bösen -Saat , namentlich bei der ihr anvertraut^a I^*^«cA^ ^'^- 



80 Programmenschau. 

rung geben; um so mehr aber erscheint dies als Pflicht , da doch in 
Tielen Fällen nur die rechte Einsicht mangelt und Kränkung der Ehr- 
liebe oder anderer Interessen ins Spiel kommt. Es freut uns daher, 
dass von derselben Anstalt, welche Hr. Dir. Kapp schildert, dieser 
Gregenstand behandelt ist. In dem Michaelisprogramme derselben Ton 
1851 gibt der Kreisscholarch und Studienrector Dr. J. C. Held 
Bruchstücke aus dem Briefwechsel zwischen dem Vater eines Schülers 
und dem Becior eines Gymnasiums (22 S. 4), in welchen die Ver« 
Setzungen behandelt sind. Die Form konnte nicht zweckmässiger ge- 
wählt werden, da sie Rede und Gegenrede anschaulich gegenüber- 
stellt (Verwunderung über früheres rascheres Fortschreiten des Schu- 
lers, Persönlichkeit der über die Versetzung entscheidenden Lehrer, 
Mechanismus des Locationssystems , Zwecklosigkeit des in der Nicht- 
Tersetzung angewandten Correctivmittels , Bedenken , ob nicht den ein- 
zelnen Fächern, namentlich den alten Sprachen, eine zu grosse Be- 
deutung eingeräumt werde). Werden natürlich zunächst die in Bayern 
bestehenden Einrichtungen besprochen — der Hr. Verf. zeigt , wie 
nicht anders zu erwarten war, über dieselben ein eben so freies, wie 
gediegenes Urtheil und liefert den Beweis, dass auch das scheinbar 
mechanische durch den rechten Geist segensreich werde — , so Ter- 
dient doch das gesagte überall Beachtung, zumal da auch andere 
Fragen berührt werdeti, wie z. B. ausser den schon aus dem obigen 
ersichtlichen das Verhältniss , in welchem Uebersetzungen in die Mut- 
tersprache zu den in die fremden Sprachen stehn. Sollte sich jemand 
wundern, dass das, was in manchen Ländern (z. B. Oesterreich) ge- 
r^ezu gesetzlich gefordert und von den meisten Lehrern gewiss mög- 
lichst geübt wird , die Vorbereitung des Schülers und der Eltern auf die 
NichtVersetzung, nicht ausdrücklich in Betracht gezogen wird, so ist 
zu bedenken, dass bei dem Locationssystem dem Schüler diese Vor- 
bereitung Ton selbst wird und dass man unmöglich dem Lehrer zu- 
muthen kann, alle Eltern im voraus in Kenntniss zu setzen, zumal 
von einer noch nicht entschiedenen Sache. — Jene Aeusserung von 
Hrn. Kapp hat übrigens auch den Dir. Dr. Sintenis veranlasst, in 
dem Programm des he^zogl. Gymnas. zu Zerbst Ostern 1852 S. 47 ff. 
die gesetzlichen Bestimmungen über die Censuren und die von dem 
Lehrercollegium bei ihrer Ertheilung befolgten Grundsätze mitznthei 
len. — An einer der angezeigten Schriften hat sich gezeigt, wie 
wichtig die Geschichte des Schulwesens für die Fragen der Gegen- 
wart ist, zugleich auch, wie viel dankenswerthes darin schon gelei- 
stet wurde. Lieferte sie doch selbst einen recht beachtenswerthen 
Beitrag. Dass gleichwohl eine detaillirte, das einzelne vollständig 
umfassende und zu einem allgemeinen Bilde abrundende Darstellung 
der Geschichte des Gymnasialwesens in Deutschland noch mangelt, 
haben mit dem Ref. gewiss schon viele empfunden. Freilich unend- 
lich schwer ist es, das Material dazu zusammenzubringen, da eigent- 
lich erst aus der Geschichte aller einzelnen Schulen die des Ganzen 
construirt werden kann. Um so erfreulicher sind als Vorarbeiten dazu 



Programmensohau. 81 

Mittheilungen über die Geschichte der einzelnen Anstalten, derglei- 
chen wir schon mehrere in diesen Jahrb. besprochen haben. Ihnen 
fügen wir jetzt bei: Beitrag zur Chaehiehte de» Gpnnasiuwu mu Tor- 
gau Ton Rector Prof. Dr. Sauppe (Programm, Ostern 1860. 
12 S. 4). Er zählt darin die Rectoren dieser Schule unter Angabe 
ihrer wichtigsten Lebensumstände und der bedeutendsten . Ereignisse 
und Yerhältnistfe der Schule auf. Gewinnt man daraus von der ehren- 
werthen Stellung, welche das besprochne Gymnasium unter den Ge- 
lehrtenschulen Deutschlands und insbesondere Sachsens stets einge- 
nommen hat, eine wohlbegrundete Ansicht ^ so gewährt die Aufinerk- 
samkeit, welche der Hr. Verf. den Schulschriften geschenkt hat, ein 
noch höheres Interesse, indem die mitgetheilten Inhaltsangaben über 
das Vorhandensein gewisser Ansichten und die Geltung, welche man 
ihnen einräumte, willkommenen Aufschluss bieten. — Kann eine Bes- 
serung des Schulwesens unmöglich ohne die Pflichttreue der Lehrer 
erfolgen, so Terdieuen Schilderungen treuverdienter Lehrer Dank, 
wenn sie einen Spiegel Torhalten und durch das Beispiel belehren und 
anregen. Wir haben hier mehrere Schriften dieses Inhalts zu erwähnen, 
zuerst die Rede^ welche derselbe Dir. Sauppe am 23. Juni 1849 cur 
Erinnerung an Friedrich MüUer (s. die Schnlnachrichten unter Tcor- 
gau) gehalten hat (mitgetheilt in dem eben besprochenen Programm). 
Dieselbe lässt uns einen Blick in ein so inniges- collegialisches Ver- 
hältniss thun, wie es zum Gedeihen jeder Schule zu wünschen istv 
fuhrt uns einen in Toller Treue und Liebe sein schweres Amt Ter- 
waltenden Lehrer vor Augen und zeigt, wie man derartige Gelegen- 
heiten zur Einwirkung auf die Herzen der Schüler benfitzen kann und 
muss. Gleiche Gefähle und Gedanken erweckt auch die Biographie 
des in der philologischen Welt, namentlich durch seine Verdienste 
um die griechische Grammatik ruhmlichst bekannten Sommer (CSkrt- 
atian Lorenz Sommer ^ Dr. ph., Consistorialassessor u. Prof. am Gymn. 
zu Rudolstadt, nach »einem Leben und Charakter gezeichnet von 
Prof. Robert Wächter. Progr. Rudolstadt Ostern 1851. 24 S. 4). 
Sein Leben bietet zwar nicht eine Kette bedeutender wechselvoller 
Ereignisse, zeigt aber das Bild eines fromm gesinnten, edlen, seine 
bedeutenden Gaben mit aufopfernder Treue und Grewissenhaftigkeit 
und deshalb mit grossem Segen in Terschiedenartigen Aemtem zum 
Heile seiner Mitmenschen anwendenden Arbeiters. Das Verzeichnisf 
des schriftlichen Nachlasses und manche andere Mittheilung wird Tie- 
len Interesse gewähren, und jeder gewiss auch der Darstellungsgabe 
des Hrn. Verf. Beifall zollen. Durch die schon aus andern- Werken 
hinlänglich bekannte Meisterschaft der Charakteristik zeichnet sich 
aus die Rede: Erinnerung an drei verdiente Ch/mnaeiaUehrer , Johann 
Andrea» Wcmety Christoph Friedrieh Roth und Friedrieh Ferdinand 
Drück *) (gehalten im Gymn. zu Stuttgart 27. Sept. 1851) vom Rect. 

*) Sämmtlich an dem Gymn. zu Stuttgart. Werner, als Verf. 
lateinischer Grammatiken bekannt, f 1824, Roth, der Vater des Red- 
ners, 27. Sept. 1813, Druck April 1807. 

A. Jahrb. f. PkU. u. Pued, hd. LXV. Bft. l. ^ 



82 Programmenschau. 

und Oberstudienräth Dr. Roth (Stuttg. 1851. 16 S. 8.)« Ganz 
trefflich ist die Schilderung des Zustande» , in welchem sich das Gymn. 
KU Anfang unseres Jahrhunderts befand, wobei eben so die Fehler und 
Einseitigkeiten aufgedeckt, wie die Vortheile, welche in dem Vor- 
herrschen des Latein und der in Folge davon alle Gebildeten Terbin 
denden Einheit lagen, gewürdigt werden. Die mit liebeToUer Ver- 
tiefung ganz objectiv gehaltene Darstellung der Persönlichkeit jener 
drei Männer, in der That wahrer Muster der Berufstreue und des 
Pflichteifers , kann äberall nur einen tiefen bleibenden Eindruck hin- 
terlassen. — Wir wenden uns zu mehreren, einzelne Lehrfächer be- 
handelnden Programmen und zwar zuerst zu: Lehrgang des lateini- 
$eken und deuUchen Spraehunierriehi» in Sexia, Vom Oberlehrer 
Dr. Schmalfeid (Progr. des konigl. Gymnas. zu Eisleben. Ostern 
1851. 18 S. 4). Wir bezeichnen die Mittheilung als sehr dankens- 
wei-th , da der Lehrgang das Resultat 15jähriger Erfahrung und sorg- 
faltigen durch Liebe zu der Sache und zu den Schülern getragenen 
und geleiteten Nachdenkens ist und auf klaren und bestimmten Prin- 
cipien beruht. Weil bei der Gedrängtheit der Darstellung ein Auszug 
des Inhalts nicht gut möglich ist, so hält sich Ref. um so mehr y er- 
pflichtet, einige Bemerkungen hervorzuheben. Dass der Cursus der 
Sexta ein halbjähriger war, obgleich nur einzelne das Ziel innerhalb 
desselben, viele in einem ganzen Jahre, manche erst nach längerer 
Frist erreichten, kann zwar Bedenken erregen, aber nach des Ref. 
Ansicht nicht gemisbilligt werden, da einmal es ein Unrecht gewe- 
sen wäre, aufgeweckte und frisch erfassende Kopfe längere Zeit mit 
demselben Pensum zu beschäftigen — eine Ueberzeugung, die auch 
da, wo das System jähriger Curse mit Consequenz festgehalten wird, 
in den untersten Classen zu halbjährigen nothigte *— , sodann die zwei- 
malige Wiederholung für die weniger Befähigten den Vortheil grosse- 
rer Sicherheit bietet und gewiss weniger ermüdet als die längere 
Ausdehnung, endlich die bei dem vorliegenden Plane geschickt beob- 
achtete allmählich eintretende Trennung in zwei Ordnungen die gleich- 
zeitige Beschäftigung aller nach ihren Kräften ermöglicht. Die dabei 
zu machende Voraussetzung , dass das Ziel nicht zu weit gesteckt sei, 
findet Ref. hier erfüllt, die zweite, dass in der folgenden Classe das 
Pensum der vorhergehenden wieder aufgenommen, befestigt und er- 
weitert werde, versteht sich von selbst. Vollkommen billigt auch 
Ref., dass streng wortliches Auswendiglernen hoch angeschlagen wird, 
da man in neuerer Zeit das Gedächtniss im Elementarunterricht nur 
zu sehr vernachlässigt hat. Gerade jetzt bei der beschränkten Zeit 
des Unterrichts in den alten Sprachen ist es wichtig, dass der Schü- 
ler klare, bestimmte Sätze in treuem Gedächtnisse besitze, welche 
ihm immer gegenwärtig einen Leitfaden und einen Maasstab für sein 
Penken geben, sonst muss Unsicherheit oder fortwährender Aufenthalt mit 
grammatischen Expositionen entstehn. Die Methode, wonach bei Erlernung 
der Formenlehre die Endungen und Gesetze der Formation zuerst er- 
lernt und dann eingeübt werden, glaubt Ref. um so mehr hervorheben 



Progrämmenschaa. 83 

zu mfissen, als seiner Erfahruhg nach das so schädliclie gedankenlose 
Paradigmenlemen noch immer Raitiri hat. Dassden Hrn. Verf. seine 
Erfahrung ($. 10) dahin gefuhrt hat, für das Uebersetzen aus dem 
Lateinischen ins Deutsche Praeparation zu fordern, freut den R^f., 
da er die gleiche Ansicht ausgesprochen, aber Widerspruch erfahret» 
hat. Es kommt freilich alles darauf an, was man Praeparation nennti 
Wälzen eines Tolnminosen Wörterbuchs wird kein vernünftiger beror- 
worten , aber Lernen der Yocabeln , mögen sie nun im Lesebnehe (wie 
z. B. im Ellendtischen) oder vom Lehrer gegeben sein, und selbst- 
thätiges Zurückrufen der früher dagewesenen, der Versuch für sich 
allein den 8atz zu fibersetzen kann billiger Weise gefordert werden, 
bietet den Vortheil rascher fortschreitenden- Unterrichts, erleichtert 
die nie zu unterlassende Repetition und übt Toh vom herein die Selbst-, 
thätigkeit des Geistes für das Auffinden. Recht wohl gefallen hat 
ferner dem Ref. die Art, wie der deutsche Sprachunterricht mit dem 
lateinischen in Verbindung gesetzt ist. Eine Yollige Verschmelzung, 
wie sie wohl hie und da beantragt worden ist , bietet bei den für beide 
Sprachen ganz verschiedenen Voraussetzungen unübersteigliche Schwie> 
rigkeiten, aber beide in Verbindung zu setzen ist möglich und von 
grosstem Vortheile. Die Art, wie dies hier geschehn, verdient Be- 
achtung. Der Werth, den der grammatische Unterricht im Deutsche» 
hat, wird eben so. gebührend gewürdigt, wie die Beschränkan|^ 
desselben richtig erkannt. Wünschenswerth wäre es, wenn der Hr. 
Verf. sich entschlösse , die Paragraphen , welche er zu demselben die- 
tirt, vielleicht in einem Programm zu verofifentlichen. Unsere vollste 
Beistimmung hat, dass die Bildung von deutschen Sätzen (s. unten) 
stets an ein bestimmt gegebenes angeknüpft wurde. Darauf, dass 
den Declamirübungea nur ein sehr geringer Raum gewährt wurden 
macht Ref. besonders aufmerksam , da man darüber das richtige Spre^ 
eben und Lesen oft zu sehr yernachlässigt und den Schaden, welcher 
aus zu frühem Declamiren, zumal wenn man sofort auf gewisse ans-» 
sere Dinge Werth legt, nicht gehörig zu begreifen und zu würdigien 
scheint. Ob man nicht auch das frühzeitige öffentliche Auftreten bei 
den Prüfungen beschränken sollte, dies ist eine Präge, welche wir in 
späterer Beantwortung aufsparen. Ref. ho'ift mit dem gegebenen hin- 
länglich die Schrift der verdienten Beachtung empfohlen zu haben. — -. 
Auf den griechischen Unterricht bezieht sich das Programm der k* k« 
Theresian. Akademie zu Wien Michaelis 1851, enthaltend: Soll 4h, 
Leetüre des Homer auf Gymnanen mit der Odystee oder mit der Iliqde 
beginnen? vom Dir. Dr. AI« Capellmann (15 S. 4). Diese Ab- 
handlung bezieht sich natürlich zunächst auf den Organisationsentr 
warf für die österreichischen Gymnasien (vergl. NJahrb. Bd. LVIIL 
S. 296 ff.), dem die gesetzliche Feststellung erst, nachdem durch Er- 
fahrung und Wissenschaft ein festes Urtheil sich herausgestellt,, fol-: 
gen soll, wird aber auch ausserhalb Oesterreichs mit Interesse gele- 
sen werden, da der Hr. Verf., unterstützt von langer Erfahrung, dei^ Ge- 
genstand mit Klarheit und Besonnenheit behandelt u. sich nicht allein mit 



84 Progrrattimeiischaa. 

der im Titel enthaltenen Frage besehäftigt, sondern fast das ganze 
Gebiet des griechischen UnterrichtiB , so weit es in Leetüre besteht, 
biAruhrt. So fuhrt sogleich die erste Frage: ob der Schüler im An- 
fange der 5« Cl. zur Leetüre der Ilias gehörig gerüstet sei, zur Er« 
orterung des Ton H e r b a r t und Bissen gemachten , von Ranke in 
Gottingen eine Zeit lang versuchten, neuerdings Ton Ahrens in sei- 
nem 'griechischen Blementarbach aus Homer' wieder auf- 
genommenen Vorschlags, den j^riechischen Unterricht mit Homer zu 
beginnen, in dessen Zurückweisung Ref. dem Hrn. Verf. nur beistim- 
men kann. Die Frage dreht sich um das paedagogische Princip: soll 
der Unterricht von vorn herein in die geschichtliche Entwicklung der 
Sprache einführen oder mit dem entwickelten, fertigen, festen, ab- 
geschlossenen beginnen? oder hat der Unterricht denselben Gang ein- 
zuschlagen , den die wissenschaftliche Erforschung der Sprache nehmen 
muss? Wer nun erwagt, dass jedes Lernen von dem einfachen zu 
dem mannigfaltigen, von dem festbestimmten zu dem schwankenden, 
von dem gewissen zu dem ungewissen naturgemäss fortschreiten muss, 
wer festhält, dass nicht Sprachwissenschaft, sondern Sprachkenntniss 
die Aufgabe des Gymnasiums ist, wer den bunten Reichthum an For- 
men bei Homer und die Schwierigkeit tiefer in die Dichtung einzu- 
dringen (wir berufen uns auf G. Hermanns Urtheil) überdenkt, wird 
gewiss Bedenken tragen , von dem seit Jahrhunderten in allem Sprach- 
unterrichte eingehaltenen Gange, wonach von der Prosa zur Dichtung, 
von dem zu fester Gestalt entwickelten Gebrauche zu den früheren 
Entwicklungsstufen fortgeschritten wird, abzuweichen. Jener Vor- 
schlag mag sich auf die in einzelnen Fallen und unter gegebenen Bestim- 
mungen erreichten glücklichen Resultate berufen, methodischer Grund- 
satz kann er gewiss nicht werden. Was der Hr. Verf. zur Beantwor- 
tung der übrigen Fragen sagt, können wir kürzer berühren, da auch 
wir bereits a« a* O. nnsre Ansicht dahin ausgesprochen haben, wie 
es uns zweckmassiger scheinen würde, wenn die Lesung eines atti- 
schen Prosaikers der des Homer vorausgienge, die letztere durch mehr 
Classen ausgedehnt und jene daneben beibehalten würde (vergl. Zeit- 
iftchr. für d. osterr. Gymnas.-wesen L S. 876), so wie auch dass wir 
eine Ausdehnung der Stundenzahl für angemessen erachten würden. 
Gegen die Zahl der von dem Hm. Verf. empfohlenen Schriftsteller 
haben wir nichts einzuwenden, obgleich uns ohne Vergrosserung der 
iStundenzahl eine Beschränkung fast nothwendig erscheint. Auch gel* 
teil uns die kleineren Dialoge des Plato für die 7. Classe zu schwer. 
Was die von dem Hm. Verf. nach dem Titel als Hauptfrage hinge- 
stellte Frage betrifft, so bleiben wir mit dem Organisationsentwnrfe 
einverstanden, indem wir Unter der Voraussetzung, dass nur ^in Ho- 
merisches Gedicht in einiger Vollständigkeit gelesen werden kann, die 
Ilias, da sie ja unbestritten das vollendetere Epos ist, der Odyssee 
vorziehn, dagegen, wo die Leetüre sich über beide Gedichte er- 
streckt, mit der Odyssee den Anfang zu machen und die Ilias folgen 
zu lassen rathen, dabei aber ein späteres nochmaliges Zurückgehen auf 



Progrramnieiischaa. 95 

die Odyssee fnr wünschenswerth erachten. Kann nämlich nicht in Ab^- 
rede gestellt werden, dass die einseinen Partien der Odyssee für sich 
ohne Ueberblick des Ganzen leichter anfgefasst werden und dies Ge- 
dicht für das jugendliche Alter eben um desmllen, so wie wegen des 
Inhalts mehr Aniiehungskraft besitzt , wahrend die liias eine stete Be- 
ziehung alles einzelnen auf die Hanptidee fordert, so Terdient doch 
die Odyssee, dass der Schüler den schwieriger zu findenden Faden, 
an den die einzelnen Partien gereiht sind (vergl. Fasi Einleitung 
8. XXXTV), erkennen und die Anlage des Epos würdigen lerne. Die 
Vortheile, welche aus Wiederanfoahme des bereits gelesenen nach gewon- 
nener tieferer Einsicht und bei gereifterer Kraft hervorgehen, stellen 
sich von selbst ersichtlich heraus. — In dem Programm des evangeh 
Seminars zu Maulbronn vom Herbst 1851 spricht, sich Ephorus Dr. 
Bäumlein über die Zweckmässigkeit der grieehisehen Campositianen 
aus, da der Entwurf einer neuen Schulordnung für die gelehrten An- 
stalten Württembergs dieselben auf ein Minimum beschrankt und in 
den oberen Classen für ganz entbehrlich erachtet. Die .Gründe, wel*« 
che für die Beibehaltung beigebracht werden, sind für jeden, der sehn 
will, gewiss überzeugend. Wohl gibt es viele Wege zum Ziele zu ge- 
langen, aber die Schule hat stets die einfachsten und sichersten zu 
wählen; dass aber schriftliche Uebersetzung aus dem Deutschen in die 
fremde Sprache zur Klarheit über die grammatischen Regeln und zur 
Auffassung des eigenthümlichen Charakters besser als jedes andere 
Mittel Terhilft, ist durch die Erfahrung wie durch theoretische 
Gründe als unbestreitbar bewiesen. Lag es auch nicht in dem Zweck 
des Hm. Verf. auf Ziel und Methodik der schriftlichen Uebungen 
näher einzugehn, so erkennen wir doch , dass er jenes nicht über die 
Grenzen der grammatischen Sicherheit und Anwendung gewisser Sprach- 
eigenthümlichkeiten gesteckt und dieselben an die Lectfire angeschlossen 
wissen will. — Ueher die Fertheilung des deutschen Lehrstoffs auf 
Gymnasien handelt Chorherr Prof. P. Riepl im Programm des k. k. 
Gymnasium zu Linz 1851 (19 S. 4). Naclidem der Hr. Verf. dar- 
über, dass es im deutschen Unterricht schwieriger als in jedem an- 
dern sei, eine gleichmässige Behandlung zu erzielen, sich ausgespro- 
chen, als das, worüber man einig sei, die analytische Methode be- 
zeichnet und die Nothwendigkeit eine Vertheilung des Lehrstoffes nach 
Classen und Semestern vorzunehmen aus inneren und äusseren Grün- 
den erwiesen hat, schlägt er, die Bestimmungen des Organisations- 
entwurfs allenthalben zu Grunde legend, für das Untergymnasium fol- 
genden Lehrgang vor: I. Cl. 1. Sem.: der einzelne Satz (nackter, 
ausgebildeter und zusammengezogener Satz). Personen-, Zahl-, Zeit- 
und Abwandlungsformen des starken und schwachen Verbums. Die all- 
gemeinen Grundsätze der Orthographie. 2. Sem.: der zusammen- 
gesetzte Satz oder das Satzgefüge (bei- und unterordnende Sätze- 
Verbindung, jedoch nur mit einem Nebensatze derselben Art); dazu 
gehörigen Orts die bezügliche Interpunction , Betonung und Stellung. 
Gattungen, Redeweisen (Modi), GebravicK vaA ^^K^'^ ^«t Tisss\«bw> v^ 



86 Pro^rammenschau. 

wie die Rection des V erbums. Die Conjunctionen. Orthogra> 
phie (Dehnung und Schärfung der Silben , Gebrauch der Vocale). — 
U. Cl. 1. Sem.: SatzTerkürzungen — nebst der Lehre über den 
besonderen Gebrauch des Infinitivs und der Participien — Ver- 
tanschungen und Umwandlungen der Sätze. Ueber das Substantir, 
Adjectiy und Pronomen. Orthographie (Gebranch der Consonanten). 
% Sem. Grossere Satzverbindungen und eigentliche Perio- 
den (alles wieder mit Rücksicht auf Interpunction, Betonung und Stel- 
lung). Das Adverb ium und die Praeposition. Orthographie 
(Silbentrennung, Abkürzung, Schreibung fremder und schwieriger 
Worte u. s. f.). — IIL Cl. 1. Sem.: Anfänge dfer Etymologie, 
Synonymik und Onomatik. 2. Sem. Anfange der Stilistik 
(Thema. Auffindung des Gedankenstoffes und Anordnung desselben 
oder Disponiren). IV. Cl. 1. Sem.: Sprachliche Darstellung 
(angemessene Wahl und Verbindung der einzelnen Worte, Ausdrücke 
und Sätze. Charakter der prosaischen und poetischen Schreibart). 
2. Sem.: Besondere Stiiarten: erzählender, beschreibender, ab- 
handelnder, Brief- und Geschäftsstil. Hauptpunkte der deutschen 
Metrik. Zur Erläuterung bemerkt er, dass zwar die einzelnen Theile 
der Grammatik sich weder in der Praxis von einander trennen, noch 
auf die engen Grenzen eines Semester einschränken lassen, vielmehr 
die meisten in den folgenden Classen fortgesetzt und vollendet wer- 
den müssen, gleichwohl aber eine Abgrenzung nach Semestern und 
eine wenn auch nicht strenge Stufenfolge anzugeben zweckmässig sei. 
Sehr praktisch verständig ist der Vorschlags auf Befestigung und Er- 
gänzung dessen, was der Organisationsentwurf bei der Aufnahme ver- 
langt, das ganze erste Semesters zu verwenden. Da dem Ref. seine 
Erfahrung gezeigt hat, dass das Bilden von Sätzen für die zusammen- 
hängende Darstellung nicht die Vortheile gewähre, welche man viel- 
fach erwartet und erreicht findet, dass Schüler, welche auf gegebene 
Aufforderung Sätze von bestimmter Form zu bilden im Stande waren, 
dennoch eine leichte Erzählung ohne Fehler gegen die Satzform nicht 
wiederzugeben verstanden , während andere dies viel leichter und glück- 
licher lösten, so billigt er es vollkommen, wenn der Hr. Verf. neben 
dem Analysiren und schriftlichen jind mündlichen Bilden von Sätzen 
zusammenhangende Aufsätze empfiehlt. Ueberhaupt möge das Satzbil- 
den nicht fibertrieben werden ; die auf das einzelne zu oft gerichtete 
Reflexion stört das nicht hoch genug anzuschlagende unbewusste rich- 
tige Gefühl und Können, was auch in anderer Hinsicht nur Schaden 
bringt. Auch scheint es , wie wir schon oben angedeutet haben, durch- 
aus zweckmässig zu dem Bilden der Sätze Objecte zu geben, weil 
sonst der Schüler sich leicht ins blaue verliert oder mit der Auffin- 
dung sich abquält. In dem, was der Hr. Verf. Onomatik und Syno- 
nymik nennt, setzt ei^ zwar selbst ein enges Maass fest, indes ist 
doch auch hier die Frage sorgfältig zu erwägen, ob man nicht öfters 
hierin dem Schüler ein unnatürliches Besinnen und Nachdenken über 
das, was er unbewusst richtig gebraucht, zumuthe. Um über die An* 



Programmenschaa. 87 

Ordnung eine Bemerkung lu machen, sprechen wir aus, dass nn« das 
Adverbinm und die Praeposition schon hinter den einfachen Sats und 
die Rection des Verbnm zu gehören scheinen. Was sonst der Hr. 
Verf. sagt, zeugt von besonnenem und fleissigem Nachdenken und ans- 
gedehnter Bekanntschaft mit der einschlagenden Litteratur. Obgleich 
wir die guten Eigenschaften der Gmndzuge von Frdr. Bauer nicht 
verkennen, so wurden wir doch der Elementargrammatik von Hoff- 
mann den Vorzug geben. In Betreif des Obergymnasioms äussert der 
Hr. Verf. zuerst seine Freude darüber, dass in Folge mehrfacher Er- 
örterungen (namentlich in der Zeitschr. f. das osterr. 6^n.-wesen) 
durch den Ministerial-Erlass vom 26. Sept. 1850 das historische Prin- 
cip aufgegeben und den Lehrern nachgelassen worden sei, CI. V. uiid 
VI. Neuhochdeutsches von Klopstock an bis auf unsere Zeit unter An> 
knupfung von aesthetischen und litterarhistorischen Bemerkungen m 
lesen und etwa in VU. mit dem Mittelhochdeutschen zu beginnen, da 
er bei dem Versuche, in V. das Nibelungenlied zu behandeln, gefun- 
den habe, dass zwar nicht das sprachliche besondere Schwierigkeiten 
habe (wir halten allerdings auch dies nicht für so leicht, freilich tie- 
feres Verständniss meinend) , aber die Schüler für die aesthetische Auf- 
fassung jener grossartigen Dichtung noch nicht hinlänglich reif seien. 
Was er über die Nothwendigkeit der Theorie von Rhetorik und Poe- 
tik, über die Verknüpfung der Theorie mit dem historischen Princip, 
über den Zweck des Unterrichts, nicht die Litteraturgeschichte xu leh- 
ren, sondern in die Litteratur einzuführen sagt, wird wohl grossten- 
theils Beistimmung finden. Er entscheidet sich für die Anordnung der 
Leetüre nach Gattungen und innerhalb derselben möglichst nach der 
Zeit der Dichter, und stellt folgenden Gang auf : V.Cl. I.Sem. : Epi- 
sche Dichtung, Fabeln, Parabeln, Paramythien, Märchen, Sagen, 
Legenden, Erzählungen, Idyllen. 2. Sem. desgl. Balladen, Romanzen, 
Rhapsodien, besonders voh Bürger, Schiller, Goethe, Uhland, Schwab« 
Seidl, A. Grün, Vogl u. a.). In der Prosa [doch wohl in beiden 
Semestern?] vorherrschend Nationalsagen von Grimm, Simrock, Schwab, 
Becker. VI. CK 1. Sem.: Eigentliches Epos« Einzelne Gesänge 
aus dem Nibelungenliede nach Simrocks Uebersetzung, aus Klopstocks 
Messias, Hermann und Dorothea, aus Pyrker und aus einer komischen 
Epopoee von Zachariä, Prätzl [?}, 2. Sem. Lyrische und didak- 
tische Poesie. Volks- und Kunstlied , Oden , Hymnen , Bardiete f ?], 
Elegien, Heroiden, Cantaten, eigentliches Lehrgedicht, Satire, Epi- 
stel, Epigramm, Allegorien. Prosaisches: Geschichtliches und Be- 
schreibendes aus der Natur- und Menscbenwelt, Abhandlungen und 
.Briefe. VII. Cl. 1. Sem. Dramatische Dichtung: ein vollstän- 
diges Drama von Lessing, Goethe und Schiller, auch eine Ueber- 
setzung eines Shakespeareschen Stückes. 2- Sem. Rhetorik. Pro- 
saisches: aesthetische und litterarhistorische u. a. Abhandlungen und 
Briefe, Dialoge, Tendenzschriften, Reden. VHI. CL 1. Sem. : Mittel- 
hochdeutsche Grammatik und Leetüre. Volks-, Kunstr und Thierepos. 
2. Sem.: Minnegesang, Spruchdichtuiig und Pr<i««.vK.Vki^^« ^i^^a^:»^ 



^ Programmensohaa. 

Fortsetzang der neuhochdeBtschen Lectnre, etwa wie in VIL Reca- 
pitulation der Theorie des Stils und iitterarhistorische Uebersicbt des 
Ganzen. Bei dem grossen Umfange der Lecture kann man weniger 
Besorgniss vorder Gefahr hegen , welche Rieck in seiner Rede mit 
den treffenden Worten bezeichnet: ^Auch hier scheint mir der Fehler 
zn weit verbreitet zu sein, dass durch litterar-geschichtliche, inter- 
pretirende, kritische , reflectirende Behandlung , durch ein Sichergehn 
über den Gegenstand einem sinnigen, gemuthlichen , selbstthätigen 
Hineinleben in die Seele der Dichtung entgegengearbeitet wird% wohl 
aber vor der, dass nicht die Lecture für den Schuler mehr zu einer 
Art blosser Unterhaltung werde. Will man den Schüler zu selbst- 
thätiger Vertiefung in die Dichtung anregen und anleiten, ao wird 
man schwerlich drei oder gar vier umfänglichere Dramen in einem 
Semester lesen können« Will man selbst für den Unterrioht Leetüre 
zu Hause voraussetzen, so wird die Gewinnung der Ueberzeugung, 
ob auch der Forderung und wie weit ihr entsprochen worden sei, einen 
Gewinn an Zeit kaum zulassen. Was am Schlüsse der Hr. Verf. 
darüber sagt, dass in dem Lesebuche das christliche Element nicht 
vernachlässigt sein dürfe, erkennen wir vollständig an, obgleich wir 
eine tiefere Erörterung darüber, wie dies gesohehn müsse, gewünscht 
hatten. — Den mathematischen Unterricht* behandelt in dem Program-* 
me des Gymnas. zu Torgau Ostern 1851 der Pror. Prof. Dr. Arndt: 
X>fM Chfmnanum und die Mathemmiik '(18 S. 4), eine sehr beach- 
tenswerthe Abhandlung nicht allein für 'die Lehrer der Mathematik, 
sondern auch für alle, welche an dem Gymnasialunterricht lebendigen 
Ahtheil nehmen, weil sie einen sehr wichtigen Gegienstand in einer 
von richtigem Blick und praktischer Erfahrung in dem einzelnen Un- 
terrichte ebenso wie in dem Sohqlwesen und im Leben zeugenden 
Weise bespricht. Seitdem gegen die Ueberfültnng der Gymnasien mit 
Realien gewichtige Stimmen sich erhoben, 'haben sieh diese vielfach 
hinter die formale Bildung, welche anoh sie gewähren, geflüchtet, ja 
man hat wohl auch diese zum Verwände genommen, um die Humani- 
tätsstudien einzuschränken oder wohl gar zur Thür hinanszuweisen. 
'Wie viel unklares und falsches In solchen Behauptungen sich einge- 
mischt, wollen wir hier nicht erörtern, aber man kann keinem Lehrgegen- 
stand einen schlechtem Dienst erweisen, als wenn man auf die formal 
bildende Seite den Hanptnachdruck legt, weil dann jedesmal die Ent- 
gegnung trifft, dass man dasselbe auf anderem Wege, vielleicht nicht 
so schnell, aber mit Gewinnung anderer Vortheile erreichen könne. 
Die Perechtigung eines Unterrichtsgegenstandes kann zunächst hur ans 
dem Werthe, den die Aneignung seines Inhaltes hat, hergeleitet wer- 
den, aus der formalen Bildung nur entweder, wo jener gleich ist , oder 
wo sie besondere, bei andern Fächern nicht in gleichem Maasse vor- 
handene Seiten darbietet. Recht aufrichtig hat sich deshalb Ref. 
gefreut, dass der Hr« Verf. der vorliegenden Abhandlung, ein Mathe- 
matiker^ darauf aufmerksam macht, dass, wenn nur der formale Nutzen 
der Mathematik ins Auge gefasst werde, man die Mathematik viel- 



Programmeaschan. 89 

lekht ganz oder wenigstens za dem grossten TJheile entbehren könne, 
weil MIe einigen .wenigen Functionen der niedem Logik , weiche sich 
fast in stetigem Einerlei bei den mathematischen Deductionen wieder- 
holen* ein gar zu unbedeutender und auf sehr kurzem Wege zu er- 
zielender Gewinn seien. Der Mathematik ist dadurch ein Platz im 
Gymnasium gesichert, dass sie die unentbehrliche Grundlage zu jeder 
tiefern und wissenschaftlichem Auffassung der Natur bildet, aufwei- 
che vorzubereiten eine Aufgabe ist, der sich das Gymnasium jetzt 
nicht entziehen kann. Damit ist denn aber auch freilich das Maass 
für den Umfang des Stoffes gegeben und Ref. freut sich auch in Be- 
zug darauf, bei dem Hrn. Verf. die Ansicht zu finden, dass das Ziel 
des mathematischen Unterrichts nicht auf eine erschöpfende Behand- 
lung der einzelnen mathematischen Lehren , sondern auf sichere Kennt- 
niss der Grundwahrheiten und Einsicht i^ den Zusammenhang unter 
^denselben gerichtet sei, wie er denn auch bei seinem Plane mehrere 
Lehren, weiche von andern fast gebieterisch gefordert werden, nur 
bedingungs- und ausnahmsweise zulasst. I^tlt den Worten: 'sichere 
Kenntniss der Grundwahrheiten und Einsicht in den Zusammenhang* 
ist auch der geistige Gewinn von dem Studium der Mathematik ge- 
geben. Indem die Mathematik an stetiges Fortbauen, an regelmas- 
siges Folgern aus dem bereits gewonnenen, an sichere, feste Entwicklung 
gewöhnt, entfaltet sie als Bildungsmittel intensive Kraft, und wird 
dies beherzigt, so wird der Unterricht in ihr weder sein eignes Ziel 
verfehlen noch in den wahren Zweck der Gymnasialbildung störend 
eingreifen. Von der Physik gilt nicht ganz das gleiche, weil hier 
das allgemeine Gesetz erst aus den einzelnen Erscheinungen abstrahirt 
werden mnss. Intensive Kraft kann sie nur insofern beweisen, als sie 
die Erscheinungen auf ein fest formuiirtes Gesetz zurückfahren lehrt; 
aber im Gymnasium wird sie auch nur so viel Platz finden können, 
dass ihre Grundwahrheiten anschaulich gemacht werden, den Zusam- 
menhang zwischen ihnen zu finden und zu begreifen dem spatem S n- 
dium überlassen wird. Der Hr. Verf. behandelt im ersten Abschnitt 
die Frage nach der Daner der Curse und der Zeit der Versetzungen, 
weil dadurch der Plan wesentlich bedingt ist und man gerade die 
Mathematik, weil sie ein stetiges Fortfuhren fordere, zur Empfehlung 
des einen und Abweisnng des andern benutzt hat. Es kann um so 
weniger unsere Absicht sein noch einmal die Vortheile und Nachtheile 
der halbjährlichen und jährlichen Curse zu erörtern , da die genügende 
Losung der Frage nur auf dem Wege der Erfahrung gewonnen wer- 
den kann und allenthalben von speciellen und individuellen Bedingun- 
gen abhängig ist. Gegen manches, was der Hr. Verf. fiir die halb- 
jährlichen Versetzungen anfuhrt, lassen sich gleiche Einwendungen 
machen, wie er sie gegen die jährlichen erhebt. Da so viel gewiss 
ist, dass, mag man das eine oder das andere für das zweckmassigere 
halten, äussere Hemmnisse für das Vorwärtskommen des Schülers, 
ebenso wie häufigeres Abbrechen im Gange des Unterrichts und öfte- 
res, dennoch zu keiner Gründlichkeit führende^ WiedechoUw d««>%<^V> 



90 Programmenschatt. 

ben (es wird sich dies stets leigen, wenn nicht einmal eine wirkliche 
Sicherheit erreicht worden ist) möglichst vermieden werden müssen, 
so verdient es dankbare Anerkennung, dass der Hr. Verf. zur Ver- 
meidung der bei halbjährlichen Versetzungen oft durch die Erfahrung 
erwiesenen Nachtheile zweckmassige Einrichtungen vorschlagt. Da er 
die Zeit für die oberen Classen auf zwei Jahre annimmt, so ist der 
Vorschlag, den ganzen für eine solche berechneten Stofif zweimal zu 
behandeln, d. h. zuerst einen minder vollständigen Cursns in einem 
Jahre zu vollenden und dann im zweiten denselben zu wiederholen und 
zu ergänzen, gewiss theoretisch und praktisch viel richtiger, als die 
Zertheilung in vier aufeinander folgende Lehrpensa, und mindestens 
verdienen des Hrn. Verf. Grunde die sorgfaltigste £frwägung. Als 
sehr praktisch erscheint dem Ref. auch die Ansicht, dass zwar in je- 
dem Halbjahre Geometrie und Arithmetik (ge^en die entgegengesetzte 
Ansicht haben sich, so viel uns bekannt ist, die meisten und tüchtig- 
sten Lehrer erklärt), aber nicht immer nebeneinander, sondern grös- 
sere Abschnitte beider- Lehren hintereinander gelehrt werden sollen, 
was auch auf die Physik angewendet wird , und eben so verdient voll- 
ste Beachtung, was über das Verhältniss scheinbar ganz heterogener 
Gebiete zueinander geäussert ist. Die Ordnung und Vertheilung der 
Lehrpensa bitten wir in der Schrift selbst nachzulesen. Da übrigens 
der Hr. Verf. mit Recht bei seinen Vorschlägen nicht eine solche Ge- 
staltung des Unterrichtswesens voraussetzt, wie sie idealisch ohne 
Aussicht auf baldige, ja wohl überhaupt auf Ausführung hingestellt 
wird, da er vielmehr die gegenwärtig vorhandenen, factisch gegebe- 
nen Verhältnisse voraussetzt, so beschäftigt er sich auch damit, wie 
der Unterricht zweckmässig so einzurichten sei , dass dem Bedürfnisse 
solcher Schüler, welche nicht studieren, möglichste Befriedigung gewährt 
werde. Indem er nun für die Orte, wo besondere Anstalten für die 
Humanitäts- und Realbildung nicht möglich sind, eine dem entspre- 
chende Einrichtung sucht, kommt er auf den Grundsatz, der dem vom 
Braunschweigschen Consistorium aufgestellten Plane zu Grunde liegt, 
dass der Cursus in der Mathematik und in den Naturwissenschaften 
in Secunda vollendet und diesen Fächern in Prima nur ein paar Stun- 
den zur Repetition zugetheilt werden, dagegen in dieser Classe, in 
welcher nur Studierende sitzen, die überwiegende Zahl der Lehrstun- 
den den alten Sprachen zugewendet werden sollen — den Grundsatz 
des Hintereinander. Zur Verauschaulichung seines Planes dient fol- 
gende Uebersicht: 

Geogr. u. 
Deutsch. Latein. Gilech. Franx. Relig. Geitcb. 

L 3 11 10 1 2 2 
IL 3 5 5 3 2 3 

ra. 4 5 5 3 2 3 

Ref. muss sich gegen eine solche Einrichtung im Interesse der Gym- 
nasialbildnng erklären, für welche ein ganz wesentliches Moment bil- 
det , dass die Jugend eine längere Zeit hindurch, als zwei Jahre, in den 
Humanitätsstudien den Kern und Hauptstoff ihrer Bildung und ihrer 



MalheiB. a. 
Naturwiu. Oeeang. 

2 1 


Helir. bctttt. 

2 


Samm« 

34 


8 1 


2 


32 


9 1 


... 


32 



?rögrrainineiischaa. 91 

Thätigkeit finde. Das« diejenigen, welche in der geistigen Welt zn 
leben und zu wiricen den Beruf haben, von früh an und lange Zeit 
hindurch mit den in dasselbe vorzugsweise einfuhrenden Studien be- 
schäftigt werden müssen , hat Beneke in seinem Votum Mie Reform 
und die Stellung unsrer Schulen' (vergl. NJahrb. Bd. LV. S. 325 ff.) 
nachgewiesen. Sollte, was wir besorgen müssen, selbst für den Un- 
terricht in den alten Sprachen in Bezog auf Können und Wissen kein 
Nachtheil entstehn, so wird er doch ganz gewiss in Bezug auf die 
Geistesrichtung nicht ausbleiben. Auch fuhrt die nicht wegzuleug- 
nende Erfahrung, dass gerade diejenigen, welche das Studieren mit 
Liebe als ihren künftigen Beruf erfassen, gegen Mathematik und Na- 
turwissenschaften eine gewisse Abneigung besitzen , die oft nur schwer 
zu überwinden ist, zu dem Bedenken, ob es nicht ein zu gewaltsamer 
Eingriff in die Individualitäten eineir grossen Zahl sei, sie so lange 
Zeit mit jenen Fächern überwiegend zu beschäftigen. Hätte unsre 
Zeit nicht für alles andre eher Geld, als für Unterrichtsanstalten — 
wir verweisen auf Hrn. Kapps obenerwähnte Schrift — , wäre nicht 
der falsche Grundsatz, allen das gleiche ohne die Znmuthung be- 
sonderer personlicher Opfer zu ermöglichen, bei Behörden und im 
•Publicum unsrer Tage herrschend, so würde man überall lieber eine 
besondere Anstalt gründen — bei bereits vorhandenen Lehrkräften und 
Apparaten können mit einem öffentlichen Opfer und mit höherem Schul* 

gelde gewiss eine oder zwei Classen für Realbitdung mit den Bürger- 
schulen verbunden werden — , als dem Gymnasium zumuthen, einesein 

inneres einheitliches Leben störende und die vollständige Erreichung 
seines Zieles gefährdende Zwittergestalt anzunehmen. Was der Hr. 
Verf. über die Methode des mathematischen Unterrichts sagt, trägt 
den Stempel der Bewährung an sich und wir scheiden von ihm mit dem 
Ausdruck unserer vollsten Hochachtung und Dankbarkeit, um uns noch 
mit dem Geschichtsunterricht zu beschäftigen, über weichen uns. vor- 
liegt : Beiträge zur Methodik des Gesehi^htsunterriehts auf Gp^nasien. 
Vom Gymn.-Lehrer Dr. Frdr. Gust. Schulze (Progr. des Naum- 
burger Domgymn. Ostern 1851. 30 S. 4). Können wir auch nicht 
mit allem, was in dieser Abhandlung gegeben ist, einverstanden sein, 
so erkennen wir doch auf das bereitwilligste Liebe und Begeisterung 
für die Sache und ernstes Nachdenken über dieselbe an. Mit Recht 
schlägt der Hr. Verf. den Weg ein , dass er die Besprechung über die 
Methodik von der Beantwortung der drei Fragen : 'was ist Geschichte? 
was ist ihr Nutzen? welches ist ihr Zweck beim Gymnasialunter- 
richt ?^ abhängig macht. Konnten wir hier, was der Hr. Verf. zudem 
materialen und zu dem formalen Nutzen zieht, gut heissen — die Ah- 
nung des gottlichen z. B. oder wie wir uns ausdrücken würden, die 
Erweckung zuiii Glauben, ohne welche doch das zum materialen ge- 
rechnete, Trost, Besonnenheit u. s. w. haltlos, ja unmöglich sind, 
müssen wir zum letztern rechnen — so würden wir vielleicht 
mit der Behauptung, dass in dem Gymnasium die formal bildende 
Kraft der Geschichte die Hauptsache bleibe, uns leichter einver- 



92 Programmenschaa. 

stehn können. Ware das, was man gewohnlich formale Bildung nennt, 
der Zweck des Geschichtsunterrichts, so würde dieser durch gründ- 
liche Lesung eines oder einiger bedeutenden griechischen und romi- 
schen Geschichtswerke erreicht werden können, keineswegs ein be- 
sonderer, selbständiger zu sein brauchen. Es ist unumstosslich rich- 
tig, dass jener Unterricht für das Gymnasium weder sich selbst Zweck 
ist, noch einem besondern Berufe dient, dass er vielmehr nur zu der- 
jenigen Bildung beitragen muss, welche dessen Zweck überhaupt ist. 
Die Hauptsache für das Gymnasium bleibt demnach, dass nur der- 
jenige Stoff gelehrt werde, welcher zu jener Bildung nothwendig ist, 
welcher Art das davon gewonnene Wissen ist und wie es gewonnen 
wird. Also die Ueberlieferung eines bestimmten Inhaltes ist ebenso 
Hauptsache, wie die bestimmte Art der Aneignung desselben, wie im 
Religionsunter ncht 'die Ueberlieferung der heiligen Wahrheit und die 
Anregung des Suchens darnach.* Weil nun freilich der Stoff durch 
die geforderte Art der Aneignung bestimmt ist, indem, was auf sol- 
che Weise nicht vom Schüler ergriffen werden kann, unbedingt aus- 
geschlossen werden muss, mag man auf die letztere einen besondern 
Nachdruck Hegen , schwerlich aber darf man dies durch die formal 
bildende Kraft allein bezeichnen, und um so mehr ist dieser Ausdruck 
zu vermeiden, als er den Anschein gibt, als wenn man am Stoffe ge- 
wisse Richtungen und Kräfte des Geistes üben und stärken müsse, 
während doch gerade die Auffassung des Objects der alleinige Zweck 
des Unterrichts sein kann. Was die Vertheilnng des historischen 
Stoffs anlangt, so wundert sich Ref., dass der Hr. Verf., da er doch 
die Theilung des Gymnasiums in drei Stufen anerkennt, nicht auch 
consequenter Weise die dem analoge Eintheilnng jenes wählt. Auch 
das vermögen wir nicht ganz zu billigen, dass der Hr. Verf. auf jeder 
Stufe ein besonderes Vermögen des Geistes vorwiegend annimmt und 
vorwiegend in Thätigkeit gesetzt wissen vrill , weil auch dies leicht zu 
dem Irthum verfahrt, als ob die in der ersten Stufe der Phantasie 
und der Anschauung geschenkte Rücksicht in den andern schwinde, 
oder als ob die erste Stufe der Weckung und Uebung des Denkver- 
mögens weniger bedürfe. Jede Kraft des Geistes muss auf jeder Stufe 
Nahrung und Bethätigung finden und wird diese nur um so unvoll- 
kommener empfangen, je weniger die übrigen Vermögen berücksichtigt 
werden. Also nur das, womit auf jeder Stufe der Geist beschäftigt 
wird, kann den Unterschied derselben begründen. G«gen den vom 
Hrn. Verf. gemachten Vorschlag, nach Absolvirung eines Curses in 
VI. und V., in IV. und III. die alte und dann, nachdem in IH. noch 
vaterländische Geschichte gefolgt ist, in II. und I. die mittlere und 
neuere Geschichte zu lehren, spricht die nicht allein von dem Ref., 
sondern auch von vielen andern gemachte Erfahrung, dass sicheres 
und gründliches Wissen in der Geschichte am besten durch öfteres Zu- 
rückkehren zu demselben erreicht werde, dass die Auffrischung dage- 
wesenen Stoffes durch Repetitionen von dem Schüler eine um so gros- 
sere Thätigkeit fordert, je länger die Zeit des wirklichen Vortrags 



Programmenschaa. 93 

Torüber ist, za häufige Anstellimg derselben za mechanisch ist, dies 
alles aber der so sehr za erstrebenden Einheit und Concentration in 
der Beschäftigung Eintrag thut, endlich, dass die alte Geschichte 
in den bezeichneten Classen nicht in solcher Tiefe erfasst werden 
kann, wie sie verdient, da spatere Supplirung kaum möglich und, wenn 
sie geübt wird, durch die noch grössere Zersplitterung der Thätigkeit 
auf Terschiedenen Stoff nachtheilig ist. Wie der Geschichtsunterricht 
in drei Stufen sich gliedern lässt, hat nach andern Kallenbach a. a. 
O. S. 39 ff. recht schon dargethan, Ref. hat zwar stets der mittle- 
ren und neueren Geschichte im Gymnasium mehr Geltung eingeräumt, 
als ihr Ton anderen zugetheilt wurde, allein bei einer Ausdehnung 
über 4 Jahre furchtet er entweder ein zu grosses Eingehn in Detail 
und Stoff oder eine Berücksichtigung zu tiefer und über den Zweck 
des Gymnasiums hinausliegender Fragen. Vier Jahre reichen nach un- 
serer Ansicht zur Vollendung eines Curses, wie er für die oberen Clas- 
sen gehört, bei weiser Beschrankung des Stoffes aus. Zwar können 
wir dem Hm. Verf. unbedingte Vorliebe für die rasonnirende Methode 
des Vortrags, wie sie ihm von anderer Seite Torgeworfen worden ist, 
nicht Schuld geben, aber er geht uns zu weit, wenn er von dem nni- 
versalhistorischen Unterricht auf der obersten Stufe sagt (S. 6) : ^ die 
Geschichte muss ihre eigne Vernunft offenbaren. Sie muss ihr ganzes 
Gebiet zu einem idealen (?) Bilde gestalten, in welchem das allmähliche 
Anwachsen des Stromes unserer heutigen Bildung aus dem Zusammen- 
fluss des Lebensprocesses aller Volker sichtbar wird ; sie muss prag- 
matisch alle in einen Knoten zusammenlaufenden Faden von Ursache 
und Wirkung sehn lassen und muss^dabei mit Hilfe der Geographie die 
Verschmelzung von Natur und Geist, sowie Thaten gebährende und durch 
Thatsachen erzeugte Zustande zur Anschauung und zur Erkenntniss 
bringen.' Das Streben nach einem solchen Ideale kann nur zu fal- 
schem führen. Wir fordern eine nniversaihistorischc Behandlung der 
Geschichte, aber verstehn darunter nur die Berücksichtigung der 
Hauptthatsachen, welche auf die ganze Menschheit einen bedeutenden 
Einfluss geübt haben, und die Einsicht in die allgemeinsten und haupt- 
sächlichsten Wirkungen, in denen dieser Einfluss sichtbar wird. Wenn 
wir übrigens anerkennen, dass des Hrn. Verf. Abhandlung manche 
treffende und brauchbare Bemerkung enthält, wenn wir die von S. 12 
an folgenden 'Grundzüge der Geschichte der alten orientalischen Vol- 
ker' als Probe eines Leitfadens für den Geschichtsunterricht in den 
mittleren Gymnasialclassen im allgemeinen als recht zweckmässig 
bezeichnen, so hoffen wir, er werde die gemachten Bemerkungen als 
nur aus Interesse für die Sache hervorgegangen ansehn. 

Ueberblicken wir nun das, was wir so eben besprochen haben, noch 
einmal, so können wir nicht umhin, hier nochmals auf Wies es treff- 
liche deutsehe Briefe über englisehe Erziehung, als auf einen Spiegel, 
der uns die gefahrlichen Seiten unserer gegenwärtigen Zustände zeigt, 
und auf einen Leitpfad; der uns zu dem, was noth thut, unter V«- 



94 Ber. ü. d. XII. Yersammluiig deutscher Philol. u. Schulmänner. 

meidmig aller blinden Nachahmung und willkürlicher Abstreifung un- 
ser« Wesens, hinleitet , die Lehrerwelt aufinerksam zu machen. 

[D.] 



Bericht über die vom 30. September -^ 3. October 1851 in 
Erlangen gehaltene zwölfte Versammlung deutscher Philolo- 
gen und Schulmänner. 

Der Verein deutscher Philologen, Schulmanner und Orientalisten 
hielt in Gemässheit des zu Berlin gefassten Beschlusses seine zwölfte 
Versammlung zu Erlangen *), Für die allgemeinen Sitzungen , die in 
der geräumigen Aula der Universität ein entsprechendes Local fanden, 
waren die Tage Tom 30. September bis 3. October bestimmt. Die 
Zahl der in das Album eingezeichneten Mitglieder, unter denen Na- 
men ersten Ranges glänzen, beUef sich auf 180. Es darf vielleicht 
besondere Erwähnung finden, dass auch Thiersch, der sich mehrere 
Jahre lang von diesen Versammlungen fem gehalten hatte, zur gros- 
sen Freude seiner zahlreichen Freunde und Verehrer sich diesmal wie- 
der einfand. Einem loblichen Herkommen folgend hatte der Praesident, 
Professor und Studienrector Dr. Doderlein, zu seiner Eröffnungs- 
rede das Thema gewählt: *uber die Philologie und ihr Ver- 
hältniss zur Zeit.' Er bemerkte, dass in unsern Tagen offenbar 



'*') Den Theilnehmern an der Versammlung wurde bei ihrer An- 
kunft folgende Schrift eingehändigt: 'Zur Begrussung der Philologen, 
Schulmänner und Orientalisten bei ihrer Ankunft in Erlangen am 
30. September 1851. Inhalt: I. Duorum in Piatonis Politlco locorum 
emendationem proponit Dr. Chr. Cron, scholae latinae praeceptor. 
IL Schulrede des Studienrectors Dr. L. Doderlein: über den Werth 
des äussern Anstands. III. Einige Beiträge zur Kritik des Vendidad 
von Dr. Fr. Spiegel, Prof. der oriental. Sprachen. Erl. 1851. 4. 
22 S.' Der Verf. der ersten Abhandlung erklärt sich in der Einlei- 
tung mit dem Verfahren des neusten Herausgebers des Ptaton , C. Fr. 
Hermann, den cod. Clarkianus sive Bodleianus zur alleinigen Grund- 
lage des Textes zu erheben und den Lesarten der übrigen Handschrif- 
ten nicht mehr Werth zuzugestehn als blossen Conjectnren, nicht e'n- 
ver.-tanden, sondern schreibt dem Vaticanus und Venetus (^ und 77 
bei Bekker) einen gleichen Werth zu. Die beiden emendirten Stellen 
des Pollticus sind p. 291 E, wo die Worte %ccl nsviav noti nlovtov 
als Interpolation nachgewiesen werden, und p. 301 B, wo vorgeschla- 
gen wird zu schreiben: dt' S d^ xa ndvze oioiMxx« tdiv vvv Xiyo/tdvmv 
tHoXitskov fiiiiv fkovov yiyorsv, — Von Doderleins Schulrede haben 
wir weiter nichts zu bemerken, als dass auch diese sic}i durch diesel- 
ben Eigenschaften ehrenhaftester Gesinnung und classischer Formvol- 
lendung auszeichnet, durch welche die frühern bereits in zwei Samm- 
lungen vereinigten Reden desselben ausgezeichneten Schulmanns sich 
mit Recht die allgemeinste Anerkennung erworben haben. 

Die Red. 



Ber. fi. d. XII. Versammlung deutscher Philol. u. Schulmänner. 95 

ein MisTerbaitnisB bestehe zwischen dem Werth 4er classischen Stu- 
dien und ihrer Werthschätsung, das sich nicht bloss anfdieDraus- 
senstehenden erstrecke, sondern auch auf diejenigen, denen e1>en diese 
Studien Bildungsquelle entweder noch seien oder gewesen seien. Und 
doch konnte die Neuzeit, abgesehn von dem Gewinn, den die Geistes- 
bildung aus dem Studium der alten Sprachen schöpfe, selbst unmit- 
telbaren Nutzen aus dem Alterthum ziehn, aus dem Verkehr mit jenen 
ewig jungen Geistern, in Verhältniss zu denen wir eigentlich die Alten 
seien, die der Verjüngung und Auffrischung bedurften. Konnten und 
müssten zur Beseitigung des erwähnten Misrerhältnisses auch die Fach- 
genossen etwas beitragen, so "wolle er hier nur andeutungsweise auf 
zwei Punkte die Aufmerksamkeit der Versammlung lenken: erstens 
müsse der Sprachunterricht Ton der untersten Stufe an in Form einer 
Kunst, nicht einer Wissenschaft der Jugend dargeboten werden; 
zweitens habe der Dilettantiismus Anspruch auf höhere Achtung, 
und es sei zu wünschen, dass die Forscher und Kenner des Alterthums 
nur immer auch warme Liebhaber desselben wären. Dieser Liebe und 
Bewunderung für das Alterthum bedürften aber vor allen die Schul- 
männer, um dem Wissen, das sie der Jugend mittheilen, den Werth 
der Geistes- und Gemüthsbildung zu sichern. 

In der zweiten Sitzung trat zuerst Rector Wocher aus Ehingen 
auf mit einem Vortrag über die Aufgabe der Phonologif. Der 
Redner, der diesem Gegenstande seit vielen Jahren seine Bemühung 
gewidmet und durch Schriften Anerkennung zu yerschaffen gesucht, 
bemerkt , dass diese Bezeichnung keine blosse Lautlehre im Auge habe, 
sondern vielmehr der Laut in seiner innigen Beziehung zum Geist, 
der ihn bilde und gestalte, erfasst werden solle. Diese innige Be- 
ziehung zeige sich auch in dem Anschmiegen an die Erfordernisse des 
Beqnemlautes , bei welchem jedoch nicht, wie man sich häufig irriger 
Weise vorstelle, bloss der Wohllaut für das Ohr, sondern vor 
allem das Mundsprachgef ühi den Ausschlag gebe. Der Redner 
-belegt diese Ansicht mit zahlreichen Beispielen aus alten und neuem 
Sprachen und deutet noch mit einigen Worten den Gewinn an, den 
die rationelle und historische Sprachforschung aus der Beachtung des 
phonologischen Moments schöpfen könne. An diese Erörterung knüpft 
Prof. Nägelsbach, der an diesem Tage den Vorsitz führte, die Be- 
merkung, dass die Sprache deswegen der unmittelbarste Ausdruck des 
Gedankens sei, weil in diesem Verhältniss ein Minimum von Materie 
nSthig sei, um den Geist zu verleiblichen; diese Wahrnehmung diene 
dazu, die Achtung vor der geistigen Bedeutung der Sprache zu er- 
hohn. Mit besonderem Interesse wurden die Bemerkungen Thierschs 
über die Aus 8 pr ach e des Griechischen aufgenommen. Gemei- 
niglich , äussert derselbe , halte man die Scala der Sprachlaute für be- 
schrankt im Verhältniss zur musikalischen Scala. Diese irrige An- 
sicht habe ihren Grund allein darin, dass viele Volker nur nicht ge- 
wohnt seien, die feineren Unterschiede, welche hier möglich seien, 
wahrzunehmen und zu trennen. Graf Schlabrendorf, der sich viel 



96 Ber. tt. d. XII. Yersammluug deutscher Philol. u. Sohulmünner. • 

mit Unter8uchua|ren über die Incunabeln der Sprachbildnng beschäftigt 
habe sei zu der gerade entgegengesetzten Ansicht gekommen, und 
habe z. B. versucht zu beweisen, dass das / einen zehnfachen Unter- 
schied der Aussprache zulasse. Diese feinere Unterscheidung der 
8prachlaute finde sich in der griechischen Sprache ausgeprägt, und 
auch die gegenwärtigen Griechen hätten sich die Befähigung dazu in 
grossem Maasse erhalten, wie der Redner durch mehrfache Beispiele 
darthut; und zwar beziehe sich dieselbe nicht bloss auf die Vocal- 
laute, sondern auch auf die Consonanten, sowie auf Accent und En- 
klisis. Ber bei uns beliebte Plateiasmos habe daher schwerlich An- 
spruch, der Weise der alten Griechen näher zu kommen, ebensowenig 
wie die barbarische Scandirung der Verse mit Aufopferung des Rhyth- 
mus und des Accents für classisch gelten könne. 

Nachdem hierauf der Praesident über das Denkmal Fr. A. 
Wolfs Bericht erstattet und die Versammlung auf Böckhs Antrag 
beschlossen hatte, die weitere Sorge für dieses Unternehmen in die 
Hände eines zu bildenden Comit^s zu legen, hielt Prof. Bippart aus 
Jena ^nen Vortrag über M etrik. Derselbe schloss seine ausführliche 
Erörterung mit einer Analyse zweier Pindarischer Gedichte und suchte 
die Richtigkeit seiner Theorie durch die Recitation einiger Strophen 
sowohl im Urtexte wie in deutscher Nachbildung zu bewähren. Auf- 
gefordert , sein Urtheil über die yorgetragnen Ansichten auszusprechen^ 
setzte sich Geh. Regierungsrath Bockh in eine dialogische Erörte- 
rung mit dem Redner, welche in einzelnen Punkten Uebereinstimmung, 
in andern eine Verschiedenheit der Ansichten ergab, die sich auch 
auf die Art der Recitation erstreckte, Ton der Bockh ebenfalls eine 
Probe gab. Namentlich konnten sich die beiden Unterredner nicht ei- 
nigen über die Auffassung der irrationalen Versfüsse, indem 
Bockh die Irrationalität nicht wie Bippart in dem Inadaequaten der 
Sprache und des Rhythmus, sondern in dem Inadaequaten des Rhyth- 
mus selbst sucht« Hierauf folgte ein lateinischer Vortrag des Dr. 
Bayer aus Erlangen: ^de eimulacrOf quod plerique interpretes Signum 
dicunt LeucotheaeJ* Diese herrliche Statue, eines der vorzüglichsten 
Werke antiker Kunst, welche die Münchner Glyptothek zieren, wurde 
zuerst von Winckelmann als Leukothea gedeutet. Der Redner sucht 
nun nachzuweisen, dass die für diese Erklärung geltend gemachten 
Gründe in keiner Weise stichhaltig seien, und glaubt; dass W. besser 
gethan haben würde, sich auf den allgemeinen Charakter der Statue 
zu berufen, in welchem der Redner eine über die menschliche Natur 
erhabene, aber doch nicht ursprunglich gottliche Natur erkennt. Der 
vorherrschende Zug ihres Wesens sei der der wohithätigen Liebe, der 
eortfos. Hofrath Thier.sch, von dem Vorsitzenden zu einer Mei- 
nungsäusserung aufgefordert, erklärt sich mit der Kritik der Winckel- 
mannschen Beweisgründe einverstanden, ebenso mit der Charakterisi- 
rung dieser bewunderungswürdigen Statue , findet aber die Auffassung 
derselben als einer Caritas unzulässig, Weil in der Kunstperiode, in 
welche er die Statue setzen zu müssen glaubt, allegorische Darstellungen 



Ber. a. d. XII. Versammlung deutscher PhiloL a. Sehulminner. 97 

dieser Art überhaupt nicht gewöhnlich gewesen seien, wie denn die 
griechische Sprache nicht einmal einen Ausdruck für diesen römischen 
Begriff ausgeprägt habe, wenn man sich nicht etwa eine ceiivri z^Q^S 
denken wolle, die aber wiederum nicht als Einzelstatue, sondern nur 
in einer Gruppe Ton dreien dargestellt zu werden pflegte« Er bleibe 
deshalb trotz der Schwäche der von Wi angeführten Beweisgründe bei 
dessen Deutung, für die mehr als äussere Merkmale Geist und Hal- 
tung des Werkes spreche. Da nun B. erklärt, er sei weit entfernt, 
eine allegorische Darstellung der Caritas in dem Werke zn 
sehn, sondern er habe nur mit diesem Worte den Charakter des Bil- 
des bezeichnen wollen und in Bezug auf die Winckelmannsche Deutung 
nicht die Richtigkeit derselben überhaupt, sondern nur die Be- 
weiskraft der geltend gemachten Gründe bestritten, so be- 
schränkt sich die noch übrig bleibende Differenz darauf, dass B. sich 
mit der Erkennung der wesentlichen Eigenschaften begnügt, Th. da- 
gegen eine bestimmte Indiyidualität festhält, der die erkannten we- 
sentlichen Eigenschaften nicht widersprechen. 

In der dritten Sitzung wird zjavorderst auf den Antrag des Di- 
rector Eckstein beschlossen, dem um die Philologie überhaupt und 
die Interessen des Vereins insbesondere hochverdienten Thiersch 
eine Addresse zu überreichen, und der vorgelegte Entwurf genehmigt; 
darauf von Oberschulrath Rost Namens der Commission für die 
Wahl des nächsten Versammlungsortes Bericht erstattet und auf deren 
Vorschlag GÖttingen gewählt. Auf der Tagesordnung steht zuerst 
ein Vortrag des Geh« Reglern ngsrath Böckh über eine griechische 
Inschrift. Es ist dieselbe früher aus den Fourmontschen Papieren 
(Corp. Inscr. N. 28) mitgetheilte und später wieder aufgefundene atr 
tische Inschrift, aus welcher Ross einen Grund entlehnt zur Verthei- 
digung einer für unecht erklärten amyklaeischen Inschrift (C. I. N. 44) 
und namentlich des in derselben angefochtenen Ausdrucks (icctigsg %al 
xov^oft Tov 'AnolXcDVog. B. zeigt nun, dass nach der von der archaeo- 
logischen Gesellschaft zu Athen neuerlichst vorgenommenen Constati* 
rung der auf dem Stein sich vorfindenden Schriftzüge der besagte 
Grund ganz wegfalle, indem AIEI statt APEI gelesen werden müsste 
und überhaupt die glückliche Vermuthung des Dr. Schwab in Maul- 
bronn, der schon früher vorgeschlagen habe xenlrjaofiai als( z« 
lesen, vollkommen bestätigt werde. 

Prof. Do der lein, dessen Vortrag nunmehr an die Reihe kommt, 
erklärt vor allem, nach den bisher vernommenen r e i n wissenschaft- 
lichen Vorträgen ein eigentliches Schul thema zur Sprache 
bringen zu wollen, nämlich einen neuen Erklärungsversuch der viel- 
besprochenen Ode des Horatius , welche von Archytas ihre Ueberschrift 
hat (Carm. I, 28)., Der Redner zeigt, dass alle bisherigen Versuche, 
welche die Einheit des Gedichts zu Grunde legten, unbefriedigend 
seien und schlägt deshalb vor, das Salomonische Mittel der Theilung 
anzuwenden. Das erste der beiden dadurch gewonnenen Gedichte 
reiche bis Vs. 16 und könne in moderner . Weise etwa überschrieben 
Pii Jahrb, f, Phü. u. Paed. JBd. LXV. Bß. I. T 



08 Ber. ö. d. XII. Versammlung: deutscher Philol. o. Scholmämier. 

werden: 'Gedanken am Grabe des Archytas.* Denn die .An- 
nahme, dass Archytas durch Schiffbruch umgekommen und unbeerdigt 
an dem Ufer liegen geblieben sei , beruhe, wie Weiske nachgewiesen, 
auf keiner andern Autorität als der des Horatius und zwar auf einer 
Misdeutung der Worte: te cohibeni pulveris exigui muneray die un- 
möglich von der entbehrten Wohlthat des Grabes, wodurch die ab- 
geschiedne Seele auf der Oberwelt zurückgehalten wird, verstanden 
werden können, sondern rielraehr das Grab selbst bedeuten, welches den 
Archytas nmschliesst. Da nun aber auf solche Weise das erste Ge- 
dicht mit einem sehr allgemeinen und abgedroschenen Gedanken schlies- 
sen wurde, so seien die zwei Verse: Mista senum — Proserpina fu- 
git, welche an der Stelle, wo sie jetzt stehn, die Gedankenreihe auf- 
fallend stören, an den Schluss des ersten Gedichts zu versetzen, wo 
sie durch die pikante Fassung des Gedankens ihre rechte Wirkung 
übten. Das zweite Gedicht: 'eine Phantasie des Dichters 
auf Anlass einer bestandenen Lebensgefahr', beginne mit 
den Worten: Dani alioa Furiae etc. Dass Horatius Schiffbruch er- 
litten habe, sei aus mehreren Anspielungen gewiss und dem Dichter- 
gebranch widerspreche es nicht, das, was beinahe eingetreten wäre, 
nämlich dass er dabei umgekommen, als wirklich eingetreten vor- 
zustellen. Auch könne me quoque im folgenden ohne ausdruckliche 
Andeutung einer andern Person nur von dem Dichter selbst ver- 
standen werden, weil ausserdem die der Poesie nothwendige Indivir 
idualitat fehlen würde. Unter Furiae im Anfang des Gedichts dürfe 
man nicht, dem Begriffe dieses Namens zuwider, blosse Mordgot- 
tinnen denken, sondern es seien die Rachegeister des ermor- 
deten Julius Caesar gemeint, welche die Mitschuldigen des Mor- 
des und deren Anhänger verfolgten. Diese Beziehung gewinne an Be- 
deutung, wenn man an die Ruckreise des Horatius ans Griechenland 
nach der Schlacht bei Philippi denke, wofür auch der Umstand spre- 
che, dass wir von keiner andern Seereise des Dichters wissen. Der 
Redner äussert gelegentlich die Vermuthung, dass statt avidum oder avi- 
äUy welche beide Lesarten ein müssiges Epitheton ergäben, alt in zu 
lesen sei, welches eine passende Beziehung auf das vorausgehende 
oZtos enthalten würde. Das Bedenken, welches gegen die vorgenom- 
mene Trennung in zwei Gedichte aus der dadurch aufgehobenen Theil- 
barkeit in vierzeilige Strophen hergenommen werden konnte, beseitigt 
der Redner damit, dass er die beiden Gedichte gleichwie mehrere an- 
dere als Horazische Elegien betrachtet, deren Form der Dichter nur 
nach subjectivem Geschmack modificirt habe. Auf die Elegie aber sei 
bisher ein solches Zahlengesetz nicht angewendet worden. 

Auf die Einladung zur Discussion erhebt sich Director Eckstein. 
Dem humoristischen Tone des Vortrags treu bleibend kleidet er seine 
Bedenken in die Form von Zweifeln und Fragen eines wissbegierigen 
Primaners. Erstens glaubt er, dass durch die Transposition der zwei 
Verse kein besserer Schluss gewonnen werde, da doch nur derselbe 
allgemeine Gedanke in anderer Form wiederkehre ; dann hält er es für 



Ber. a. d. XII. Versammlung: deutscher Philol. u. Schalmftnner. 99 

bedenklich) den Begriff der Elegie auf eine andere als die festbe- 
stimmte Form auszudehnen; er will übrigens damit das dargebotene 
neue nicht ganz abgewiesen haben ^ indem er, die angenommene Si- 
tuation und die Beziehung auf ein Ereigniss aus dem Leben des Dich- 
ters billigend) das Gedicht, dem er übrigens keinen grossen Werth 
beimisst, als einen Monolog des Dichters selbst betrachtet. Bockh 
erklart durch den Vortrag Doderleins ganz überzeugt worden zu sein, 
findet auch in den zwei versetzten Versen keine blosse Wiederholung 
des Yorausgehenden Gedankens, sondern sieht ein plus darin und be- 
merkt in Bezug auf den Meinekeschen Kanon , dass derselbe auch auf 
das Gedicht in seiner bisherigen Form keine Anwendung finden würde, 
da die Verse desselben als 18 Distichen gezählt werden müssten, die 
auch nicht durch 4 theilbar seien. Thiersch bleibt dabei, das Ge- 
dicht als Monolog eines durch Schiffbruch verunglückten und unbe- 
erdigten Seefahrers, dessen Schatten, ein Grab begehrend, noch am 
Ufer umherirrte, zu fassen. Die Annahme liege nahe genug, dass 
Horatius einmal an dem von ihm oft besuchten Strande seiner Venusi- 
nischen Heimat den an das Ufer geworfenen Leichnam eines un- 
glücklichen gefunden und an diesen jene Erwägungen geknüpft habe, 
sie dem Schatten des nnbeerdigten in den Mund legend: ^dich, Ar- 
chytas, deckt eine Hand voll Staub; mir ist das Grab noch versagt.* 
Die vorgeschlagene Transposition sei durchaus zu billigen; dagegen 
bedenklich, den Namen der Elegie hier anzuwenden, da die Alten an 
den für die einzelnen Dichtnngs arten ausgeprägten Formen streng fest- 
gehalten hätten. 

Da die Kürze der Zeit eine Fortsetzung der Debatte nicht ver- 
stattet, so behält Döderlein seine Erwiderung einer andern Gelegen- 
heit vor und Prof. von Jan betritt den Rednerstuhl, um seinen an- 
gekündigten Vortrag 'zur Ehrenrettung des M. Furius Biba- 
culus ' zu halten. Der Redner beweist durch eine scharfsinnige Com- 
bination , dass an der Stelle in der Vorrede des Plinius zur Nat. Hist., 
auf welche sich vorzugsweise die Annahme stützt , Bibaculus sei ein 
Trunkenbold und Schlemmer gewesen, sowohl dem Zusammenhang ge- 
mäss als nach handschriftlicher Autorität Fivaeulus gelesen wer- 
den müsse, in dem Sinne, wie Plinius gleich darauf den nächtlichen 
Fleiss als eine Verlängerung des Lebens bezeichnet. Doch möge der 
Name Bihaculu» immerhin bleiben ; nur dürfe man daraus ebenso wenig 
wie aus andern Familiennamen einen Schlnss auf die moralische Ei- 
genschaft der Person machen. Anlangend die Stellen im Horatius, wo 
des Dichters nicht eben mit Ruhm gedacht wird, so seien wohl die 
Worte pingui ientU8 oma$o nicht von der Gefrässigkeit des Mannes, 
sondern im Zusammenhang mit dem verspotteten Ausdruck von der 
Gemeinheit seiner Redeweise, dem Mangel an eleganter Bildung sn 
verstehn, wie derselbe durch das Epitheton turgidu9 an der andern 
Stelle wegen seiner schwülstigen Ausdrucksweise getadelt werde. 

Vor dem Schluss der Sitzung erbittet sich Prof. Forchhammer 
das Wort, um der Versammlung einen Wunsch ansinsprechen. Br 

1* 



100 Ber. ü, d. XII. Versammlung d<$atscher Philol. o. Schulmänner. 

empfiehlt eine concentrirtere Thatigkeit mit vereinten Kräften nnd 
schlägt zu diesem Behufe yor» in der nächstjährigen Versammlung vor- 
zugsweise die Mythologie und Aristoteles ins Auge zu fassen. 

In der vierten Sitzung überreicht der Vorsitzende des Tages, Prof. 
Nägelsbach, dem Hofrath Thiersch die in der vorigen Sitzung 
beschlossene Addresse, mit einer Anrede an den gefeierten, in wel- 
cher er dessen vielseitige Verdienste würdigt, mit besonderer Her- 
vorhebung dessen, was er für das Gedeihn der Schule gethan habe. 
In seiner Erwiderung bemerkt Thiersch, wie das Vertrauen zu der 
Bildung, die sie, die Philologen, dem heranwachsenden Geschlechte 
mittheilten, wieder allgemeiner zurückkehre und die einsichtigsten 
überzeugt seien , dass in dieser Bildung die höchsten Güter der Mensch- 
heit bewahrt würden. Er betrachte sich durch das verliehene Diplom 
in die cohora veteranorum aufgenommen und werde auch in Zukunft 
nicht versäumen , der gemeinsamen Sache , wo . er es vermöge , nach 
Kräften zu dienen. 

Hierauf folgt der Vortrag des Prof. Nägelsbachs 'eine An- 
frage über den Ausgangspunkt der Fabel in der Aeschy- 
leischen Orestie.* Der Redner bemerkt, dass die gewöhnliche 
Sage, als habe Agamemnon durch Erlegung einer der Artemis geweih- 
ten Hindin oder durch vermessenes Rühmen seiner Kunst als Schütze 
den Zorn der Göttin auf sich geladen, keine Anwendung auf die Ae- 
schyl. Poesie finde. Aber auch die Annahme 'versäumter Pflich- 
ten der Frömmigkeit*, womit Schömann den Zorn der Artemis 
begründen will , könne nicht befriedigen und verliere ihre Stütze, wenn 
man, wie das unzweifelhaft richtig sei, mit Fuhr die anvqa tsgä in 
der von Seh. angeführten Stelle Ag. 67 — 75 von der Schlachtung 
deriphigenia selbst verstehe. Ebensowenig könne mit Seh. ein 
zweiter Grund von dem Zorne der Artemis in der mit Frevel gegen 
alles heilige verbundenen Zerstörung Trojas, welche die Göttin vor- 
aussieht nnd als eine der stadtobwaltenden Gottheiten misbilligt, an- 
genommen werden. Denn abgesehen davon, dass die Epode Vs. 140 
— 145 mit dieser Auffassung nicht übereinstimmen würde, so fallen 
diese Frevel mehr dem Heere als dem Haus der Atriden zur Last. 
Um den Zorn der Artemis zu erklären müsse man aber eine Schuld 
nicht des Heeres, sondern des Hauses suchen, nicht eine noch zu- 
künftige, sondern eine vergangene, noch nngesühnte, eine 
dem dsCnvov aercov verwandte, endlich eine, welcher die ge- 
forderte Sühnung entspricht. Die Ansicht, welche der Red- 
ner in seiner Schrift 'de religionibus Orestiam Aeschyli continentibus* 
aufgestellt hat, dass nämlich unter dem Sstnvov dsroav das Sstnvov 
Bviötov gemeint sei, scheine ihm auch jetzt noch, nach den Ein- 
wendungen Schümanns, die richtige, da der Dichter mit den Worten 
ofxflo ycr^ inifp^ovo^ "ji^rsf^ig absichtlich den Blick von den beiden 
Brüdern Agamemnon und Menelaos, die allerdings unter den 
Adlern gemeint seien, auf das ganze Haus lenke. Nicht den Indi- 
viduen, sondern dem Geschlecht zürne die Göttin, nach dem un- 



Ber. fi. d. XII. Versammlung deutscher Philol. o. Schnlminner. 101 

Yerbrüchlichen Dogma der griechischen Theologie, daiis die nicht 
gesühnte Schuld der Eltern auf die Kinder übergeht. 
Warum aber gerade Artemis diesem Frevel zürnt, darauf gesteht der 
Redner keine ihn befriedigende Antwort zu wissen, wenn man nicht 
etwa annehmen wolle , dass diese Göttin sich einmal in der Sage vor- 
fand und deswegen von Aeschylos nicht umgangen werden konnte , oder 
dass die Beschaffenheit des Tom Dichter gewählten Zeichens auf Nen- 
nung der Artemis führte. Die zwei Fragen, auf die sich der Redner 
freundliche Belehrung von der Versammlung erbittet, formulirt er so: 
warum zürnt Artemis dem Hause der Atriden, Und warum gerade 
Artemis? 

Thiersch glaubt, die Antwort auf diese Frage habe das Alter- 
thum selbst durch die Verschiedenheit der Deutung bereits gegeben: 
man weiss es nicht. Man habe hier wie in andern Fällen einen 
Versuch zu erkennen, die alte harte Form der Ueberlieferung auf ein 
sittliches Motiv zurückzuführen. In der Nahe des Golfs von Aulis, 
wo das Heer der Griechen durch den Nordsturm zurückgehalten wird, 
habe Artemis ein uraltes Heiligthum besessen, in dessen Bereich sich 
also das Heer befunden habe. Die Göttin sei die alte taurische Ar- 
temis gewesen, an deren Altar noch zu des Pausanias Zeiten Knaben 
blutig gegeisselt worden seien. Eine längere Discussion erlaubte die 
Kürze der heute zugemessenen Zeit nicht. Aus demselben Grunde zog 
Hofrath Thiersch den angekündigten Vortrag *über die Verbindung 
von Rhythmus und Metrum bei der Recitation griechischer und latei- 
nischer Gedichte^ zurück, und nachdem die Orientalisten in den Saal 
eingetreten waren, hielt der Vicepraesident die Schlussrede. 

Nach dem Schlüsse der ersten Sitzung hatten sich auf Einladung 
des Praesidenten diejenigen Mitglieder, welche zur Bildung einer pae- 
dagogischen Section geneigt waren, in dem Gymnasialgebäude einge- 
funden und Ephorus Bäum lein übernimmt auf die Bitte der Ver- 
sammlung den Vorsitz. Zunächst wurde die Tagesordnung für die 
weiteren Verhandlungen festgesetzt, die fast ausschliesslich der Frage 
über das Verhältniss der classischen Studien zum Chri- 
stenthum, der gelehrten Schule zur Kirche gewidmet waren. 
Die Anregung zur Besprechung dieses Gegenstandes gab Prof. Wiese 
aus Berlin, der in Berücksichtigung des Umstandes, dass in neuster 
Zeit mehrfach die Einrichtung christlicher , d. h. specifisch christlicher 
Gymnasien gefordert und zum Theil bereits ins Werk gesetzt worden, 
und in Hinblick auf die Verhandlungen des Elberfelder Kirchentages, 
der sich ebenfalls mit dieser Frage beschäftigt habe, von der Ver- 
sammlung deutscher Philologen und Schulmänner ein Zeugniss wünschte, 
dass unsere gelehrten Schulen auch in ihrem jetzigen Bestände nicht 
auf das Praedicat christlicher Schulen verzichten. Eckstein erklärt, 
dass er in der Organisation der neugegründeten Anstalt von Güters- 
loh, der er besondere Theilnahme zu widmen habe, weil drei seinen 
früheren Collegen dahin als Lehrer (Rumpel als Vorstand) geganger 
seien, bis jetzt etwas neues und eigenthümiiches nicht zql «ckJ^x^c^Jä^. 



102 Ber. tt. d. XII. Versammlung deutscher PhiJol. u. Schulmänner. 

▼ermocht habe, und auch A.H. Francke, dem doch keiner das Prae- 
dicat christlich absprechen werde , sei nicht darauf ausgegangen, 
an der von ihm in wahrhaft christlicher Liebe gegründeten und ge« 
leiteten Schule zahlreiche Reiigionsstunden und Andachtsnbungen ein- 
zuführen; ja das realistische Principe das häufig als ein unchristliches 
bezeichnet werde, müsse auf ihn zurückgeführt werden. Der Vor- 
sitzende wird ersucht, zum Behuf einer bequemeren Besprechung das 
Verhältniss der classischen Litteratur zu dem Christenthum in einigen 
kurzen Sätzen zusammenzufassen und diese der morgenden Discussion 
zu Grunde zu legen. 

Die von dem Vorsitzenden der Versammlung in der zweiten 
Sitzung Yorgelegten Satze lauten ihrem wesentlichen Inhalte nach da- 
hin: *Die classische Litteratur steht an und für sich in keinem feind- 
lichen Verhältniss zum Christenthum, ist vielmehr ihrem religiösen 
Gehalte nach als Vorstufe des Christenthums , als ein Suchen und 
Ahnen der Wahrheit, zu betrachten, in ihrem übrigen Gehalte als 
die schöne Entfaltung einer wesentlichen Seite der Hu- 
manität, die sich mit christlichem Glauben harmonisch yerbinden 
kann. In dem Lehrer sohliesst daher der lebendige christliche Glaube 
die Liebe zu der Humanität nicht aus , die sich in der classischen Lit- 
teratur offenbart; ausgeschlossen ist nur eine gegen das Christenthum 
feindlich gerichtete Liebe des griechischen und TÖmischen Wesens und 
Glaubens, ebenso wie eine hochmüthige Verachtung heidnischen Glau- 
bens« Die Liebe zum Christenthum schliesst ferner die Liebe zur 
Kirche in sich, welche uns die Segnungen des Christenthums ver- 
mittelt ; der Lehrer kann sich daher nicht von der Kirche eigenmäch- 
tig lossagen, ohne besorgen zu müssen, dass das Band mit dem Chri- 
stenthum selbst gelöst werde. In der gelehrten Schule soll das Chri- 
stenthum die Seele sein und die Norm, an welcher das andere in 
seiner Bedeutung für das innerste Leben gemessen wird; doch sollen 
die übrigen Lehrgegenstände, und so auch der classische Unterricht in 
ihrem eigenthümlichen Wesen erhalten und behandelt, nicht vom Re« 
ligionsunterricht verdrängt und absorbirt werden; ebenso wenig er- 
scheint eine Vermehrung des Religionsunterrichts im Interesse der 
christlichen Religion nothwendig und zur Befestigung des christlichen 
Glaubens förderlich.* Diese Sätze werden in der vom Vorsitzenden 
aufgestellten Fassung, zum Theil ohne Discussion angenommen und 
zum zweiten Gegenstand der Tagesordnung übergegangen, au der 
Frage 'über die Vorbildung auf den Gymnasiallehrer- 
stand.' Wiese, der die Frage aufgestellt hat, wünscht, vor allem 
eine Erklärung darüber, wie der Lehrer fähig werde, in christlichem 
Sinne den Unterricht und besonders den Religionsunterricht zu er- 
theilen; und dann wie der Lehrer sich überhaupt am zweckmässigsten 
auf seinen Beruf vorbereiten könne. Bezüglich des ersten Theiles der 
Frage stellen Nägelsbach und Roth die Forderung, dass der künf- 
tige Gymnasiallehrer auf der Universität einige theologische Haupt- 
collegien, wie Exegese und Dogmatik, höre. Bezüglich des zweiten 



Ber« fl. d. XII. Versatamlang deutscher Philoi. n. Schalmfinner. 103 

Theilea verlangt Eckstein ausser der wissenschaftlichen Yorbfldnng, 
welche die Universität bietet, eine praktische, fnr welche die philo^ 
logischen Seminarien nicht ausreichend seien. Dazu gehöre ein prak- 
tischer Cnrsas an einem Gymnasium selbst, für den aller- 
dings bereits zweckmä>'8ige Vorschriften bestunden , die aber nicht im- 
mer zur rechten Ausführung gelangten. Auf Ersuchen Ecksteins gibt 
hierauf Geffers Auskunft über die Einrichtung dea paedagogischen 
Seminars in Gottingen, das aus zwei Sectionen, einer theoretischen 
und praktischen, jene unter Leitung Hermanns , diese unter seiner, des 
Redners, Leitung bestehe; die Mitglieder der zweiten Section würden 
mit zwölf wöchentlichen Unterrichtsstunden in den mittleren und un- 
teren Classen beschäftigt. Auf den Vorschlag Ecksteins werden "zwei 
Commissionen eingesetzt, von denen die eine, aus Wiese, Roth und 
Nagelsbach gebildet, den ersten Theil, die andere, aus Eckstein, 
Geffers und Krüger bestehend, den zweiten Theil der Frage in 
bestimmten Sätzen zur Erörterung bringen und der Versammlung in 
der nächsten Sitzung vorlegen soll. 

In 4er dritten Sitzung referirt Wiese über die von der ersten 
Commission aufgestellten Thesen. Die erste Thesis wird auf den 
Antrag mehrerer Mitglieder in folgender modificirter Fassung ange- 
nommen : ' der Religionsunterricht ist ein integrirender Theil des Lec- 
tionsplanes der höheren Schule: doch soll, sofern bei andern Lehrge- 
genständen Locationen stattfinden und Preise vertheilt werden, dies 
auf den Religionsunterricht nicht ausgedehnt werden.* Die zweite 
Thesis wird nach kurzer Discussion in der von der Commission ge- 
wählten Fassung genehmigt: 'der Zweck des Religionsunterrichts ist 
die Erweckung der Religiosität durch das Mittel der den Schülern 
mitzutheilenden religiösen Kenntnisse.* Die dritte und vierte The- 
sis erhalten folgende Fassung: 'der Religionsunterricht wird nach 
dem Bekenntnisse derjenigen Kirche gegeben , welcher die Schüler an- 
gehören.* ' Es ist in jeder Art zu erstreben , dass derselbe durch or- 
dentliche Lehrer des Lehrer-Collegiums besorgt werde, sofern sie die 
erforderliche Qualification dazu besitzen; im andern Falle wäre der 
Unterricht qualificirten Geistlichen zu übertragen.* Die f ü n f t e Tl^e- 
sis lautet: 'die Candidaten des höhern Schulamts, welche den An- 
spruch machen, Classenlehrer (Ordinarien) zu werden, haben sich über 
die Benutzung exegetischer und dogmatischer Vorlesungen auszuwei- 
sen.* Die sechste Thesis endlich wird in folgender Fassung geneh- 
migt: 'es ist zulässig, dass geprüfte Candidaten der Theologie , wenn 
sie die Befähigung in einem Hauptobject des übrigen Schulunterrichts 
oder die allgemeine mindestens für die mittleren Classen nachgewiesen 
haben, ordentliche Lehrer sein können.' 

In der vierten Sitzung referirt Eckstein Namens der zweiten 
Commission. Die erste und zweite Thesis werden ohne Discussion 
in der proponirten Fassung angenommen: 'die wissenschaftliche Aus- 
bildung erlangt der künftige Gymnasiallehrer auf der Universität. Für 
diese einen festen Studien-Cursus vorzuschreiben ist unzulässig. In 



104 Ber. fl, d. XII. VerMmmlung deutscher Philol. u. Schulmänner. 

den Kreis desselben gehört a) neben einer Uebersicht über das ge- 
sammte Gebiet der Alterthnmswissenschaft vornehmlich die gramma- 
tisch-kritische Seite derselben, insbesondre in ihrer Anwendung auf 
die Bedürfhisse der gelehrten Schulen; b) das Studium der deutschen 
Sprache und Litteratur; c) Geographie und Geschichte; d) Philoso- 
phie und Paedagogik.* 'Die Prüfung über die wissenschaftliche Tüch- 
tigkeit steht in der Regel den akademischen Lehrern zu.' Der Bei- 
satz ' in der Regel ' wird erläutert als in Rücksicht auf solche Lander 
gesetzt , die keine Universität haben , auch nicht die Universität eines 
Nachbarlandes als Landes-Universität betrachten. Die dritte The- 
sis wird nach einigen Modilicationsvorschlägen in folgender Fassung 
genehmigt: 'für die praktische Ausbildung der Candidaten wird an 
dazu geeigneten Gymnasien, mögen eigne Seminarien (jedesfalls ohne 
oonvictorische Einrichtung) damit verbunden sein oder nicht , in einem 
der Regel nach zweijährigen Cursus gesorgt.' Die vierte Thesis 
wird in der ursprünglichen Fassung angenommen: 'von besonderer 
Wichtigheit für dieselbe ist zunächst aufmerksame Beobachtung der 
Methode tüchtiger Lehrer und die eigne Uebung unter Leitung der- 
selben.' Ebenso die fünfte: 'erst nach der Vollendung dieses Cur- 
sus erfolgt eine Prüfung über die praktische Befähigung der Candi- 
daten durch eine besonders aus Schulmännern gebildete Commission.' 

Die Zeit erlaubte nicht, die noch übrigen Gegenstände der Ta- 
gesordnung zur Besprechung zu bringen. Nur wird noch nach kurzer 
Erörterung die Erklärung abgegeben, 'dass zur Befestigung in der 
Kenntniss der griechischen Grammatik die Schreibübungen durch alle 
Classen des Gymnasiums beibehalten werden müssen.' Darauf trennt 
sich die Versammlung, nachdem Director Krüger an den Vorsitzen- 
den Worte des Dankes für seine treffliche Leitung gerichtet. 

Mit diesem übersichtlichen Bericht verbinden wir die Anzeige, 
dass der Druck der Verhandlungen nach manchen Verzögerungen, deren 
Beseitigung nicht in der Hand der Redaction lag, nunmehr vollendet 
ist. Es sei vergönnt, da sich keine andre Gelegenheit bot, hier das 
Verdienst hervorzuheben , das sich Hr. Candidat Le ebner, gegen« 
wärtig Aushilfslehrer an hiesiger Studienanstalt , um die kalligraphi- 
sche Ausführung der den Vorträgen Bipparts und BÖckhs beigegebnen 
lithographirten Tafeln erworben hat. Derselbe hat, um dem der Re- 
daction von Mitgliedern des Vereins ausgedruckten Wunsch zu ge- 
nügen, die Anfertigung eines Generalindex über das zweite Lustrum 
der Versammlungen übernommen, der von der Verlagshandlung mit 
den Verhandlungen der zwölften Versammlung versendet werden 
wird. 

Ef V« 



Auszüge aus Zeitschriften. 103 

Auszüge aus Zeitschriften. 



ZeiUchrift für die jilterthumswitsenachaft herauageg, von Bergk 
und Caesar. X. Jahrg. 1852. Is Heft. Verhesserungen und Erläute- 
rungen zum achten Buche Strabons, von Ernst Curtius (S. 1— 6). 
•— Emendationes Taciteae, scr. Rob. Unger (S. 6 — 8, zu den letz- 
ten Büchern der Annalen). — Beiträge zur Lehre von den griechi- 
schen Dialecten, von Theodor Bergk. J. (S. 9 — 15: in des Hippo- 
krates Brief bei Xen. Hell. J, 1, 23. Plut. Alcib. 28 wird iQQSt vä nocXa 
em^ndirt, dnsöaova gegen Ahrens de dial. Dor. p. 147 gerechtfertigt 
und das Fragment des Epilycus bei Athen. IV, 140 A nach den Comm. 
de com. Att. ant. p. 431 ff. von neuem behandelt). — Kritische Aeh- 
renlese, yon W. Wagner (S. 15. 16, über Fragmente des Sophokles 
bei Stobaeus, Photius und im Etym. Gud.). — Der Römische See- 
fahrer Statins Sebosus, von F. F. Hu dem an n (S. 17—23: lebend 
ums J. 72 Y. Chr., erwähnt bei Cic. ad Att. II, 14, 2. 15, 3 und bei 
Plinius unter den Quellen seiner Nat. Hist., Entdecker der insulae 
fortunatae, Convallis [Teneriffa] und Planaria [Canaria], Reisender 
in Aegypten und den indischen Meeren). — Ueber die Bedeutung von 
pax mit besonderer Beziehung auf Tac. Ann. II, 26, von J. Becker 
(S. 23 — 28: pax sei gleichbedeutig mit römischer Bildung und Civili- 
sation, wie sie nur unter der Behaglichkeit des Friedens gedeihn 
konnte und allein möglich gedacht wurde). — Rec. von Böckhs 
Staatshaushahung der Athener. 2e Aufl. Ir Band (Berlin 1851) , von 
Yömel (S. 28—39: eingehende Berichterstattung über die Bereiche- 
rungen der neuen Auflage im ersten Buche mit eignen Bemerkungen, 
namentlich über die Metronomen, über die Stelle des Demosthenes 
Nicostr. S. 1 und über die Symmorienverfassung). — Rec. von K. O. 
Müllers Handbuch der Archaeologie der Kunst. 3e Aufl. mit Zu- 
sätzen von F. G. Welcker (Breslau 1848), von K. B. Stark. Ir Ar- 
tikel (S. 39 — ^78: abgesehn von dieser neuen Bearbeitung fordere das 
Werk selbst durch seine Stellung zur Wissenschaft und zu dem ar- 
chaeologische Studien treibenden Publicum zu immer erneuter Prüfung 
auf; es werde in einer nächsten Bearbeitung manche bedeutende Um- 
wandlung zu erfahren haben, wozu der Rec. Vorstudien vorlegt in 
Rücksicht auf die Anordnung des Stoffs, praecise, knappe und doch 
scharfe Formulirung, maassvolle dem Verhältnis der Theile zur Wis- 
senschaft entsprechende Vollständigkeit und Richtigkeit der Thatsachen. 
Hieran knüpft der Rec. Nachträge zu der neuen Bearbeitung , nament- 
lich über das archaeologische Studium in Deutschland im 16. Jahrhun- 
dert, das Heraion von Samos, das Verhältnis der Kunst zur Tyran- 
nis seit etwa Ol. 100, den Satyros des Praxiteles, den lalysos (mit 
dem Hunde) des Protogenes und den ausruhenden Satyr desselben Mei- 
sters , die als zwei verschiedne Gemähide nachgewiesen werden., über 
den Mahler Aetion (oder 'Hstimv) , der in die Mitte des 4. Jahrh. v. 
Chr. gehöre und mit dem d^r angebliche Echion bei Cic. Brut. 18. 



106 Aussage aus Zeitschriften. 

Farad. 5, 2. Plin. XXXY, ?• 0. 32 identisch sei u. s. w.)« — Rec. yon 
E. Egger essai sur Thistoire de la critique chez les Grecs, suivi de 
la Po^tique d'Aristote et d^extraits de ses problömes (Paris 1849) von 
Grafen han (S. 78—96*: das Bach, eine Geschichte der Aesthetik 
bei den Griechen, sei eine dankenswerthe Arbeit, sowohl geeignet 
demjenigen als Einleitung and Leitfaden zu dienen, der sich mit jener 
Geschichte Tertraut machen wolle, als aach demjenigen, der mit dem 
Gegenstand rertraat sei, eine angenehme Repetition gewährend). 

Rheinisches Museum für Philologie herausg. von Welcher^ Ritschl^ 
Bemays. Neue Folge. VIII. Jahrg. Is Heft. Richard Bentleys Brief- 
wechsel, Ton J. Bernays (S. 1 — ^24: Anfang einer Reihe von Aus- 
zügen aas dem 1842 in London erschienenen zweibändigen Werk: The 
eorrespondance of Richard Bentleyy von dem nur 250 Exemplare ab- 
gezogen sind , betr. Bentleys Meinung über die Homerische Frage und 
Emendationen zu Ovids Tristien, Yalerius Flaccus, Horaz, Terenz, 
Sueton mit Anmerkungen des deutschen Bearbeiters). — Studien zu 
den romischen Komikern, von W. Teuf fei (S. 25—50: betr. die 
Zeit der ersten Aufführung, die Contamination und Composition meh- 
rerer Plantinischer und Terentischer Stücke). -^ Zur Charakteristik 
des Plantus , nach Mittheilung der Red. von einem ^ denkenden Freunde 
des Alterthums, der nicht zünftiger Philolog ist' (S. 51 — 69: eine po- 
puläre Würdigung sämtlicher Plautinischer Comoedien , von denen die 
Aulularia als eigentliches Charakterstück , die Menaechmen als Zufalls- 
comoedie, Amphitruo als mythologische Comoedie, die übrigen als In- 
trigaenstücke bezeichnet werden, unter welcher Benennung auch die 
Captivi, Trinummus, Rudens und Cistellaria als rührende Dramen und 
Familienstücke mit umfasst werden). > — Das Verzeichnis der Werke 
des Orpheus bei Saidas, von B. Giseke (S. 70—121: alle Schrift- 
steller des Alterthums waren darüber einig , dass die orphischen Schrif- 
ten nicht von dem alten Orpheus verfasst seien; Aristoteles gibt selbst 
als den wahren Verfasser wenigstens einer derselben, der rslSTai, den 
Onomakritos an; es haben auch im Alterthum Hymnen unter dem Na- 
men des Orpheus existiert, aber diese sind verloren gegangen; die 
uns erhaltnen s. g. Hymnen sind nach des Verf. Vermuthung Theile 
des nach Piaton de rep. U. 364 E von Gauklern und Wahrsagern um- 
hergetragnen oiiadog ß^ßloiv Movaaiov %olI 'Oqtpioii , %aQ'' ccg d'vrjno- 
Xovai, und zugleich identisch mit dem von Suidas unter Orpheus Na- 
men genannten ovoiiaatiTiov inri ctg. Das von Tzetzes dem Orpheus 
beigelegte Werk unter verschiednen Titeln: l^y«, yfco^yi'a, SrndsTiccs- 
trjQiSBg, ist nichts anderes als das noch heute, aber nicht vollständig 
vorhandene Gedicht des Philosophen Maximos nsQl xaTa^;i;(»y, verfasst 
ums J. 360 n. Chr., ungefähr gleichzeitig mit den Argonantika. Eine 
Reihe orphischer Schriften wurde auch von Pythagoreern verfasst, so 
der tsQOs Xoyog in 24 Rhapsodien von dem Thessaler Theognetos, nach 
Epigenes aber von Kerkops (Cic. de n. d. I, 38), einem der altern 
Schüler des Pythagoras, dem auch i} dg ^8ov natccßccaig beigelegt 
wird, andere von Brontinos von Metapont, Zopyros von Herakleia 



Auszüge aus Zeitschriften. 107 

u. a. Zum Schluss gibt der Verf. das Verzeichnis bei Suidas * we- 
nigstens von den gröbsten Irthümern gereinigt'). — Epigraphische 
Nachlese, YonL. Ross (S. 122 — 129: nnedierte Inschriften oder Frag- 
mente von solchen aus des Verf. Tagebüchern aus Griechenland). — 
Miscellen. Mythologisches. Broteas, des Tantalos Sohn, von Ed. 
Gerhard (S. 130 — 133: eine yermittelnde und nicht durchaus durch- 
gedrungne Sage habe , um die Schmach als Götterkost zu dienen von 
Pelops, dem Ahnherrn der griech. Heldensage, abzuwälzen, dieselbe 
auf einen übrigens verschollenen Bruder desselben, Broteas, über- 
tragen, dessen Name einen von der ErdgÖttin 'gekosteten' (ß^anog') 
bezeichne). — Topographisches. Sikelia bei Athen, von E. Curtius 
(S. 133 — 137: der Hügel Sikelia, TQioxsXijg X6q>0£, sei der zwischen 
dem Piraeischen und dem Itonischen Thore Tom Museion gegen Süd- 
westen vorspringende Felshügel gewesen, um dessen südlichen Rand 
sich das Ilissosbett herumwindet; bei Paus. I, 28, 3 wird 'AnaQvaviav 
in 'AQxadcav emendiert). — Archaeologisches. Parallelbilder aus dem 
trojanischen Kriege nach Virgil, von L. Lersch, mit Nachwort von 
F. G. Welcker (S. 137—142: die von Virgil Aen. I, 455—493 be- 
schriebne Bilderreihe in dem karthag. Junotempel habe aus vier einander 
entsprechenden Paaren bestanden). — Handschriftliches. Unedierte 
Schollen zu Homers Ilias, von E. Mehl er (S. 143—146: von Villoi- 
son übersehne oder falsch gelesene Schollen aus cod. Ven. B). — Zur 
Kritik und Erklärung. Zu Pindar, von Th. Bergk (S. 147—150: 
Fragm. 2 der Paeane wird emendiert : xgvasai d' i^vnsQ9'* alsxov || asi- 
dov KrjXriSovsg und daran eine Bemerkung geknüpft über die Bild- 
werke des Bupalos und Athenis , mit denen Augustus den palatinischen 
Apollotempel in Rom schmückte, Prop. II, 31, 7 von B. jetzt so 
emendiert: Tecto Solia erat etc.). — Plautinische Excurse, von F. R. 
(S. 150 — 159 "*: 17. weitere Begründung der von Ritschi für den 
Piautinischen Gebrauch vermutheten Form tarpezita statt trapezita 
durch analoge Fälle der Metathesis des r*) und Ankündigung von 
demnächst zu veröffentlichenden Entdeckungen im Piautinischen Vers- 
und Sprachbau, 'die geeignet scheinen, auf die geschichtliche Ent- 
wicklung des alten Latein mehr als ein Schlaglicht zu werfen.' 18. 
Widerlegung der von Lachmann zu Lucr. VI, 552 aufgestellten Be- 
hauptung, dass aqua auch von den scenischen Dichtern dreisilbig ge- 
braucht worden sei. 19. Nachträge zu frühern Excursen über aubli- 
men, hau (vor Consonanten) , poste und poaquamy pro88um und rua- 
8um, poatidea antidhac antideo y benificus neben beneficuSy das Impe- 
rativische ^ in der Zusammensetzung mit dum, 20. Beweis dass «t- 
mUi8 bei PI. und Ter. nur mit dem Genetiv verbunden vorkomme). — 
Zu Lucretius, von J, Bernays (S. 159 ♦. 160*: I, 657 am Schluss 
emendiert: contraria amuir«tm). 



^) Hinzufügen lässt sich noch tccQtpvg neben tffatpSQog und aus dem 
Kreise griechisch-lateinischer Verwandtschaft (p^dy-win {(pQaaaaii) ne- 
ben fare-io. A. F* 



108 ' Auszüge aus Zeitschriften. 

28 Heft. Dis Kosmographie des Kaisers Augustns und die Com- 
mentarien des Agrippa, von Chr. Petersen (S, 161 — ^210: der von 
Ritschi im Rh. Mus. N. F. I. S. 481 ff. entwickelte Zusammenhang 
der Kosmographie des s. g. Aethicus mit der Vermessung des römi- 
schen Reichs unter Augustus und der Weltkarte des Agrippa wird 
bestätigt und näher bestimmt durch Berücksichtigung einiger mittel- 
alterlichen Werke , deren Verfassern vollständigere Handschriften jener 
Kosmographie vorgelegen haben , als die uns bekannten sind. Die dem 
Verf. zugänglich gewesenen Handschriften werden aufgezählt und ge- 
würdigt und daran die Aufforderung geknüpft, die Aufmerksam- 
keit darauf zu richten, ob nicht unter Julius Caesars, Augu- 
stus Octavianus oder Julius Honorius Namen geogra- 
phische Werke vorhanden seien. Sodann Untersuchungen über 
den Vermessungsbericht und die Verbindung der Vermessung mit dem 
Censns um Christi Geburt und der Zählung, ferner Beiträge zur Be- 
richtigung und Ergänzung des Orients, Occidents, Nordens und Sü- 
dens, endlich über das Verhältniss des zweiten Theils (^des er ipiio) zum 
«rsten (ea;posttto) , deren ursprüngliche Einheit nachgewiesen wird). 
— Ueber zwei Scenen im Ajas des Sophokles, von Robert Enger 
(S. 211 — 220: I. mit Vs. 595 trete nicht Aias mit Tekmessa von der 
Bühne ab, auch sei nicht mit Welcker eine stumme Scene zwischen 
beiden während des Chorgesanges anzunehmen, sondern in der ganzen 
Scene von Vs. 546 — 595 erhalte Aias in seinem Zelte einen Besuch 
von dem Chor, was die Bedeutung des Ekkyklems in dieser Scene sei; 
nach Vs. 595 bleibe Tekmessa mit Eurysakes auf der Buhne und Aias 
werde den Blicken der Zuschauer wieder entzogen, d. h. der Chor, 
der ihn besucht hatte , entferne sich wieder , die Scene sei wieder die- 
selbe wie vor Vs. 346. II. In der Scene, wo Aias sich den Tod gebe, 
sei die Annahme eines vollständigen Scenenwechsels nothwendig, die 
Zelte verschwinden und an ihrer Statt stelle die Scenenwand den 
Strand des Meeres dar. Zum Schluss noch einige Bemerkungen über 
die Rollenvertheilung in dem Stücke). — Beiträge zur lateinischen 
Grammatik. II. Zur Etymologie und Orthographie, von Alfred 
Fleckeisen (S. 221—233: rationelle Nachweisung der Richtigkeit 
der in den ältesten und besten Handschriften überlieferten Schreibun- 
gen setiu» [neben sectius und a^quiu»; secius, wie gewöhnlich ge- 
schrieben werde , sei nichts] , suspitio , convitium [entstanden aus con~ 
vocitium, der Uebergang von <j in Y durch Analogien gerechtfertigt, 
zu denen man noch Patricolea = IlaTQO'iiXTJg hinzufügen möge] , litera, 
eotioy indutiae [bei Gell. I, 25, 17 wird verbessert quasi induitiae ; 
vergl. dazu die Glosse bei Paulus Festi p. 76: endoitiumy initium], 
Etymologie des Verbum niti), — Ueber das Imperfectum in den In- 
schriften griechischer Künstler, von H. Brunn (S. 234 — 251: von 
Bildhauerinschriften sei unter den nahezu 50 uns bekannten Beispielen 
des Imperfectum inoiSL keine älter als etwa Ol. 150—160, die Ein- 
führung des Imperf. falle also zusammen mit dem Ende der griechi- 
schen Selbständigkeit und der Uebersiedeiung der griechischen Kunst 



Auszüge aus Zeitschriflen. 100 

nach Rom; diese Theorie finde auch Anwendung auf die Steinschnei- 
der ausgenommen etwa die Münzenstempelschneider ; unter den Fa- 
brikanten und Mahlern der Vasen finde sich das Tmperf. nur von den- 
jenigen angewendet, die in dem entwickeltsten oder in einem nachge- 
ahmten Stil arbeiteten, woraus der Schiuss gezogen wird, dass zur 
Zeit der Zerstörung Korinths die Vasenmahlerei noch nicht unterge* 
gangen war, und zwar auch in Etrurien nicht). — Zu den Fragmen- 
ten des Berosos und Ktesias, von A. v. G. (S. 252 — 267: I. über die 
Liste der babylonischen Dynastien aus Berosos chaldaeischer Ge- 
schichte 5 die vierte Dynastie habe von 2234 — 1976 v. Chr. geherrscht, 
was erwiesen wird durch die von Simplikios erhaltne Nachricht des 
Kallisthenes und durch die von Berosos überlieferte Summe der Jahre 
aller babylonischen Dynastien. II. Es wird an einigen Beispielen aus 
der ältesten assyrischen Geschichte gezeigt, dass die Nachrichten des 
Ktesias nicht unbedingt verworfen werden dürfen, sondern dass sie 
vielmehr, freilich nach vorhergegangner kritischer Sichtung, gar wohl 
zur Beleuchtung und Bestätigung der Nachrichten der chaldaeischen 
Historiker angewandt werden können). — Beiträge zur Geschichte der 
griechischen Sophistik, von J. Frei. III. (S. 268 — ^279: fiber das 
Verhältnis des Gorgias zu Empedokles; das Ergebnis der Untersu- 
chung ist dieses: Gorgias war ein Schüler des Empedokles; die bei- 
derseitigen Lehren dieser Philosophen jedoch zeigen, so weit sie uns 
bekannt sind, keinerlei auch nur einigermassen wesentliche Berüh- 
rungspunkte). — Miscellen. Litterarhistorisches. Epicharmos und der 
Av^avoiisvog Aoyog, von J. Bernays (S. 280 — 288: das von Dioge- 
nes Laert. III, 10 aufbewahrte ziemlich umfangreiche Fragment des 
Epicharmos, dessen angefochtne Echtheit durch Chrysippos constatiert 
wird, wird für die Geschichte der griechischen Philosophie ausge- 
beutet, indem daraus erwiesen wird, dass das Werk desHeraklit spä- 
testens in der zweiten Hälfte der 70ger Olympiaden zn allgemeiner 
Verbreitung gelangt sei, ferner dass die wörtliche Fassung und komi- 
sche Einkleidung des Gedankeninhalts durch Epicharmos in den spä- 
tem Schulen maassgebend geworden sei für die Behandlung der ganzen 
grossen Frage vom Zunehmen und Abnehmen in ihren Beziehungen zum 
Entstehn und Vergehn und zur beharrenden Identität der Persönlich- 
keit, indem der Av^ccvofievog Aoyogy d. i. ein veranschaulichendes 
Exempel des dialektischen Problems über Vermehrung und Verminde- 
rung, auf jenes Fragment zurückzuführen sei). — Epigraphisches. Sa- 
turnische Grabschrift, von F. R. (S. 288: neulich an der via Appia 
ausgegraben; sie lautet: 

Hoc ^st factum monum^ntum Mäarcö Caicilio. 

Hosp^s, gratum 4st qnom apüd meas r^stitistei s^edes. 

Bene r^m geräs et uäleas: dörmiäs sine qiira.) 
— Handschriftliches. Zur Kritik des Terenz, von F. Ritschi (S. 
289—292: um den übertriebnen Erwartungen derer zu begegnen, die 
etwa durch eine Andeutung Bernhardys in der neuen Ausgabe seiner 
römischen Litteraturgeschichte S. 395 veranlasst sich wesentliche Ver- 



110 Auszflge aus Zeitsohriften. 

beiserungen des Terenztextes Ton einer 'sehr alten* Pariser Hand- 
schrift versprechen mochten, Terö£fentlicht R. eine ihm von H. Keil 
mitgetheilte Probe der z^ei ältesten , d. h. allein alten Pariser Te- 
renzhandschriften , des ^Cod. Reg. 7899 membr. sec. X' und des 'Cod. 
Paris. Sorbon. &07 membr. sec. X ex. yel XI ', in Zusammenstellung 
mit den Varianten des Bembinns, Vaticanus, 3asilicanus und Ambro- 
sianns , woraus herrorgeht, dass weder eine Collation derselben noch 
die Bekanntmachung einer solchen die darauf gewendete Mähe lohnen 
wurde). — Grammatisches. Zur Etymologie, Ton L. Ross (S. 292— 
297: adtp» = dloKpil^ lingua (dingud) = fp^oyyrjy littera :=: ditp^i- 
iftt; Einschiebung eines Digamma vor dem Endvocal: atrenuus, mu- 
iuu8^ Hatua, helluo etc.; /ocus = ^«hos, famulua = 9'€cla(iogy frin- 
gilla von 9'Qiy%6q^ fömax = 06ffvaiy filius z=z vtog, aolua = olog}. 

— SirempB in der lex Rubria, von F. Ritsch 1 (S. 298 — ^304: siremps 
komme nur vor in den Formeln airempt lex eato oder airempa iua lex- 
que eaio oder airempa lex iua cauaaaque eato; das S. RES. LEX. IVS. 
CAVSSAQVE und S. L. R. I. C. Q. in der lex Rubria 2e Col. Z. 10 
und 40 werde also wol nur auf einem Misverstandnis des Graveurs 
beruhn. Die drei über sirempa handelnden Stellen des Charisius, p. 
73. 118. 116 werden mehrfach verbessert und die Handsche Herlei- 
tung des Wortes aus dem demonstrativen ai (wovon ja st-ce aio nur 
Verstärkung sei) rea und pae für die einzige annehmbare erklart, der 
Zutritt des m sei ein rein phonetischer und airepa in der ersten Stelle 
des Charisius sei nicht Schreibfehler, sondern alte echte Ueberliefe- 
rai^€[)« — Metrisches. An Herrn Prof. Heimsoeth, von Lehrs (S. 
304—306 : kurze Erwiderung auf Heimsoeths Schreiben an Lehrs 'über 
die neueste metrische Theorie' im Rhein. Mus. N. F. VII. S. 622 ff.). 

— Zur Kritik und Erklärung. Zu Plautus, von E, (S. 306. 307: 
Men. 571. 572 [IV, 2, 1. 2] werden nach Ausscheidung von Glossemen 
so hergestellt: Vt höc utimür maxumi more mdro^^^Atque üt, quique 
aünt optumi, morem habSnt hunc. Vs. 575 wird quoimodi statt quo- 
iuamodi empfohlen). — Cicero über die Servianische Centurienver- 
fassung, von F. Ritschi (S. 308—320: über Cic. de rep. U, 22,39; 
in der Hitze des Wunsches, ans dieser Stelle ein brauchbares Zeug- 
nis in der Sache zu gewinnen, habe man Sprachunmoglichkeiten 
übersehn, die einzeln hervorgehoben werden; auch mit der Behaup- 
tung, die zweite Hand müsse unbestritten die Grundlage jeder Be- 
handlung der Stelle bilden, habe man sich den Weg zur Erkenntnis 
der Wahrheit, soweit diese erkennbar sei, geradezu abgeschnitten, 
dieselbe biete nur eine stümperhafte Interpolation. Alle frühem Her- 
stellungsversuche der Stelle seien unmöglich, möglich wenigstens sei 
folgender: Nunc rationem videtia eaae talem, ut equitum eenturiia cum 
aex auffragiia et primae claaaiy addita eenturia quae ad aummufn 
uaum urhia fabria tignariia eat data , octo centuriae aolae ai aceeaae^ 
runt , confecta eaaet via populi univetaa , reliquaque multo maior mui- 
titudo aex et nonaginta centuriarum (tot enim reliquae aunt) neque 
exeluderetur auffragiia ne auperhum eaaet, nee vaUret nimia ne eaaet 



Erinnerung an Lachmann. 111 

perieuloaum. Ob übrigens Cicero selbst so geschrieben , .wer könne 
es wissen? R. habe nur zeigen wollen , was er ganz bestimmt nicht 
geschrieben und was Jahrhunderte nach ihm in nicht gefälschten Hand- 
schriften seines Werkes gestanden haben könne , ja mit Wahrschein- 
lichkeit gestanden habe. Gelegentlich wird von der Form quattor^ 
wie der Codex statt quattuor biete, nnd der aus Dichterstellen sich 
nothwendig ergebenden Zweisilbigkeit dieses Zahlworts gehandelt). 



Anf Veranlassung einer Broschüre unter dem Titel: ^Sendschrei- 
ben Karl Lachmanns an die Philologen und deutschen Sprachforscher 
ausgegeben an dessen Todestage (den Xni März) von Dr. K. 6. J. 
Förster. Berlin 1852 Verlag von Th. Grieben.' 8. 24 S. erschien 
in dem Feuilleton der Constitutionellen Zeitung folgende 

Eiinnerung an Lachmann. 

Ein Pamphlet y am ersten Jahrestage von Lachmanns Tod vor den 
Augen Berlins ohne Scheu und schwarz gerändert feil geboten , muss 
alle edlen Herzen empören. Wider die yerstummten Todten mag jeder 
schreiben was sein Gewissen verantwortet y an ihrem stillen Feste auf 
ihren Hügel einen Bund Nesseln niederwerfen , das heisst gefrevelt. 
Wer denn ist dieser Förster? ein Junger , dem der Kamm schwillt, 
dass sein schon vor einem halben Jahre gegen den Meister ausgegoss* 
ner Unglimpf, niedergedrückt von der Welt Nichtachtung, auf dem 
Boden sich nicht erheben kann. Mit einem Anflug von Geist und 
Laune, aber ohne Seele und Empfindung abgefasst, darum gemein, 
ist der erneute nichts neues bringende Angrif. Denn von der Sieben- 
zahl zu reden hat der Verf. kein Recht, da was er davon weiss alles 
ihm erst aus einer vorigen November erschienenen Recension kund 
wurde. Ihm aber gehört eine Theorie der Hebungen, gestützt anf 
eine nach allen Seiten hin haltlose Reaction des heutigen Vocalismns 
gegen die Gesetze der alten Sprache. Lachmann , in dessen Verslehre 
einiges zu spitzfindig sein mag, würde mit dem grössten Fug den 
Vorwurf der Absurdität darüber aussprechen. Der . Schmähende droht 
am Cadaver des armen Heinrichs, der schon bei Lebzeiten sich muste 
auf den Tisch hinstrecken lassen, neu zu experimentieren und seiner 
fix gewordnen Vorstellung Glauben zu verschaffen. Er wird dabei Ge- 
legenheit haben neues Gift auszuschütten, aber schwerlich Proselyten 
werben. Lass mich, lieber Lachmann, den grünenden Zweig getreuen 
Andenkens heute auf dein frühes Grab legen. Deine reichen Gaben, 
alle deine Anstrengungen und Erfolge sie sollen unvergessen bleiben 
und werden ihre Frucht tragen; selbst wo dich als Menschen ein 
paar Irthümer anwandelten, kann das deine reine sittlich starke Na- 
tur desto sichtbarer machen. Am Tage seiner Bestattung 17 Man 
X852. Jacob Gfrtmm. 



112 Schal- and Personalnachrichten, 

Schul- und Personalnachrichten, statistische und andere 

Mittheiiungen. 



Bamberg. Dem Programm der dortigen Stndienanstalt spricht sich 
anter der Rahrik 'Lyceam* über die Erentaalität, dass nach der 
Denkschrift der in Freising vom 1. — ^20. Oct. 1850 versammelten Bi- 
schöfe die Lyceen bischöfliche Anstalten und mit den Seminarien un- 
trennbar verbunden ipverden, mit voller Anerkennung ans und erklärt 
sich dahin , dass in diesem Falle für die philosophischen Sectionen ein 
'Entweder — Oder' gelte, entweder müssten Mittelanstalten zwischen 
der Universität und den Gymnasien errichtet und diesen der in den 
Gymn. Vernachlässigte Realunterricht 2ugetheilt oder die Gymnasien 
erweitert werden. An dem Lyceumistder Dr. Joh. Mart. Katzen- 
berger seit dem 10. Nov. 1850 für die Professur der Philosophie 
definitiv angestellt worden. Die Anstalt zählte während des Studien- 
jahres 1850—51 Candidaten der Theologie 50 und der Philosophie ^. 
Das Gymnasium hatte am Schlüsse desselben 130 Schüler (IV: 27, 
III: 24, H: 36, I: 44), die Lateinschule 234 (IVA: 26, B: 37, 
III: 54, 11: 54, I: 63). Die vorher bestandne Trennung von Cl. I. 
der Lateinschule wurde wieder aufgehoben , dagegen jetzt die IV. in 
zwei Abtheilungen geschieden« Der kathol. Religionslehrer an der 
Lateinschule und 1. Praefect im v. Aufsessischen Seminar, Reuss, 
wurde am 8. März 1851 zur Pfarrei in Hopfenohe, an seine Stelle 
unter dem 24. April der Domkaplan Priest. Pet. Schmitt ernannt; 
der Lehramtscandidat Ant. Linsmayer, der seit 1. Nov. 1850 seine 
Lehramtspraxis abgehalten, erhielt Mich. 1851 das Amt eines Assisten- 
ten für den Rector. 

Batern. Ein Erlass des konigl. Ministeriums des Cultus fordert 
zur Wachsamkeit darüber auf, dass in den Gelehrtenschulen der Un- 
terricht in der bayerischen Geschichte mit allem Fieisse und in bele- 
bender, eindringlicher, fromme Gesinnung und treue Liebe zum Re- 
gentenhause und Vaterlande weckender und nährender Weise ertheilt 
werde. Die Prüfungscommissare sind angewiesen, ein gründliches 
Examen in Bezug darauf eintreten zu lassen und das Ergebniss in dem 
VisitationsprotocoUe oder Berichte genau zu bezeichnen. 

Bayreuth. Von der konigl. Studienanstalt schieden während des 
Schuljahrs 1850 — 51 der Religionslehrer Pfarrer und Prof. Zorn, in- 
dem er zum Inspector des prot. Schullehrerseminars in Kaiserslautern 
berufen wurde , und durch Emeritirung der Lehrer der Mathem. Prof. 
Dr. Neubig. Des letztern Stelle wurde durch den vorherigen Rec- 
tor und Lehrer bei der Landwirthschafts- und Gewerbschule zu Lan- 
dau, Frdr. Hof mann, ersetzt, die des erstem zum Theil vojn Pfar- 
rer Dr. Dittmar übernommen. Während des Sommerhalbjahrs er- 
theilte der Lehrer der königl. Kreis-Landw.- und Gewerbschule Dr. 
Braun den Schülern der Obergymnasialclasse in 2 Stunden wochentl. 
Unterricht in der Physik. Mit gebührendem Danke wird erwähnt. 



sialiatischo und andere Mittheiliingen. 113 

daM ia Folge der neuen Aegulirung für die BesoldnngsTerhäitnisse CunC 
Lehrer wesentliche Gehaltsrerbesserungen erlangten. Schülersahl am 
Anfang des Schuljahrs 356 ^ am Schluss 337 (Gymnas. : 122, IV: 25, 
ni: 32, U: 33, I: .32; Lateinschule 215, IV: 42, Ili: 52, II: 36, IB: 
43, IA: 43). 

DuESSELDORF. Nachdem das konigl. Gymnasium am 30. Aug. 1850 
den Lehrer S eilin g und am 25. Febr. 1851 den Lehrer Schmidts 
durch den Tod yerloren hatte und der zur Aushilfe beschäftigte Cand, 
Dr. Krebs an das Gymnas. zu Essen abberufen worden war, bestand 
Mich. 1851 das Lehrercollegium aus dem Dir. Dr. C, Kiesel, Con- 
sistorialrath Budde (evangel. ReligionsL), den Proff. Dr. Hilde- 
brand und Dr. Crome, den Oberlehrern Honigmann und Gras* 
hof, dem kathol. Religionslehrer Krähe, den Lehrern Holl, Kirsch, 
Marcowitz, Munch, Dr. Uppenkamp, Stein, Insp. Winter- 
gers t (Zeichenl.) und Cand. Dr. Poeth. Schülerzahl am Ende des 
Schuljahres 235 (I: 28, II*: 23, IP : 17, UI: 38, IV: 38, V: 41, 
VI : 51). Zur Universität giengen 10. 

Eisenach. Der Director des Realgymnasiums Professor Dr. Ma-< 
ger ist auf sein Ansuchen ehrenroU in den Ruhestand yersetzt. 

Eisleben. In dem Lehrercollegium des konigl. Gymnas. war wäh- 
rend des Schuljahres Ostern 1850 — 51 keine Veränderung eingietretea. 
Die Schulerzahi war im Winter 1849—50: 219, im Sommer 1850: 209, 
im Winter 1850—51: 203 (I: 18, II: 34, HI: 35, IV: 32, V: 40, 
VI: 38), Abiturienten Michaelis 1850 8, 6. December 1850 2, Ostern 
1851 2. 

Elberfeld. An die Stelle des nach Berlin berufenen Dr. Her- 
rig wurde Conrector Dr. Berglein in Lennep zum Oberlehrer an 
der dasigen Realschule erwählt. 

Halle. Paedagogium. Nachdem Dr. Eckardt im Herbst 

1850 die Stelle eines Diaconus zu St. Ulrich in Sangerhansen , und 
der College Dr. Buchbinder eine Berufung an das Domgymnasium 
in Merseburg angenommen hatte, bestand das Lehrercollegium Mich. 

1851 aus dem Insp. adj. Dr. Daniel, den Lehrern Dr. Voigt, Dr. 
Dryander, Dr. Garke, Nagel, Niemeyer, Fahland, Hupe, 
Kneury, Rossler, Voigt und dem Hilfslehrer Dr. Hertzberg. 
Die Zahl der Scholaren war 91. Mich. 1850 giengen 6, Ost. 1851 3 
zur Universität. Den Tod des Dir. Dr. Niemeyer haben wir be- 
reits im Nekrolog Tom Jahr 1851 gemeldet. 

Hamm. Dem Programm des konigl. Gymnasiums Tom 8^U 1851 
entnehmen wir, dass in das Lehrercollegium wegen der Krankheit des 
Conr. Vi e bahn am 16^ Juli 1851 der Schulamtscand. Carl Paul- 
sie ck aus Minden eingetreten war. Die Schülerzahl war im abge- 
laufenen Schuljahre 139, am Schlüsse 112 (I: 8, H: 12, IH: 19, IVt 
23, V: 25, VI: 25), die Vorbereitungsclasse zählte 35 Schulen Abi- 
turienten Mich. 1850 1, Ostern 1851 3, Mich. dess. J. 4. 

Helmstedt. - Ostern 1852 zählte das Gymnasium 62 Schuler (1 : 5, 
X Jakrb. f. PULu. Paed Bd. LXV. Hß.1, 8 



^14 Schal- und PersoRalnachrichleff, 

II: 10, ill: 27, IV : 20). Zur Universität gicngen im vorausgegange- 
nen Schuljahr 2. 

Jeka. Von der Universität gieng Ostern 1852 Prof. Dr. G. Bip- 
part an ein osterreich. Gymnasiam. Dagegen worden der Privatdo- 
cent Dr. K. Nipperdey aus Leipzig als ausserordentl. Prof. in der 
philos. Facultät und Dr. Jonas Charlesson Hahn aus London als 
Lector der neueren Sprachen berufen. Von den Lehrern der Umver" 
sitat unternehmen Reisen im Laufe dieses Sommers Dr. O. Schmidt 
nach Italien und Geh. Hofrath Prof. Dr. Gottling und Prof. Dr. 
Hettner nach Griechenland und nach der Türkei. 

Innsbruck. Das k. k. akademische Staatsg3rmnasinm hat in Folge 
der neuen Organisation nicht nur im Lehrplane, sondern auch im 
Lehrkörper sehr wesentliche Veränderungen erlitten. Der Unterricht 
wurde vorher von Professoren der philosophischen Facultät der Hoch- 
schule besorgt , jetzt aber ordentlichen Lehrern übertragen. Im Schul- 
jahre 1850—51 war demnach der Personalbestand des Lehrkörpers fol- 
gender: Dr. ph. J. Siebinger (Piarist) pro vis. Director und Leh- 
rer der Geschichte und Geogr. im Obergymn., Dr. ph. J. Böhm, Uni- 
versitätsprof. und Schulrath, Supplent für die Naturlehre in VITI», 
die beiden schon vor dem Schuljahre definitiv angestellten Lehrer 
Tob. Wildauer für griech. und philos. Propaedeutik im Obergymn. 
und Erasm. Ploner für Latein, Mathem. und das nicht obligate Ita- 
lienisch, die während des Schuljahrs nach bestandener Lehramtsprn- 
,fung' angestellten Ign. Zingerle für Deutsch, Weltpriester Mich. 
Lisch für Religion im Untergymn., Weltpriester Mich. Paulwe- 
ber, Doctorandus iur. J. Daum, Dr. med. A. Pich 1er (für Natur- 
gesch.), femer der als Religionslehrer für das Obergymn. bereits be- 
stätigte Weltpr. Jos. Greuter, Snpplenten Joh. von Kripp, 
Weltpr. Sim. Moriggl (hatte die Prüfung bereits bestanden) und 
t)r. iur. Jos. Malfertheiner, ferner Dr. iur. A. Hammer (Ste- 
nographie) , akadem. Lehrer Joh. Dobrowich (Turnen) und Kapell- 
meister Jos. L*utz (Gesang). Die Schulerzahl war am 

vm. vn. VI. V. iv. iii. ii. i. Sa. 

Anfang des Schnlj. 67 73 57 64 56 58 49 55 479 
Ende „ „ 65 67 48 60 55 53 44 47 439 

Kreuznach. Das dasige kgl. Gymnas. erfuhr während der beiden 
Schuljahre vom Herbst 1849 bis dahin 1851 nur zwei Veränderungen im 
LehrercoUegium. Nachdem nämlich mit dem Schlüsse des Sommers 
1850 der bisherige evang. Religionslehrer Pfarrer Blum in ein anderes 
Amt übergegangen Ivar, übernahm der Oberlehrer Seyffert den Re- 
ligionsunterricht , wogegen der Turnunterricht auf den Oberlehrer Dr. 
Silber übergieng. An die Stelle des Dechanten Raoimel, welcher 
Ostern 1851 den kathol. Religionsunterricht aufgab, trat der Kaplan 
Faust. Das LehrercoUegium bestand demnach Mich. 1851 aus dem 
Dir. Prof. Dr. Mor. Axt, den Oberlehrern Prof. Grabow, Prof. Dr. 
Steiner, Presber, Seyffert, Dellmann, Dr. Silber (nach 
Voss', vergl. N. Jahrb. Bd. LI. S. 285, Tode von dem Gymn. in Saar- 



statistische und andere Mittheiliuigen. 115 

brocken hieher versetzt), dem Hilfslehrer Ox^ (an SchmitK^ Stelle 
angestellt), Kaplan Faust, Gesang- und Schreiblehrer 6 leim, Zei- 
chenlehrer C a u e r. Die Frequenz während der angegebenen Zeit war : 

Sa. I. II, III, IV. V. VI. 

Winter 1849-50: 132. 

Sommer 1850: 128. 11 23 19 27 20 26 

Winter 1850—51 : 122. 
Sommer 1851: 116. 

Zur Universität giengen im Herbst 1849 5, 1850 7. 

Linz. Der Lehrkörper des k. k, Staatsgymnasiums bestand wäh- 
rend des Schaljahrs 1850—51 aus dem provisor. Director Prof. Fr. 
Strasser, den Professoren J. Gaisberger (Schulrath ausser der 
Landesscfaulbehorde), Dr. med. Columbn«, Weltpr. J. C. Oetl (am 

17. Dec. 1851 in die Pfarrei zu Braunau berufen) , Dr. ph. Kudelka, 
G. Schafflinger, Gfr. Jax, Rup. Holzleithner, Pet. Riepl, 
Pet. Eder, A. Ganglmayer (die meisten Lehrer sind zugleich 
reg» Chorherren) , den Sapplenten : k. k. Ck>mmissär F r. J. Proschko 
und im 2. Sem. Lehramtscandidat J. R. Lorenz, den Nebeniehrern 
für das Italienische J. A, Rossi, für Franz. Theod. A. Zehden, 
provis. für Zeichnen K. Zinogger, proris« für Gesang AI. Wein- 
wurm, für Kalligraphie der Lehrer an der Normal-Hauptschule J. 
Kilian. Die Schälerzahl war am 

I. IL in. IV. V. VL VII. vni. Sa. 

Anfang des Schulj. 58 53 55 41 40 37 37 31 352 
am Bnde „ „ 46 44 44 36 37 37 34 31 309. 

Marien WERDER. Das königl. Gymnasium hat im Schuljahre 1850 
— 51 im Lehrerpersonale keine Veränderung erlitten. Der fast das 
ganze Jahr zur Herstellung seiner Gesundheit beurlaubte Oberlehrer 
Dr. Schröder wurde durch den Schulamtscandidaten Dr. Cossinna 
vertreten. Die Schülerzahl betrug 290 (I: 21, II: 40, Ult 58, IV: 62, 
V: 53, VI: 56). Zur Universität wurden Ostern 1851 3, Mich. dtes. 
Jahres 2 entlassen. Ans den vom Dir. im Programm veröffentlichten 
Uebersichten* über die Verhältnisse der Anstalt .von 1836 — 51, welche 
in jeder Hinsicht ein gutes Gedeihn beweisen , ergibt sich , dass die 
Schülerzahl von 154 auf 290 stieg und in dem bezeichneten Zeitraum 
69 zur Universität entlassen wurden. 

Maulbronn. Im Herbst 1851 endete das evang. theolog. Seminar- 
seinen im Herbst 1847 begonnenen Cursus. Während desselben trat 
an die Stelle des abgegangenen Repetenten List am 19. Qct. 1847 
der frühere Lehrer an der Privätanstalt Birkenruh in Russland Roller, 
und nachdem dieser an die Privatanstalt in Stetten übergegangen, am 

18. Öct. 1850 der ebenfalls vorher in Birkenruh gewesne Laichin- 
ge r. Endlich gieng Repetent R i e c k h e r als Hilfslehrer an das obere 
Gymnas. zu Heilbronn und an seine Stelle trat 8. Oct. 1851 Chr. 
Th. Schwab. Von den beim Anfang des Cursus aufgenommenen 28 
Seminaristen und 14 Hospites, zu denen im Laufe desselben noch 2 
hinzukamen , giengen 3 Seminaristen und 7 Hospites ab ^ dU, ^r^^se^ 



116 ISchal- and Persona Inaohrichten, 

wurden am Knde sur Bestehung der für das akademische Stndium an- 
geordneten Prüfungen entlassen, 

MEISSEN. Das LehrercoUegiam der konigl. Landesschule hat in 
dem Schuljahre 1850 — 51 sehr wichtige Veränderungen erfahren. Durch 
Pensionirung waren aus demselben die ProfT. Dr. Kreyssig und Dr. 
FIfigel geschieden, durch plötzlichen Tod wurde ihm am 20. Aug. 

1850 der Lehrer der Mathematik, Prof. Dr. Carl Gust. Wunder, 
entrissen, endlich trat der Religionslehrer Prof. Schlurick Ostern 

1851 in das Amt eines Oberpfarrers und Superintendenten zu Pirna 
über. Theils durch Ascension , theils durch neue Anstellungen wurden 
die entstandenen Lucken in der Weise ausgefüllt, dass das Lehrercol- 
legium gegenwartig besteht aus dem Rector Prof. Dr. Frdr. Franke, 
den Proff. Dr. F.M.Oertel, Dr. Frdr. Kraner, Dr. K. Kuniss 
(früher Lehrer am Yitzth. Geschlechtsgymnasinm und Blochmannschen 
Brsiehungshaus in Dresden), J. Th. Graf, der die Stelle des Reli- 
gionslehrers übernommen hat, Dr. Ad. Peters (früher, 1843, an der 
Blochmannschen Anstalt , dann Priyatgel. in Dresden), den Oberlehrern 
Dr. K. H. Graf, Dr. W. Milberg (schon yorher zur Aushilfe für 
den erkrankten Prof. Dr. Wunder yerwendet , Mityorstand und Lehrer 
des Priyatprogymnasiums in Meissen) und Dr. Theod. Dohner (yor- 
her Lehrer am Gymnasium in Schneeberg). Rücksichtlich der Lehr- 
yerfassung ist zwar der Antrag des LehrercoUegiums auf Beseitigung 
der andei^halbj ährigen Classen mit halbjährigen Cursen nicht ge- 
nehmigt, aber doch yon Mich, 1850 an die Quarta in zwei Abthei- 
lungen getheilt worden, welche gemeinsam nur im Deutschen, Reli- 
gion, Geschichte, Geogr. und Natnrwissensch. unterridhtet werden, im 
Sprachunterrichte aber ganz yon einander getrennt sind. Der Cursus 
in Unterquarta ist auf ein halbes Jahr festgesetzt. Ausserdem ist 
durch Frfiherlegen des Aufstehens an Arbeitszeit für die Alumnen ge- 
wonnen worden. Auf die Uniyersität giengen Mich. 1850 7 , Ostern 
1851 9. Die Schülerzahl betrug im Juli 1851 142, 125 Alumnen und 
17 Extraneer, 1: 35, 11: 30, IH: 37, IV*: 19, IV*: 21. Dem Jahres- 
berichte yoran steht eine Abhandlung des yerstorbenen Prof. Dr. 
Wunder: Die KegeUchnitte ah perapeetiviMcke Frojectionen de$ Krei- 
set (30 S. 4. und eine Figurentafel). 

MÜNCHEN. Dem berühmten Dichter Emanuel Geibel ist der 
Lehrstuhl der deutschen Litteratur und der Geschichte der Poesie an 
der Uniyersität yerliehn worden und wird derselbe yom nächsten 
Herbst an die Vorlesungen beginnen. 

Naumburg an d. S. Als Nachfolger des am 11. April 1850 yer- 
storbenen Dompredigers F. A. W. Heitzer und damit zugleich als 
ordentlicher Lehrer am Domgymnasium wurde am 2. März 1851 der 
Predigtamtscand. Frz. Frdr. Aug. Mitzschke eingeführt. Mich. 
1850 schied aus dem LehrercoUegium durch Pensionirung der Conr. 
Prof. Dr. Hier. Müller. Die übrigen Lehrer ascendirten. Nach- 
dem Ostern 1850 3, Mich. dess. Jahres 5 auf die Uniyersität entlas- 



statistische und andere MiUheiluiiffen. 117 

sen worden waren, betrug die Schölerzahl am 12. März 1851 167 
(I: 13, H: 22, IH: 34, TV: 44, V: 54), 

Oels. Dsls dasige unter dem Patronat des Herzogs yon Brann- 
schweig und des Stadtraths stehende 63rmnasium erfuhr nicht nur im 
Lehrercoilegium (als Director trat am 20. Sept. der vorherige 5. Ober- 
lehrer am konigl. Pomgymnasium zu Haiberstadt, Prof. Dr. Heiland 
ein, die übrigen Lehrer ascendirten und es bestand Ostern 1852 das 
Lehrercoilegium aus dem Prorector Dr. Bredow, Conrector Dr. 
Böhmer, den Collegen Oberlehrer Dr. Kammerer, Rehm, Dr. 
Anton, Dr. Schmidt, yorher Collaborator, Cantor Barth, dem 
konigl. Collaborator Dr. Lieb ig, welcher yorher sein Probejahr an 
der Ritterakademie zu Liegnitz beendet hatte, dem kathol. Religions- 
lehrer Curatus Grund und dem Schulamtscand. Schwarzkopf; der 
yon Mich. 1847 bis ebendahin 1851 zur Aushilfe thatig gewesene Ober- 
lehrer Dr. Oginski schied wieder aus), sondern auch im Lehrplane 
und in der Organisation (Annahme jahriger Curse, Errichtung einer 
Sexta, Beginn des Geschichtsunterrichts schon yon Sexta an, Auf- 
stellung neuer Schulgesetze und neuer Censnrgrade) wesentliche Ver- 
änderungen. Die Schulerzahl war Ostern 1851 : 175, 1852 : 192 (1 : 15, 
II: 26, IH: 41, IV: 50, V: 26, VI: 34). Zur Uniyersitat wurden Ost. 
1851 2, Mich. dess. Jahres- 3 entlassen. 

Petersburg. Die kaiserliche Akademie der Wissenschaften hat an 
ihrem Stiftungstage zum Ehrenmitgliede ernannt den Praesidenten der 
Akademie zu Madrid General Zarco del Valle, zu Correspondenten 
der mathem. Classe Generalmajor Kerbecz, Dr. Seb. Fischer 
(Leibarzt des Herzogs yon Leuchtenberg), der histor. - philolog. Gl. 
Graf Borghesi in San Marino und Prof. Dr. K. Fr. Hermann in 
Gottingen. 

Prag. Der Prof. der Philosophie an der Uniyersitat Ha nasch 
wurde unier Belassung des Gehaltes seiner Stelle enthoben als ent- 
schiedner Anhanger des Hegeischen Systems, und an seine Stelle 
ernannt Dr. Rob. Zimmermann, bisher in Olmutz , bekannt durch 
seine in Kopenhagen gekrönte Preisschrift über Leibnitz' Monadologie. 

Quedlinburg. Das dasige Gymnasium zahlte Ostern 1851 145 
Schfiler und entliess im yorhergegangenen Schuljahre 5 zur Uni- 
yersitat. 

Ratibor. An die Stelle des im Februar 1850 yerstorbenen Col- 
laborators Niedergesäss wurde am konigl. Gymnasium der yor- 
herige Hilfslehrer am Friedrich- Wilhelms-Gymnasium in Breslau G. R. 
Hoff mann angestellt. Weihnachten 1850 wurde ohne augenblick- 
lichen Ersatz der kathol. Religionslehrer Gottschlich nach Neisse 
abberufen. Abiturienten Ostern 1850 8, 1851 9. Schulerzahl Decbr. 
1850: 285 (113 Kathol., 91 Kyang., 81 Juden, I: 19, II: 34, HI: 52, 
IV: 67, V: 64, VI: 59). 

RuDOLSTADT. Von dem furstl. Gymnasium schied am 15. Noybr. 
1850 der Lehrer der Mathematik und Physik, Prof. Dr. B5ttger, 
einem Rufe an das herzogl. Gymnasium in Dessau folgend« D«q&w C>^V- 



118 Schul- und Personalnachrichteil, 

laborator Regensburger wurde darauf unter Belassang seiner Stelle 
an der Realschule jenes Stelle übertragen, die provisorische Anstellung 
des Dr. Sigismund in eine definitire verwandelt, und dem Dr. 
Her eher das Ordinariat der V. Cl. und einige Stunden mehr provi- 
sorisch übertragen. Da in den Schulnachrichten sich Hindeutungen 
darauf finden , dass über den Lehrplan sehr verschiedenartige Urtheile 
laut geworden, so theilen wir denselben mit, um zu zeigen, daßs 
hier wohl mehr als irgendwo die Forderungen der neuern Zeit be- 
rücksichtigt worden sind. 

Relig. Hebr. Griech. Griech. LUtg. Lat Frani. Deutsefa. Gesch. Geogr. Math.a. Phys. Natnrgesch. 

Rechnen. 

I. 227 28242—42 — 

IL 2 2 6 -^ 10 2 3 2 2 4 1 — 

IIT. 3—6— 723224— — 

',T13Z_' - I J, i H h ! z 1^ 

Dazu kommen noch Zeichen-, Sing- und Turnstunden. Die Schüler- 
zahl betrug nach Ostern 1850 128 (I: 20, II: 18, III: 20, IV: 27, V: 
14, I. Realcl.: 2, II. Realcl. 17), Ost. 1851 115. Zur Universität wur- 
den 5 entlassen. Von Schulschriften erwähnen wir hier zwei Einla- 
dungsschriften des Dir. Prof. K. W. Müller: 1) zum 21. Dec. 1850 
Zweiter Beitrag zu Stadlers schweizerischem Idiotikon oder Bemer- 
kungen über die deutsche Sprache, besonders im Canton Bern und 
2) zum 22. Sept. 1851 , in welcher der Hr. Verf. erweist , dass die in 
der Basler Universitätsbibliothek befindliche, von J. C. Orelli dort 
aufgefundne Sammlung von Briefen J. F. Gronovs nicht aus Origi- 
nalien, sondern aus der Richterschen Sammlung gemacht ist. 

SCHLEUSiNGEN^ An dem konigl, Gymnasium ward die durch den 
Tod des Zeichenlehrers Reichard (14. Sept. 1850) erledigte Lehrer- 
istelle dem Sextus Wähle erst interimistisch , dann definitiv übertra- 
gen. Die Schülerzahl betrug im Winter 1850—51 104 (I: 13, »I: 15, 
ffl: 16, IV: 28, V: 32). Zur üniversiat waren Ostern 1850 3, Mich, 
des«. Jahres 2 gegangen. 

Stuttgart. Wir geben eine Uebersicht über die Verhältnisse des 
konigl. Gymnasiums Mich. 1851. Das Lehrercollegium war: Rector 
Oberstudienrath Ritter Dr. Roth (seit 1850, vorher Ephorus des 
evangel. Seminars in Schönthal), Professoren des Obergymn. Dr. C 1 e s s , 
Dr. Klaiber, Oberstudienrath Ritter Dr. Klump p, Dr. Reuschle, 
Borel, Dr. Donner, Dr. Ziegler, Kern, Dr. Gust. Pfitzer, 
Kratz, ordentl. Lehrer am Obergymn. Dr. med. O. Kostlin, Hilfs- 
lehrer an dems. Prof. Zech (s. Mittelgymn.) , Gantter, W. Price 
(nach Enthebung des Oberinsp. am Waisenhause und Rector am Ka 
tharinenstifte v. Zoller am 16. Oct. 1850 mit dem engl. Unterricht 
provisorisch beauftragt), E n d t n e r (s. Mittelgymn.) , Lachen ma i r ; 
am Mittelgymn. Classenlehrer Proff. Dr. Dem ml er, Dr. Schall, 
Dr. Zimmer, Kielmeyer, Schmidt, Dr. Zimmermann (nach- 
dem am 24. März 1851 Oberpraeceptor Keim gestorben, aus dem Un- 
tergymnasium aufgerückt; der Amts Verweser Cand. W. Müller wurde 
am 2. Sept. 1851 in das Praeceptorat zu Weinsberg befördert), Fach- 
lehrer Prof. Zech (s. Obergymn., an die Stelle des nach Ulm berufe- 
nen Reallehrer Dr. Fischer 28. Dec. 1850 provisorisch , dann 15. Fe- 
bruar 1851 definitiv angestellt) und Endtner (s. Obergymn.), Hilfs- 
lehrer Hofvicar Jopp und Cand. theol. Schmidt (beide für Relig.), 
Nägelin (s. Untergymn.), J. S. Fischer, Steinmayer, Praec. 
A. Fischer, Eissinger (s. Untergymn.); am Untergymn. Classen- 
lehrer Praeceptoren Cand. theol. Jäck, Steiger, Weckherlin, 
Blumhardt, Bra nd auer , Hilfslehrer Praecept. Nagelin, Can- 
tor Liebler und Cand. theol. Eis sing er (am 7. Dec. 1850 an die 



siatistische und andere Mittheilungen. 119 

Stelle des am 22. Not. abgetretenexT GymnasiaWicar Seybold ange-* 
stellt). Die Frequenz war im Winter 1850—51: 518, im Sommer 

1851: 503. 

Torgau. Das Gymnasium hatte am 18. Juni 1849 durch den Tod 
den Senior des LehrercoUegiuras Pror. Prof. Dr. Frdr. J. G. Mül- 
ler yerloren. Am 1. Nor. dess. Jahres feierte der Rector sein 25jähr. 
Amtsjubiläum. Grosse Störung verursachte die vom 16. Aug. 1850 an 
wüthende Cholera, zumcd da sie am 18. den Lehrer Dr. G. R. Schmidt 
hinraffte. Die erledigten Stellen wurden theils durch Ascension, theils 
durch neue Anstellungen ausgefüllt, so dass das Lehrercollegium Ostern 
1851 bestand aus demRect. Prof. Dr. Sauppe, Pror. Prof. Dr. Arndt, 
Conrect. R o t h m a n n , Snbrect. Oberlehrer Dr. Handrick, Subconr. 
Oberl. Dr. Francke, Cantor Breyer, den Gymnasiallehrern Klein- 
schmidt, Hertel, Giesel (zugleich Pensionatsinspector, nach 
Schmidts Tode in diese Stelle eingeruckt), den Hilfslehrern Leh- 
mann und Gericke (gleichfalls nach Schmidts Tode angestellt) und 
^en Schulamtscandidaten Dietrich und Michael. Die höchste 
Schülerzahl im Jahre 1849—50 war 257, im folgenden 263, Abitu- 
rienten Ostern 1849 10, Mich. 2, Ostern 1850 3, Mich. 5, Dec. dess. 
Jahres 2, Ostern 1851 3. 

Upsala. Von der Gesellschaft der Wissenschaften wurden der 
G«h. Rath Pertz in Berlin und Prof. Rokitansky in Wien zu cor- 
respondirenden Mitgliedern ernannt. 

Weilburg. Im Schuljahre 1851 — 1852 kamen im Lehrercollegium 
folgende Veränderungen yor: es schied ans A. Fleckeisen, gegen- ^ 
wärtig Mitherausgeber dieser Blätter; Coli. Gallo wurde aus dem 
Staatsdienst entlassen; es trat ein Reallehrer Dr. Eickemeyer, 
Yorher an der Realschule zu Limburg; Cand. Fr. Otto wurde zum 
CoUaborator , Sprachlehrer Becker zum Conrector ernannt. Das 
Lehrercollegium besteht demnach jetzt aus dem Director Oberschul- 
rath Dr. Metz 1er, den Proff. Oberschulrath Muth, Mencke, 
Krebs, Schenck, dem Prorector Schmidtborn, den Conrectoren 
Schulz, Francke, Becker, Reallehrer Dr. Eickemeyer, Coli. 
Otto, Hilfslehrer P u 1 c h , Gesanglehrer D r o s , Zeichenlehrer Durst, 
Tanz- und Turnlehrer Liebich, Reitlehrer Stroh, dem evangel. 
Religionslehrer Pfarrer Dorr und dem hathol. Pfarrer NoU. Schü- 
lerzahl am Schluss des Schuljahres: 136 (1: 16, H: 8, III: 8, lY: 18, 
V: 20, VI: 22, VII: 17, VIII: 27). Zur Universität wurden OsteriT 
1851 13, Mich. dess. J. 2 entlassen. 

Wien. Gymnasium an der k. k. Theresianischen Akademie, Mi- 
chaelis 1851 Lehrkörper: Director Dr. AI. Capellmann (yorher 
Oberlehrer am Gymnas. in Coblenz, eingeführt am 7. Oct. 1850), die 
Proff. der ehemaligen philos. Classen Heliodor Philipp und Dr. 
Herrn. Suttner, die Proff. der ehemaligen Humanitätsclassen J. Be- 
ned. Albrecht und Chr. Siegl, Prof. der Mathem. undAkademie- 
Directionsadjunct J. R. Lobpreis, Religionslehrer Marc. Jenisch 
(während längerer Krankheit durch den Prediger Fulg. Zeemann 
vertreten). Der Lehrer der Naturgesch. Dr. Ge. Bill schied Ostern 
1851, nachdem ihm die Lehrkanzel der Botanik am Johanneum Jin 
Graz übertragen worden war. Lehrer des Deutschen und Latein im 
Untergymn. (zugleich für Böhmisch) Ig n. Hradil, für das Latein, 
Griech. und die Mathematik im Untergymn. Fab. Mathia, für La- 
tein in den mittleren Classen J. N. Neusser, Supplent für Geogr. 
und Geschichte im Untergymn. J. Krumhaar, für die Naturgesch. 
Dr. Engel b. Prangner (vorher Docent an der Univers, in Graz), 
für Latein und Griech. in CI. IV. Frz. Stanek, für Deutsch in 
Cl. III. AI. Morawitz, für die nicht obligaten Q^^;i3M^^^^^<t ^S». 



120 Schul- und Personalnachrichlen u. s. w. 

Ungarisch EnuHomoky, fnrPoln. J. Hofstetter, Italien. L. For- 
nasari von Verce, Franzos. L. Lacombe und Matth. Stix, 
Zeichnen L. Steiner, J. N. Mayer, Frz. Sauer, Turnen R. Ste- 
phany. Schülerzahl Mich. 1851 : I: 48, II: 40, UI: 40, IV: 29, V: 31, 
VI: 28, VII: 48, VIII: 30, Sa. 294 (250 Externen). Zur Maturitäts- 
prüfung meldeten sich am Ende des Sommers 1851 25 und wurden 14 
als reif entlassen. 

Zwickau. Bas dasige Gymnasium hatte lange Zeit schwere Ver- 
haltnisse zu bestehn. Zwei Lehrer mussten wegen ihrer Betheiligung 
an dem Maiaufruhr entfernt werden, der Dir. Prof. Dr. Raschig 
ward anfanglich suspendirt , dann in den Ruhestand versetzt. Interi- 
mistisch führte das Directorat der Prorector Lic. theol. Dr. ph. Hei- 
nichen, wahrend die Lectionen des Directors durch den frühem 
Rector Hertel und den frühem Rector des Freiberger Gymnas. Dr. 
Rüdiger Tersehn wurden. Znr Ertheiinng yon naturhistor., mathero. 
und deutschem Unterricht in den unteren Classen ward der frühere 
Prediger der deutschkathol. Gremeinde zu Dresden, Dr. Ed. Bauer, 
nachdem er in die lutherische Eorche zurückgekehrt war, angestellt. Das 
erledigte Directorat wurde am 30. Juni 1851 dem yorhengen Rector 
des Gymnas. zu Ratzeburg Dr. Fried r. Rieck übergeben. Am 
26. Juli dess. Jahres rerliess der Lehrer der Religion Oberlehrer 
Kuhn die Anstalt, um das Pfarramt zu Elster anzutreten, seine 
Stelle ward aber sofort durch den yorherigen Lehrer am y. Fletscher- 
schen Seminar in Dresden Dr. pb. Conr. Herrn. Clauss wieder be- 
setzt. Die Uniyersität bezogen in dem Jahre 1850—51 (Michaelis) 
7 Schüler, derCoetus zahlte am Schlüsse des Sommers 101, 1:8, II: 13, 
ni:22, IV: 16, V: 26, VI: 16. 



Todesfälle. 



Am 24. Sept. 1851 starb auf der Reise nach Moskau der bekannte Hi- 
storiker Graf Alexis de St. Priest. 

Am 10. Januar 1852 starb der Prof. der Geschichte an der Uniyersi- 
tät zu Wien, Dr. Wilhelm Heinrich Grauert^ geb. zu Am- 
sterdam im Jahre 1804. 

Am 24. Januar zu Wien der Prof. der slayischen Archaeologie an der 
UniyersitSt, Dr. Jos. KolUr. 

Am 8. März zu Bautzen der ordentl. Lehrer am dasigen Gymnasium, 
Lic. theol. Dr. ph. Ernst Friedrich Leopold. 

Am 18. März zu Heidelberg der Priyatgelehrte Dr. Caroy^. 

Auch geht uns die Nachricht yon dem Ableben des Dir. des eyangel. 
Gymnasiums zu Glogau Dr. Mehlhorn zu. 



Kritische Benrtheilnngen. 



Homerische Kritik. 

Fr. Osanni quaesHonum Homericarum parlicula I. Gissae 1851. 
20 S. 4. 

Der darch seine vielfachen Bemühungen um die Aufhellung der 
Geschichte der alten griechischen und lateinischen Grammatiker längst 
bekannte und verdiente Verfasser gibt im vorliegenden ersten Thelle 
seiner quaestiones Homericae neue Beiträge zur Frage über den Ephe- 
sier Zenodot und dessen Namensverwandte. Aber leider ist der Er- 
trag, welchen die Wissenschaft ans diesen neuen Erörterungen siehn 
dürfte, ein höchst unbedeutender, ja wir glauben, dass der gelehrte 
Verf. die Sache hier mehr verworren als in neues Licht gesetzt hat. Je 
grösser das Ansehn Osanns in diesen Studien ist, um so mehr er- 
heischt es die Pflicht, unhaltbaren, von einer solchen Seite her ver- 
breiteten Ansichten rasch entgegenzutreten und sie als unbegründet 
zurückzuweisen. 

Den Anfang bildet eine Untersuchung de Zenodoio et Zenodoro 
grammalicis^ die Osann bereits vor mehreren Jahren niedergeschrie- 
ben und jetzt ohne wesentliche Veränderung hat abdrucken lassen, 
obgleich der Gegenstand unterdessen durch Pluygers und den unter- 
zeichneten in einer völlig verschiedenen , von Osanns Ergebnis ganz 
abweichenden Weise behandelt worden ist. In wiefern eine Nicht- 
berücksichtigung entgegenstehender , auf guten Gründen ruhender An- 
sichten dem Ernste der Wissenschaft ziemt, der kein eigensinniges 
Haften an einmal gefassten Ansichten frommt, überlassen wir billig 
der Beurtheilung der Leser. Wir aber möchten uns nicht einer glei- 
chen Ueberhebung schuldig machen , sondern halten es für ziemlicher, 
auf die Gründe des Gegners — denn als solchen haben wir Osann in 
dieser Frage zu betrachten — näher einzugehn und ihre Unhaltbar- 
keit nachzuweisen. 

Den Ausgangspunkt der Untersuchung über Zenodot oder Zeno- 
dor bietet die Stelle des Porphyrios im Schol. II. «r, 356, welche be- 
ginnt: Zi^vodflO^tm ro9 üvyyqa'^avti itBql t% ^O^riqov iSvvrfitUcq ric 
diftcc ßtßÜa^ und wo es am Schlüsse heisst: tctvta a>g iv ueqtahtUp 
imo Zrjyoömqov tSvyyiyqctatxau Hier- meint Osann, die nähere Bezeich- 
nung r^» ifvyyqiipavxi itBql t% ^O^iviqov iS%)Vffi'Blag ra dina ßißXia 
könne nur zu dem Zwecke hinzugefügt sein, diesen Zenodor von an- ^ 
dern gleichnamigen Grammatikern zu unterscheiden. Da nun ein an- 
derer Zenodor unbekannt sei, indem in den Schol. IL ^.,^1S&. ^^"^SL 

IV. Jahrb, f, mu, u. Paed. Bd LXV. Hft.*X. ^ 



122 Griechische Litteratttr. 

dieselbe Person gemeint, die Stelle im Lexikon des ApoUonios v. 
ia0t(^ zweifelhaft, eine vierte auf den Zenodot zu beziehn sei , so 
mOsse nothwendig statt des Namens des Zenodor der des Zenodot ge- 
lesen werden. Wir bemerken hiergegen zunächst, dass Porphyrios, 
wenn es ihm bloss darum zu thun gewesen wäre, diesen Zenodot von 
dem Ephesier zu unterscheiden, denselben mit dem Beinamen MaX- 
kmrig oder ^Ake^avSifHfg bezeichnet haben würde. Der jetzige Zu- 
satz zeigt, dass Zenodor ein wenig bekannter Grammatiker war, so 
dass Porphyrios es für ndthig hielt , die Angabe seines Werkes hin- 
soMfägen. Osann führt zur Bestätigung Beioer Vermuthung, dass in 
den drei genannten Stellen der Schollen der Name Zenodots herzu- 
stellen sei, den Umstand an, dass die Leydener Handschrift an den 
beiden ersten Stellen ZrivoöoTos statt Zrfvoda^fog lese , was nicht ganz 
richtig ist, da in dem Schol. II. tf, 356 diese Handschrift am Anfange 
ZijvodoTO^, am Schlüsse Zriyodfoifog bietet, und dass im Schol. Od. 
^, 477, wo von derselben Sache wie im Schol. 11. ^, 263 die Rede 
sei , sich Zrjfuodoftog finde "*), Aber Osann vergisst zu bemerken, dass 
die Leydener Handschrift sehr jung ist, und nicht weniger gehören 
die Handschriften der Scbolien zur Odyssee einer bedeutend spatem 
Zeit an , als der im eilften Jahrhundert geschriebene , die Schollen zur 
Uias enthaltende cod. Yen. B, der an allen drei Stellen den Namen 
des Zenodor hat. So ist also in diplomatischer Hinsicht der Name des 
Zenodor viel besser bestätigt als der des Zenodot, und jener Zusatz 
x^ avyyQa^vri Tteql r^g ^O/x^^ov avvYfialag xa dixtt ßtJ^kki scheint 
uns eher für unsere als für Osanns Meinung zu sprechen. Dass aber 
schon früh die Namen des Zenodor und des Zenodot miteinander 
verwechselt wurden **) — ein von Osann übersehenes Beispiel einer 
solchen Verwechslung haben wir in unserer Schrift p. 36 not. 30 ge- 
geben — , ist nicht zu verwundern, woher es sich denn auch leicht 
erklärt, dass bei Snidas die zehn Bücher ns^l xi^g 'OiM^gav iSwrfiaUnq 
dem ZijvddoTO^ ^AUiiuvÖQ^g beigelegt werden. An sich aber ist es 
wahrscheinlicher, dass man den Namen des Zenodor in den bekanntern 
des Zenodot veränderte, als umgekehrt. In der Stelle des ApoUonios 
v. tm&tf^ glaube ich, was Osann übersieht, mit gutem Grunde ^Hkio- 
i&Qog statt Zriv6ö(»(fog hergestellt zu haben (p. 27 not. 8). Was das 
von mir übergangne Scholion Od. x, 124 in Gramers Anecdota Paris. 
III. p.465 betrifft: ^AQCcx€i(fxog ^i^ovxo* Skloi ih iuVxu nivovxo. 



*) Osann ist hier nicht ganz dentlich. Er schreibt: ^qmae eon- 
ieetura ad ipiom veritaiem proxime aeeedere tibi videbitur^ »i »eni- 
neri$ etiam looo allato SchoL p, 263 eundem Leidenaem codicem — 
parlier Zrjvodotog exhibere — : item SehoL OdysM* ä, 477 in eiusdem 
argumenti eacpo$itione ^ ubi SchoUa vulgaria Zi^vodtoQog exhibent.^ 
Hiemach sollte man mcanen, im Schol. Od. ä, 477 lese nur die Ley- 
dener Handschrift Zijyo^oroff, was sich aber auch in zwei Handschrif- 
ten der Schollen zur Odyssee findet. 

'*'^) Es ist dieselbe y durch die Abbreviaturen entstandene Ver- 
wechslung, wie zwischen 'H(f6doxog und *H^da^og. Vergl. Bast epist. 
crit. p. 133. 



Osann : quaestionum Homerioarum particula I. 123 

^ji^uSrog>avfig ix^vg de ägetQOvtBg. xaviötij tdiov xo l%^vg xoi 
%o ipiqovxo Zi^voddi^y iv öi akloig %Blqov%eg^ so begnügt sich 
'Osann, oline das Scholion zn erklären, mit der einfachen Bemerkung: 
^quae hie exhibenlur^ nemo non inieUigü eins eondiciamis esse^ eui 
prae$eriim in vicinia Arisiophanis Arisiarckique Zenodoti Ephesii 
magis quam alius uilius criiiei meniio conveniaL' Statt dessen war 
zunächst su bemerken , dass das Scholion in drei Theile zerßillt , wo- 
von der eine das Wort nsCqovreg^ der zweite das Wort fpiqovto be- 
trifft. Zwischen die erstere Bemerkung : '^^^aro^pai/i;^ ix^vg 6^ äg 
stQOvteg, ivöhalloig nslgovtsg^ ist an unrichtiger Stelle der 
dritte Theil des Scholions eingeschoben, welcher lautete: Kariarfi 
idiav xo i%^vg %a\ xo (pBQOvxo^ und mit der Anführung der bei- 
den Lesarten des Aristophanes und Aristarch in keiner Yerbindnng 
steht. Yerstehn wir das Scholion recht, so fasste Zenodor die Stelle 
so, das» er ite(f7cia öatxa als Apposition fasste und erklärte: ^wie 
Fische, ein unliebes Mahl, diese (die Gefährten des Odysseus) ste- 
chend, kamen sie gerannt' (^i^ovro, wie fpiqttai II. v, 172). Den 
Alten war es schon zu Piatons Zeiten aufgefallen, dass Homer die 
Fische als Speise nicht liebt, sie als eine blosse Aushilfe betrachtet 
und seine Helden sie nur im Nothfalle essen (Nitzsch zur Odyssee I, 
268 f. III, 401). Wohin könnte nun jene Auffassung der Stelle bes- 
ser passen, als in Zenodors Werk 7nq\ x^g ^Oiii^qov ^wr^dag^ wo 
das Nichtessen der Fische gar wohl zur Sprache kommen konnte? Ze- 
nodor benutzte unsern Vers als schlagenden Beweis , dass Fische eine 
otBqniig dnlg dem Homer gewesen, eine Erklärung, die nicht schlim- 
mer ist als viele andere wunderliche Deutungen der alten Grammatiker. 
Auch von den beiden andern ans Zenodor angeführten Stellen sieht 
man deutlich , in welcher Weise sie in einem Werke TtBql x^g 'Ofii^qov 
cwri&elag einen Platz finden konnten. Ueber tf, 22 handelte Zenodor 
bei Gelegenheit seiner Ausführung über das Weinen der Helden. Die 
Bemerkung über öuTtext^g^ wofür er öumexijg las, machte er bei der 
Frage über den Okeanos , aus welchem alle Flüsse nach Homer stam- 
men (II. 9), 195 f. , vergl. J, 301). Wie er aber duiJtsrtjgy das er 
öiccvyrjg erklärte, herleitete, ist schwer zu sagen. Sollte er viel- 
leicht als Stamm von OTtxa ein Verb um Ittgo in der Bedeutung sehn 
angenommen haben? Dagegen scheint die Bemerkung bei Apollonios, 
2;(otfT^ bedeute ^cjficeta, eher einem glossographischen Werke ent- 
nommen , und auch aus diesem Grunde möchte unsre Vermuthung, dass 
der Name des Heliodor herzustellen sei, das richtige treffen. 

Nachdem Osann die Frage über Zenodor oder Zenodot zu Gun- 
sten des Zenodot von Mallos , des Schülers des Krates , beantwortet 
hat,*wendet er sich zu andern unter dem Namen eines Zenodot gehen- 
den Werken. Dass die von Galen angeführten i&viKai li^eig nicht 
dem Zenodot von Ephesos, sondern dem von Alexandria angehören, 
den er mit Wolf u. a. für denselben mit dem Malloten hält, ist schon 
von andern mit Recht bemerkt. Dagegen ist es nidit zu billigen, 
wenn Osann mit Meier hieher auch die Stellen des Athenae<ii& VIJL., 



124 Griechische LiUeratar. 

p. 327 B und XI, p. 478 E sieht. Die Bemerkung über den Fisch 
vni^f den die Kyrenaeer i^v^Qivog nennen, könnte sehr wohl in den 
S^OQixa wtofivi^fMnu gestanden haben, so dass Zenodot bei irgend 
einem zu Kyrene stattfindenden Gebranche gelegentlich dieses be- 
merkte. Man vergleiche die Stelle, welche Athenaeos aus den t(Sro- 
qixa vTtofAvi^fiata anführt. Dass Athenaeos an jener Stelle die Schrift 
dem Kallimachos oder Zenodot beilegt, hier geradezu den Zenodot 
nennt, würde nicht gar auffallend sein. Weshalb die Erklärung von 
fLOxvkri aus den i&vw.al ki^stg und nicht aus den ylmaaai sein soll, 
die freilich Osann auch dem jungem Zenodot zuweist , ist schwer ein- 
zosehn. Die Anführung des Schol. Tlfeocr. V, 2: vaxog] ZrjvoSorog 
TO xciöiovy %o fAaQfSvTCiov xccl vanog xo t^g aiyog Si^fuc' '^'OfirjQog (Od. 
{,530)* vdjiog SXet alyog OQttQogHyVj will Osann mit Fritzsche dem 
Ephesier absprechen , weil die von Zenodot gegebene Erklärung (xa>- 
ötov, fuxQövTtiov) gar nicht an der Stelle der Odyssee passe. Aber 
nicht allein ist in der Stelle der Odyssee vcixip/ statt vanog zu lesen, 
sondern auch statt xal vunog xol vcrxi^. Zenodot unterschied in sei- 
nen ylmaöat vattog (xmiiov) und vaxi} (alyog öi^^ui) , wie es auch 
im Etym. M. geschieht. Was Photios v. Mivdtc anführt : Ztivodoxog 
xrpf livyya im ivCtov Mlv^av liysod'ai^ ^vyceviQU fihv ovöav Iletd'ovg^ 
NcitSa ^i vvfjupipfy gehört gewis nicht zu den ki^eig idviHcd, son- 
dern wahrscheinlich zu den i%vxo^uij möglicherweise zu den laxoQtr- 
xa VTCOfivi^fictta. Yergl. meine Schrift S. 28 f. Auf das Scholion Od^ 
y^ 444, worüber Osann sich hier nicht entscheidet, werden wir gleich 
zurückkommen; nur dies müssen wir hier bemerken, dass wir keines- 
wegs glauben mit den Worten afivlov to iyyaov xov imoo^yfia" 
tag beginne die Erklärung des Zenodot, vielmehr erkennen wir hierin 
ganz die Weise Herodians. In der Stelle des Zouaras p. 1512 möchte 
man statt Zi/vodorog fast ^stvoSoxog vermuthen und bei der häufigen 
Verwechslung von ii und itstlv das Fragment des Anakreon etwa also 
lesen: 

^uvoioKog og i&tiVj 
xov (lOxXov h ^oydi Si^yiSiv ßuXwf 

?iav%og xaOcvde». 
Hiermit schliesst der erste, schon vor mehreren Jahren nieder- 
geschriebene Abschnitt. Dem zweiten, jetzt neu hinzugefügten schickt 
Osann die beiden Artikel des Suidas über Zenodot voraus^ und knüpft 
dann wieder an das eben über die ylnöüai gesagte an und fährt, 
nachdem er bemerkt hat, dass Flnygers und der unterzeichnete die 
ylm<f<sai dem Ephesier zusehreiben, was auch schon Wolf u. a. ge- 
than haben, also fort: ^Non me praeierii, ea de re^ quae propier 
obscuritaiem iraditionis perendum esi ui in clara luce unquam po- 
natwr^ in ulramque pariem dispuiari, nee ultra t>eri sirnüitudinem 
i9i> emergi passe, Unum tarnen extra dubitationem positum mihi 
guidem «ide/fir, glossas eas^ quae in iliustrando usu dialectorum 
singularium vario versantur^ recentiori grammatieo9indicandas esse 
propter similitudinem rerutn iractatarumj quam cum iis habent^ quae 



Osann: quaestionum Homericaram particula I. 125 

huius Zenodaii ex opere i&vwmv l^sanf diserie exeiUmtw.* Aber dio 
beiden ans den i^vixul ki^stg angeführten Stellen könnten ihrer Ab- 
fassung nach sehr wohl in einem glossographischen Werke des Ephe- 
siers stehn; denn erinnert sich Osann nicht, dass schon in der Poetik 
des Aristoteles c. 21. 25 ganz auf dieselbe Weise der dialektische Ge~ 
bravch der Kyprier und Kreter von den Worten ölyvvov und svetdijg 
angeführt wird? Auch hatte ja schon der Lehrer des Ephesiers Zeno- 
dot, Philetas, yk^aaai ircnitoi oder aranta geschrieben, welche Ho- 
merische Glossen gerade nicht anders als durch Yergleichung von an- 
dern Dialekten erklärt haben können (vergl. Lorsch Sprachphilosophie 
III, 64), da ja Aristoteles selbst yXmxa erklärt, 09 StSQOt (x^vtati). 

Vergebens sträubt sich Osann gegen das, was ganz offen vor* 
liegt, wodurch er sich zu den seltsamsten Mis Verständnissen verleiten 
lässt. Es handelt sich zunächst um die Stelle der Schollen Od. y^ 
444: Z^vodotog öi iv ratg aito tov6e ykmö<sccig vl^rfii, t^v li^iv (ay- 
yelov) * ana^ dh ivxav^a Ttag 'O/üif^a) ff U^ig. Hierzu bemerkt nun 
Osann :. * Cupio edoceri de sensu phraseos onto ravdej quam DuerU»e- 
rus quidem p, 29 ^Ofirjffov supplendo interpreteUur^ sed me iudice 
nan recie^ tum quod at afp ^Ofiijgov yXäöiSai quales sini^ nemo fa- 
cUe dicat^ tum quod ipsius ehcutionis ratio postulat^ ut rovös ad 
Zenodoium referatur^ quod si 9ulgari modo accipüur^ haud minus 
inepte dicium est et citra omnem loquendi consuetudmem, (Ina mihi 
superesse ratio expUcandi eidetur^ ui ad verba tatg ontb vovöe (Ze- 
nodott) yXmf$<Scug suppleatur ovo^a^ofiiveng et intelligantur glossae ab 
eius (Zenodoti) nomine nomintUae k, e. qua^eius nomine circumfe* 
raniur eel notae sint,' Auffallend ist es , wie Osann den bekannten 
umschreibenden Gebrauch von otso fibersehn konnte , wie er in den 
Redensarten ot mto fucd^iifucrtftmv^ ot cato g>tJio6oq>iag xcrl koymv^ oi 
aTCo trjg noXsmg^ o ano tifyavov^ r^ ano xov ömfuttog i^aöla n, ä. 
zu Tage tritt, worüber wir nur auf Fischer ad Weller. III b, 1|5 §q. 
Lobeck ad Phryn. p. 164 verweisen. "Ode kann offenbar nur der er- 
klärte Schriftsteller sein , von welchem die Schollen sehr häufig ohne 
weiteres in der dritten Person sprechen. Die Worte heissen nichts 
anderes als : ^Zenodot stellt das Wort ayyttov unter die Glossen von 
diesem (Homer).' Man könnte etwa vermuthen rov Ttowftov^ so dass 
de aus Misverständnis der Abkürzung des Wortes notrp^r^ (Bast hinter 
Greg. Gor. p. 633. 803) entstanden wäre, Bei Osanns Erklärung ist 
der Gebrauch von oie ganz unbegreiflich und der Zusatz imo xovös 
höchst seltsam, da der Scholiast, wenn er seinen Zweifel an der Echt- 
heit jener Glossen hätte aussprechen wollen, sich ganz anders ausge- 
drückt haben wfirde, etwa: iv xaig ZrivoSovov yliidiSaig ^OfiriQtnmg 
tld-ttctt fj Xi^ig. Aber trotz seiner unzulässigen Erklärung sieht sich 
Osann zur Annahme geiiöthigt, dass es wirklich yXä<S(Scct, unter dem 
Namen des Ephesiers gegeben habe; nur darin will er vonPIuygers und 
dem unterzeichneten abweichen, dass aus den beiden Stellen der 
Schollen zur Ilias (soll heissen Odyssee) und ii»k. k^^:^^^^^ ^^^ 



129 Griechische Litleratar. 

Rhodos *} keineswegs folge, der Ephesier habe wirklich ylcSö<Sai ge- 
schrieben, wogegen wir behaupten, dass gegen die Echtheit der wirk- 
lich angeführten Glossen durchaus kein haltbarer Grund aufgebracht 
werden kann. Dass Stellen, wie im Schol. II. /?, 532. y, 28. 9), 169 
u. S., wo Artstonikos dem Zenodot eine Begründung der Lesart unter- 
schiebt, nicht hieher gehören, glaube ich p. 36 sqq. nachgewiesen zu 
haben, dagegen habe ich p. 29 sqq. eine Anzahl von Stellen aufge- 
führt , grösstentheils aus den Homerischen Schollen , die auf die yktaa- 
oai des Ephesiers hinweisen. Osann führt davon nur weniges an, die 
Bemerkungen über f!<p&t,fAog und öalg itaff, und will daraus den Schluss 
ziehn, Zenodot habe an manchen Stellen seiner Ausgabe, wo die Les- 
art oder die Deutung streitig gewesen sei, kurze Erklärungen einzelner 
Wörter beigeschrieben , welche später jemand vom Rande jener Aus- 
gabe gesammelt und in Form von Glossen herausgegeben habe , und 
diese Sammlung könne vielleicht schon Aristarch benutzt haben. Wun- 
derlich genug meint Osann , die Erklärung von Zenodot, ftp&ifiog be- 
deute aya^ag, beziehe sich auf II. of, 3, wo er den Zenodot Itpd'lfiovg 
M^kag lesen lässt, obgleich ausdrücklich bezeugt wird, erst Apol- 
lonios von Rhodos habe diese Lesart eingeführt. Wie konnte Osann 
so die gute Ueberiieferung über den Haufen werfen, und das mit so 
nichts sagenden Gründen ! Hier bleibt nichts zu wicLerlegen, sondern 
nur auf den auffallenden Irthum hinzuweisen. Wenn Zenodot in seinen 
yX^Scif cei^ das Wort !g>&t(iog durch vtycc^og erklärte, so geschah es 
ohne Zweifel mit besouderm Bezug auf die Stellen, wo es als Bei- 
wort von Frauen vorkommt, wie es in dem betreffenden Scholion 
selbst (Cramers Anecd. Ox. J, 207) genugsam angedeutet wird. Die 
andre Stelle Athen. I, p. 12 C beweist, dass Zenodot bei seiner Er- 
klärung von dalg itari in seinen yXckiaat unter dem Worte itöri sich 
besonders auf II. i, 225 berufen hatte. Die weitern von mir angeführ- 
ten Stellen bestätigen das Dasein von ylcaaacci 'OiiriQeioi oder ^Ofirj- 
Qixal oder wie sie sonst heissen, von dem Ephesier Zenodot aufs be- 
ste, wogegen Osann nur mit vagen Vermuthungen und argen Yer- 
rückungen des einfach vorliegenden Tbatbestandes zu Felde gezo- 
gen ist. • . 

Unmittelbar hierauf wendet sich Osann gegen die von dem unter- 
zeichneten nach dem Vorgänge anderer gemachte Unterscheidung zwi- 
schen dem Malloten und dem Alexandriner Zenodot, wobei er mir 
Schuld gibt, dass ich eine Meinung Wolfs bekämpfe, die dieser nie 
gehabt. In beiden hat Osann entschiedenes Unrecht. Die Meinung 
Wolfe führe ich mit dessen eignen Worten an, bekämpfe sie aber, 
indem ich der ihr zu Grunde liegenden Ansicht, dass MakXmtig^ Kga- 
V'^siog und iv ucxu dieselbe Person bezeichnen , das Zeugnis des 



♦) IT, 105: atv(pBXiiv^Sh liyn rr^v xqtt%ttav xal ffxX^^ay oi^ro» 8b 
K«l KlHtoqioi liyovaiVy mg tpriai Zrivodoxog iv xaig yltoifaccig, Kv^^- 
vaioi 8\ xiiv xsQCov, Dies bemerkte Zenodot bei Gelegenheit des Ho- 
merischen Verbums cxwpfXi^m, 



Osann: qnaettionum Homericarum particula I. 127 

Suidas entgegenhalte, der den T^vodaiog o iv Saret als lAls^ecvÖQevg 
angibt. Zagegeben , dass bei Suidas zuweilen diejenigen mit lAXs'^av- 
6(^evg bezeichnet werden, die in Alexandria ihren Wohnsitz hatten, 
aber anderswo geboren waren , wie schon Wolf annahm , so ist doch 
an unserer Stelle deutlich, dass Suidas, da er nach dem 2üriv66otog 
^Ekpiaiog den Ztivodozog 'Aks^avÖQevg folgen lässt, Alexandria als 
dessen Wohnort bezeichnen will. Wer dieses leugnen oder den Sui- 
das oder dessen Quelle eines Irthums zeihen will, der kann dieses 
nicht ohne die gewichtigsten Gründe thun; Gründe dieser Art sind 
aber bisher nicht im entferntesten beigebracht worden : denn dass die 
Schrift n^og va ine ^Aqiaxiq%ov a&eTOV(isva sehr wohl für einen 
Schüler des Krates passen würde , beweist nichts , da ja auch Alexan- 
driner, wie Kallistratos, Demetrios Ixion u. a. gegen Aristarch schrie« 
ben , und gehörte die Schrift auch wirklich dem Malloten , so würde 
es doch für jeden, der den Suidas kennt, keine arge Zumuthung sein 
zu glauben , dieser habe das Werk eines andern Zenodot dem Alexan- 
driner zugeschrieben. Mir ist es unwahrscheinlich , dass ein Zenodot, 
der schon durch den , wie es scheint , allgemein gangbaren Namen des 
Malloten oder des Krateteers genug gekennzeichnet war, noch die 
wenig bezeichnenden Namen Ale^ctvdi^g und 6 iv Sövei erhalten 
habe. Wolf und die ihm folgen müssen annehmen, Zenodot ron 
Mallos sei seinem Lehrer Krates abtrünnig geworden — wie stimmt 
aber dazu die Bezeichnung KQeni^eiog? — ; in diesem Falle wfiren 
aber die Namen ^Ake^avÖQwg und 6 iv aotet so wenig bezeichnend 
wie immer möglich. Auch ist mir kein sicheres Beispiel bekannt, 
dass ein Krateteer von Pergamon nach Alexandria gegangen und von 
seinem Lehrer abgefallen sei ; denn dass Demetrios von Skepsis frü- 
her Krateteer gewesen (Gräfenhan I, 399 f.) steht gar nicht zu er- 
weisen, wie umgekehrt die Sage, Demetrios Ixion sei ursprünglich 
Schüler des Aristarch, habe diesen aber später befeindet und sei dar- 
auf nach Pergamon gegangen (Gräfenhan II, 421 f.), sieh leicht als 
eine ganz falsche erweist. Nach allem stehn der Ansicht, der Mallote 
und der Alexandriner Zenodot seien dieselbe Person, bedeutende 
Schwierigkeiten entgegen, und sie kann nur durch unbefugte Annah- 
men gestützt werden, wogegen alles ohne Anstoss ist, wenn wir 
beide für verschieden halten , wobei die Möglichkeit offen bleibt, dass 
von den Werken , welche Suidas dem Alexandriner beilegt , eines oder 
das andere dem Malloten angehört habe. 

Zum Schluss will Osann noch einige von seinen Vorgängern 
gar nicht oder nicht richtig behandelte Punkte berühren. Leider ist 
ihm aber auch hier das Glück nicht günstiger. Was er zunächst über 
die sogenannte tabula Parisina sagt, beruht auf reinem Mis Verständ- 
nisse , da er nemlich vorausgesetzt zu haben scheint, die in Bueh ß-—^ 
beschriebenen , kurz auf dem erhaltenen Theil der Tafel angedeuteten 
Begebenheiten seien nicht an einem und demselben Tage geschehn, 
während jeder , der die Ilias mehr als oberflächlich kennt, wohl weiss, 
dass der Buch ß beginnende Tag erst in Buch tj ab8chUe8sl\ ^at&s^'^s^^ 



128 Griechische Litteratur. 

unter der bezeichneten Voraussetzung war die Ansicht, welche Osann 
sich von der Tafel gebildet , und die meiner wohlbegründeten Dar- 
stellung entgegengestellte Behauptung möglich: ^ Ultra libri primi 
enarrationem nuÜa amplius dierum tnentio fii (und doch heisst es 
auf der Tafel : tccvtrig duk&(y6(Sfig vrjg f^ii^ag »cci rcov ^fte^v a^t^- 
liov i^oviSAv $ixo0t kTCißnlUi, [am Anfange des zweiten Buches] fi/a 
x«l elxocttj^ iv y iöüv Axccimv ayOQcc u. s. w.), neque m rebus 
deinceps irt tabula enarratis dierum ulla ratio habetur* (natürlich, 
da die Tafel abbricht, ehe der einundzwanzigste Tag zu Ende ist). 
Schon Lachmanns Bemerkungen hätten Osann vor einem so argen Ir- 
thum schätzen aollen. 

Dasselbe Unglück, wie bisher, verfolgt den Verfasser auch 
weiter. Was er über den 0iUtatQog des Zenodot sagt (denn Odi- 
xai^og ist der Name einer Schrift), würde er nicht gewagt haben, 
wären ihm die Bemerkungen von Pierson zum Moeris p. XLVI sq. ge- 
genwärtig gewesen. Die Schrift ist entweder von einem spätem Ze- 
nodot oder trägt trüglioh Zenodots Namen. Dass die Schrift msQl av^ 
^v7f(niiM€i>v %ccl aw7to%cfKx<av ^ die Eudokia dem Ephesier beilegt, 
diesem nicht gehören kann, hat noch niemand bezweifelt; man hat die 
ganze Notiz stillschweigend übergangen , und kaum ist nöthig zu be- 
merken, dass es sich damit ebenso ver*hält wie mit dem QtliratQog, 

Osann geht dann weiter auf die Stelle der Scholien zu des Ger- 
manicus Aratea ein (die übrigens nicht, wie Osann glaubt, von Su- 
ringar zuerst bekannt gemacht worden , sondern längst bekannt und 
bereits bei Fabricius benutzt ist) : ^ Zenodotus autem Aetolus et Dio- 
dorus aiunt^ nee ad fabulosi lovis sufficere eiusmodi opinionem,* 
Nun wird freilich , was Osann nicht unbemerkt lassen durfte , Zenodot 
von Mallos einmal in den Schollen zum Arat genannt, aber dadurch 
dürften wir doch nicht berechtigt sein, mit Suringar und Osann statt 
Aetolui geradezu Mallotes zu lesen. Ich vermuthe, dass nach 
auiem der Name Alexander ausgefallen ist. Alexander Aetolos 
wird unter den Erklärern des Arat genannt, eine Nachricht, deren 
Wahrheit Capelimann (p. 5. 43) wohl mit Unrecht bezweifelt. Osann, 
der bei dieser Gelegenheit die Erwähnungen des Malloten aus dem 
codex Victorianus der Scholien zur Ilias v, 730« o, 262 anführt, macht 
die Bemerkung : ^ Ceterum notabile , quod in SchoL A Zenodoti (^Mal- 
lotae) semel tanttum mentio fit^ et KQatifgelov cognomine: quod non 
errabis^ si ex invidia quadam Aristonici^ qui ut Aristarchiam doc^ 
trinam praecipue memoria prodere studuit^ ita parcius iniquiusque 
in reddendis Cratetis eiusque sectatorum placitis versatus est^ expli- 
eaveris. Aber der codex Victorianus bietet ja auch die Bemerkungen 
des Aristonikos, und uns scheint, dass alle drei Erwähnungen des 
Malloten (v, 730. o, 262. ^, 79) nicht aus Aristonikos, sondern aus 
Didymos sind. Weshalb gerade t^, 79 jener Zenodot als Schüler des 
Krates bezeichnet wird, erkennt man leicht. Krates hatte dem Homer 
auch chaldaeische Weisheil beigelegt. 

Pen Reigen schliesst eine Betrachtung der Stelle aus den Schol. 



Rabino; Untersuchungen über röm. Verfassung u. Geschichte. ISO 

Veron. Virg. Aen. XI, 738, welche, was Osann entgienj, Schneidewin 
im Philologus II, 764 und der unterzeichnete in ^esen Jahrbfl- 
ehern LYIII, 9 behandelt haben. Osann äussert die unglflckliche 
Vermuthung, die hier genannte Schrift TLaiavla oder wie sie sonst 
'geheissen, sei ein Theil Yom Buche des Zenodot nq^og ra ine ^Aqi- 
Cxiqiov a&evovfuva tov Ttoitjfwv gewesen, was schon deshalb unglaub- 
lich ist, weil die vom Schol. genannte Schrift offenbar dialogisch ab- 
gefasst war. 

Wir stehn am Ende der Osannschen Abhandlung, in welcher 
wir keine Mrissenschaftliche .Förderung, dagegen riele offenbare 
Fehlgriffe gefunden haben ; nur ein paar , gerade nicht den Zenodot be- 
treffende Bemerkungen Anmerkung 1 — 3 haben wir anzuerkennen. Zu 
grosse Zuversicht auf die eignen Ansichten und zu rasche Beseitigung 
des von anderer Seite nach sorgfaltigster Prüfung gebotenen haben 
den Verfasser , dem wir sonst für manche Belehrung in zahlreichen 
früheren Schriften zu Dank verbunden sind, diesmal sehr in die Irre 
geführt. 

Köln. H, Düntzer. 



Uebersicht der auf dem Gebiete der römischen Alterthümer 

seit 1840 erschienenen Schriften. 

(Vergl. NJahrb. LXin, S. 25 ff.) 
Zweiter Artikel. 

Schriften über die römische Verfassung. 

Ehe wir zu den einzelnen Theilen der Verfassung übergehn, ha- 
ben wir diejenigen Bücher zu nennen , welche die Verfassung über- 
haupt oder mehrere Partien derselben behandeln. Von grosser Wich^ 
tigkeit war das Werk von J. R u b i n o : Untersuchungen über römi- 
sehe Verfassung und Geschichte. Tbl. 1. Cassel , Krieger 1839. XX 
und 503 S. 8, auch unter dem Titel: über den Entwicklungsgang der 
röm, Verfassung bis zum Höhepunkte der Republik, welches der Zeit 
des Erscheinens zufolge ausser den uns gesteckten Grenzen liegt. Die 
glänzenden Eigenschaften des Buchs müssen wir bewundern, wenn 
wir auch mit dem Princip, welches das Ganze durchdringt und mit 
den Grundideen (wie von der unumschränkten Macht der Könige, von 
der ununterbrochenen Fortpflanzung der Weihe der Magistraten, von 
der geringen Bedeutung des Volks u. s. w. , s. Pauly Realencycl. II. 
S. 561. VI. S. 467), nicht übereinstimmen und der Ansicht sind, 
dass der aus dem Werke zu schöpfende Hauptgewinn nur in der aus^ 
gezeichneten Bearbeitung specieller Partien besteht. In diesen Jahr- 
büchern XXIX. S. 243 — ^262 ist dasselbe gründlich recensiert worden 
von Peter , ferner von Göttliag in seiner Geschichte der röm, SU».^«^ 



130 RöBÜsche Alterthamer. 

Verfassung S. 510 — 516, von Nitzsch in Schmidts Zeitschr. für Oe« 
schichtswiss. 1845. IV. S. 241 — 258, von Werther im Museum des 
rhein.-westph. Schulm.-vereins 1845. III. S. 30 ff. und in den Münch- 
ner gelehrten Anzeigen 1841 Nr. 82 — 87. 

Darauf folgte das lehrreiche, durch Schärfe und Klarheit der Un- 
tersuchung ausgezeichnete Buch von C. Peter: die Epochen der Ver- 
fassungsgeschickle der röm. Republik. Leipzig, Vogel 1841. XLII u. 
260 S. 8, rec. von Bröcker in Jen. Litt. Zeilg. 18i3 Nr. 197— -199. Der 
Verf. gewinnt feste Haltpunkte in der Entwicklung der röm. Verfas- 
sung durch eine genauere Betrachtung der Veränderungen, welche 
mit den Comitien in Beziehung auf Zusammensetzung, Befugnisse und 
gegenseitige Stellung vorgegangen sind. Der Stoff ist in 4 Abschnitte 
oder Epochen vertheilt: L vom Beginn der Republik bis zum Decem- 
virat; IL vom Decemvirat bis zum Hortensischen und Maenischen Gesetz 
(mit denen die Gleichstellung beider Stände erreicht ist) ; III. vom 
Hortons, und Maen. Gesetz bis zu den Gracchen (oder der Höhepunkt 
der Republik, bis sich zwei neu entstandne Parteien feindlich gegen- 
überstehn und einen nahen Kampf voraussehn lassen) ; IV. von den 
Gracchen bis Augustus oder der Verfall der Republik , in 3 Capiteln. 
(Die Gracchen bezweckten die Abstellung der Misbräuche der optima- 
tischen Partei, wurden aber, indem sie die Aristokratie stürzten, un- 
bewusst die Veranlassung zum Sturze der Republik). Ein Auszug ist 
bei dem reichen und schön gegliederten Inhalt nicht möglich. Her- 
vorzuheben sind nur noch die trefQichen ausführlichen Erklärungen, 
welche von den Hauptstellen des Liv. und Cic. gegeben werden , so- 
wie die in der Vorrede enthaltenen Bemerkungen über die bei der 
Benutzung der Quellen anzuwendenden Grundsätze. Manchmal hat der 
Verf. nicht das richtige gefunden, z. B. wenn er sagt, dass lex Pü- 
blilia die Patricier von den Tributcomitien ausgeschlossen hätte, bis 
sie durch die XII Tafeln wieder aufgenommen worden wären; dass 
die Tributcomitien vor den XII Tafeln Capitalgerichte hätten halten 
dürfen; dass Cic. de rep. II, 22 sich zum Theil auf die neue, zum 
Theil auf die Servianische Centurienverfassung beziehe u. a., wor- 
über ich bei andern Gelegenheiten gesprochen habe. 

L. 0. Bröckers Abhandlungen zur röm, Geschichte, Tübingen, 
Fues 1841, 63 S. 8 und Vorarbeiten zur röm, Geschichte, Ebend. 1842, 
L u. 212 S. 8 haben wegen ihrer reactionären Richtung (vorzüglich 
gegen Niebuhr) in diesen Jahrb. XXXIII. S. 438 ff. mit Recht eine 
sehr scharfe Beurtheilung erfahren. Es ist jedoch nicht zu leugnen, 
dass Hr. B. in einigen Stücken — freilich in den allerwenigsten — 
das richtige gesehn hat, z. B. in Bezng auf die staatsrechtliche Stel- 
lung der dienten. 

lieber die Melanges de philologie, d'^hist» et d^antiquites von 
J. E. G. R u 1 e z , welche wenigstens theilweise hieher gehören, habe 
ich in diesen Jahrb. LVIII. S. 224 ff., LXII. S. 421 ff. berichtet, des- 
gleichen über die scharfsinnigen , aber zu verkehrten Resultaten füh- 
renden Forschungen auf dem Gebiete der röm. Verfassungsgeschichte 



Terpstra: de populo, de senatu eto. antiq. reip. Rom. temp. 131 

von W. Ihne, Jahrb. LYI. S. 339 — 357. S. auch die Recension von 
Gerlach in der Zeitschr. f. d. Aiterthumsw. 1848 Nr. 88 ff. Die Utrech- 
ter Doctordissertation von D. Terpstra, quaesi, lit. de populo^ de 
senatUy de rege, de inierregibus aniiqmssimis reip, Rom. temporibus. 
Rotterod. Krämers 1842, X u. 92 S. 8 scheint in Deutschland unbe- 
kannt geblieben tu sein. Cap. 1. de populo p. l->-49. Roms Entste- 
hung wird nach Göttling, die alte Tribus- und Cnrieneintheilung nach 
der gewöhnlichen Ansicht (mit Polemik gegen Wachsmuth) darge^' 
stellt. In Beziehung auf die Decurien bekämpft der Verf. die Iden- 
tität derselben mit den Gentes und hält die Gentes für Unterabthei- 
lungen der Decurien (gegen Niebuhr nach Göttling). Die Curien 
sollen nicht bloss die patricischen Gentes , sondern auch die ganze 
Plebs, welche ebenso gut der Gentilität theilhaftig gewesen wäre, 
umfasst haben (sowie v. d. Velde , s. Zeitschr. f. d. Alterthumswiss. 
1839 Nr. lOO), auch soll es von Anfang des Staats an Plebejer gege- 
ben haben und diese wären ganz verschieden von den Clienten ge- 
wesen. Die Clienten sind als eine privat- und staatsrechtlich znrQck- 
gesetzte Kaste geschildert. Umgekehrt werden die Plebejer viel zu 
hoch gestellt und als eine in den Curiatcomitien mächtige mit dem 
König gegen die Aristokratie verbündete Partei aufgefasst , indem der 
Verf. vieles, was die Schriftsteller von den Patriciem sagen, auf die 
Plebejer überträgt. Eine Rangordnung der alten patricischen Urtribus 
wird ganz verworfen (nach v. d. Velde). So wie wir in diesem Ca* 
pitel manchen veralteten Irthämem , zu denen noch einige neue ge- 
kommen sind, begegnen, so finden wir in dem 2. Cap. de senatu p. 
50 — 60 etliche auffallende neue Hypothesen , z. B. dass aus der Tri- 
bus der Luceres gar keine Senatoren genommen worden wären, son- 
dern dass zu des Tarq. Prise. Zeit der Unterschied der Curien schon 
aufgehört und dass dieser König 100 oder 200 neue plebejische Sena- 
toren ans allen drei Tribus ausgehoben hätte. Schon unter Numa sei 
der Unterschied der Tribus ziemlich verschwunden gewesen und bei 
dem Umfragen im Senat hätte man nicht mehr die alten Decurien be- 
rücksichtigt, sondern das Alter, da man nach dem Alter neue De- 
curien geschaffen hätte. Gut ist der Beweis geführt, dass Niebuhrs 
deeem pritni nicht existiert haben. Cap. 3 de rege ist ganz kurz; 
ausführlicher dagegen und überhaupt das beste im Buche Cap. 4 de 
inierregibus,, s. unten S. 151 f. Der Verf; hat in seiner Abhandlung 
ein gutes Zeugnis seiner fleissigen und emdten Studien abgelegt, 
wenn auch — mit Ausnahme des 4. Cap. — für die Wissenschaft 
nichts darans gewonnen worden ist. In mehrern Fundamentalfragen 
befindet er sich in grossem Irthum , wie er wahrscheinlich selbst längst 
eingesehn haben wird, aber zu loben ist die Interpretation mehrerer 
Stellen und die Genauigkeit in der Behandlung alter Streitfragen. Da- 
gegen ist von einer klaren Anschauung des antiken Staatslebens und 
seiner Institute in ihrem Zusammenhange nichts wahrzunehmen. 

Alle bisher genannten Arbeiten beschäftigen sich mit der Verfassung 
Roms während der republic. Periode. Für die s^äitet^LviVv^Hv^^^^- 



132 Römische AlterthQmer. 

ger , aber doch einiges geschehn. Von Abhandlangen sind nnr rwei 
za nennen, beide von W. A. Schmidt verfasst, beide durch tüch- 
tige Sachkenntnis , feinen historischen Takt und geschmackvolle Dar- 
stellung ausgezeichnet, beide in des Verf. Zeitschrift für Geschichts- 
wissenschaft enthalten. Die eine bespricht den Verfall der Volks- 
rechte unter den ersten Kaiser»^ 1844, I. S. 37 ff., die andre die Um- 
Mdung der röm. Republik in die Monarchie^ 1848, IX. S. 326 — 353. 
413 — 455. Ein vorzügliches Verdienst um die Erforschung der spä- 
tem röm. Verfassung erwarb sich Karl Hock in seiner eben so ge- 
diegen ausgearbeiteten wie schön geschriebenen römischen Geschichte 
vom Verfall der Republik bis zur Vollendung der Monarchie unter 
Conslantin. Bd. I. Abth. 1. Braunschweig Westermann, 1841. 426 S. 
Abth. 2 ebendas. 1843. 426 S. Abth. 3. Göttingen Dieterich, 1850. 
408 S. 8, recensiert von Marquardt in Zeitschr. für Alterthumswiss. 
1844 Nr. 91 ff. Die Einleitung schildert die röm. Verfassung bis auf 
die Gracchen in einer sehr gelungenen übersichtlichen Weise , darauf 
folgt Buch 1 von Sullas Tod bis auf Caesars Tod; Buch 2 bis auf die 
Schlacht bei Actium ; Buch 3 bis zur Vollendung der Gewaltfülle Octa- 
vians (in welchem mehrere Capitel für die Verfassung wichtig sind, 
namentlich die Bildung der Kaisergewalt und ihr Verhältnis zu den 
republicanischen Verfassungsorganen); Buch 4 bis zu Augusts Tode; 
Buch, 5 Zustünde und Verwaltung des Reichs (Cap. 1 Italiens Natur 
und der Zustand seiner Bewohner, Cap. 2 Bevölkerung Roms und 
Augusts Veranstaltungen für dieselbe, Cap. 3 die italischen Städte, 
Cap. 4 Reform des Militarwesens und der Provinzen, Cap. 5 Provin- 
cialbehörden, Cap. 6 und 7 Provincialstadte , Cap. 8 allgemeiner Zu- 
stand der Provinzen , Cap. 9 Handel , Cap. 10 Finanzwesen u. s. f.) ; 
Buch 6 Tiberius (wo hervorzuheben sind Cap. 5 die Beschränkung der 
Volksrechte und die Concentrierung der Staatsgewalten , Cap. 6 das 
Majestäts verbrechen und die Ankläger, Cap. 7 die Verwaltung); 
Buch 7 von Caligula bis Neros Tod (hier sind Cap. 7 der Staat unter 
Claudius und Cap. 12 der Staat unter Nero vortrefflich zu nennen). 
Wir müssen es uns versagen, auf die Details einzugehn und können 
nur nochmals versichern , dass dieses Werk als eine wahre Bereiche- 
rung der historisch-philologischen Litteratur betrachtet werden muss 
und dass das Studium desselben einem jeden vielfache Belehrung und 
reichen Genuss gewähren wird. Möge die Vollendung des so glück- 
lich begonnenen Unternehmens in nicht zu langer Zeit erfolgen ! 

An Höcks Forschungen schliesst sich gänzlich an F. Gregoro- 
vitts: Geschichte des Kaisers Hadrianus. Königsberg 1851 (nemlieh 
im 2. Buch der Staat p. 85 — 139), so dass für die röuL Verfassung 
und Verwaltung nichts daraus zu lernen ist. 

Die von Marquardt gearbeitete Verfassung unter den Kaisern 
der ersten drei Jahrhunderte in dessen Fortsetzung der Beckerschen 
Alterth. 1849. II, 3. S. 197 — 306 zeigt dieselben Eigenschaften wie 
die andern Abtheilungen (s. im 1. Artikel S. 30. 38) und ist den Phi- 
lologen eine sehr werthvolle Gabe. Nun wende ich mich zu dem einzelnen. 



Giraud : de la gentilit^ ronaine. 13S 

L Bestandtheile und Gliederungen der römischen 
Bevölkerung, l) Carlen und Gentes. In Frankreich erschie- 
nen drei Abhandlungen, zuerst Ortolan: des geniiles che^i les Ro- 
mains^ in der Rerue ^e l^gislation et de jurisprudence. Paris 1840. 
Tome XL p. 257 £F., sodann Quinon: diu. »ur la gens ei le droit de 
gentiUU che» les Emnains, Grenoble 1845 (enthält nur eine Wieder- 
holung der alten Ansicht des Sigonins u. a., dass gens eine auf ge- 
meinsamer Abstammung beruhende Genossenschaft beseichne), end- 
lich Ch. Giraud: de to gentiUU ramaine^ in der erwähnten Revue 
de l^g. Paris 1846. Tome III. p. 385 — Id5. Diese Arbeit des durch 
sein essat sur Vhistoire du droit fran^ais au mögen äge (Paris 
1846. II) V seine recherches sur le droit de proprieii che» les Ro- 
mains (jhix et Paris 1838. II) n. a. bekannten tachtigen Rechtshisto- 
rikers enthält die gelehrteste und vollständigste Vertheidigung der 
Niebuhrschen Theorie Ober die Gentes. Man findet hier nicht bloss 
eine Wiederholung und weitere Ausführung der bereits von Niebnhr 
beigebrachten Gründe, sondern eine selbständige Behandlung des schon 
vorhandenen und von dem Verf. selbst hinzugefögten Materials, ob- 
wohl nicht geleugnet werden kann , dass G. gerade in der Benutzung 
der neuen Materialien nicht immer glücklich ist und dass er sogar 
manche Stellen als Beweis anführt, welche mit grösserem Recht gegen 
ihn geltend zu machen sind. Da die Abhandlung bei uns fast unbe- 
kannt ist, so gebe ich eine kurze Uebersicht des Inhalts. Niebuhrs 
Ansicht, dass ^eiis identisch sei mit decuria (als Unterabtheilung der 
Curien) und eine politisch-religiöse Genossenschaft bezeichne, wel- 
cher die Idee der Verwandtschaft ursprünglich ganz fem gewesen, 
soll bewiesen werden und zwar 1) durch die Analogie der attischen 
ylvf^^ welche ebenfalls politische Unterabtheilungen der Phratrien ohne 
alle Verwandtschaft wären, S. 389 — 396, sodann 2) durch die bekannte 
Definition bei Cic. Top. 6, welche auf die griechischen und römischen 
Gentilen in gleicher Weise passe. Femer heisst es 3) S. 400ff.,^tR5^e- 
ii«ifs sei ursprünglich s. v. a. gentüis gewesen und daraus gehe 
hervor, dass es auf Verwandtschaft bei der Gentilität nicht ankomme, 
sondern dass ingenuitas das charakteristische derselben sei. (Kei- 
neswegs kann man sagen , dass ingenuus und gentüis gleiche Bedeu- 
tung habe , denn aus den bekannten Stellen bei Liv. X, 8 und Fest. v. 
patric, p. 241 M. geht nur hervor , dass ingenuus und patricius iden- 
tisch waren. Ingenuität ist eine nothwendige Eigenschaft der Genti- 
lität, aber beide Begriffe sind nicht gleich). 4) Unter einigen Be- 
weisstellen wird mit Recht aufgeführt Paulos Diac. v. gentüis p 94 M. ; 
weniger passt Paulus Dig. L,l6,ö3 pr., wo agnatorum gentüiumque als 
etwas verschiedenes genannt werden, denn verschieden sind beide 
auch nach der alten Ansicht. Noch weniger durfte sich der Verf. auf 
Varro de 1. 1. VIII, 4 berafen , über welche Stelle er schnell hinweg- 
sohlüpft(S. 405), denn jedesfalls hat sieh Varro einen Aemilios ahi 
Stammvater der gens Aemilia gedacht, wie schon Becker röm. Alter- 
thümer U, 1. S. 37 bemerkt hat. Ebenso ungenügend und fl4ekU%vi^ 



134 Römische AUerttaamer. 

5) der folgende Grund bekandelt, S. 405 f., nemlich dass es unmög- 
lich sei, die Erzählung von dem Unglück der 306 Fabier an der Cre- 
mera mit der alten Ansicht über die Gentilität in Einklang zu brin- 
gen. Wenn man 306 waffenfähige Fabier als Verwandte annähme , so 
müsste die Familie im ganzen 1200 Köpfe betrag^en haben und wenn 
nur ein einziger das Unglück fiberlebt hatte , so hätten die Säuglinge 
mit ausrücken müssen u. s. w., mais Phypothise esi parfaitement admit- 
sible^ $i la gens Fabia n^est auire que le clan des Fabius, Ich sehe 
nicht ein, was dadurch gewonnen wird, denn die Unwahrscheinlich- 
fceit der Erzählung bleibt dieselbe, wir mögen die 360 als Verwandte 
oder als politisch-religiöse Genossen annehmen. S. Fauly Realencycl. 
IIL S. 370 ff. Einen fernem Beweis zieht G. 6) aus der angeblichen 
Gleichheit von gens und decuria^ S. 406 ff. Allein die sprachliche Be> 
deutung von decuria spricht gegen eine solche Identität und viel näher 
liegt es, einen Irthum des Dionysios, welcher allein Decurien als Unter- 
abtheilungen der Curien nennt, anzunehmen, s. Pauly Realencycl. V. 
S. 1227 f. Viel besser ist S. 407 — 415, wo bemerkt ist, dass Gleich- 
heit des Namens nicht Gleichheit des genus oder Verwandtschaft in- 
volviere und dass man gentäis als Namens-, nicht als Stammve:ter auf- 
fassen müsse. Ein auffallender Irthum findet sich unter manchen schö- 
nen Bemerkungen über die römischen nomina^ nemlich über gens Man- 
lia, S. 412, indem behauptet wird, dass nach der Verurtheilung des 
M. Manlius Capitolinus die gens den Namen Manlius abgelegt and 
einen neuen Namen angenommen hätte , dagegen hätte Manlius als Fa- 
milienname fortgedauert. Bekanntlich verbot die gens Manlia nur, 
einem Mitgliede derselben den Vornamen des verurtheilten M. beizu- 
legen, von einer Umwandlung des Gentilnamens war keine Rede, s. 
Ouint. III, 7, 20. Paulus D. p. 125. 151 M. , vergl. auch Geil. IX, 2. 
Endlich 8) wird aus der Innern Constitution der genies die Richtig- 
keit der Niebuhrschen Theorie deduciert, S. 415 — 432, welche Partie 
vieles g^te und richtige enthält, vorzüglich über die sacra und das 
damit in Verbindung gesetzte gentilicische Erbrecht. Zu viel Werth 
wird auf CatuU. ad Manl. v. 121 — 124 gelegt; hervorzuheben ist aber 
die Erklärung von Cic. de orat. I, 39 auf S. 426 ff. — Um nun noch 
jinsre Ansicht über die Differenz zwischen Niebuhr und der alten zu- 
letzt von Göttling und Becker vertheidigten Erklärung hinzuzufügen, 
so habe ich schon im ersten Artikel (S. 40) gesagt, dass die Wahr- 
heit in der Mitte liege. Staatsrechtlich war Verwandtschaft keines- 
wegs ein nothwendiges Merkmal der gentilitas^ wie Niebuhr, Giraud 
u. a. gezeigt haben , allein trotzdem beruhten die nieisten gentes auf 
gemeinsamer Abstammung und waren nicht bloss politische Aggrega- 
tionen. Jedesfalls hatte die erste Eintheilung der gentes die natür- 
liche Grundlage der Verwandtschaft; denn wie könnte man eine so 
künstliche Zusammensetzung, wie sie die attischen yivri wahrschein- 
lich erst durch Selon empfiengen, auf die Urzeit des römischen Staats 
übertragen? Daher kam es, dass die meisten gentes von einem 
gemeinsamen Ahnherrn abstammten oder abzustammen glaubten , wenn 



Breda : die Centari«)nverfo8snng des Servias Tullias. 135 

• 

die Verwandtschaft auch nicht nothwendig war. Damm konnten nene 
Familien ohne Verwandtschaft zu bestehenden genies treten, so l. B. 
mochten sich neue Ankömmlinge an eine stammverwandte gen$ an- 
Bchliessen, oder es konnten einige Familien, welche wenig Häupter 
sfihlten/ zusammentreten, sich einen gemeinsamen Gentilnamen bei« 
legen und durch neugestiftete sacra als besondre gens constituieren. 

2) Tribus. In ausgezeichneter Weise werden diese behandelt 
von Th. Mommsen: die röm, Tribus in adminisiratwer ßeUehvng, 
Altona , Hammerich 18M. X und 232 S. Das 1. Cap. S. 1 — 58 Ver- 
fassung der Tribus. Steuer und Sold. Cap. 2. Die Tribus als Grund- 
lage der militfirischen und politischen Centurien S. 59 — 176. Cap. 3. 
Die Tribus der Kaiserzeit als städtische Corporationen S. 177 — ^208. 
Ueberrascheuder Scharfsinn, glänzende Combinationsgabe, umfassende 
Gelehrsamkeit verbunden mit schöner Darstellung sind dieser Schrift 
wie allen Arbeiten des Verf. in hohem Grade eigen. Ein näheres Ein- 
gehn ist überflüssig, da dieses Buch vielfach und gründlich bespro- 
chen worden ist, so von Preller in der AUgem. Litteraturztg. 1845 April 
Nr. 82 f., von Huschke in Richter-Schneiders krit. Jahrbüchern f. deut- 
sche Rechtswiss. Leipzig 1845 Jahrg. IX. Bd. 18. S. 581 — 644, von 
mir in der Zeitschr. f. d. Alterthumswiss. 1846 Nr. 127 f. und von Ger- 
lach in histor. Studien II. Basel 1847. S. 217-^226. 

Die dem Bromberger Gymnasialprogramm von 1848 vorausge- 
schickte Abhandlung von Breda: die Cemturienterfassung des Ser- 
f>ius TuUius, 22 S. 4 benutzt die Mommsensche Schrift als Ausgangs- 
punkt, um die Darstellung der reformierten Centurienverfassung daran 
zu knüpfen. Dieses Ziel hat der Verf. aber in dieser Abtheilung noch 
nicht erreicht, sondern er behandelt vorläufig die früheren Verhält- 
nisse in vier Capiteln. 1) Die vorservianische Zeit p. 2 — 4, 
wo behauptet wird, die dritte Tribus der Luceres seien Albaner, wel- 
che Tullus Hostilius den beiden früheren Tribus hinzugefügt habe (s. 
darüber unten bei Niemeyer de equit;). Darauf soll Tarquinins Pris- 
cus die genies dergestalt verdoppelt haben , dass er die durch Aus- 
sterben verminderten patricischen Familien in 15Curien (in jeder Tribus 
fünf) vereinigt und eine gleiche Anzahl neuer durch Aufnahme plebe- 
jischer Familien unter die Patricier gebildet hätte. Eine derartige 
Verdoppelung, die mit einer gänzlichen Umgestaltung der bestehenden 
Curien verbunden gewesen wäre, ist unvereinbar mit dem uralten rö- 
mischen Princip der Corporationserweiterung, nach welchem man 
*bei Ueberschreitung der alten Zahl nicht neue Abtheilnngen hinzu- 
fügte, sondern die Normalzahl der bestehenden überschritt', s. Momm- 
sen Tribus p. 133. 2) Die Tribuseintheilnng des Serv. Tul- 
lius p. 4r— 9. Hier nimmt der Verf. gegen Mommsen schon unter 
Serv: TuU. mit Recht 26 iribus rusticme an und lässt auch die Patri- 
cier wegen des Tributum u. s. w. in die Verzeichnisse der Tribus ein- 
geschrieben sein, aber die politische Aufnahme der Patricier in die 
Tribus wäre erst durch die XII Tafeln erfolgt, lieber diesen vermit« 
telnden Ausweg gilt dasselbe, was ich gegen Becker in diesen J^kcb^. 



136 Römische Alterthfimer. 

■ 

LXIII. S. 33 f. bemerkt habe, weshalb ich sogleich den weitem In- 
halt dieses Capitels erwähne, nemlich dass die Tribusvorsteher iden- 
tisch seien mit den iiihuni aerarii (nach Mommsen) und dass man spä- 
ter die Plebs in die Curien aufgenommen habe, damit alle Bürger 
durch einen gemeinsamen Gottesdienst enger verbunden würden. 
3) Die Classeneintheilung des Serv. Tullius p. 9 — ^16. Der 
Census wird nach Niebuhr und Mommsen auf den Grundbesitz basiert, 
das Steigen der Censussätze nach' Böckh angenommen, die 6. Classe 
nach Mommsen in 4 Abtheilungen geschieden (Legionarier von 11000 
— 4000 Asses oder ursprünglich von 2000—800 Asses, Classiarier von 
4000 — 1500, Froletarii von 1500 — 375 und capite censi unter dieser 
Summe), die Böckhsche Erklärung der in Beziehung auf den Census 
der 1. und 5. Classe abweichenden Angaben • verworfen. Böckh nem- 
lich glaubte , dass die für die 1. Classe differierend angegebenen Cen- 
sussätze von 100000, 110000, 120000 und 125000 Asses durch weitere 
Erhöhungen des Census zu erklären seien, während der Verf. diese 
Angaben ^ auf specielle Fälle ' bezieht und die Livianisohen Zahlen so 
lange für die allein giltigen hält, bis endlich die starke Erhöhung von 
100000 Asses auf 100000 Sest. vorgenommen worden wäre. Zugleich 
bemerkt Hr. B. , dass die 1. Classe zur Zeit ihrer Errichtung eine so 
bedeutende Bürgerzahl in sich geschlossen habe, dass dieselbe fast 
die Hälfte des politischen und Militärheeres gestellt hätte, indem er 
das dagegensprechende Zeugnis des Cic. (de rep. II, 22 iilarum au-- 
iem cet.) verwirft und auf Ciceros Zeit bezieht, weil, wenn Cicero 
Recht hätte , man sich kaum eine aristokratischere Staatsform denken 
könnte, als die demokratischen Principien huldigende Verfassung des 
Serv. Tullius (!). Sodann wird Mommsens Hypothese von dem Zusam- 
menfallen des militärischen und civilen Heeres für richtig erklärt, nur 
dass man in der Nachweisung der Identität nicht so ängstlich sein 
dürfe wie Mommsen. Da die Stärke der ältesten Legion 4200 Mann 
betragen habe, müsse man das militärische Heer von 4 Legionen zu 
168 Centurien oder 16800 Mann annehmen, während das civile Heer 
175 Centurien gehabt hätte, nemlich 80 Cent, der 1., 20 Cent, der 2., 
20 Cent, der 3., 20 Cent, der 4., 30 Cent, der 5. Classe, dazu 2 Cent. 
fabriy 2 Cent. Spielleute, 1 Cent, prolei,^ wonach 5 Cent, für das Ci- 
vilheer mehr herauskommen als für das Kriegsheer. . Nach Mommsen 
betrug die Differenz nur 2 Centurien, nemlich 168 und 170 Cent., wel- 
che derselbe durch eine Hypothese auszugleichen suchte , welche auf 
den accensi velati beruhte, aber in unbefriedigender Weise, weshalb 
sich der Verf. auch dagegen erklärt und behauptet, dass auf eine so 
scharfe Uebereinstimmung nichts ankomme, wenn nur beide Heere im 
wesentlichen nach demselben Princip gebildet worden wären. Man 
kann diese besonnene Aeusserung nur billigen, aber auf der andern 
Seite nimmt es der Verf. selbst zu genau und legt auf die ganze an- 
gebliche Identität des Civil- und Kriegsheeres, worin wir nur eine 
geistreiche überraschende Hypothese erblicken , einen viel zu hohen 
Werth. So z. B. hält er an der Zahl von 168 Centurien , welche nur 



Breda: die Centurienverfassung des Servius Tullius. 137 

durch zufälliges Zusammentreffen von Zahlen gewonnen worden war, ' 
fest und um diese zu behalten , will er den 4 Cent. Spielleuten und 
fabri keine Stelle unter den eigentlichen Centurien des Kriegsheers 
einräumen , obwohl er selbst sagt , dass sie dem Feldherr angehört 
hätten, und obwohl niemand glauben wird, dass die Römer ein Kriegs- 
heer gehabt hätten , in welchem die Musikanten und fabri nicht als 
organischer Theil desselben mitgezählt worden wären. Es steht fest, 
dass beide Heere dasselbe Princip der Organisation hatten und dass 
die militärischen Pflichten eng zusammenhiengen mit den politischen 
Rechten, aber ob man die Identität so weit treiben dürfe, um eine 
gleiche Eintheilung beider zu statuieren , muss man billig bezweifeln. 
So z. B; müsste nach Mommsen und Breda die 1. Classe 8000 Bürger 
gehabt haben , um 80 Centurien ins Feld stellen zu können, während 
die 2., 3. und 4. nur je 2000 gehabt hätte. Ein solches numerisches 
Ueber^ewicht der 1. Classe ist an sich aus innern Gründen sehr un- 
wahrscheinlich und lässt sich ebenso wenig mit dem von Hrn. B. nicht 
EU beseitigenden Zeugnis Ciceros, wie mit den militärischen Rück- 
sichten vereinigen. Da nemlich die Bürger der 1. Classe als Schwer- 
bewaffnete oder Fhalangiten des ersten Grades eine von den andern 
Classen abweichende Bewaffnung hatten , so ist schon militärisch od- 
denkbar , dass diese fast die Hälfte des ganzen Kriegsheers ausge- 
macht haben sollten. Auf das 4. Cap. über die Ritter werden wir 
unten S. 143 zurückkommen. Um noch unsere Meinung über die ganze 
Abhandlung auszusprechen, so ist sie nicht ohne Geschick und Takt ge- 
schrieben, wie aus manchen richtigen Bemerkungen, Urtheilen u. s. 
w. hervorgeht, aber im ganzen ist der aus der Schrift erwachsene 
Gewinn gering anzuschlagen. Wenn sie, wie Hr. B. sagt, eine Revision 
des Gegenstandes nach Mommsen liefern sollte, so brauchten die von 
ihm als richtig angenommenen Resultate nur kurz angegeben sa wer- 
den , über das nähere konnte er auf Mommsen und Böckh verweisen 
(z. B. über die trib. aerarii, Censussätze, 6. Classe, Stärke der älte- 
sten Legion etc.), dadurch hätte er Flatz gewonnen bestrittene Punkte 
ausführlicher zu beleuchten und eigne Yermuthnngen oder Widerle-. 
gnngen fremder Ansichten umfassender zu behandeln. Dagegen ver- 
fährt Hr. B. ganz umgekehrt und verweilt bei manchen als richtig be- 
kannten oder von ihm adoptierten Ansichten längere Zeit, während er 
schwieriges und bestrittenes nur kurz und flüchtig berührt, z. B. die 
Frage über die Luceres , die Stellung der Patricier in den Tribns und 
die Aufnahme der Plebs in die Curien , die Verdopplung der gentes 
durch Tarq. Priscus , die Abstimmung der VI suffragia nach der ersten 
Classe u. a. Mit grosser Kürze und Eilfertigkeit sind viele zum Theil 
sehr schwere und bestrittene Beweisstellen bebandelt, so dass sich 
auch hierin die Flüchtigkeit zeigt, mit welcher Hr. B. zu Werke ge- 
gangen ist. Endlich ist als Uebelstand zu erwähnen, dass Hr. B. sich 
mit der Litteratur nicht gehörig bekannt gemacht hat und dadurch 
mancher wichtigen Ideen , Bemerkungen u. s. w. verlostig gegangen 
ist, die auf ihn nicht ohne Einfluss geblieben sein würden. So ^. ^. 

A. Jakrb, f PAU. u. Pitcd. Bd. LXY. Hft.l. '^Ä 



138 Römische Alterthümer. 

sind Hrn. B. ganz entgangen: Beckers röm. Alterthümer, Peters Epa- 
chen and Abhandl. über die 6. Classe, Zumpt und Rubino über die 
Ritter , was allerdings &u verwundern ist. 

3) Patricier, Plebejer, dienten. Hieher gehören zwei 
durch eine Aufgabe der Akademie zu Brüssel veranlasste Arbeiten : 
A. Hennebert: histoire de la lutte entre le$ patriciens et les ple- 
biiens ä Rome depuis Pabolition de la royaute jusqu^ä la nomina- 
tion du Premier consul pleb. Gand 1845 und H. Schuermans: 
hi$L etc. Bruxelles 1845, s. diese Jahrbücher LVIII. S. 426, wo be- 
reits bemerkt worden ist, dass die erste Schrift der zweiten viel vo- 
luminösem in Beziehung auf historischen Takt, Kritik und Darstel- 
lung bei weitem vorzuziehn sei. Beide Verfasser theilen den Stoff in 
4 Perioden, die erste bis zur Wahl der Yolkstribunen, die zweite bis 
auf die Gesetze des Publilius Volero, die dritte .bis zur Wiederher- 
stellung des Consulats 306 a. u., die vierte bis zur Licinischen Gesetz- 
gebung, auch trennen beide in jeder Periode die position politique 
des deux ordres und recit de la lutte in zweckmässiger Weise. Neue 
Ideen und Resultate dürfen wir in diesen Schriften allerdings nicht 
suchen , um so weniger da sie sich eng an die deutschen Forschungen 
von Niebuhr, Huschke, Peter, Göttling u. a. anschliessen , allein sie 
legen von dem Fleiss , mit welchem die historisch-philologischen Stu- 
dien in Belgien betrieben werden , ein günstiges Zeugnis ab und ma- 
chen den Universitätslehrern, namentlich dem tüchtigen Prof. Roulez 
alle Ehre. — lieber die Clientel ist eine besondere Schrift seit 
1840 nicht erschienen, Beckers Ansicht darüber haben wir im 1. Ar- 
tikel S. 31 f. besprochen. 

4) Bürger, Latini, Fremde. Einen Beitrag zur Würdigung 
der röm. Civität gibt 0. G. Zumpt: über die persönliche Freiheit 
des röm. Bürgers und die gesetzlichen Garantien derselben. Darmstadt, 
Lange 1846. 54 S. 8, worin der Verf. die Schutzmittel der Bürger ge- 
gen den Misbrauch der obrigkeitlichen Gewalt behandelt. Es sind 
4 Punkte: l) die Controle der Staatsbeamten untereinander, vermöge 
des Grnndstitzes : par maiorve potestas plus valet; 2) das Recht der 
-Provocation an das Volk, wo Z. mit Recht die Provocation gegen die 
Dictatur in Schutz nimmt. Ueberhaupt geht Z. von der Idee aus, dass 
die Volkstribunen ursprünglich nichts weiter als Vermittler derProvoc. 
gewesen und dieses wesentlich auch später geblieben seien, und ge- 
langt zu demHauptresuhat: gegen alle Decrete eines Nagistratus und alle 
Strafen, die er vermöge seiner Amtsgewalt auflegte, wäre provocatio 
ad populum zulässig und die Tribunen hätten über die Giltigkeit der- 
jelben entschieden. Gegen richterliche Erkenntnisse aber wäre nicht 
provoeiert worden, denn das Volk hätte in Criminalsachen selbst ge- 
richtet und bei Civilsachen könnte man nur gegen die Handlungen des 
Praetor in iure provocieren. In diesem Satze ist wahres mit falschem 
vermischt, vorzüglich unrichtig ist die Identificierung des tribunici- 
sehen auxilium mit der praeocatio. Beide Institute sind durchaus ver- 
schieden und nur zuweilen kam es vor, dass die Tribunen gerufen wur- 



Bierregaard: de libertinornm hom. condit. lib. republ. Aom. 1S9 

den , om der eingelegten Provocation die nöthige Berflcksichtigung su 
verschaffen. Ob aber die Provoo. giltig sei, hatten die Tribunen nie- 
mals zu entscheiden, sondern nur etwa darüber, ob sie dieselbe durch 
ihr auxilium unterstützen wollten oder nicht. Das Hilferecht der Tri- 
bunen ist ein seibsitändiges Recht, welches bei vielen Gelegenheiten 
hervortrat und nur am seltensten in Provocationsfällen angewendet 
wurde. In Civilsachen ist Provoc. ganz unmöglich u. s. w. Da der 
g«nze Gegenstand in neuerer Zeit vollständig behandelt worden ist, 
90 werden wir bei den Tribunen wieder darauf zurückkommen. Als 
3. Punkt wird aufgeführt, dass de capite civium das Volk selbst zu 
Gericht sass und dass den angeklagten das ius exulandi zustand. 
Endlich 4) folgen die gesetzlichen Milderungen der Leibesstrafen und 
das Verbot der Hinrichtung. Ganz neu ist die Auffassung der dritten 
lex Porcia, welche nichts von der Provoc. und der Todesstrafe, son- 
dern nur das Verbot der Ruthenstreiche enthalten haben soll. Diese An- 
sicht verträgt sich aber weder mitCiceros Aeusserung über die Identität 
der 3 leges Porciae , noch mit Liv. X, 9 si quis verberasset necassetve 
cif>em Rom. Die Bedeutung der leges Porciae im Verhältnis zu den 
leges Valeriae de provoc. habe ich bei Pauly IV. S. 992 f. gezeigt und 
meine Ansicht ist von Marqnardt in Beckers röm. Alterthümern II, 3. 
S. 150 gebilligt worden. Vortrefflich handelt aber Z. von dem Ueber- 
gange der Todesstrafe zur aquae et ignis interdicHo und von der Be- 
deutung der letztern. Eine auffallende Behauptung findet sich S. 49, 
dass die auf der That ertappten und eingeständigen Verbrecher, wel- 
che Bürger gewesen wären, von den Magistraten sogleich hätten ge- 
tödtet werden können , welche sehr beschränkt werden mnss. Ueber- 
haupt ist diese Abhandlung unter den zahlreichen und trefflichen Ar- 
beiten des um die Wissenschaft und um die Schule hochverdienten 
fleissigen Forschers, welcher uns zu früh entrissen worden ist, den 
weniger bedeutenden zuzuzählen. 

lieber die Zwischenstufe der Latinität ist nur ein neuer Abdmek 
der bekannten Abhandlung von S a v i g n y : Entstehung der Latinität 
in seinen vermischten Schriften I. Berlin 1850. S. 14—28 zu erwäh- 
nen. Daran schliesst sich ein Theil der Abhandlung über die Taf^ 
eon Heraclea^ ebendas. III. S. 293 — 304, mit wenigen Nachträgen. 
Die unwahrscheinliche, aber vielbesprochene Hypothese Savignys eines 
Latium maius und minus nebst der Emendation Cio. p. Caec. 35 ist zu- 
letzt behandelt worden von A.W. Z u m p t Camment, epigr. p. 233 und 
Marqnardtin der Fortsetzung von Beckers Alterth. III, 1. S.39ff. Die 
Erklärung vonNitzsch, die Gracchen, Berlin 1847. S. 94 ff. 107 f. 
199 f. wird auch von Marqnardt als nnhaltbar bezeichnet. 

5) Freie, Freigelassene und Sklaven. Durch fleissige 
Sammlung des Materials und richtiges Urtheil empfiehlt sich J. B. F. 
Bierregaard: de libertinornm hominum conditione libera republica 
Rom. Hauniae Tengnagel 1840. 72 S. 8. Mit Hilfe dieses Schrifl- 
ehens hätte ich den Artikel Libertus bei Pauly IV. S. 1027 ff. an meh- 
rern Stellen ergänzen können, obwohl auch umgekehrt «ui« 4ft.\BaK^^^>L 



140 Rtaiicbe Alterlhamer. 

manohes bei Bie'rr. nachzutragen wäre. Das L Cap. p. 3 — ^27 behan- 
delt die verschiedenen Arten der feierlichen und unfeierlichen Mann- 
mission, sowie die Benennungen libertus und liberiinus, Zn bemerken 
ist p. 19 f. die richtige, obwohl nicht neue Interpretation von Cic. ad 
Att. VII, % wo manche eine unbedingte revocatio $n sertituiem ange- 
nommen hatten. Cap. IL p. 27 — ^2 umfasst die Rechte des Patron, 
nemlich §. 1 de obsequii officiis libertorum (die Pietatspfiicht) , §. 2 
de impositis libertatis causa (die versprochenen operae, häusliche 
Dienste u. s. w.), §. 3 de testamentis libert. Cap. III. de eonditione 
eivinm libertin. p. 42 — 72. Am ausführlichsten und sorgfältigsten wird 
das Stimmrecht der Lib. besprochen p. 42 — 61. Sehr wahrscheinlich 
ist die Yermuthung, dass der Censor Appius Claudius 442 den Liber- 
tinen nicht etwa die Erlaubnis gegeben habe, in jede beliebige 
Tribus einzutreten , sondern dass er ihnen gestattete , sich in der Tri- 
bns ihrer Freilasser (also auch in den rusticae) einschreiben zu las^ 
sen (ebenso Marquardt bei Becker II , 3. S. 47). Auch die desperate 
Stelle Liv. XLV, 15 (s. p. 49 f.) soll sich auf diese Bestimmung mit 
beziehn und ebenso alle spätem Gesetze, so dass nicht bloss die pri- 
vilegierten Freigelassenen (welche diesen Vorzug seit App. Claudius 
hatten), sondern alle andern in der Tribus ihrer Patrone hätten aufgenom- 
men werden dürfen. Besonders verdienstlich ist p. 51 — 61 die Be- 
seitigung des Irthums über lex Clodia, welcher durch Peyron und 
Beier in die meisten Lehrbücher und Ausgaben Ciceros übergegangen 
war, nemlioh dass die factisch freien (seret qui in Übertäte maraban^ 
iur) durch das genannte Gesetz dasselbe Recht erhalten sollten wie 
die förmlich freigelassenen. Die Nichtigkeit dieser Hypothese wird 
Oberzeugend dargethan und das Wort servi bei Cic. p. Mil. 33 mit 
Recht als rhetorische lieber treib ung für Hberti erklärt (das letzte er- 
kannte auch Halm in seiner Ausgabe S. 76). Nicht so befriedigend 
sind die folgenden §§. über das ius bonorum, Kriegsdienst, conu- 
bium und vitae genera der Freigelassenen , wo sich vieles hinzufügen 
Hesse. — In den Annali delP instit. di corr. arch. XII. p. 157 — 160 
spricht Göttling von der Darstellung der Manumission auf 2 Seulp- 
loren, wo er glaubt, dass bei der manumissio tesiamento noch ein 
feierlicher Act durch den Praetor (eine Art von vindictd) habe statte 
finden müssen. Ans Tac. Ann. XIII, 27. 32 ist diese Vermuthung we- 
nigstens nicht zu beweisen. 

6) Equites. Kein Institut des römischen Staatslebens hat in 
kurzer Zeit so ausgezeichnete Bearbeiter gefunden, als die Ritter- 
schaft, für deren Erkenntnis mit den gleiclizeitig erschienenen Ab- 
handlungen von Zumpt und Marquardt eine ganz neue Aera begann. 
Die Schrift des verewigten C. G. Zumpt: über die röm. Ritter und 
den Ritterstand in Rom (aus den Abhandl. der Akademie der Wissen-. 
Schäften). Berlin, Dttmmler 1840. 49 S. 4 hat einen vorwiegend an- 
tiquarischen Charakter , die von J. Marquardt: Historiae equitum 
Rom. librilV, Berol. Trautwein 1840. 98 S. 4 (Buch I: die Ritter 
anter den Königen; Buch 11: von den Gracehen bis Angostus; Bach III: 



Rubino : über d. Verhältnis d. sex saffr xar röm Ritterschaft 141 

unter Aagustas; Buch IV: Untergang des Ritterstandes) einen mehr poli* 
tisch'historischen Charakter und beide ergftnzen sich gegenseitig viel- 
fisch. Das bleibende Verdienst beider Männer besteht darin, die e^nt- 
ies der verschiedenen Zeiten und verschiedenen Arten sorgfältig von- 
einander geschieden und den Entwicklungsgang dieses Instituts klar 
gezeigt zu haben. Sie haben bewiesen, dass die Ritter der ältesten 
Zeit eine wechselnde Dienstclasse bildeten , dass sie erst seit den 
Gracchen als ein bleibender Stand des Volks auftraten und dass sie 
in der Kaiserzeit allmählich zu einer bedeutungslosen städtischen 
Rittp.rcorporation herabsanken. Einer speciellen Darstellung und Kri- 
tik bin ich um so mehr überhoben , je allgemeinere Anerkennung die 
gewonnenen Resultate gefunden haben und je vollständiger bereits in 
Recensionen und Büchern diejenigen Partien behandelt sind, in denen 
man von dem einen oder andern abweichen muss, z. B. von Grauer 
in d. Zeitschr. f. d. Alterthumswiss. 1841 August S.829 — 847, von Peter 
Epochen S. 247 — ^260, von Becker Alterthümer II, h S. 335 — ^290, end- 
lich auch in diesen Jahrb. XXIX. S. 4ä3 ff. 

Etwas länger muss ich bei den neusten Untersuchungen ver- 
weilen. In der Zeitschr. für d. Alterthumswiss. 1846 Nr. 27 — 30 (auch 
besonders in 8 abgedruckt, 39 S.) erschien ein Aufsatz von J. Ru- 
bino: über das Verhältnis der sex suffragia zur römischen Ritter^ 
Schaft, Davon ausgehend, dass bei den Alten gewöhnlich nur 12 Rit- 
tercentnrien vorkommen , sucht Rubino mit Hilfe des Festus p. 334 M. 
sex suffragia — quae sunt adiectae ei numero centuriarum^ quas 
Priscus Tarq. rex constituit und des Liv. I, 43 equitum ex primaribus 
civitatis XU scripsit centurias. Sex item alias cent, trihus ab 
Romulo institutis sub iisdem quibus inauguratae erant^ nominibus 
fecit (wo die XII als vornehmste zuerst genannt wären mit dem 
Ausdruck scripsit für neue Ordnung der bereits bestehenden Ritter- 
schaft im Gegensatz zu fecit ^ welches ein neu eingeführtes Institut 
bezeichne) den Unterschied zwischen den 12 Centurien und den 6 Snf- 
fragien so zu bestimmen, ^ dass die XII Cent, diejenigen reichen Bür- 
ger enthielten , welche das Staatsross wirklich besasscn, die VI Suffr. 
hingegen solche , welche zum Empfang desselben durch ihr Vermögen 
— zwar fähig und verpflichtet waren , sich aber nicht in dem Besitz 
desselben befanden.' Demnach dienten die erstem wirklich zu Boss 
mit allen daran geknüpften Vor theilen, Lasten, Ehren und wurden die 
eigentlichen cent. eq. genannt; die andern standen nur neben ihnen 
wegen ihres Vermögens und als die Körperschaft, woraus die Reihen 
derselben beständig ergänzt wurden , sie bildeten blosse ihnen zuge- 
ordnete Stimmcenturien und hiessen daher VI suffr. Die 12 Cent, ent- 
standen nach Rubino durch Serv. Tullius, indem er die 3 Romulisohen 
Tribus, welche seit Tarquinius Priscus in 6 Hälften (Ramn. Tit.Luoeres 
primi et post.) zerfielen und welche 6 Hälften später turmae genannt 
wurden , in 12 Centurien zerlegte , so dass jede Turme 2 Centurien 
hatte. In der republicanischen Zeit wäre die politische Bedeutung 
vorwiegend gewesen und deshalb habe man stets die oeiaU^^^^^^^^»^' 



142 Römische Alterthamer. 

in der Kaiserzeit hätte der Name iurma vorgeherscht u. 8. w. Die 
Theorie ist an sich vortrefüich und hat eine grosse innere Wahr- 
scheinlichkeit, so dass ich dieselbe bei der ersten Prüfung für richtig 
hielt, wie es auch andere gethan hatten, namentlich Gerlach histor. 
Studien II. S. 207 — 216, Haltaus Geschichte Roms im Zeitalter der 
pnn. Kriege. Leipzig 1846. S. 557 — 575, J. Becker in der Zeitschr. für 
cL Alterthumsw. 1850 Nr. 3 f. und Mercklin die Cooptation S. 46 ff. 
Namentlich wurde ich durch Festus 1. 1. gewonnen (indem bei Rubinos 
Erklärung die von mir versuchte und vielseitig gebilligte Emendation 
effectae e statt adteciae nicht nothwendig war), ebenso durch die 
Aeusserung Cic. de rep. II, 20 equüatum ad hunc morem constüuit, 
qui usque adhuc est retentus^ welche für Rubino spricht. Später 
drängten sich mir manche Bedenklichkeiten auf, welche ich nicht zu 
beseitigen vermochte, so dass man die Acten über diese Differenz 
noch nicht für geschlossen erklären darf. Am schwierigsten ist Liv. 
1,36 n)it Rubino zu vereinigen: neque tum Tarquinius de equitum 
centuriis quicquam mutavit^ numero tantum altemtn adiecit^ ut mille 
et ducenti eq, in tribus centuriis essent (^posteriores modo sub iisdem 
nominibus qui additi erant appeüati sunt) , quas nunc quia gemina- 
tae sunt sex vocant centurias. Zwar bezieht Rubino S. 32 quas nunc 
auf posteriores und übersetzt: ^welche (neu hinzugefügten) Ramn. 
Tit. Luc. posteriores man jetzt sechs Centurien nennt , weil sie (nem- 
lieh durch Serv. Tullius) verdoppelt (oder wohl besser in zwei Hälf- 
ten zerlegt) sind.' Grammatisch ist diese Construction zulässig, allein 
der gewonnene Sinn verträgt sich nicht mit Liv. I, 43 noch mit dem 
Zusammenhange überhaupt, da die Worte sex vocant centurias offen- 
bar mit in tribus centuriis in Beziehung stehn und da geminatae 
(was nicht heissen kann in zwei Hälften zerlegt) nicht auf eine an- 
dere gar nicht genannte , sondern auf die eben erwähnte Verdopplung 
(tantum alt, adiecft) bezogen werden mnss. Endlich würden sich 
.nach Ruh. nicht 12, sondern nur 9 Centurien ergeben, da nicht die 
geringste Andeutung vorhanden ist, dass auch die priores in 6 Cen- 
turien getheilt wären. Unter solchen Umständen ist es weit einfacher, 
posteriores *-^ sunt in der gewohnten Weise des Livius als Pa^ 
renthese aufzufassen (die Zahl der Centurien blieb zwar dieselbe, 
aber die neu aufgenommenen wurden doch wenigstens durch den Na-« 
meti post, unterschieden) und quas auf trib, cent, zu beziehn, denn 
Livius will zeigen, wie statt der drei je aus zwei Hälften bestehen- 
den Centurien eine andere Benennung, nemlich sex cent. oder suffra- 
gia aufgekommen sei , während sie früher Ramn, priores und post, etc. 
liiessen. ^— Was nun Liv. I, 43 betrifft, so ist auf den von Ruh. ge- 
machten Unterschied zwischen scripsit und fecit kein solches Ge- 
wicht zu legen , denn scripsit heisst nur : er hob aus , wie Liv. 1, 13. 
XXXVI, 2. XLIII, 4 und es ist nicht zu erkennen, ob damit eine schon 
bestehende oder erst begründete Einrichtung angedeutet werden soll ; 
fecit aber bezeichnet nicht die Aushebung, sondern die Einrichtung 
dieser Centurien selbst und ist daher ebenso zweifelhaft. Ferner sind 



Breda : die Rittercenturlen. 14S 

die primores nicht geradezu die vornehmsten, sondern es kann 
auch heissen die reichsten, da das Wort ganz allgemein ist, s. Lir. 
II, 1 vergl. Dion. IV, 18. Endlich ist merkwürdig, dass die neuen 
angeblich plebejischen 6 Rittercenturlen auch die Namen der alten Tri- 
bns erhalten haben sollen , während bei den 12 zuerst genannten Cent, 
nichts davon gesagt wird, was doch so nahe lag, wenn es der Fall 
gewesen wäre. Ein anderes Bedenken erregt Liv. XLIII, 16, wo man 
annehmen müsste , dass die patricischen Rittercenturlen (die XII wah-' 
ren Cent.) den angeklagten Censor verurtheilt hätten , was höchst nn- 
wahrscheinlich ist , s. Peter Epochen S. 60 f. Diese wenigen Be- 
merkungen mögen genügen , um zu zeigen , dass der plebejische und 
supplementäre Charakter der VI sufFragia und der patricische der an- 
dern XII Cent, doch noch nicht so ausgemacht ist, wie es mir und 
andern, durch die geistreiche und scharfsinnige Argumentation Rubi- 
nos hingerissen , früher erschien. Eindringendere Besprechungen die- 
ses interessanten Gegenstandes werden hoffentlich nicht ausbleiben. 

Das oben angegebene Programm von Breda behandelt im 4. Ca- 
pitel die Rittercenturien p. 16—22. Tullus Hostilins soll durch Bil- 
dung einer dritten Rittercenturie aus den albanischen Luceres die Zahl 
der Ritter auf 9Ö0 gebracht haben, was nicht zuzugeben ist, denn in 
der ältesten Zeit enthielt die Centurie dem Namen gemäss nur 100 Rit- 
ter, nicht 300, abgesehn von andern Gründen; sodann soll Tarquinius 
Priscus die bestehende Zahl von 900 Rittern verdoppelt haben , so dass 
nun 1800 Ritter in 3 Doppelcent, gewesen wären. Serv. Tullius hätte 
aus diesen die 6 patricischen suffragia gemacht und dazu 12 plebeji- 
sche Cent, gefügt. An diese Resultate knüpft Hr. B. 4 besondere 
Punkte: l) dass die 6 suffragia nicht die einzigen Centurien für die 
Patricier gewesen wären (gegen Niebuhr, und mit Recht, allein die 
Sache ist nicht neu, s. Pauly Realencycl. III. S. 211); 2) dass der 
Rittercensus viermal höher und der senatorische Census achtmal höher 
als der der 1. Classe gewesen wäre (ebenso schon Zumpt und Mar- 
quardt; dass aber die Senatoren ursprünglich keinen besondern Cen- 
sus hatten, ist ziemlich ausgemacht, s. Pauly Realencycl. VI. S. 
1001); 3) die Rittercenturien halten 2 Theile enthalten, seniores und 
iuniores, letztere für den Dienst, erstere nach vollendeter Dienstzeit, 
namentlich Senatoren , bis zu der Zeit der Gracchen den Senatoren das 
Ritterpferd genommen und die seniores aus den Rittercent. ausge- 
schieden worden wären (factisch waren allerdings seniores unter den 
Rittercent., aber diese Cent, können nicht in seniores und iuniores 
getheilt gewesen sein, da die Ritter eigentlich iuniores sein mussten und 
zum Dienst bestimmt waren); 4) was die Zahl der Ritter in den 18 
Cent, betrifft , so sagt Hr. B., man müsse zwischen denen unterschei- 
den, welche nach ihrem Vermögen unter die Ritter gewählt worden 
wären und deren Zahl nicht zu bestimmen sei, und zwischen denen, wel- 
che wirklich Kriegsdienste gethan und das Staatsross gehabt hätten, deren 
Zahl 1800 betragen habe. Dieser Unterschied ist neu, aber ganz nn- 
begründet, denn jeder in die 18 Cent. ^uC^QaQ«L^0Dk»<Ok^ ^\\ks^ ^ss^ 



144 Römische Alterthümer. 

equus publicus , was das charakteristische Merkmal aller Equites war. 
Darum erklärt Paulus D. p. 81 M. equitare durch equum publicum me- 
rere. Auch widerspricht sich Hr. B. selbst, denn er hat eben erst 
gesagt, die Senatoren hätten bis auf die Gracchen das Ritterpferd be- 
halten, und jetzt beschränkt er dasselbe auf die wirklich dienstthnen« 
den Ritter. Wahrscheinlich hat Hr. B. die Zeiten verwechselt und 
nimmt in der ersten Zeit, in welcher die Ritter nur eine wechselnde 
Dienstclasse waren, neben diesen noch andere wegen ihres Vermö- 
gens sog. Ritter an, welche einen bleibenden Stand bildeten. Dieses 
geschah aber erst seit den Gracchen. Auffallend ist endlich, dass 
Hr. B., nachdem er 1800 Ritter schon vor Serv. Tullius gelten lässt 
(was übrigens nicht richtig ist), jetzt nach der Constituierung von 12 
neuen plebej« Centurien diese Zahl nicht vermehrt, sondern unver- 
ändert festhält. Richtigeres über die Zahl der Ritter s, bei Zumpl 
S. 11 f. und Marquardt p. 13. Wir sehn also, dass auch dieses 
f. Cap. nicht geeignet ist, unser über diese Schrift schon oben ge- 
fälltes Urtheil irgendwie abzuändern. 

Die neuste Schrift von K, Niamey er: de equitibus Rom, com- 
mtnL hi'stor, Gryphiae Koch 1851. 93 S. gr. 8 *) kündigt sich in 
der Einleitung selbst als einen Nachtrag zu den Untersuchungen von 
Zumpt und Marquardt an, um einige streitige Punkte zur Erledigung 
EO bringen oder andere nur kurz berührte ausführlicher zu bespre- 
eben. Bedeutende neue Resultate werden nicht gegeben , aber in der 
Behandlung und Vermittlung der entgegengesetzten Ansichten zeigt 
der Verf. dieser Erstlingsschrift ein gutes Urtheil und richtigen Takt, 
80 da^s man ihm in den meisten Fällen beistimmen muss , wenn er 
ßich is^gtjfk oder für einen streitigen Satz entscheidet. Zu bedauern 
ist, dass Hr, N. die neuere Litteratur nicht vollständig gekannt hat, 
80 z. B. ist ihm die wichtige Abhandlung von Rubino über die VI suf- 
fragia ganz entgangen, desgleichen Merklin die Cooptation (nament- 
lich S. 43 ff.), Roulez obss. sur divers points etc. p. 9 — 22 und die 
eben genannte Abhandlung von Breda. Aber auch bei einzelnen Ma- 
terien würde die Kenntnis einiger neuen Arbeiten von grossem Ein- 
illuss auf die Untersuchung gewesen sein , wie wir unten sehn werden. 
Cap. I. p, 7 — 37 d}e Rittercenturien vor Servius Tullius« 
E8 wird behauptet, dass ursprünglich nur 200 eq, gewesen wären aus 
den beiden ältesten Tribus der Ramnes und Tities, erst Tullus Ho- 
stilius habe die dritte Centurie aus den Luceres hinzugefügt, Die Lu- 
ceres seien identisch mit den neu aufgenommenen Albanern und die 
10 neuen Türmen des TulliqsHostiliu3 wären gerade die 100 albanischen 
Ritter. Der Stamm der Luceres oder Albaner habe später durch Tarq. ' 
Priscus die volle Gleichberechtigung (|m Senat n. s. w.) mit den bei- 



'*') Nach Absendnng des Mscr. sind mir zwei andere Recensionen 
bekannt geworden , die eine von Lange in den Gotting. gel. Anz. 1851 
November Nr. 188—191, die andere von Hertz in der ^eitschr, f. die Al- 
^erthamswisfl, 1852 Nr. 23. 24. 



Nieineyer: de equilibiis Rom. comment. histor. 145 

den andern Tribus erhalten. Der etraskische Ursprang der Luceres 
wird ganz verworfen, weil die erste etrurische Colonie nicht frühttr 
als anter Tarq. Priscus nach Rom gekommen sei und deshalb mit den 
früher dagewesenen Luceres nicht identificiert werden könne. Das 
Wort Luceres aber stamme weder von Lucumo noch von Lucus ab, 
sondern sei unbestimmten Ursprungs. Gegen diesen die Luceres be- 
treffenden langern Excurs p. 9 — ^26 erheben sich viele Einwürfe, 
von denen ich nur einige kurz berühren will. Es wäre doch sehr 
wunderbar , wenn die Stiftung der dritten Tribus unter Tullus Hostilios 
Yoa allen Schriftstellern mit Stillschweigen übergangen worden wfire, 
da die Erwähnung so nahe lag, z. B. bei Liv. I, 30. rAuch könnte, 
wenn diese Tribus eine neue Schöpfung war, der Name Luceres nicht 
so unsicher sein. Ferner würde nach Niemeyers Theorie Roms Ait- 
bürgerschaft zu % aus Latinern (da Ramnes und Luceres Latiner ge- 
wesen waren) und zu % aus Sabinern bestehn, mit völligem Aus- 
schluss der Etrusker, wogegen ebenso die Quellenzeugnisse wie innere 
Gründe sprechen. Wie wollte man z. B. den uralten etruskischeu 
Einfluss im römischen Staats- und Rechtsleben ohne eine etruskische 
Einwanderung erklären? wie hätte ein König dieses Stammes (Tarq. 
Prise.) erwählt werden können, bevor noch Etrusker in Rom aufge- 
nommen waren? u. s. w. Viel einfacher lösen sich die Schwierig- 
keiten durch die Annahme einer doppelten etruskischeu Colonie in 
Rom unter Romulus und unter Tarq. Prise. , worüber ich der Kürze 
halber nur auf Pauly IV. S. 1159 f. verweise. Auch Nagelö Studien. 
Schaffhausen 1849. S. 510 ff. hat diese Hypothese vertheidigt *), Noch 
habe ich nicht erwähnt, dass sich der Verf. in Beziehung auf die 
Zahlenverhältnisse der equites in grosse Schwierigkeiten verwickelt, 
wenn er bis auf Tarq. Prise, nur 300 eq. annimmt (abgesehn davon, 
dass die 10 Türmen der Albaner doch unmöglich nur 100 Ritter be- 
tragen konnten). Er glaubt nemlich , dass erst Tarq. Priscus die bis- 
herige Zahl von 300 verdoppelt und 600 eq. erkürt habe, ohne zu be- 
denken, dass beide Zahlen, namentlich aber die erste, viel zu klein 
waren im Verhältnis zu der gewachsenen Anzahl des Volkes und zu 
dem Bedürfnisse des Kriegs. Die Autorität desCic. de rep. 11,20 wird 
ganz verworfen (p. 30 — 37) und obwohl der Verf. die Conjecturen 
anderer, z. B. Zumpts, mit Glück und mit Geschick beseitigt, so kann 



'*')Bei dieser Gelegenheit sind zwei andere neue Ansichten nber 
die Luceres zu berühren. Schömann de Tullo Host, rege Rom. 
Grypb. 1847 sagt mit kühner Combination, dass Tüll. Host, der erste 
König etrurischen Geschlechts gewesen und dem dritten Stamm der 
nralten Luceres angehört habe. Diese Luceres seien die nach Rom 
gezogenen Albaner gewesen — aber doch Etrusker, denn Alba hatte 
wie Rom 3 Tribus gehabt, und von diesen sei nur die etruskische 
nach Rom gezogen, in der neulich erschienenen Abhandlung von A, 
Zinzow de Pelasgicis Rom. sacris. BeroK 1851, p. 5 heisst es, dass 
die Luceres Pelasger gewesen, da man alles Pelasgische den Etrnskern 
angeschrieben habe. 



146 Römische AUerthamer. 

man doch ebenso wenige seiner eignen Ansicht beipflichten. Er be- 
hauptet, Cicero könne nur von einer zweifachen Verdopplang ver- 
standen werden und der Text sei verdorben, weshalb er eine kühne 
Transposition vorschlägt und den Satz nee potuü — Navius non erat 
vor die Worte sed tarnen versetzt, worauf dann folgen soll: priori- 
bu$ eq, partibus secundis additis numerum duplicavit ac mille 
d9centos fecit eq,^ postquam hello subegit Aeq, tnagnam genlem^ 
über welche Kritik ich nichts zu bemerken brauche. Capitel IL 
Die Einrichtung des Servius Tullins p. 38 — 54. Aus 
den 3 alten' der Zahl nach von Tarquinius verdoppelten Tribus 
machte Serv. TulHus, wie Hr. Niem. fortfährt, die sog. sex sufTragia 
derPatricler, d. h. er machte aus 3 Tribus zu je 200 eq. nun 6 Centurien 
zu je 100 eq., aber nicht diese allein enthielten die Patricier, wie er 
richtig gegen Niebuhr u. a. zeigt. Zugleich wurden von Serv. Tullius 
noch 12 Centurien aus den reichsten Plebejern gebildet. Hierauf han- 
delt der Verf. von dem aes hordearium und equestre^ wo er Böckhs 
Reduction auf | der spätem Summe gegen Zumpt, welcher bis auf ^^^ 
reduciert ,' in Schutz nimmt, sodann von der Rückgabe des aes eque- 
stre nach vollendeter Dienstzeit, wo ebenfalls die richtige Meinung 
angenommen wird, und zuletzt von der Frage, wie lange die Ritter 
in den Centurien blieben und das Staatsross behielten, die nach Mad- 
vigs Vorgang entschieden wird. Cap. III. Von Servius Tullius 
bis auf die Gracchenp. 54 — 66. Nach einigen Vorbemerkungen, 
dass auch in die 12 Cent. eq. viele Patricier in den ersten Zeiten der 
Republik gewählt worden wären und dass die equites deshalb immer 
auf der Seite der Patricier gestanden hätten , wird die Entstehung der 
equites equis pr,'eatis berichtet, sowie der Verlust der praerogativa, 
welche die Ritler bei der grossen Verschmelzung der Centuriat- und 
Tributcomitien einbüssten. In Bezug auf die politische Stellung der 
equites als ' publicani erklärt sich der Verf. für Peter gegen Mar- 
quardt, dass alle Ritter, sowohl die Staatsritter als die publicani, bis 
auf die Gracchen zur Senatspartei gehörten. Cap. IV. Die Grac- 
chenp. 67 — 79. Zuerst finden wir eine gute Erklärung des Plebi- 
scits bei Cic. de rep. IV, 2 im ganzen nach Madvig, sodann die durch 
lex Sempronia bewirkte Richterveränderung mit einem Ueberblick 
über die gesammte alte Justizpflege, wo wir nur herausheben, dass 
der Verf. auch alle Privatsachen von den iudices selecti entscheiden 
lässt p. 78. (S. 76 ist ein entstellender Druckfehler stehn geblieben : 
decemviri perduelL), Cap. V. Bis zum Ende der Republik p. 
80 — 93. Den Hauptinhalt dieses Capitels bildet eine gedrängte Schil- 
derung der leges iudiciariae^ wo die alten Ansichten über lex Ser- 
vilia Caepionis und lex Servilia Glauciae sowie über lex Livia wie- 
derholt werden, was wohl nicht geschehu wäre, wenn der Verfasser 
Mommsens Abhandlung über diesen Gegenstand und Zumpts Vorträge 
über die Repetunden gekannt hätte. Den Beschluss bilden einige Be- 
merkungen über die trihuni aerarii und über die politische Stellung 
der Ritter in den letzten Zeiten des Freistaats. 



Mommsen: de coliegiis et sodaliciis Rom. 147 

7) Corporationen. Hier ist der passendste Ort, der Gliede- 
rung in verschiedne Corporationen zu gedenken, denen die röm. Bür- 
ger angehören konnten. Natürlich meine ich nicht die grössern Com- 
munen, "wie Städte und Dörfer, welche die Hauptbestandtheile des 
Staats bilden, sondern diejenigen Gesellschaften, welche den Stadt- 
gemeinden analog die Rechte juristischer Personen besassen und ein 
ideales Ganze ausmachten, vorzüglich die uralten religiösen Genos- 
senschaften und die Innungen der Handwerker. Für diesen Gegen- 
stand ist sehr werthvoll die Schrift von Th. Mommsen: de coliegiis 
et sodaliciis Rom, Kiliae Schwers 1843. 129 S. 8, s. Allgem. Litt.- 
Zeitung 1845 Februar Nr. 44 ff. Götting, gel. Anz. 1844 Juli Nr. 
114 f. Zeitschrift f. d. Alterthumswiss. 1846 Nr. 129. Als die ältesten 
sodalilales werden die religiösen Genossenschaften anerkannt (Cap. I. 
p. 1 — ^27) , welche für den Cult der alten Götter von jeher bestanden 
und für jeden neuen Cult eingeführt wurden, z. B. die fratres Arva- 
les ^ germani Luperci u. a. Hr. Mommsen behandelt die Beziehung 
dieser sodaL zu den gentes und macht die wichtige Entdeckung, dass 
neben den alten gentilicischen Privatsacris auch öffenlliche Gentilsacra 
bestanden, indem der Staat gewisse öffentliche Culte besondern Fa- 
milien zutheilte. Sehr wahrscheinlich gehören in diese Kategorie die 
Sacra der Nautier und Aurelier, unzweifelhaft aber die der Potitier 
und Julier. Cap. II die Handwerkerzünfte p. 27 — 32. Cap. III de 
coliegiis sodaliciis p. 32 — 73. Bei der allgemeinen Associationsfrei- 
heit der Römer bildeten sich Genossenschaften (wenn auch nur von 
vorübergehendem Charakter) zur Verfolgung ehrgeiziger nnd staats- 
gefährlicher Zwecke , weshalb der Staat gegen deren Unfug einschrei- 
ten musste. Am strengsten verpönt war das crimen sodalicii im 
engern Sinne, welches eine besonders gefährliche Gattung des 
Ambitus war. Darüber handelt Mommsen in ausgezeichneter Weise, 
ebenso im lY. Cap. über die Gesetze gegen die CoUegia, unter wel- 
chen Verboten ein nach M. unter Augustus erlassenes Sconsultum den 
Hauptplatz einnimmt. Ein glücklicher Fund brachte ein Fragment des- 
selben an den Tag, nemlich in der lex collegii cuitorum Dianae ei 
Antinoi^ welches im V. Cap. (de coliegiis licitis sub imperatoribus p. 
82—116) lehrreich commenliert wird. Dieses Scons. verbot nach Hrn. 
M. alle CoUegia bis auf einige namentlich ausgenommene und ge- 
stattete nur Leichencassencollegien ohne besondere Erlaubnis zu 
gründen. Cap. VI de iure coUegiorum p. 117 — 127 bespricht die all- 
mähliche Entwicklung der juristischen Personen. In Bezug auf das 
erwähnte Scons. ist jetzt aus einer durch Campana entdeckten Grabin- 
schrift (des collegium sympkoniacorurn) nachzutragen, dass es eine 
allgemeine lex Julia de coliegiis gab und dass für die einzelnen sich 
bildenden CoUegia die specielle Sanction oder Conccssion durch ein 
Scons. nach vorher eingeholter kaiserlicher Bewilligung erforderlich 
war. Es heisst: quibus senatus c(pire) c(onvocart) c(pgi) permisit 
e lege Julia ex auctoritate Augusti^ s. Henzen in der unten citierten 
Abhandlung Nr. 38 S. 300 f. und Mommsen in Savi^a\% 'L^\V%^Vcc^v.^^ 



148- Römische AUerthümer. 

geschichtl. Rechtswissenscb. XV, 3. S. 356 f. Henzen glaubt auch, 
das8 die Leichencassencoliegien von dem Gebot die Sanction einza- 
holen keineswegs, wie M. glaubt^ befreit waren und dass ein allge< 
meines Scons. nicht existierte, denn es müsse in dem auf der Inschrift 
von dem coli, cult, Dianae et Ant enthaltenen Scons. gelesen wer^ 
den: qui stipemmenstruam eonferre i>o(lentinfuner)ain id 
coliegium coäani, Mommsen a. a. 0. S. 358 f. behauptet gleich- 
wohl die gesetzliche Exemption der coUegia funeraticia. 

lieber die einzelnen Arten der CoUegien sind einige Abband- 
lungen zu bemerken: 1) coli, opißcum, J. Rabanis: rech, sur les 
Dendrophores ei sur les corporalions ' Rom. en gin&ral, Bordeaux 
1841 soll den staatswirthschaftiiehen Gesichtspunkt der Innungen her- 
vorheben , s. Götting. gel. Anz. 1844 Nr. 115. Ueber die Innungen 
der fulUmes haben Rudorff in Saviguys Zeitschr. für gesch. Rechts- 
wissenscb. XV. S. 248 — 263 und Mommsen ebend. S.326 — ^3i5 inter- 
essante Beiträge gegeben. 2) Religiöse Brüderschaften: a) Brun- 
nencollegien. Rudorff in Saviguys Zeitschrift XV. S. 203 — ^272 
lieferte eine sehr interessante Bearbeitung einer alten Brunnenord- 
nung (sog. lex de magistris aquarum)^ aus der sich die Organisation 
dieser den Cultus und die Aufsicht der Brunnen besorgenden Sodali- 
täten (colleg, fontanorum oder aquae) klar ergibt. Kritische Nach- 
trfige von Mommsen s. ebend. S. 343 — 353. b) Zahlreiche Bear- 
beiter haben die verschiedenen fSr den Cultus des Augustus gestifte- 
ten Sodalit&ten gefunden. Diese sind die municipalen Augustales 
mit ihren Seviri, keineswegs identisch mit dem hohen römischen 
Priestercollegium der sodales Augustales oder der magistri Augusta- 
les. Roulez: sur quelq, inscript. latines im Bullet, de Pacad. de Bru- 
xelles Tome VII und M61anges de philol. II. Bruxelles 1840 Nr. 10 er- 
hfilt durch eine Inschrift von Salona Gelegenheit, einige dieses In- 
stitut betreffende J^unkte zu erörtern. Dasselbe thut Borghesi im 
Bulletino deW instit, di corr. arch. 1842 p. 101 ff. Umfassender ist 
aber A. E. Egg er im appendix II zu Exatn, ctit. des historiens anc, 
Paris 1844 p. 357 — 410 und die Vertheidigung seiner Ansicht in Re- 
tfue archeol, ann. III, livr. 10. 12. Er geht von der alten Ansicht aus, 
dass die Stiftung der Augustales mit der Erneuerung des LarencuUus 
zusammenhänge und erregte sowohl dadurch als durch mehrere andere 
Behauptungen den Widerspruch A. W. Zumpts: de Augustalihus et 
Seviris August, commenl, epigr. Berlin, Schröder 1846. 86 S. 4. 
Da diese durch fleissige Sammlung des Materials sowie durch scharf- 
sinnige und geschmackvolle Behandlung ausgezeichnete Abhandlung 
in diesen Jahrb. 1847, XLIX. S. 325 — 336 von Kampe bereits richtig 
gewürdigt ist, so erwähne ich nur noch zwei wichtige Recensionen 
fiber Egger und Zumpt, nemlich von Marquardt in der Zeitschr. f. die 
Alterthumswiss. 1847 Nr. 63 — 65 und von Henzen in derselben Zeit- 
schrift 184S Nr. 25 — 27. 37 — 40. 120. Letzterer nimmt auch Rück- 
sicht auf die von Marquardt gegen Zumpt erhobenen Einwendungen 
und entscheidet sich in den Hauptpunkten für letztern, indem er 



Verschiedene Abhandlungen über einzelne Arten d. Collegien. 149 

dessen Beweisführung durch manche bisher in Deutschland unbekannte 
Inschriften vervollständigt und ergänzt. Durch diese treffliche Arbeit 
werden die Hauptfragen über die Beschalfenbeit der Augustalen , über 
ihre Entstehung und ihr Verhältnis zu den Seviri bedeutend gefördert, 
obwohl noch manches Räthsel ungelöst ist. Einen guten UeberblidL 
des jetzigen Standpunktes gibt Marquardt in Beckers Alterthüm. III, 1 
S. 375—^382. 

3) Bei dem lebhaften Drange der Römer nach Association gab 
es gewis eine grosse Zahl von andern Collegien verschiedener Art, 
die wir nicht mehr kennen. So z. B. sind uns die Leichencassen- 
collegien oder Todtengilden , welche ihren Mitgliedern ein an» 
ständiges Begräbnis sichern wollten und eoUegia ienuiorum Mes- 
sen , erst neuerdings bekannt geworden. In einem alten römischen 
Bergwerke Siebenbürgens fand man Wachstafeln mit der Abschrift 
eines decreium des coUegium Jovis Cemeni^ aus welcher sich die 
Existenz und die Einrichtung solcher Leichencassengilden ergibt. Die 
erste Ausgabe besorgte J. F. Massmann: libellus aurarius 8, iabu^ 
lae ceratae etc. Ups. (1840) 4, darauf Huschke in Savignys Zeit- 
schrift f. gesch. Rechtswissensch. 1844. XII. S. 173—219. Ein ande- 
res sehr wichtiges Document war die zuerst 1825 in Italien, in Deutsch- 
land aber erst durch Mommsen (de colieg. et sod.) bekannt gewordene 
lex coüegii cult, Dianae ei Äntinoi^ weiche Statuten Mommsen voll- 
ständig commentiert hat. Dadurch erhielten manche uns nur dem Na- 
men nach bekannte CoUegia ihre wahre Bedeutung, z. B. coli, AescU" 
lapii et Hygiae N. 2417 Orelli u. a., s. Mommsen p. 96 f. Ueber das er- 
wähnte Statut der sog. cuU, Dianae et Ant, hat Huschke noch be- 
sonders a. a. 0. S. 207 — ^219 gesprochen und zuletzt Mommsen kri-» 
tische Nachträge geliefert in Savignys Zeitschrift XV. S. 357 — 364. 

4) Eine besondere Classe von socialen Collegien, d.h. 
welche nur zur Verfolgung geselliger Zwecke errichtet worden wä- 
ren, nimmt Savigny an in seinem System des heutigen röm. Rechts. 
IL S. 255 f. und aus diesen hätten sich die streng verpönten politisch 
gefährlichen Clubs gebildet. Allerdings ist das Vorhandensein sol- 
cher rein geselligen Sodalitäten aus inneren Gründen sehr wahrschein- 
lich und auch Stellen scheinen dafür zu sprechen , z. B. Cic. de sen. 
13. Rhet. ad Her. IV, 51. Paulus Diac. p. 296 M. Indessen könnten 
diese Stellen auch von andern Genossenschaften verstanden werden, 
da festliche Gelage ebenfalls bei den andern Corpora tionen, sogar bei 
den Todtengilden, an bestimmten Tagen angestellt wurden. 

Roulez in seinen Milanges II, Nr. 4. 18^ nimmt besondere 
vollständig organisierte politische Clubs an, was wir wenigstens 
für die ältere Zeit ganz in Abrede stellen zu müssen glaubten, s. 
diese Jahrb. LVIII. S. 422 f. Wenn dergleichen später existierten , so 
dürfen wir diese nicht in die Kategorie der eigentlichen Collegia rech- 
nen, sondern können sie nur für wandelbare, zur Erreichung bestimm- 
ter Zwecke vorübergehend geschlossene Vereine oder factiones" hal- 
ten. Zu allen Zeiten gab es zwar, wie wir aus den da^e^ea^tV^^^^MiB^ 



150 Römische Alterthümer. 

Verboten sehn, politisch gefährliche Clubs, aber diese hatten eigent- 
lich andere Tendenz und nahmen den gefahrlichen Charakter erst ali- 
mählich an oder sie wurden zu einem ostensiblen Zweck gebildet und 
hegten nur im geheimen ihre verderblichen Absichten. Man hat ge- 
glaubt, dass solche politisch gefährliche Verbindungen schon unter 
Tarquinius Superbus existiert hätten und verboten worden wären, allein 
Dion. IV, 43 bezieht sich nicht auf Coliegia , sondern auf die Zusam- 
menkünfte geschlossener topographischer Kreise , welche zu Opfern 
zusammentraten, vergl. Dion. V, 2. Sie waren nicht politisch, ob- 
gleich bei den sacralen Vereinigungen gelegentlich auch politische 
Sachen verhandelt werden mochten. Aus diesen Verbindungen der 
Nachbarn bildeten sich nach und nach die coUegia compilaticia mit 
den alten religiösen Zwecken. An sich waren sie weder politisch 
noch gefährlich , aber sie wurden beides im Laufe der Zeit durch die 
Aufregung unruhiger Volkstribnnen oder durch die Ungerechtigkeiten 
der Patricier. Auch die in der lex Gabinia und in den XII Tafeln ver- 
botenen coetus nocturni sind nicht verbotene Clubs , sondern dema- 
gogische R^unious oder kleine Volksversammlungen, deren Verbote 
fQr eine frühe Existenz der politischen Associationen nichts beweisen. 

IL Verfassung, A. Die Magistrate, l) Interreges. Eine 
kleine aber scharfsinnige und verdienstliche Schrift ist von F. Bam- 
berger: de interregibus Rom, Brunsvigae Otto 1844. 16 S. 4. Be- 
kanntlich existieren d abweichende Quellenzeugnisse über die Er- 
richtung des Interregnum: Liv. I, 17. Dion. II, 57 und Plut. Num. 3. 
Der Verf. zeigt, dass die Nachricht des Livius am meisten Glauben 
verdiene und dass demnach aus 100 Senatoren 10 Decurien gebildet 
und aus jeder Decurie ein Interrex gewählt worden wäre, welche 10 
Senatoren der Reihe nach jeder 5 Tage regierten. Die merkwürdige 
Erzählung des Plutarch , dass jeder Interrex 12 Stunden regiert habe, 
wird sehr gut dadurch erklärt, dass Plutarch die Nachricht von dem 
fünftägigen Inten*egnum falsch verstanden und die Zeit, welche von den 
einzelnen Interregen überliefert worden , auf die ganze Decurie über- 
tragen habe , wonach auf jeden Interrex der Decurie nur 12 Stun- 
den fielen. Uebrigens weicht Dionysius keineswegs in einem so ho- 
hen Grade von Livius ab, als Hr. Bamb. glaubt, abgesehn von dem 
Irthum, dass Dion. nach des Romulus Tode 200 Senatoren annimmt, 
welche zum Interregnum berechtigt gewesen wären. In der Wahlart 
selbst sind beide zu vereinigen, denn auch Dion. lässt zuerst die Sena- 
toren in Decurien getheilt und dann aus diesen eine Interregendecurie 
durch das Loos zusammengesetzt werden. Hr. Bamb. hat die Bedeutung 
des Wortes öiaKkrjQGHSdfievot übersehn (auch von Becker Alterth. II, 
1. S. 298 nicht bemerkt), welches heisst, dass die 10 Interregen ver- 
mittelst des Durchloosens der vorher gemachten 10 Decurien gebildet 
worden wären. Nach 50 Tagen wäre dann eine andere Decurie an das 
Regiment gekommen. Es stimmen also Dion. und Liv. überein , nur 
dass Dion. das Loosen erwähnt (auch bei Plut. Num. 7), was trotz der 



Bamberger: de interregibus Rom. 151 

Gegenbemerkungen Bambergers p. 4 von der altern Zeit jedenfalls 
richtig ist, denn alle waren gleichberechtigt, möglichst viele sollten 
an die Reihe kommen nnd so war das Loos das einzig anwendbare 
Mittel. Später musste das Loosen, wie sich von selbst versteht, auf- 
hören, da man nicht mehr Interregen wählte, um die Regierung län- 
gere Zeit zu yersehn, sondern da sie bloss zur Vermittlung der Wahl 
dienten. — Das zweite wichtige Resultat dieser Untersuchung ist, 
dass in der ersten Königszeit die beiden Stämme der Ramnes and 
Tities alternierend regiert und die Königswahl geleitet hätten, so nach 
Romulus Tode die 100 Ramnes, nach des Numa Tode die 100 Tities 
u. s. f. bis auf Servius Tullius. Dadurch ergibt sich die Ursache der 
differierenden Zahlen bei Liv. und Dionys. auf das einfachste. Ich 
bezweifelte früher diese Einrichtung, indem ich die Bedeutung der- 
Berichte über das nach dem Tode des Romulus angeblich zwischen 
beiden Stämmen geschlossene Uebereinkommen verkannte, s. Dion. 
II, 58. Flut. Num. 3 und den von Hrn. Bamb. nicht genannten Zonar. 
VII, 5. Was diese Schriftsteller sagen , dass die Königswahl einem 
der beiden Stämme überlassen worden sei , passt vollkommen auf das 
Interregnum, da die Interreges nicht nur zur Führung der Regierungs- 
geschäfle , sondern auch zur Wahl des Nachfolgers bestimmt waren. 
Auch sprechen andere Gründe dafür, dass nach dem Tode eines Kö- 
nigs der Stamm desselben die Regierung fortsetzte nnd die Wahl des 
Nachfolgers aus dem andern Stamme besorgte. Noch zu erwähnen ist 
die gelungene Widerlegung der Niebuhrschen Hypothese von den 
decem primi des Senats , p. 7 — 12 und die kurze Besprechung der 
republicanischen Interreges p. 14 — 16. — Am Schlüsse kann ich eine 
Yermuthung nicht unterdrücken , nemlich dass der Senat nicht erst der 
zu wählenden Interregen halber in Decurien getheilt wurde , sondern 
dass diese Eintheilung, so wie sie für die spätere Zeit ausser Zweifel 
gesetzt ist, auch seit der Urzeit bestand, indem allemal eine Decurie 
aus einer Curie hervorgegangen war. Dadurch erklärt sich , warum 
man sich nicht begnügte einer beliebigen Decurie unter den bestehen- 
den Decnrien das Interregnum zu überlassen, denn da wäre nur eine 
Curie vertreten gewesen, sondern warum man aus jeder der beste- 
henden Decurien einen Mann auslooste , so dass nun jede Curie ver- 
treten war. Darum sagt Livius : singuUs in singulas decurias creatit^ 
d. h. für jede Decurie hätte man einen Repraesentanten oder Vor- 
stand erwählt oder erloost. 

Durch die Bambergersche Schrift ist die oben S. 131 besprochene 
Arbeit von D. Terpstra {de pop. de senahi etc. 1842) überflüssig ge- 
worden, welche vor Bamb. das Institut der luterregen mit Sorgfalt 
und Gründlichkeit behandelt hatte , aber in Deutschland unbekannt ge- 
blieben war. Das 4. Capitel der genannten Dissertation, de inter- 
regno p. 63 — 89, beginnt §. 1 mit Ursprung , Zahl und Regierungs- 
dauer der alten Interregen, wo am längsten bei der Zahl verweilt 
wird. Der Verf. glaubt, dass während der Königszeit ein CoUeginm 
von 10 Interregen das regelmässige gewesen «ei, und bespricht diA 



152 Römische Alterthamer. 

betreffenden Quellenzeugnisse mit einer onnöthigen Breite. Warum 
Plutarch in den Irtbum gerathen sei (s. bei Bamb.) , wird richtig er- 
kannt. §. 2 über die Wahl der Interr. and die Erfordernisse su die- 
sem Amte. Die Berichte des Dionysius und Livius werden gat erklart 
and miteinander in Verbindung gebracht, auch das Loosen eingereiht 
(was Bamb. verabsäumt hat). Nur ist nicht zu billigen , dass der Verf. 
nach des Romulus Tode auch die Tities zum Interregnum zieht und 
den regelmässigen Wechsel einer Decurie der Ramnes und einer der 
Tities statuiert. Nach desNuma Tode soll die Wahl der Interregen nach 
Decurien aufgehört haben, weil die alte Bedeutung und der Unter- 
schied der Tribus und Decurien abgeschafft worden wäre, ein Irthum, 
welcher nachtheilig auf die weitere Entwicklung eingewirkt hat. Dass 
nur patricische Senatoren wählten und wählbar waren, ist richtig. 
Den Beschlnss macht §. 3 : die munera und potestas der Interregen, 
p. 81 — 89, wo sich unter manchen guten Einzelheiten auch wieder 
einige fehlerhafte Ansichten finden, z. B. über des Servius Tullius 
Thronbesteigung. 

2) Praefectus urbis, C. Franke: de praefectura urbis 
capita duo, Berlin 1850. 35 S. 4. Da diese gründliche Arbeit in die- 
sen Jahrb. 1851 LXI. S. 319 ff. bereits besprochen worden ist, so 
bemerke ich hier nur kurz , dass dieselbe mit Untersuchungen über 
die Worte praefectus urbis und urbi beginnt, worauf das 1. Cap. 
diä praefectura urbis unter den Königen und unter den Consuln be- 
handelt, p. 8 — 32 (über die Bedeutung dieses Amtes, Bestellung, Auf- 
zählung sämtlicher bei den Schriftstellern vorkommenden praefecti 
urbis y spätere Schicksale, endlich die officia als Jurisdiction, Sorge 
für die Sicherheit der Stadt, Senatsberufung). Cap. 2 die praefec- 
tura urbis feriarum Latinarum p. 32 — 35. Auf p. 10 f. wird das Ver- 
hältnis der praef, urbis zu den Interregen beleuchtet und dabei die 
oben erwähnte Differenz des Livius, Dionysius und Plutarch berührt. 
Nach des Verf. Ansicht wäre Livius folgendermassen zu verstehn: 
der Senat sei in 10 Decurien getheilt nnd für jede ein Vorstand (cfe- 
curid) ernannt worden , jede dieser Decurien hätte das Regiment fünf 
Tage lang gehabt, so dass nach 50 Tagen alle Decurien an der Her- 
schaft gewesen wären. In diesem 5tägigen Zeitraum hätte der decu- 
rio das sumtnum impetium bekleidet (mit den Insignien und Lictoren), 
die andern 9 Mitglieder der Decurie hätten aber auch Theil an der 
Herschaft genommen und zwar vielleicht in 12ständigem Wechsel , so 
dass die Notiz des Plut. Num. 2 keineswegs zu verwerfen sei. Ganz 
anders berichte Dionysius , denn nach diesem hätten die Decurien des 
Senats geloost und die durch das Loos bezeichnete habe 50 Tage re- 
giert, dann eine andere u. s. f. — Diese Erklärung ist neu, aber 
nicht ansprechend. Die Worte des Livius enthalten den angegebenen 
Sinn nur , wenn man eine ziemlich gewaltsame Interpretation anwen- 
det und allerlei hineinträgt, was nicht darin liegt. Dazu kommt, dass 
die 5 Tage sich nicht unter 9 Interregen vertheilen lassen , wenigstens 
würden sich nicht 12 Stunden für jeden ergeben (denn der Träger des 



Gerlach : die Censoreo in ihrem VerhäUnif znr Verfassung^. 15S 

imperium kann doch nicht im einzelnen mit partieipieren). Entschie- 
den unrichtig ist aber Dionysius aufgefasst , denn derselbe sagt kei- 
neswegs, dass eine der gemachten Decnrien das Interregnum erhalten, 
sondern dass durch das Durchloosen der Decurien (ßuxulriqGXiafievoi) 
eine Interregendecurie gewonnen worden wäre. Die oben aufgestellte 
Erklärung ist viel einfacher, dem Wortlaut entsprechender und empfiehlt 
sich durch die offenbare Uebereinstimmung zwischen Livius und Dio- 
nysius. Allerdings weicht Plutarch davon ab , aber er befand sich in 
einem Irthum, dessen Quelle bei Hrn. Bamberger (dessen Schrift Hrn. 
F. leider unbekannt geblieben zu sein scheint) sehr gut nachgewie- 
sen ist. 

3) Consüles, Hier sind mir zwei Schriften nur dem Titel nach 
bekannt geworden : H. R. de B r e u k : quid annuum consulatut Rom. 
iempus profuerü et nocuerii reip, Lugd. B. 1839 und H. G. Roemer: 
de co$s, Rom, auctoritate, Trai. 1841. 

4) Censores. Ein mit grossem Fleiss abgefasstes Verzeich- 
nis aller Censoren und Lustra gab demente Cardinali: memorie 
de'* censori e de'* lustridiRoma anlica^ in denDiss. della pontif. acad. 
rom. di archeol. IX. Roma 1841 p. 273 — 356. Dasselbe ist als Supple- 
ment der in denselben Diss. VII. Roma 1836 p. 121 — 261 enthaltenen 
Arbeit des berühmten B. Borghesi anzusehn: stilP ulHma parte 
della Serie de* censori Romanik mit einer Tafel der Censoren Vom 
Jahre 661 a. u. — 826 (Vespasians Censur). F. D. Gerlach: die 
Censoren in ihrem Verhältnis swr Verfassung. Basel, Neukirch 
1842. 2% Bogen (und etwas vermehrt in dessen histor. Studien. 11. 
Basel, Mast 1847. S. 55 — 88) beleuchtet in der dem Verf. eignen 
edlen und kräftigen Sprache eine wenig beachtete Seite der Censur, 
ihr Verhältnis zur Entwicklung der röm. Verfassung. Ans dem Geschäfte 
der Schätzung erwuchs ein wichtiger Einfluss der Censoren auf die Ge- 
staltung der Verfassung. Vorzuglich wichtig war diese Macht in Bezie- 
hung auf die Reception neuer Bürger, und aus dieser Befugnis, die Rechte 
der Bürger zu mehren und zu mindern, hätten die Censoren endlich 
constitutive Rechte erhalten. *Aus der Befugnis, dieAusfibung des vollen 
Bürgerrechts zu entziehn u. s. w. hat allmählich bei den Censoren wie 
bei dem Volke die Ueberzeugung sich bilden müssen, dass sie nicht 
bloss die Hüter und Wächter der Verfassung seien, sondern als die 
Ordner derselben zu betrachten wären.' Als Hauptbeweis dafür dient 
die grosse durch die Verbindung der Centurien und Tribus bewirkte 
Umgestaltung der Centuriatcomitien , welche der Verf. nur als ein 
Werk der Censoren hinstellt. So geschickt nnd beredt derselbe die 
neue Verfassung den Censoren vindiciert, so ist die Behauptung doch 
sehr zweifelhaft, und ich glaube- vielmehr, dass die Censoren jene 
grosse Umgestaltung nur in Folge eines gegebenen Gesetzes oder Soon- 
sults einrichteten. Wenn wir keine Nachrichten von einer derartigen 
gesetzlichen Bestimmung haben , so liegt dieses lediglii^ an dem Man« 

iV. Jakrb. f. Pka. «. Paed, Hd. LXV. Bß, 2. IL 



154 Römische AUerthamer. 

gel aller Notisen über jene Verftndernng, deren Zeit noch ebenso be> 
stritten ist wie die Details derselben. Ohne die Autorisation des Se- 
nats und des Volks würden die Censoren eine so durchgreifende und 
gewaltsame Veränderung aller Rechte und Verhältnisse nicht vorge- 
nommen haben , da sie voraussetzen mussten , dass spätere Censoren 
alles wieder abändern würden , indem die Anordnungen der Censoren 
immer nur für ^in Lustrum Kraft hatten und von jedem Nachfolger auf- 
gehoben oder modificiert werden durften. Daher rührt das stete 
Schwanken so mancher von den Censoren abhängenden Verfügungen 
(s. B. über die Stellung, der Freigelassenen); jene vielbesprochene 
Vermischung der Centurien und Tribus aber blieb unangetastet, ob- 
gleich mancher aristokratisch gesinnte Censor die Neuerung gewis 
gern umgestossen hätte, wenn sie nicht auf festere Grundlagen ba- 
siert gewesen wäre als auf den Willen zweier Censoren. 

5) Tribuni plebis, C. B e n d e r : <f e intercessione tribunicia. 
Partie, prior. Königsberg 1842. 19 S. Partie, post. 1850. 21 S. 4. 
Diese schöne und gründliche Untersuchung beginnt nach einer kurzen 
Einleitung in §. 2. mit der Behauptung , dass das Hilferecht der Tri- 
bunen von Anfang an eine ausgedehnte Befugnis gehabt hätte, indem sie 
nicht nur einzelne aus der Plebs gegen Unbill schützten, sondern auch 
die Gesamtheit der Plebejer, namentlich wenn die Consuln etwas 
befohlen hätten, was vielen oder allen Plebejern schädlich erschie- 
nen. Für diese Ausdehnung wird als Hauptbeweis das den Tribunen 
von Anfang an zustehende Veto gegen die Sconsulta angeführt, S. 5 
*— 7. Wenn wir dieses allgemeine Recht schon den ältesten Tribunen 
beilegen wollen, zerstören wir aber die Geschichte von der allmäh- 
lichen Entwicklung und Erweiterung dieses Amts , wie ich hier nicht 
näher zeigen will , um so weniger da der Verf. diese vor 10 Jahren 
aufgestellte Meinung jetzt wahrscheinlich selbst geändert haben wird. 
Dass das Intercessionsrecht gegen die Scons. von den Tribunen erst 
durch eine geschickte Anwendung ihres Hilferechts errungen worden 
ist, ergibt sich auch daraus, dass die fragliche Intercession erst seit 
den Decemvirn regelmässig vorkommt. Livius spricht davon nicht 
früher als im 4. Buche und wenn auch Dion. IX, 1 schon vorher dieses 
Recht gelten lässt, so ist dieses doch durch die einfache Annahme zu 
beseitigen, dass Dionysius die von den Tribunen bei dem einen de* 
leetus anordnenden Scons. ausgesprochene Drohung, jedem der sich 
dem Scons. widersetzen würde ofimYtiim angedeihn zu lassen, mit 
der spätem Intercession verwechselte. §. 3. Die Intercession gegen 
delechis^ Haltung der Comitien und Magistratswahl S. 7 — ^10. §. 4. 
Die Hilfe der Tribunen, im Civilprocess, S. 10 — 19, wird recht gut 
dargestellt, vorzüglich die Art, wie sie in Appellationssachen Decrete 
gaben (meistens gegen Rubino gerichtet). Weniger befriedigt, was 
S. 10 f. über die Jurisdiction der Tribunen gesagt ist. Auch durfte der 
Verf. aus der seltnen Erwähnung tribnnicischer Decrete in Civilsachen 
nicht schliessen , dass die Tribunen in solchen Sachen selten appelliert 



Bender: de intercessione tribnnicia. 155 

worden w,ären, denn die Schriftstelier hatten weniger Veranlassnng*, 
solcher Decrete zu gedenken , als bei den ungleich wichtigern Crimi- 
nalprocessen. Uebrigens sind die Erwähnungen nicht so selten wie Hr. 
B. glaubt, denn er hat Cic. p. Tüll. 7. 38 ff. Acad. II, 30 übersehn. Im 
% Theil wird zuerst die Appellation in iudiciis publicis behandelt, S. 
1 — 5, und mit Recht bemerkt, dass gegen einen vom Volke gefällten 
Urtheilsspruch Appellation unzulässig war, obwohl vor der Entschei- 
dung appelliert werden konnte, in welchem Falle das ganze Comitial- 
gericht aufgelöst wurde. Ferner ist richtig, dass bei andern Gerichten, 
wo ein quaesüor oder iudex quaestionis die Untersuchung leitete, 
vor gefällter Sentenz der Appellation nichts im Wege stand (der aus 
Cic. in Yatin. 14 zu entlehnende Gegenbeweis wird zurückgewiesen, wo 
nur noch hinzuzufügen war, dass eine solche Intercessio ne causam 
diceret Heineswegs verboten, aber weder üblich war, noch für an* 
ständig gehalten wurde , denn die Appellation sollte gegen erlittene 
Injuria schützen, aber nicht vorher, ehe man wusste, ob dem ange- 
klagten auch wirklich Unrecht geschähe); dagegen ist ganz falsch, 
dass es bei diesen Gerichten des Qnaesitor sogar nach gefällter Sen- 
tenz Appellation gegeben habe, S.3. Eine solche Intercession war bei 
den Gerichten , welche im Namen des Volkes commissarisch entschie- 
den , ebenso wenig gestattet , als wenn das Volk selbst geurtheiU 
hatte. Als Beweis führt Hr. B.Ascon.in Milon. 14 p. 47 Or. an, allein 
diese Appellation bezieht sich nicht auf ein gefälltes Urtheil , sondern 
nur auf den Process , welcher durch die Appellation aufgehoben wer- 
den soll (iudicium. tollam). In §. 3. de edictis tribuniciis^ S. 5 f., 
werde ich von Hrn. B. deshalb getadelt, dass ich gesagt hätte, die 
Edicte der Tribunen hätten die Fälle angegeben, in welchen sie zu 
intercedieren versprachen, ohne Beispiele dafür anzuführen. Ich be- 
rufe mich auf Cic. Verr. II, 41 cum eorum amnium edicto nan liceret 
quemquam Romae esse^ qui rei capitalis condemnatus esset ^ welches 
ich erkläre: die Tribunen sagten in ihrem Edict, sie würden denen 
ihr auwilium nicht zu Theil werden lassen , welche in einem Criminal- 
process verurüieilt Rom verlassen müssten , oder sie würden die prae- 
torische Execution gegen einen solchen nicht hindern. Diese Erklä- 
rung ist jedesfalls weit einfacher als wenn Hr. B. meint, dass Cicero 
edictum und decretum verwechselt habe, was aus mehreren Gründen 
keinen Glauben verdient. §. 3. Die Intercession der Tri- 
bunen gegen ihre CoUegen, S. 6 — ^21. Indem Hr. B. die Rich- 
tigkeit folgender Behauptungen erhärtet: a) gegen das Veto eines 
Tribunen war ein anderes Veto ungiltig, b) gegen den Befehl, Anord- 
nung, Gesetzvorsehlag u. s. w. eines Tribunen war Veto gestattet, 
stellt er 3 Sätze auf: 1) inierceasionem tribunorum potentiorem fuisse 
quam acHonem^ 2) das Veto eines einzigen Tribunen sei mächtiger 
als der Wille seiner . gesamten CoUegen, 3) die eingelegte loterces- 
sion könne nicht duroh andere Intercession beseitigt werden, anster 
durch Gewalt, und widerlegt am. Ende noch die abweichenden An- 
sichten, von Niebtthr, Göttling, Becker. Dieselben Resultate, olhirohl 



156 R6mi8che AlterthÜmer. 

mit kürzerer Beweisführung^, habe ich gleichzeitig mit Hrn. B. aasge- 
sprochen in Schneidewins Philologus V. S. 137 ff.: die Majori- 
tät in dem Coli, der röm. Volks tribanen und in Paulys Real- 
encyol. VI. S. 2103. 2105* Unbekannt ist mir die Abhandlang von New- 
man: on the growih of ihe tribune^s power before there DecemviraUj 
im Classical Museum 1849 VI. p. 205 ff. 

6) Aediles, De aedüibus Rom. seripsit Dr. F. Hofmann. Be- 
rolini Besser 1842. 119 S. 8. Diese Erstlingsschrift des Hm. H. 
zeigt die grosse Befähigung desselben für römisch-antiquarische For- 
schungen , ist aber leider wenig verbreitet worden (so z. B. in Beckers 
röm. Alterthümern gar nicht benutzt), weshalb ich hier eine Inhalts- 
übersicht gebe. Pars I. Geschichte der Aedilitdt S. 2 — 20. Die älte- 
sten Aedilen beaufsichtigten die plebejischen Tempel , besorgten die 
plebej. Spiele , halfen den Tribunen in der Jurisdiction unter den Ple- 
bejern, so wie bei der Anklage der Verachter der Plebs und bei der 
Bestrafung der gegen die Tribunen ungehorsamen , endlich bewahrten 
sie die Plebiscite und Sconsulte im Tempel der Ceres. (Wenn gesagt 
wird, dass nach der UeberfüUung dieses Tempels der Tempel des Jup- 
piter als Archiv benutzt worden wäre , so ist der plebejische Charak- 
ter des erstem Archivs übersehn , s. Pauly Realencycl. VI. S. 1563). 
Durch die XII Tafeln wurden die Aedilen Beamte des ganzen Volks, 
nicht bloss der Plebs (zweifelhaft) und durch die Stiftung der curuli- 
schen Aedilen erlitten sie eine grosse Veränderung. Die Besorgung 
der ludi Romanik die cura annanae nebst der damit zusammenhän- 
genden Jurisdiction , die Beaufsichtigung der patrioischen Tempel und 
die Polizei kam zu dem Amte hinzu. Manche Geschäfte blieben zwi- 
schen beiden Arten der Aedilen getheilt, wie die patricischen Tempel 
und Spiele für die curulischen Aedilen, die plebejischen Tempel un«^ 
Spiele für die plebejischen Aedilen ; andere Geschäfte waren beidev 
Arten der Aedilen gemeinsam, namentlich die Polizei, obwohl die 
curulischen Aedilen auch in dieser Beziehung höher standen und einige 
Vorzüge genossen; endlich noch andere Geschäfte hatten die curuli- 
schen Aedilen ausschliesslich , wie die Jurisdiction und die Abfassung 
der Edicte. Spater wurde das gemeinsame Wirken aufgelöst und die 
einzelnen Branchen unter die einzelnen Aedilen getheilt. Seit Augu- 
stus sank das Amt immer tiefer und mehrere andere neue Beamte 
übernahmen die Arbeiten der Aedilen. Pars II. Munera aediUum p. 21 
-^102. Cap, 1: cwra ludorüm p. 23 — 35, Cap. 2: cura operutn public 
corum p. 35 — 59. Hier werden diejenigen opera publica^ welche auf 
öffentliche Kosten repariert werden und entweder seltener Repara- 
tur bedürfen (wie Tempel) oder oft beaufsichtigt werden müssen 
(Wasserleitungen), von denen unterschieden, welche von den Privat- 
leuten in Stand zu halten sind (piae publicae)^ eine Eintheilung, ge- 
gen welche sich manches sagen Hesse, vorzüglich in Beziehung auf 
die letzteren ; denn die Erhaltung der Strassen durch Private ist kei- 
neswegs so allgemein hinzustellen, s. Pauly VI. S. 2557. Richtig aber 
ist, dass die opera ^ welche öfterer Nachhilfe bedurften, den Aedilen 



Pauly: de quaestoribus Rom. antiqaiss. reip. tempor. 157 

oblagen , wahrend die Cenaoren für die Reparatur der seltner herzu- 
stellenden sorgten. §. 1 behandelt die Tempel, deren Erbauung durch 
die Censoren und Beaufsichtigung durch die Aedilen , §. 2 die Aquae- 
ducte, Cloaken und Bäder p. 44 — 51, §. 3 die viae ausser und in 
der Stadt p. 51 — 59. Das ganze Capitel ist mit lobenswerther Sorg- 
falt gearbeitet, nur hätte noch schärfer hervorgehoben werden sollen, 
dass die Censoren nur Finansmänner sind und sieh bloss in dieser Be- 
ziehung bei den öffentlichen Bauten betheiligen , während die Aedilen 
ein ausgedehntes Ressort in polizeilicher Beziehung haben. Cap. 3: 
iutela civiwn salutis p. 59—80. l) Gesundheitspolizei (z. B. das 
Verbot der Begräbnisse in der Stadt) ; 2) Sorge für Zufuhr, Markt- 
polizei und Armenunterstatzung durch die largitiones (welcher Ge- 
genstand durch neuere Forschungen freilich eine ganz andere Gestalt 
gewonnen hat), 3) Sittenpolizei, >. B. leget sumpluariae^ Bestrafung 
des stuprum u. s. w. Cap. 4 : de potestate ei iurisdiciione aediliutn p. 
81 — 102 (CiviljurisdicCion, Multrecht, strafrechtliche Befugnisse). 
Ich bemerke hier, dass Hr. H. p. 95 f. über die Quaestur und den 
Uebergang der quaestorischen criminellen Wirksamkeit auf die lllviri 
capitales und aedües manches gute mittheilt. Das Endresultat ist, 
dass die Aedilen die Anklage gegen alle Vergehn erhalten hätten, 
welche zwar vor das Volk gehörten, aber nur Geldstrafe nach sich 
zogen. Pars IIl. Die Wahl und Honores der Aedilen S. 103 — 119. 
Am wenigsten befriedigt Cap. 1 : die Wahl (Comitien , Tag des Amts- 
antritts tt. dergl.) , wo nicht einmal auf Wunders bekannte Untersu- 
chungen in seiner Ausgabe der Planciana Rücksicht genommen ist, 
Vollständiger ist Cap. 2 : de iure ac dignitate aedüium. 

7) Quaesiores, A. Pauly: de quaestorihus Rom. ^ qußlcß 
fuerini antiquissimis reip, temporibus. Bonnae 1847. 35 S. 8. Abth< h 
de quaestoribus parricidii, §. 1. Nach der Widerlegung von Os^nhrflg- 
gens Ableitung des Wortes parricidi'um wird die Gerichtsbarkeit der 
quaestores parricidii (nicht identisch mit den lltiri perduellionis^ ge- 
gen Geib) unter den Königen geschildert. Sie sassen vornen^lich über 
parricidium , sodann auch über Mord und über die gegen den gött- 
lichen Cultus und gegen die Moral gerichteten Vergehn zu Gericht. 
Becker wird getadelt, die Grenzen der quaestqrischen Jurisdiction 
nicht genau bestimmt zu haben. §. 3. Noch unter den Königen be- 
kamen die quaestores parric. auch die Besorgung den aerortiim (dieses 
ist nicht zu beweisen, s. unten) und erst nach Vertreibung der Könige 
wurden durch Valerius Poplicola zweierlei Quaestoren eingeführt, 
besondere quaestores aerarii neben den alten quaest, parric, (auch 
dieses ist unwahrscheinlich und der Hauptbeweis beruht nur auf Pom- 
ponius, dessen Autorität im Vergleich mit den andern Gewährsmän- 
nern wie Varro l. l. V, 81. Zonar. VII, 13. Plut. Popl. 12 — was so- 
gar p. 17 zugegeben wird — nur schwach ist). Gegen die quaesto- 
res parricidii gab es keine provocatio , wohl aber gegen die Könige 
und Coss., weil die letzteren politische Vergehn zur Erhaltung des 
Staats, die Quaestoren aber Religions- \wvd.1^QtÄN^\\l\^^^^^v3«^^'«s^' 



158 Römische Alterthttmer. 

(Es wäre höchst auffallend geiyesen, wenn von den Königen Appel- 
lation an das Volk eingelegt werden durfte und nicht von den Quae- 
storen. Yermuthlich verwechselt der Verf. die alten quaest. parric, 
mit den späteren Quaesitpren.) §. 5. Die quaeslores parric. wurden 
vom Volke in den Curiatcomitien, nicht von den Königen erwählt 
(richtig). §. 6 spricht kurz und unklar von der Dauer dieses Amtes. 
Die quaesL parric. wurden zuletzt in den XU Tafeln genannt^ müssen 
also schon frühzeitig aufgehört haben, vielleicht mit den XII Tafeln. 
Ja man müsste die Aufhebung dieses Amtes schon in die Zeit der Se- 
cessio und der lex sacrata versetzen , wenn nicht Pomponius wider- 
spräche und wenn nicht sicher wäre , dass die Jurisdiction der Quae- 
stören (als ohne provocatio richtend) an das Volk nicht hatte über- 
tragen werden können. Da nun nach den XII Tafeln nur das Volk de 
capite civium richtete , so waren keine quaest. parric. mehr möglich. 
Nur zuweilen wurden sie nachher exira ordinem von dem Volke ge- 
wählt, um statt des Volkes zu untersuchen und zu entscheiden. (Es 
wird nicht klar , was die quaest. parric. nach der Könige Vertreibung 
zu thun hatten, da, wie der Verf. p. 23 selbst zugibt, das Volk nicht 
erst durch die XII Tafeln den Blutbann erhielt, sondern schon weit frü- 
her. Welchen Grund hätte also Valer. Poplicola gehabt, eine doppelte 
Art von Quaestoren einzuführen?) Abth. II. de quaesloribus aerarii 
p. 20 — 35. §. 7 über die sog. quaesiores classici. §. 8 f. Da die Cri- 
minaljurisdiction der Coss- durch die lex Valeria de protoc. und lex 
sacrata sehr beschränkt worden war, so blieb nur das Geschäft übrig, 
die öffentlichen Anklagen an das Volk zu bringen, welches Geschäft 
an die quaest, aerarii übergieng und zwar dergestalt , dass sie nur 
im patricischen Interesse und nur bei den Centuriatcomitien anklagten, 
80 wie die Volkstribunen im plebejischen Interesse vor den Tribut- 
comitien als Ankläger auftratem (Warum bekamen die quaesiores 
parricidii dieses Amt nicht, wepn sie damals- noch wirklich existier- 
ten? Einige Unrichtigkeiten in Bezug auf den zwischen den beiden 
Comitialgerichten gemachten Unterschied übergehn wir.) §. 10. Die 
quaest. aerarii wurden von den Curiatcomitien bis 305 a. u. gewählt, 
seit diesem Jahre von den Centurien und seit 346 a. u. von den Tri- 
butcomitien. 

Bald nach dieser Abhandlung erschien G. H. Wagner: de quae- 
storibus pop. Rom. usque ad leges Licinias Sextias. Marburg 1848. 
39 S. gr. 8. Als Grundlage der Untersuchung dienen Niebuhrs An- 
sichten über die Quaestur , welche der Verf. sorgfältig prüft und bei 
dieser Gelegenheit die verschiedenen Beweisstellen mit Besonnenheit 
und Scharfsinn abwägt — p. 24. Dadurch gelangt er zu dem Resul- 
tat, dass es stets nur 6ine Art von Quaestoren gegeben habe, ur- 
sprünglich quaesiores parricidii genannt, und dass diesen auch die 
Sorge für das Aerariam obgelegen habe. Diese Einrichtung sei ge- 
blieben bis 447 a. u. (nach Tac. Ann. XI , 22 , auf welche Stelle das 
Hauptgewicht gelegt wird), in welchem Jahre man wegen der sehr an- 



Wagner : de qüaest. pop. Rom. usque ad leges Licinias Sextias. 159 

gewachsenen Geschäfte des Aerariums die richterliche Gewalt von der 
Quaestur getrennt und den Quaestoren bloss die finansielle Amts- 
sphaere gelassen habe, weshalb manche dieses als Einsetzung der 
Finanzquaestoren angesehn hätten. Der Name quaestor parricidii 
habe nur im eigentlichen Sinne fortgedauert, indem derselbe allen 
im Namen des Volks commissarisch richtenden beigelegt worden sei. 
Daran schHessen sich p. 24 ff. drei weitere Excurse: l) über die 
Quaestur bis zum Jahre 447 a. u., wo behauptet wird, dass die 
quaestores parric, hauptsächlich eine richterliche Thätigkeit als Staats- 
ankläger (und zwar ganz vorzüglich im patricischen Standesinteresse, 
gewissermassen als trihuni pattum)^ niemals aber als Richter ge- 
habt hätten, denn die Aufsicht des aerarium sei untergeordnet ge- 
wesen. Darum wären vor dem Jahre 447 quaestores aerarii selten und 
von manchen, z. B. vonLivius gar nicht genannt worden. PlutarchPopl. 
12- irre insofern , als er den altern Yalerius Popl. mit dem Feind der 
Decemvirn L. Yalerius Potitus Poplicola verwechsle, welcher 447 die ge^ 
nannte, wichtige Aenderung vorgenommen hätte. 11. Wahl der 
Quaestoren. Tacitus sage die Wahrheit, dass die alten Quaesto- 
ren von den Königen und Coss. ernannt worden seien, nur müsse man 
noch eine Bestätigung durch die Curien annehmen, 447 a. u. sei die 
Wahl durch den genannten Yalerius an die Centuriatcomitien überge- 
gangen und von diesen sei sie , als auch Plebejer den Zutritt zur Quae- 
stur erhielten, endlich an die Tributcomitien gekommen 421 a. a. 
111. Wer übernahm nach 447 die richterlichen Besorgungen der bis- 
herigen quaestores parricidii^ Dieses wären die Illviri capitales 
gewesen , aber da diese erst 465 a. u. eingeführt worden wären , so 
hätten in der Zwischenzeit zwei tribuni militum cons, potest. dieses 
Amt besorgen sollen , wenn sie auch niemals dazu gekommen wären. 
Die Aedilen hätten nur einen Theil des quaestorischen Amtes bekom- 
men, nemlich die Polizeianklagen, dagegen die Majestäts- und andere 
Sachen die Militärtribunen und nach deren Aufhören die Yolkstribu- 
nen. — Vergleichen wir beide Schriften, so ist nicht zu verkennen, 
dass die letztcfTe in Beziehung auf Reichthum des Inhalts , Tiefe der 
Forschung und bewiesenen Scharfsinn höher steht als die erstere, ob- 
wohl auch diese keineswegs zutadelnist und manches richtige enthält, 
worin sie zum Theil mit der zweiten übereinstimmt, z. B. dass es ur- 
sprünglich nur ^ine Art von Quaestoren gab, dass die Quaestoren im pa- 
tricischen Interesse Anklagen erhoben u. a. EinHaüptirthum inPaulys 
Schrift ist, dass für die republican. Zeit zweierlei Quaestoren angenom- 
men werden, obwohl für die quaestores parricidii nichts zu thun übrig 
bleibt. Was Wagners Abb. betrifft, so sind mehrere Partien als eine 
Bereichernng der Wissenschaft anzusehn , wenn man auch die Haup^ 
resultate verwerfen muss. Vor allem ist nicht zu billigen, dass die 
Autorität des Tacitus fast als die einzige anerkannt wird, was dem 
Junius Gracchanus gegenüber Bedenken erregt, dass in die Stelle des 
Tacitus zu viel hineingetragen w^ird , während dieselbe nur von einer 
Veränderang der Wahlart handelt, dass die Quske&tAt^t^ i^"^ ^^06^1^»^- 



160 Römische Alterlhaner. 

ten nicht Richter , sondern' Ankläger gewesen sein sollen , was bloss 
von der republicanischen Zeit bewiesen werden kann nnd von der Kö- 
nigszeit höchst unwahrscheinlich ist n. a. Die scharfsinnig verthei- 
digte Verwechslung der beiden Yalerier ist nicht zu beweisen , denn 
wenn wir sie auch zugeben , so müssteti die quaest. parricidii vorher 
das Aerarium gehabt haben , was sich mit den Angaben des Plutarch 
und Zonaras nicht verträgt, welche die Coss. als Herrn des Aerariums 
anerkennen. Was die Stelle des Tacitus betrifft, so glaube ich, dass er 
die nach Absetzung der Decemvirn vorgenommene Restitution der Quae- 
stur mit deren früherer Einsetzung verwechselt und deshalb die Volks- 
wahl bis 447 hinausschiebt. Um so eher darf man sich diese Annahme 
erlauben , da er unzweifelhaft in einer andern Sache ,an derselben 
Stelle irrt: ut rem müitarem camitarentur. Dein cett., denn da müss- 
ten nach Tacitus zuerst 2 Quaestoren für das Heer und erst später 2 
für das röm. Aerarium ernannt worden sein , was niemand behaupten 
wird. So gut nun Tacitus in der einen Beziehung fehlt , ebenso gut 
war es auch in anderer Rücksicht möglich , s. Beckers Alterth. II, 2. S. 
338 f. Schliesslich erlaube ich mir meine eigne (zum Theil mit Becker 
übereinstimmende) Ansicht mitzutheilen : I. Periode. Unter den 
Königen bis auf Yalerius Poplicola gab es quaesiares parricidii als 
Blutrichter , welche auf königlichen Vorschlag von den Curiatcomitien 
gewählt wurden , Jun. Gracch. in Dig. I, 13, 1 und Lyd. de mag. 1, 24. 
Mit den Finanzen hatten diese gar nichts zu thun , sondern der König 
hatte das damals ohnehin unbedeutende Aerarium direct unter sich, 
wobei er sich von selbstgewählten Schreibern unterstützen Hess. Die- 
selbe Befugnis gieng auf die ersten Coss. über, Zonar. VII, 13. Plut. 
Popl. 12. Auf die von den Königen und Coss. gewählten Unterbe- 
diensteten des Aerariums bezieht sich Tac. l. 1., indem er diese Quae- 
storen nennt, wie die Staatsftnanzbeamten Später hiessen, und diesel- 
ben von den Königen und Coss. wählen lässt. Durch diese Vermitt> 
lung allein lässt sich die alte Differenz über die verschiedene Wahl- 
art der Quaestoren beseitigen. Die einen dachten an die ursprünglich 
Qaaestoren genannten Riohter , die andern an die später Quaestoren 
genannten Privatbeamten des Königs oder der Coss. II. Periode. 
Als durch Valerius Popl. der Blutbann an das Volk übergieng, ver- 
loren die quaestores parricidii ihre bisherige richterliche Wirksam- 
keit und sanken von Richtern zu Anklägern herab , durch welche Ar- 
beit sie sehr wenig in Anspruch genommen wurden , zumal da auch 
die andern Magistrate als Ankläger auftreten durften und da sie als 
Patricier vorzüglich im patricischen Interesse anklagten. Sie hatten 
also Zeit genug übrig auch die Staatscasse zu übernehmen, welche 
man den Coss. länger zu lassen nicht räthlich fand, Zonar. und Plut. 1. 1. 
Gaius bei Lyd. I, 26. Weil nun dieser neue Zweig ihrer Thätigkeit der 
vorwiegende werden musste, kam der Name quaestores parric, als 
den Verhältnissen nicht mehr angemessen bald ab und es bildete sich 
allmählich die Benennung quaest. aerarii und urbani. 

JSine dritte Schrift von G. Dollen: de quaeziorilmt Rom. capita 



Zumpt: comm. epigr. adjantiq. Rom. pertinentiam volamen. 161 

posteriora. Berol. 1847 konnte ich durch den Bachhandel nicht er- 
halten und werde darüber in einem Nachtrage berichten. 

8) Magistrate der Kaiserzeit. Besondere Monographien 
sind hier ausser A. W. Zumpts solider Arbeit: Honorum gradus $ub 
imperatoribus Uadriano et Antonino Pio secundum teterem lapidemDw- 
cicum explicati im Rhein. Mus. f. Philol. 1843 S. 249 — 289 nicht zu nen- 
nen. Eine schöne Behandlung haben die curatores alvei et riparwn 7V- 
beris durch Preller erfahren, in den Berichten fib. d. Verhandl. der 
königl. Sachs. Gesellschaft der Wissensch. zu Leipzig 1848 S. 142 — 149. 

9) Magistratus municipales. Zuerst nenne ich drei durch 
Gelehrsamkeit und Gründlichkeit höchst ausgezeichnete Abhandlungen 
meines Freundes C. G. Lorenz in Grimma: 1) de dictatorihus Latinis 
et mumcipalibus, Grimma 1841. 44 S. 4; 2) brevis de praetoribus muni- 
cipalibus comm, Grimma 1843. 18 S. 4; 3) nonnulla de aedilibus mu- 
nicipiarum, Grimma 1847. VI n. 14 S. 4, welche in diesen Jahrb. bereits 
die verdiente Anerkennung gefunden haben, s. XXXIU. S. 89 ff. 
XXXIX. S. 101 f. LIV. S. 97 f., weshalb ich nur den Wunsch hinzu- 
füge, dass uns Hr. L. recht bald wieder mit so gediegenen Ergeb- 
nissen seiner gelehrten Studien erfreuen möge. Sehr werthvoll sind 
ebenfalls die kleine Abhandlung von W. H e n z e n : sui pretoH e dit- 
tatori de'^ municipi antichi in den Annali deir inst, di corr. arch. XVIII. 
1846. p. 253 — 267, s. N. Jen. Litt. Zeitung 1847 Nr. 63, und der scharf- 
sinnige Aufsatz von Mar quar dt: die Logisten der röm, Kaiser^eit 
in der Zeitschr. für die Alterthumswiss. 1845 Nr. 118 f. 

Die defensores der Kaiserzeit. J. G. Römer: de defen- 
soribus plebis sive civit, Trai. ad Rh. 1840. 106 S. 8. Cap. I : de 
defens, plebis notione et angine p. 8 — 56. Cap. II : de electione def, 
et confirmatione et tempore ofßcii p. 56 — 69. Cap. III : de officio def. 
p. 70 ff. Es ist eine fleissige sorgföltige Arbeit, welche aber für den 
Philologen weniger Interesse hat als für den Juristen. Später er- 
schien eine mir unbekannt gebliebene Dissertation von Abel D e s - 
Jardins: de civ. defensoribus $ub imperat. Rom, Angers 1845. 45 S. 4. 

Das bedeutendste auf diesem Gebiete leistete unstreitig A. W. 
Zumpt in seinem sehr verdienstvollen commentt, epigraphicarum ad 
antiquitt, Rom, pertinentiam volumen. Berol. Dümmler 1850. 502 S. 4. 
Speciell gehören hieher die 2te comm, de quinqnennalibus municip. 
et Colon, p. 71 — 158 und die 3te comm, de quatuorviris munic, p. 159 
— 192. Aber auch die erste comm, : fastorum municipalium Campano- 
rum fragm, restitutum et explicatum p. 1 — 69 ist wegen der darin 
enthaltenen gründlichen Forschungen über die praefecti für die Mu- 
nicipalmagistrate wichtig. (Uebrigens hat Th. Mommsen dieses Fa- 
stenfragment der Stadt Yenusia vindiciert, in den Berichten über die 
Verhandl. der königl. sachs. Gesellschaft der Wissenschaften zu Leip- 
zig 1850. S. 224—235). Desgleichen enthält die letzte comm, de co- 
loniisRom, militaribus vieles hieher gehörige. Auf die Verdienste die- 
ses Werks näher einzugehn verbietet der Umfang desselben ebenso 
sehr wie der Charakter dieser Uebersicht. D\a \!lA^\jt^%xftÄ»^.^ ^^^ 



162 Römische AUerlhümer. 

Zumptschen Untersachuagen haben mit vollem Recht bereits Eingang 
gefunden in der Fortsetzung der Beckerschen Antiquitäten von Mar- 
quardt III, 1, wo S. 350 — ^364 die Municipalmagistrate in zusammen- 
gedrängter Weise behandelt werden. 

10) Diener der Magistrate (apparttores), als scribae^ 
UctareSy viatores^ praecones^ accen$i. Auch dieser scheinbar un- 
wichtige Gegenstand ist bei dem allgemeinen Eifer, mit welchem die 
Antiquitäten durchforscht wurden, nicht leer ausgegangen. Die er- 
ste Anregung erfolgte durch die Fragmente der lex de scribis viat. 
et praecon, quaestor,^ in welchen Th. Mommsen: ad legem de 
scribis et viat.^ Kiliae 1843. p. 1 — 7 üeberreste der lex Cornelia 
de XX quaestor. erkannte , wogegen G 5 1 1 1 i u g : nova editio legis de 
scribis Diät. etc. Jenae 1844. 9 S. 4 glaubte, dass dieselben der lex 
Titia de officio primorum octo de XX quaestor, angehöre , abermals 
in seinen XV röm. Urkunden. Halle 1845. S. 7 IT. Darauf zeigte 
Mommsen in d. Zeitschr. für d. Alterthumsw. 1816 Nr. 14 dieUnhalt- 
barkeit dieser Vermuthung und befestigte seine schon früher ausge- 
sprochene Ansicht. 

Beck<er hatte in seinen röm. Alterthümern II, 2. S. 370 — ^384 
die gesamte Dienerschaft der Magistrate behandelt, ohne die wich- 
tigen Resulti^te benutzen zu können, welche Mommsen gleichzeitig 
veröffentlichte. Dieser schrieb nemlich in Rom eine im Rhein. Mu- 
seum für Philologie 18^7 S. 1 — 57 abgedruckte Abhandlung de appa- 
ritoribus magistratuum Romanorum , welche aus einer Samm- 
lung aller (zum Theil noch ungedruckten) Inschriften über die Ap- 
paritoren jiebst vollständigem Commentar besteht. F. 2 — 5 werden 
die accensi als Privatdiener der Magistrate von den öffentlichen Ap- 
paritoren unterschieden; p. 6 — 11 folgen allgemeine Bemerkungen 
aber dieselben und sodann die einzelnen Arten :A. Apparitoren der 
mag, maiores: 1 — 3) lictores^ viatores^ praecones und apparit. der 
Coss. und.Praetoren p. 11 — ^23, 4) lictores curiati et alii sacrorum 
ministri 1^. '^ — ^29. B. Apparitoren der städtischen Quae- 
stor en, nemlich scribae und viatores p. 29^ — 39. C. Apparitoren 
der YolJ^stribunen, als scribae^ viat,^ praec, p. 39 f. D. Ap- 
paritprjsn der aediles curules^ nemlich scribae und praecones 
p. 40— 46. E. Appari toren der plebej. Aedilen p. 46 — 48. 
F. Viatores der.I Ilviri capitales und der IVviri viar. cur. 
p. 48 f. G. Lictoren der vicomagistri p. 49 ff. H. Diener der 
Municipalmagistrate p. 51 — 54 und wieder allgemeine Bemer- 
kungen bis p. 57. Die kurze aber sehr gehaltreiche Schrift zeigt wie 
so manche andere desselben Verf. und die Arbeiten von Zumpt, wel- 
che Bereicherung die röm. Antiquitäten aus dem sorgfältigen Studium 
der Inschriften gewinnen können, auf das glänzendste. Die Haupt- 
resultate finden sich kurz wiederholt in Beckers Alterth. von Mar- 
quardt II, 3. S. 272 ff. und in den betreffenden Artikeln von Paulys 
Realencycl. 

Auch Staatssklaven wurden von den Magistraten als Diener ge- 



Labouiaye : sur les lois orim. d. Rom. conc. la respons. d. mag. 163 

braucht; s. E. A. Gessner: de servis Rom, publicis. Berol. 1844. 

61 S. 8. . 

11). Yon.der Yerautwortlichkeit der röm. Magistrate 
handeln zwei gleichzeitige Schriften , die eine in umfassender , die 
andere in sehr J)eschränkter Weise. Die letztere ist von Menn: de 
iure Romano magistratuum accvsandorum, Düren 184d. 16 S. 4' und 
gibt eine sorgfältige Zusammenstellung des die Hauptsachen betref- 
fenden Materials , wenn auch ohne neue Forschungen. Zuerst werden 
die competenten Richter der Magistrate besprochen und die Thätig- 
keit der Yolkstribunen , welche als Ankläger auftraten , neben der der 
Censoreji, welche strafend eingriffen, und der der Consuln, welche 
die Untei^beamten überwachten , kurz beleuchtet. S. 4 ff. folgen die 
Gerichte, vorzuglich über perduellio und tnaiestas^ S. 8 f. die quae- 
stiones perpetuae^ als repetund. pectUät. amhit. vis und falsutn. Die 
Gerichte 4er Kaiserzeit bestehend aus dem Senat, dem Kaiser und 
den k^ijserlichen Richtern mit dem Verfahren extra ordinem machen 
den Beschluss. Die speciellen mit dem Gegenstande zusammenhängen- 
den Fragen konnte der Verf. aus Mangel an Zeit und Raum nicht 
berühren. 

Viel umfassender, durch und durch geschmackvoll, von Geist 
und Leben durchdrungen ist die Preisschrift des als Kenner des röm. 
Rechts rühmlich bekannten Ed. Labouiaye: essai sur les lois cri- 
minelles, ßes Romains concernant la responsabilite des magistrats. 
Paris, Durand, Joubert, Franck 1845. XXIII u. 452 S. 8. Hier finden 
wir nicht bloss eine Aufzählung und Erklärung der zum Schutz der 
Bürger gQgen die Uebergriffe und Ungerechtigkeiten der Magistrate 
eingeführten Institute, sondern auch eine lebhafte Schilderung ihrer 
gegenseitigen Beziehungen mit steter Berücksichtigung der Zeitver- 
hältnisse , der Verfassung und der hervorragenden Charaktere , nebst 
praktischen Vergleichungen der alten und neuen Zeit, so dass sich 
das Buch jn dieser Hinsicht vor den deutschen Arbeiten sehr auszeicb^ 
net, obgleich die deutsche Gelehrsamkeit dem Verf. fast das ganze 
Material geliefert hat. Buch 1: Königszeit und Republik bis zvlv lex 
Calpumia p. 21 — 159. Sect. 1: die verschiedenen Gewalten, Sect. 2: 
die verschiedenen Jurisdictionen, welche die Verantwortlichkeit der 
Magistrate,. üicherten (König, Coss., Comitien, Senat, quaesHones 
perpetuae)^ Sect. 3: Processformen. Buch II: von lex Calpumia bis 
Augustuß p. 161 — ^383. Sect. 1: die Verwaltung der Provinzen, Sect. 2 : 
Geschichte der strafrechtlichen Gesetze und Tribunale dieser Zeit, 
Sect. 3: Propessformen der quaest. perpet. Buch 111: vonAugustus bis 
Hadrian p. 385 — 448. Sect. 1: Betrachtungen über den Kaiser und die 
kaiserlichen Obrigkeiten, Sect. 2: Jurisdiction des Senats und des Kai- 
sers, Sect. 3- der Process bei beiden Gerichten. Lehrreich ist die 
Recension.vpn Köstlinin N. Jen. Li tteratur- Zeitung 1845 Februar 
Nr. 31 f. 34 If.. 

B. Der Senat. Trotz der alten fleissigen Arbeiten von Bris- 
sonitts und J. Sarius von Zamosk ist eine reiche Nachle«^ <l^iv^ %^- 



104 Römische Allerihftmer. 

blieben, welche verschiedene von verschiedenen Seiten versucht ha- 
ben. Ko Ister: über die parlamentarischen Formen im röm. Senat 
in derZeitschr. für d. Alterthumswiss. 1642 Hai S. 409 ff. gibt eine gute 
Uebersicht derjenigen Formen , an welche die Verhandlungen des röm. 
Senats gebunden waren und zwar %, 1 über die Berufung des Senats, 
%. 2 über Debatte und Leitung, %, 3 über Beschlussnahme, Form der- 
selben und Hindernisse. 

Bald darauf schrieb Haggiolo: Rom, senatus eices et aetates. 
Argentor. 1844. 8. In Deutschland traten sodann Detailuntersnchungen 
hervor, so von J. Becker: Bemerkungen Über die Zusammensetzung 
des röm, Senats und insbesondere Über die sog. pedarii in den Hess. 
Gymnasialblättern. Mainz 1845 1, 1. S. 39 — 47 und : abermals über die 
pedarii in der Zeitschrift für d. Alterthumswiss. 1850 Nr. 3 f. Es ist 
keinem Zweifel unterworfen, dass der röm. Senat aus 3 Classen von 
Mitgliedern bestand : l) wirkliche Senatoren , welche von den Censo- 
ren erwählt worden waren , 2) solche quihus licebat in senatu senten- 
Üam dicere^ nemlich die Magistrate des laufenden Jahres und vor- 
züglich die gewesenen Magistrate, welche bis zur nächsten lectio 
des Senats im Senat bleiben durften , 3) die sog. pedarii. Von diesen 
letzteren setzt Hr. B. folgende Resultate voraus : l) dass sie solche 
waren , die noch keiue Aemter verwaltet hatten , 2) dass sie die nie- 
drigste Stufe aller Senatoren ausmachten, 3) dass sie des ins sententiae 
die. entbehrten , aber an der Abstimmung Antheil nahmen. Nun frage 
es sich noch, welchem Stande dieselben angehörten. Yarro sage bei 
Gell. III, 18 equites quosdam dicit pedarios appellatos und darunter 
verstehe er die Ritter der altpatricischen 12 Centurien, denen die Be- 
theiligung am Senat freigestanden, im Gegensatz zu den Rittern der 
VI suffragia^ welche den equus publicus nicht gehabt hätten u. s. w. 
(ganz nach Rubino). Diese zweite Classe der equites hätte Anwart- 
schaft gehabt auf den equus publ. für später und damit die Aussicht 
auf Ertheilung des Patriciats und Aufrücken in die erste Classe der 
equites. In der 2ten Classe der Ritter habe man als Ritter dienen müs- 
sen, um in die patricische erste aufzurücken, und dadurch wäre dem 
avancierten als pedarius der honor senatoriae dignitatis zu Theil ge- 
worden. * Erhielt der pedarius dann später ein Amt, so konnte er 
nach dessen Verwaltung in den 2ten ordo der gewesenen Magistrate und 
endlich durch die lectio der Censoren in die erste Classe der vollbe- 
rechtigten Senatoren aufrücken. Fehlten Männer der 2ten Classe ganz, 
80 wurde er auch wohl bisweilen sofort aus einem pedarius ein voll- 
berechtigter Senator und sen. adlectus (Paul. Diac. p. 7 M.).' Wenn 
wir dieses Resultat gründlich prüfen, so zeigt es sich als verfehlt. 
Zuerst steht die Rubinosche Theorie von den beiden Ritterclassen noch 
keineswegs so fest, wie der Verf. glaubt und ich früher selbst glaubte 
(s. oben) , sodann aber angenommen , dass dieselbe richtig wäre , so 
erheben sich dennoch unübersteigliche Schwierigkeiten. Vor allem 
müssen wir bedenken , dass, wenn 12 ganze Rittercenturien das Recht 
hatten , in den Senat zu gehn und dort zu stimmen , diese den Charak- 



Czarnecki : der römisclie Senat. 1Q5 

ter als Ritter völlig verloren hätten und in den ardo senatoHus fiber- 
gegangen wären. Wo hätte man da die equites zu suchen? Wie hätte 
man sich das Stimmrecht dieser senatorischen Ritter zu denken? Die- 
ses Bedenken fühlt der Verf., indem er sagt: *es ist kaum glaublich, 
dass bei allen Beschlüssen alle oder auch nur ein grosser Theil 
der pedarii mitstimmte, obgleich es in gewissen Fällen stattgefunden 
haben muss, dass die grosse Anzahl derselben einen Beschluss 
durchsetzen half, der bei der Abstimmung unter dem Körper der voll- 
berechtigten Senatoren nicht in derselben Weise durchgegangen wäre. 
Und doch muss man festhalten , dass es allen pedarii im Senate zu er- 
scheinen freigestanden habe.' So müssten also nach dem Verf. zwei 
Arten von pedarii vorhanden gewesen sein: 1) alle equites der 13 
Cent, zur Theilnahme an dem Senat berechtigt, 2) eine gewisse An- 
zahl , die zum Abstimmen berechtigt gewesen wäre. Dann aber hätte 
maik die erste Art gar nicht pedarii nennen dürfen , denn der Gmnd 
fiel weg, warum sie diesen Namen führen sollten. Wären die pedarii 
wirklich alle Ritter der 12 Centurien gewesen, so hätte Varro niehC 
gesagt quid am equites^ sondern er würde einfach gesagt haben : 
equites XU eenturiarum oder dergl., und überhaupt würde das ganze 
Institut nicht so bestritten gewesen sein , wie es nach den Worten bei 
Gellius gewesen ist. Unter diesen Umständen können wir nicht sa- 
geben , dass die pedarii eine besondere compacte Rittereiasse gewe- 
sen wären, sondern equites quidam^ d. h. gewisse Ritter, wel- 
che die Censoren wegen ihrer militärischen Verdienste, wegen ihrer 
vornehmen Familie, wegen ihres hohen Reichthums u. s. w. in die 
unterste Classe der Senatoren aufnahmen, die dann allerdings auch zu 
den beiden andern höhern Classen gelangen konnten. Noch nachträg- 
lich mache ich darauf aufmerksam , dass die Annahme des Verf. vob 
dem patricischen Charakter der 12 Cent, ebenso unmöglich ist wie die 
Behauptung, dass man durch den Dienst unter den 6 Suffragien in 
die erste Classe zum Patriciat hätte gelangen können. Bekannt ist, 
dass die Aufnahme unter die Fatricier ein sehr seltener, durch Senats- 
und Comitialbeschluss zu bewirkender Act war und dass daher die 
Zahl der Fatricier am Ende der Republik auf 50 Familien zusammen- 
geschmolzen war (Dion. 1, 85) , was nach Hrn. B. gar nicht hätte ge- 
schehn können. 

Ueber F. H o f m a n n : der räm, Senat %nr Zeit der Republik nach 
seiner Zusammensetzung und Verfassung. Berlin 1847, s. diese Jahrb. 
LVIII. S. 227 — ^238. Caduzac: deeadence du senat Rom. depuis Ci- 
sar jusqu'^ä Constantin. Limoges 1847 ist mir nicht bekannt. Czar- 
necki: der röm, Senat. Fosen 1849. 11 S. 4 zerföUt in 3 Abtheilun- 
gen: l) Zahl und Wahl der Senatoren, 2) Form derSenatsverhandlun- 
gen , 3) Wirkungskreis des Senats unter den Königen , in der Repu- 
blik und unter den Kaisem , ermangelt aber alles wissenschaftliehen 
Werthes. Eine neue Anregung unerledigter Fragen sucht man ver- 
geblich , das ganze ist nichts als ein dürftiger Auszug aus den in den 
Lehrbüchern enthaltenen Resultaten und allerlei Unrichtigkeiten Bind 



166 Römische Alterdiümer. 

eingewebt , von denen ick zur Begründung meines Urtheils einige an- 
führen will. S. 2 f. die. Zahl von 300 Senatoren sei bis auf Sulla un- 
verjändert geblieben ; S. 3 : bei der , grossen Anzahl von cürnlischen 
Beamten hätten nicht immer alle nach zurückgelegtem Amtsjahr als 
wirkliche Senatoren aufgenommen w-erden können* (dieses geschah 
aus dem einfachen Grunde nicht, weil die <;ensorische lectio nur alle 
5 Jahre gehalten wurde, aber die Exmagistfate* blieben doch einst- 
weilen im Senat bis zur nächsten Censur); S. &: die XII Tafeln hätten 
bestimmt, daßs % der älteren und % der jüngeren Geschlechter ohne 
Rücksicht auf das Alter zugleich und mit gleichen' üechten stimmen 
sollten , wovon bei Gell. XIV,. .7 kein Wort steht. Von den pedarii 
heisst es bloss, sie ständen nicht in curulischen Aemtern, hätten auch 
keine solchen bekleidet und. stimmte»: nur durch Beistimmung. Scon- 
sultum und decretttm werden falsch unterschieden und die auctorüas 
im eigentlichen Sinne nicht einmal erwähnt. S. 6 f. sind die Befug- 
nisse des Senats ohne alle Ordnung aneinander gereiht und darunter 
befindet sich ^ die Gerichtsbarkeit über ganz Italien? u: dergl. Man 
weiss nicht , ob man solche Dinge der «Flüchtigkeit des Verf. oder 
einem an4ern Umstände zurechnen soll. < -i- C- F. Bieling: de dif- 
ferentia inter senalus auctoriiatem , consultum et decreium, -Minden 
18^. 8 S. 4 enthält das richtige. und ziemlich allgemein angenommene 
über die genannten Ausdrücke. Wenn hier gesagt wird, die bei Dio 
Cäss. LV, 3 berichteten Notizen über senatus auctoritas bezögen sich 
nur auf die von August gemachten Neuerungen , nicht auf die republi- 
canische Zeit, so ist das nicht durchaus richtig, denn Dio Cass. zählt 
auch die Intercession der Tribunen als Ursache auf , warum nur eine 
auctoritas abgefas^t werden könne, und dieses war doch eine uralte 
Bestimmung, welche August nur bestätigte. Am Schluss sind Stellen 
gesammelt über die allgemeine Bedeutung des Wortes decretum^ wel- 
ches sich bloss durch die vis generalis von Scons, unterscheiden soll. 

€. Comitia, l) Ueber die com, curiata ist seit F. van der 
Vei den: de com. curiatis. Medemelaci 1835 nichts geschrieben wor- 
den als von N.ewman: on the com. cur, im Classical Museum XX. 
p. 101-^127 , worüber ich nichts mittheilen kann. 

2) Die com, ceniuriata und trihuta sind desto häufiger be- 
sprochen worden und zwar meistens in Bezug auf die grosse Reform 
der Centnriatcomitien nach Liv. I, 43 und Dion. IV, 21. Zuerst ver- 
öffentlichte R. V. Raumer seine diss, de Sermi Tullii censu. £r- 
langae Blaesing 1840. 92 S. 8, welche von dem Scharfsinn und dem 
selbständigen Urtheil des Verf. ein günstiges Zeugnis ablegte. Für 
die Wissenschaft hatte sie untergeordneten Werth, da der Verf. mit 
der neuern Litteratur unbekannt war und deshalb schon von andern 
gewonnene oder auch bereits beseitigte Resultate aufstellte. §. 1 : die 
Staatsverfassung vor Serv. TuUius ; §. 2 : die Servianischen Tribus (die 
Patricier wären erst durch die XII Tafeln in die Tribus aufgenommen 
worden); §. 3: Zusammenstellung des Dionysius und Livius über die 
Servianischen Classen (mit 4em Mis Verständnis, dass Livius nur 191 



Gerlach : die Verfassung des Servius TuHias. 167 

Centarien habe); §. 4: Cic. de rep. II, 22 sei unverdorben; §. 5: die 
grosse Reform (die alte Zahl der 193 Centurien sei auch spater nicht 
verändert worden, die 1. Classe sei von 80 auf 70 Centurien reduciert 
und von den gewonnenen Centurien hätte die 2., 3., 4., 5. Classe je 
2 Centnrien bekommen, die 6. Cl. hätte 3 Cent, gehabt: accenst, ee- 
lati und proletarii und dazu komme als letzte Centurie ni quis sci- 
f>iti); §. 7: Probabilia u. s. w. Ausführlicher habe ich darOber ge« 
sprochen in der Zeitschrift für die Alterlhumswiss. 1840 Nr. 157. 

Darauf folgte F. D. Ger lach: die Verfassung des Servius 7W- 
liuß in ihrer Entwicklung in seinen histor. Studien. Hamburg und Go- 
tha 1841. S. ß43 — 434 (vorher schon in Basel 1837, 43 S. 4 herausge- 
geben), von mir angezeigt in der Zeitschr. für d. Alterthofttswiss. 1839 
Nr. 100. In edler Sprache schildert der Verf. die früheren Pöicibden 
der Republik und leitet aus den allmählich veränderten Grundbedin- 
gungen der Servianischen Verfassung die Nothwendigkeit einer Re- 
form her, welche nach Einrichtung der 35 Tribus vor Anfang des 2. pn- 
nischen Kriegs ins Leben gerufen worden sei. Die Centurienzahl habe 
man nicht verändert, nur habe man der 1. Classe 10 Centurien genom- 
men und die andern Classen mehr gehoben. S. weiter unten. 

Fr. Ritter: die Verbindung der röm, Centurien mit den Tribus 
im Museum des rheinisch-westphäl. Schulmännervereins. Münster 1843 

1. S. 91 — 121 setzt die Veränderung in die Jahre 442 und 450 a. a. 
Ganz unglaubhaft und allen Quellenzeugnissen widersprechend ist das 
Bild , welches Hr. R. von der neuen Verfassung entwirft. Er meint 
nemlich , die früheren 193 Cent, seien auf 70 reduciert wordeti , indem 
jede Tribus in zwei Hälften seniores und iuniores gelheilt worden sei. 
Die verschiedenen Classen und die Rittercenturien werden ganz ver- 
nichtet — wenigstens für die Comitien,'was einer Widerlegung nicht 
bedarf, s. Gerlach histor. Studien II. S. 289 ff. Verwandt ist ein Auf- 
satz Ritters im Rhein. Museum für Fhilol. 1842. S. 575 — 592: die 
Nachrichten des Cicero ^ber die Servian, Centurien^ wo Hr. R. die 
berüchtigte Stelle Cic. de rep. II, 22 für unverdorben hält und da- 
durch erklärt, dass Cicero in Uebereilung einen Rechnungsfehler ge- 
macht und 89 statt 99 numeriert habe , worauf er dann wiederum einen 
neuen Irthum gebaut habe. Niemand kann ein solches Verfahren bil- 
ligen, s. Gerlach II. S. 237 ff. 

In demselben Rhein. Museum 1842. S. 402—412 spricht L. Ur- 
lichs über das Verfahren bei den Abstimmungen des röm, Volks in 
den Septa und berichtigt Göttlings Ansichten (Geschichte der ^Öm. 
Staatsverf. S. 386 ff.) über die septa lulia^ wobei er manche andere 
interessante Notizen über die (H>t7ta, die Abstimmung überhaupt u. s. 
w. mittheilt , auf welche Details hier nicht einiugehn ist. 

Das Jahr 1844 lieferte das beste und zugleich das schlechteste, 
was auf diesem Felde geschrieben ist. Th. Mommsen schilderte in 
seiner vortrefflichen Schrift: die röm. Tribus^ s. oben S. 135, im 

2. Capitel S. 59 — 119 die Servianisehe Verfassung, den Uebergang 
zur Reform und die Reform selbst mit allen Nebenfragen, indem er die 



leS Römische Alterthamer. 

Theorie des Pantagathus zur Grundlage nahm und durch Inschriflen- 
zeugnisse zu bekräftigen versuchte, welche Beweisführung ttbrigens 
der am wenigsten gelungene Theii des Buchs ist. Hr. M. baut zu viel 
auf die Inschriften der Basen , welche die trilms Sucusana iuniorum 
dem Yespasian errichten Hess; diese rühren aus einer Zeit her, in 
welcher die Tribus ihre alte Bedeutung ganz verloren hatten und keine 
Centurien mehr enthielten , welche mit der Abstimmung in den Comi- 
tien irgendwie zusammenhängen konnten. Abgesehn von diesem Be> 
weis empfiehlt sich die Erklärung des Pantagathus in der von dem 
Verf. modificierten Weise vor allen andern Versuchen. Für dieselbe 
spricht auch Peter, desgleichen Haltaus Geschichte Roms im Zeit- 
alter der punischen Kriege , Leipzig 1846 und zuletzt wurde sie ange- 
nommen von Harquardt in Beckers Alterth. II, 3. S. 9 — ^37, ob- 
wohl sich die gewichtige Stimme Huschkes (Rec. von Mommsen in 
Richter und Schneider krit. Jahrb. für deutsche Rechtswiss. 1845 
S. 603 ff.) dagegen erklärt hatte. In dieser Recension hatte Hnschke 
seine alte Ansicht (Serv. TuUius S. 611 — 690) mit mehreren Verände- 
rungen geistreich und scharfsinnig wie immer vertheidigt, dass nem- 
lich die 35 Tribus oder 70 Centurien in 5 Classen getheilt gewesen 
wären, in der Weise, dass die 1. Classe 20 Tribuscenturien oder 
10 tribus , die 2. Classe 8 Centurien oder 4 Tribus u. s. f. enthalten 
hätte. Mit dieser ganz willkürlichen Eintheiiung ist aber weder das 
locale Princip der Tribuseintheilung, noch die demokratische Tendenz 
der Reform zu vereinigen, ungerechnet andere Gegengründe, s. Zeit- 
schrift für d. Alterthumswiss. 1839 Nr. 99. Gerlach histor. Studien IL 
S. 226 — ^232. Marquardt in Beckers Alterth. II, 3. S. 21 ff. 

Um aber zum Jahre 1844 zurückzukehren, so ist noch eines Pro- 
gramms der Schule von Rössel (gedruckt in Königsberg) zu geden- 
ken: Kraynicki: de pop, Rom, in tribus curitu et centurias divisi 
Muffragiarum ferendorum ratione in comitiis. 8 S. 4, welches man für 
das durch Versehn in die Druckerei gekommene Specimen eines Se- 
cundaners oder Primaners halten könnte, so verkehrt und fehlerhaft 
ist es gearbeitet. Von Niebuhrs Werken muss der Verf. keine Ah- 
nung gehabt haben. 

Eine kritische Uebersicht der verschiedenen Leistungen in Be- 
ziehung auf die Verschmelzung der Centurien und Tribus gab K. W. 
Nitzsch: über den neuesten Stand der Geschichte der röm. Repu- 
blik in Schmidts Zeitschrift für Geschichtswiss. 1845 IV. S. 229 — 271. 
Derselbe schliesst sich im allgemeinen Niebuhrs Meinung an und be- 
kämpft die Erklärungen von Göttling, Peter, Rubino und Mommsen. 

Im 2. Band der historischen Studien von F. D. Ger lach, Basel 
1847, ist S. 203 — ^266 ein Aufsatz enthalten : die neuesten Untersu- 
chungen über die Servian. Verfassung, Kritische Berichte über die 
oben erwähnte Schrift von Haltaus (namentlich in Bezug auf dessen 
Ansicht über die röm. Ritter), über Mommsens Tribus, über Husch- 
kes Recension derselben, über Bachofens lex Voconia (wegen der 
Servianischen Censussätze, welche nach Böckh, Peter, Mommsen, Mar- 



Rein: de comitioruni Rom. iudiciis. 160 

q«ardt, Hertz u. a. in späterer Zeit um das fünffache erhöht worden 
sind, was Gerlach S. 234 ff. ganz iu Abrede stellt), über Ritters Ab- 
handlung im Rhein. Museum gehn voraus , worauf Hr. 6. S. 240 ff. auf 
die Art der Abstimmung abergeht (bei Gelegenheit der Urlichsschen 
Abhandlung) und zuletzt seine eignen Ansichten über die Servian. 
Verfassung und deren Reform vorträgt, S. 246 — 266. Es ist die in- 
nere und äussere Entwicklung Roms und seiner Verfassung von der 
ältesten Zeit bis zu der Periode, in welcher die Reform eintrat, durch 
welche Darstellung Hr. G. seine schon früher aufgestellten Ansichten 
befestigen wollte. Manches schöne und wahre ist darin enthalten, 
doch kann man nicht in allen Punkten mit Hrn. G. übereinstimmen. 

Schliesslich berichte ich noch kurz über eine Abhandlung Pe- 
ters in d. Zeitschrift f.d. Alterthumswiss. 1846 Nr. 133, welche eine 
gründliche Widerlegung der Niebuhrschen Theorie von 195 Centurien 
enthält. Weniger einleuchtend ist seine Bekämpfung der Niebuhr- 
schen und Göttlingschen Annahme von einer Abtheilung der 6. Classe, 
genannt accensi veiaü^ mit einem Census von 12ö00 — '1500 Asses, s. 
Paulys Realencycl. VI. S. 94 f. 

In Beziehung auf die Befugnisse der Comitien nenne ich noch 
zwei Gelegenheitsschriften von mir selbst aus dem Jahre 1841, zuerst 
Quuest. Tüll, cum exeursu de comüiomm Rom. iudiciis 14 S. 4 und 
bald darauf: Tfiro magnif, J. A, Nebio — gratulatur eXc, mit der 
Ueberschrift : de iudiciis pop, Rom, pravocaüone non interposita ha- 
bitis, 14 S. 4, recensiert von Peter in diesen Jahrb. XXXIII. S. 311 — 
317. Die von mir gewonnenen Resultate scheinen ziemlich allgemeine 
Anerkennung gefunden zu haben, zuletzt von Becker Alterth. II, 2. 
S. 282 und in der Fortsetzung vonMarquardt II, 3. S. 148 — 157. Zu den- 
selben Resultaten gelangte im Jahre 1842 auch G. G e i b in seiner treff- 
lichen Schrift: Geschickte des rötn. Criminalprocesses, Leipzig, Weid- 
mannsche B. S. 30 ff. und 1843 wenigstens in mehreren Punkten G. A. 

A. G. Haeckermann: de legislatione decemvirali, Gryph. 146 S. 8 
(hieher gehört Gap. 2 B. p. 26 — 58 über die röm. Comitialgerichte, 
Cap. 3 A. über die Aufnahme der Patricier in die Tribus p. 79 — 83, 

B. über die Tributcomitien als angebliche Nationalversammlung p. 
83 — ^95, C. die Veränderungen der Curiatcomitien nach den XII Ta- 
feln p. 96 — 123. Die Dissertation enthält manches gute und scharf- 
sinnige, s. Zeitschrift für d. Alterthumsw. 1844 Nr. 77). Die Ergeb- 
nisse der in den beiden genannten Programmen' enthaltenen Unter- 
suchungen will ich nur noch mit einigen Worten zusammenfassen: 
1) die com, curiata richteten von dem Ursprünge des röm. Staats an 
bis auf Serv. Tullius nur in Provocationsfällen. War keine Provoca- 
tion eingelegt , so übte der König ein unbeschränktes Richteramt. Aus- 
geschlossen war die Provocation nur in Disciplinarsachen und bei 
minder wichtigen Vergehn. Mit Servius Tullius erlosch dieses Recht 
der Curiatcomitien und niemals haben sie ein sog. Peersgericht ge- 
bildet, es gehören vielmehr alle Processe, welche nach Niebuhr, Gött- 
ling, Walter, Peter von den Curien entschieden worden wären.^ theiU 

iV. Jahrb. f. PMt. u. Paed Bd. LXV. Hfl. ^. Vi 



170 Englische Litteralur. 

vor die Centurien theiU vor die Tribus. 2) Die com. eetUuriata er- 
hielten durch Serv. Tullius als einzige Nationalversammlung das Ober- 
richteramt in allen Provocationsfällen. Gleichzeitig mit oder wenigstens 
sogleich nach der Könige Vertreibung (durch lex Valeria) wurden 
diese Comitien mit der Gerichtsbarkeit über alle Capitalverbrechen 
überhaupt (auch ohne vorhergegangene Provocation) beauftragt, was 
die XU Tafeln bestätigten und was bis auf die Errichtung der gwnes/tofies 
perpetuae bestand. Später wurden sie nur selten berufen, um über 
perdueUio zu richten. 3) Die com, trihuta erhielten durch das Fle- 
biscit des L. Jun. Brutus und Sp. Iciiius 494 a. n. (ein nothwendiges 
Supplement der lex sacrata) das Recht, diejenigen, welche die Yolks- 
tribunen verletzen würden, vor ihr Forum za laden und sogar mit 
einer Capitalstrafe zu belegen. Dieses Richteramt dehnten die Volks- 
tribunen in weitem Umfang «us, aber eine Capitalstrafe konnte nur 
in dem angegebenen Falle verhängt werden, es sei denn dass der 
angeklagte sich freiwillig entfernt hatte , worauf dann die Tribus die 
aptae et i^is interdicHo aussprachen. Gewöhnlich aber dictierten 
die Tribns eine Geldstrafe , sowohl wenn eine Anklage direct an die 
Tribus gerichtet worden war, als wenn jemand wegen einer Mult an 
sie provocierte. Demnach hatten sich die Centuriat- und Tributco- 
mitieu in die Criminaljurisdiction getheilt, beide richteten mit uud 
ohne Provocation , je nach der Beschaffenheit de» Vergehens , der An- 
klage und der zu verhängenden Strafe. Das nähere findet sich auch 
in Paulys Realencycl. IV. S. 372 ff. VI. S. 156 ff. 

Eisenach. W. Rein. 



EngliseherJJederschaU ans englischen nnd amerikanischen Dichtern 
vorzugsweise des XIX. Jahrhunderts. Mit Nachrichten über die 
Verfasser. Herausgegeben von Karl Ehe. Dessau, Druck und 
Verlag von Moritz Katz 1861. XIV n. 434 S. 8. 

Der Verf. bemerkt in seinem kurzen Vorworte sehr richtig, dass 
es znmal für einen unbekannten Schriftsteller ein gewagtes Unter- 
nehmen sei, die Menge der bereits vorhandenen englischen Gedicht- 
sammlungen und Blttmenlesen um eine neue zu vermehren. Dennoch 
sind wir fest fiberzeugt, dass ein Werk wie das vorliegende sich 
durch den grossen Haufen mit buntem Flitterstaat gezierter Mitbe- 
werber bald Bahn brechen und unter den wenigen wirklich brauch- 
baren Chrestomathien eine ehrenvolle Stelle einnehmen wird; denn 
es leistet eben weit mehr als alle jene Sammler , welche aus der ge- 
drängten Phalanx der englischen Dichter einige wenige auserkoren 
und von diesen auserwählten {ihese chosen few) vielgerühmte Ge- 
dichte, oft in der seltsamsten Zusammenstellung, abdrucken Hessen. 



Elze: englischer Liederschatz. 171 

Es m9ig zugegeben werden, dass dieses sehr äusserliche Princip der 
Zusammenstellung den recht aufmerksamen und denkenden Leser be- 
fähigen kann, sich von dem einen oder andern der besonders bevor- 
zugten Dichter ein ungefähres Charakterbild zu entwerfen ; das Ganze 
ist und bleibt aber doch ein bunt zusammengewürfeltes Allerlei. Wenn 
dagegen alle Gedichte der Sammlung mit so tief poetischem Sinne, 
wie ihn Ur. E. zeigt, zusammengeordnet, wenn sie so zusammenge- 
wachsen sind wie die verschiedenen Blumen, welche die Hand des 
sinnigen Gärtners auf einem grossen Beete vereinigt hat , dann macht 
das Ganze in Wahrheit den Eindruck eines stofflich geordneten Ab- 
risses der gegenwärtigen lyrischen Welt- und Lebensanschauung einer 
grossen Nation. Wir zweifeln nicht, dass selbst die kurzen Mitthei- 
lungen, welche wir über den Plan und die Theile dieses Werks ge- 
ben wollen, das demselben bereits ertheilte Lob vollkommen recht- 
fertigen werden. — Der Titel des Buchs selbst kann leicht irre 
führen ; da er deutsch ist , so erwartet man fast eine Zusammenstel- 
lung von Uebersetzungen englischer Gedichte nebst Nachrichten über 
die Verfasser oder etwa eine Arbeit, wie sie F. J. Jacobsen in seinen 
Briefen über die neusten englischen Dichter 1820 compilierte, Ur. E. 
scheint diesen Titel so gewählt zu haben, weil er das Buch zunächst 
für deutsche Leser bestimmte, aus welchem Gruude auch die wenigen 
Anmerkungen deutsch geschrieben sind; es wäre wohl zweckmässiger 
und dennoch nicht unbescheiden gewesen, wenn der Titel sogleich 
auf das eigenthümliche Bestreben hingewiesen hätte, in dem Buche 
sogleich ein Stück Geschichte der neusten lyrischen Poesie der Eng- 
länder und Anglo-Amerikaner , wenn auch nicht in vollständiger Aus- 
führung zu geben , so doch durch eine sehr planmässige Anordnung 
des Stoffes vorzubereiten. — Sämtliche Gedichte sind in sechs 
Hauptpartien zusammengestellt, welche überschrieben sind: ^Vater- 
land und Heimat, Welt und Natur, das Leben, die Liebe, Episches, 
Uebersetzungen.' Im siebenten Theile folgen dann die zwar sehr kur- 
zen, aber doch manche schätzbare Notiz enthaltenden und, wie man 
wohl bemerkt , aus einem viel reichern Material fleissig ausgezogenen 
Nachrichten über die alphabetisch zusammengestellten Verfasser. Zu 
jeder Abtheilung so wie zum Anfang und Schluss ist ein Motto sehr 
sinnig gewählt; nur bei den Uebersetzungen fehlt dies; warum? — 
weil die Uebersetzungen (nemlich einer Anzahl Gedichte von Goethe, 
Schiller, Uhland, Rückert, Platen, Heine, Geibel u. a.) selbst nicht 
recht in das ganze Werk hineinpassen und nur einen Anhang bilden. 
Auch scheint es uns nicht billigenswerth, dass Uebersetzungen mit auf- 
genommen sind, welche ungenau oder geradezu falsch sind. Man 
vergleiche z. B. mit dem deutschen: The poet'^s life, From Rückert. 
No Station in the u>orld Can tke poeCs envy raise: — The shepherd 
mth his flock Has delight in summer-days u. s. w. Das aus den Ge- 
dichten der Eliza Cook gewählte Motto zur ersten Abtheilung deutet 
für den traurigen Fall einer Trennung vom nationalen Boden recht 
sinnig jenen Zug der germanischen Völkerwanderung nach dem amifttv- 



172 Engliohe Litteratur. 

kanischen Westen an und motiviert so von vorn herein die AiifiiahnK! 
der amerikanischen Dichter. Jede Abtheilung zerfötlt dann wieder 
in kleinere Gruppen von Gedichten. So ist z. B. die Gedankenfolge 
in der ersten: Verherlichung des Gesammtvatertandes im Rule Bri- 
iannia^ der Monarchin im God säte the Queen; dann John Keats^ On 
England mit einem Anflug von Spleen und einem verliebt sehnsüch- 
tigen Blick nach den Alpen und der glühenden Schönheit Italiens ; dar- 
auf TkeHomes of England von der Felicia Hemans, die in begeisterten, 
ebenso sehr von edler Weiblichkeit wie von wahrer Poesie zeugenden 
Worten die von den Sachsen ererbte Anhänglichkeit des Engländers 
an die behagliche Heimat zu schildern weiss. Der englische Sonn- 
tag, schon von der Hemans in einem Verse gepriesen, wird dann 
noch tiefer aufgefasst in Arthur Cleveland Coxe^s Chimes of England^ 
einem christlichen Liede von der Glocke , welches zugleich in seinem 
letzten Verse Amerika an England knüpft. CampbelPs Mariners of 
England versetzen uns darauf aus dieser Stille und Traulichkeit des 
heimischen Lebens hinaus auf die stürmische See und doch auch wie- 
der hinein in die eigentliche Heimat der seebeherschenden Nation. 
' Auf diese stürmische Fahrt und den glorreichen Seekampf folgt 
Wordsworth^s still melancholischer Abend an der Themse, und des be- 
redten Talfourd Gedicht auf die Themse führt uns hinauf bis zu den 
bescheidenen Anfängen dieses merkwürdigen Flusses, und dann folgen 
wir wieder dem entzückten Wordsworth auf die Westminsterbrücke 
und sehn die Metropole an einem hellen , sonnigen Morgen in impo- 
santer Ruhe vor uns liegen. Aus dieser Ruhe scheucht uns dann By- 
ron^s verzweifelndes Adieu ^ adieu ^ my native skore^ in dem der 
Schmerzensrnf der Trennung in seiner verschiedensten Entfaltung so 
zart und tief ertönt, dass der achte Vers: For who toould trust the 
seeming sighs Ofttife or paramour? um so schneidender verletzt. Die 
Gefühle des aus der Heimat und von der Seite der Geliebten ver- 
bannten singen darauf Cornwall und Hood und der Leser ist so ganz 
losgetrennt von dem Boden Altenglands und wird nun zu Anfang der 
zweiten , im Buche aber nur durch einen etwas verzierten Endstrich 
abgegrenzten Gruppe — denn der Verf. ist sehr zurückhaltend mit 
seinen Erleulerungen — durch Burns^ lebensfrische ungekünstelte 
Verse mitten in die schottischen Hochgebirge versetzt. Es folgen die 
Gedichte Caledonia^ Address to Edinburgh^ My hearfs in the High- 
lands ^ Staffa von Sothey, Lachin y Gair (der nach der stark zu be- 
zweifelnden Angabe eines Touristen der höchste Berg in Schottland 
sein soll). Auch die schottischen Lieder schliessen mit Faretoeils und 
Exiles' songs; dann folgen die irischen und amerikanischen mit Shan 
Vau Vocht beginnend. Eine an sich selbst dichterische Idee be- 
herscht consequent Jede einzelne ganze Gruppe und es gewährt einen 
eigenthümlichen Genuss, die Auffassungen nahe verwandter Gegen- 
stände , wie sie sich in den vorzüglichsten Dichtergeistern der Nation 
gestalten , jedesmal nahe beisammen zu haben. Es wäre sehr wün- 
schenswerth gewesen, dass der Hr. Verf., da er jedesfalls zu einem 



Elze : englischer Liederschatz. 173 

so kunstreichen Baa viel mehr Material gesammelt haben muss, als 
er in dem massig starken Bande wirklich gibt, hier und da auf ein in 
den Zusammenhang passendes Gedicht wenigstens kuri hingewiesen 
hätte , wie er dies durch Citate deutscher Lieder auch einigemal thut. 
Die Sammlung der amerikanischen Gedichte bietet sehr viel neues, in 
Chrestomathien noch nirgends abgedrucktes. Ueberbaupt ist wohl 
kaum der vierte Theil der in diesem Liederschatze gegebenen Ge- 
dichte aus andern Sammlungen bekannt. ^ Das £xil und seine Poesie 
kennen die Amerikaner nicht', sagt der Verf., indem er als Schluss- 
stein des ersten Abschnittes Wilde^s tiefgefühltes Faretoell to America 
einfügt. Man ersieht aus dieser einzigen Zeile, mit welcher Sorgfalt 
er in allen einzelnen Theilen harmonische Gruppierung angestrebt hat. 
Die erste Gruppe des zweiten ^Welt und Natur' überschriebenen TheiU 
führt uns erst allgemeine Natureindrücke vor, dann folgen die Jahres- 
zeiten und einzelnen Erscheinungen der Natur, als. Wind, Wasser, 
Nacht, Morgen und Abend und als Abschluss jene idealisierte Natur, 
welche verschiedene Dichter (Sands , Noble und vor allen Moore) der 
fernen grünen Insel der Liebenden angezaubert haben, nach der sie 
mit sehnsuchtsvollen Blicken ausschauen wie nach einer modernen 
Atlantis. Eine Decade classischer Gedichte, welche das oceanische 
Leben besingt"^), steht bedeutungsvoll am Ende des AbschnHts, zu 
dem di« meisten Beiträge von amerikanischen Dichtern geliefert sind 
und zwar zum Theil von sehr jungen und frühreifen, wie sie sich in 
den letzten Jahrzehnten in Amerika häufiger vorgefunden haben- als 
irgendwo. So schrieb z. B. W. CuUen Bryant seine Thanatopsis — 
eins der schönsten Gedichte der ganzen Sammlung — im 18. Jahre. 
Es würde uns zu weit führen auf die Einzelheiten der folgenden 
Theile hier einzugehn; es geht besonders durch die Liebesgedichte 
ein Zug von Melancholie, der allerdings diesem Theile der englischen 
Lyrik eigenthümlich ist, den aber auch der Verf. mit besonderer Vor- 
liebe aufgesucht zu haben scheint^'*'); es ist dies aber nicht jene 
schwärmerische Wehmuth , in welche manches deutsche Gedicht zer- 
fährt, sondern die Totalität, welche der deutschen Universalität ge- 
genüber des Engländers Natur ist, zeigt sich auch in den meisten 
dieser fast elegischen Lieder. Die unmittelbare Naturwahrheit erfreut 
uns an diesen Herzensergüssen ebenso wie die Bemerkung , dass ihnen 
so zu sagen praktische Ziele und Zwecke ganz fasslich und hand- 
greiflich vorliegen und dass diese wieder in naheliegenden nationalen 
Verhältnissen tief begründet sind. 



♦) Wir hatten hier gern Th. Moore's herliches kleines Gedicht: 
ji reflection at sea gefunden. 

'*''*') Man vergl., uin nur eins anzuführen, jenes ernste, ergrei- 
fende Memento, womit der Verf. sein Werk schliesst: 

Barth walketh on the Barth , Glistering like goldy ' . 

Barth goeih to the Barth Sooner than it wold. 
Barth buildeth on the Barth Palaces and tower»^ 
Barth sayeth to the Barth AU «hall bc out%. 



174 Griechische Aiterlhamskitnde. 

Um schliesslich von der Keichhaltig^keit und Neuheit dieser jedem 
Freunde der englischen Poesie gewis willkommenen Sammlung einen 
Beleg zu liefern, führen wir nur noch an, dass gegendOO Gedichte von 
mehr als 60 englischen und halb so viel amerikanischen Dichtern in 
die Sammlung aufgenommen sind. Besonders stark sind vertreten: 
Thomas Haynes Bayly, der beliebte Liederdichter, Mary Ann Browne, 
William Cullen Bryant aus M assachnsets , Robert Burns, Byron, €al- 
lanan , der träumerische Irländer ; der feine , geistreiche Campbell, der 
vielleicht noch etwas mehr berücksichtigt werden konnte, Barry 
Cornwall, Joseph Gostik, der nicht immer glückliche Uebersetzer 
deutscher Gedichte, Felicia Hemans, von der Walter Scott sagte, 
^sie habe zu viele Blüten im Verhältnis zu den Früchten'; Charles 
Fenno Hoffman, der amerikanische Wald- und Prairiesanger , dessen 
Lieder noch nicht einmal gesammelt sind; Thomas Hood, Mary Ho- 
witt, Henry Wadsworlh Longfellow, vielleicht der tiefste 
Kenner der europaischen Litteratnren in Amerika; James Montgomery, 
Thomas Moore oder Anacreon Moore, wie ihn die Dichter nannten, 
William Motherwell, der Sehotte, Percy Bysshe Shelley, Alfred Ten- 
nyson und endlich der Dichter von Profession , William Wordsworth, 
von dem Moore sagt, sein umfassender Geist reisse wie der norwe- 
gische Meerstrudel nicht bloss die mächtigsten Massen , sondern auch 
das kleinste Seekraut mit sich fort. 

Die elegante äussere Ausstattung des interessanten Buches kommt 
jener, mit welcher die bedeutendem englischen Buchhandlungen ihre 
Werke zieren, ganz gleich. Druckfehler dürften schwerlich zu fin- 
den siein. 

Dess«u. C, Böftger, 



Kürzere Anzeigen. 

De Graecorum cUebuS feslis scripsit Dider. Jan. van Stegeren, litt, 
huin. et iur. utr. doctor. Insunt Dipolia, Carnea, Apatiiria, Cro- 
nia. Traiecti ad Khemim, apud Kemiiik et filium tvpographos 
MDCCCXLIX. 36 S. ö. 

In neuerer Zeit hat man «attsaiu erkannt , wie wichtig die Kennt- 
nis der Feste und Festgebräuche der Alten zur Alterthuinskunde 
überhaupt ist, und denselben die gebührende Aufmerksamkeit ge- 
schenkt. Doch ist das ein schwieriges Studium : es stossen einem 
da noch eine Menge dunkler Partien auf, deren Aufklärung keinen 
geringen Fleiss und keinen gemeinen Scharfsinn erheischt. Hr. van 
^tt^geren, von dem wir uns erinnern irgendwo gelesen zu haben, dass 



van Steueren: de Graeoorum dichas festis. 175 

er diesen Gegenstand in einer besondern ausführlichen Schrift be- 
handeln wolle, gibt hier eine Probe seiner desfallsigen aherthumli*^ 
eben Stud'en. Ein Vorwort beiehrt uns nicht, warnm er gerade die 
genannten Tier fixeste gewählt habe. 

Was das erste derselben, die IMpolien, anbetrifft, so trennt er 
sie zuTorderst Ton den Diasien, welche zu einer ganz Terschiedenen 
Zeit und unter einem Terschiedenen Namen des Gottes dem Zeus ge- 
feiert worden sind. Diese bezogen sich auf den Zeus Meilichios und^ 
waren ein Sühnfest. Von ihnen ausführlicher in handeln hat der 
Verfasser sich für enthoben erachtet, weil K. Fr. Hermann im Phiio- 
iogus Ton Schneidewin 1847 S. 1 ff. dieselben nach seiner umsichtigen 
und gelehrten Weise einer genauen Besprechung gewürdigt hat. Die 
Diipolien oder Dipolien haben nun ihren Namen daher, weil sie dem 
Zeus Pollens gewidmet waren ; sie wurden am 14. des Monats Skiropho- 
rion gefeiert und bezogen sich Tomemlich auf den Ackerbau. Ein 
Theil des Festes hiess Bnpfaonia, weil an demselben Tage ein Stier 
geopfert wurde. Der Ursprung des Festes gieng in die frühsten 
Zeiten zurück, wo man das Leben und den Besitz eines Stieres noch 
für so heilig erachtete, dass man glaubte den Zorn derjenigen Gotter, 
welche dem Ackerbau und der Siierzucht Torstanden, auf sich zu lan- 
den , wenn man einen derselben todtete. Man trug sich in spatem^ 
Zeiten mit einer Erzählung umhör — sie findet sich bei Porphyrius 
— , nach welcher diese Buphonia ihren Ursprung einem besondern Fac- 
tum Terdanken sollten. Wir haben uns gewundert, dass Hr. t. St. 
dieselbe für historisch wahr halt; sicherlich ist sie eine mythische 
Sage, eSen erdichtet um den Ursprung des Gebrauchs zu erklaren, 
ein Cultusmythns, vrie wir deren so Tiele haben. 

Der zweite Abschnitt Terbreitet sich über die Kameen, bekannt- 
lich ein dorisches Fest, dessen Name bis dahin noch nicht genügend 
hinsichtlich seiner Herkunft hat nachgewiesen werden können. Hr. 
T. St. traut auch hier zu Tiel den alterthümiichen Sagen, die dassel- 
be auf einen gewissen (natürlicher Weise erdichteten) Heros Kar- 
neus zurückführen ; wenigstens führt er die Sagen an , ohne sie zu be- 
seitigen. Oder er sucht den Ursprung falschlicher Weise im Oriente 
(Tergl. S. 13 Note 1: cum hie euliut Thebit et PAoenteta, ut videbi- 
musy ait oriundusy fruatra Chraeeam etymologiam quaeraa). Das Fest 
ward gefeiert in Sparta in dem Monate, der Ton ' demselben den Na- 
men trug, dem karneischen , etwa am 7. v. den flg. Tagen des August 
nach unserer Jahreseintheilung. Es war dem ApoUo geheiligt und 
Tornemlich ein militärisches Fest, Terbnnden mit musikalischen Wett- 
kampfen. Sicherlich war es nicht fremden Ursprungs, sondern aus 
dem kriegerischen Volksstamme der Dorier selbst benrorgegangen, 
daher eben ein Kriegerfest. Es ist demnach nicht rathlich selbiges 
Tom Auslande, Tom Oriente herzuleiten. Die Griechen sind ia Be- 
zug auf ihre Culte, anfanglich wenigstens, nicht so receptiT gewesen. 

Der dritte Abschnitt handelt Ton den Apaturien, einem ionischen 
Feste. Hier weiss der Verf. p. 22 die falsche Sage, nach welcher 



176 Griechisdie Aiterthumskaiide. 

der Name von ditatfi herkäme, wohl zu beseitigen (guae tarnen fabu- 
lacy ut multae aliae, potius ad voeahuU etymon explicandum ficia 
egte videiur) und stimmt der Meinung anderer neuer Gelehrten bei, 
die den Namen von cifia und nazijif oder nccTQu ableiten. Es war 
ein Familien- und bürgerliches (öffentliches) Fest zugleich und galt 
Tornemlich dem Zevg (pffCLTQioq und ward begangen in Athen im Mo- 
nat Pyanepsion. jDie jungen Leute mannlichen und weiblichen Ge- 
schlechts Ton 13 oder 14 Jahren und die jungen Frauen wurden dabei 
solenn in ihre Phratrien als Mitglieder aufgenommen; nemlich haec 
in pkratria» introductio , ut fere omnia , quae ad eimtatem pertine- 
bant, cum re sacra artissime erat coniuncta: woraus die Religiosi- 
tät der alten Griechen deutlich genug erhellt, da sie kein wichtiges 
Ereignis im Familien- oder bürgerlichen Leben Torbeigehn Hessen, 
ohne dasselbe durch eine religiöse Handlung zu heiligen und feierlich 
zu machen. Die Einzelheiten bei dem Feste werden ausfuhrlich erörtert. 

Es folgt die Abhandlung über die Kronien, ein Fest, das im ge- 
wöhnlichen sehr wenig beachtet wird, weil es nur selten in den 
Schriften der Alten erwähnt wird«> Mit Recht warnt der Verfasser 
obendrein (p. 32 sq.): cavendum inde ab iniiio ne Satumalia Ro- 
mana cum Cfraecorum Croniis eonfundamut; quare posteriorum, Ro- 
manorum imprimiSf hac de re teatimonia eaute sunt adhibenda^ e, g. 
Lueiani Satumalia et Cronosolon, in ^ibus quid ad Graecorum Cro- 
nta, quid contra ad Romanorum Satumalia pertineat, düudicare 
saepe est difficiüimum negotium. Im allgemeinen glaubt er über die 
beiden einander so ähnlichen Feste so urtheilen zu müssen (p. 33): 
et Cronia et Satumalia eandem originem (?) eandemque habuisse 
naturam, licet Satumalia Romana maiore studio, maiore item reli- 
gione et per plures dies quam Graecorum Cronia fuerint celebrata. 
Wir stimmen diesem Urtheile bei , ausgenommen dass wir ihnen durch- 
aus nicht gleichen Ursprung zuertheilen können, gleiche Veranlassung 
— beide waren Erntefeste — wohl und gleiches Wesen, Was den 
ersten Punkt anlangt, so hätten wir gewünscht, der Hr. Verf. wäre 
vornemlich nach Hermanns Vorgange mehr auf das Datum des Fe- 
stes in den verschiedenen Gegenden Griechenlands eingegangen und 
hätte danach den Zweck des Festes näher erörtert. Es wäre auch wohl 
die Frage zu berühren gewesen, ob nicht etwa die römischen Satur- 
nalien für eine blosse Copie der griechischen Kronien zu halten seien. 
Ja es ist sehr wahrscheinlich, dass um dieser Ursache willen der la- 
tinische Saturn oder ursprüngliche Saatgott fälschlich für denselben 
Gott gehalten worden ist wie der griechische Ernte- oder Reifegott 
Kronos (von xpa^vo)). Die Gebräuche bei der römischen Festfeier sind 
sicherlich den Hellenen entnommen , was bei der weiten Verbreitung 
der Kronien (vergl. p. 35 sq.: licet et ex jiccii verbis: Maxima pars 
Graium et ex Schal. Aristoph. Nub. 397: fffrt ds Kqovitx naga TOig 
EXXi^aiv soQtij, kos dies festos late per Graecos fuisse diffusos satis 
apparere videatur) um so eher geschehn konnte. 

Die Behauptungen im Texte sind durchgängig in der Schrift in- 



A. W. Zumpt: de C. T. Zumptii vita et studiis. 177 

ten durch die nÖthigen Bewei«8tellen bekräftigt. Zuweilen hat auch 
der Verf. nicht verfehlt, verdorbene Stellen zu verbessern, wie p* 9 
(Porphyrius), p. 29 (Isaeus) ♦). H. 



De Caroli Timothei Zumplä vita et sludiis narratio Augusti Wilh. 

ZumptiL Accedunt Caroli Timothei orationes Latinae sex. Be- 
rolini in libraria Dueinmleriana 1851. 197 S. 8. 

Als der selige Carl Gottlob Zumpt um Ostern 1828 seine Vorle- 
sungen an der Berliner Ui^iversität begann, bezog ich eben diese Uni- 
versität , und da ich bereits überwiegende Neigung für die lateinische 
Litteratur und Sprache gefasst hatte, schloss ich mich eng an ihn 
an. Seine vielseitigen, gründlichen Kenntnisse, sein milder, freund- 
licher Charakter fesselten mich; die Erinnerungen an Z. gehören zu 
den schönsten meines Lebens. Es ist daher natürlich, dass die Er- 
scheinung dieser Schrift mich mit ungemeiner Freude erfüllte, und 
nicht minder erfreulich muss es sein, dass sie nach altphilologischer 
Sitte in lateinischer Sprache abgefasst ist. Wie könnte das Leben 
unseres Zumpt, der das tiefere Studium der lateinischen Sprache be- 
gründete, der so ganz romisch gebildet war, wohl anders würdig dar- 
gestellt werden, als eben lateinisch ? Wären die Zeiten nicht so böse, 
so hätte Hr. A. W. Zumpt wahrlich nicht nöthig gehabt, sich des- 
wegen noch in der Vorrede zu vertheidigen. Z. selbst, wie ich mich 
noch lebhaft entsinne, nannte es in seinen Vorleiungen 'eine schone 
Sitte \ dass die Holländer Ruhnken, Wyttenbach u. s. w. das Anden- 
ken an ihre grossen Vorgänger verherlicht hatten. Das Andenken an 
grosse Männer zu bewahren ist Pflicht , und die Lectore solcher Schrif- 
ten interessant und lehrreich. Ja selbst, wenn auch unbedeutendere 
Personen, die Erfahrungen gemacht haben, Skizzen ihres Lebens nie- 
derschreiben und veröffentlichen wollten, es würden Jünglinge daraus 
manche Lehre für ihr Leben ziehn können. — Hr. A. W, Z., der 
Neffe und Schwiegersohn des seligen Z. und als Student auch sein 
Schüler, gibt uns in vorliegender Schrift eine sehr ausführliche Bar- 
stellung von Z.s Leben und Studien, von seiner praktischen Lehrer- 
thätigkeit und seinem Charakter, so dass, wer ihn im Leben kannte, 
hier ein mit Liebe entworfenes, im ganzen sehr treues Bild findet. Es 
ist nicht meine Absicht, den grossen und zum Theil lehrreichen In- 
halt dieser Schrift genauer zu referieren ; ich erlaube mir nur Ein- 
zelnheiten hervorzuheben, die als unerhebliche Zusätze zu dieser 
Schrift gelten mögen. Mit Recht rühmt Hr. Z.. seinen ardor studio- 
rum ufid sagt wiederholt prorsus urgebat studio, und so wenig be- 



♦) Bei Porphyrius de abstinentia II, 29 wird für aidXco ov fcec^at 
vermuthet dXto^v fasö&ai; bei Isaeus de Philoct. hered. p. 136 die 
Conjertur Valckenärs bei Luzac lectt. Att. p. 58 vervollständigt; 
Xoa^tov inidorta (für ^7'^07'rrf). Die Itt'd, 



178 Biographie. 

schrankte er sich auf streng philologische Studien, dass er möglichst 
alle Zweige des Wissens verfolgte, wie er denn auch öfter die Vor- 
lesungen berühmter Männer, z. B. Hegels besuchte. Als Gymnasial- 
lehrer leistete Z. ausserordentlich viel , und steht als solcher gewis 
grösser da , denn als akademischer Lehrer. Der Ruf, den er am Wer- 
derschen und Joachimsthalschen Gymnasium sich erworben hatte, führte 
ihm beim Beginn seiner Vorlesungen , die er mit den Verrinen eröff- 
nete, eine grosse Anzahl Zuhörer zu, etwa 150. Die Interpretation 
lateinischer Classiker im philologischen Seminar leitete Z. meines 
Wissens niemals; ich kann versichern, dass mehrere Studenten dies 
von Herzen wünschten , denn Z. war auf diesem Felde Meister , und 
gewis hätte er nicht gesagt, er habe keine Uebung im Lateinspre- 
chen und wahrlich hätte er auch diese Uebung nicht gering geachtet. 
Bei den Vorlesungen über lateinischen Stil (S. 95) wurden zur prak- 
tischen Uebung meistens griechische Classiker vorgelegt, wenigstens 
im Winter 1829—30 aber auch Stellen aus Schlegels dramatischer Poe- 
sie der Griechen, und auch freie Aufsätze wurden geliefert. Zu den 
Worten S. 97 : scholas vel semel vel numquam habuit Latine kann ich 
bemerken , dass Z. allerdings im Sommer 1829 eine Öffentliche Vorle- 
sung, wöchentlich einmal, in lateinischer Sprache hielt de historicis 
Latinis. Es war offenbar, dass ihm dabei J. G. Vossius de historicis 
Latinis zu Grunde lag. Er führte die Erzählung bis auf die Zeiten 
des Augustus. Auf derselben S. 97 sagt Hr. Z., er habe den seligen 
Z. nie lateinisch sprechen hören. Das will bei einem Zeiträume von 
18 oder gar 20 Jahren, die er zum Theil in seinem Hanse verlebte, 
sehr viel sagen ! Er hätte nur lateinisch anfangen sollen ; ich weiss 
aus eigner Erfahrung, dass Z. dann wohl eine Stunde lang lateinisch 
sprach. Hr. Zumpt würde gewis vielen einen Dienst erweisen, 
wenn er die dvMota sammeln, ordnen und edieren wollte. Unter 
andern würden besonders die Vorlesungen über die Geschichte der 
Philologie (S. 96), die er kurz vor seinem Tode hielt, eine erfreuliche 
Erscheinung sein ; der Stoff ist anziehend und würde andere anregen, 
die begonnene Bahn zu verfolgen. Bei der Erwähnung der vielen 
edierten und unedierten Schriften vermisse ich wenigstens ^ine la- 
teinische Ode , die Z. im Jahre 1836 oder 1837 dichtete. S. 87 heisst 
es dass Z. in seinen spätem Vorlesungen über die römischen Anti- 
quitäten von seinem ersten Verfahren abgegangen sei und eine andere 
Weise eingeschlagen habe : ea haee erat , ut finibus scholarum sua- 
rum deseriptis auciorihusque reeensitis praemitteret quaedam, sednon 
multa, de ingenio Romanorum , deinde omnem vitam populi Romani 
per certas quasdam partes divideret et quid in quaque dicendum esset^ 
a primordiis usque ad extrema imperii tempora aequahili ae constanti 
ratione persequens primum quid per omnem historiam idem, tum quid 
quoque tempore mutaium esset , ostenderet — gewis die einzig rich- 
tige Weise, wie Antiquitäten vorzutragen sind, erinnernd an Böckhs 
Verfahren bei den griechischen Alterthümern. In den römischen 
Antiquitäten verfuhr Niebuhr ebenso, wie ich aus einem von meinem 



Fischer: Bellerophon. 179 

Stndiengenossen Hrn. A. P. J. Philipps , denl ich aus der Ferne 
freundlich grüsse , im Sommer 1827 nachgeschriebenen und von mir 
spater abgeschriebenen Hefte ersehe. — Ueber Z.s Charakter finden 
sich hie und da zerstreute Bemerkungen ; ausführlich handeln daTou 
die letzten 10 Seiten; man weilt gern bei dem Bilde des edeln Man- 
nes. Die Sprache des Hrn. Z. ist gut ; gleichwohl ist einzelnes unter- 
gelaufen, das ich nicht billigen mochte, so die griechische Endung 
Quintilianeus S. 105 und Taciteus S. 11 ; und methodus S. 9 zweimal 
für docendi ratio et via; S. 91 vocahuli potcstas (obgleich es steht 
Auct. ad Herenn. IVy 54) und voces S. 106 für vocabula oder verba 
erinnern an das barbarische Notenlatein, in welchem diese Aasdrucke 
fast stereotyp sind. Anderes übergehe ich. Auch in der Schreibart 
erkennt man Z.s Schüler. Wenn man exolutus, exilium, extare, exe- 
qui schreibt, mnsste man dann nicht auch schreiben expolio und eae- 
pe8? Quintilian sagt, das s werde Ton Tielen geschrieben, obgleich 
es nicht gehört werde. Respublica in 4in Wort geschrieben nimmt 
sich fast wunderbar aus zwischen res privata, res bellica, res dome- 
stica u. s. w. S. 55 itst vituperata est gewis ein Druckfehler für 
vituperatüs est, 

Neustettin. August Krause. 



Bellerophon, Eine mythologische Abhandlung von Herrn. Alex. Fi- 
scher. Leipzig, Weidmannsche Buchhandlung 1851. 100 S. 8. 

Die Mythologie vom BelL^rophon ist sehr manigfaltig und dunkel; 
wir greifen daher mit Interesse und Erwartung nach der genannten 
Schrift, und nach sorgfaltiger Lesung luid Durchforschung derselben 
ist dies unser Urtheil über selbige. 

In der Einleitung gibt der Verf. folgende allgemeine Grundsätze 
an als diejenigen, welche ihn bei der betreffenden Untersudiung ge- 
leitet: in der Religion offenbare sich die erste Regung eines geisti- 
gen Lebens bei einzelnen Menschen wie bei ganzen Volkern, weil sie, 
die Religion, das tiefste und innerste im Menschen sei und den Zu- 
sammenhang desselben mit einem Wesen höherer Art bilde. Es habe 
aber im Leben der Volker eine Periode gegeben, wo der Geist auch 
hier instinctmässig und unbewusst gewaltet, gewoben und gewirkt 
habe durch Inspiration, weshalb man eigentlich jede Religion für 
eine gottliche Offenbarung zu halten berechtigt sei; denn in jeder ein- 
zelnen spiegle sich das ursprüngliche Bewusstsein des gottlichen wie- 
der. Das gottliche aber sei Grund und Gegenstand der Religion oder 
des religiösen Glaubens. Ganz natnrgemass pflegten die Völker auf 
der frühsten Stufe der Cultur einen grossen Geist in der Welt zu 
verehren, so wie sie in sich einen Geist, unterschieden vom Korper, 
vermiithetcn. Eine tiefere Betrachtung Hesse sie jedoch fragen, wie 
dieser grosse Geist wirke, lebe und schaffe, und so entstünden die 
Naturreligionen, indem man eben aus der BetrachUvft^ 4« ^^^-t ^xs«. 



180 Mythologie. 

Antwort auf diese Frage suchte. Durfte man solche Ton allen Re- 
ligionen der Naturrölker behaupten und annehmen, so konnte und 
müsste dies auch der Fall sein bei der Religion der alten Griechen, 
und die grossten Forscher auf diesem Gebiete stimmten auch darin 
überein, dass der ältesten griechischen Mythologie Betrachtungen und 
Anschauungen der Natur zu Grunde lägen, so dass jeder einzelne My< 
thus ein bestimmtes Naturereignis darstelle (Schwenck, Weicker). 

In diesen Principien y ermissen wir fürs erste sofort eine richtige 
Scheidung zwischen Religion und Mythos, und wir können nur wie- 
derholen, was wir schon anderwärts zu wiederholten Malen und nicht, 
ohne Beistimmung der Männer yom Fache geäussert haben, es wird 
nie in die beiden allerdings unter sich Terwandten aber dennoch ver- 
schiedenen Wissenschaften, die Religionswissenschaft und die Mytho- 
logie, helles Licht kommen, wofern man nicht beide trennt. Im vor- 
liegenden Falle , über Bellerophon, liegt uns eine ziemliche Anzahl von 
Mythen vor oder Erzählungen, die als solche von der Mythologie be- 
trachtet und erwogen werden. Sind es nun religiöse, Cultusgegen- 
stände, die aus solchen Forschungen hervorgehn und ermittelt wer- 
den, so nimmt erst die Religionslehre solche auf und betrachtet sie 
als ihr Eigenthum. Bie Ergebnisse des mythologischen Forschens sind 
aber nicht immer Gegenstände des Cultns , der Religion. 

Sodann mochten wir mit dem Verf. die Religion oder den religiö- 
sen Glauben nicht unbedingt die erste Regung des geistigen Lebens 
der Menschen und Volker nennen. Eben weil sie höchste und in- 
nerste, weil Gott der höchste Gedanke ist, müssen sie doch beide 
nicht die ersten sein. 

Drittens ist es nicht ganz richtig, wenn Hr. Fischer sagt, dass 
der ältesten griechischen Religion oder, wie er sagt, der Mythologie 
bloss (objective) Betrachtungen und Anschauungen der (äussern) Na- 
tur zu Grunde liegen; der subjectiven Beobachtungen, Erfahrungen 
an dem Menschen selbst, seiner körperlichen und geistigen Anlagen, 
Kräfte, Geschicklichkeiten, Triebe, Affecte sind vielleicht nicht we* 
niger an Zahl.' Man nehme nur den Eros : er gehörte sicherlich zu den 
ältesten Gottheiten der Griechen; aber nicht der äussern Natur, son- 
dern dem Menschenleben ist er entnommen. 

Viertens ist es auch unklar gesagt, wenn S. 2 behauptet wird, 
der einzelne Mythus stelle ein bestimmtes Naturereignis dar. Was 
soll man sich hier unter Mythus denken? Derselbe ist doch im ge- 
wohnlichen Sinne eine erdichtete Erzählung von einem historisch sein 
sollenden speciellen Factum. Wie viele gibt es derselben, denen kei n 
bestimmtes Naturereignis zu Grunde liegt! 

'Um die Naturreligionen zu verstehn und den erfinderischen Geist 
in ihren Formen zu begreifen und zu würdigen' fährt dann der Verf. 
fort 'müssen wir unsern Mangel an Gefühl für die lebendige Natur 
[und, fugen wir hinzu, für das affectvoUe, kräftige, frische, leicht 
erregbare Naturleben der Menschen in frühster Zeit] durch histori- 
sche Phantasie zu ersetzen suchen ; die Naturvölker [auch das ist ein 



Fischer: Bellerophon. 181 

schwankender Begriff wie der der Naturreligion] jedoch Terstehn sich 
mit der Natur, denken sie als geistig, als Affecten und Leidenschaften 
unterworfen [als menschlich handelnd], verehren sie als eine gott- 
liche [nach menschlicher Weise] lehende Welt.' 

Man wird auch aus diesen mit unsern nothwendigen Ergänzungen 
versehenen Sätzen erkennen, dass der Verf. nicht immer scharf genug 
den Begriff erfasst und vollständig genügend darstellt. Denselben 
Mangel erkennen wir auch mehrfach in dem nun folgenden, wiewohl 
Hr. F. da manche gute Bemerkungen beibringt über das Entstebn der 
polytheistischen Religionen , über den Trieb einfacher Naturmenschen 
zu Personificationen und Theoficationen , über die Schwierigkeiten bei 
Erforschung der Religionen der Alten, und sich sehr gut den Weg 
anbahnt zu der beabsichtigten Untersuchung, dadurch dass er S. 3 f.« 
schreibt: ^Götter, deren Oultus schwand, die also nicht mehr ange- 
betet und geglaubt wurden, geriethen entweder ganz in Vergessen- 
heit oder sanken von ihrer Hohe und verwandelten sich in Halbgötter, 
Heroen, Konige. Ein anderer Grund, weshalb Gotter ihrer Gottheit 
beraubt und nachher für Heroen gehalten wurden, ist folgender: in 
den epischen Gedichten sehen wir die Gotter in menschlicher Gestalt 
nach Menschenweise handeln , sie sind vollkommen anthropomorphisch ; 
sobald aber die Gotter in dieser rein menschlichen Form auftraten, 
lag es nicht mehr fern, dass sie ihre Gottheit einbüssten und zu Halb- 
gottern oder, was meistentheils zu geschehn pflegte, zu Heroen wur- 
den.' Hier hätte nur Hr. F. noch hinzufugen sollen nach Anleitung 
Otfr. Miillers in den Prolegomenen (S. 73 ff.) , was auf den vorlie- 
genden Fall mehr als alles übrige passt, nemlich dass oft Beiworter 
von Gottheiten, wenn sie zu selbständigen Namen sich losgetrennt 
von der eigentlichen Gottheit, der sie angehört, zu Namen von He- 
roen und Heroinen, die betreffenden Culte zu besonderen Culten sich 
abgezweigt haben. Warum? Das ursprüngliche Epitheton enthielt nur 
einen Neben-, einem der Hanptbegriffe der Gottheit untergeord- 
neten Begriff. So ward denn in der Vorstellung auch der neu« 
Gott einer untergeordneten Ranges, ein Heros oder eine Heroine, 
und es folgt daraus für den Mythologen die Vorschrift (vergl. Müller 
a. a. O.): *er entdeckt bei tieferm Eindringen, dass die Götter sehr 
oft unter Namen vorkommen , die sie gewohnlich nicht führen , aber 
die aus alten Beinamen derselben gebildet sind, und dass 
der Mythus, wie er uns überliefert ist, ohne es sich deutlich merken 
zu lassen , dass er von einem Gotte rede , doch oft noch Spuren ent- 
hält , die den nachsinnenden darauf fuhren müssen.' Sehr passend ist 
hiezu jetzt erst die Bemerkung des Hrn. F. S. 4: *wenn demnach der 
Mythus irgend eines Heros uns vorliegt, so haben wir uns wohl zu 
hüten, den Heros ohne weiteres für einen wirklichen Heros zuhalten, 
bestochen vielleicht durch die jetzige Form des Mythus. Denn ISsst 
sich auch im allgemeinen nicht behaupten, dass alle Heroen einst 
Gotter gewesen seien, so ist doch sorgfältig darauf zu achten, ob 
nicht Spuren vorhanden sind, welche in dem jetzigen Hero« eu!ie.\SL 



182 Mythologie. 

einst Terehrten Gott erkennen lassen/ Demnach hat denn auch unser 
Verf., indem er sich den Mythus des Bellerophon zum Gegenstande 
der Untersuchung gewählt hat, darauf sein Augenmerk gerichtet ge- 
habt, *ob Bellerophon ein wirklicher Heros gewesen sei oder nicht.* 
Zu dem Ende hat er zunächst, um sich den Grund und Boden zu 
sichern, auf welchen die Erklärung allein sich stützen kann, eine Ge- 
schichte des Mythus [deutlicher und klarer gesagt: eine Aufzählung 
der verschiedenen Mythen von Bellerophon in chronologischer Reihen- 
folge nach den Schriftstellern, welche davon berichten, und die Ver- 
einigung der einzelnen Angaben, wie sie zueinander ihrem Inhalte gemäss 
passen] gegeben, daran die Betrachtung der Kunstdenkmäler gereiht, 
welche, noch vorhanden, sich auf Bellerophon beziehn, endlich eine 
Erklärung des Mythus selbst [soll heissen des Cultus und der be- 
treffenden Mythen] versucht. Die ganze Abhandlung zerfallt demnach 
in drei Abschnitte. 

Im ersten dieser Abschnitte sind die einzelnen noch stückweise 
vorhandenen Berichte über Bellerophon und seine vermeintlichen Le- 
bensschicksale und Thaten vollständig zusammengestellt, auch mit Er- 
örterungen versehn. Bei den letztern ist uns aufgefallen, dass der 
Verf. immer die erdichteten Sagen und Sachen so hinstellt , wie wenn 
sie in der That so geschehn wären, z. B. S. 23: 'Bellerophon bestieg 
den Pegasus, erhob sich auf ihm in die Luft und griff so die Chi- 
maera, über ihr schwebend, an' u. s. w. 'Nachdem Bellerophon die- 
sen Kampf bestanden, schickte ihn lobatos gegen die Solymer, die 
er ebenfalls in hartnäckiger Schlacht überwand' u. dergl. m. Sonst 
kann man wohl mit den Erklärungen zufrieden sein. Nur der Untersu- 
chung über die Solymer, über Hierosolyma u. s. w. hätten wir ent- 
rathen können: sie ist unfruchtbar, hat uns nicht überzeugt und hat 
für die Erleuterung des betreffenden Mythus keinen gehörigen Erfolg. 
Auch über die Amazonen hatte sich der Verf. kürzer fassen können ; 
doch ist, was er über dieselben sagt, wohl der Beherzigung werth. 
Bekanntlich sind die Meinungen der Gelehrten über diesen Gegenstand 
getheitt: einige halten das Ganze für phantastische Fiction, andere 
nehmen ein historisches Fundament an. Hr. F. schliesst sich den 
letztern an; denn es 'wäre doch merkwürdig, wenn ein Mythus, der 
so weit verbreitet war und eine solche Bedeutung im Alterthum hatte, 
nicht auf etwas factisches sich beziehn sollte' (S. 32). Mit grosser 
AuiS(führlichkeit und Genauigkeit werden die (verloren gegangenen) 
Tragoedien besprochen, in denen Bellerophon die Hauptrolle spielt. 
Das Ergebnis der Untersuchung den ganzen Abschnitt hindurch ist: 
'dafls beim Homer sich die älteste Form des Mythus findet, dass spä- 
tere manches hinzugesetzt haben, wovon Homer nichts weiss. Wir 
sind durch Vermuthnng dahin gekommen, dass der Pegasus in Korint h 
dem Bellerophon beigegeben wurde; von wo aber das übrige, beson- 
ders der Sturz und das darauf bezügliche ausgegangen sei, können 
wir nicht bestimmen. Beim Homer haben wir auch die einfachste Ge- 



Fischer: Belierophon. 183 

stalt des Mythus; die Tragiker haben ihn künstlicher behandelt und 
ihm besonders einen mehr ethischen Charakter gegeben' (S. 54). 

In Yolistandiger, sehr belehrender Ausführlichkeit werden im zwei- 
ten Abschnitte Mie Kunstwerke' besprochen , die, noch Torhanden, 
sich auf die Mythologie des Bellerophon beziehn (S. 56 — 84) , und 
machen wir die Kunstmythologen namentlich auf dieses Capitel auf- 
merksam. 

Der dritte Abschnitt soll uns nun die 'Erklärung desMy- 
thus' oder yielmehr die des ganzen Mythenkreises geben; 
denn das Ganze besteht ja nicht aus Einern Mythus, sondern aus 
mehreren Mythen und mythischen Erdichtungen, aus einem toII- 
ständigen Kreise mythischer Dichtungen. Mit Recht fängt der Verf. 
beim Namen Bellerophon an. Indem er bemerkt ^ dass die Fabel Tom 
Morde des Belleros eine späte und willkürliche — er hätte hinzufugen 
sollen : eine schlechte etymologische — Erdichtung sei (um den Namen 
nach seiner Herkunft und Entstehung abzuleiten), beseitigt er von 
vom herein diese etymologische Farce. Dagegen geräth er sofort auf 
einen Irweg, indem er den Beinamen des Hermes 'Agysttpoptriq hier 
herbeizieht und sich bei der Deutung desselben an Schwenck an- 
schliesst, dessen Etymologien überhaupt mit grosser Vorsicht aufzu- 
nehmen sind und dessen etymologische Erklärung in dem Torliegenden 
Falle wenn nicht ganz zu beseitigen , doch wenigstens erst noch besser 
zu begründen oder zu unterstützen war. Hr. F. sagt bloss (S. 86) : 'die 
richtige (?) Erklärung dieses Namens ^^Agysifpovri^q'] hat Schwenck gege- 
ben, welcher den Namen Ton aqyf^^ = Zfvxd?, schimmernd, hell, und 
tpowiig als aeolische Form für tpdvti^g von tpctivm herleitet, so dass 
Hermes der Gott ist, welcher die Helle bringt, den Tag heraufführt 
(vergl. Welcker Aeschyl. Trilogie S. 131). Als bei Hermes diese ur- 
sprüngliche (?) Eigenschaft in den Hintergrund getreten war, wurde 
auch der Name durch eine leichte Veränderung misdeutet; ebenso (?) 
Terhält es sich mit IIsQffBfpovrjy FoQywpovri u. dergl.' Hier werden 
die verschiedenartigsten Dinge miteinander in Verbindung gebracht 
und mit dem Lichte und Lichtgöttern Ton neuem das Spiel getrieben, 
wie wir es schon so oft gesebn, aus dem aber für die Mythologie 
und Religionswissenschaft sicherlich nichts erspriessliches herauskommt. 
Eine ähnliche Ableitung macht nun Hr. F. auch für den Namen BbI- 
Xs(fO(p6vT7js geltend. Er meint: 'dass die zweite Hälfte desselben 
q>6vtri9 = <pävTi^g yon q>cc£vto nach Analogie der eben erwähnten Na- 
men abzuleiten ist, leuchtet wohl ohne Widerspruch ein.' Ref. muss 
Widerspruch einlegen und leitet diese zweite Hälfte des Namens sprach- 
gemässer von q>iv(o ab, und es wird sich weiter unten das schickli- 
che und natürliche dieser Ableitung noch mehr zeigen. Es bleibt 
nun noch die erste Hälfte BsXXsqo übrig zu erklären. Hören wir dar- 
über den Hrn. Verf. (S. 86) : * in dem Worte ijliog (ijiXiog) ist der 
Stamm cXy woTonlXij, das Licht, Ton welchem auch a-sliivTj and yiele 
andere Worter herzuleiten sind (Tergl. Schwenck und Welcker). Der 
Spiritus asper verhärtet sich zu ß, sogar in 9r, daher ßsX und nsl (nsl- 



184 Mythologie. 

log [noXiog], IHlorlf, WXoiayoi) ; au0 ßel aber entsteht ß^lXs^og ähnlich 
wie von vco—vSaQfjg, at&m-^ccC^fUQog, Es Hegt also dem BsXXsqo ebenfalls 
der Stamm sX Licht, Sonne {ciXotg, sol) zu Grunde und BsXX6Qoq>6ptrjg 
ist der Lichtbringer , Sonnengott (vergl. Uschold Vorhalle I. S. 466)/ 
Niebuhr sagt in seinen Vorträgen über alte Länder- und Völkerkunde 
S. 307: 'ich habe oft gewünscht, dass das Etymologisieren abgeschafft 
werden konnte; denn auf ^ine gute Folgerung kommen hundert un- 
sinnige ; man begnügt sich zu leicht damit , statt sich in gesunde tiefe 
Forschung einzulassen/ Sehe Hr. F. zu, ob nicht die obigen auch 
dahin gehören. Wir setzen dem folgendes gegenüber: B ist digam- 
matischer Anlaut; fXXsQog ward mundartlich gesagt statt xaxog, vergl. 
Eustath. zu Hom. II. vol. L p. 99, 41 f. der Leipz. Ausg.: ^XeQ« 
yoQ fpoLGi %axu SiaXsHTOv tu xaxa, und wir haben keinen Grund an 
dieser bestimmten Angabe zu zweifeln; und ipovzrig kommt her von 
tpivfo, ist verwandt mit fpövog. BsXXsQotpovrrig ist also <og a» tig ifftl^ 
'EXlBQOtpovTrjg i^xoi tpovfvg yianiag. So Eustathius a. a. O. nach dem 
Vorgange früherer Erklärer (xorl (liptvi^vTai xivBg xal rov rigmog ovxto 
%vQi(ovvfiov(iivav xar' ^Ufi^tv) ; und im weitern wird sich bei der Er- 
klärung des Mythus von Belleropbon und der Chimaera diese Deutung 
als völlig richtig bewähren. Damit soll nicht geleugnet sein, dass 
BtXXsQOqxSvTTjg ein Beiname des Sonnengottes gewesen sei; aber wir 
kommen auf einem andern Wege zu diesem Resultate, den Hr. F. 
übergangen hat. Es wird bestimmt versichert, dass Bellerophontes 
anfangs den Namen Hipponoos geführt habe. Was bedeutet derselbe 
anders als den rossekundigen, d. h. den kundigen Lenker der Rosse, 
der sich auf die Rosse und die Leitung derselben versteht (voft)^ 
Und auf wen konnte dies Beiwort besser passen als auf den Sonnen- 
gott? In Korinth war aber der Cultus des Helios zu Hause: die be- 
weisendste Stelle ist Pausan. II, 4, 7; aber auch der Mythus vom 
Streite des Poseidon mit dem Helios um das Land fahrt darauf, wie 
Hr. F. S. 86 ganz richtig bemerkt ; denn eben darum konnte man die- 
sen Streit erdichten, weil beide Gottheiten dort vomemlich verehrt 
wurden, Poseidon aber doch noch mehr als Helios, weshalb der My- 
thus jenen den Sieger werden lässt. Endlich wird Bellerophon, wie 
Hr. F. sehr treffend bemerkt, Sohn des (Poseidon-)Glaukos geheis- 
sen, 'd. h. die Sonne wird aus dem Meere geboren, nach der sehr 
gewohnlichen Anschauung der Alten , dass die Sonne , wie sie aus dem 

Meere hervorgehe , so aus demselben geboren sei. Bellerophon 

als korinthischer Heros und Sonnengott war um so eher ans dem 
Meere geboren , da man in dem am Meere gelegenen Korinth täglich 
diese Erscheinung vor Augen hatte.' Dass sich auch die Namen der 
vermeintlichen Mütter des Bellerophon aufs Meer beziehen, Eurymeda 
oder Eurynome — sie personificieren die breite Fläche, den See — 
hat unser Verf. mit vollem Rechte vermuthet (S. 8). Schliesslich sei 
noch bemerkt, dass selbst der Name *IoßccT7^g (der mit Pfeilen ein- 
herwandelnde) auf Sonnendienst hinweist. Man denke nur an Apollo. 
Mit weiser Vorsicht fügt Hr. F. der obigen Annahme hinzu (S. 87): 



Ficher: BeUerophon. 185 

'indessen bin ich nicht der Ansicht, dass Beilerophon so im allgemei- 
nen für den Sonnengott zu halten sei, sondern nach seinen Thaten zu 
urtheilen, für die Sonne in einer bestimmten Eigenschaft.* Und das 
wird sich allerdings in der weitern Untersuchung al» unzweifelhaft 
herausstellen. 

Auf falsche Fährte gerath der Verf. S. 87 ff., wo er durch zu 
grosse combinatorische Künsteleien zu dem Resultate gelangt, dass Pe- 
gasus gleichsam eine aus den Wolken sprudelnde Quelle, der ans der 
Gewitterwolke niederströmende Regen, XQvadonQ der Blitz, FrjQVOVfis 
(yri^vca^ der Donner, folglich Bellerophon in Verbindung mit dem Pe- 
gasus der Sonnengott sei, welcher die Gewitter zusammenziehe und 
im Gewitter wirke ! ! (S. 89). Er fugt dem noch die falsche Bemer» 
kung bei i^so hat Bellerophon eine ähnliche Veränderung in seiner 
Grundbedeutung erlitten wie Zeus, welcher im Homer als Herr des 
Olympos, König der Götter und Menschen, Gebieter des Donners 
und Blitzes erscheint und auch (?) ursprünglich Sonnengott war 
(Schwenck Etymol. S. 38).* Zeus ist nie Sonnengott gewesen, er 
war der Gott des Aethers. Unrichtig ist hiemach auch die hieran 
geknüpfte Folgerung: <wir sehn also (?) in Bellerophon die Vereini- 
gung der Sonne und des Wassers [das ist aber ausserdem wieder 
eine erschlichene Subsumption!] dargestellt, welche auch in der Sage 
von dem Streite des Helios und Poseidon ausgedruckt ist [mit nichten ! 
dieser Mythus ist ganz anders zu fassen].' Der Verf. häuft noch 
mehr seiner falschen Consequenzen , wenn er S. 90 endlich sagt : 'jetzt 
werden wir auch eine passende Erklärung dafür finden, dass Beilero- 
phon Sohn des Glaukos genannt, und warum der Vater des Bellero- 
phon gerade als Glaukos Poseidon aufgefasst wird. Dass Glaukos eine 
Personification einer Eigenschaft des Meeres ist, steht fest; doch — 
— bin ich überzeugt, dass damit das vom Gewittersturm aufgewühlte 
Meer, in dem sich gleichsam (?) der Gewitterhimmel abspiegelt, ge- 
meint sei.' Hier eine Uebertreibung nach der andern. Der MyUiolog 
soll und muss sich vor nichts mehr hüten als vor phantastischer Con^ 
sequenzmacherei. 

Hr. F. geht hierauf (S. 90 ff.) auf die yermeiatlichen Thaten des 
Bellerophon über, zuerst auf die Tödtung der Chimaera^ welche 'ja 
auch fast ausschliesslich auf Kunstwerken dargestellt ist.' Um den 
Kampf richtig aufzufassen, betrachtet er zuTÖrderst die Abstammung 
der Chimaera, leider gerath er aber gleich yon Torn herein auf Ir- 
wege. Er sagt nemlich: 'die Cliimaera ist nach der Angabe Hesiods 
Tom Typhon und der Echidna erzeugt; Ti>q)£v aber ist der feuer- 
speiende Berg (?), ein Sohn der Gaea, der Erde.' Dieser durch nichts 
bewiesenen Behauptung stellen wir die neuste Erklärung des Unge- 
heuers durch Schümann entgegen, der — ein Torsichtiger Forscher! 
— • in seiner dissert. de Typhoeo Hesiodeo p. 21 sich also Yemehmen 
lässt: nomen Typhoei rede cum Hermanno Vaporinum interpre- 
tahimurj utpote ducium a verbo tv9<d, quod de iia maonme vaporibu» 
dieitury qui ctUore exeitantur. Vaporum autem vim ingentem in ter^ 

Ai Jakrb, f, PhU, u. Paed. Bd. LXV. Hft. 2. VS 



186 Mylholo^e. 

rat viscerihus gigni muHorumque et magnorum malorum eausam 
€t»€y veteret statuebanU Tjphon oder Typhoea» — dass beide For- 
men uri^prunglich gleich sind und gleiches bedeuten, ist jetzt allge- 
mein anerkannt, obwohl solches noch Creuzer im Hersfelder Pro- 
gramm vom Jahre 1848 geleugnet hat — ist demnach nicht der feuer- 
speiende Berg selbst, sondern der Dampf, der bei grosser Sonnen- 
glut , bei Erdbeben u. dergl. entsteht und entweder als Sturm braust, 
tobt und yerwnstet oder als yerpestete Sumpfluft wüthende Krank- 
heiten erzeugt, ans der Erde aufsteigend. Echidna als Schlange 
weist allerdings auch auf die Erde hin, aber zugleich auf das Ver- 
derben drohende und bringende einer dunstigen Atmosphaere für Men- 
schen, Thiere, Pflanzen, und eine solche mit Dunst und Regen 
geschwängerte und von Stürmen, Blitzen, Donnerschlagen, Regen- 
güssen und Erderschntterungen bereitete Atmosphaere ist in der Chi- 
maera repraesentiert und personificiert. Es ist dah^ eine unrichtige 
AJMMhme, wenn Hr. F. S. 90 f^ den Satz aufstellt: ^wenn nun alle 
Zeugnisse bei sonstiger Abweichung darin übereinstimmen, dass die 
Chimaera Feuer ausspeit , so dürfen wir sie gewis (?) für einen feuer- 
speienden Berg halten.* Das reicht nicht aus zur Erklärung der Chi- 
maera, und nicht Korper sondern Kräfte sind zu Gegenständen der 
griechischen Religion und Mythologie gewählt worden. Verderbliche 
Kräfte und Wirkungen der Atmosphaere in ihrer Gesammtheit werden 
in der symbolischen zusammengesetzten Thiergestalt der Chimaera dar- 
gestellt , und hierzu passen allerdings die Eigenschaften oder einzelnen 
Theile, welche ihr beigelegt werden, vortrefflich, aber auch nur erst 
so. VergU übrigens Schwencks Mythologie der Griechen S. 471 , wo 
»ancheas treffliche zur Aufliellung dieser Sache beigebracht ist. 

Bei der S. 91 Tersnchten Erklärung der einzelnen Theile des Un- 
geheuers ist manches auch nicht so gehalten, dass man es billigen 
konnte, ein Lächeln aber dürfte mit Recht gar manchem die Tersuchte 
NachweisuBg des Grundes abnothigen, warum Hephaestos als lahm 
gedacht und dargestellt worden sei. Hr. F. sagt S. 91 : Mer Schlan- 
genkopf der Chimaera oder im verstärkten Ausdruck die hundert 
SchUngenkopfe des Typhon bezeichnen offenbar (?) das züngelnde, 
auflodernde Fener, welches ^mb dem Gipfel des feuerspeienden Ber- 
ges hervorbricht [nicht viehliAhr das vergiftende, verderbliche eines 
verpesteten, aufgeregten Dunstkreises?] -* — Ans demselben (?) 
Grunde hat auch Hephaestos, das Fener [vielmehr ursprünglich der 
Gott der Kunst in Erz «i arbeiten], den Beinamen KvXl^nodimv : [man 
höre!] weil das Feuer flackert, nie ruhig steht, wurde er daher lahm 
genannt.' 

Nach langem und doch unfruchtbaren Hin> und Henreden über die 
Herkunft des Namens Xi^aiqa kommt der Verf. zu der Annahme einer 
Abkunft des Wortes aus dem Semitischen, einer Versuchsweise, 'der 
wir nach so vielen früherttn vergebliehen, auch abgeschmackten Ver- 
suchen doch endlich in jetziger Zeit glaubten überhoben zu sein. 
Zu dem Zwecke bemüht er sich, die Solymer schlechterdings zu Se- 



Fischer : Bellerophon. 187 

miten zu machen und bringt den Namen derselben mit* IsffoaoXvfia zusam- 
men, was doch nur eine Verunstaltung des semitischen Jeruschalaim ist. 

Treffend wird im ganzen, auch in Bezug auf unsere Ansicht, 
S. 94 darauf hingewiesen, dass nach Fellows Zeugnis in Lycien an 
mehrfachen Stellen Tulcanischer Boden sei und das Land öfters den 
Schrecknissen und Verheerungen von Erderschntterungen ausgesetzt ist. 
Aber ein besonderer feuerspeiender Berg wird drum nicht erwähnt ! 

Auf welche Weise deutet nun im allgemeinen und kürzlich Hr. F. 
den Mythus vom Kampfe des Bellerophon mit der Chimaera? S. 96 

heisst es: 'durch den Kampf des Bellerophon mit der Chimaera 

ist das Gewitter dargestellt, welches sich um einen Vulcan zusammen- 
zieht und auf ihm entladet.' Er fögt hinzu: 'wie dadurch, dass 
Zeus die Giganten und den Typhon niederblitzt.* Als ob dieser letz- 
tere Mythus nicht ganz anders aufgefasst werden musste! Hr. F. 
nennt diese Deutung mit Recht eine rein physische; doch wenn er 
hinzufügt, es liege auch eine andere mehr ethisch-physische, wenn er 
so sagen dürfe, nahe: die Sonne und die Lichtgötter überhaupt stellten, 
da sie die Zeit regelten, selbst gewissermassen die Ordnung dar, und 
Zeus als die Ordnung der Natur erscheine, wenn er die Giganten als 
wilde Storer der Naturgesetze todte, als Erhalter und Wiederher- 
steller der Weltordnung, so hat er in Bezug auf den Mythus Tom 
Kampfe des Zeus mit den Titanen oder Giganten und mit Typhoeus 
wohl Recht, trägt aber dann wieder etwas fremdartiges auf jenen 
Mythus Tom Kampfe des Bellerophon mit der Chimaera über. 

Nicht minder Terfehlt ist die Erklärung des Umherirrens des Bel- 
lerophon auf dem aleischen Felde (dem Irfelde) und seines desfall- 
sigen Endes, S. 99. 

So dürfte denn die Schrift nur tbeilweise dem Kenner genügen 
und den Forschern der Mythologie zu empfehlen sein. Aber das 
Verdienst hat sie doch, den interessanten Gregenstand yon neuem zur 
Sprache gebracht, manches gute zur Erklärung hergestellt zu haben 
und zum weitern Forschen anzuregen. 

Schliesslich glaubt der Ref. es dem Verf. und den Lesern dieser 
Blätter schuldig zu sein , das Ergebnis seiner Forschungen ihnen nicht 
Torzuenthalten , um ihnen zu zeigen, von weichem Standpunkte aus er 
die Sache betrachte, nach welchen Seiten er sie hingeführt habe, und zu 
welchen Resultaten er gelangt sei. In Korinth war der Dienst des Helios 
heimisch (vergl. die Gotterd. auf Rhodos UI.). Der Gott führte hier 
neben dem Beinamen des rosseyerständigen (Hipponoos) anch den desBel- 
lerophontes und der letztere trat mit der Zeit so mächtig herror, dass er 
den erstem Terdunkelte. Das drückt der spätere Mythus hier s o aus : 
Bellerophontes habe erst Hipponoos geheissen« BsiksQOtpovrrjs ist die ur- 
sprüngliche ältere Form des Namens, die spätere BelXsf^qxov, welcher 
letztern, auch wenn man sie mit den echt griechischen Namen iSlBvogfav, 
driftofptov , 'Jylccotpav u. a. der Art yergleicht, man keine genügende und 
passende Erklärung abzugewinnen vermag. BsXXsQOtpovtris kommt ohne 
Zweifel, wie es schon alte Scholiasten zum Homer gefasst haben, von 



188 Mythologie. 

^IXsQog (= naitog) mit Torgefugtem digammatischen Anlaute B und dem 
Verbo tpiva^ her, bedeutet also den Vemichter des Bösen, der Uebel, 
also das, was auch der Name 'AnoXXoav besagt, was nicht unwahr- 
scheinlich anfangs gleichfajls ein Beiname des Helios gewesen ist. 
Dieser specielle Heliosdienst mochte bald so Torherschend werden, 
dass ein besonderer Gott unter dem BsXXsQOfpovrrig geglaubt wurde 
mit jener besondern Vorstellung von Vernichtung des Bösen, dermas- 
sen, dass der. Gedanke an Helios ganz versiegte. In solcher Gestalt 
kam der Cult auch nach Lycien , dahin vertragen sehr wahrscheinlich 
durch die dorischen Colonien, die bekanntlich an der südwestlichen Seite 
von Kleinasien besonders zahlreich waren. Der Dienst des Helios auf 
Rhodus ist bekannt genug; auch er verdankt zuverlässig seinen Ur- 
sprung diesen Ansiedlungen. Hier in Lycien erhielt Helios Bellero- 
phontes, der speciellen Beschaffenheit des Landes nach, den Begriff 
eines Abwenders derjenigen Uebel, von welchen Lycien pflegte heim- 
gesucht zu werden, der Ueberschwemmungen von Seiten des Meeres 
(vergl. Plutarch . . .; die dort erwähnte *£ntblossung der Weiber, 
um Unfruchtbarkeit und Verderben vom Lande abzuwehren, mag einen 
ähnlichen Sinn gehabt haben, wie der Priap oder Phallos als Gegen- 
zauber gegen Unfruchtbarkeit und als Abwehr des Bosen.^ So tref- 
fend Schwenck in der Mythologie der Griechen S. 478) und der Erd- 
erschütterungen und der mit denselben verbundenen Schrecknisse in 
der Natur. Die letztern wurden nachmals mythisch personifioiert un- 
ter der Chimaera, bei welcher die Ziegengestalt (die einer xiii^aiqcL) 
in der Mitte den Haupttheil ausmachte; daher denn auch ihr Name. 
Und dabei kommt nicht bloss das zottige eines Ziegenfelles, das den 
vom Regen triefenden, von Stürmen begleiteten Gewitterwolken ähn- 
lich ist, sondern auch das gleichklingende der Wörter ;|jf«, xbl€o^%v(o, 
XHfioov, xBLi^aqoq u. 8. w. in Betracht. Die mythische Poesie lässt 
sich oft durch dergleichen Gleichklänge bestechen. Eine Abwehr von 
dergleichen furchtbaren Naturereignissen wird mythisch -poetisch ge- 
wohnlich als ein Kampf dargestellt, im vorliegenden Falle also zwi- 
schen dem zu einem Heros umgestempelten Bellerophontes und der 
Chimaera. Nun musste aber dieser Kampf motiviert werden; denn 
der Mythus geht gewohnlich pragmatisch zu Werke. Und da erdich- 
tete man, in ^Erinnerung dass der Bellerophontes- Cult von Korinth 
herstamme, nach sehr gewohnlicher Weise einen Mord von Seiten des 
Bellerophontes an dem Belleros — also zugleich ein etymologisierender 
Mythus! — von welchem Morde derselbe gesühnt werden musste. Der 
Mythus lässt ihn zu dem Ende zu Proetos in Argolis fliehn. Warum? 
weil der von und in einem andern Mythus mit Lycien in Verbindung 
gesetzt worden ist. Hier nun wieder ein Liebesabenteuer mit der 
Gattin des Proetos, in Folge dessen er nun eben nach Lycien ge- 
sandt wird und mehrere Kämpfe, unter andern den mit der Chimaera, 
bestehn muss. Um sie bestehn zu können, wird ihm vom (korinthi- 
schen) Mythus der Pegasus, das geflügelte Ross, zugesellt, das ihn 
durch die Lüfte tragen muss. 



V. Lassaulx : die Geologie der Oriechen und Römer. * 189 

Auf solche Art ist wohl kaum noch etwas übrig, was einer wei> 
tern Aufklärung bedurfte. 

Brandenburg. Dr. Heffter, 



Die Geologie der Griechen und Römer. Ein Beitrag zur Phi- 
losophie der Geschichte von £. v. Lassaulx. Abhandlungen der 
konigl. bayer. Akademie I. Cl. VI, 3 und besonders abgedruckt, Mün- 
chen, Franz 1851 (52 S. 4). Eine je grossere Bedeutung die Geolo- 
gie in unsern Tagen gewonnen hat, um so interessanter ist es die 
Anfange dieser Wissenschaft in dem Alterthume zu betrachten, weil 
dadurch die innere Naturnothwendigkeit, welche ihr Entstehn und 
ihren Entwicklungsgang bedingt, klarer vor die Seele tritt und eine 
Seite im Geistesleben der Alten, damit aber dies selbst besser von 
uns erkannt wird. Der ebenso geistreich combinierende , wie tiefe 
Achtung vor dem überlieferten hegende Hr. Verf. hat auf diesem Ge- 
biete sehr bedeutende Resultate zu Tage gefördert. Im 1. Abschnitt 
werden die geologischen Beobachtungen von Xenophanes (die Lesart 
da(pv7j6 bei Orig.. Phil. I, 14 p. 893, wofür Gronov dq)V7js vermu- 
thet, wird durch einen Münchner Cod. bestätigt) bis zu den romi- 
schen Kirchenvätern zusammengestellt. Dass die einem untergegange- 
nen menschlichen Riesengeschiechte zugeschriebenen Gebeine fossile 
Thierknochen gewesen , aber schon in der ältesten Zeit für Menschen- 
skelette gehalten . und deshalb in Särge (iv aoQOig) eingeschlossen wor- 
den seien und dass die Sage von Griganten und ähnlichen Wesen der 
Anschauung solcher Ueberreste den Ursprung verdanke, wird man ^ 
gewis zugeben. Vermisst haben wir die Beobachtungen über Boden- 
verschiedenheit (Herod. 11, 12) und die geognostischen überhaupt, 
femer die Meteorsteine (Plnt. Lys. 12. Diogen. Laert. If, 12) , welche 
um so mehr eine Stelle verdient hätten, als sie nicht ohne Einfluss 
auf die Ansichten vom Kosmos (vergl. Gruppe die kosmischen Systeme 
S. 101) geblieben sind. Auch wäre wohl zu unterscheiden gewesen 
zwischen denen, welche, wie Herodot, nur Veränderungen in der vor- 
handenen Gestalt der Erdoberfläche beachteten, zu denen dann die 
von Wachsmuth hellen. Alterthumskunde I. 9 aufgezählten Ueberlie- 
ferungen hinzuzurechnen sind, und denen, welche, wie Xenophanes 
und andere, die Entstehung der Erdoberfläche selbst ins Auge fassten. ^ 
Ueberraschend ist das Resultat, dass sich die drei Hauptsysteme der 
Geologie, welche die neuere Zeit kennt, schon bei den Alten, aber 
in umgekehrter Zeitfolge vorfinden. Noch überraschender ist die im 
2. Abschnitt nachgewiesene Uebereinstimmung zwischen der geogno- 
stischen Beschaffenheit des Beckens von Rom (unten Meeresbildnngen, 
darüber vulcanische Producte, auf diesen die Hervorbringungen des 
Süsswasser^^ und der Aufeinanderfolge der drei Feste: Consaalia, 
21. August, Neptunu8 eguester. Loskaufung des Staates von den un- 
terirdischen Mächten; Volcanalia, 23. Aug., Besänftigung des Feuer- 
gottes, damit er nicht von neuem hervorbrechend die Existenz des 



190 Hebrüsche Litieralur. 

Staates bedrobre, Opeconsira, 25. Aag., far den Feldbau, der nur auf 
einem von süssen Gewässern befruchteten Erdreich möglich ist. In 
der That werden wir dadurch gezwungen mit Aristoteles und Strabo 
X, 3, 23 p. 391, 17 den Rest einer frühern in Yorgeschichtlicher 
Zeit untergegangenen Naturerkenntnis räthselhaft in Mythen einge- 
hüllt, anzunehmen. Der 3. Abschnitt enthält die Lehren yon den 
WeltYeränderungen und Weltuntergängen, wie sie sich Ton den In- 
dern an durch alle Volker des Alterthums hindurchziehn und in immer 
neuen Ausprägungen auftreten. Der Glaube an die aMOntatuataetg 
und an die bestimmte Dauer gewisser grosser Erscheinungen in der 
Menschenwelt wird dabei in seiner Veranlassung und Begründung nach- 
gewiesen. Beiläufig erwähnen wir, dass 8. 43 Anm. 111 die Stelle 
des Jul. Firm. Mat. Math. III, 1 p. 47 ed. Basil. 1551 nach einer 
Münchner Handschrift emendiert gegeben wird. D. 



izTjp'n Tito'i M3'»irt Hebräisches Lehr- und Uebungsbuch für 

Schulen Yon Hl Leeaer. Zweiter Cursus. Coesfeld 1851, in Commis- 
sion bei B. Wittneven Sohn. 163 S. 8. — Indem sich Rec. auf die Be- 
urtheilung des ersten Cursus des hebräischen Lehrbuchs von Leeser 
(Coesfeld 1848) beruft (N. Jahrbücher LIX. Bd. S. 415—16), sei 
es ihm gestattet, über den zweiten Cursus nachfolgendes zu referie- 
ren. Aus dem Vorworte ist zu entnehmen, dass die darin befolgte 
Methode von den tüchtigsten Lehrern Westphalens und der Rheinpro- 
vinz auf der am 10. Mai 1851 zu Coesfeld stattgefnndenen Lehrer- 
conferenz als der 'einzig richtige Weg zur gründlichen und naturge- 
mässen Erlernung der hebräischen Sprache' anerkannt wurde. Auch 
hat sich die Zeitung für das Judenthum (Not. 1851) darüber yortheil- 
haft ausgesprochen. In diesem Cursus werden aber zunächst der Fort ^ 
Setzung des ersten Cursus Verbesserungen und Zusätze zu letzterm 
Yorangeschickt (§. 74 B). Da der zweite Cursus übrigens für Yoran- 
geschrittene Schüler berechnet ist, so zeigt sich hier ein tieferes Ein- 
dringen in das Ganze. Die weitere, im ersten Cursus abgebrochene 
Behandlung der Conjugationen führt auf ^B. Hier ist aber die Be- 
mericnng über die unterlassene Verdopplung, z. B. bei D^^ ('ähnlich 
im Deut9chen: lachen :=: lach-chen') dahin zu reducieren, dass ein 
HaUch als zweiter Radical gesetzmässig die vorhergehenden Vocale 
beibehält. Von ^ an, dem stärksten Hauchlaut, werden sie bis 
zum leisen ^ stufenweise schwächer. — Mit dieser durch die Vo- 
calveränderung modificierten Conjugationsform verknüpft der Verf. pas- 
send die Eintheilung der Vocale und die Erklärung des Schwa. Füg- 
lich kann auch hier das t)^Cd^ Y^[l schlechthin Komez zum Unter- 
schied des Kamez (^'^'^^ Y^TO genannt werden. Das f^P. ist als 
voealis anoeps zu betrachten. Bei der Bemerkung, dass zwei Schwa 
quiesc. nur am Ende des Wortes aufeinander folgen können, ist ge- 
legentlich, bei den angeführten Beispielen: '^^^ und *?^?3, zu be- 



Leeser: hebr. L«hr« und U^baagsbuch. 2r Curs. 191 

merken , das« hier ein solches Dagesch nur lene sei ; denn nach andern 
eine Verdopplung am Ende des Wortes anzunehmen ist unnatürlich. 
An die Accentlehre schliesst sich die Bemerkung über das dag, eu* 
phanicum an, wobei die Benennung dag. eonjunctivum fehlt. Der 
Verf. bemerkt hierbei (gegen Gesenius Gramm. §• 20, 2), dass in die- 
ser Hinsicht die grösste Consequenz stattfinde! Die auch in der 
Folge beobachteten alphabetischen Uebungsbeispiele , die den eigent« 
liehen Aufgaben Yorangehn, sind ausreichend. Die Bedeutung des 
Piel ist aber nicht genau, vom Hiphil getrennt, erklärt. Letzteres ist 
intensiTer, etwa so z. B. *^?a, er hat angezündet, ^^^.H , er hat 
verbrennt n. s. w. Bis S. 80 8. 18 sind schickliche zusammenhän- 
gende Beispiele, einige zum Uebersetzen ans dem Deutschen ins He« 
bräische angeführt, zum Theil wortlich classisch entlehnt, zum Theil 
so nachgebildet. Bei $. 80 Sufüxa Piel ist mit Recht bei der 3. Per- 
son nur i oder Vi—, nicht aber ^n-r angeführt. (Die Form ^n^ttj*! 
Hieb 37, 3 ist kein Piel, sondern Iroperf. Kai von ^^ = solvere). 
Ueber die beginnenden Theile des hebräischen Satzes ist durch gute 
Beispiele die nicht immer willkürliche Stellung der Satztheile nach- 
gewiesen. — Angemessen ist die Bemerkung, dass ^^ ausschliesslich 
die Bewegung zu einer Person bezeichne, so dass Ausdrücke wie 
^*n% ^^KS nicht sprachrichtig sind. Die Beispiele bis §. 83 geben 
einen ziemlich bündigen Zusammenhang. Im $. 83 selbst widmet der 
Verf. dem "^^^ eine besondere Betrachtung und findet sich hier eine 
schone Zusammenstellung des darauf bezüglichen. So ist schicklich 
der Gebrauch dieses Pronomen zur Umschreibung des Genitiv beige- 
fügt (jedesfalls der frühere Genitir, dann in S^ übergehend. In 
Fällen jedoch wie ludices 6, 31 ist bei diesem Pronomen nach Ref. 
nichts zu ergänzen: es entspricht dem lateinischen quicunqucy d. h. 
wer es auch immer sein mag u. s. w. Desgleichen auch beim Ausdruck : 
linb 'TitatTa das ^ ist h auetorisy die wirkende Ursache beim Passirnm : 
der Datiy, wie im Griechischen und zum Theil im Latein. Ein Psalm 
durch r= von David verfasst. Gesenius [Rodiger] hebr. Gramm. 1848. 
$. 140, 2). Die zusammenhängenden Beispiele, zuletzt ein passendes 
Ganze bildend, enthält der §. 84. Aehnlich wie in der Ewaldschen gros- 
sem Grammatik sind bei Piel und dann bei allen andern Conjugationen 
Beispiele über sämmtliche genera verborutn angeführt. Eine weitere 
Erörterung der Stellung in Hinsicht der Satztheile ist dem angeführ- 
ten untermischt beigegeben (unter Anm. 14 auch über die rhetori- 
sche Wiederholung einzelner Worter). — Uebrigens sind bei den Con- 
jugationen Piel und Pual zugleich die abweichenden Formen wie auch 
die seltnere Form ^??^ mit angeführt. Untergemischt sind , im Ver- 
folg der syntaktischen Behandlung der Grammatik, die Partikeln bei 
Schwurformeln. Beachtenswerth ist die Bemerkung über das vernei- 
nende D^ (S. 85*) als ursprüngliche Fragpartikel, gegen Rodiger 
S' 152, 2 f. Angereiht sind die nothigsten hierauf bezüglichen Bei- 
spiele. Vorzüglich umfangreich ist die Conjug. Hiphil erleutert, aber, 
wie bereits oben bemerkt, wäre eine genauere Entwicklung der Be- 



102 Hebriische Litteratur. 

dentnng dieser Conjngation nicht nnerspriesslich gewesen. Und da übri- 
gens der Verf. gern die hebräischen termini beibehält, so konnte der 
Grundsatz aufgestellt werden, dass Hiphil •»t?*'l?«Öb «:?ih g^j/ dj^ 
Beispiele geben hier einen guten Zusammenhang, besonders §. 93. Vor- 
züglich sind über *^ und H'S die angemessensten Beispiele aufge- 
führt. Auch die Beispiele mit auffixis in dieser Conjugation befriedi- 
gen. Der §, 97 enthält pianyoll gewählte classische Steifen au|s Josua 
und den Büchern der Konige. Auch über den adverbialen Gebranch 
des Hiphil sind Beispiele beigefügt. Die Uebungsbeispiele für die Par- 
ticipia dieser Conjugation enthalten auserlesene Sentenzen aus den 
ProY., den Psalmen und andere classische Stellen (besonders §. 102) • 
Auch bei Hophal sind über die Formen mit Komez und mit Kibbuz 
die nöthigen Beispiele angeführt, §. 106—109 ^^^^^^,. Die Fälle 
der Metathesis und der Assimilation sind berücksichtigt. Die Form 
^??^? aber würde Ref. nicht (nach Anm. 10) für eine Znsammen- 
setzung aus ^^3ri}T und v^^n erklären: sie ist gewissermassen ein 
rectprocum paasivum* Das öftere ^^{^^^ ist zu übersetzen : sich zur 
Musterung stellen (müssen). §• 109 — 115 enthalten die Bearbeitung 
nachfolgender Stücke aus den Apokryphen: vom Bei und Drachen zu 
Babel (hebr. §. 109 und deutsch §. 110) ; die 5 ersten Capitel des Bu- 
ches Tobi (unpunctiert) und deutsch 2. und 3. Cap. Sie sind mit gram- 
matischen, rhetorischen nnd antiquarischen Anmerkungen -versehn. Der 
Hr. Verf. behauptet in der Vorrede S. IV, dass der griechische Text 
die ursprüngliche hebräische Diction zu erkennen gebe; weshalb ihm 
auch die Rückübersetzung gelingen musste. Die hebräische Version 
steht den frühern Interpreten, einem Beenseef, Wessely und Fränkel 
nicht nach: sie ist einfach und getreu. — Auch Tobias ist nach dem 
griechischen Texte, mitunter aber abweichend nach der Vulgata über- 
setzt. In dieser Hinsicht stimmt Ref. Fränkel bei, der, um das weit- 
schweifige zu vermeiden, genanntes Buch nach der Vulgata interpre- 
tiert hat. — Das Wörterverzeichnis nach den S§. Hesse sich vielleicht 
besser in ein vocabularium verwandeln; dann wäre das alphabetische 
Register entbehrlich, da doch ein hebräischer Index , gleich jedem an- 
dern dieser Art, niemals ein eigentliches Wörterbuch oder Wörter- 
verzeichnis ersetzen kann. Die Conjugationstabellen sind gewisser- 
massen vollständig; jedoch vermissen wir ungern das Femininum der 
Participia» Das Ganze wird seinen Nutzen besonders an solchen An- 
stalten, gewähren, an welchen der hebräische Unterricht nicht unten 
angesetzt , f>ondern vielmehr den übrigen propaedeutischen Stücken 
für die übrigen Facultäten gleichgesetzt wird. Wir beschliessen un- 
sere Relation mit der Bemerkung, dass auch die äussere Ausstattung 
des Ganzen, Papier und Druck betreffend, befriedigt. 

Mühlhausen. Dr. Mühlberg. 



Programmenschan. 103 

Programmenschau. 



Programme aus dem Grossherzogthum Baden. 

Heidelberg. Disaeriatio de mixto rerum publicarum genere Grae- 
corum et Romanorum aeriptorum aententiia illuatrato. Vom Geh. Rath 
Ritter Prof. Dr. C. Zell (Einlad angsschrift zur Feier des Geburts- 
tags yom Grossh. Carl Friedrich, 22, Nor. 1851. 24 S. 4). Der ge- 
lehrte Verf. gibt in seiner durch Form und Inhalt gleich ausgezeich- 
neten Abhandlung eine Sammlung und kurzgefasste Darstellung der An- 
sichten der Alten über die gemischte Verfassungsform. Nach Anfüh» 
rung eines Ausspruchs von So Ion, weicher dahin bezogen werden 
kann und in diesem Falle die frühste auf uns gekommene Aeusserung 
über diesen Gegenstand ist , werden die Stellen aus den Fragmenten 
der Pythagoreer Hippodamos und Archytas besprochen , welche 
mit deutlicher Bestimmtheit die aus Monarchie, Aristokratie und De- 
mokratie gemischte Verfassung für die beste halten. Darnach werden 
die ähnlichen Betrachtungen und Aussprüche aus Piaton und Aristo- 
teles vorgeführt und besonders letztere etwas genauer dargestellt. 
Darauf folgt Polybios, welcher die Ansicht Ton den Vorzügen der 
gemischten Verfassung zur Grundlage seiner politischen Anschauungs- 
weise macht und dieselbe zugleich zu dem Ausgangspunkte und Maass- 
stabe bei der Analyse und Würdigung der romischen Verfassung nimmt. 
Ans Polybios schliesst sich Cicero an, welcher in seinem Werke de 
re publica ganz jenem Vorgänger folgt. Von späteren Repraesentanten 
derselben politischen Ansicht werden der Schönredner Aristides und 
Petrus Magister, der unter Justinian lebte, angeführt. Allen die- 
sen Vertheidigern oder Lobpreisem steht nur ^in Gegner gegenüber, 
aber freilich ein sehr gewichtiger: Tacitus, welcher an einer be- 
kannten Steile (Annal. IV, 33) die gemischte Verfassungsform für un- 
praktisch und, wo sie bestand, für eine Verfassung Ton kurzer Daner 
erklärt. Es werden kurz die Gründe angedeutet, welche ihn Ton 
seinem Standpunkte aus zu diesem Urtheile bestimmt haben mögen. 
Am Ende des Vortrags werden noch zwei Hauptgedanken hervorge- 
hoben,' welche in den ausgezeichnetsten unter den alten Schriftstellern 
über Politik uns vielfach entgegentreten, nemlich der geringe Werth 
der Demokratie und der Vorzug eines wohl eingerichteten Königthums, 
so wie ferner , dass es für das Gedeihen der Völker und Staaten viel 
mehr auf die Sitten der Bürger als auf Verfassungen und Gesetze 
ankomme. 

Carlsruhe. De iunctarum in precando manu u m origine 
indogermanica et uau inter plurimoa Chriatianoa adacito quaeatio. 
Scripait C. F. Vierordt (Programm des Lyceums 1851. 43 S. 8. 
Cum tabula Uthogr.). Der durch seine treffliche > Geschichte. der Re- 
formation im Grossherzogthum Baden* rühmlich bekannte Verf. vor- 
liegender Schrift wurde zur Behandlung dieses Gegenstandes, welcher 
in den Kreis der christlichen Alterthümer gehört, zunächst dadaccK 



194 Progranmeiuehaa. 

veranlasst, 4ass wir bis jetzt nur sehr wenig sichere? über ihn wis- 
sen, und theilt deswegen hier mit, was er bei ^Gelegenheit anderer Stu- 
dien über ihn gefunden hat. S. 4 spricht er sich selbst folgender- 
massen aus: meum, dum ab alHore antiquitate repeto huius moris 
originem, consilium id e«t, ut aliu8 impeUtttur ad quaesHonem ac- 
curatiua exercendam. Equidem ea propono^ quae cum studio alior- 
sum apectantia colerem^ multos per annoa oeeasione data cognovxy 
ille perpendatf amplificety corrigat. Die Sitte, die Hände bei dem 
Grebete zusammenzufalten und so diese selbst an der heiligen Hand- 
lung gewissermassen Theil nehmen za lassen, ist uralt. Sie findet 
sich nach der Darstellung des Verf. schon bei den Indem (S. 13« 14)* 
Von ihnen hatten sie die (aus Indien stammenden) alten Deutschen 
und diese verbreiteten sie, lange ror ihrer Bekehrung zum Christen- 
thum, wieder weiter in den Ländern Europas, in welche sie drangen. 
Es ist diese Sitte also heidnischen Ursprungs nifd von den Heiden zu 
den Christen übergegangen. Um die verschiedenen Arten, wie die 
Hände bei dem Gebete gehalten wurden, anschaulich zu machen, ist 
die lithographische Tafel ' beigefügt. In dem angehängten index chro- 
nologicus (p. 39) wird das Jahr 98 als das erste angeführt. Das un- 
bestreitbare Verdienst , welches sich der gelehrte Verf. durch die sorg- 
fältige und gründliche Erörterung des Gegenstandes erworben hat, 
stellt sich am deutlichsten heraus, wenn wir hören, wie in diesem 
Gebiete der Wissenschaft ausgezeichnete Männer sich über die Sache 
äussern. So sagt Jacob Grimm (deutsche mythologie 2. ausgäbe 
S. 28):^ über die art und weise des heidnischen gebets (der alten 
Deutschen) entbehren wir nachrichten; ich vermute bloss, dass da- 
mit blicken gen himmel, neigen des leibs, händefalten, knie- 
beugen, hauptentblossen verbunden war'; und bei C. A. Bottiger 
(kleine Schriften archaeol. Inhalts H. S. 355) heisst es: ^ unser Hän- 
defalten ist durch die Kreuzfahrer zuerst nach Europa gekommen. 
Mehr hierüber sehe man bei dem Verf. selbst in dem Abschnitte: 
quaestio de iunctia preeantium manibua adhue nitre negleeta. Von 
dem reichen Inhalt der Schrift geben die Ueberschriften der einzel- 
nen Abschnitte das beste Zeugnis. Wir heben folgende heraus : Pas- 
aae manua veterum citra Indum fluvium, P, m. Chriatianorum vete- 
rum. P. m. Indorum veterum. P. m. Germanorum veterum, P. m. 
ah eccleaia oceidentali neque iuasae neque prohibitae. P, m. a papa 
nani aeculi laudatae, P, m. imaginum veterum. P. m. mortuorurk. 
P. m. vaaaalorum. 

CoNSTANZ. Die politische Ansicht des rom. Geschichtschreibers 
Titus Livius, eine historische Abhandlung vom Lehramtspraktikanten 
Fr. X. Frühe (Programm des Lyceums 1851. 52 S. gr. 8. Motto: 
Fructum studiorum viridem et adhuc dulcem promi decet, dum et oe- 
niae spes est et paratus favor et audere non dedecet. Quint. XIT, 6). 
Die vor uns liegende, mit grossem Fleisse und tüchtigen Kenntnissen 
ausgearbeitete Abhandlung hatte der Hr. Verfasser vor einigen Jah- 
ren als in dem Gebiete der Philologie gestellte Preisaufgabe in la- 



Programmeiiscliau. 103 

teinischer Sprache bearl>eitet und legt sie nun in das Gewand der 
deutschen umgekleidet dein gelehrten Publicum Tor. Die Frage, 
welche er sich zum Gegenstande der Untersuchung macht, ist bis- 
her noch nicht mit der Aufmerksamkeit und Ausführlichkeit be- 
handelt worden, die ein Schriftsteller von Livius Ruhm mit Recht 
in Anspruch nehmen kann. War daher der Hr. Verfasser bei der 
Lösung dieser Aufgabe auf sich selbst und das Quellenstudium fast 
ausschliesslich angewiesen, so war dies noch um so schwieriger, weil 
kein Geschichtschreiber des Alterthums mehr sein eignes Urtheil über 
die erzählten Ereignisse zurückgehalten hat als Livius und keiner we- 
niger Schlüsse aus dem gesagten gezogen und in diese seine eignen 
Gedanken eingestreut hat. Ehe der Verf. auf den eigentlichen Gegen- 
stand der Untersuchung eingeht , wirft er einen Blick auf die damali- 
gen Zeitverhältnisse und befasst sich näher mit der Person des Livius, 
um in dem vorausgehenden einen Erklärungsgrund des folgenden zu 
haben. Den Geschichtschreiber selbst schildert er uns als einen Rö- 
mer im echten Sinne des Wortes, welcher, obwohl er sieht, wie sein 
Volk von der frühern Höhe der Sittenreinheit in den Abgrund der 
Unsittlichkeit gefallen ist, doch bei jeder Gelegenheit die Partei des- 
selben einem andern Volke gegenüber ergreift $ Ruhm und Glanz seines 
Vaterlandes geht ihm über alles (S. 3 — 19). Nach der Schilderung 
des Charakters , so wie des Berufs und der Befähigung zur Geschicht- 
schreibung handelt der Verf. in dem 1. Abschnitte der Schrift (S. 20 
— 28) ^über die Ansicht des Livius von der Monarchie' 
und nachdem er gezeigt, dass Livius weder ein Anhänger des König- 
thums noch einer constitutionellen Monarchie gewesen, geht er zu 
der Frage über: 'welche Ansicht hatteLivius vonderVolks- 
herschaft?' (S. 28 — 38) und zeigt, dass er sich stark gegen das 
Regiment der Masse ausspricht. Diese spielt, wie er selbst sagt, ent- 
weder den kriechenden Sklaven oder den stolzen Herrn; die Freiheit, 
welche in der Mitte liegt , kennt sie weder noch weiss sie sie zu halten, 
und insgemein fehlt es nicht an Werkzeugen, die ihre leidenschaft- 
lichen Ausbrüche gut heissen und die entflammten und ungenügsamen 
Gemüther zu Blutvergiessen und Mord anstacheln. In den Tribunen 
sah er nur die gehorsamen Diener der launenhaften Menge, welche 
durch ihre Hartnäckigkeit den Staat mehr als einmal in Gefahr brach- 
ten. Der letzte Abschnitt (S. 39 — 52) handelt *von der Ansicht 
des Livi^u-s über römische Aristokratie' und durch Anführung 
einer grossen Zahl von Stellen wird gezeigt , dass Livius ein Verehrer 
und Anhänger dieser Regierungsform gewesen sei. Die Patricier haben 
lange Zeit das Staatsruder in Händen gehabt; unter ihrem Regiment 
hat sich der Bau der römischen Herschaft so sehr erweitert, dass er 
zu Livius Zeit durch seine Masse schon lästig wurde. Doch so sehr er 
auch von den Tugenden jener ergriffen uud begeistert ist, so übergeht er 
dennoch auch ihre Fehler nicht, weil er die Gerechtigkeit will, aber 
er führt sie so an, dass man stets die Entschuldigung schon im Hin- 
tergründe sieht und dass ihre Fehler den Leser nicht so erbittern, wie 



106 Prog^HtmeBschan. 

die der andern Partei. Am deutlichsten spricht er seine Ansicht selbst 
ans XXVI, 22: *man mag die Terspotten, welche das alte foewnndem, 
ich ffir meinen Theil glaube nicht , dass, wenn es irgend einen Staat 
▼on Weisen gibt, den die Gelehrten mehr erdichten als kennen, es 
entweder würdigere und in der Begierde nach Herschaft massigere 
Häupter oder eine besser geartete Menge geben könne.' Den Schluss 
der Schrift bildet das Urtheil , welches der grosse Geschichtsforscher 
Niebuhr (rom. Greschichte Bd. U. S. 20) über die politische Ansicht 
des Liyius ausspricht. 

Bruchsal. Programm des Gymnasiums 1851: Ueber Sophoklea 
Aniigone Va, 904—913, ^on dem Dir. Prof. Scherm (42 S. gr. 8). 
Schon in einer frühem Darstellung der Antigene des Sophokles (Bei- 
gabe zum Programm des Lyceums in Constanz 1846) bezeichnete der 
Verf. die Verse 905-^912 als verwerflich und rielleicht nicht von So- 
phokles herrührend. Dieser Ansicht Ut er noch und glaubt jetzt, dass 
auch die Verse 913 und 914 nur dazu dienen, die eingefügte Stelle 
mit dem übrigen zu verbinden. In einer mit Scharfsinn und Gelehr- 
samkeit durchgeführten Untersuchung bemüht er sich die Frage zu 
losen, ob die in Zweifel gezogene Stelle mit Bockh für eine antik 
schone oder mit Goethe für einen Flecken der Tragoedie zu halten, 
ob sie dem Sophokles beizulegen oder abzusprechen sei. Die am 
Schluss zusammengestellten Resultate (S. 41. 42) glauben wir um so 
mehr mit den eignen Worten geben zu dürfen, als aus ihnen der rei- 
cbe Inhalt der Schrift am sichersten erkannt wird : 1) Antigenes Cha- 
rakter hat eine ganz edle Richtung. 2) Ihrem Wesen ist aber 
Bigenwilligkeit, Leidenschaft und Selbstüberhebung beigemischt. 3) Der 
Zweck des Stückes fordert ebenso die Anerkennung der edlen Rich- 
tung als die Zurechtweisung des Stolzes und die Bestrafung der Ue- 
bertretung des Gesetzes. 4) Das Verhältnis von Kreons Vergehn zu 
Antigenes ist der Art, dass letztere als die minder strafbare er- 
scheint. 5) Durchaus unzulässig ist daher die Brniedrigung und Ver> 
unstaltung desjenigen , was edles an ihr bleiben muss. Ihre Demüthi- 
gung und die Strafe sühnen ihr Vergehn genugsam. Alles, was in 
dieser Richtung noch weiter geht, ist fehlerhaft. 6) Der Inhalt der 
fraglichen Verse ist aber a) ein Widerspruch und völlige Aufhebung 
der frühem edlen Begründung; b) eine Unnatürlichkeit oder Albern- 
heit im vorliegenden Falle; c) dem bürgerlichen Gesetz gegenüber 
weniger entschuldigend; denn der Ungehorsam gegen den n<ächsten 
Vorgesetzten konnte nur durch Berufung auf den höchsten entschul- 
digt werden wollen; d) es ist widersinnig, dem bürgerlichen Gesetz 
dann vor dem göttlichen den Vorzug zu geben, wenn ein Verlust un- 
ersetzbar ist. 7) Die Aehnlichkeit mit der Geschichte bei Herodotus 
beweist a) an und für sich nichts; b) besteht nur in Worten, und 
die innere Aehnlichkeit und Wahrheit fehlt ganz; — ein Zug der 
verwerflichsten Sophistik. 8) Aus der Anführung bei Aristoteles kann 
weder ein absoluter Beweis für die Trefflichkeit noch für die Echt- 
heit gezogen werden. 9) Es sind Anzeichen und Nachrichten vorhan- 



Programmenschaa. 197 

den, die theils auf Ueberarbeitung durcb andere schliessen lassen, 
theils dies ausdrücklich besagen. Dies zasammengenommen scheint 
zu der Annahme zu berechtigen, dass die Stelle höchst wahrschein- 
lich unecht — jedes falls aber yom Standpunkt aesthetischer Kri- 
tik Terwerflich sei. 

Donaueschingen. Programm des Gymnasiums 1851: De poesia 
Latinae rhythmia et rimis , praedpue monachorum. Libellus conscriptus 
per Chr. Theoph. Schuch, magiatrum trilinguem ad fontea Da- 
nuhinoa (Motto : 'Pvd'fibg fihifov nat'^Q nal navtov, Hephaest. 50 S. 8). 
Der Verf. theilt den auf dem Titel angegebenen Gegenstand in drei 
Theile. In dem ersten (p. 5 — 16) handelt er von den rhythmischen 
Gedichten der alten Römer (de veterum Romanorum earminibu» 
rhythmieia) und zeigt dabei p. 14, wie auch die Redner in den soge- 
nannten Parisosen, Antithesen, Paronomasien u. s« w. den Rhythmus 
berücksichtigt haben, und dass nicht selten auch bei den Prosaisten 
Verse Torkommen (p. 16). Der zweite Theil (p. 20 — 37) handelt von 
den gereimten Gedichten der alten Romer (de veterum Ro- 
manorum carminibua rtmatt«) und nachdem p. 24 aus romischen Schrift- 
stellern die Annominatio, Allitteratio und Assonantia nachgevnesen 
worden, geht der Verf. p. 26 zu dem Gleichlaute der Endsilben, was 
die Griechen ofunoreXevtov nennen , über. Der dritte Theil (p. 38—50) 
handelt von den Rhythmen des Mittelalters (de aevi medii rhyth- 
mia). Die Richtigkeit seiner Angaben weist der sehr belesene Verf. durch 
zahlreiche und gut gewählte Beispiele und Belegstellen nach und be- 
rücksichtigt dabei alles, was besonders auch in neuerer Zeit über den 
Gegenstand von gründlichen Gelehrten beigebracht ist. 

Freiburg. Programm des Lyceums 1851 : Curae Theocriteae. Par- 
tie. Uj continena notaa criticaa atque exegeticaa^ quibua idyllii XV 
loci aliquot difficUiore» explieantur et ab divi Godofredi Hermanni m- 
euraionibu» doctia (quaa coniecturaa vocant) defenduntur. Seripaü 
Franc. Weissgerber (35 S. gr. 8). Die vor uns liegende Abhand- 
lung reiht sich an die früheren seit 1834 erschienenen 6 Schriften des 
Verf. über Theokrit an und ist zunächst eine Fortsetzung der im Pro- 
gramm des Lyceums zu Rastatt 1848 abgedruckten. Unter Hinwei- 
sung auf die litterärische Thätigkeit des Verf. zeigten wir die letztere 
in diesen Jahrb. Bd. LVI. S. 80 an, und wenn vnr damals die Gründe 
lichkeit anerkannten, mit welcher der Verf. seinen Gegenstand be- 
handelte, so müssen vrir dasselbe Urtheil auch jetzt in Beziehung auf 
die gegenwartige Schrift aussprechen. Sie ist in zwei Abschnitte ge- 
theilt. Der erste enthalt adnotationea ad id, XV, De nominum pro- 
priorum in hoc id. apparentium aignifieatione (p. 7 — 12) und der 
zweite (p. 13 — 35) adnotationea zu einzelnen Versen und Stellen. Wie 
schon der Titel sagt, verwirft der Verf. G. Hermanns Conjectnren. 
Mit einer vollständigen Ausgabe des Theokrit ist der Verf. schon seit 
längerer Zeit beschäftigt und wir sehn deren baldigem Erscheinen mit 
Vergnügen entgegen. 

Mannheim. Progr. des Lyceums 1851 : Der phüoaophiaehe Unter- 



196 Progrmttimeiischaii. 

rieht auf der Mitteleehule , ein paedagogifchef Yotuni ron Otto 
Deimling (42 S. gr. 8). In der vorliegenden Schrift wird in um- 
fassender Weise die in neuster Zeit so Tielfaeh besprocbene Frage: 
soll der philosophisc he Unterrich t auf den Gelehrten- 
schulen (Gymnasien) beibehalten oder abgeschafft wer- 
den? behandelt und iswar von drei Gesichtspunkten aus, dem huma- 
nistisch-paedagogischen (S. 5 — 25), dem encyclopaedischen (S. 26 — 
34) und dem propaedentisch-hodegetischen (S. 35--40). Die Unter- 
suchung selbst fahrt zu folgenden Resultaten: formale Logik als be- 
sonderer theoretischer Unterrichtsgegenstand erfüllt weder die An- 
sprüche der Wissenschaft noch des Unterrichts; in der fruchtbaren 
Gemeinschaft mit deutscher Grammatik, Rhetorik, Poetik und an den 
classischen Werken des Geistes angeschaut und geübt, vermag sie 
das höchste Ziel der humanistischen Bildung zu erreichen. Dabei 
werden Litteraturgeschicte , Aesthetik und Philosop4iie die interessan- 
tem Hilfsconstructionen. Die psychologische Entwicklung der Denkfor- 
men aber ist ein Theil der Psychologie und die entsprechenden Ue- 
bungen eine Aufgabe der Rhetorik. Die Psychologie als genetische 
Darstellung des Seelenlebens entspricht nicht nur der philosophischen 
Idee dieser Wissenschaft am meisten, sondern erfüllt auch den paeda* 
gogischen Zweck am besten. Der philosophische Schulunterricht ist 
nicht nur ein wesentliches Glied in der Kette der humanistischen Schul- 
encyclopaedie, sondern enthalt zugleich einen Ring, durch welchen 
er die Gymnasialperiode an die akademische anschliesst. Durch seine 
logische Seite steht er an sich in formalem Verhältnis zu jeder Wis- 
senschaft , durch seine psychologische bildet er eine fruchtbare Grund- 
lage aller wissenschaftlichen Erkenntnis, und als Einleitung in die 
speculative Philosophie ist er durch das Studium dieser mit bedingt. 
Das ist seine akademisch -propaedeutische Bedeutung im allgemeinen. 
Ausserdem aber kann und soll er sich entwickeln zum besonderen ho- 
degetischen Unterrichte für den Abiturienten, indem er ihn über den 
Zweck und die Mittel des akademischen Studiums und Lebens unter- 
weist und ihm so den Compass einhandigt, mit welchem er sich auf 
dem weiten Ocean der akademischen Wissenschaft und Freiheit zurecht 
findet. Um die vorgeschlagene Methodik des Unterrichts einzuführen, 
soll (S. 41) die Logik als besondere Disciplin eingehn, der deutsche 
Unterricht dagegen erweitert werden. Dieser soll in keiner Classe weni- 
ger als 4 Stunden wöchentlich betragen und im letzten Jahrescurse Psy- 
chologie u. Hodegetik nebst Einleitung in diePhilosophie gelehrt werden. 
Offenburg. Programm des Gymnasiums 1851: HUtorüehee Re- 
gister sni Caesar, Vom Lehramtspraktikanten Rapp. Fortsetzung 
und Schluss, S. 65 — 115. Der Anfang dieses Registers (Progr. 1850) 
wurde von uns mit der ihm gebührenden Anerkennung in diesen Blat- 
tern (Bd. LXIT. S. 213) angezeigt. Indem wir darauf verweisen, fü- 
gen wir bei, dass, wie der Anfang, so auch die Fortsetzung und der 
Schluss mit grossem Fleisse ausgearbeitet ist. Den 259 bei Caesar 
vorkommenden Personennamen sind die betreffenden Stellen beigesetzt 



Leydener Dissertationen. 199 

und die Beziehungen, in welchen sie genannt werden, angegeben. Die 
ganze Schrift bildet ein bei der Leetüre des Caesar sehr brauchbares 
Hilfsmittel. # 

Leydener Dissertationen. 

Im Mai 1851 erschien die Inauguraldissertation Yon Gull. Bis- 
schop: spec. contincns annotatt. criticas ad Xenoph, jinabasin. Lugd. 
B., T. d. Hoek. lY und 106 S. 8. Der belesene und scharfsinnige 
Verf., in welchem man auch ohne seine Erwähnung einen Schüler Co- 
bets erkennt, gibt eine Reihe Ton Conjecturen zur Anabasis Tom An- 
fang bis zum Ende der Schrift, und zwar in solcher Fülle, dass kein 
Capitel leer ausgeht. Der grösste Theil der Kmendationen besteht im 
Streichen ganzer Satztheile oder einzelner Worte, Tiele andere sind 
grammatischer Natur und beziehn sich entweder auf die Formlehre 
(z. B. ZvQaxoüiog statt JSvffoniovaiogf Form desImperatiTs, des Partie. 
Perf. u. s. w.) oder auf die Syntax. So wird mehrmals in der oratio 
obliqua der OptatiT statt des IndicatiTs gesetzt , äv ans dem Text ge- 
worfen oder hinzugefügt, das Futur statt des Praesens angenommen 
u. s. w. Da wir hier auf das einzelne nicht näher eingehn können, 
so bemerken wir nur im allgemeinen , dass der Verf. mit grosser Kühn- 
heit zu Werke geht und sehr Tie|es Tertiigen will, was nicht allein 
sehr gut zu Tertheidigen ist, sondern sogar nicht wegfallen darf. Alles 
was ihm nicht durchaus unentbehrlich erscheint, lässt er Terschwin- 
den, ohne Xenophons IndiTidualität Rechnung zu tragen. Als Probe 
geben wir die Aenderungen zum 1. Capitel. §, 2 wird gestrichen nal 
axQOtrjyov d* avtov änidsi^s ndvxtov oaot tlg Kaatmlov mdCov dd'goi- 
iovTtti und das Wort dvißtj. Desgleichen wird getilgt $. 8 ßat^tlsC und 
$. 10 ovtat d* av vo iv GsTtuU^ iXäv&uvsv avzä xqBtpofiBvov OTgdtBVfitx. 
Endlich wird $• 9 'EllT^anovttmal Terwandelt in 'ElXriünovTuii, Ein 
grosser Uebelstand ist, dass die MotiTe der Correctureh gewohnlich 
nur kurz oder auch gar nicht angegeben werden. Angehängt sind 
p. 91—106 nicht weniger als 100 Theses mit Tielen.zum Theil beach- 
tenswerthen Conjecturen zu den Schriften des Xenophon, Plutarch, 
LiTius, Cicero, Martial u. a. 

Im April 1861 promoTierte A. F. Tan de Caar mit dem spec. 
eontinen» ohs». critieaa in Plutarchi viiam Dionia. Lugd. Bat., J. 
Hazenberg. 69 S. 8. Der junge Kritiker geht die ganze Lebensbe- 
schreibung durch und Terweilt bei allen «schweren, controTersen oder 
Terbesserungsbedürftigen Stellen ausführlich. Es ist nicht zu Terken- 
nen, dass mehrere Ton ihm Torgeschlagene Verbesserungen ganz ctI- 
dent genannt werden dürfen, aber im ganzen entwickelt der Verf. 
einen zu starken Skepticismus und Terdächtigt onehrere ganz unTer- 
dächtige Stellen, wobei es an gewaltsamen Elmendationen nicht fehlt. 
Historische Anmerkungen werden nicht Tiele gegeben, aber einige da- 
Ton sind nicht unbedeutend. Ben Beschluss machen 50 Theses mit 
einigen guten Conjecturen zu Xenophon, Cicero u. a. 

Eine ältere Leydener Dissertation ist Ton G. C. Backer: de ra- 
tionCf qua Romae illudy quod post legem Calpurniam dictum est re- 



200 Aussage «08 Zeitoehrifton. 

petundarum crimen ^ antiquitua fuit vindicatum. Amstel., Willems 
1845. 64 S. 8. Zaerst wird die Bestechlichkeit der Richter , welche 
schon in den Xn Tafeln verpdnt war, behandelt, p. 1—24. Das be- 
treffende Gesetz der XII Tafeln wird mit unnothiger Weitläuftigkeit er- 
klart und zuletzt die lex Sempronia als Ergänzung und Erneuerung 
der alten Strafbestimmungen erwähnt. Dann geht der Verf. zu der 
Bestechlichkeit der Magistrate und zu dem später Repetunden genann- 
ten Verbrechen der Magistrate über, thut aber nichts, als alle nach 
Rom gelangten Klagen der Bundesgenossen oder Unterthanen ausfuhr* 
lieh zu erzählen, z. B. die Beschwerden über Marcellus, Pleminius 
u. s. w. Aus diesen speciellen Fällen hätte das allgemeine theils ge- 
meinsame, theils verschiedene herausgezogen werden sollen, um eine 
Totalanschauung des damaligen Verfahrens zu gewinnen. Statt des- 
sen werden wir durch umständliche Erzählungen ermüdet und erfah- 
ren aus yielen Seiten nicht einmal so viel, als in Reins rom. Crimi- 
nalrecht auf wenigen Blättern zusammengefasst ist. 

— n. 



Auszüge aus Zeitschriften. 



Zeitachrift für daa Oymnaaialwesen ^ herausgegeben von W, J. 
C. Mutzeil, V. Jahrg. Januarheft. S. 1—13: der Geist der Schule. 
Aus einer am 15. Oct. 1851 gehaltenen Schulrede Ton Dr. Campe, 
fuhrt in eindringlich überzeugender Weise den Satz aus, dass die 
Schule der in unserer Zeit immer mehr zur Greltung gekommenen Sub- 
jectiyität gegenüber den Geist des Glaubens, des Gehorsams und der 
Wissenschaft zu erzeugen, zu nähren und zu erhalten habe. S. 13 — 
21: wie ist der griechische Elementarunterricht zu betreiben? Von 
P fitzner (Inhalt eines in der Versammlung des norddeutschen Schul- 
männenrereins zu Hamburg gehaltenen Vortrags) , stellt die Forderung 
auf, dass der genannte Unterricht, wenn das Griechische nach dem 
Lateinischen gelehrt werde , mit der Formenlehre beginnen müsse, dass 
der Lehrer den Schülern die Grammatik vertrete, wenn schon eine 
solche, aber am liebsten in tabellarischer Form, in den Händen der 
Schüler zur Repetition wünschenswerth , dass das Bedürfnis für die 
Wahl des Stoffes und des Ganges maassgebend sei, daher sofort nach 
dem Lesen mit den Declinationen zu beginnen und das nothige über 
Accent und Buchstabenveränderung durch den ganzen Unterricht lau- 
fend einzuschalten sei, mit einem verhuvi purum müsse die Conjuga- 
gation beginnen [dies hat bereits auch Kühner gethan], dass schrift- 
liche Uebungen nothwendig seien, für den Anfang aber nur in der 



Aussage aas Zeitschriften. SOI 

Classe anzuwenden nnd die Methode sofortigen Revidierens zn empfehlen, 
dass Gehranch eines Lexikon erst, wenn das Uehersetzen und die Anfer> 
tignng der Exercitien beginne, eintreten dürfe, anf Answendiglemen der 
Vocaheln aber streng gehalten werden müsse. Daran schliesst sich 
anter Rückblicken auf Theo bald: über Einrichtang nnd Methode 
des griech. Elementarnnterrichts (Cassel 1836) eine lobende Beorthei- 
lang der griechischen Grammatik ohne Worte. I.Etymologie. 
Jena (nicht im Buchhandel), als deren Verf. Prof. Dr. Stoy genannt 
wird, getadelt wird nur die Unterscheidung einer starken und Schwa- 
chen Declination als weder dem Wesen der griech. Declination ent^ 
sprechend, noch zar Erleichterung des Lernens förderlich. S. 21 — 32: 
Lübker: Gedanken eines Schulmanns beim Rückblick auf die jongste 
Vergangenheit. Treffliche Winke. Die alles bestehende umzustürzen 
drohende Vergangenheit fordert auf zur Prüfung der Aufgabe und der 
Art , wie wir dieselbe zu erreichen streben. Herrorgehoben wird 
1) der Mangel an erziehender Kraft des Unterrichts, an personlicher 
Einwirkung, an einem Mittelpunkte. Durch das Christenthum wird 
ein solcher sowohl für das Wissen (die Lehre) wie für die Erziehung 
gewonnen. 2) der ^Mangel an lebendiger Anschaulichkeit der Auffas- 
sung nnd Förderung der Selbstthatigkeit des Schülers. Der Abstrao- 
tion muss entgegengearbeitet werden besonders bei der Wahl der 
Themata zu deutschen Aufsätzen und des Lehrstoffes. Das poetische 
Verdient auf allen Stufen yiei mehr Berücksichtigung als es meisten- 
theils findet. Der Abstraction fuhrt der falsch behandelte Greschichts- 
Unterricht ebenso zu, wie der rechte davon ab (die ganze Leetüre 
muss dazu benutzt, der Stoff beschrankt, aber um so mehr die klei- 
neren Partien innerlich erfüllt und sicher aufgefasst werden), desglei- 
chen die Gramjnatik (die Anwendung der wissenschaftlich hochzu- 
schätzenden Beckerschen Methode wird wie für die deutsche, so auch 
für die alten Sprachen getadelt). Zur Belebung der SelbstthStigheit ist 
empfehlenswerth, dass man gewisse Stellen gar nicht übersetzt, son- 
dern dieselben nur bespricht, die Entwicklung gewisser Lehren an 
Leetüre anschliesst (Rhetorik an Cic. de orat. Von Trendelenburgs 
vnoxvnmCBig Xoyiwd wird die Nachahmung für andere Fächer, Ethik, 
Mythologie, gewünscht) und dass man nicht immer selbst interpretiert, 
sondern den Schüler (mit Vorsicht) zuweilen interpretieren lasst. 
S. 33— 45: Gymnasialprogramme der Provinz Sachsen Ostern 1851, 
von Jordan (ausführlicher besprochen, lobend das von Schmal feld, 
8. diesen Band dieser Jahrb. S. 82 f., beistimmend das von Michaelis 
vom Paedagoginm zu Magdeburg, scharfer tadelnd das von Schulze 
(s. diesen Bd. S. 91 ff.), mit grosser Anericennnng das von Kallenbach, 
8. a. a. O. S. 69 ff.). S. 45 — 61: Programme, angezeigt von Planer 
(Cassel 1851, Celle 1849, Clausthal 1849, Emden 1848, Erlangen: BS- 
derleins interpreU Thyonichi Theocriteiy Giessen: Ottos grumm. 
ine. de generibu9 nomin. cet. und Rumpfs Beitrage zur Homerischen 
WorterUarung und Kritik, Gotha 1851, Gottingen, Gymnasium 1849, 
Halle, Hanau 1851, Osnabrück 1849, Plauen 1851, Rndolstadt des«jU^ 
li. JaM. f. PMi, u. Patd. Bd LXV, Hft.a. V^ 



SQ3 Aaszdge aos Zeitschriften. 

Schweinfurt, Sondersliausen 1851, Verden 1851, Zerbst 1851 nebst Ta-' 
belle über die Frequenz dieser Gymnasien). Anzeigen über A. Witts 
Lehrbuch der Geographie. 2e Abth. (lobend) und Hartmanns Leit- 
fiiden. 2e Aufl. (mit einigen Berichtigungen) ron Foss S. 62 — 64. 
Spiess Uebungsbuch zum Uebersetzen aus dem Griechischen ins Deut- 
sche und aus dem Deutschen ins Griechische, von l (S. 64 — 65, als ganz 
unbrauchbar bezeichnet). Ciceros Reden gegen Catilina und für Sulla 
von C. Halm, von Jordan (S. 66—73, die Ausgabe ist für die Kri- 
tik epocheaiachend, aber die Kritik für eine Schulausgabe viel zu sehr 
berücksichtigt, die Einleitungen zu deü Reden sind vortrefflich, die 
Anmerkungen enthalten zu viel, was nicht für die Schule gehört. Ein- 
zelne Bemerkungen). Cornelius Nepos von Siebeiis, von Täuber 
(S. 74 — 78 genau und sorgfaltig eingehend und bei manchen Ausstel« 
lungen doch sehr lobend). Schütz engb Chneetomathie. Ir Bd.. vo» 
Bohnstedt (S. 79—80). Miscellen besond. paedagogischen Inhalts. 
Ezercitium oder Studium? von Kapp (S. 81 — 86, s. diesen Bd. der 
Jahrb. S. 78). Ueber Schulgebetbücher von Funkhänel S. 86—90. 
Es ist zweckmässig bei den Schulandachten das Gesangbuch der Kir- 
chengemeinde zu brauchen , unzweckmässig vierstimmigen Choralgesang 
dabei zu erstreben. In den untern Classen soll der Lehrer in 
der Regel das Gebet selbst lesen, Schüler nur nach vorheriger 
Durchlesung [dies fordern wir auch in .den obern]. Die Schul- 
gebetbücher müssen dem Standpunkte der Schule angepasst, die für 
ganze Coetus bestimmten in einfach natürlicher, aber warmer Sprache 
abgefasst, die Beziehung auf die besondern Lebensverhältnisse darf 
nicht ausgeschlossen sein, die auf die kirchlichen Feste und auf die 
Confession ist wünschenswerth, so wie Anknüpfung an die BibeU Be- 
urtbeilende Besprechung der Gebetbücher von Prolss, Fritsche, 
üLästner und Küchler, Daniel, Krehl [Hr. F. erklärt die Auf- 
fassung des christlichen nicht nach den Vorurtheilen und vermeint- 
lichen Principien einer rationalistischen oder irrationalen Schule für 
die seinige und findet die Ausdrucksweise nicht natürlich, dass ein 
Jüngling sagen soll, er wolle die Sünde und Eitelkeit dieser Welt 
verachten und fliehn und die weltlichen Lüste verleugnen], der Schulge- 
sänge und Gebete für das Gymnasium zu Corbach). — Zu Demosthe- 
fies. Von demselben (S. 91. Demosth. Phil. H §. 13 Rechtfertigung der 
Schäferschen Erklärung von den Worten tas ndvta %am sidtug gegen 
die von Doberenz und Westermann gegebene). Vermischte Nachrich- 
ten. Das evangelische Gymnasium zu Gütersloh von Rumpel (S. 
92 — 98: Geschichte der Entstehung und Vertheidigung gegen erhobne 
Anklagen, nebst der auf dem Elberfelder Kirchentag 15. Sept. 1851 
gehaltenen Rede, s. diesen Bd. der Jahrb. S. 73). »- Lehrerversamm- 
lung zu Oschersleben , von Jordan (S. 98 — 108. Gegenstand war 
der deutsche Unterricht und zwar 1) Leetüre in Verbindung mit Lit- 
teraturgeschichte, Beschränkung derselben auf Nibelungen und Gudrun 
in der mittelalterlichen Litteratur, Herabgehn nur bis Goethe und 
Schiller; entschiedene Verwerf ung der aesthetisch-kritischen Erklärung. 



Auszüge aus Zeitschriften. 20d 

2) die schriftlichen Uebungen : Empfehlung der Dispohierubungen, Wohl 
der Themata nicht nach subjectirem Ermessen, sondern nach dem 
Bedürfnisse der Schule; die freie Wahl der Themata durch die Schü- 
ler KU beschranken 9 die Correctur durch dieselben de^gh 3) Sprech^ 
Übungen: man muss auf den freien Gebrauch der Rede von früh an 
hinwirken, aber zu besonderen freien Vortragen nicht zu früh schrei- 
ten und erst nach Lesung und Niederschreibung ; Declamationsübungen 
etwa bis Tertia fortzuführen). — Die Verordnung über die Pensionie- 
rung der Lehrer vom 28. Mai 1846 (Mittheilung der Bemerkungen tou 
den Lehrercoliegien zu Duisburg, Essen und Wesel S. 108 — 110). — 

Personalnotizen. — Februar März Jprilheft. Abhandlungen: 

über historische Bildung und historisches Wissen. Fortsetzung. Das 
Factum und die Sage. Von Dr. Campe (S. 112—146. Der Hr. Verf. 
beginnt hier den Weg zu zeigen, wie die Resultate seiner frühem 
Abhandlung : dass geschichtliche Bildung das Ziel des historischen Un- ' 
terrichts sei und demnach dem Schüler praktisch und theoretisch ein Be- 
wusstsein gegeben werden müsse über die Art und Weise, wie die in der 
Geschichte wirkenden Kräfte gefunden werden, ins Leben zu setzen 
seien. Während er die historische Hermeneutik und Kritik in ihrer 
Unzertrennlichkeit darstellt, dringt er beiläufig darauf, dass die letz- 
tere auch im philologischen Unterrichte nicht von der Schule fem ge- 
halten werden dürfe, wie man jetzt fast allgemein gefordert. Um in 
beide eingeführt zu werden, soll der Schüler unterscheiden die ge- 
schichtliche Sage, die objective und die subjectiye Geschichtschrei- 
bung. Von der Sage muss dem Schüler zum Bewusstsein gebracht 
werden, dass sie das Bild sei, in welchem sich ein Factum in der 
Vorstellung des Volkes bilde und welche Zeit sie zu erzeugen fähig 
sei, dass zu ihrem Entstehen Gedächtnis, Glaube und Phantasie wirk- 
sam, dass für die Sage der causale Zusammenhang in den Ereignissen 
nicht vorhanden, dass sie stets als Einzelsage (an einem bestimmten 
Volke und an einzelnen Localitäten haftend) aufzufassen sei und sich nicht 
durch sich selbst zu einem Sagenganzen ausbilde, dass die naturlichen 
Mächte in sittliche umgebildet, dass und wie das mythische zum he- 
roischen gestaltet werde. Daran, schliesst sich eine Erleuterung, wie 
die Sage sich an geschichtlich vollkommen bekannte und gewisse Facta 
anschliesse und bilde. Die Abhandlung gibt natürlich über das Wesen 
der Sage selbst ausführliche Untersuchungen). — Ueber die Begriffe 
6ti<6w(iOV und nBvavpoqa. Von Schmidt in Stettin (S. 146 — 154. Der 
Satz in einem Programm: Won wirklicher Verschiedenheit der Bedeu- 
tung bei gleicher Form kann doch nur bei Homonymen die Rede sein* 
gibt dem Verf. Veranlassung, die Bedeutung von Oficivvfiop zu erör- 
tern, das zuerst Aristoteles Categ. init. als technischen Ausdruck ge- 
braucht und definiert hat. Ausser vielen andem Stellen ist Top. J^ 
15 in derselben Weise zu fassen, dagegen zeigen die Stellen Met. r,3 
Anfang, Kf 3 Anf. und Z, 4 p. 1030*, dass er es auch nicht allein von 
den in. demselben Namen bezeichneten Dingen, sondern auch von dem 
Namen selbst gebraucht, noch erweitert Etb. Nic.E, 2 Auf., ja- fo 



804 Anstflge ans Zeitoohriften. 

gar mit Hintaiutellang des notvov Anal. post. B^ 13 a« E. Die Gram- 
matiker gebrauchen das Wort in der Bedeutung ron aequivoeum ae- 
quiveeanM (Dionys. Thr. B. A. 636| 26) , die späteren (Bachm. Anecd. 
im p. 426, 24) aber wieder in ursprünglich freiem Gebrauch , woTon 
•chon in Aristot. Met« B^ 1 eine Spur ist« Durch die Yergleichung 
der Stellen über jusra^o^« (Met. d^ 12 gegen Ende. Eth. Nie. T, 9 
p. 1115, 15. 19. Poet. 21 p. 1457 , 7. Die Worte des Philopon. zu 
Anal. post. B, 13 p. 248**, 17 der Berliner Ausgabe werden emendiert) 
wird das Resultat gewonnen, dass beide Worte gleich sehr Worte 
oder Ausdrücke bezeichnen , die rerschiedene Dinge bedeuten, nur mit 
dem Unterschiede, dass die Metapher nur Ton diesem oder an diesem 
Orte oder zu diesem Zwecke gebraucht wird, während das Homonym 
(^aequtpoean» aequivoeatum) in alier Munde ist. Schliesslich wird der 
gewöhnlichen materialistischen Auffassung die richtige, wonach ein 
bestimmt erscheinendes in so weit in einem bestimmten Wort Torge- 
stellt und damit benannt wird, als es dem Torstellenden und benen- 
nenden an der in jenem Begriffe gedachten Eigenthümlichkeit Theil 
hat, entgegengestellt. — Litterarische Berichte. Programme in der 
Provinz Pommern 1850, Ton Y arges (S. 154 — 163. Stralsund: 
Nizze: Rede am Geburtsfeste des Königs 1849; Putbus, t. Rechen- 
berg: die Wiedergeburt des Volkes in Staat und Kirche, eine Wie- 
dergeburt aus dem Glauben; Anklam, Schade: Ton den Öffentlichen 
Gerichten der Römer; Stettin, Rassow: über die Benrtheilung des 
Homerischen Epos bei Plato und Aristoteles; Stargard, Freese: Le- 
ben und Nachlass G. S. Falbes; Cöslin, Hnser: die Zeit und das 
griechische Zeitwort; Neustettin, Heidtmann: Garcia de Loaysa, 
Cardinal und Bischof von Osma als Beichtrater und Rathgeber Kai- 
ser Karls Y im Jahre 1530. Der Inhalt wird referiert). — Bericht 
über das Programm der (danisierten) Gelehrtenschule zu Hadersleben 
Ton C. B. Thrige, ▼. E. E. Hudemann (S. 164—165). — Pro- 
gramme aus dem Herzogthnm Sachsen-Coburg-Gotha Tom Jahre 1851, 
Ton Hartmann (S. 165—170: Schneiders Prolegomena in Caüimaehi 
Altüüv fragmentOj zwar ausführlich, aber mit weniger genügender 
Berücksichtigung eines Hauptpunktes besprochen, wie in demselben 
Jahrg. der Zeitschr. f. das Gymnasialwesen S. 51 u. 52 geschehen; 
SieTers: über die Grundidee des Shakespeareschen Dramas Othello; 
Ahrenss Probe einer neuen Uebersetzung des Sophokles [Antig. l^i 
d31];.Trompheller: Betrachtungen über die sechs ersten Lieder im 
dritten Buche der Horazischen Oden). — Programme des Fürstenth. 

Schwarzburg-Sondershausen 1851. Yen demselben (S. 171 — 172). 

Meyer: Goethe über Art und Unart, Freud und Leid der Jugend und 
ihrer Erzieher. Yen Hudemann (S. 171—175: Inhaltsangabe und 
ausführlicher Nekrolog F. E.Meyers, Rectors zu Eutin). — Schmidt 
und Wensch El^nentarbuch dergriech. Sprache. 3e Aufl. Yon Gott- 
schick (S. 176—180. Unter Anerkennung mancher Yorzüge wird die 
Aufnahme Ton solchen Sätzen gerügt, in denen nicht bekannte Wortformen 
vorkommen, zumal wenn diese gar nicht oder nicht richtig erleutert 



kuBZüge aas Zeitoehriflen; SOS 

sindy oder so, dass n.cht Einaicht in den Satzbav nnd die gramma* 
tische Fngnng eneugt wird, femer die Aufnahme Ton längeren Stucken 
aus Xenophona Anabasia als der spatem Lectfire dieses Baches nach- 
theilig, nnd der geographischen Abschnitte, weil ans ihnen trotz lang- 
samen Fortschreitens doch keine klare Anschannng gewonnen werden 
könne« Viele berichtigende Bemerkungen zu einzelnen Stellen). — 
Sophokles Aias nnd Philoktet. Erklärt Ton Schneidewin. Von 
Wolf f (S. 180—187, sehr lobend. Bei der Angabe der Gmndidee des 
Aias wird darauf aufmerksam gemacht, dass in den griech. Tragoedien 
den Kern gleichsam concentrische Kreise umschliessen ; so hier zo- 
nächst Aias Heroenthum, dann das Auflehnen des Einzelwillens gegen 
Rechtsspruch und Ordnung, Ueberhebung der Einzelkraft gegen die 
göttliche, Sieg der Idee des Rechts und der Frömmigkeit, endlich als 
dritter äusserster Kreis, wie überall, die Idee der Sophrosyne, des 
sittlichen Masses. Ys. 21 wird &a%o%ov erklärt: dunkle Thai, eoe- 
€umfatinu9y Aesch. Choeph. 803. Vs. 44 sollte es eigentlich «al yaQ 
heissen, aber wegen der Frage trete für yuQ i} ttn. Ys. 72 nach 
Thiersch im Münchner gel. Anz. Bd. 32. S. 429. Ys. 81 ff. : vv9 ist 
Jetzt, wo er wahnsinnig ist. Gegensatz gegen fpifovovvxa. Ys. 134 
Thierschs (S. 431) dni»l99 gebilligt. Ys. 204 ti^Io'^sv wird nach 
Krugers Gramm. $. 50, 8 Anm. 17 erklärt. Ys. 334 zu iiÄXlov wird 
dnvä dnovösa^s ergänzt. Ys. 822 Thierschs (a. a. O.) Abweisung des 
Humors wird gebilligt. Ys. 854 die Annahme der Ironie zurückgewie- 
sen. Im Philoktet wird auf den Conflict aufmerksam gemacht: das 
Ankämpfen des Eigenwillens aus freilich motiviertem Rachegefuhl ge- 
gen den erklärten Götterwillen , der Sieg dieser hohem Bestimmung 
und der Sorge für das Gemeinwohl über die Sorge des einzelnen für 
sein personliches Interesse. Ys. 128 xqinoiQ als dat. instr. gefasst. 
Ys. 758 und 800 der erzwungene Humor abgewiesen. Ys. 908 sei der 
Sinn: ich habe dem Philoktet unsere Absicht betrügerisch Terbor- 
gen, darin habe ich mich einmal schlecht gezeigt. Wenn ich nun 
tage, wozu mich O. beredet, so zeige ich mich zum zweiten Male 
schlecht, nemlich untreu gegen die Griechen. Die Conjectnren in bei- 
den Stücken werden angeführt, zum Theil gebilligt, zum Theil abge- 
wiesen, doch ohne Begründung der Ansicht). — Eyths Uebersetznn- 
gen Ton Homers Hias und Sophokles König Oedipns. Yen Enger 
(S. 187^198: eingehende, aber Terwerfende Recension. Der Grand 
des Tadels wird nicht auf Rechnung der Unfähigkeit oder Ungeschick- 
lichkeit, sondern auf die Falschheit der angenommenen prosodischen 
Grundsätze gesetzt. Die Uebersetzung des Sophokleischen Stfiokei 
wird metrisch besser gefunden, aber der Mangel genügender Yorstn- 
dien gerügt). — Quintilians 10. B. erklärt Ton B o nnel 1. Yen Schatz 
(S. 198 — ^205. Nach des Rec. Ansicht kann Qnintilian wegen nothwen- 
digerer Leetüre nicht stehende in Prima sein, sondern muss demPriTatstn- 
dium überlassen werden. Die Ausgabe wird gebührend belobt. 1, 8 
schlägt Rec vor quod euique loco^ 1, 13 wird lieei vorgezogen, 
1,26 modleste, 1,62 Sf eticAoricM, 1,% derSpaldingsohenEmend. 



206 AttBxag'6 aas Zeitochriflen* 

f)ariu$ f&r varii» figuris beigetreten; 1, 100 emendiert quam 
für quando oder cum; 1, 102 elaü vir inffenii Torgezogen; 1^ 104 
emendiert: nee immerito: perlueet libertas [remutit l, ans der 
Lesart des cod. Bamb. zu machen , wagt Rec. nicht], quamquam 
tireumcisisj quae dixisae et noeuerii» Dass der grosse un- 
genannte Tacitns sein könne, wird wegen der Zeit, wo dieser als 
Schriftsteller anftrat, und wegen der Unvereinbarkeit der Aenssernng 
über ihn mit dem, was er Ann. I, 1 und Hist. I, 1 sagt, bestritten. 
1, 127 auf sattem vorgezogen; 8, 20 die aufgenommene Lesart gebil- 
ligt, aher fuerit beibehalten. Nicht gebilligt werden die aufgenom- 
menen Lesarten 3, 32; 5, 1; 5, 14; 5, 22; gebilligt 7, 3, aber für 
oratio vorgeschlagen actio; vorgeschlagen femer 7, 5 sciemua ; 7, II 
quo iubentur; 7, 32 de his ; 1, 16 wird ambitus durch 'Skizze' zu 
übersetzen gerathen, ], 32 lactea ubertas als leichtere einfache Kost 
der schwereren, derberen wie sie Salust beut, gegenüber erklärt. 
1, 86 wird ut Uli natura caelesti gewünscht; 3, 26 cum mit dem Ind. 
'wenn einmal' = 'da einmal' erklart; 6, 6 nnr das Subject des vor- 
hergehenden Satzes ergänzt: 'das aber wird geschehn, dass das, was 
wir im Geiste umfasst haben, ruhig dahinfliesst, nicht aber zulässt 
(also verhindert), dass man besorgt und zurückblickend und allein 
von dem Verlass auf das Gedächtnis getragen nicht vorwärts blickt ')• 
' — Böhmes latein. Chrestomathie. 3e Aufl. von Mühlmann. Von 
demselben (S. 205 — 210. Die SoVge des neuen > Herausgebers für die 
Anmerkungen wird gelobt, aber das Buch sowohl in sprachlicher — 
wegen der Zusammenwürfeln ng ans den in Zeit, Charakter und Stil 
verschiedenartigsten Schriftstellern — als in sachlicher Hinsicht — 
keine dem historischen Unterrichte entsprechende Ordnung , keine Re- 
sultate neuerer Forschung, ja sogar Unrichtigkeiten — unbrauchbar 
und gewis nicht an Nepos und Caesars Stelle zu setzen befunden). — 
Loschke vom rechten Gebranch der Conjunctionen quod, ut, ne, 
quo, quominus, quin etc., so wie des Acc. c. Inün. Von Am eis (S. 
210 — 216. Relation um das Buch der Beachtung zu empfehlen; doch 
werden die häufigen Annahmen von Ellipsen getadelt). — Lateini- 
sche Lesebücher. Von Lehmann (S. 217 — 228. Nach einigen 
Bemerkungen über die Methode, bei der auf die Handhabung durch den 
Lehrer das Hauptgewicht gelegt wird, wird an dem S p i e s s sehen Ue- 
bungsbuch (4e Aufl.) der Mangel eines alphabetischen Wörterverzeich- 
nisses gerügt und die Voranstellung der Vocabeln als nicht unbe- 
dingt dem Memorieren forderlich bezeichnet, das ganze trotz mancher 
Ansstellungen als den Beifall des paedagogischen Pnblicums verdie- 
nend, weil der Standpunkt des lernenden überall seine Berücksichti- 
gung finde. An der latein. Grammatik von Richard (2e Aufl.) ver- 
misst zwar der Rec. die strenge Festhaltung des Bedürfnisses, welches 
der lernende habe, erkennt aber die Branchbarkelt an. Bas latein. 
Klementar- und Lehrbuch von Schonborn, der in der 2ten Aufl. den 
engen Anschluss an die Muttersprache gesucht, werden als dnrch 
ffignen Gebrauch erprobt empfohlen; an der Elementargrammatik von 



Auszüge aus Zeitschriften. 207 

Herrmann aber (2e Aufl.) eine kürzere und praecisere Umarbeitung 
als wunschens^erih bezeichnet). — • Noels prakt. franz. Grammatik^ 
Ton Schade (S. 228—2^. Ungeachtet mancherlei Ausstellungen als 
nützlich erkannt). — Mittelhochdentsches Lesebuch von Weinhold, 
von Holscher (S. 233 f. Gelobt. Statt des Iwein, der am besten 
der Privatlecture zu überlassen, wird der arme Heinrich gewünscht; 
eben so die Weglassung der mittelhochdeutschen Prosastncke, in der 
angehängten Grammatik das Zurückgehen auf das Gothische nicht 
zweckmässig gefunden). — Kehreins Proben der deutschen Poesie 
und Prosa, f. 2e Aufl., von dems. (S. 235 f. Gelobt, aber zu grosse 
Fülle der Proben und der Mangel eines Wörterbuchs für den Ge- 
branch in der Schule hervorgehoben). — Stacke Erzählungen aus d. 
griech. Geschichte, Ton dems. (S. 236" f. Empfohlen). — Gallen- 
kamps Elemente der Mathematik und das Programm de eonnais" 
sanee» exig^ea pour Vadmission ä Väcole polytecknique, Paris Ha- 
chette, die Redaction besorgt Ton Le Verrier, empfohlen von Joa- 
chimsthal (S. 237—38). — Zweiter Thell der Schulnaturgeschichte 
Ton Lennis. 2e Aufl. und Körbe rs Grnndziige einer allgemeinen 
Naturgeschichte, letzteres Buch fiir Schüler oberer Gymnasialclassen 
und angehende Studierende, empfehlend beurtheilt von Wunsch- 
mann (S. 239 — 42). — Verordnungen: Circnlar des Provincial-Schul- 
Colleginms zu Breslau vom 12. Oct. 1851 (S. 243 f. Die lateinische 
Interpretation der Schriftsteller wird als nicht im Sinn^ des $. 23* 
des Abiturienten-Prufungs-Reglement liegend und dem Verständnis we- 
niger förderlich gemisbilligt, zu der wiinschenswerthen Festigkeit Im 
mündlichen Gebrauche der latein. Sprache freie Vorträge, Disputa» 
tionen, Memorieren der sogenannten lumina orationis empfohlen). — 
Ministerialinstruction, die Einrichtung der Maturitätsprüfungen der 
herzogl. nassauischen Gymnasien betreffend vom 16. Januar 1852 S. 
244 — 54 [wird von uns im Archiv vollständig mitgethellt werden]. — ^ 
Miscellen. Zu Vergil. Von Haeckermann (S. 255 — 267. Aen, IT, 
74, 75 wird die Erklärung der Worte: quae ait fiducia capti: 'wel- 
ches Vertrauen man dem Gefangenen schenken könne* als sowohl von 
den Gesetzen der Sprache, wie von dem Znsammenhange gefördert 
dargestellt. In demselben Buch 431—34 wird die Interpunction vi- 
ees Danaum gegen Ladewig und Peerlkamp, so wie die Verbin-» 
düng von ut caderem mit st fata fuisaent, wofür indes iulis" 
»ent als gefälliger bezeichnet wird, und von manu mit meruisHe 
vertheidigt. Vs. 3 — 8 wird interpungiert : Infandum, regina, tu* 
he8 renovare dolorem, Troianas ut opea — fui — quis talia fando 
— Temperet a lacrlmh?) — Vermischte Nachrichten. Ansfnhrlich« 
Beschreibung des vom Director F. A. Gotthold am Fried richscollc- 
gium zu Königsberg in Preussen am 12. Octob. 1851 gefeierten 50Jäh- 
rigen Amtsjubiläums (S. 268—292. Als dazn verfasste Schriften wer- 
den, aber ohne alle weitere Angabe, erwähnt: E. Hagen: ad F. >/. 
Gottholdium de Ciceronh Catillnarih, Königsberg, Friedrichscoll. 
Kock: über den Aristotelischen Begriff der Katharsis in der Tragoe» 



208 Ausz&ge aus Zeitochriften. 

die. Elbingen. Jansen: de Chraeei sermonis nominihus in ig demi-^ 
nutivi». Thom). — Zur Kenntnis des Erziehongs- und Unterrichts-^ 
Wesens auf den pommerschen Gymnasien. Von Lehmann (S. 282 — 
305« Eingehende, den Yolkscharakter und die daraus für Erziehung 
und Unterricht hervorgehenden Bedingungen berücksichtigende, die all« 
gemeinen uitd besonderen Verhältnisse aus den Programmen rieler 
Jahre darlegende Darstellung. Eingewebt sind Bemerkungen über 
allgemein wichtige oder herschende paedagogische Fragen). — Der 
Eiberfelder Kirchentag und die Gymnasien. Von Schmitz (S. 306— 
316. Da wir in unsern Blättern über den Kirchentag noch nicht be- 
richtet haben, so thun wir dies hier. Für 4ie Frage über christliche 
Gymnasialbildung waren der Reg.-Rath Dr. Landfermana zum Re- 
ferenten und der Director des Gymnasiums zu Gütersloh Dr. Rum- 
pel zum Correferenten gewählt. Des letztern Rede ist in der pae- 
dagogischen Reyue und in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen 
1852 S. 316—327 mitgetheilt. Ihr Inhalt ergibt sich aus den zur 
Besprechung gestellten Sätzen: 1) Unsere Gymnasien, wie die Schu- 
len überhaupt sind nur ^in Factor der Jugendbildung neben Tielen 
andern nicht minder einflussreichen. Ihnen dürfen weder die erfreu- 
lichen Erscheinungen in der allgemeinen geistigen Entwicklung und 
Richtung ihrer Zöglinge als Verdienst, noch die unerfreulichen als 
Schuld ausschliesslich beigemessen werden. 2) Unsere Gymna^ 
sien als Anstalten für allgemeine, den ganzen Menschen erfassende, 
grundlegende Bildung künftiger Leiter und Träger unsers Volkslebens 
haben die Aufgabe, mit dafür zu wirken, dass ihre Zöglinge grund- 
legende Erkenntnis sich erarbeiten und in dieser Arbeit ihr Erkennt- 
nisYermogen entwickeln und kräftigen, sodann, dass deren Wille ger 
reinigt und geheiligt werde. In christlicher Bildung, d. h. in der 
Einhdt christlicher Erkenntnis und christlicher Heiligung, findet die 
Arbeit der Gymnasien, wie der Schule überhaupt, erst ihren wahr- 
haften Abschluss (die Aufgabe des Gymnasiums , die sich in den Wor- 
ten zusammenfassen lässt: »apere et fari^ muss znrtaptens et eloquen» 
pietas verklärt werden). 3) Wie ein christliches Volk solche christ- 
liche Bildung für seinen künftigen Leiter fordern muss, so sind auch 
unsere Gymnasien nach Stiftung, Herkummen, ausdrücklichen gesetz- 
lichen Bestimmungen (in der Rede wird auf das Generallandesschul- 
reglement Friedrichs des Grossen und das preussische Circularrescript 
vom 28. Juni 1826 hingewiesen) und einer ununterbrochenen Reibe ad- 
ministrativer Anordnungen berufen und verpflichtet, christliche Bil- 
dung zu erstreben. 3) Dem entsprechend ist auch die factische Lehr- 
verfassung unserer Gymnasien mit der Aufgabe , christliche Erkenntnis 
in dem Masse, wie sie dem künftigen Beruf ihrer Zöglinge entspricht, 
zu fördern, nirgends in principiellem Widerspruch, vielmehr, wenn 
auch mit Mängeln behaftet (diese sind aus 5) zu erkennen), doch an 
sich wohl geeignet diesem Zwecke zu dienen und jeder Verbesse- 
rung in dieser Richtung fähig. Insonderheit gilt dieses von den Un- 
terrichtsgegenständen der Gymnasien, namentlich den umfassendsten 



Auszüge aus Zeitschriften. 209 

derselben» der Mathematik , der Geschichte und Torzugiich den Clas-^ 
(sikern (in der Rede werden der Hass und die Furcht vor den alten 
Classikern als unprotestantisch und unchristlich bezeichnet , die Be- 
schäftigung mit ihnen aber als der ausschliesslichen Richtung der Gei- 
ster auf das handgreifliche , auf den Bedarf des sinnlichen Lebens» 
demUtilitarismusy der Tom Materialismus ausgeht und im Materialismus 
endet» entgegenarbeitend» das Bewusstsein von der Einheit» der Zu- 
sammengehörigkeit der ganzen Menschheit erweckend und dadurch den 
Weg zur Erkenntnis Ton der gemeinsamen Schuld und dem gemein- 
samen Heil bahnend» endlich durch ihren ethischen Gehalt die Kennt- 
nis des Gesetzes fördernd und dadurch zu Christo hinführend» der 
christlichen Propaedeutik dienend dargestellt). Ein gleiches ist Ton 
den Grundsätzen und Normen zu behaupten» welche für die Zucht 
unserer Gymnasien, für deren Arbeit an der Willensrichtung ihrer 
Zöglinge gelten. 5) Die Mängel und Schäden unserer Gymnasien, so- 
wohl die an ihrer Verfassung allgemein bemerklichen, als die an ein- 
zelnen Anstalten und deren Mitarbeitern hervortretenden, namentlich 
Mangel an einem Zucht und Unterricht durchdringenden christlichen 
Geist sind nicht den Gymnasien eigenthümlich» werden nicht von die- 
sen selbständig erzeugt» sondern sie wurzeln in den Mängeln und 
Schäden des gesamten Volkslebens und haben wesentlich aus diesem 
und mit diesem ihre Heilung zu finden« 6) Das christliche Volk hat 
weder Anlass noch ist es berechtigt die Gymnasien aufzugeben» dar- 
auf zu verzichten, dass sie der Pflicht an christlicher Jugendbildnng 
zu. arbeiten nachkommen. Vielmehr hat es» wo das Bewusstsein von 
dieser Pflicht der Schulen bei den Lehrern, den Aufsichtsbehörden 
und im Volke selbst verdunkelt ist» desto nachdrücklicher auf diesel- 
ben zu dringen; dafür zu sorgen» dass Individuen» welche der Auf- 
gabe an christlicher Jugendbildung mitzuarbeiten nicht gewa'^hsen 
sind, dem Lehrerstande fern gehalten» dagegen immer mehr vom le- 
bendigen Christenthum durchdrungene und in jeder Beziehung für ihre 
Aufgabe wohlbefähigte Individuen ihm zugeführt werden; es hat Män- 
nern, die in solchem Sinne an den Schulen arbeiten» Vertrauen und 
Anerkennung zuzuwenden; es hat daran zu arbeiten, dass ein Geist 
nicht der Oberflächlichkeit, der phantastischen Vielwisserei , des Ar- 
beitens für den Schein, des Utilitarismus , der lieblosen Zucht in rein 
äusserlicher Legalität oder der schlaffen und frivolen Zuchtlosigkeit 
aus den Familien und dem Volke einströme in die Gymnasien , in die- 
sen wuchere, und von ihnen aus zurückwirke auf das Volksleben, son- 
dern der diesem allem entgegengesetzte christliche Geist. Endlich 
hat das als Kirche organisierte christliche Volk Sorge zu tragen, dass 
die in einem wichtigen Dienst der Kirche stehenden Gymnasien und 
ihre Lehrer eine klare, bestimmte und richtige Stellung in der Kirche 
erlangen. Der Correferent Dr. Rumpel erklärte sich mit dem Ref. 
im allgemeinen einverstanden, aber die Gymnasien seien in der Regel 
nicht christliche Anstalten, sondern vom Glauben abgefallen, und die- 
ser Abfall nicht im offenen Auflehnen gegen da^ Christenthum, son- 



SlO Auszüge aus Zeitschriften. 

dem in humaner Weise wissenschaftlich gerechtfertigt erfolgt ; er ver- 
werfe die classischen Studien durchaus nicht, aber die unchristliche 
Behandlung derselben; der Ueberschätzung des Alterthums müsse ent- 
gegengearbeitet und diesem seine rechte Stellung zum Christenthum 
angewiesen werden; wohl sei in den preussischen Gymnasien yieles 
zur Verbesserung der Gymnasien in christlichem Sinne geschehn, der 
Religionsunterricht gut geordnet, auch in die Behandlung der Wissen- 
schaft christliches Licht hineingedrungen, aber es sei noch vieles zu 
thun, und dazu gehörten ebenso wissenschaftlich tüchtige wie christ> 
lieh gebildete Lehrer; die Mehrzahl der Lehrer sei dem Christenthum 
fremd und nicht einmal die Religionslehrer fiberall von echt christ- 
lichem Geiste beseelt ; weil der Staat nicht augenblicklich geben könne 
was noth sei, so seien christliche Privatgymnasien gefordert und er- 
richtet worden. Diese Beschuldigung fand Dir. Vomel aus Frank- 
furt a. M. zu hart und schlug für 'christliche* 'kirchliche Gymnasien* 
vor. Gegen die Gymnasien sprachen Pastor Feldner ans Elberfeld 
und Dr. Krummacher aus Berlin. Prof. Müller aus Halle und Dia- 
conus Kaiser aus Wurtemberg wünschten Theologen als Lehrer und 
die Herstellung der alten christlichen Ordnungen. Pfarrer Mann aus 
Baden empfahl die Leetüre der lateinischen und griechischen christ- 
lichen Schriftsteller vor den classischen. Der Beschluss der Versamm- 
lung lautete : ' unsere Staatsgymnasien sind ihrer Fundation und Ein- 
richtung nach christliche, d. h. zur Forderung christlicher Jugend- 
bildung bestimmte Anstalten und wenn sie in nnsem Tagen in dem- 
selben Masse dieser Bestimmung nicht entsprechen, als Sitte und 
Bewusstsein unseres Volkes überhaupt dem Christenthum entfremdet 
ist, so ist dies kein Grund sich von denselben zurnckzuziehn , sondern 
verpflichtet dies die evangelische Kirche und jeden evangelischen Chri- 
sten vor allem, dahin zu wirken, dass sie dieser ihrer Bestimmung 
vollständiger entsprechen. Privatgymnasien können bei den gegen- 
wärtigen Verhältnissen nützlich sein, insofern sie durch den christ- 
lichen Geist , der in ihnen herscht , eine heilsame Nacheiferung solcher 
Staatsgymnasien veranlassen können, da, wo dies weniger der Fall 
ist.' In dem oben erwähnten Aufsatze erklärt sich nun Hr. Schmitz 
über folgende Punkte : die Ueberschätzung des Alterthums sei nicht zu 
fürchten, weil es unmöglich sei die Wahrheit der Geschichte den Schü- 
lern zu verschweigen, da>s die Griechen und Römer da sein mussten, 
um dem Christenthnme Bahn zu brechen und dasselbe Wurzel fassen 
zu lassen, und dass sie zusammensanken und zusammenfielen vor der 
grössern Kraft und Macht des Christenthums. Wenn man unter 
christlicher Behandlung der alten Classiker eine solche verstehe, die 
es nicht unterlasse, die Verschiedenheit ,der Vorstellungen des Alter- 
terthums und des Christenthums hervorzuheben, so liege dies ausser 
dem Bereiche der Schule und werde das jugendliche Gemüth nur 
verwirren; die Schüler brächten ohnehin nur ein geringes Mass von 
Einsicht in das Leben des Alterthums davon. Dass der Religionsunter- 
richt untüchtigen Männern zugewiesen werde, müsse er aus seiner 



Auszüge aus Zeitschriften. 21t 

4 

Ki-fahrnng bestreiten, ebenso wie die Behauptung im Berliner kirch- 
lichen Anzeiger 1851, 37. S. 147, dass derselbe in den meisten An- 
stalten zwischen 4, 5, 6, ja bis 9 Lehrern yertheilt sei. [In demsel- 
ben Hefte der Gymnasialzeitung S. 346 — 349 hat Mütze 11 durch 
statistische Tabellen ans dem Jahre 1847 nachgewiesen, dass unter 
128 höheren Lehranstalten Preussens 41 je 1, 26 : 2, 26:3, 14:4, 
7:5, 6:6, 5:7, 2:8, 1:9 Religionslehrer hatten. Im folgenden 
Heft S. 428 — i31 rechtfertigt Director Poppe in Frankfurt a. O. den 
Umstand, dass an seinem Gymnasium 5 Lehrer den Religionsunter- 
richt haben als den Verfugungen der vorgesetzten Behörden entspre- 
chend, und deshalb, weil, wenn der Ordinarius die Zucht aufrecht 
erhalten und die Erziehung hauptsachlich leiten solle, die Ertheilung 
des Religionsunterrichts durch ihn wünsch enswerth sei]. Die Behaup- 
tung, die Mehrzahl der Gymnasiallehrer sei. dem Christenthume fremd, 
sei ungerecht und hart; wolle der Staat bei Anstellungen auf äussere 
Beweise davon sehn, so werde er Heuchler bilden und ein Unrecht 
begehn gegen manche, die in christlicher Bescheidenheit und Demuth 
sich ferft halten, oder gegen andere, die erst nach langen Prüfungen 
erkennen, dass Christum lieb haben besser ist denn alles wissen. Die 
alten christlichen Schriftsteller könnten nicht gelesen werden, solange 
sprachliche Bildung Zweck des Unterrichts sei; der Wiedereinführung 
der alten christlichen Ordnungen bedürfe es nicht, da sie an den 
meisten Gymnasien, wenigstens am Rhein noch bestehn [Lehmann in 
dem oben angeführten Aufsatze über Pommern sagt S. 293: 'zur He- 
bung der religiösen Einwirkung auf das Gemnth fehlt es leider mei- 
stens bei uns an den nöthigsten Institutionen, zu denen ich Kirchen- 
besuch iii Gemeinschaft mit den Lehrern, taglichen oder doch wöchent- 
lichen Beginn und Beschluss der Lectionen mit Gesang und Gebet, 
eigene, der Fassungskraft des Knaben angemessene kurze Predigten 
und gemeinsames Communicieren rechne]; geschärfte Prüfungen in der 
Religion würden nichts helfen; Theologie und Philologie in den Stu- 
dien zu vereinigen sei jetzt nicht mehr möglich). — Protokolle über 
die Verhandlungen der paedagogischen Section bei der Philologen- 
versammlung zu Erlangen. Von Eckstein (S- 327—341. S. unsern 
LXV. Bd. S. 94f.). — Ausserdem noch verschiedene Nachrichten, un- 
ter andern S. 345 über den Fortgang der Bibliotheca Teubneriana und 
auf derselben Seite eine Berichtigung von Classen zu Heft 12 des vo- 
rigen Jahrgangs: die drei Modificationen des Praeteritnms werden an- 
schaulich in den drei griechischen Bezeichnungen xqovo^ nocQCCTCiTtiiOs 
(Imperf.), naQnyisfysvog (Perf.) und doqiöTog. D. 



Schill- and PenoualBaohriehten, 



Schul- und Personaltiachrichten, statisÜsche und andere 
Mittheilungen. 

AltedbüRG. Von den duigcn honoKl. Friedrichi-Gjmnuiitm lie- 
gen niu die Berichte aiu den Jahren Oitem 1819 — 1853 tot. Der 
Lehrplan nach folgendem Schema! 





1 


'S 


1 


1 
i 


i 
1 




3 

1 


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f 


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1 


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1 


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1 
5 


! 


i 


1 
1 


1 


i 


i 


Selecta. 
Prima. 
Oberse- 

cnnda. 
Hittel- 
aecanda. 
Ünterse- 

cunda. 


9 
10 

9 
8 
8 


6 
6 
6 
5 
6 


1 


2 

2 


2 
2 
3 
2 
3 


3 
2 
2 
2 

1 


3 


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2 


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2 


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2 
2 

1 
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1 

2 
3 


34 
33 
33 
31 
30 



wurde nnr mit der ala vortheilhaft bewährten Einrichtung, daai meh- 
rere griechische and lateinische Schriftsteller nicht mehr wie früher 
oeben, sondern nach einander gelesen wnrdea, bia Ostern 1850 be- 
folgt, voD da an aber folgender eingefShrt: 





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32 


Prima. 


9 


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2 


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3 


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33 


Oberse- 


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Mittei- 


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Unterse- 
cnnda. 


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4 


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4 




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3 


3 


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3 


- 


- 


2 


1 


2 


31 



Man sieht, das« die Veräudemngen anf folgenden Grandiätzen baiiert 
sind: 1) allen Classen möglichst gleich viele Stunden, aber nicht über 
33 inznweisen, 2) den Unterricht im Deutschen und in der Mathema- 
tik lU Termehren, 3) die Zahl der nicht obligaten Fächer xa Termin- 
dem. Sie giengen also ans dem Bedäifnisae hervor, tbeils bestimmten 
Fächern grüisern Raum zu verschaffen, theils ohne Termehrong der 
Lehrkräfte die in einielnen Claesen zn erhöhende Stundenzahl ans- 
fSllen zu können. InSelectaward die Stunde für da« Deutsche durch den 



statistische and andere Mittheilangen. 213 

Wegfall der für praktische Logik bestimmten , ohnehin schon meist sn 
freien Vortragen verwendeten Standen gewonnen. Die Yerminderang 
der latein. Standen (es fiel die Recitation hinweg and 1 Stande Lee* 
türe) ward darch die Rücksicht aaf die Lehrkräfte and die Stunden- 
zahl geboten 9 sie ermöglichte das Englische obligatorisch zu machen. 
In Prima ward die dem Deatschen zuzulegende Stunde dem Lateint-r 
sehen (Prosodie) entzogen. In Obersecunda musste ebenfalls das 
Lateinische eine Stunde an die Mathematik abgeben, in Mittelseeoinda 
der Geschichtsunterricht; in Untersecunda ward der Religionsunter- 
richt Ton 4 auf 3 Stunden gemindert, dem Griechischen 1 Stande ent- 
zogen, dem Lateinischen dagegen zugelegt. Die früher üblichen £r- 
bauungsständen nach dem Ende der Oster-, Sommer-, Michaelis - und 
Weihnachtsferien wurden wieder eingeführt. Das Gymnasium Terlor 
am 12. Sept. 1850 durch den Tod den ältesten Lehrer (seit 1800), den 
Zeichenlehrer Prof. C. Schmidt (Verf. folgender Schriften: Charak* 
teristik eines höheren paedagog. Zeichenunterrichts 1820. Zeitgemässe 
Ansicht des Gymnasialzeichennnterrichts 1847) , und am 4. Januar 1851 
den Ephorus Generalsuperintendent Dr. Pritsche. Dem Lehrer 
der neueren Sprachen Dr. Frdr. Kohler ward am 20. Mai 1851 der 
Titel Professor, dem Director Dr. H. E. Foss am 8. Februar 1852 
der Titel Schulrath beigelegt. Die Frequenz gibt folgende Tabelle: 

Gesamtzahl. Sei. I. II«. 11^ U«. Abitaiient. 
Ostern 1848 200 

„ 1849 189 33 38 

„ 1850 176 29 39 

„ 1851 154 27 34 

„ 1852 147 29 28 

Grossherzogthum Baden. Schluss des Berichts über das Schul- 
jahr 1850 — 51. Durch Verordnung des grossherzogl. Oberstudienraths 
Tom 18. Febr. 1850 ist zu $. 34 der Schulordnung für die Gelehrten- 
schulen Tom 18. Febr. 1837 folgende Bestimmung gegeben worden: 
*An die Directionen sämtlicher Lyceen und Gymnasien sieht man 
sich zu der ausdrücklichen Erklärung Teranlasst, dass die wissen- 
schaftlichen Beigaben zu den Programmen, auch wenn sie nicht Von 
dem Director Terfasst sind, dennoch stets unter der Verantwortlich- 
keit des Directors erscheinen. Die Directoren sind daher gehalten Tor 
dem Drucke einer Abhandlung, die als Beigabe zum Programm dienen 
soll, jedesmal genaue Kenntnis Ton derselben zu nehmen und nur 
nach dieser Kenntnisnahme den Druck Teranstalten zu lassen.* — An 
dem Gymnasium zu Bruchsal ist während des genannten Jahres im 
Personale nur ^ine Veränderung Torgekommen, indem der geistliche 
Lehrer Magon auf seinen Wunsch wegen seiner Gesundheit aus dem 
Lehrstande entlassen wurde und in die Pastoration zurücktrat , an 
seine Stelle aber zu Anfang des Schu^ahres der Cooperator Riegel 
Ton Wertheim berufen ward. Die Hoffnung, welche Ton dem Director 
der Anstalt Prof. Scherm im Programme des Torigen Schaljahres 
ausgesprochen worden war, eine Schülerbibliothek gründen sa kdn- 









17 


42 


49 


27 


16 


36 


41 


31 


12 


34 


33 


26 


14 


32 


42 


16 


12 



814 Schal - ttiid Personalnachrichten, 

nen ist in Erfällung gegangen, indem die Behörde für die Budgetjahre 
X851 und 1852 je 100 fl. aus den Mitteln der Anstalt , von da an aber 
ein jährliches Aversum genehmigt hat* Auch die Armenbibiiothek ist 
zu Stande gekommen und zwar in der Art, dass schon jetzt keiner der 
unbemittelten Schüler der nöthigen Hilfsmittel entbehrt. An Stipen- 
dien wurden 1050 fl. \erliehn (700 fl. aus dem landesherl. kathol.- 
iheolog. Stipendienfond: 4 ä 50 und 5 k 100 fl., und 350 fl. aus der 
Casse für arme* Studierende : 3 ä 25 , 5 ä 45 und k 50 fl.)« Die An* 
•talt war von 141 Schülern besucht (109 Kathol., 17 Evuigi, 16 Isr.). 
— An dem Lyceum zu Carlsruhe ward das Schnljafirmit dem 6. Sep- 
tember 1851 geschlossen, da das Ministerinm dei Innern der Bitte der 
Direction um eine mehrwochentliche Vacanz während des Juli , welche 
die persönlichen Verhältnisse mehrerer Lehrer yeranlassten , entspro- 
chen hatte. Bei Unwohlsein einzelner Lehrer leisteten die Lehramts- 
eandidaten 6. Arnold und W. Schmidt bereitwillig und uneigen- 
nützig Unterstützung '*'). Im letzten Spätjahre trat nach tüchtiger 
Wirksamkeit aus dem Lehrerkreise der Praktikant Dr. Haus er, da 
durch die auf Antrag der Conferenz erfolgte Wiedervereinigung einer 
▼orher getrennten Classe der provisorisch hiefür herbeigezogene Leh- 
rer entbehrlich wurde. Zum Vorstände des Verwaltungsrathes wurde 
nach dem Tode des Geheimen Raths Deimling der Geh. Finanzrath 
Schmidt und nach dessen Ablehnung, wobei er jedoch seine bishe- 
rige Stellung im genannten Collegio beibehielt , Domänendirector H ei- 
bin g ernannt. Die Frequenz betrug 605 (4 mehr als im vor. Jahre, 
226 in der Vorschule, 379 im Lyceum; 353 evangel. Confession, 187 
Kathol., 65 Israel.). Im Laufe des Jahres gewann die Anstalt Mittel 
zu dem seit 1835 vertheilten Gerstnerschen Preis einen zweiten zum 
Andenken Hebels zu yertheilen. — An dem mit der höheren Bürger- 
schule vereinigten Lyceum zu Constanz wurde durch hohe Entschlies- 
snng vom 27. Juli 1850 dem Prof. Seiz die nachgesuchte Entlassung 
doch unter Beibehaltung des Unterrichts in der Physik gewährt, an 
«eine Stelle am 30. Sept. dess. Jahres der Reallehrer Lehmann aus 
Offenhurg berufen und übernahm den mathematischen und den bisher 
aushilfsweise vom Lehrer Holzapfel ertheilten naturhistorischen Un« 
terrichty so wie später den deutschen Sprachunterricht in Prima und 
Oberquarta. Der Lehrer der höherti Bürgerschule J. B. Leiber ward 
auf sein Ansuchen am 4. Oct. 1850 in die Pfarrei Oberhomberg ver- 
setzt, an seine Stelle aber am 2. Dec. der Lehramtspraktikant Kern 
«ingeführt. Im Wintersemester war der Director, gei&ftlicher Rath 
Schmeisser durch Krankheit mehrere Monate an Ausübung seines 
Berufs gehindert und wurde in der Direction von Prof. Hoffmann 
Vertreten. In der hohem Bürgerschule wurden die bisherigen Com- 
binationen von Cl. I und II im Religionsunterrichte und der beiden 
Abtheilungen von Cl. II im naturhistor. Unterricht, im Lyceum die 
der beiden Abtheilungen von Cl. IV im Deutschen und von Cl. V in 



*) S. unten unter Todesfälle. 



statistische und andere Mittheilon^en. 215 

der Naturgeschichte aufgehoben, da Beneficiat Grube und Realleh- 
rer Lehmann sich zur Uebernahme einer grossem Stundenzahl von 
selbst bereit erklärt hatten. Schülerzahl der hohem Bürgerschule: 
84 (23 mehr als im vorherg. Jahre , 69 Kathol., 15 Evang. Abgeg. 9), 
des Lyceums 162 (140 KathoL, 21 Evang., 1 Israel.) — An dem 
Gymnasium zu Donaueschingen trat (Beschluss vom 23. Sept. 1850) 
an die Stelle des an das Gymnasium zu Offenburg versetzten Lehr- 
amtspraktikanten Kappes der Lehramtspraktikant Heinemann, 
früher am Lyceum zu Rastatt, mit der Bestimmung ausser dem Ordi- 
nariate der II. Cl. auch den französischen Unterricht zu übernehmen, 
an die Stelle des an das Lyceum zu Rastatt versetzten Vorstandes der 
Anstalt, Prof. Donsbach (Entschliess. vom 26. Sept. 1850) der vor- 
herige Prof. am Lyceum zu Freiburg Duffner; ferner ward der Prof. 
Gagg vom Gymnasium zu Offenbarg an die Anstalt versetzt und der 
Lehramtspraktikant Rheinauer, der bisher das Ordinariat der III 
und den Unterricht in der Mathematik und Naturgeschichte besorgt 
hatte, bis auf weiteres seines Amtes entlassen (s. unter Preiburg); 
endlich empfieng der geistliche Lehrer Hoppensack auf sein Nach- 
suchen die Entlassung aus dem Lehrfache, ward aber durch den unmittel- 
bar erfolgten Eintritt des vorherigen Yicar in Durmersheim ,. Priester 
K ö s s i n g ersetzt. Das LehrercoUegiom bestand , demnach aus dem 
Dir. Prof. Duffner (Ord. in V), Prof. Sc buch (Ord. von IV*»), 
Prof. Gagg (Ord. von III), Gymnasiallehrer Intlekofer (Ord. von 
IV*, zugleich Bibliothekar), Lehramtspraktlcant Heinemann (Ord. 
von H), geistl. Lehrer Kossing (Ord. voni), Reallehrer Weber, 
evangel. Religionslehrer Hofprediger Dr. Becker, prov. Gesangleh- 
rer Hofmusikus Wagner. Die Schülerzahl betrug 79, 70 Kathol., 
9 Evangel., Abgeg. 9. Aus dem landesherl. kathol.-theolog. Stipen* 
dienfond wurden dem Gymnasium 425 fl. für 6 Schüler zugewiesen. 
Zum Prüfungscommissar für den kathol. Religionsunterricht wurde vom 
erzbischofl. Ordinariate anter dem 16. Juni 1851 Pfarrer Brunner 
von Pfohren bestellt. — Am Lyceum zu Freiburg waren die Stellen 
des Prof. Duffner (s. Donaueschingen), des zum pro vis. 1. Lehrer 
und Vorstand am Gymnasium zu Tauberbischofsheim ernannten Pfarrer 
Neumair, und des an die höhere Bürgerschule zu Müllheim versetz- 
ten Lehrers Baumgarten zu ersetzen und durch die nothwendige 
Trennung der Unter- und Obersexta (von 77 und 64 Schülern) in zwei 
Parallelabtheilungen eine Vermehrung der Lehrkräfte geboten. Das 
Lehrercollegium ward in folgender Weise ergänzt: Dir. Hofrath Nokk, 
die Professoren Weissgerber (früher Dir. des Gymnas. in Bruch- 
sal), Lehrer Zipp (von der hohem Bürgerschule in Müllheim hieh^ 
versetzt), die Lehramtspraktikanten Eble, Wörter, Rheinauer 
(s. Donaueschingen, nachdem der angestellte Dr. Gartenhauer be- 
reits nach einem halben Jahre an das Schallehrerseminar in Ettlingen 
übergegangen war), Kappes, Schmitt, Schiegel, Bischoff, 
Am mann (die beiden letzteren provis.), Reailehrer Keller, ausser- 
dem evang. Decan and Stadtpfarrer KröU und Vicar Kämmerer 



216 Schal - and PersoDalnachrichten, 

(welche nach dem Abgange des Yicar Zenner den erangel. Religions- 
onterricht abernahmen), Director Prof. Dr. Fück und Zeichenlehrer 
Geasler. Znm kathol. Religionsprüfungscommissar wiurd der Dom- 
capitular Dr. Fr. Haitz bestellt. Die Geldmittel der Anstalt worden 
Termehrt, indem ihr (Entschl. vom 3. Mai 1851) die am Schlnsse des 
Rechnungsjahres 1850 Torhandenen Actircapitalien des Fonds der auf- 
gehobenen hohem Bargerschale za Mahlberg unter gleichzeitiger Ue* 
berweisung aller Zinsruckstände und des etwaigen CassenTorrathes zum 
Genüsse überwiesen wurden. An Stipendien erhielt sie 6600 fl., 8 k 
25, 23 ä 50, 48 ä 100, 3 k 150 fl. Die Schnlerzahl war am Schlüsse 
des Torhergehenden Schuljahres 441, in diesem 466 (414 Kathol., 50 
Protest., 2 Israel.). — Am Lyceum zu Mannheim sah sich ausser 
dem schon rorher auf unbestimmte Zeit beurlaubten Geh. Hofrath Dr. 
Nusslin (s. Bd. LXII. S. 107) auch Prof. Sachs genothigt, um 
seine Quiesciernng zu bitten und es schieden so zwei der bewähr- 
testen Lehrer, deren Wirken in einer langen Reihe von Jahren von 
dem gesegnetsten Erfolge begleitet war. Dem Prof. Behaghel, wel- 
cher schon seit Juni 1850 die Direction proTisorisch geführt hatte, 
wurde dieselbe auch für das Schuljahr 1850 — 51 übertragen und er 
übernahm neben den Religionsstunden in den beiden obern Classen 
die sämtlichen Lehrstunden Nüsslins. Dafür gab er den philosophischen 
Unterricht an den Lyceumslehrer Deimling ab, der als Hauptlehrer 
in die 11. Classe eintrat, während Prof. Dr. Lamey die III, Ly- 
ceumslehrer Ebener V^, Lyceumslehrer Baumann VP als Haupt- 
lehrer übernahmen. Eine neue, noch rüstig wirkende Lehrkraft ge- 
wann das Lyceum in dem bisher in Rastatt wirkenden Hofrath S c h ar p f, 
4em (Erlass vom 30. Sept. 1850) neben dem deutschen und classischen 
Unterrichte in Unterquarta der hebräische in den beiden Abtheilun- 
gen der zwei oberen Classen übertragen wurde. In die Lehrstunden 
des Prof. Sachs, welche vorher Stadtvicar Hafenreff er vertreten 
hatte, trat seit dem Anfange des Sommersemesters Lehramtspraktikant 
Bauer und übernahm zugleich die Leitang des Turnunterrichts für 
die oberen Classen. Da sich Prof. Roller and Lehrer Heckmann 
genothigt sahen, zu Badecuren um Urlaub nachzusuchen, zugleich 
viele ältere eine öftere Unterbrechung der Schulzeit durch Ferien statt 
der einmaligen längern Yacanz im Herbste wünschten, so wurden 
(Erlass vom 24. Juni 1851) Sommerferien vom 7. — 27. Juli gewährt. 
12 Lyceisten, welche sich der kathol. Theologie widmen wollen, er- 
hielten aus dem landesherl. Stipendienfond 850 fl. Im Laufe des 
Schuljahres besuchten die Anstalt 250 (125 Kathol. , 101 Protest., 24 
Israel.). — An das mit der hohem Bürgerschule verbundene Gym- 
nasium zu Offenburg wurde für den ausgetretenen Lehramtsprakti- 
kanten Büchler der Lehramtspraktikant Kappes von Donaueschin- 
gen berufen, für den nach Constanz versetzten Prakt. Lehmann Prof. 
Dur 1er von der hohem Bürgerschule zu Schwetzingen zur Ueber- 
nahme der mathem. und naturw. Fächer bestimmt, dem Gewerbschul- 
lehrer Geig es der Zeichenunterricht übertragen. An die Stelle des 



statistische und andere Mittheilungen. 



217 



Praedieatunnerwesers Schreiber trat in gleicher Eigenschaft L um pp, 
doch ward endlich das Praedicaturbenefici^im und der Reiigionsunter^ 
rieht am Gymnasium dem Prof. Ton der hohem Burgerschule in Ba- 
den Stumpf übertragen. Die Leitung des Turnunterrichts hatte Lehr- 
amtspraktikant Rapp. An- ^Itipendien erhielt die Anstalt 450 fl. (2 k 
26, 6 ä 50, 1 ä 100), und ein Kurzisches zu 124 fl. auf den Antrag 
des StiftungsTorstandes der Stadt Ueberlingen. Schüler waren 84 
(14 mehr als im vor. Jahre, 78 Kathol., 6 Eyang.). — An dem Ijy^ 
ceum zu Wertheim wurde durch die Versetzung des Cooperator Rio» 
gel (s. Bruchsal) und des Hospitalpfarrer Mühlhäusser (evangel. 
Stadtricar in Heidelberg) der kathok und eTang. Religionsunterricht 
längere Zeit unterbrochen, da den erstern Stadtpfarrer Grimm trot2 
seiner Bereitwilligkeit nicht immer zu «rtheilen vermochte, der zu 
Uebernahme des zweiten bestimmte Yorherige erangelische Stadtvicar 
zu Carlsruhe Maurer am Eintritt verhindert ward. Als Stipendien 
wurden für 8 kath. Theologie Studierende 700 fl. verwilligt. Die Scha- 
lerzahl war 134 (91 Protest., 41 Kathol., 2 Israel.). — Schliesslich 
geben wir nach dem grossherzogl. Regierungsblatte (1852 Nr« 2) den 
Bestand der Gelehrten- und hohem Bürgerschulen im 
Schuljahre 1850—51 '^) : 



Anstalten. Gesamtzahl. 

Lyceen. 

Carlsruhe . . . • . 379 

In der Vorschule . . 226 

Constanz 162 

Freiburg 466 

Heidelberg .... 211 

Mannheim 250 

Rastatt 163 

Wertheim 134 



1991 



Gymnasien. 

Bruchsal 141 

Donaueschingen ... 79 

Lahr 129 

Offenburg 84 

Tauberbischoffsheim . 105 



538 



Paedagogien. 

Durlach 67 

Lörrach 100 

Pforzheim 111 



278 



Anstalten. GesamtcahU 

Zusammenstellung d. Schü- 
ler in Gelehrtensch'ulen: 

An Lyceen 1991 

An Gymnasien . . . 538 

An Paedagogien . . , 276 

28Ö7 

Höhere Bürgerschulen. 

Baden 1 . . 119 

Rheinbischoffsheim .... 8 

Bretten . * 42 

Buchen 58 

Constanz ....... 84 

Eberbach 21 

Emmendingen . . . ^ . 54 

Eppingen 53 

Ettlingen 42 

Ettenheim 66 

Freiburg 100 

Gemsbach 17 

Heidelberg 179 

Hornberg 20 

Kork 18 

Mannheim 204 



*) Den Bestand der Gelehrten- und hohem Bürgerschulen im Schnl^ 
jähre 1849—50 s. in diesen Jahrb. Bd. 62. Hft. 3« S. ^<b. '^^i^* 

iV. Jakrb, f. P/M. u. Paed, Bd, LXV. Hfl.«i. ^ 



318 Schal- BDd Pera«Mluchriclileii, 

AiUUUen. Ge«ainUahl. Zusamnieniitcllune. 

Mgsbach ....... 90 An Ljceen 1991 

Müllheim 83 An Gjraassien . . . ■ • &38 

Sdkwetsingen 61 An Pftcdagogien .... 278 

Siniheiin 67 An höheren Bürgerschulen . 1587 

Schepfheim 39 4394 

Ueberlingen 36 

Wiingea .,.■.... 41 

Waldahut 32 

Weinheim 53 

1587 
Im Spätjahre 1831 wurden von den Lyceen ond anf den Grund 
der bei dem grogsherzogl. Oberstudienrathe erstandenen Maturitäte- 
prSfiing zum Studium der beigesetzteo BerufsKcher auf die Univer^t- 
at entlassen «) : 



CaTlsmbe .... 
ConHtanz .... 
Freiborg .... 
Heidelberg .... 
Mannheim . . . ■ 

Rastatt 

Wertbeim .... 

Nachbei grossh. Ober- 
dtudienrath erstanden 
MaturitätHprnfung . 



I 147 



57 I 17 I 35 I 27 I 6 I 4 I 1 



Braunschweig, Am Obergymnasium ward während der Jahre 
Ostern ISäO— 53 (Ostern 18äl ward kein Programm ausgegeben) der 
Lflhcplan nur insofern Terandert, dasB in Oberprima und Obersecunda 
die frühere Zahl der mathematischen Stunden hergestellt und das Eng- 
lische von Obersecnnda an nnter die regelmässigen Irehrstunden auf- 
genommen wurde. La Lehrercollegium musste der Lehrer der Mathe- 
matik Stegmann in den mathematischen Lehrstnnden noch immer 
vortreten werden. Aushilfe leisteten die Schnlamtscandidaten Bran- 
des, NicolaT (welcher von Ost. ISSOan sein Probejahr abhielt) und 
Schäfer (seit Ostern 1851 inr Abhaltung des Probejahrs eingetreten), 
der Collab. Garke und der Hilfslehrer Sack vom Progymnasium. Die 
Schülerzahl war 



*) Das Verzeichnis der im SpStjahre 1850 zum Studinm von Berufs- 
facbern auf die UniTcrsität entlassenen Schüler s. in diesen Jahrb. Bd. 
62. Hft. 3. S. 306. 



statistische und andere Mittheüungvn. 219 





I. 


II. 


III. 


IV. 


Sa. 


Abitur. 


Michaelis 1850 


11 


20 


16 


37 


84 


6 


Ostern 1851 


9 


22 


19 


34 


84 


3 


Michaelis 1851 


9 


22 


27 


28 


86 


3 


Ostern 1852 


13 


22 


22 


31 


88 


3 



M5ge die am Schiasse der Schul nachrichten an die Eltern und Ange- 
hörigen der Schüler gerichtete dringende Bitte, ihrerseits zur Auf- 
rechterhaltung der Schufgesetze mitzuwirken, rechte Beherzigung finden ! 

BuDissiN. Das G}rinnasium verlor seinen 6. Collegen Leopold 
(s. diesen Bd. S. 120). Aushilfe leistete auch nach Michaelis 1851 be- 
endetem Probejahre der Schulamtscandidat Pothko. Die Schiilerzahl 
war Ostern 1852 um 15 gestiegen, nemlich J30(I: 18, 11: 19, 111:21, 
IV: 19, V: 26, VI: 27). Ostern 1851 giengen 7, Mich. dess. Jahres 2, 
Ostern 1852 6 zur Universität. 

CÖTHEN. An dem mit der Real- und Unterschule in Verbindung 
stehenden Gymnasium wurde Mich. 1850 die griechische Quinta auf- 
gehoben und die lateinische Septima mit Sexta verbunden ; sodann der 
Lehrplan in sich selbst und mit den Classenzielen in Uebereinstimmung 
gebracht, namentlich in der Mathematik, worin für Prima mit der 
sphaeriscben Trigonometrie und den logarithmischen und hohem Glei- 
chungen abgeschlossen wird. Für das Deutsche wurden in den obem 
Classen vorläufig 3, für die Physik 2 Stunden beibehalten, ebenso 
^ine Stunde Alterthümer, endlich seit Ostern 1851 für Secundaner und 
Primaner facultativ der Unterricht im Englischen^ eingeführt. Nach- 
dem sich der Rect. Prof. H ä n i s c h von der Besorgung der Rectoratsge- 
schäfte hatte entbinden lassen, ward am 5. Mai 1850 Dr. A. Cr am er 
zum Schulrath für das Herzogthum CÖthen ernannt und ihm die Lei- 
tung des Gymnasiums übertragen. Nach Ostern 1850 trat der CoUa- 
borator Encke in das Amt eines Rectors und Caplans zu Güstenüber, 
an seine Stelle erst provisorisch, dann Michaelis dess. Jahres definitiv 
Dr. Schmidt. Zu Mich. 1850 schied der Candidat Schneider I. 
aus, dagegen trat Ostern 1851 der Schulamtscandidat Hummel ein. 
Mich. 1850 wurde zum Lehrer der Mathematik Dr. Heinze ernannt. 
Die Gesamtschülerzahl der ganzen Hauptschule war Ostern 1851: 
519, Ostern 1852: 572, des Gymnasiums Ostern 1850: 127, 1852: 131 
(I: 10, II: 15, III: 25, IV: 19, V: 38, VI: 24). Abiturienten warin 
Ostern 1850: 2, 1851 2, Mich. 1. 

Dresden. Kreuzschule. In dem Lehrercolleginm trat wahrend 
des Jahres 1851 — 52 keine Veränderung ein. Decbr. 1851 verliess der 
seit Anfang 1851 zu Abhaltung seines Probejahrs beschäftigte Schnl- 
amtscand. Dr. Hab 1er die Anstalt, um zu seiner weitern wissenschaft- 
lichen Ausbildung eine Reise nach Frankreich und England anzutreten. 
Im Lehrplan sind nur die Veränderungen vorgenommen worden, dass 
wegen der Starke der Classen für Prima und Obersecunda wöchent- 
lich 2 Stunden zu lateinischen Uebungen angesetzt, in der lateini- 
schen Leetüre in Prima nicht mehr zwei Autoren neben ^ «Q^d.«c«k. Vks^ 



f iO Schul - and Persomlnachridhten, 

tereinander gelesen und der Gesangunterricht auch auf die zweite 
Abtheilung ausgedeht wird. Den Schülern der oberen Ciassen wurde 
seit Mich. 1851 Privatunterricht im Englischen durch' Hrn. Henry 
Hughes ertheilt. Mich. 1851 wurden 2, Ostern 1852 15 Schüler zur 
Universität entlassen. Die Schülerzahl betrug £nde März 1852: 323 
(I: 23, H: 31, III: 30, IV: 34, V: 53, VI: 60, VII: 49, VIII: 27, 
IX: 16). 

Duisburg. Bericht über das konigl. Gymnasium und die Real- 
schule von den beiden Jahren Herbst 1849 — 51. Das Lehrercollegium 
bestand im Herbst 1851 aus dem Dir. Dr. Eichhoff, Prof. Bahr dt 
(Mathematicus) , Prof. Herbst (Ordin. von II), den Oberlehrern 
Fulda (Ordin. von real. A), KÖhnen (Ordin. von III), Hüls- 
mann (Ordin. von VI), Dr. Thiele (Ord. von V, seit dem 25. Oct. 
1850 als Oberlehrer praediciert) , dem Gymnasiallehrer Feldmann, 
dem Reallehrer Kottgen (seit 4. April 1850 definitiv angestellt, Ord. 
von real. B), dem Hilfslehrer Dr. Foltz (seit 10. Febr. 1851 definitiv 
angestellt), kathol. Religionslehrer Caplan Gaillard (nachdem der 
seit 8. Oct. 1851 angestellte Caplan Dr. £velt im Anfange des Som- 
mersemesters als Professor an die Akademie zu Paderborn abgegangen 
war) und Werth, Lehrer der Vorschule und Gesanglehrer am Gym- 
nasium. Der Hilfsprediger der grossem evang. Gemeinde Dr. Hosse, 
welcher vom 8- Oct. 1849 an den hebr. Unterricht ertheilt hatte, 
schied am 18. Juli 1851, um in ein Pfarramt überzugehn. DerCandid. 
Dr. Herbst, welcher im April 1850 sein Probejahr angetreten hatte, 
ward im Herbst dess. Jahres als Hilfslehrer an das Friedr.-Wilhelms- 
Gymnas. zu Köln* (bald darauf nach Dresden an das Vitzthum-Bloch- 
mannsche Gymnasialerziehungshaus) berufen. Dagegen traten ihr Probe- 
jahr an 3. Jan. 1851 Cand. Dr. Bahrdt an der Realschule und Ost. 
dess. Jahres Dr. Ueberweg am Gymnasium. Die Frequenz war: 

Gymn. I. II. IH. IV. V. VI. Real. A. B. Sa. Vorsch. 

Herbst 1849 148 26 174 

Wint. 1849-50 158 21 30 43 19 23 22 33 8 25 191 23 

Sommer 1850 151 20 27 38 21 23 22 35 12 23 186 37 

Wint. 50-51 165 20 36 28 27 19 35 34 15 19 199 39 

Sommer 1851 160 18 36 30 22 20 34 27 8 19 187 34 

Abiturienten waren im Herbst 1850 7, 1851 8. 

Eisenach. Der Jahresbericht über das Friedrich-Carls-Gymnasium 
Ostern 1851 beginnt mit Verbesserungen des Lehrplans , namentlich in 
Bezug auf Naturlehre und Rechnen (für welches ein besonderer Leh- 
rer in den untern Classen angestellt wurde). Nach einer kurzen Ue- 
bersicht des ganzen Lehrplans folgt ein Bericht über den Turnunter- 
richt, welcher dadurch möglich wurde, dass der Director einen Theil 
des ihm zustehenden Gymnasialgartens für diesen Behuf abtrat. Der 
Coetus bestand im Jahre 1851--52 aus 78 Schülern (I: 15, II: 12, III: 
15, IV: 19, V: 17). Zu Ostern 1851 bezogen die Universität 8, Ost. 
1852 6. Sehr dankenswerth ist die Mlttheilnng der von dem Director 



statistische und andere Mittheiluiigen. 221 

^ossh. sächs. HofrathDr, Funkhanel Ostern 1851 an die Abiturienten 
gerichteten Abschiedsrede, welche Ton Platos Zuruf an Xeno^ates: 
ihjs raiQ XdqiGiv ausgeht und denselben in yielseitiger paedagogisch 
trefflicher Anwendung als auch der heutigen Jugend geltend darstellt. 
Die edle Sprache, die Fülle der Gedanken, die Kraft der an die ab- 
gehenden Jünger der Wissenschaft gerichteten Mahnungen zeichnen 
diese Rede ebenso wie die früheren desselben Verfassers aus; Eigen- 
schaften, welche auf die abgehenden einen tiefen und bleibenden Ein- 
druck äussern müssen, so wie sie auch den Leser lebendig ergreifen 
und bis an das Ende fesseln. r. 

Essen. Vom konigl. Gymnasium gieng Ende des Schuljahres 1850 
der erste Oberlehrer Prof. Cadenbach als alternierender Director an 
das Lyceum zu Heidelberg. Die Vacanz seiner Stelle und die noth- 
wendige Trennung der überfüllten Prima machte die Aushilfe der Cau- 
didaten Natorp (Ostern 1851 als Lehrer an der latein. Hauptschule 
in den Frankeschen Stiftungen zu Halle berufen) , Breiter, Weiske 
(vom 6. Nov. 1850 bis Mitte Februar 1851 für den zur Landwehr ein- 
berufenen Natorp) , Dr. Kopstadt (vorher an der Universitätsbiblio- 
thek zu Bonn), Dr. Krebs (seit 1. Mai 1851, vorher in Düsseldorf) 
nothwendig. Ost. 1651 wurden 6, im Herbst 12 zur Universität entlassen. 
Frequenz : 

I«. Jb. II«. IP. III. IV. V, VI. Sa. 
Winter ^850-51 30 30 20 31 36 35 26 38 246 
Sommer 1851 20 29 22 31 32 34 26 42 236 

Die Vorbereitungsciasse gieng mit dem Herbst 1051 vorläufig ein. Der 
Lehrer derselben Zimmermann begab sich als Lehrer der deutschen 
Sprache an eine Privatanstalt in Holland. 

Fulda. Am kurfürstl. Gymnasium wurde nach Ministerialbeschluss 
(19. Febr. 1851) die Physik von Secunda ausgeschlossen, der natur- 
historische Unterricht in V auf Kosten des lateinischen um 1 Stunde 
erweitert. Mit dem neuen Schuljahre Ostern 1852 sollte die frühere 
Ordnung, wonach in V das Griechische und in IV das Französische 
begann, welche Ostern 1850 umgedreht worden war, wiederherge- 
stellt werden. Im Lehrercollegium trat im Jahre 1851—52 keine Ver- 
änderung ein, ausser dass die provisorische Anstellung des Hilfsleh- 
rers Schmitt 19. Juni 1851 in eine definitive verwandelt und 5. Aug. 
der Candidat Brenn aus dem Vorbereitungsdienste für das Gymna- 
siallehramt entlassen wurde. Am Schlüsse des Schuljahres zählte das 
Gymnasium 177 Schüler (I: 19, II: 29, HI: 40, IV: 25, V: 38, VI: 
26) und entliess 10 zur Universität. 

Gotha. Im Lehrercollegium des Gymnasium illustre trat wäh- 
rend des Schuljahres 1851 — 52 keine Veränderung ein , nur musste der 
Mathem. Dr. Kühne wegen der Landtagssitzung längere Zeit vertre-^ 
ten werden. Die Schülerzahl war am Schlüsse des Schuljahres 147 
(Sei.: 18, I: 18, II: 39, III: 32, IV: 26, V: 14). Ostern 1851 wur- 
den 3, Mich. dess. Jahres 2 zur Universität entlassen. — Zur Con 
trole der beiden höheren Schulanstalten hat man den Schnirath Dr. 



222 Schul' und Personalnachrichten, 

Schaub roh Magdeburg berufen und diese Vocation von dem Konige 
Ton Preussen die Genehmigung empfangen. 

GÜSTROW; Die BVeqnenz des dasigen Gymnasiums betrug im Schul- 
jahre 1851—1852 im Sommer I: 7, H: 17, HI : 16, IV : 23, im Winter 
I: 7, 11: 19, III: 16, lY: 21, 63 im ganzen. Ostern 1852 wurden 2 
znr Universität entlassen. 

GüMBiNNEN. Nachdem das konigl. Friedrichs-Gymnasium am 14. 
Oct. 1850 durch den Tod den ersten Oberlehrer Prof. Petrenz ver- 
loren, rückten die Oberlehrer Sperling, Dr. Amol dt und Ger- 
lach, der ordentliche Lehrer Dr. Kossak und der Hilfslehrer Dr. 
R e u 8 c h auf und ward als wissenschaftlicher Hilfslehrer der Candidat 
Dr. Basse angestellt. Am 5. Juni 1851 starb der emeritierte Gymna- 
sialdirector Dr. J. D. Prang. Ostern 1851 wurden 5 Schüler zur 
Universität entlassen. Am 1. Sept. dess. Jahres waren 222 Schüler 
(I: 20, H: 33, HI: 47, IV: 52, V: 46, VI: 24). 

Hanau. Am kurfürstl. Gymnasium trat der wegen seiner Gesund- 
heit beurlaubte Gymnasiallehrer Jung Anfang 1852 in den grossem 
Theil seiner Lehrstunden wieder ein und wurde dadurch die Lehrer- 
thätigkeit des stellvertretenden Praktikanten Dr. G. Buchenau ent- 
behrlich. Der Praktikant Rossbach ward auf sein Ansuchen Krank- 
heit wegen seiner Stellung entlassen. Der Prakt. Riedel vollendete 
seinen Vorbereitungsdienst, die Wirksamkeit des Prakt. Spangen- 
berg dauerte fort. Die Schülerzahl betrug am Anfange des Schul- 
jahres 69, am Schlüsse 59 (I: 7, II: 8, III: 14, IV: 19, V: 11). Ost. 
1851 giengen 2, Michaelis dess. Jahres 1, Ostern 1852 wieder 2 zur 
Universität. 

Heilbronn. In dem mit dem 27. Sept. 1851 geschlossenen Schul- 
jahre wurde vom Karls-Gymnasium der Prof. Rümelin (2. Nov. 1850) 
berufen an den Arbeiten des konigl. Studienraths Theil zu nehmen. 
Für den durch Krankheit verhinderten Prof. Hang erhielt (19. Oct. 
1850) der Cand. Kraut, für den Oberpraeceptor Hoc hei Candidat 
Müller die Vertretung. Mit dem nächsten Schuljahre sollten eine, 
Elementarschule und ein Pensionat mit dem Gymnasium in Verbindung 
treten. Die Schülerzahl war: Cl. VII: 16, VI: 15, Real. I: 23 und 5 
Hosp., V: 22 Gymn., 40 Real., IV: 33 Gymn., 22 Real., UI: 14 Gymn. 
und 1 Hosp., 27 Real., II: 24. I: 32; Sa. 157 Gymn., 112 Real., 6 
Hosp., im Ganzen 275. Im Herbst 1850 bestanden 4, Ostern 1851 1 
die Maturitäts-, 1 im Herbste die Concursprüfung. 

Hildburghausen. Am herzogl. Gymnasium wurde 25. Aug. 1851 
der Gymnasiallehrer Dr. Siebeiis bis zu seiner Wiedergenesung in 
Disposition gestellt; die Wirksamkeit des Vicar Schneider dauerte 
deshalb fort. Ostern 1852 wurden 4 Schüler zur Universität entlas- 
sen. Die Schülerzahl betrug 70 (I: 12, II: 9, III: 4, IV: 13, V: 15, 
VI: 17). 

Hirschberg. Ain 26. Nov. 1851 verliess nach 3*4jäbr. Wirksam- 
keit der interimistische Lehrer Dr. W. Freund das Gymnasium, weil 



statisti&blie und andere Mitlhefliul|^n. 22S- 

ihm die Bitte um definitive Anstellung als Israeliten versagt worden 
war. Der Oberlehrer Dr. Petermana folgte Ostern 1862 einem Rufe 
als Prorector an das evang. Gymnasium in Grossglogau. Sein Nach- 
folger wurde Dr. Br ix vom Gymnasium zu Brieg. Vom 1. Decbr. 
1851 an hielten das Probejahr die Schulamtscandid. Dr. Haacke und 
O. Scholz. Dr. M Ö s s 1 e r erhielt den Titel Oberlehrer. Frequenz 
im Winter 1851—52: 119 (t: 6, IF: 21, III: 14, IV: 34, V: 44); Abi- 
turienten Ostern 1852: 2. 

Köln. Vom konigl. Friedrich -Wilhelms - Gymnasium schied noch 
vor Beginn des Schuljahres Herbst 1850 — 51 der Lehrer Jancke, 
Weihnachten 1850 der eben erst eingetretene Dr. Herbst (s. Duis^ 
bürg), am 13. Nov. 1850 der Gymnasiallehrer Dr. Lucas, um die 
Leitung des Progymnasiums zu Warenburg zu übernehmen. Nach er- 
folgten neuen Ernennungen bestand das LehrercoUegium ans dem Dir. 
Dr. Knebel, Oberlehrer Prof. Hoss, evangcl. Religionslehrer Reg.- 
Rath Grashof, Oberl. Dr. Pfarrins, kathol. Religionslehrer Dr. 
Schlünkes, den Oberlehrern Dr. Backes, Oettinger, Lorentz, 
Haentjes (2. Juli 1851 zum Oberlehrer ernannt), den Gymnasial- 
lehrern Schumacher (seiner Dienstleistungen überhoben und der 
Pensionierung entgegensehend) und Probst, den Hilfslehrern Dr. 
Eckertz, Feld, Berghaus, Seemann, Honigsheim, Sauer- 
land (13. Nov. 1850 angestellt, vorher am Gymnasium zu Münster 
beschäftigt), P roll er (nach Herbsts Abgang, vorher am Gymnas. sa 
Merseburg), Zeichenlehrer Bourel, Gesanglehrer Musikdir. Weber 
und (seit Ostern 1851) Schulamtscandidat Kruse. Die Schülerzahl 
betrug im 

P. IK IP. IF. in«. nP.IVMV»». V-. W vi«, vi»». Sa. 
Wint. 50-51 31 33 36 54 31 30 41 41 38 39 44 44 462 
Sommer 1851 30 32 40 59 28 28 38 41 39 38 48 48 469 
darunter 105 Evangel., 352 Kath., 12 Israel. 25 Schüler wurden im 
Herbst 1851 zur Universität entlassen. 

KÖNIGSBERG IN DER Neumark. Im Lehrplane des Friedrich-Wil- 
helms-Gymnasiums wurde der Anfang des Griechischen in Quarta, je- 
doch ohne Verminderung der demselben bestimmten Stunden in den 
oberen Classen eingeführt, die I. und II. Classe in der Physik ge^ 
trennt und dieser Unterricht in IIT. aufgehoben , wodurch dem Latein. 
und Deutschen Zuwachs von je 1 Stunde zu Theil ward. Ostern 1851 
verliess das Gymnasium der Schulamtscand. Dr. Laase und ward spä- 
ter in Landsberg an der W. angestellt, Michaelis nahm der 8. College 
E. W. Lehmann eine Stelle an der neugegründeten Realschule in 
Bromberg an. ^ Der für seine Stelle praesentierte Candidat Lücke 
ward zwar vorläufig bestätigt, aber am 10. Dec. 1851 bereits wieder 
entbunden und nun das Amt gegen monatl. Renumeration vom Candid. 
Arnold Steudener versehn. Schülerzahl : 



S24 Schal- und Personalaffdiriditen, 

I. n. m. IV. V, vj. Sä. 

Sommer 18dl 16 26 33 38 31 41 185 

Winter 1851—1852 18 30 31 33 36 38 186 

Z«r Uniyersitat worden entlassen Ostern 1851 3, Mich. 2. 

KÖNIGSBERG IN Pr. Am CoIIegium Fridericianum ist der Prediger 
Mnrotcki wegen Verbreitung nnevangelischer Lehren im Religions- 
unterrichte und von der Kanzel den 16. April suspendiert worden. 

Kremsmünster. Das k. k. akademische Gymnasium ward 1549 
durch den Benediktiner Abt Gregor Lechner gestiftet, und nachdem 
es TOR 1642 — 46 eingegangen, durch Abt Placidus Buchauer erneuert. 
Die Errichtung einer philosophischen Lehranstalt 1737 und der k. k. 
adligen Akademie 1743, der Sternwarte u. s. w. forderten auch sein 
Bestehn. 1752 übernahm der Staat die Leitung und die 1784 bereits 
* angeordnete Schliessung ward abgewendet. Durch die neue Organi- 
sation sind der Lehrplan und die Verhältnisse mehreren Veränderun- 
gen unterworfen worden, namentlich hat das Conyict aufgehört Staats- 
anstalt zu sein. Der Lehrkörper bestand während des Schuljahrs 1851 
aus dem Dir. k. k. Schulrath, Stiftscapitular G r. Haslberger (Leh- 
rer der Physik in VllI) , den Professoren W. D a n n e r (Mathem. VJ, 
VU), Beda Piringer (Latein. V, VII, VIII), Bon. Grubho- 
fer (Relig. V— VIH, Griech. HI), A. Reslhnber (Director der 
Sternwarte Naturgesch. V — VII) y Rom. Lang X^eogr. u. Gesch, 
III — ^VII und philosi Propaed. VlIJ), Maur. Sieberer (Griech, 
VI— VIII, Gesch. und Statistik VIII), Edm. Forsthuber (Latein. 
VI, Griechisch IV, V), Columb. Fruhwirth (Relig. I— IV, Natur- 
gesch. I, II), Benn. Fuchs (Latein. III, IV, Deutsch III), Am* 
Baumgarten (Deutsch IV — VIII), CÖl. Ganglbauer (Latein. 
Deutsch, Geogr. Gesch. II), Oddo Schima (Mathem. I — V), H. 
Patz alt (Latein. Deutsch,. Geogr. I), dem Hilfslehrer Sigm. Fel- 
locker (Mineral, und Physik in III und IV), den Nebenlehrern 
Marc. Holter (Franz. Ital. Engl.), Georg Riezlmayer (weltl. 
Lehrer, Kalligr. und Zeichnen), J. Beyer (Gesang), A. Faber 
(Gymnastik). Die Schülerzahl im Schuljahre 1850 betrug 224; 

I. IL III. IV. V. VI. Vn. VIII. Sa. 

1. Sem. 1851 51 28 38 28 18 25 31 28 248 

2. „ „ 51 29 37 28 20 24 31 27 247 

Kurhessen. Eine Ministerialverfugung aus Anfang Mai erklärt, dass 
die Gymnasien in Zukunft nicht bloss als wissenschaftliche, sondern ihrer 
ursprünglichen Bestimmung gemäss wesentlich als kirchliche Anstalten 
betrachtet werden sollen und dass die Schulzucht in denselben wesent- 
lich aus dem Gesichtspunkte der christlichen und kirchlichen Erzie- 
hung zu behandeln sei. Die Religionslehrer müssen sich ordinieren 
lassen, alle Lehrer ohne'Ausnahme sich durch Handgelobnis verpflichten 
nichts gegen die evangelische Kirche und ihr Bekenntnis zu unterneh- 
men, vielmehr ihre Schüler durch Lehre und Beispiel zur Treue gegen 
dieselben anzuleiten. 



statistische and andere Miftheifang^n. 2^5 

Laus Alf NE. Seit wir in den Jahrgängen 1846 und 47 der N Jahrb. 
(Bd. XLVII. S. 450 f. und Bd. L. S. 127 f.) die letzten Nachrichten 
über die dasige Akademie und Cantonschule gegeben haben , sind die 
Verhältnisse und Aussichten beider Anstalten keineswegs besser ge- 
worden. Wie wäre das auch unter den seit 1845 vorhersehenden, 
d. h. jeden wissenschaftlichen Aufschwung lähmenden Einflüssen waadt- 
ländischer Utilitätsbegriffe denkbar? Um es kurz zu sagen, ist Ton 
der reichen Ausstattung, womit namentlich die Akademie nach ihrer 
Reorganisation im Jahre 1848 in ein frisches Lebensstadium trat, nichts 
als das unentbehrlichste übrig geblieben. Das uns Torliegende Lec- 
tionsTerzeichnis der Akademie vom Studienjahre 1851 — 52, das mit 
den Herbstferien des i. J. zu £nde geht, weist folgendes auf. Der 
Facultäten sind drei: I. die philosophische (fac, de» lettres ei 
dt» »ciences^ mit 6 ordentl. Professoren für latein. Litteratur (Hi- 
sely, d. Z. Rector), griech. Litteratur (Wiener), Hebräisch (Du- 
fournet), Philosophie (Raoux), Mathematik (Gay), Chemie und 
Physik (Kopp) und 4 ausserordentl. Professoren für deutsche Sprache 
und Litteratur (Nessler), dito franzosische (Hör nun g), Geschichte 
(Duperrex) und Geologie (Morlot). Ausserdem ist Ton dem Lic. 
der Theologie Steinten ein Cursus über Geschichte der Schweiz. 
Litteratur seit der Reformation, und Ton Gnisan ein Cursus über 
Philosophie der Greschichte angekündigt. IT. Die theologische Fa- 
cultät zählt nur 3 Vertreter: den bereits genannten ordentl. Prof. 
Du fournet für alt- und neutestamentl. Exegese und die ausserord. 
Professoren Fahre für Kirchengeschichte und Dogmatik und Vuil- 
leumier für Homiletik und Katechetik. HL Die juristische Fa- 
cultät besitzt nur einen einzigen Repraesentanten , den Adrocaten und 
ausserordentl. Prof. Rogirue, welcher über waadtländ. Cirilrecht, 
Ciyilprocess , schweizer, und waadtländ. Staatsrecht liest. Im einzel- 
nen bemerken wir nachstehendes. Hisely kündigt ausser romischer 
Litteraturgeschichte an: Horat. od. I und II und de arte poetica, 
Virgil. Georg. U und HI, Terent. Adelphi, Cic. de oflf., oratt. pro 
Mil. und in Verr. IV de signis. — Wiener: Plat. Protag., Sopb. 
Aiax, Eurip. Hippel., Hom. Ilias , Thucyd. 1. VI, Plutarch. Alcib., 
ausserdem griech. Litteraturgesch. von Alexander M. bis 1453 und 
griech. Mythologie. Nessler: Geschichte der deutschen Litteratur 
von Opitz bis jetzt, desgleichen von Luther bis Gottsched, femer 
deutsche Litteratur des Mittelalters, Goethes Iphigenie und Selecta 
von Schiller und Uhland. — — Die Cantonschule besteht aus 6 
Classen , welche das eigentlich sogenannte College cantonal bilden , und 
3 Classen Vorbereitungsschule (Progymnasium). Der Unterricht in 
letzterer wird von nur 2 Lehrern versehn , dem Elementarlehrer F a u- 
cherres für die Rudimente des Latein und dem Classenlehrer Pey- 
rollaz für alles übrige, was in den Bereich dieser Schule gehört. 
Im Gymnasium wird von folgenden Lehrern unterrichtet: von Mül- 
h aus er franz. Sprache und Rhetorik in I — HI; Gust. Soldan lat.' 
Sprache (Cic. Lael., p. Lig. und Deiot., Curt», Horat. Oden and &«t- 



226 Schal- nnd Personalnachrichten, * 

tiren in I, Caes. de b. civ., Aeneis, Eutrop in II, Caes.* de b. Gall., 
Nepos und Metamorphosen in III) und röm. Alterthumer ; von Fau- 
c^herres Latein in IV (Nepos, Metamorphosen, Jacobs und Dörings 
Lesebuch), von Dugu^ dito in V (eben genanntes Lesebuch), von 
Reymond in VI, von Guisan Griechisch nach der Grammatik von 
Weiland (Odyssee, Xen. Hell, in I, Odyssee und Anabasis in IT, 
Chrestomathie in III und IV) nebst griech. Alterthümern ; Deutsch 
von Nessler in I und II und Ulrich in III— V; von Call et Ma- 
thematik in I — VI; Duperrex Geschichte und Greographie (alte und 
neue) in I— III, von Faucherres, Dugu^ und Reymond in IV, 
V und VI, von demselben auch in III— VI der Religionsunterricht, 
welchen in I und II ein nicht namhaft gemachter Pfarrer ertheilt. 
Die Naturwissenschaften finden sich zwar im Lectionsverzeichnis auf- 
geführt, aber kein Lehrer derselben. Ausserdem Schreib- (mit Ste- 
nographie), Zeichen-, Musik- und Turnlehrer. Für die militär. Ue- 
bungen jeder der 6 Classen ist je ein halber Wochentag angesetzt und 
werden dieselben von einem chef instructeur und 2 Officieren der Ar- 
tillerie und Infanterie geleitet. Schliesslich sei bemerkbar gemacht, 
dass die Lehrer der deutschen Sprache (Nessler) nnd der Geschichte 
(Duperrex) in doppelter Stellung fungieren, an der Akademie sowohl 
als an der Cantonschule. — Hieran fugt Ref., dass von dem Lehrer- 
coUegium der Cantonschule im Jahre 1850 dem Erziehungsrathe fol- 
gende Schrift vorgelegt worden ist: Principes geniraux d'analyse 
grammaticale et d'analyse logique servant de base ä une ter- 
minoiogie uniforme pour Venaeignement du frangaisj de Vaüemandj 
du latin et du grec, Sie hat Approbation und demzufolge, "wie zu 
Lausanne, so in den übrigen Colleges des Cantons Aufnahme gefunden. 
Man ist versucht diesen 'Essai' für eine Art sprachvergleichender 
Grammatik zu halten, was er jedoch, streng genomifuen, nicht ist. 
Wohl aber ist er eine Parallelgrammatik. Wir versuchen in Kürze 
dem Leser einen einigermassen anschaulichen Begriff von dem modus 
procedendi dieses nett (in Graecia höchst incorrect) gedruckten Büch- 
leins von ca. 68 S. zu geben. Dass dasselbe in einen analytischen 
Theil, welcher die verschiedenen Arten der Wörter aufführt , und einen 
logischen Theil zerfällt, gibt der Titel sattsam zu erkennen. Letzte- 
rer behandelt den Satz im allgemeinen, dann die Bestandtheile des 
Satzes, hierauf den zusammengesetzten coordinierten (Copulativ-, Ad- 
versativ-, Causal- und Folge-) Satz und subordinierten Satz. Da, wo 
vom Subjectivsatze, d. h. demjenigen Satze die Rede ist, welcher 
einen Subjectsnominativ zu vertreten dient und mittelst einer Con- 
junction oder eines Pronomens (soll heissen pron. relat.) oder Frage- 
worts (Adjectiv oder Adverb), oder in unpersönlicher Fassung 
eingeführt ist, werden folgende Beispiele aufgestellt. 11 sied aux 
Jeunes gens d*etre modeates. Es ist unmöglich alle zu befrie- 
digen. Difficile eat, aatiram non scribere, Iläaiv adsiv 
XccXsnov. Man ersieht aus diesen übrigens lobenswerth praecisen 
Belegen, dass das, was hier als ^mode impersonneP bezeichnet wird, 



statistische und andere Mittheiliingen. S27 

▼on dem SabjectsinfinitiT und beziehentlich acc. c. infin. als Sabject 
zu Terstehn ist. Es genü^ an dem ^inen Beispiel. Eine umstand" 
liebere Durchmusterung des Buchs, um dessen Schwächen und Unge- 
horigkeiten nachzuweisen, würde ohne praktischen Gewinn für deut- 
sche Leser sein. Am Schlüsse ist ein Mnsterpensnm ans jeder der Tier 
Sprachen, und zwar aus F^nelon, Jac. Grimm, Caesar und Plutarch, 
gegeben und jedes von ihnen zuerst grammatisch, dann logisch ana- 
lysiert. Wenn wir unser Gesamturtheil über diesen neuen Versuch^ 
das Sprachstudium zu fordern, abgeben sollen, so müssen wir, wenn 
auch nicht unsere durch Erfahrung gewonnene Ueberzeugung fest- 
stände, dass durch Bücher dieser Art so gut als nichts für Spracher- 
lernung ausgerichtet wird, die Zweckmässigkeit und also auch den 
Erfolg, ja selbst die Anwendbarkeit des vorliegenden Essai darum in 
Abrede stellen, weil er 1) neben andern Grammatiken gebraucht, die 
gleichfalls noch in usu sind, aber einer ganz verschiedenen Termino- 
logie folgen , nur Verwirrung anrichten würde und 2) viel zu abstract 
und detailliert für Schüler ist, wie wir die jungen Vaudris kennen; 
Dieses Urtheil aber scheint durch dasjenige Bestätigung zu erhalten, 
was dortige Lehrer als Ergebnis ihrer mit dem Buche angestellten 
Experimente bezeichnen. G. E, K, 

Leobschütz. Ueber das konigl. Gymnasium während der Jahre 
Herbst 1849—51 ist zu berichten. Nachdem* am 9. Aug. 1849 der 
Prof. sen. A. J. Schramm gestorben, wurde das Collegium durch 
Aufrücken (es besteht aus Dir. Dr. Kruhl, den Oberlehrern Troska, 
Dr. Fiedler, Dr. Kahlert, den Gymnasiallehrern Tiffe, Schil- 
der, Kirsch [Religionslehrer] , Dr. W e 1 z [vorher Collaborator]) und 
Anstellung des Dr. Schedler als Collaborator ergänzt. Nach Voll- 
endung seines Probejahrs wurde Ostern 1851 der Cand. Pohl als Col- 
laborator am konigl. Gymnasium zu Gleiwitz angestellt. Die Schüler- 
zahl war: 





Sa. 


I. 


IL 


m. 


IV. 


V. 


VL 


20. Octob. 1849 


303 


35 


43 


42 


53 


57 


73 


10. Decbr. 1849 


309 


36 


43 


43 


55 


59 


73 


10. Juni 1850 


300 


37 


44 


40 


52 


55 


72 


16. August 1851 


293 


33 


42 


50 


39 


61 


68 



Zur Universität wurden im Herbst 1850 15, 1851 21 entlassen. 

LissA. Am konigl. Gymnasium hielt während des Jahres 1850 — 51 
der Schulamtscandidat Stürmer sein Probejahr ab. Gymnasiallehrer 
Fleischer wurde Mich. 1852 in den Ruhestand versetzt , behielt aber 
noch bis Ostern einen Theil seiner Lectionen und femer die Function 
des Rendanten bei. Schülerzahl: 

L n. lila. III b. IV. V. VL Sa. 
Sommer 1851 14 42 40 49 66 61 41 313 

Winter 1851—52 16 36 42 40 62 62 44 309 

Herzogthüm Nassau. Schuljahr 1851—52. Das Programm 
des Gymnasiums zu Wiesbaden enthält eine Abhandlung vom Ober- 
lehrer Cl ander: Coup d^oeil des methodea employeey dans Venaeiq^'^- 



S28 Scbul- and Personalnachriohlen, 

ment de la langue frangaUe, 8 S. 4. Aus dem Lebrercollegium 
schied der seit 1848 an der Anstalt wirkende Conr. Dr. Schenckel, 
welcher zu Anfang des Wintersemesters an das Schnllehrerseminar zu 
Usingen versetzt ward. Das CoUegium besteht also jetzt aus dem Di- 
rector Lex (Ordinarius in I), den Professoren Schmitthenner 
(Ord. in III), Dr. Cuntz (Ord. in II), Dr. Firnhaber u. Kirsch- 
baum, Prorector Spiess (Ord. in V), Conrector Dietz (Ordin. 
in IV), Oberlehrer Clauder (für die neueren Sprachen), Conrector 
Bernhardt (Ord. in VI), den Collaboratoren Seyberth (Ord. in 
VJII) und Bog! er (Ordin. in VII), Elementarlehrer Christ (für 
Rechnen in den Unterclassen , Schreiben und Gesang), Zeichen- und 
Turnlehrer De Lasp^e. Die Zahl der Schüler betrug 188, darunter 
133Kyang., 49 Kath., 3 Anglik., 2 Deutschkath. u. 1 Israel. Zu Ost. J851 
eUtliess die Anstalt 4 ihrer Zöglinge mit dem Zeugnis der Reife zur Uni- 
versität. — Ueber das Gymnas. zu Weilburg s. das vor. Heft S. 119. — 
GymnaF. zu Hadamar. Die Abhandlung schrieb Prof. Müller: Deduc- 
tion der Kreisfunctionen. 17 S. 4. In dem Lebrercollegium gieng 
keine Veränderung vor; es besteht aus: Director Regierungsrath 
Kreizner (Ord. in I), Prof. Kehrein (Ord. in II), Prof. Mül- 
ler (Fachlehrer für Mathematik) , ausserordentl. Prof. Barbieux 
(Fachlehrer für franz. und engl. Sprache), den Conrect. Bill (Ord. 
in V und Fachlehrer für Mineralogie , Chemie und Physik) , Meister 
(Ord. in IV und Fachlehrer für Naturgeschichte), Stell (Fachlehrer 
für den class. Sprachunterricht), Dr. Becker (Ord. in III), den Col- 
laboratoren Colomb ei (Ord. in Vll) und Ebhardt (Ord. in VIII), 
Hilfslehrern Dr. Deutschmann (Ord. in VI) und Weppelma nn (für 
Rechnen, Gesang und Schreiben), Zeichenlehrer Diefenbach, Mu- 
siklehrer Wagner. Schülerzahl: 158, darunter 121 Kath., 32 Evang., 
5 Israel. Zu Ostern 1851 entliess das Gymnasium 26 Schüler zur Uni- 
versität. — • Das Programm des Paedagogiums zu Dillenburg enthält 
nur Schulnachrichten von dem Rector. Der seit Pfingsten 1850 an der 
Anstalt beschäftigte Candidat Thomas wurde zu Anfang dieses Jah- 
res zum Collaborator ernannt. Das Collegium besteht jetzt aus Rect. 
Lade, Conr. Ilgen, den Collab. Friedemann, Wagner und Tho- 
mas, Elementarlehrer Winnen, Zeichenlehrer Herrmann, Ge- 
sanglehrer Koch. Schülerzahl 46. — Dem Programm des Realgym- 
nasiums zu Wiesbaden ist beigegeben: Betrachtungen über das Te- 
traeder mit seinen Berührungskugeln ^ vom Schulrath M ü 1 1 e r. 33 S. 4. 
Der Candidat Meng es wurde der Anstalt zur Beihilfe und zur Ab- 
haltung seines Probecursus zugewiesen ; Collab. Dr. Casselmann wurde 
zum Conrector und Oberlehrer Dr. Lüdecking zum Professor ernannt. 
Das Collegium besteht also am Schlüsse des Schuljahrs aus : Director 
Schulrath Müller, Prof. Dr. Lüdecking, den Oberlehrern G r e i s s u. 
E b e n a u , Conr. Dr. Casselmann, den CoIIab. P o 1 a c k u. Dr. Sand- 
berger, Reallehrern Becker und Leyendecker, Cand. Mengen, 
Sprachlehrer Mi Ine, den Zeichenlehrern v. Bracht u. Scheuer, Ge- 
sanglehrer Anthej!. Schülerzahl 144, darunter 106 Erang., 27 Kath., 



statistische und andere Mittheilangen. 229 

2 Deutschkath., 9 Israel. Zwei Schüler wurden Ostern 1851 mit dem 
Zeugnis der Reife zur Universität entlassen. — Von den die höheren 
Schulen betreffenden Ministerialerlassen dieses Jahres, welche in den 
Programmen angeführt werden , erwähnen wir den Erlass vom 30. Dec. 
▼. J., wodurch der zweijährige Primacursus, der bisher nur proyiso- 
riscR eingeführt und aliein von dem Gymnasium zu Wiesbaden streng 
eingehalten war, für alle Gymnasien definitiv festgesetzt und zugleich 
verfügt wurde, dass eine Zulassung zur Maturitätsprüfung vor dem 
beendigten zweijährigen Primacursus nur ausnahmsweise auf motivier- 
ten Antrag der Lehrerconferenz vom herzogl. Staatsministerium solchen 
Primanern gestattet werden solle, die durch Fleiss und eine allge- 
meine geistige , besonders sittliche Reife sich auszeichnen , in den clas- 
sischen Sprachen, der Geschichte und der Mathematik die Kenntnis- 
note *gut', in allen übrigen Fächern der Prima wenigstens die Note 
* genügend ' sich erworben haben und bestrebt gewesen sind , durch 
Privatstudium das von ihnen noch nicht absolvierte Pensum des öffent- 
lichen Unterrichts einzubringen. Zugleich wurde eine die Einrichtung 
der Maturitätsprüfung betreffende neue Instruction erlassen. 

(Bing.) 

Naumburg. Am Domgymnasium dauerte, da die Stelle des emeri- 
tierten Prof. Müller (s. das vor. Heft) noch nicht wieder besetzt 
war, die Aushilfe des Schulamtscandidaten Dr. Opitz fort. Nach- 
dem Dr. Kriegeskolte Michaelis 1851 einem Rufe nach Lennep ge- 
folgt war, übernahm sein Nachfolger an der Handelsschule Dr. Bobe 
die von jenem in der Realclasse ertheilten franzosischen Stunden. Za 
Ostern und Michaelis 1851 wurden je 3 Schüler zur Universität ent- 
lassen, und am 6. März 1852 zählte die Anstalt 179 Schüler (I: 16, 
JI: 23, III: 37, IV: 50, V: 53). 

Neustrelitz. Die Chronik des Gymnasium Carolinum von 18M> 
— 1852 meldet den Abgang des Lehrers £. Becker, welcher Mich. 

1850 an die dortige Mädchenschule übertrat, die Anstellung des Cand. 
theol. Fr. Schreiber an seiner Statt, und dass der Schulamtscand. 
Büttel, nachdem er das Oberlehrerexamen in Halle bestanden, von 
Neujahr bis Michaelis 1851 in der Mathematik und den Naturwissen- 
schaften Unterricht ertheilte. Durch Polizeiverordnung vom 30. Dec. 

1851 wurde den Gast- und Schenkwirthen in und vor der Stadt unter- 
sagt , den Schülern der Öffentlichen Lehranstalten Bier und geistige Ge- 
tränke in ihren Localen zu verabreichen. Das Elementarschulwesen 
erhielt eine Veränderung der Organisation, indem von nun an schon 
aus der 2. Elementarclasse die im Latein, unterrichteten Schüler in die 
für das Gymnasium und die Realschule vorbildende Vorbereitungsciasse 
eintreten. Mich. 1851 und 1852 wurden je 2 Schüler zur Universität 

entlassen. Die Schülerzahl des Gymn. war 

I. II. Jill. JV. Vorbereitungscl. Sa. 

Ost. — Mich. 1850 10 16 32 15 55 128 ' 

Mich. 50 — Ost. 51 7 15 32 15 55 124 

Ost. — Mich. 1851 13 17 22 31 61 144 

Mich. 51 — Ost. 52 13 17 23 34 62 149 



230 Schul- und Personalnachrichten. 

p£STH. Zum ordentl. Prof. der altclassischen Philologie an der 
Hochschule ist der Priratgelehrte K. Hai der in München und zum 
auflserordentl. der Snpplent Dr. J. T ^ 1 f y ernannt worden. 

Plauen. Weder ün Lehrplane noch im LehrercoUegium ist wäh- 
rend des Schuljahrs 1851 — 52 eine Veränderung Torgekommen. Der 
erste Adjunct Dr. Flathe erhielt unter dem 1. Aug* 1851 den Titel 
Oberlehrer. Auf Grund ron $. 64 des RegulatiTs für die Gelehrten- 
schulen ist für die ohne elterliche oder sonstige genügende Aufsicht 
lebenden Schuler des Gymnasiums eine Hausordnung entworfen und 
▼om königl. Ministerium genehmigt worden. Die Schuler^ahl war am 
Anfang 83, am Schlüsse des Schuljahres 82 (I: 15, incl. 1 Hosp., II: 
13, III: 10, IV: 16, V: 23, VI : 21). 

Potsdam. Mit Eröffnung des Schuljahres 1851 — 1852 wurde die 
Realsection durch eine vierte Classe vermehrt und ihr eine solche Ein- 
richtung gegeben, dass sie unter dem 11» Juli als eine. vollberechtigte 
Reaianstalt mit der Befugnis ihre Zöglinge auch zu der konigl. Bau- 
akademie zu entlassen anerkannt ward. Dies, sowie die Pensionierung 
des Oberlehrer Dr. Brüss Mich. 1851 und der Abgang des interimi- 
stisch beschäftigten Lehrers Hetzel an die neu errichtete Realanstalt 
zu Bromberg, hatte die vorläufige Anstellung des vorher am königl. 
Friedrich- Wilhelms - Gymnasium in Berlin beschäftigten Candid. Dr. 
Breysig und das Einrücken der Candid. Benecke und Dr. Frie- 
drich in zwei neue ordentliche Lehrstellen zur Folge. Ostern 1852 
besuchten die Anstalt 344 (I: 19, H: 30, HI: 40, IV: 37, V: 69, VI: 
46; real. I: 10, H: 17, HI: 28, IV: 48) und wurden 7 zur Universität 
entlassen. 

RÖSSEL. Das konigl. Progymnasium, an welchem an die Stelle 
des nach Conitz berufenen Candidaten Lindenblatt der Candidat 
Oestreich und der Candid. Priester Austen als Religionslehrer 
verpflichtet wurden, zählte Mich. 1851 178 Schüler (II: 17, III: 47, 
IV: 29, V: 51, VI: 34). 

KÖNIGREICH Sachsen. Nach Ministerialverfügung vom 30. Oct. 
1851 ward dieses Jahr zum ersten mal, wie fernerhin immer, der Ge- 
burtstag Sr. Maj. des Königs (18. Mai) in sämtlichen Gymnasien und 
Schnllehrerseminarien durch einen öffentlichen Schulactus gefeiert. 

Salzweoel. Der Chronik des Gymnasiums bis Ost. 1862 entneh- 
men wir, dass, nachdem von 1850 an der 1819 bewilligte Zaschuss von 
1600 Thlrn. aus Staatsmitteln eingezogen worden war, weil derselbe 
durch städtische Mittel gedeckt werden könne, was ausdrücklich bei 
der Bewilligung vorbehalten war, das Gymnasium in grosse Verlegen- 
heit gerieth, und in Folge des verbreiteten Gerüchts der Aufhebung 
sich die Schülerzahi verminderte (174 im Wintersemester, I: 15, II: 
25, in : 30, IV: 38, V: 33, VI: 33). Auf die durch einen Commissa- 
rius vom Minister gestellte Anfrage, ob die Stadtbehorden sich ver- 
pflichten wollten, vom Jahre 1856 an den Zuschuss aus städtischen Mit- 
teln zu decken (im Fall der Verneinung sollte die Einziehung erfolgen), 
entschied sich der Magistrat einstimmig, das Stadtverordnetencol- 



Todesfülle. Berichtigung. 2Si 

iegium mit 16 gegen 4 Stimmen für Beibehaltung des Gymnasiums in 
seiner bisherigen Form — eine Erscheinung, auf welche wir als auf 
eine in unserer Zeit besonders erfreuliche aufmerksam machen. Die 
Lehrer Dr. Gerhardt und Dr. B e s s I e r erhielten das Praedicat Ober- 
lehrer. 5 Abiturienten wurden als reif zur UniTersitat entlassen. 

Stargard. Am konigl. Gymnasium trat am 15. April 1851 der 
Gymnasiallehrer Reichhelm in den Ruhestand über. Zur Aushilfe 
ward der Dr. Kopp Ton Stettin gesandt und übernahm auch einige 
Lectionen für den erkrankten Prof. Wilde. Am 22. März 1851 be- 
standen 5, am 2. Sept. 4, am 21. Febr. 1852 4 die Maturitätsprüfung. 
Die Schälerzahl war 

I. II. III. IV. V. VI. Sa. 
am Anfang des Schuljahrs 21 48 49 46 38 29 231 
am Schlüsse 7 26 45 47 41 13 179 

Torgau. Das Lehrercollegium des Gymnasiums ist im Jahre 1851 
-*1852 unverändert geblieben. Die Schulamtscandidaten Dietrich und 
Michael setzten ihre Thätigkeit an der Anstalt auch nach Ablauf 
ihres Probejahrs fort, bisersterer im Februar 1852 nach Beriin abgieng. 
Die Schülerzahl betrug gegen Ende des Schuljahrs 248. Zur Uniyer- 
sität giengen Mich. 1851 5. 



Todesfälle. 



Im April starb zu Kiel der an der Universität seit 1797 angestellte 
Prof. Dr. Joh. Leonh. Pf äff. 

Am 4. April zu Carlsruhe der Hofrath und Professor am dasigen Ly- 
ceum W. Maurer (geb. zu Heidelberg am 1. Nov. 1799). 

Am 23. April zu Baden der k. russische Staatsrath von Joukows* 
ki, der den Homer ins Russische übersetzt hat. 

Am 27. April in Paris Baron von Walckenaer, 83 Jahr alt, 
Secretär der Akademie und Conservateur der Nationalbibliothek. 



Berichtigung. 



Mainz. In den Schulnachrichten der NJahrb. f. Philol. u. Paed. 
Bd. LXIII. Hft. 3. S. 330 ff. wird von Giessen aus sehr ausführlich 
über die Programme berichtet, welche zu Ehren Osanns gelegent- 
lich seiner 25jährigen segensreichen Amtsthätigkeit im Grossherzogthum 
Hessen erschienen sind. — Schreib;er dieses wundert sich, dass 
hiebei mit Stillschweigen übergangen ist das Wormser Gymnasial- 



232 Einladung. 

Programm des Jahres 1846 Tom Hrn. Birector Wiegand, worin der^ 
selbe ein Sendschreiben an Hrn. Prof. Friedrich Osann über Piatonis 
Rep. IX, 9 veröffentlicht und zugleich nicht nur einen geschichtlichen 
Ueberblick des Giessner philologischen Seminars Yor Osann, sondern 
auch die lateinische Addresse an letztern mittheilt, welche gelegent- 
lich der L845 zu Darmstadt abgehaltenen Philologen-Versammlung von 
den dort anwesenden Schülern Osanns diesem als ausdrückliche Vor- 
feier übergeben wurde. — Noch auffallender war, dass der Hr. Be- 
richterstatter gelegentlich der Erwähnung dieser Pietatsfeier das Rai- 
sonnement einfliessen lässt, dass bei uns in einem kleinen Ländchen 
in Schulsachen nichts grosses zu Stande kommen könne, — weil 
seine Idee eines Albums nicht yerwirklicht wurde. In den nächsten 
und entfernteren Kreisen ist nicht so geurtheilt worden. In unserer 
Zeit, in welcher immer mehr die Klagen über Mangel an Pietät im 
Kreise des Gymnasialwesens gefuhrt werden, hat man die fragliche Pie- 
tätsbezeugung als eine eben so schone wie seltene Erscheinung an- 
gesehn und Hr. Prof. Osann hat dieselbe sowohl privatim als auch 
öffentlich also aufgenommen. Der Schreiber dieses mochte glauben, 
dass Gefühle und Zeichen der Pietät desto weniger nach dem Maas- 
stabe der Grösse der Demonstration beurtheilt werden dürften, je 
wahrer und inniger sie sind. 



Einladung. 

Mit allerhöchster Genehmigung wird in diesem Jahre die Ver- 
sammlung deutscher Philologen, Schulmänner und Orientalisten vom 
29. September bis 2. October dahier stattfinden, wozu die unterzeich- 
neten Geschäftsführer jeden statutarisch berechtigten hierdurch ge- 
ziemendst einladen, und sich zugleich gern bereit erklären nähere 
Anfragen oder Wünsche entgegenzunehmen und nach Möglichkeit zu 
erledigen. 

Göttingen den 14. Juni 1852. 

Hermann. Schneidewin, Ewald. 



Kritische Beartheilnngen. 



Sophokles. Erklärt von F. W, Schneidewin. Viertes Bändchen: Antl- 
gone. Leipzig Weidmannsche Bnchh. 1852. 155 S. 8. 

Unter allen Sophokleischen Stücken ist keins, das in den letzten 
Jahren einen solchen Wetteifer der verschiedensten Kräfte sich zuge- 
wandt hätte, als die Antigene. Dass trotz dieser vielseitigen Bemü- 
hungen sich noch Lorbeeren erringen Hessen , lehrt die vorliegende 
Ausgabe, die an einer bedeutenden Anzahl von Stellen zuerst das 
richtige nachweist und durch den sichern Takt wie durch die ge- 
wissenhafte Strenge, mit welcher die Gedanken des Dichters Schritt 
für Schritt verfolgt werden , sich durchweg auf das vortheilhafleste 
empfiehlt. Der Schneidewinsche Sophokliskus hat die ihm gebührende 
Anerkennung bereits gefunden; die Uebers«tzung ins Englische und 
der rasche Verbrauch der zuerst erschienenen Theile, der trotz der 
unphilologi sehen Richtung unserer Zeit schon jetzt eine neue Auflage 
nöthig macht, gründet sich auf den innern Werth und die VortrefT- 
lichkeit dieser Arbeit. Eben darum würde es überflüssig sein, das 
was Schneidewiu für die Erklärung und für die Läuterung des Textes 
in der Antigone geleistet hat , im einzelnen zu erörtern : lieber möch- 
ten wir darauf hinweisen , dass Interpretation und Kritik auch hier 
noch bei weitem nicht zum Abschluss gebracht ist, und namentlich 
werden wir zu zeigen suchen, dass die Erklärung allzu willfährig sich 
mit manchen Stellen abzufinden gewusst hat, die nur von der Con- 
jecturalkriiik ihre Lösung erwarten dürfen. 

Die von Schneidewin voraufgeschickte, überaus lehrreiche und 
gehaltvolle Einleitung (S. 1 — 30) handelt in vier Abschnitten 1) Über 
den der Antigone zu Grunde liegenden Mythus , 2) über die Oekono- 
mie des Stücks und den Verlauf der Handlung, 3) über die Charak- 
tere der einzelnen Personen, endlich 4) über die Nachahmungen wie 
über die äussern Schicksale des Sophokleischen Stücks. Im ersten 
Abschnitt (S. 1 — 6) wird gezeigt, dass d^jr Mythus überaus jung ist, 
dem Epos vne der lyrischen Poesie gänzlich unbekannt und auf atti- 
schem Boden entsprungen. Aeschylus war es , der (Sept. 1005 fgg.) 
die Dichtung des Sophokles anregte und die ersten Umrisse dazu lie- 
ferte. Pindar kennt die sieben Scheiterhaufen (^Ejtxa Uvqal vor 
Theben) für die sieben Heerestheile und ihre Führer an den sieben 
Thoren, und nach einer Sage wurden Eteokles undPolynikes auf dem- 
selben Scheiterhaufen verbrannt , wobei die Flamme sich spaltete, wie 
um die unversöhnliche Entzweiung der feindlichen Brüder anzuzei^«.^. 

N. Jakrb, f, PkU. u. Paed, Bd, LSLV. Hfl, a. ^^ 



234 Griechische Litteratur. 

Der Tragiker Ion lässt die Antigone und Ismene noch zur Zeit des 
Epigoiienkriegs leben. Von einem LiebesYerhältnis des Haemon und der 
Antigone ist vor Sophokles nirgends die Rede ; ebenso erdichtete nur 
er den Tod des Megareus, ^um Kreons gänzliche Vereinsamung am 
Schlüsse des Stücks zu motivieren' (aber auch um für Kreons Worte: 
ovxovv TtciQog ys (Sijg ine9<Sxuxowv g>^v6g 993, den thatsächlichen Be- 
weis zu geben), und so zeigt sich in andern Einzelheiten, wie So- 
phokles durch künstlerische Motive geleitet von der alten Ueberlie- 
ferung viel Fach abwich. Da jedes Drama für sich ein geschlossenes 
Kunstwerk bildet, so darf es nicht befremden, wenn derselbe Dichter 
in verschiedenen Dramen nicht dieselben Sagen befolgt. Was Antig. 
4d vom Tod des Oedipus gesagt wird : 

ccnex^r^g dviSxXsiqg t anciXstOj 
TtQog avrotpwQoav ifiTtkcenriiiarGW dmXccg 
oipstg aQcc^ag avrog avtovQym %6Qi^ 

verträgt sich nicht mit Oed. Col. 1663 fgg. : 

ivv^Q yicQ Qv 0xeva%xog ovdh <Svv vodotg 
alyeivog i^eniimet , aXk e? xig ßq&t^v 
d'av^a(Sz6g. 

Antig. 900 fgg. deutet auf ein gleichzeitiges Ende des Oe- 
dipus und der lokaste, als Antigone schon erwachsen ist, während 
im Oed. R. Oedipus am Leben bleibt und die beiden Mädchen noch 
unmündig (Oed. R. 1511) sind. Der Auftrag, den Polynikes im Oed. 
Col. 1409 fg. gibt, ist für das vorliegende Stück undenkbar. Nach 
Antig. 167 fgg. gelangen zuerst die Sdhne des Oedipus, dann Kreon 
zur Regierung ; anders im Oed. R. und Oed. Col. Mit Recht also warnt 
Schneidewill (S. 4) , aus der fest umgrenzten Welt besonderer Dra- 
men Verhältnisse und Charaktere auf andre Dramen desselben Sagen- 
kreises zu übertragen ; zugleich zeigt er, dass im Oed. R. und Oed. 
Col. zuweilen auf die früher gedichtete Antigone Rücksicht genommen 
wird. — Der zweite Abschnitt (S. 7 — 23) gibt eine ausführliche Dar- 
legung des Inhalts und der Oekonomie des Stücks. Nor weniges möch- 
ten wir anders aufgefasst sehn , wie wenn S. 8 gesagt wird : ^die schwa- 
che Ismene , die trotz der Ueberzeuguug von Antigones Recht sich der 
Obmacht duldend beugt.' Ismene ist überzeugt, der gestorbne Bruder 
wird es verzeihn, wenn sie, durch die Gewalt verhindert, ihn nicht 
nach Sitte und Gebühr ehren kann ; darum gehorcht sie den herschen- 
d;!n , und Widersetzlichkeit erscheint ihr sinnlos (65 — 68) : die An- 
nihme, dass Ismene dem Vorhaben der Antigone Beifall zolle, beruht 
r.ur auf 98 fg., wovon unten. Vom Wächter heisst es (S. 11), er 
V itzle , ^ indem er in Folge seines guten Gewissens ruhig bleibe.' Der 
Wächter bleibt nicht ruhig, sondern er gewinnt erst allmählich eine 
ruhige Stimmung, keineswegs aber in Folge seines guten Gewissens, 
i^ondern weil er sieht, dass er wider Erwarten (^ixxog iXitldog yvdfAfjg 
T ifiijg 330) noch mit heiler Haut davon kömmt; denn im Anfang hatte 
er trotz des guten Gewissens eine bedeutende Angst, und zur Mitthei- 



Schneidewin: Sophokles. Viertea Bfindchen. 235 

lang des geschehenen entschloss er sich nur schwer, mit dem ver- 
zweifelten Trost xov iiri na^uv äv • aXXo nXtiv ro fioQöifiov 236. — 
In der Charakteristik der handelnden Personen (S. 33 — ^28) möchte ich 
nicht gelten lassen was Schneidewin S. 25 sagt, Sophokles lasse, um 
die Antigone desto höher zu stellen , die übrigen Personen das Maass 
des gewöhnlichen nicht überschreiten. Auf Ismene findet dies keine 
Anwendung , ich glaube nicht einmal auf Kreon. Antigone geht über 
die natürlichen Schranken ihres Geschlechts hinaus; ihr Heldenmath 
ist nicht frei von Schroffheit und Hfirle, die sich nicht nur dem Kreon, 
sondern auch der liebevollen Ismene gegenüber mit schneidender 
Schärfe geltend macht. Ismene ist dagegen das Ideal des antiken Wei- 
bes; sie beugt sich unter den Befehl des Kreon, nicht aus Gleichgiltig- 
keit gegen Polynikes , sondern weil sie ein Weib ist und folglich 
gegen Männer nicht zu kämpfen yermag, sodann weil es sich ziemt 
zoig h xikst ßeßmau TtM'ia&ai (61 fgg.)- ^i® Willigkeit mit der sie 
duldet, die Zärtlichkeit gegen ihre Schwester, die aufopfernde Liebe, 
mit der sie sich zur mitschuldigem macht, um mit der zu sterben, ohne 
die sie nicht leben mag — alles dies erhebt sie durchaus über das. 
alltägliche. Selbst Kreon ist weder ein schlechter , noch ein gewöhn- 
licher Mensch: wäre dies der Fall, so würde der Schluss des Stücks, 
wo er der Mittelpunkt der von allen Seiten hereinbrechenden Leiden 
wird, seine Wirkung total verfehlen. Der hellenische Patriotismus 
ist uns fremd; wir haben daher kaum eine Ahnung davon, was es 
hiess als Feind des Vaterlandes dazustehn, und welcher Frevel es zar 
Zeit des Sophokles war, den Befehlen der Behörden sich eigenmäch- 
tig zu widersetzen. Gerade diese beideu Punkte aber müssen wir in 
ihrem vollen Gewicht fühlen, um nicht über Kreons Thun unrichtig und 
schief zu urtheilen. Schneidewins Kaisonnement über Kreons Befehl, 
er sei erstens ungrossmüthig, zweitens unfromm, drittens über- 
eilt, viertens unbedacht (S. 25 fg.), ist in keiner Weise aus der 
Darstellung des Dichters zu rechtfertigen and eben darum gleichgiltig 
oder vielmehr verfehlt. Aus Kreons Worten 184 fgg. Hess sich eine 
richtigere Beurtheilung entnehmen; diese Worte für ^sophistische 
Gleissnerei ' zu halten (S. 26) , fehlt jeder Grund. Ebenso möchte ich 
aus der Umständlichkeit, mit welcher Kreon über seine Maximen 
spricht , nicht den Schluss ziehn , er selbst fühle , dass sein Psephisma 
unpopulär und unedel sei (S. 26) : der Dichter will uns vielmehr füh- 
len lassen , dass Kreon nicht blindlings , sondern nach fester lieber- 
zepgung handelt, und dass eine gewisse Entsagung daza gehörte, 
gegen die nächsten angehörigen , die ihn bisher den guten Kreon (dl) 
genannt hatten , unerbittlich streng za sein. Schneidewin meint : ^ so 
sehr Kreon das Staatswohl vorschützt, persönliche Rücksichten blicken 
doch oftmals durch' (S. 26). Allerdings fühlt sich Kreon in seiner 
Person dadurch verletzt, dass ein von ihm dem Staatsoberhaupt nicht 
ohne innern Kampf erlassenes Gebot übertreten wird und dass es ein 
Weib ist, welches diese Uebertretung gewagt hat; im übrigen opfert 
er jede persönliche Rücksicht , und gerade hierin liegt die «iU.Vv^'^ 



236 Griechische Litteratur. 

Energie seines Thuns, dass er von den Banden des Bluts sich nicht 
bestricken iasst, das vermeintliche Recht zu beugen. Bei dem Starr- 
sinn (wenn man so sagen darf), mit dem er dies vermeintliche Recht 
festhält , und bei der Leidenschaftlichkeit , mit der er andere falsch 
beurtheilt, dürfen wir nicht vergessen, dass er im Grunde seines Her- 
zens es redlich meint. Wenn er selbst der letzten Mahnung des Tire- 
sias anfangs widerstrebt, so geschieht dies, weiF er eben seine atrj 
erfüllen müss; allein zwei Dinge dienen dazu seine Schuld zu min- 
dern: einmal dass er früher dem Tiresias ein williges Ohr lieh, so- 
dann dass seine Verblendung vorübergehend ist und dass er nach der 
Erinnerung des Chors , der Seher habe noch niemals unwahr geredet, 
sich sofort — aber freilich zu spät — eines bessern besinnt. Wenn 
ich nicht irre, kann diese lang vorbereitete Umkehr g^nz besonders 
zeigea, dass Kreon weder * seinen Willen zum unbedingten Gesetz ' 
macht (Schneidewin S. 26), noch *mit frevelhaftem Leichtsinn die hei- 
ligsten Familienbande zerreisst' (Sehn. S. 27). — Im vierten Ab- 
schnitt (S. 29. dO) weist Schneidewin namentlich darauf hin , wie der- 
selbe Stoff von Euripides behandelt (man kann sagen mishandelt) 
wurde : Haemon und Antigone bestatten gemeinsam den gefallenen Po- 
lynikes ; die daraus entspringenden Conflicte löst ein deus ex machina^ 
Dionysos, und so laufen die liebenden gemüthlich in den Hafen der 
Ehe ein. Die Aufführung der Sophokleischen Antigone setzt Schnei- 
dewin in das dritte oder vierte Jahr von Olymp. 8:^ (441 oder 440 vor 
Chr.), und nach einer Angabe in Cramers Anecd. Oxon. IV p. 315 
vermuthet er , lophon , der Sohn des Sophokles , habe das Stück nicht 
ohne eigne Zuthaten von neuem auf die Bühne gebracht. 

Der Anfang des Stücks leidet an erheblichen Schwierigkeiten, 
Vs. 2. 3: ^ ^ 

aQ ol0^ XI Zsvg rmv aii Oldtnov xuKciv 

OTCotov Qvxl v<pp ht ici(Saiv reXsi; 
So schreibt Schneidewin, mit der Interpretation : ^weisst du ein Leiden 
des Oedipus, das nicht Zeus von ihm her, ein Leiden, welcherlei Art 
nicht Zeus an uns vollendet?' Antigone soll beginnen mit aQ olad^ 
i) u (pv) Zevg tsXh^ und sich, indem sie die Manigfaltigkeit ihrer 
Leiden ins Auge fasst, mit bnotov (yv%l verbessern. Fragt man, wa- 
rum Antigone sich so ausdrückt, dass sie ihre Worte verbessern muss, 
80 lautet die Antwort: der Dichter wollte dadurch ihren leidenschaft- 
lich erregten Zustand mahlen. Gegen eine solche Annahme erheben 
sich einige Bedenken. Man vergleiche die Anfänge sämtlicher uns er- 
haltenen Tragoedien , man wird ikirgends finden , dass das Pathos schon 
in den ersten drei Versen stark genug ist , um sich gegen die Gram- 
matik zu sträuben; vielmehr zeigen alle uns vorliegenden Anfänge 
einen ruhigen, ebenmässigen Redefluss und die strengste grammati- 
sche Correctheit. Diese Thatsache ist nicht zufällig, sondern sie be- 
ruht auf innerer Nothwendigkeit. Der Zuschauer — und nie dürfen 
wir vergessen, dass die alten Tragoedien für die Bühne bestimmt 
waren — kann erst allmählich in die Kämpfe der handelnden Personen 



Schneiderin: Sophokles. Viertes Bändchen. 237 

hineingezogen und von denselben mit ergriffen werden: ein leiden- 
schaftliches Stammeln , dessen Motive wir nicht kennen nnd nicht nach«- 
fahien, wird eher Misfallen als Sympathie erregen. Es wäre daher 
ein psychologischer Misgriff, wenn ein Tragiker um des höhern Pa- 
thos willen sofort beim Beginn des Stücks sich rhetorischer Freihei- 
ten bedi^en wollte^ die später durch die Leidenschaftlichkeit der 
Situation sehr wohl gerechtfertigt sein können. Wenn demnach selbst 
Aeschylus, der sonst viel wagt, seine Stücke verhältnismässig sehr 
einfach anheben lässt, wenn Euripides, um den Zuschauer vorzube- 
reiten, sich besonderer einleitender Prologe bedient, die über den 
Status rerum Bericht erstatten, wenn Sophokles in allen übrigen 
Stücken zwar kräftige und nachdrückliche, aber durchaus ruhige und 
besonnene Reden an die Spitze stellt, so darf im vorliegenden Falle 
die Leidenschaftlichkeit der Antigone schwerlich benutzt werden, um 
eine wunderliche Redeweise zu rechtfertigen. Man denke sich das 
attische Publicum, dessen wachsame Kritik auch die kleinsten Män- 
gel bemerkte und unbarmherzig verspottete: eine Antigone, die sich 
gleich im ersten Satz als schlechte Rednerin produciert hätte, würde 
durch einen solchen Anfang leicht alles verscherzt haben. Inzwischen 
möchte ich eine Redeweise wie die erwähnte auch in der leiden- 
schaftlichsten Situation kaum gelten lassen. Das ungeschickte liegt 
darin , dass dem moiov ovyi des dritten Verses ein blosses o xt ohne 
Negation entsprechen soll. Es scheint mir nothwendig statt o xi viel- 
mehr ort zu schreiben: ^dn weisst doch wohl, dass Zeus' n. s. w., 
wie bei Arisloph. Av. 1246: ocq olad^ oxi Zsvq et fie Xvni^<tst niqu — ; 
Dann würde aber nach der hergebrachten Lesart wieder eine Härte 
entstehn, dadurch dass von ola^a zwei verschiedenartige Construc- 
tionen abhängig gemacht wären in einer Weise , die sich durch nichts 
ähnliches rechtfertigen lässt. Dieser Härte entgehn wir durch Hinzu- 
fügung ^ines Buchstaben: 

aq oUs^ ort Zeig xwv iiii OldlTtav xaxcSi/ 
xb nolov oi;%l i cov exi ^diSatv xsket; 

wo xo Ttoiov ov%l soviel ist als näv onoiavovv. lieber den Artikel 
bei notog vergl. man Soph. Oed. R. 120. 191. Trach. 78. Phil. 1229. 
4: ovöhv vag ovx ccXyetvov. ovx axng axsoj 
OVX aiöxQOv , ovx axiuov $69 OTtotov ov 
xoov (Stov XB xaftwv ov% oitont iya nanmv. 

Die Worte ovx axrig axeg sind in Wahrheit für die Philologen eine 
axfi: es liessen sich Bogen füllen, wenn jemand alles sammeln wollte 
was darüber bereits gesagt worden ist. Schneidewin fasst &x€q ad- 
jectivisch und macht den Genitiv axrig von xyvöiv abhäqgig; er inter- 
pretiert: ovxs axfjg ovSiv Sxbq icxiv^ ml nee triste nee aerumnosi ab- 
est. Hätte Sophokles dies gewollt , so würde er doch wohl i^schrie- 
bei) haben om ccxrig inov. Wie jetzt die Worte stehn, kann man 
axeq nur als Praeposition fassen und mit ixrig verbinden — wofern 
man nicht dem Dichter zutrauen will , dass er , wie um ae\^ ^«Sc^k^soecx 



238 Griechisohe LiUeratar. 

sn foppen , ein unvermeidliches Misverstandnis habe hervorrufen wol- 
len. Die ganze Fassung der Stelle seheint darauf hinzuweisen, dass 
Antigone das Uebermaass ihrer Leiden dadurch schildert, dass sie sagt : 
keinen Schmerz und keine Schmach gibt es, die wir nicht ge- 
duldet hatten. Es sind nicht vier, sondern zwei Dinge die sie neben- 
einander stellt. Ys. 4 spricht sie von dem Schmerz, Vs. 5 von der 
Sehmach , und jeden dieser Begriffe umschreibt sie wieder durch zwei 
Ausdrücke, den ersten durch ilysivov und ovx ärqg JiteQj den zwei- 
ten durch ctusygov und atmov. Hiernach möchte ich lesen : 
ovoev vag (yvv alysivov ovo axm arsü» 
ovt aiöx^ov fjo an(AOv ed^ , oTtoiov ov 
xmv ömu ve xcJftcov ovk oitmii iym Twn&v. 
Gegen diese Redeweise dürfte weder in logischer noch in sprach- 
licher Hinsicht sich etwas einwenden lassen: ^di gebraucht Sophokles 
auch sonst im Trimeter (fr. 345. 493 und nach Schneidewins Vermu- 
thung fr. 517, 10), wenngleich seltner als Aeschylus und Euripides. 
23 fgg. : '£r£OxAea ftii/, cog Xiyovöiy avv d/x|} 

Xgria^slg diTutCc^ xal vofnp wxxa jfi'^^og 

ixQviffe toig Sveq^ev Ivtiiiov va^gotg. 
Dies ist die Ueberlieferung, gegen welche die Form %gvfi^Blg statt 
XJiffiOa^svog^ das d/x]/ öiTtai^ und endlich die Praeposition aifv neben 
X^G&cct laut genug sprechen. Jacob und Schneidewin nehmen auch 
an in,' liyovai, Anstoss. Der erstere verband es mit den Worten avv 
Slnrj und meinte, über das rechtmässige der Bestattung des Eteokles 
könne kein Zweifel obwalten. Eben darum wird &g iiyovöi auf 
hii^wlfs zu beziehn sein, Dagegen macht nun Schneidewin geltend, 
aus 900 fgg. ergebe sich , dass Antigone den Eteokles pflichtgemäss 
mitbestattet habe. Allein wenn dies aus der angegebenen Stelle folgte, 
woran sich noch zweifeln lässt (das %a<sLyvfjfcov ^aqa 899 scheint auf 
Polynikes zu gehn, und die Worte vvv d\ nolvveiMBg xo cov 902 fgg. 
sind interpoliert, wovon unten), so ist damit noch nicht bewiesen, 
dass die Bestattung des Eteokles bereits zu der Zeit vollzogen war, 
wo Antigones Zwiegespräch mit Ismene stattfindet. Dass vielmehr 
damals Eteokles noch nicht bestattet war, lehrt auf das deutlichste 
Kreons spätere Aussage , 192 fgg. : Jc^^v|ofg ?%© aaxoXu noclömv xmv 
ait Oiöinov nigr ^EcsouXia [ihv — ra^co xs itgvijHxi wtl xa navx 
itpayvCaat,^ wo Schneidewin (Anm. zu 197) durch eine wunderliche 
Interpretation den Kreon Lügen zu strafen sucht. Wofern man mit 
Schneidewin ini liyovfSi streicht, widersprechen sich 23 und 192 fgg. ; 
wenn dagegen Antigone die Bestattung des Eteokles nur als ein (wie 
sich später ergibt, der Wahrheit nicht ganz conformes) Gerücht hin- 
stellt, so ist von diesem Widerspruch nicht die Rede. Darum halte 
ich G)g XiyovCi für nothwendig. Auch im übrigen scheint der Vor- 
schlag von Jacob : 

'Er£oxAia filv (Svv 6Uv ncexa %9ovog 

Ixgv^s xoig l'vsQ^ev itrciiMV vBXQoig^ 
mit dem Kolster im Philologus V S. 224 und Schneidewin fast über- 



Schneidewin : Sophokles. Viertes Bändchen. 239 

einstimmen (statt (fvv öUri verlangt Kolster mg vofim^ Schneidewin 
fj diKfj) , nicht eben viel Wahrscheinlichkeit za haben ; jedesfalls ist 
die von Schneidewin vorausgesetzte allmähliche Entstehung der Inter- 
polation allzu künstlich und subtil. Wäre igyiöd-slg der einzige oder 
auch nur der Hauptanstoss , so würden wir es dankbar annehmen, dass 
G. Wolff in der Zeitschr. für d. Gymnasialwesen Jahrg. Y S. 728 i?. 
an das von Polybius II, 32, 7 gebrauchte (SvyxQrfiSijvai, erinnert ; jetzt 
kann uns dies wenig fruchten , und ich möchte vorschlagen : 
'£r£ox^€a ftev, co^ l&yaviSi^ dvv SUji^ 
K glast öiMaitf Kcrl voftci xorror ^'^ovo^ ix^ipe xrL 
31 fg. : toucvxci g>aai tov aya&ov Kgiovcd fSoi 

KafioC^ Xiyto yicQ nifii^ KtiQV^avz i%etv %xk. 
Das kiytn yaq Tcotfii erklärt Schneidewin so gut es geht : ^ wohige- 
merkt, auch mir, die er schlecht kennen musste.' Antigone würde 
hiernach sich der Ismene gegenüberstellen und den eignen Werth im 
Gegensatz zur zweifelhaften oder verwerflichen Gesinnung der Schwe- 
ster hervorheben. Dies war indes ihre Absicht nicht. Sie wollte nur 
die Ismene anspornen zur Theilnahme an der Bestattung des Polyni- 
kes, zum ^vfiicoveiv »ccl ^vegyci^sa&ai (41). Dieser Absicht würde 
es angemessener sein, wenn sie der Ismene sagte: ^auch dich be- 
trifft das Gebot des Kreon.' Je mehr die Antigone mit sich selbst im 
reinen ist, um so ungeduldiger verlangt sie die Entscheidung ihrer 
Schwester, nicht als ob sie allein sich zu schwach fühlte ihr Vor- 
haben auszuführen, sondern weil sie wünscht und wünschen mu8s, 
dass auch Ismene den gestorbenen Bruder ehre. Nach den folgend«;^ 
Worten : 

ovxoig ixet aol tavta %al öel^eig xiyjUy 
6tx svyBVfjg ni<pv7iccg bXx iiSd-lap xaxi^, 
scheint es mir unzweifelhaft , dass Sophokles schrieb : 
xotavxd g>ccat rov iyctd'ov Kqiovxa fiot 
Kai aol^ kiyto yccQ %al (Si^ TCtj^^avx i%Biv %xX. 
Die jetzige Lesart danken wir dem Misverständnis der Leser, die 
meinten , Antigone müsse als die Heldin des Stücks , die durch Kreons 
Drohungen sich nicht schrecken Hess , auch hier in den Vordergrund 
gestellt sein. — Zu 38 gibt Schneidewin die Erklärung, Antigone 
meine: tXx evyevtig 7ii(pvKag iiSd-XmVj Btxs hd-lmv nigruKag Kaai^. 
Diese Ergänzung ist gegen den Sinn des Dichters , das iad'k^v würde 
im ersten Glied nicht nur ein zweckloser, sondern ein störender Zu- 
satz sein ; es gehört ausschliesslich zum zweiten Glied als Gegensatz 
zu xaxi^. Paraphrasiert lautet der Gedanke: ^du wirst nun zeigen, ob 
du in Wahrheit avysviqg bist oder eine Kccuri ^vyitviq yovicDv icSd'Xav 
deinem Geschlecht Schande machst.' 

45: I£M. fi yaQ voetg ^iitxttv <Sip inoq^ov itoXei; 
ANT. xov yovv i(jtov xal tov tfdv, ^V Ov (lii ^iXjfg 
€cösXg>6v ov yccq dii n^dovtf aXwSoiuct. 
Die Worte : ^ ich will meinen Bruder bestatten und — wofern du dich 
weigerst — auch deinen', sind mindestens etwas matt. In d«n^ "^^^^ 



240 Griechische Litleratur. 

abv iÖ6Xg)ov ^ailna liegt eine Willfährigkeit, wie sie Antigene gegen 
ihre Schwester sonst nirgends zeigt. Man vergl. 69 fg. : ovx Sv xe- 
kivOatfi^ ovt av et &ikoig In nQcc66eiv^ ifiov y Sv riöiüDs dgtiqg 
(iha Q. ähni. Meinem Gefühl nach kann Antigone nur sagen: ^be- 
trachtest da den Polynikes nicht als den deinigen , so ist er wenig- 
stens mein Bruder, und ich werde nicht des Verraths an meinem Bru- 
der mich schuldig machen.' Vielleicht bt zu schreiben : 
xov ovv ifiov yf, rov abv iqv iSv (lii ^ilyg. 
Die Spitze dieser Rede liegt offen: ^wiUst du nicht deinen, so will 
ich wenigstens meinen Bruder beerdigen.' Auch 48 spricht Anti- 
gone der Ismehe jeden Antheil am Polynikes ab, indem sie sagt: akX 
ovöhv ctuTCüi xmv ififSv fi st^eiv (liva^ wo Schnei dewin nach dem 
Vorgang alter Erklärer unrichtig an ta ifAci ^ meine Obliegenheiten' 
denkt, während vielmehr o£ ifioi ^ meine angehörigen' gemeint sind. 
Für die von mir geforderte Interpunction sprechen auch die Scholien, 
wo es heisst: «äv firi ngoöTtoi^ cevrbv elvcci <Sov cidek(pov. Dieselben 
bemerken : JlSv^wg di q>rfiiv wtb rcov intoiivriiiattö-cmv xov i^i]q 6x1- 
Xov vevo^sva&ai. Vs. 46 verletzt die Stichomythie , er ist vollkom- 
men entbehrlich , und ich trage kein Bedenken ihn zu tilgen. 

88: d'BQfiriv ini '^iqöUsi xocq81ccp e%€ig. 

Das inl tiw%Qotai wird verschieden gefasst ; die einen erklären : ^ du 
hast ein heisses- Herz für todte', die andern und mit ihnen Schnei- 
dewin: ^du bist heissblütig bei kalten Dingen.' Gegen die erste 
Erklärung sträubt sich der ganze Zusammenhang, und es wärde dem 
Gharakter der Ismene nicht entsprechen , wenn sie aus der Liebe zum 
Bruder der Antigone einen Vorwurf machte, wenn sie also meinte, 
mit dem Erkalten des todten müsse auch das Herz der angehörigen 
gegen ihn kalt werden. Gegen die zweite Erklärung spricht der Um- 
stand, dass man nicht recht sieht, warum das Vorhaben der Antigone 
geeignet sein soll — wie Jacob sagt — Muth und Leidenschaft ab- 
zukühlen ; weshalb Schneidewin die missliche Ansicht äussjert, iicl tfw- 
XQoiai sei nur um der rhetorischen Schärfung willen hinzugefügt. ^Bjjtl 
bedeutet hier vielmehr nach; dies entspricht allein dem Sinn unse- 
rer Stelle. Ismene meint: ^nach den Leiden, die unser Haus betroffen 
haben, hast du noch heisses Blut.' Eine ganz entsprechende Ueber- 
setzung halte ich* für unmöglich, weil uns das congruente Wort fehlt 
für tfrvxQog^ das in übertragner Bedeutung den Sinn bekömmt wi- 
derwärtig. So tjwxQbv TcccQayKccltafia Antig. 650. 'tffvxQOv ßlov jcotl 
öv(5%6X(yv Aristoph. Flut. 263 u. a. Diese Uebertragung von kalt ist 
der deutschen Sprache fremd, daher wird unsere Uebersetzung stets 
hinken. Um sich dem Griechischen zu nähern, könnte man vielleicht 
versuchen : 

^Nach kalten Schicksalsstürmen hast du heisses Blut.' 
Ismene bezieht sich, wie man sieht, auf die oben (49 fgg.) gegebene 
Auseinandersetzung der harten Schicksalsschläge, denen ihre nächsten 
angehörigen erlegen sind. 

Am Schlüsse des Zwiegesprächs der Schwestern kündigt Antigone 



Schneidewin: Sophokles. Viertes ßändcheii. 241 

in hitziger Aufwallung ihre und des Bruders Feindschaft der Ismene 
an und erklärt , sie selbst werde ohne Bedenken dem drohenden Uebel 
die Stirn bieten; denn in jedem Fall bleibe ihr ein rühmlicher Tod. 
Darauf antwortet Ismene 98 fg. : 

ulÜ sl Sonst aot^ (irH%6' rovto d t(S^ ^ ort 
avovg fiev i^xei^ rotg q)lkotg 6 OQ^mg (pCXrj, 
Sollte Sophokles statt des kahlen sQxei nicht vielmehr iggeig gewählt 
haben? Dies Yerbum ist gerade da üblich, wo ins Verderben 
g e h n ausgedrückt werden soll : Sqqbi nav(6Xrig Sijfiog Aesch. Fers. 
732. tov(i6v ag i^gei öiiiag Soph. El. 57. utpavxog ^QQSi ^vaalfim 
XeiQcifiati Oed. R. 560 u. ähnl. Hinsichtlich des Sinnes der obigen 
Worte scheint mir der zweite Vers etwas matt : nach der Ankündigung 
rovTO d' l!<Sd'^ Ott sollte man einen nachdrücklichem Gedanken erwar- 
ten als das blosse: ^ du bist zwar einfältig, aber gegen den Polynikes 
liebevoll''*'). Ismene würde damit zugleich der Antigone ein Zuge- 
ständnis machen , das sich weder mit ihrem eignen Thun verträgt noch 
mit der oben ausgesprochnen Ansicht über die Lage der Dinge, s. 67 fgg. : 

iyw (liv ovv alrovca rovg imo %&ovog 

^vyyvoiccv i6%siv^ ag ßuc^oiiat tads. 

xotg iv tilst ßeß^üt TCelaofiat* ro yaq 

TtSQtiSaoc Tt^öaetv ov% S%€t vovv ovöhu, 
Sie würde durch diese Anerkennung des Rechts der Antigone deren 
Vorhaben noch befordern, während die innigste Schwesterliebe ihr 
gebietet, auf jede Weise das unheilvolle Beginnen zu hintertreiben. 
Endlich liegt in dem unvermerkt beigegebeneu avovg (liv ein ver- 
steckter und eben darum verletzender, liebloser Angriff: ^zwar bist 
du sinnlos' — als ob die Sinnlosigkeit der Antigone sich von selbst 
verstände und der Erwähnung kaum bedürfte. Offenbar konnte Sopho- 
kles nur sagen : ^ du bist mir lieb , aber eben weil ich dich liebe, 
muss ich dir das harte Wort sagen : du handelst sinnlos.' Demnach 
möchte ich lesen: (piXrj (lev Iggstg^ xotg g>lXoig 6^ oQ^mg Svovg. Dass 
Anfang und Ende desselben Verses zuweilen von den Abschreibern 
vertauscht wurden, ist erwiesen; dahin gehört das Sprichwort: kv- 
itog Xiovti iSv(ißccXlst 7ceq>Qayfiiv€0 Paroem. Append. III, 76 statt tu- 
q)Qay(iiv€o Xiovtt <SvfißäXXsi Xv^og^ und vielleicht Eur. fr. 970, 1: xa- 
xov ywcctxa TtQO^ viov ^ev^ai yqccutv^ statt yqcuav yvvcttKa fCffog viov 
^ev^ai Tucnov» 

186 : ovr Sv ötamiqöaifAi triv axriv oqcSv 

iSxeC%ovaav aiSxotg avxl f^g (StoxriQCag, 
Schneidewin interpungiert nach atSxotg^ um aml xijg (StaxriQlag mit 
(Stami^iSaifii zu verbinden : ^ könnte ich auch meine eigne Rettung durch 
Schweigen erkaufen , so würde ich es doch nicht thun.' Allein schon 

'*') So werden wenigstens in den Schollen die letzten Worte ge- 
fasst: dvor^tang fihv %a\ tpiXoHtvSvvws TtQoitrsis' svvo'Cümg Sh xm fa-J 
vovTL. Ebenso Schneidewin in der Einleitung 8. 7, und in der That 
scheint jede andere Interpretation dem Sinn der Stelle zuwider zu 
laufen 



242 Griechische Litteratur. 

die Stellung der Worte weist darauf hin , dass atriv ivxl xi^q acmr,- 
Qtag zusammengehört. Es ist bekannt, wie haußg zur scharfem Her- 
vorhebung eines Begriffs sein Gegensatz mit einem ccvtl hinzugefügt 
wird. Soph. Trach. 148: eag zig ccvtl JtaQ^ivov yvvrj xAiyOjJ. Ai. 1020: 
öovXog koyoKSiv ivz ikev^igov (pccvelg, Alexis fr. 143, 3. Com. III 
p. 450: yvvai^l öovloi ^^fuv avc ilsv^iQwv. Xenoph. Mem. I, 3, 11: 
d(yvkog [ihv elvat avz iXav^igov. Xenoph. Ephes. V, 11: vwl 61 
SavXrj fihv avr iksvd'iQag , al'jdiaXcmog öh fi 6v(Srv%fig (vielleicht öviS- 
tv^rfg ÖS ff alxficcXanog) ivxl fiaTcaglccg, I, 16 : eixog (liv inl f^ avfi- 
q>OQ^ (piQBtv ^cirAeTCcag, olxhtjv fihv i| iXsv&iQOv y€v6(ievav^ nevrftu 
öh ain ivöaCfiovog. Bei Soph. Trach. 267 liest man : 
kiytav %6Qoiv (ihv wg agyuxr Ixfmf ßiXri 
xmv (ov tinvcav ksCnoiro ngog to^ov XQldtv 
q)(ov6i öi ÖovXog ccvÖQog mg iXev^igov §a£otxo. 
Die letzten Worte sind vollkommen unverständlich, und mit dem Vor- 
schlag von G. Wolff avÖQog mg ix, öevtiQov sind nicht alle Schwierig- 
keiten gehoben; es ist wohl zu lesen^: q)av6lg öh öovXog ivÖQOg i| 
iXev&iQov. Yergl. Xenoph. Mem. IV, 2, 29 : (noXsig^ at (ihv avdoTcc- 
xoy yfyvovxai , a£ öh i| iXsvd'igmv öovXai, 

269 : xiXog ö^ ox ovöhv i]v iqswmöiv nXiov^ 

XiyBi xig elg og navxag ig niöov niqa 
vsvdcct (poßm TCQovxQS'tlfev. 
Statt 6g Ttdvxag verbessere man o navxag : denn der Vorschlag war es, 
der alle bestürzt machte. Um die jetzige Lesart zu schützen, könnte 
mau nur geltend machen, dass die Boten sich ungeschickt auszu- 
drücken pflegen. 

279: 2fva|, ifiol roi, (ii^ xy Kai d'BtjXaxov 

xovgyov xoö , ff ^vvoux ßovXeusi TtaXai. 
Es muss wohl gelesen werden xovQyov xoö^ ^, ^vvoia. Denn die 
Ellipse des Conjunctivus von sl(iC ist wenigstens für Sophokles nicht 
weiter nachzuweisen als in dem corrnpten Verse: alXa öiöoiK^ m 
Ttat^ 111^ fi axsXijg «vtw Phil. 782. 

Zu 296: ovöhv yaQ av^QmfrcouSiv ^ olov a^yvqog^ xaxov vo^töfi 
ißXaiSxe^ bemerkt Schneidewin, vofiusiia bedeute ^allgemein giltige 
Einrichtung', und verweist mit Erfnrdtauf Eurip. Oedip. fr. 9: 

ovxoi. v6(it<Sfia XsvKog aqyvQog (lovov 
%al xQvOog i<Sxiv^ aAAa naqexii ßqotolg 
vofitOfia Hstxai TcäCiv^ tj xQ^ad'ai xgeciv *). 
Wie diese Stelle das gewünschte beweisen soll, ist nicht abzusehn. 



♦) Vermuthlich ist zu lesen: rjv yLtäa^ai XQBoiv, Eur. Bacch. 1152 : 
t6 aoKpQOvstv ÖS ytal cißsiv xä x<dv ^smv 
näXXiatov olfiai Ö* avto aal aocpoaxatov 
^•vrizotaiv elvai XQVf'^ xoiai xqafiivoig. 
Statt XQWf^ bietet Orion p. 55, 27 Schneidew. %t^fia, was den Vor- 
zug verdient. Carcinus (fr. 8. p. 98Wagn.) bei Stobaeus Flor. 38, 18: 

^v ÖQoi fiovov töiov cav notsi fp4t6vog ' 
Xvnst yäq avxo to %xrjfiM rovg "KeTtxrniivovg, 



Schneidewill: Sophokles. Viertes Bfindchen. 243 

Offenbar sagt £uripides: ^wie Silber undGoid, so ist auch die Tugend 
eine Münze — wir würden sagen ein Schatz, den man sich er- 
werben muss.' 

Zu 304: akii sitcsq Xcyei, Zivq h i^ iiiov aißag^ finden wir an- 
notiert: ^ Kreon als König ruft den König der Götter an.' In den 
Worten des Dichters ist diese Pointe mit keiner Silbe angedeutet; 
auch wird niemand behaupten , das Anrufen des Zeus sei ein Privile- 
gium der Könige. Darum ist die Bemerkung zu tilgen. 

344: Kovfpovomv xs gyvkov OQvl&cav afi(ptßak(ov Syst. 
Schneidewin erklärt aysi pro praeda (warum nicht praedamf) abdu- 
cit und verweist auf 202: xovg dh dovXdfSag ayeiv. Man sieht leicht, 
wie verschieden die beiden Stellen voneinander sind. So passend von 
den im Kriege gefangenen gesagt wird: ^sie werden als Sklaven abge- 
führt,' so widersinnig würde es sein, wenn der Mensch das Volk der Vö- 
gel, die Schaaren der wilden Thiere u. die meerbewohnenden Fische mit 
sich fortschleppen sollte. Man denke sich jemand , der in dieser Weise 
sich mit der halben Naturgeschichte bepackt hat, und frage sich, ob 
wohl dies Costüm geeignet sei, den Menschen als den Herrn der Schö- 
pfung erscheinen zu lassen, dessen geistige Ueberlegenheit sich alles 
unterthan macht. Sophokles schrieb nicht ayBi^ sondern ayget^ wo- 
für ein Zeugnis vorliegt in der von den Scholien gegebenen Erklfimng 
ayQevei. 

367: vofiovg x aslgav %^ovog &Boiv t Ivoqxov dlxav. Gegen 
diese von Schneidewin gemachte Conjectur spricht, wie mir scheint, 
der Sinn: vofiovg ubIqhv soll bedeuten ^ die Gesetze hoch halten'; so 
lange diese Bedeutung nicht nachgewiesen ist, wird jeder es viel- 
mehr übersetzen müssen ^die Gesetze aufheben.' Die Ueberlie- 
ferung lautet v6(iovg TtageCQfov^ und Reiske hat wohl das richtige 
gesehn, wenn er vofiovg yequlQcov vorschlug. 

506 fg. Antigone rechtfertigt ihre Uebertretung : sie habe nichts 
rühmlicheres thun können, als den leiblichen Bruder bestatten; amch 
diese (der Chor) würden ihr beistimmen, wenn nicht Furcht ihren 
Mund schlösse. Darauf soll sie fortfahren : 

aXX ff xvQcivvlg Ttokkot x cckl Bvöccifwver^ 
Ka^E6xiu avxrj öqccv kiyBiv d" a ßovkBxcci, 
Diese Sentenz hangt mit dem vorhergehenden schlecht zusammen, and 
namentlich ist das cekkd sinnlos. Sodann passt die Reflexion durch- 
aus nicht zur vorliegenden Situation: dem Kreon kann das öqccv ksyeiv 
'9'' S ßovkBxai unmöglich vorgeworfen werden; er handelt nicht in 
übermüthiger Willkür, sondern nach der starren, unerbittlichen Streng« 
des Gesetzes, das er selbst da noch aufrecht zu erhalten sacht, al« 
sein Wille durch vielfältige und gewaltig anklopfende Mahnungen be- 



So lautet die Uebcrlieferung. Die bisherigen Bessernnggvorschlage 
scheinen mir nicht genügend; es wird zu lesen sein: 
^v cLQU fiovov To di^ov CiV iioui tp^vog* 
kvitsC yäq avxoxf^rjfiu xovg xsxtfiftivov^* 



244 Griechische Litteratur. 

reits wankend geworden ist Am wenigsten aber eignet es sich für 
den Charakter der Antigene , den Kreon oder irgend einen Herscher 
um seiner Autonomie wiilen glücklich zu preisen. Wie vortrefflich 
sagt sie im vorhergehenden (499 ^gg^y: 

tag ifiol T(5v <fdw XoycDP 
igsöxov ovöiv^ firiö^ agsö^slri Ttoti. 

Sollte sie nun sich selbst so untreu geworden sein , dem Kreon eine 
evöaifiovla zuzugestehn ? Die alten Erklärer bemerken in dem Gefühl, 
dass die beiden Verse sich für die Antigpne nicht schicken : ov» iv 
htalvfp roihro tijg tvQawldog ^ alJÜ i%st ri stQüorelag 6 Xoyog. Allein 
worin soll die Ironie liegen? — Endlich ist noch zu erwähnen, dass 
Kreon in seiner Antwort die beiden Verse aX£ ij xvq. %tX, gänzlich 
ignoriert, dass er (wie Schneidewin sagt) den Gemeinplatz überhört 
und sich an die Hauptsache hält, dass also dieser Gemeinplatz wie 
mit dem vorhergehenden, so auch mit dem folgenden nicht zusam- 
menhängt. In summa ist es unzweifelhaft, dass 506 fg. nicht in den 
Text gehören '*') ; ich trage kein Bedenken sie dem Euripides beizulegen. 

519 fg. : AJSIT, ofitog o y "Ai^r\g rovg vofiovg iöovg Tto^ei. 
KP. aXX ovx %^(Stog tm Tcax^ Xcc^hv i6og. 

Das den Scholien entnommene vovg vofiovg töovg (statt des handschrift> 
liehen xovg vofiovg rovrovg) würde den Sinn geben: ^ Hades fragt 
nicht danach was jemand bei Lebzeiten gethan, sondern behandelt 
alle in gleicher Weise.' Einen derartigen Gedanken möchte ich dem 
Sophokles nicht zutrauen , um so weniger , da Antigone über den beim 
Hades für Recht oder Unrecht geltenden Maasstab sich erst nachher 
äussert und zwar in unentschiedener Weise (rlg olöevj ü Kata&ev 
^uttyij Tccds; 521). In dem überlieferten rovg vofiovg rovtovg Ttod-si 
befremdet es, dass Antigone von ^diesen Gesetzen' redet, die sie 
doch im vorhergehenden mit keinör Silbe bezeichnet hat. Diese 
Schwierigkeit löst sich indes sehr einfach. Bevor noch Antigone über 
die vofio^ des Hades sich erklären kann, wird sie von der Hast des 
Kreon unterbrochen, und ihre Rede bleibt unvollendet. Ueber die 
von ihr gemeinten Satzungen kann indes kein Zweifel sein: es ist 
das (iridiva ad-aTtrov iävj firiSiva aixl^eiv vstcqov und ähnl. was sie 
im Sinn hat und was jeder Hörer erräth. Nicht zu rechtfertigen 
scheint mir dagegen das tüog 520. Zunächst dürfte eine persönliche 
Construction wie o XQffitog f(Sog i(Stl Xayjuv statt Ttfov itsrl xov %qr^- 
(Stbv Xccxsiv durch die Analogie von dlKccLog slfu nicht hinlänglich ge- 
sichert sein. Aber* zugegeben dass diese persönliche Construction 
auch bei Höog vorkomme, so würde doch das ovk b(Sxiv ißov, xov xQif- 
axov reo xcrxcS Xcixetv^ nur einen Sinn haben, wenn man zu Xcexsiv 
nicht das einfache vofiovg^ sondern XfSovg xovg vofiovg supplierte. 
Eben hierin liegt wohl der Grund, weshalb xovxovg 519 in itSovg ge- 



*) Erst nachtraglich habe ich gefunden, da«8 schon A. Jacob diese 
beiden Verse verworfen hat. 



Schneidewin : Sophokles. Viertes B&ndchen. 245 

ändert wurde. Alles ist in Ordnung, wenn wir das ionisch geschrie- 
bene lUOJS richtig deuten : 

ANT, Oftog y "Aidrjg tovg v6(iovg rovrovg nod'st — 
KP, ali Qv% xqrfixog r^ xccxa Xa%siv töovg (sc. rovg vo^iovg 

Ttod'et). 
Zu 523: ovTOi Cvvixd'etv^ alXct avfi(piksiv aqyvv^ bemerkt Schnei- 
dewin, wie andre Yor ihm, Euripides habe die Stelle nachgeahmt 
Iph. Aul. 397: (Sv€f6G)(pQ0vsiv yccQy ov%i tSvwaCiiv Sqyw, Diese Lesart 
beruht auf einem Citat bei Plutarch; die allerdings sehr schlechten 
Handschriften der Iphig. Aul. bieten: aviSiScjipQOvetv Cot ßovkofiy ccXi 
w) avvvoöatv^ was dem dortigen Zusammenhange angemessener ist. 
Plutarch hat zwei ihm vorschwebende Verse combiniert, wie das auch 
uns begegnet, wenn wir aus dem Gedächtnis eitleren. 
536: öiÖQaTca rovgyov^ slhcsQ ^d' ofiOQQO^ei^ 

Tucl ^vfiiierldji^G) nccl fpiqto xi]g aitlag. 
Dies soll Ismene antworten auf die von Kreon gestellCe Frage , ob auch 
sie an der Beerdigung Theil habe. Das auffallende des ehceQ i^^' 
Ofto^^O'd'sr will Schneidewin durch die Auskunft erledigen, dass is- 
mene in ihrer Scheu und in der Ungewisheit, ob Antigone bekannt 
habe , sich nicht unbedingt als mitschuldige zu bekennen wage. Schär- 
fer und richtiger urtheilen die Scholien , Ismene verrathe sich sofort 
als Lügnerin: Ofioloysi yaq Ttenquiivai^ ravrrjg avvri>^Sfiivfig' otuq 
advvccTOv. In der That wäre es der ungeschickteste Widerspruch , in 
den Ismene sich verwickelte, wenn sie zu dem Geständnis diÖQaKa 
rov^ov noch irgend eine Bedingung hinzufügen wollte. Dass sie 
weit davon entfernt war, ein Geständnis machen zu wollen, das kein 
Geständnis gewesen sein würde, lehren die starken Bekräftigungen, 
deren sie sich bedient: SiÖQaiia xov^ov Tial ^vfifietlöxoo aal gfigco 
trjg airlag. Das ursprüngliche EITIEP lässt sich auch yjteq lesen; 
thun wir dies , so bekommen wir einen angemessenen Sinn : * ich habe 
die That gethan , wie Antigone mir bezeugen kann.' Die Worte yjteq 
iqd ofio^^o^ft sind dann allerdings motiviert durch das Bewusstsein 
der Ismene, dass sie unwahr spricht, indem sie sich zur mitschul- 
digen macht; allein es ist nicht ihre Absicht, durch ein unentschiede- 
nes Geständnis ihre Unschuld zu verrathen , sondern sie will im Ge- 
gentheil jedem etwaigen Widerspruch der Antigone damit sofort 
begegnen. Denn darin liegt die Tiefe von Ismenes wahrhaft weib- 
lichem Charakter , dass sie zaghaft im Handeln , aber stark im Dulden 
ist, dass sie vor der That zittert und mit Liebe wie mit Ernst die 
Antigone abmahnt, dann aber — nachdem ihre Warnungen mit Bitter- 
keit und Hohn zurückgewiesen sind — durch das Unglück der Anti- 
gone nur um so enger sich an sie kettet, dass sie mit der Antigone 
zu leiden begehrt und alle Folgen des unheilvollen Schrittes zu thei- 
len bereit ist. 

606: xav ov^ wcvog atqu no^ o nccvrayi^gengy ovxe ^smv 
aKfiazoi fiijveg. Mit Recht hat Schneidewin statt des bisherigen Ttccv- 
xoyi^(^ aus Par. A fcavxay^qtog aufgenommen. Nur ist *>^ ^^a«»»^ 



246 Griechische Litteratur. 

itivx iyriqmg. Für diese Trennung sprechen 6 Ttavt Svakfiig Soph. 
El. 301. reo Tcdvt ccya&fp Ai. 1415. o Ttawa xoxpog^ 6 TTavr SidQig 
Ai. 912. Tov jrarr' Bvdai^vog olßov Oed. R. 1197. tov «avr a^*- 
(TTOV *) Srfiia Oed. Col. 1458. Dagegen ist navzifMQtpog Soph. fr. 
548, 2 eine längst beseitigte falsche Lesart. 

648 : fi^ vvv tüw , cd itcei^ tag fpqtvug v(p ridovr^g 

yvvaMog ovv€k iTißaX'jug * sl6a)g ort %xX, 
Der metrische Fehler im vierten Fuss durfte weder durch das beliebte 
Einflicken eines ys^ noch durch die von F. W. Schmidt empfohlene 
und von Schneidewin angenommene Umstellung tag ig) tiöovrjg q>Qi' 
vag curiert werden. Denn itp ijdovrjg ist ganz unpassend. Wofern es 
die Liebe zur Antigone ist, durch welche Haemon bewogen wird, 
deren That anders zu beurtheilen als Kreon, so überhört er doch die 
Stimme des Verstandes nicht etwa *vor Freude' oder ^aus Wollust' 
(nur dies aber könnte vq) iiSoviig bedeuten). Und wenn das prae- 
gnant sein sollende tag vfp riöovijg (pqivag ausdrückt ^deinen von Lust 
gefangenen Sinn', dann sollte man füglich erwarten, dass Kreon sei- 
nem Sohn gerade das Gegentheil von dem anriethe, was die jetzigen 
Worte besagen, nemlich iiißcikXstv rag vfp iidovi\g (pQivag. In v(p 
fldov^g liegt also der Fehler unserer Stelle : man erwartet was Schnei- 
dewin in der Einleitung S. 15 gesetzt hat ^um eines schlechten 
Weibes willen.' 

747 : ovK äv ?Ao*ff tjiSiSm yg tcov aliS%QW i^iL 

Schneidewin hat mit Döderlein ov %av iXotg geschrieben , ^ weil av 
nicht verlängert sein kann ' — wenn nemlich alle Stellen , wo av ver- 
längert ist, corrigiert werden. Die Zahl dieser Stellen ist aber, wie 
Schneidewin sehr wohl weiss, nicht eben gering. Zwölf Beispiele 
gibt Wilh. Dindorf Poetae scen. (Lips. 1830) p. VII — ^IX. Eben dahin 
gehört Babrius fab. 38 nach der handschri filichen Lesart : 

(og ovölv ovroo dsivfyv av vn av^QCKtmv 

ndd'OLg tt Tcov i^cad-ev mg int oluBltav. 
Vermuthlich auch Ps.-Eurip. Danae **) prol. 48 : 6(S%ig av y ji vovvs- 
%^, wo das unpassende ys ein späteres Einschiebsel zu sein scheint. 



*) Ein Wort navxaQiatog (s. Papes Lex.) kann durch eine In- 
schrift unmöglich erwiesen werden. navroXöyog scheint lediglich auf 
Polemo Physiogn. p. 245 zu berahn, wo nccvtoXfiog zu lesen ist; 
und navt eniaxrJfKov kenne ich nur aus der Anmerkung von Schneide- 
win zu Antig. 721. Dagegen vermisse ich bei Pape in der ersten Auf- 
lage seines Wörterbuchs: navoiyrj Meineke Fragm. Com. II p. 421. 
navunTJdrjg Demokrit bei Stobaeus Ecl. II p. 408. navSoaia Ana- 
kreon bei Suid. v. Mvaaxvrj u. a. navsitid'vfiog Polemo Physiogn. p. 245. 
n€cvioq>os Auetor Christi pat. 1386. 1507. 1519. 1929. nccvXöyiov Corp. 
Tnscr. 2554, 102. navxsQyazrig Auetor Chr. pat. 935. 1098. 1457. Theo- 
dorus Prodr. UnoS. cpiX. 137. navrcovvfiog Epigr. C. T. 4709. 

*♦) Man thut dem Urheber dieser Verse Unrecht, wenn man alle 
Fehler des jetzigen Textes ihm zur Last legt. Vs. 4 ist mit Mus- 
grave zu verbessern BtXrjx\ o» v rvQuvvog. 9 : r£vog d'ScSv ßgottov rs 
TtQSVftBvovg Tvxo»i 18: yäfiiov ditB£%Bx'' otp^ ^ ovv rinxH Xa^t&v, 23: 



Sclincidewin: Sophokles. Viertes Bändchen. 247 

751: i^S ovv d'avehat xctl &avova oXsl xivct.. 

Da Kreon erst im vorhergehenden Verse das Todesurtheil über die 
Antigone dem Haemon gegenüber ausgesprochen hat (ravxrjv tvov ovx 
t(S^ ag Ixt ^ciiSau yafislg) , so befremdet die Resignation , mit welcher 
Haemon das Wort des Vaters als ein unwiderrufliches betrachtet. 
Besser würde , wenn ich nicht irre , gesagt sein : el ö ovv ^aveixcei^ 
Ticil d'avovö oXetxiva^ ^wenn die Antigone stirbt, so wird ihr Tod 
noch jemand zu Grunde richten.' 

788: üccl 6 ovx ad'avdxtav q>v^t^fAog ovöelg 

. ovd" ufAEQUov in ayd-QüOTtav. 
Das iTt ocvd'QciTcaiv erklärt Schneidewin : ^ so weit Menschen wohnen, 
per omnes moriales,^ Jedesfalls ein wunderlicher Gegensatz: ^nec 
deorum quisquam , nee per omnes mortales'I Ausserdem würde diese 
Anwendung von ifcl erst nachzuweisen sein; was Schneidewin sagt, 
in ayd-gdTttav sei nach Analogie von inl yijg gesetzt, kann ich so 
wenig gelten lassen als wenn jemand im Deutschen statt auf der 
Erde sagen wollte auf den Menschen. Vielleicht ist zu lesen: 
ovO' ccfjLBQlfav (Siy avd'QcoTtcov, Die Wiederholung des Pronomen hat 
an sich nichts auffallendes (vergl. Eur. Phoen. 497: ifiol fiev — '^v- 
vexa iiot öoxatg kiyetv) , hier ist sie um des Nachdrucks willen durch- 
aus angemessen. 

834 : akXa ^sog xoi nccl d'soyevv'qg , 

rj^sig de ßqoxol xal d'vrixoysveig. 
Ueber die Verbindung d^sog xal &Boy6vrig verweist Schneidewin auf 
^ : BLX evyevrig nifpvnag eix iöd'kmv xaxrj (nach unserer obigen Be- 
merkung nicht ganz passend) und auf El. 589: evaeßrig xa^ evüsßöoi/ 
ßXaöxovtag. Die auffallende Form <d'£o;'ei/ vif g (vergl. Lobeck Phryn, 
p. 646) wird dagegen mit keinem Wort berührt. Es scheint noch nie- 
mand daran gedacht zu haben, dass SEOFENNEU auch anders ge- 
lesen werden kann: ikXa d-eo^ xot Tcal d'sov yivvrig. Ueber das 
folgende bemerkt Schneidewin, man erwartete d'vrjftol nctl &vYftoyB- 
vBig oder ßqoxol nccl ß^oxoyBVBig^ doch sage auch Aeschylus Pers.706: 
av&QiOTtBicc 8 av xoi, Tcrifiax ccv xv%ol ßgoxotg. Es liessen sich 
mit Leichtigkeit auch aus Sophokles derartige Vertauschungen von 
Synonymen anführen, wie etwa fragm. 311: xaXov q)QOVBiv xov itvjj- 
xov ivd'QfOTtotg i'(S(x. Ai. 1323: iyG) yag auÖQl avyyvcifirjv Ij^oo 
%Xvovxi q>XavQa av^ßaXBtv ?7tri icaxa. Oed. Gol. 623: bI ZBvg hi 
Zevg xa Jiog 0otßog accgyrig. Antig. 898: (plXri fiev ri^Biv na- 
xqIj 7tQoaq)LXrig ob coL Antig. 1067: vbtcvv vbxq^v afiotßovn, a. 



8iBt»i5iv ^AgyBiaiciv ev fpf^ovQBtv nogaig mit Porson. 27: (ptXtQOig 
dfpsvTixoig. 28: Bvvj üvvsXb'Biv Xa^Q^mg T^ßovXsro. 31 mit Mat- 
tkiae: nx'^fia xovro, 33: ij S' ovxl yvovaa. 36: slg &avii iaiJH ^S^- 
ninXriHTO agjaSgoog. 40: ^gysi x^Xeod-B^g. 45: svTCQOCqyogovg aymv 
(svnQOoijyOQog scheint nur ein Schreibfehler von Wagner zu sein, steht 
aber in der Breslau er wie in der Pariser Ausgabe). 47: vycrjgixriv 
XQBniv ys xdnsateiXft^va, 



248 Griechische Litteralur. 

Ebendahill gehört vielleicht, wie H. Jacobi mir mittheilt, öovXog 
(iBiiov olTiitov q>QOväv Menander fr. iuc. 255, wo ich Aristoph. Byz. 
p. 196 olTthfig in dem Sinne von oltutog fasste. 

900 — 915. Antigene setzt auseinander, sie würde gegen das 
Staatsgesetz sich nicht auflehnen, weder wenn sie ein Kind, noch 
wenn sie den Gatten betrauerte; denn diese Verluste Hessen sich 
ersetzen; einen Bruder dagegen könne sie nicht mehr bekommen, da 
ihre Eltern beide todt seien. Dass diese Reflexion eine überaus ver- 
fehlte sei, fühlte schon Goethe; A. Jacob hat mit triftigen Gründen 
905 — 913 als unecht verworfen, und ihm ist Schneidewin mit Recht 
gefolgt. Allein auch die frühern Verse unterliegen dem Verdacht, 
Das vvv de 902 mit dem sich anschliessenden Gedanken ist wohl nicht 
ganz passend ; man sehe den Zusammenhang : Antigone sagt , sie hoffe 
g>iki] fisv i}^eiv Ttctxql^ nQOöq>iirig öe öol^ f^^^^? 9>^i] ^^ <^o/, xaöi- 
yvrjftov xccQa ' insl d-apoviag ccvtoxsiq vfiag iya SXoviSa — : ii u n aber 
dich, Polynikes, bestattend, trage ich solchen Lohn davon. Vs. 904 
ist überliefert: xcckoi a iyw \Cfiri(5a toig tpqovovütv ev. Um die mat- 
ten Worte etwas zu beleben, hat Schneidewin den Vorschlag von 
Arndt aufgenommen : Kaitoi öi y ev r/fiijtfa. Allein tfi yi gibt den 
schiefen Sinn, als ob Antigone eben nur den Polynikes nach Gebühr 
geehrt habe. Daher halte ich es nicht für gerathen, dem schlechten 
Verse durch Conjectur aufhelfen zu wollen. Von 900 — 915 scheint 
nur folgendes Sophokleisch : 

htii &av6vrag avto%6iQ Vfiag iya 

Slovöa TiaTWöfirfia xanixviißlovg 

%oag iScDKce. ram f(Jo|' afiaqrdvsiv 

Tiol ösiva roA/Kav, o) Tiaölyvtfcov Tiaji^» 
Ist diese Muthmassung richtig, so wird das dia ;|r£^cov916 eine leichte 
Emendation erfahren müssen: xa2 vvv Syst (le di/ Kgimv ovrca la- 
ßdv^ SlsfCTQOv avvfiivaiov ktX. Bei der hergebrachten Lesart wäre 
das Misverstandnis ^er nimmt mich in die Hand^ fast unvermeidlich. 
923 : Tfc XQT^ fis rrjv 6vart]vov sig 0eovg ext 

ßkinstv; xCv avdäv ^v(jifia%aiv; insl ys Sri xtA. 
Die Worte tlv avdäv '^vfifici%ci>v bedeuten doch wohl nur: ^ wen soll 
ich meinen Helfer nennen?' Demnach muss es heissen tlv ccvöäv 
^fifAaxovvr ; denn ^(ifia^ov^ was Ellendt Lex. Soph. II p. 756 vor- 
schlug , ist gegen das Metrum. 

960: ovr(o Tag (lavlag östvov anoaxaisi av&rjQOv xo fiivog. So 
Schneidewin statt avd'tjQov xs fiivog^ weil die Copula unerträglich 
sei. Nun soll avd^t^Qov x6 fiivog ^inen Begriff bilden ^ die Wuthhöhe ', 
wozu dsivov hinzutritt. Allein wie kann die Wuthhöhe , die doch ein 
Stadium der Krankheit, hier den höchsten Gipfel wahnsinniger Ver- 
blendung bezeichnet, wie kann diese r^$ fiavlag aTtoffxcc^stv , vom 
Wahnsinn herabträufeln? Offenbar fliesst aus dem Wahnsinn nicht 
irgend ein Stadium des Wahnsinns, sondern die Folge des Wahn- 
sinus, nemlich blutiges Unheil und Jammer und Verderben. Bluti- 
ges Unheil sage ich im Sinn des Dichters, denn lUvog aTtoöxa^si 



Schneidew'in: Sophokles. Viertes Bändchen. . .249 

kann nor bedeuten : ^ es träufelt Blut hernieder.' lieber diese Bedeu- 
tung von (livog vergl. man Ai. 1413: hi yicQ d'SQfial iSv^iyysg av<a 
qyviSwSt (liXcev fiivag, Aesch. Agam. 1067: tcqIv aifMxtriQOv i^ccg>(^e- 
ad'ai fiivog. Statt av^^pv erwartet man einen Begriff, der mit dsivov 
ungefähr synonym ist. Vielleicht ittiQOv ts (livog, 

1036: i^fifiTtoXnifiat KaKnsg>6Qtiafiai naXai, Schnei dewin be- 
hauptet, ixTC&po^iCfAat sei statt des sonst üblichen Simplex bloss 
dem i^fifiTtoiriiicct zu Liebe gesetzt, und verweist auf seine An- 
merkung zu 523. Aber wie mir scheint, kann weder die griechische 
noch irgend eine andere Sprache im Gebrauch der Praepositionen so 
verfahren wie Schneidewin annimmt. Wohl mag das Simplex die 
Stelle eines Compositum vertreten, besonders wenn die Praeposition 
sich aus dem vorhergehenden ergänzen iässt (wie Antig. 537: xcri |v^- 
(istl0%fo x«l g>iQa t% airlag); der umgekehrte Fall dagegen, dass 
eine Praeposition an ungehöriger Stelle eingeschoben werde, bloss 
deshalb, weil dieselbe Praeposition kurz vorher an gehöriger Stelle 
gebraucht'war, ist bei einem gesunden Autor ganz undenkbar. Ffir 
den vorliegenden Fall hätte Schneidewin vor allen Dingen den Beweis 
führen sollen dass das Simplex überhaupt möglich war: die Worte 
des Kallima'chus hioi/rfiavzo (U q>oqrtev können das nicht beweisen. 
Wenn ich nicht irre , bedeutet ix/iteq>6(yvusiiai * ich bin als Ballast hin- 
aasgestossen'; dagegen würde n&poqrtioiiai heissen Mch bin belastef, 
dies wäre aber hier nicht passend. Die andere Stelle (523) lautet: 
ovTO^ (Swixd'Siv^ ikXa cv^upilstv Igjw, In- wiefern hier avfig>ileiv 
statt q)ilstv stehn soll, ist schwer zu begreifen. Antigone sagt: *es ist 
meine Natur , nicht den Hass , sondern die Liebe zu theilen^ d. h. ich 
mag nicht den Polynikes hassen , weil Eteokles ihn hasste , sondern 
die Liebe, welche ich für meine übrigen angehörigen hege, schenke 
ich auch dem Polynikes, ich liebe ihn mit allen übrigen. 

1063: iSvvtaQccaöovrm vcoketg 

oötov iSTtaQayfioT ^ icvvsg na^yusav 

« d'fJQSg ^ rtc Tttrivog olmvog tpi^tov 

av6(fiov o(f(ifiv iöTuyvxov ig rcoXtv, 
Schneidewin bemerkt , die Worte i(5Xi(n}%ov ig ytoXiv können nach dem 
frühern jtoXeig schwerlich richtig sein; er vermuthet ig tpXoyovxov 
iaxlav oder o^kfpaXov^ während Dobree iariovxov ig (fnodov (= ßoH 
(lov) wollte. Dabei ist die Hauplschwierigkeit des i<Sxiov%ov ig noXtv 
seltsamer Weise ganz übergangen. Die Geier und Adler pflegen nicht 
in die Stadt zu fliegen, sondern in die Luft und zu ihren Nestern nach 
einsamen Horsten '^); es wäre daher etwas wunderlich, wenn Tiresias 
behauptete, dadurch dass eine Leiche den Vögeln zum Frass preis- 
gegeben wäre , würden die Wohnungen der Menschen oder die Heilig- 
thümer der Götter verpestet. Offenbar schrieb Sophokles : ifStiov%ov 



*) Selbst das Wort oioovog konnte daran erinnern: nach seinem 
Ursprung (von olog) bezeichnet es den einsam wohnendea yQ9;^U 

iV. Jakrd, /. PMl. u. Paed, Bd. LXV. Bfl. %. ^ 



250 Griechische Litteratur. 

ig nokov. Denn was den Menschen die Ttokig^ das ist den Vögeln der 
Himmelsranm, nokog. Vergl. Aristoph. Av. 178 fgg.: 

IIE. eidig %i; EU. tag v£q)ikag ys xal xov ovqccvov, 

IIE. ov% ovtog ovv drptov ^atlv OQvld'tov Ttokog; 

Ell, Ttokog ; xCva xqonov ; JI£. Si(mBq etnot rig Toasog. 

oxtff Ö8 Ttokehai xovxo xal diiQ%txccL 

änavxa , öuc xodxo ys »cckehat vvv Ttokog ' 

ijv ö^ oixicrjfce xovxo aal g)Qa^rid' ana^ 

ix xov 7c6k0V XOVXOV 7l€KkiqÖSXM Tcoktg, 

Das iaxiovxog ist nun ganz anders zu fassen als man bisher meinte. 
Der Ttokog heisst icxiovypg in Beziehung auf die Vögel , sofern er xctg 
xmv oltovmv iaxiag S^ei, Das Wort bedeutet also heimatlich, wie 
bei Aeschylus Pers. 511 : o6oi öh kotTtol kSxvxov acoxriQlag — i^kov- 
oiv iKqyvyovxsg^ ov Ttokkol xiveg ig> iaxiov%ov yatav, Eur. Andrem. 
283: iQrifiov ^ i(5xtov%ov avkav. Der Ausdruck: *ein beschwingter 
Geier trägt das Miasma des Leichengernchs in seine Heimat, den 
Himmelsraum', ist dieser Rede des Tiresias, die überhaupt durch einen 
gehobenen Ton und pathetische Kühnheit hervorragt, ganz entsprechend. 

1106: avayTiy 6 ov^l övöiiapftiov. Ueber dv<Sfiaxrp:iov wäre 
eine Bemerkung nicht überflüssig gewesen. Wenn ich nicht irre , be- 
deuten die Worte : ov (iccxrp:iov ocvdyxrj x^ övCfiaxo) ovörj , man soll 
nicht den unnützen Versuch machen, gegen die Nothwendigkeit anzu- 
kämpfen» So erklärt auch EUendt im Lex. Soph.: non esse con- 
tf-a necessitatem pugnandum ait^ quippe omni eventus spe ^ 
destiMos. 

1146: Ici TtvQ Ttveovxfov %oqay aorr^mv, w%Cmv gjd'eyiiaxayv iTtl- 
6%07U, Die Worte w%C(av g)&£yficcx(Qv erklärt Schneidewin durch 
Verweisung auf aßQOxoav iitiav eva^ovxoDv 1135. Man soll also an den 
nächtlichen Jubelruf denken , mit welchem Bakchos begrüsst wird. 
Allein wie kann Bakchos ein iTtlaxortog dieses Jubelrufes genannt 
werden? Vielleicht ist zu lesen w%Lfov q)eyyaxcav STtlöKOTte, Die 
ungewöhnliche Form statt q)6yyi<ov würde sich durch analoge Bildun- 
gen hinlänglich schützen lassen. Sophokles selbst gebrauchte Öiaxog 
statt öiovg fr. 305. OTtsaxeaöL statt (fTtiaai Xenophanes bei Herodian 
TteQl fiovi^QOvg ki^etog p. 30, 31. p,i]kaxG)v Lycophr. 106. fiv%dxGyv 
Orph. h. 73. Orac. ap. Porphyr. Euseb. Praep. euaug. VI, 3. p. 238 d. 
(Ueber TtQOöcirtaxa und Siafiaxa s. Lobeck Paral. p. 176) 

1256: xal xijg Syav yccq iaxl Ttov oiyijg ßccQog. *Auch zu weit 
getriebenes Schweigen ist mitunter lästig.' Der matte Vers wiederholt • 
mit denselben Worten nur was vorher der Chor sagt: ^ x ayav Ciyi] 
ßaQV Sonst TtQoaetvut. Es scheint mir unzweifelhaft, dass die Worte 
zu tilgen sind. Auch den vorhergehenden Vers halte ich für inter- 
poliert. Nachdem der Chor über das stumme Abgehn der Eurydike 
seine Befürchtung geäussert hat , erbietet sich der Syyekog zuzusehn 
was ihr sei: 

akk elcofuod'a fiij xi nai xaxdaxsrov 

9lQVq)^ KCckVTtXBl TUCQÖI^ ^(lOVflivy, 



Schneidewin: Sophokles. Viertes Bändchen. 251 

Die folgenden Worte dofiovg naQaareCxovxeg' ev yicQ ovv Ifysig sind 
sehr aberflOssig ; zu dem ev liyeig fehlt der rechte Anlass , und ich 
xweifle, ob Sophol^les %uqaCxd%<[Q öofwv für iS%U%(o i$66(wv gebrau- 
chen konnte. 

1278^—1280: (» diiSnod^^ a>g l%o>v te k€cI Kentt^ivocj 

xa ftey TT^o %Hq^v xiÖB q>iQ(ov^ ta ö iv öofioig^ 

ioiTuicg ipietv fucl ta% o'^bo^ul tm)i%€u 
Mit diesen Worten tritt der i^ayyekog auf, um den Tod der Eurydike 
zu melden. Schneidewin erklärt: ^MoiiMxg ipcstv a)g Sxoav xe xal x€- 
xxrjfiivagj du scheinst .gekommen zu sein als ein wahrer Erwerber und 
Besitzer von xorxa.' Es muss zunächst befremden, dass der i^ayye- 
log^ der doch selbst der ankommende ist, den Kreon als den ange- 
kommeneu bezeichnet. Sodann was soll das mg? "^Es kömmt jemand 
als ein besitzender' kann nur heissen ipu^. S%(ov: dagegen i^xta Äg 
flU^cnv bedeutet: * ich komme wie ein besitzender kömmt.' Man hat 
daher mg loiTucg zu verbinden, was bei der jetzigen Trennung des 
zusammengehörigen eine bedeutende Härte gibt. Weiter sagt Schnei- 
win: ^die regelrechte Structur würde nach MoiiMcg i^xeiv mg ixcov xe 
xai KSTcxriiiivog ein doppeltes Participium erfordert haben, xa fiev itQO 
XBtqmv xaös g)iQ(ov^ xa d' iv S6(ioig otlfOfASvog xaxa. Nun aber iomag 
^luMiv ins zweite Glied gerückt ist, hat Sophokles den Infin. ailfead'ai 
von eoLnag ^ksiv abhängig gemacht.' Aber wie ist es möglich, statt 
xa (lev 9)£^oi/, xa d O'tlßOfiBvog zu sagen: xa (lev q)iqmv^ xa 6* 
o'tlfsa^atl und wer wird nicht bei der jetzigen Wortstellung SoiTiag 
flKSiv mal oijfBd&at verbinden? Auch mit dem kolossalen Hyperbaton, 
das Schneidewin annimmt , kann ich mich nicht befreunden. Ferner ist 
der Ausdruck xic (liv nqo %uqmv (piqmv nana nicht eben fein. Endlich 
scheint mir die überaus nüchterne Eintheilung von Kreons Leiden , xa 
nAv 7t(f6 xHQmv^ ta d' iv öofwtg^ sehr unsophokleisch« Der mittlere 
Vers ist zu tilgen und dann zu schreiben: 

CO diano^^ mg i%mv xi wxl Tumxrifiivog 

lotTiag iifikiv nal tax Oilf&f^at iwxa. 
Das ital xaxa erklärt Schneidewin richtig: ^gar schnell, wie x«! 
Xlfiv^ %al naw^ aal ficrXa.' 

1336: ak)L mv i^mfiai^ xaika Cvyitaxfiv^a(iriv» An dem über- 
lieferten iqm iiiv setzt Schneidewin mit Recht aus , iiiv sei hier un- 
nütz. Statt iqm^Mu bot sich jedoch die einfachere Abhilfe , mit Her- 
mann i^cSjxsi/ zu schreiben *), Die Verbindung des Pluralis i(^fuv mit 



'*') Aehnlich ist die Verderbung bei Marcus Antoninns VI, 50t 
IleiQcofisv nsi&btv avzovg* ngätts öh %ctl zcov (1. avtavy oi%6v%(ov, 
oxav xris öiwxioavvrig 6 Xoyog oizmg aytf. Statt nngafisv ist nsiQiS 
(ihv zu. lesen. Zu den einfach durch andere Verbindung der Buchstaben 
zn heilenden Stellen gehört auch Aristoph. Av. 1340: 

Ibixey ov iffsväayysl^ g bIv ayysXog, 
So liest man wieder in der neusten, von Th. Bergk besorgten ilus- 

fabe; wahrend es doch heissen muss 'fjfhvdayysXi^anv. Denn iptv- 
ayysXiqg ist ungriechisch und lässt sich durch kA\tL<^ K^^a^.^^^ Tt^üS«»^- 



252 Griechische Litteratnr. 

dem Singnlaris övyiunfiyiccfti^v Ifisst sich durch zahlreiche Beispiele 
rechtfertigen, wie 1092: httCxi^iBa&a 6* i| orov Xivx^ iym — aft- 
(fißalXoiiat xql%(u. Eur. Ion 1250: öicmcofUiS&a — KQ€ctfi&H(fa und 
ahnl., vergl. Porson praef. Hecub. p. XXXVIII. So dürfte auch bei Eur. 
Cycl. 694 zu lesen sein: (idtriy yiiQ Sv TqoIov ys duTtvf^fXfiev^ sl 
(11^ c halQiov q>6vov ht^mi^i^Mfifv. In dem Aber lieferten dunvQCD- 
accfiriv befremdet das Medium. Wie ich nachträglich gesehn, hat be- 
reits Fix das richtige erkannt. 

Wenngleich noch über einzelne vom Herausgeber aufgenommene 
Yermuthungen sich streiten Hess , z. B. über das ccfjteQwpQOv vor^fia $54, 
so wird doch niemand anstehn, die Besonnenheit und den Takt, wo- 
mit Schneidewin den Text der Antigone constituiert und vielfach re- 
stituiert hat, rühmend anzuerkennen. Vielleicht sollten in einer Schul- 
ausgabe die grammatischen Bemerkungen etwas reichlicher-, die kri- 
tischen dagegen sparsam sein. An einer Stelle jedoch wünschte 
ich eine bisher nicht gewürdigte Variante mindestens erwähnt zu sehn. 
292 liest man: 

Ti^wp^ KtiQct cslovttg^ ovd' imo ^vy^ 

XoqKfv öuialc9g A%ov &g (Sxi^ytiv ifiL 
Dagegen hatte Eustathius, wie sich durch Combihation aus seinen An* 
führungen (II. p. 824, 32. Od. p. 1536, 48. 1653, 5) ergibt, folgende 
Lesart: 

fiifwpy xtcQa öelovtsg^ ovd' imo ivytp 

vwxov diTuämg ul%ov svXo^mg ^igeiv 
(oder BvXoipov nach II. p. 1313, 32). In der Vulgata misfälll 
das nichtssagende &g <Sxi(fyeiv ifti, ohne Zweifel die Interpolation 
eines Grammatikers, der in seinem Exemplar überliefert fand : Xotpov 
diKalüng slxov S'dx6q>e9g fpiquv^ und nun alexandrinische Kritik übte, 
d. h. um den Fehler los zu werden , auf gut Glück selbst einen halben 
Vers machte ^), wobei er über den eigentlichen Sitz des Fehlers sich 
täuschte und darum gesundes antastete, das versdiriebene Xofpov da- 
gegen ruhig stehtt Hess. Daher gebe ich dw von Eustathius über- 
lieferten Fassung den Vorzug. Für cvilogNog ^i^siv spricht auch Schol. 
Soph. Ai. 61. Aehnlich dvcXoqxi^g g>iQSi ymum Eur. Tro. 303. svkiqx^ 
vmtp tpi^eiv Lycophr. 776. 

Der Druck ist correct; die erheblichsten Fehler dürften sein: in 
der Einleitung UstergangS. 6, Zeile 3 v. n., im Text Jaßdaxldai- 
(f^v 861, in den Anmerkungen ^möaiv und Anitigone 3, dtxAfj 13, 
qtnctl 136, vve y^g 197, coeperuui 354, immerbin 510, Brgriff 
681, bestimmt 750, Jacobs (statt Jacob) 905, 6^ OQ^^g (statt di 



fertigen; man hat nur ipBvSuyyBlog , wie ipevdecXi^avSQog und ipBvdovU 
gav Lucian ady. indoct. 20. 'fffBvSaid'ionsg Bustath. Opusc. p. 238, 
92. 'ipBvdoiAOvaxog Bust. Opusc. p. 238, 94. ^^ivdotnxog Eust. II. p. 
889, 24 u. 8. w. Dagegen ist das Verbum 'tpBvdayyeXito durch «va/ys- 
Xki und %ayiayysXin, roilstandig gesichert. 

^) Ueber ähnliche Gewaltstreiche der alten Diorthoten rergl. Ari- 
Mtopb, Byx. p, 6^. 



MulUch : Coniectaneoram ByzanUnornm libri dno. ^3 

iÖ^g) 994, ah(^a 1057, Objekt 1103, Ttqogayorsvio 1184, trieb 
rascber in fiiehn (statt rascher xa fliehn trieb) 106. 
PrenxUn. August Nauck. 



CmUecianeorum ByzaHÜnorum tibri duo. Scripsit F» G. Ji. Mulla- 

€hiu9. Berolini in libraria Ferdinand! Geelhaar (antea Enslin). 
MDCCGLn. 68 S. 8. 

GrOndlicbe Kenner der byzantinischen nnd der eigentlich nea- 
griechischen Litteratar gibt es heatxntage wie in Deutschland so in 
Europa überhaupt immer noch nur wenige. Allerdings besitzen wir 
jetzt, abgesehn von den Sammlungen der Volkslieder, die grosse 
Folge geschichtlicher Aufzeichnungen und die Rechtswerke des ost- 
römischen Reichs in handlichen Ausgaben nach neuen Vergleichungen 
der Handschriften. Der berühmte Verfasser der ^ Fragmente aus dem 
Orient* hat zum Preis eines mehr denn zwanzigjährigen Kampfes letzt- 
lich die Genugthuung davongetragen, dass seine viel befeindete The- 
sis über den Ursprung der heutigen Griechen nach wiederholter Be- 
seitigung mancher Schroffheit in praeciserer Fassung als richtig an- 
erkannt wird, worüber besonders E. Curtius Feloponn. Bd. 1. S.86fgg., 
G. Finlay Medieval Greece and Trebizonde. Edinb. and London 1861 
und Fallmerayer selbst in den Beilagen zu Nr. 330 und 365 der Allge- 
meinen Zeitung von 1851 nachzusehn sind. Allein noch erübrigt auf 
jenem Felde, einem Zeiträume von etwa tausend Jahren, gar viel zu 
thun ; eine grosse Anzahl litterarhistorischer Fragen wartet noch ihrer 
Erledigung (Bernhardy Grundriss der griech. Litteratur. Th. 1. S. XVII 
der 2. Ausg.); das rein sprachliche Gebiet braucht noch eine weit 
sorglichere Pflege als ihm bisher zu Theil geworden ist. Anziehender 
freilich ist es , die ewigen Musterwerke der Poesie , Geschichtschrei- 
bung, Beredtsamkeit und Philosophie aus der hellenischen Blütezeit 
zum Gegenstande immer neuen Genusses nnd geistigen Gewinns zu 
machen; geteuscht wird seine Hoffnung finden, wer in dieser byzan- 
tinischen Zeit noch schöne Herbstblumen griechischer Classicitfit und 
mitten in der Barbarei des Mittelalters am Hofe zu Constantinopel 
eipen reinen und eleganten Atticismus sucht. Doch auch das entartende 
und sich mit fremden Elementen verfälschende Byzantinisch und Neu- 
griechisch bietet in seiner eigenthümlichen Weiterbildung oder Er- 
starrung für den aufiiierksamen Forscher gar manchen Reiz und selbst 
vielfachen Gewinn für die Sprache der bessern Periode. Wie in den 
Hellenen unserer Tage das griechische Blut trotz der Mischung mit 
zahllosen Barbarenstämmen nicht völlig versetzt ist, und wie sich in 
Anlagen, Neigungen und Sitten vielfache Spuren alter ureigner Art 
des dassischen Bodens bewahrt haben , ebenso tönen in der theilweise 
noch so sehr verwilderten Sprache Anklänge früherer Tage dnteh.^ 



254 Griechische LHteratur. 

und es bedarf nur der kundigen Hand , um ans den überdeckenden 
Schlacken die Goldkömer herauszugpraben. Dies gilt, nicht minder von 
den byzantinischen Schriftwerken als von der im Munde des gemei- 
nen Mannes heute noch lebenden , vielfach eine schriftmässig geword- 
nen Sprache. Aus ihr ist zur Erklärung der Classiker und der In- 
schriften nicht weniges zu entnehmen , wie schon L. Ross in dem sehr 
lehrreichen Briefe : Beiträge zur Kenntnis und Beurtheilung , des Neu- 
griechischen , an Hrn. Prof. Meier in Halle, dargethan hat, Reisen auf 
den griech. Inseln des aeg. Meeres. Th. 3. $. i65rr*187. 

Doch .ein weiteres Ausführen dieser Andeutungen,^ zu denen das 
vorliegende Werkchen die Veranlassung bot, gehört nicht an diesen 
Ort. Jenes Büchlein selbst ist die Arbeit eines Gelehrten, der sich 
längst als einen der weuigen documentiert hat, die neben gründlichen 
Studien des Altgriechischen (JDemocriti Abderitae operum fragmenta. 
Berol. 1843. Ari^oielis de MelissOy Xenophane et Gorgia disput, cum 
Eleat. philos. fragm,.lMd} tiefer in die neuere Sprache eingedrungen 
sind, vergl. Demetrii Zeni Paraphratis butrachomyam. BeroL 1837^ 
Wir wissen nicht warufti Hr. Prof. M. , der dazu beföhigt- war wie 
einer, an der Bonner Sammlung der Byzantiner keinen Theil gehabt 
hat. Von ihm wären gereinigte Texte , zu deren Beschaffung noch so 
viel Altgriechisch nicht ausreicht, und Commentare zu. erwarten ge* 
wesen, die sich dem eines Hase zum Leo Diaconus würdig an die 
Seite gestellt hätten. Auch eine andre Hoffnung , von der vor länge- 
rer Zeit verlautete, scheint sich nicht verwirklichen zu. sollen. 
Während, nemlich Ducanges Glossarium mediae et infimae Latinitatis 
jüngst eine neue Ausgabe erlebt hat, wird noch inuner ein vermehrr 
tes und berichtigtes Glossarium mediae et infimae Graecitatis dessel- 
ben Verfassers vermisst. Zu diesem allerdings sehr schwierigen Un- 
ternehmen hat sich Hr. M. seit Jahren beigelassen und mancherlei Vor- 
bereitungen getroffen. Die Ungunst der Zeiten versagt jedoch dem 
Anschein nach schon die Mittel , um nur den guten Theils noch hand- 
schriftlichen Apparat durch längere Benutzung der grössern Bibliothe- 
ken, wie der Pariser, herbeizuschaffen. Steht nun zn wünschen, dass 
dies nicht immer der Fall sei und auch ein bemittelter Verleger auf 
das Wagatück eingehe , so hat man jetzt das vorliegende Buch als eine 
erste Frucht jener Studien anzusehn, der vielleicht bald mehr 
nachfolgen. 

Das Iste Buch cap. I behandelt eine Anzahl Stellen ans der by- 
zantinischen Geschichte des Dukas und dem sogenannten Chronicon 
breee (^Xqovikov Cvvrofiov) nach der neuen Recension I. Bekkers. 
Dieser Meister in der Herausgabe classischer Autoren stiess hie und 
da an einzelnen Formen und syntaktischen Verbindungen der spätem 
Graecität an, ..oder Hess in orthographischer Beziehung unverbessert, 
was einer leichten Aenderung bedurfte. Den Emendationen werden 
zumeist allgemeine Bemerkungen angeschlossen, wie über das Alpha, 
das nach dem Vorgange der. alten (aiuwQog^. (iccvgog und dergl.) diC; 
neuern nicht wenigen Wörtern vorsetzen^ wie afia^i/ = fi'Ccxr} ist. 



MuUach: Conieclaneorum Byzantinornm libri duo. 25$ 

p. 6, vergl. Ross Reisen. Tii. 2. S. 57 und Ulrichs Reisen und Forschan- 
gen. Th. 1. S. 128 Note 32. Spasshaft ist der im Bekkerschen Text 
stehn gebliebne Fehler ixov^cvtfe (er war Barbier) (lixQt Aißadekcg 
statt iKovQiSivae (yon cursare) , er unternahm einen Zug. P. 8 wird 
die Annahme Lobecks Faral. gramm. Gr. p. 74, das uralte Wort 
fitaQrj^ die Hand, sei noch bräuchlich, zurückgewiesen, da jetzt nur 
fl %dq oder xo %iqi Anwendung findet. Dagegen ist wider Lactantius 
divin. inst. lY, 7 der fortdauernde Gebrauch von %qUi,v neben alü- 
fpBLv erhärtet, p. 9. Weiter belegt Hr. M. aus neuern Poeten den Be- 
stand alter dichterischer Ausdrücke, wie axtßctqoq und der Adjective 
auf riBiq und OBtq^ die der Volkssprache abhanden gekommen sind.. 
P. 12. 13 ist ein (isyalvvaQiov elg xo Sytov jcicxa aus dem Elq^lo- 
yvov rVenet. 1682) in 54 Versen mitgetheilt und über die Osterformel 
Xqusxog ivißxri gesprochen. Cap. II. p. 14 liefert vorzugsweise Bei- 
träge zur Verbesserung des Ducange. Besonders hat unrichtige Stel- 
lung, der Worte in jenem Glossar neuere zu etymologischen Irthümern 
verleitet. Kuno^^oi^wyg z. B. brachte J. Grimm auf ^/^cr oder oqlim 
zurück; das Wort stammt aber von xaxog und Qiitxov^ dem 
italienischen risico. Unrecht hat auch Korais, wenn er eine Verbal-, 
form möxavxaQovv annimmt, p. .15, denn statt va i^h n£(5Kavx€iQ0w ist 
nach Ducange vi fiintog KavvaQOw (von cantare^ besingen, loben) 
zu lesen. Cap. III. p. 15 fgg. beschäftigt sich mit metrischem. Sehr 
beliebt im Mittelalter und von vielen Versificatoren gefertigt waren 
anakreontische Gedichte; speciell geht Hr. M. auf die Formen kirch- 
licher Lieder ein, welche kovkovXu)v und olxog (vergl. das italien. 
slaf»«e) genannt werden , s. Scholiast Hephaest. p. 87 (171) sq. und 
Bernhardy Grundr. Th. 1. S. 588* Eine Berichtigung erhält hiebei was 
G. Hermann Elem. doctr. metr. p. 488 darüber geschrieben hat. Zum 
Beleg dient der 117 Verse enthaltende und im einzelnen verbesserte 
Hymnus des Sophronius auf den neugebornen Christus ans des Leo 
Allatius diatribe de Symeonum scriptis^ p. 18 — ^22. Olfcog heisst ein 
solches Gedicht, weil es wie ein Haus aus verschiedenen Stockwer- 
ken und Theilen besteht, p. 23; oItcol sind die einzelnen Strophen, 
gleichsam Wohnungen , deren Anfänge das Alphabet in der gewöhn- 
lichen Folge zu bilden pflegen. Die xovxovAmx bestehn aus je 2 oder 
3 Versen nach den einzelnen oIkoi^ finden sich aber nicht in jedem 
oJxog^ wie überhaupt verschiedne Dichter verschiedne Formen bil- 
deten, p. 29. Im 2ten Buche cap. I p. 30 — 33 ist dargethan, dass für die 
Quellen des ius civile der Römer bisweilen die Vergleichung der grie- 
chischen Interpreten wesentlich fördert (Digest, tit. XVI, 26: Vlpia- 
nus Hb, 16 ad EdicL Partum non esse partem rei furtit>ae^ Scaevola 
libro undecimo Quaesiionum scribit). Cap. II. p. 33: Als durch die 
Rreuzzüge und vielfache Handelsverbindungen die Griechen mit der 
Cultur und den Rittergedichten des Abendlandes bekannter geworden 
waren, legten sich ihre Poeten vielföltig auf die Nachahmung der 
Franzosen und Italiener. Eine gute Anzahl solcher Productionen wird 
aufigeffihrt. Hr. M. erinnert vor allen an den Erotokritos (vergl. BrandU 



256 Griechische Litteratur. 

Niltheilangen über Griechenland. Th. 3. S. 50--^) des Kretensers 
Vincenzio Comaro, welcher durch Kenntnis des menschlichen Her- 
sens , Geschick in der Erzählung und sprachliche Lieblichkeit die frtt- 
liern weit überragt. Auch von den Arabern und andern orientalischen 
Völkern entlehnte man manches. Daher ist es bisweilen siAwierig 
anzugeben, welchen Quellen die griech. Romane und Gedichte des 
Mittelalters im ganzen oder einzelnen entnommen sind. So kommen 
dort unter allerlei Aberglauben vielfach Zauberringe vor, welche 
ebenso durch die Araber wie aus alten einheimischen Erinnerungen 
an den Ring des Gyges ttberliefert sein können. Gelegentlich ist hie- 
be! auch der Talismane (tsliiffuna) und der Vampyre (ßaviTiokaKceg, 
ßornntokanccjs oder ßovQuolaTUcg) gedacht. Im nfihern bespricht Hr. 
M. weiter das schwerlich einem französischen oder italienischen Mu- 
ster nachgebildete Gedicht über OkmQMg und IHaviia Oloigi], wel- 
ches I. Bekker in den Schriften der Berliner Akademie 1845 bekannt 
gemacht hat, freilich getreu nach der Handschrift, aber auch mit allen 
Fehlern einer solchen. Es sind deshalb hier p. 37 — 40 die ersten 103 
Verse abgedruckt und wie zu diesen «o -zu einer Anzahl anderer des- 
selben Poems, p. 41 — 60, Verbesserungen und Erlenterungen nicht 
minder sprachlicher als sachlicher Art mitgetheilt. Aus ihnen be- 
merken wir, um bekannteres wie über alg^ ivag = tig p. 41 nur zu 
berühren, die Note zu ifM^gxoasv für i^iOQqxo^ p. 43. 44, indem 
nach neugriechischer Weise statt der verlornen Media und Passiva 
viele Verba in activer Form passive Bedeutung haben. P. 47 findet 
sich allerlei über den Accusativ statt des Nominativs und den Nomi- 
nativ statt der obliquen Casus (tov ivriQ^ b avöqaq^ ^ ^Bwqtav^ ij 
ywaiTta^ yvvalxag p. 48), vergl. Boss: zur Vergleichnng der Nomi- 
nativformen im Griechischen und Lateinischen in der Zeitschr. für die 
Alterthumswiss. 1851 Nr. 49. 50; ebenso über andre Unregelmässig- 
keiten der 3. Deolination, z. B. das epirotische Ix^vav für /%'9tiv, da 
sonst oijfciQiov^ 'tIfcrQi gesagt wird, p. 49, Boss Beisen. Th. 3. S. 161* 
P. 50 geschieht auf Anlass der Form ro XafinQOTaxo des Aristophanes 
in den Acharnem 104 Erwähnung : oi Xij^i xqviSo %awe7t^fo%x 'lao- 
vw(ov Itj^H XQvöoVj xawoTCQontx Tcov, ov), s. auch Boss a. a. 0. 
S. 164. P. 51 handelt Hr. M. von der Form oro^für avtog^ wozu auch 
Inschriften bis in die Zeiten Augusts hinauf Belege geben , nur dass 
die Herausgeber , selbst noch Franz , das Ypsilon in der Begel hinein- 
corrigiert haben. P. 53 wird zu oTuloyiq&fj ^^fvas schon Antiphon 
braucht) für anBlayqiSaro bemerkt, dass, wie die Nengriechen gewöhn- 
lich das Passivum für das verschwnndne Medium setzen, so hierfür 
einzelne Beispiele schon im Alterthume vorkommen. Ein solches ist 
6ä(MM itovrfiri statt htovr^iScito oder htovrflB (Corp. inscr. Graec. n. 
4132) in einer uralten corcyraeischen Grabschrift neuern Fundes, p. 
53. 54. Da der ganze Titel in sechs Hexametern mit seinen merkwür- 
digen Digammen (Tlcrtf/cxfo, n^^svJFog) nach der Bestaura tion von 
Franz samt der betreifenden Litteratur wiederholt ist, so sei nachge- 
tragen, dass. ein Facsimile und eine Ergänzung ausserdem bei Bangab6 



Grote : History of Greece. 257 

antiquit. Hell^niq. I n. 318. p. 382 steht und dass Hr. Aufrecht im 
2. Heft d. Zeitschr. f. vgl. Sprachforschung (Berlin 1851) S. 118fgg. das 
interessante Stück behandelt hat. Ebenso ist mit der Bekanntmachung 
eines hier p. 57 nebenbei angeschlossnen römischen Epitaphs aus Ma- 
tranga Anecd. Tom. I praef. 37 Schneidewin snvorgekommen , Götting. 
gel. Anz. 1851. S. 923: Ihtovdoipogov rode 6ij(ia kIvtoI tsv^avro tQO^ 
(p^g ^cfiösKitavg Moiqw olfiov a(ieißoiAivov. Gelehrt ist die Nach- 
weisung aber den Gebrauch von novqrteiSla^ courioitie und Adject. 
KOVQvißfig^ Adverb. Kav(fTi0Ma^ p. 55. 56. Ob p. 56 xl = xal^ was 
jetzt gang und gäbe ist, schon bei Böckh Corp. inscr. Graec. n. 1249^> 
IL 17 anerkannt werden darf, scheint sehr fraglich. Hr. M. spricht dabei 
über xa/, wekhes zwischen zwei Verbis dem zweiten die Kraft eines 
Particips verleiht, z. B. ^to^ötv ütloiav x^^crov d. i. ^«oo^ovtfi To- 
QWiSt) nXotov iQx6(isva¥. Endlich sei noch dlie Bemerkung über 6 BTtl 
TQeatiifig^ p. 58. 59, die über yXwiog statt ^^Xvxv^ p. 59, und die über 
Verstümmlungen wie üccf^vta ''= zeaaaQaxowa erwähnt. • Vorstehen- 
des wird hinreichen um den manigfachen Inhalt von Hrn. Mullachs 
Arbeit erkennen zn lassen. ~Ein dreifacher Index, index graecug p. 
61. 62, index laiinut p. 63, index tcriptarum p. 63. 64 erhöht die 
Brauchbarkeit des auch fiusserlieh vom Verleger hübsch ausgestatteten 
Büchleins. Ref. aber schliessl diese Anzeige mit einer Hinweisung 
auf die so eben ihm zugekommeneii ^Beitrige zur Sprach- und Alter- 
thumsforschnng aus jüdischen Quellen. Von Dr. Mich. Sachs. Is Heft. 
Berlin , Veit u. Comp. 1851.' Hier finden sich gar manche interessante 
Notizen über byzantinische, zum Theil aus orientalischen Sprachen 
hergenommene Worte. Doch genauere Besprechung bleibt einem des 
Morgenlandes und seiner Zungen kundigem vorbehalten. 

Schulpforte. K. Keil. 



lieber griechische Geschichtsforschung vom Perserkriege bis 

zum Ende des peloponnesischen. 

Unter den neueren Werken, welche der Erforschung und Dar- 
stellung der griechischen Geschichte gewidmet sind, nimmt die 

History of Greece von Geqrge Grote 
noch immer die wohlverdiente erste Stelle ein. Dieses Werk ist seil 
langen Jahren , und zwar mit der Üeberzeugung , dass es ausserordeat» 
liches leisten würde, erwartet worden, selbst von unserm Niebahr. 
Nach seinem Erscheinen ist ihm eine dem entsprechende glänzende 
Anerkennung zu Theil geworden. Noch bevor der Verfasser das ge- 
steckte Ziel völlig erreichen konnte , sind von den ersten Bänden raseh 



258 Alte Geschichte. 

eine zweite und dritte Auflage nöthig geworden; es ist ein Erfolg, 
welchen selbst ein Henry Hallam mit seinen Werken nicht hat errei- 
chen können, ein Erfolg, wie ihn in unserm eignen Vaterlande ein 
Werk von diesem Geiste ernster wissenschaftlicher Forschung — und 
diesem Umfang schwerlich hätte erwarten dürfen. Von Böckhs Staats- 
hanshaltung ist erst jetst die zweite Auflage erschienen. 

Von der hohen Bedeutung dieses Buchs überzeugt, beeilte ich 
mich, sobald nur die ersten Bande desselben erschienen waren, von 
demselben in diesen Neuen Jahrbüchern '*') eine möglichst ins Detail ein- 
gehende Anzeige zu geben. Ich fürchtete , das englische Werk würde 
bei seinem für unsere Verhältnisse wenigstens enormen Preise — die 
ersten 8 Bände kosten 56 Thaler — in Deutschland wenig Käufer fin- 
den, am wenigsten in den Kreisen, die allein Lust und Fähigkeit be- 
sitzen sich die Frucht dieser Forschungen anzueignen und weiter 
nutzbar zu machen. Noch weniger, glanbte ich, würde ein deutscher 
Buchhändler es wagen dürfen, eine Uebersetzung von demselben zu 
reranstalten. Ich hoffte daher den Dank meiner Amts- und Studien- 
genossen zu verdienen, wenn ich von dem wesentlichen Inhalt des 
Groteschen Werks eine allgemeine Mittheilung gäbe und zugleich 
Geist und Richtung seiner Forschungen möglichst genau bezeichnete. 

Diese Besorgnisse sind jedoch zum Theil nicht erfüllt worden. 
Im Verlage der Dykschen Buchhandlung ist nemlich mit einer Ueber- 
setzung des Werks der Anfang gemacht und diese Arbeit bereits weit 
genug vorgeschritten , um der Hoffnung Raum zu geben , dass dieselbe 
nicht ebenso in der Mitte stocken bleiben werde, wie dies mit der 
griechischen Geschichte von Thirlwall der Fall gewesen ist. Der Ue- 
bersetzer ist Hr. Dr. Meissner. Der Preis der Uebersetzung wird 
noch nicht die Hälfte vom Preise des Originals erreichen. Allerdings 
ist derselbe auch so noch sehr ansehnlich, da nach mathmasslicher 
Schätzung die ersten acht Bände des Originals , welche bis zum Tode 
des Sokrates hinabgehn, in der deutschen Bearbeitung 24 Thlr. kosten 
würden. Die Sache würde sich aber doch erschwingen lassen , wenn 
man nur gewis sein dürfte, dass dieselbe uns einen wirklichen Er- 
satz für das englische Werk böte. Wäre dies nieht der Fall , so wäre 
der Schaden um so grösser, als durch eine misrathene Uebertragung 
dem Erscheinen einer bessern Arbeit offenbar würde der Weg ver- 
schlossen werden. 

Der Uebersetzer selbst beruft sich nun allerdings auf die freund- 
liche und nachsichtsvolle Theilnahme, welche seiner Arbeit von allen 
Seiten her sei gespendet worden. Er citiert selbst die briefliche Aeus- 
serung des Hrn. Verfassers, dass er seine Gedanken vollkommen und 
treu in ihrer neuen Sprache wiedererkenne. Ich habe alle Achtung 
vor Hrn. Grotes Urtheil; indes wenn die eigne Prüfung uns gestattet 
ist und diese Prüfung uns überzeugen sollte, dass die Arbeit des Hrn. 



») Vergl. Bd. 57. S. 271-290. Bd. 58. S. 168-187. Bd. 59. S. 
373--389. Bd. 60. S. 3 - 20. 



Grote : History of Greece. 



259 



Dr. Meissner schlecht wäre , so müssten wir Hrn. Grotes Auetoritat 
hier einmal unbeachtet lassen. Die Artigkeit gegen den Uebersetzer 
hat ihn vermuthlich bestimmt, über die Uebersetznng sich mit weniger 
Entschiedenheit zu äussern. Nach vielfacher Yergleichung kann ich 
nur dem Urtheil beistimmen, welches im Litterarischen Centralblatt 
1851 S. 846 über eine andre Bearbeitung eines englischen Werkes von 
demselben Verfasser ausgesprochen ist. Es ist, mit. wenigen Worten, 
eins der gewöhnlichen Fabrikate , mit denen wir nur zu reichlich be> 
dacht werden, und ich möchte niemand rathen , sich vertrauensvoll die- 
ser Uebersetzung zu bedienen , wenn er nicht die Fähigkeit besitzt, 
sich aus den verkehrten Ausdrücken und confusen Gedanken des deut- 
schen Buchs das Original zu reproducieren. Ich glaube zwar, jeder wer 
Dennis Städte und Grabstätten Etruriens oder Kapitän 
Lynch Jordanreise in der Uebersetzung des Hrn. Dr. Meissner 
gelesen hat, würde dem eben gefällten Urtheile ohne weiteres glau- 
ben ; indes warum soll ich nicht meine Leser mit eignen Augen sehn 
lassen? Ich bemerke, dass ich das Englische nach meinem Exemplar 
der ersten Originalausgabe eitlere. Die Uebersetzung ist freilich auf 
Grund der zweiten Ausgabe angefertigt ; indes wird jeder leicht sehn, 
dass das keine Bedeutung hat. 



^ursprünglich von nicht gesehe- 
nen- Händen ins Dasein gerufen, 
und von Daten , auf die sich nie- 
mand beziehn kann, existierte er in 
dem umlaufenden Gespräche des 
Volks.' 

*das freiwillige Erzeugnis' ( — r 
es ist vielmehr von dem bewusst- 
und absichtslosen die Rede.) 

^sie verschafften der Neugierde 
Nahrung, lösten vage Zweifel und 
begeisterten das Streben des Jahr- 
hunderts.' 

^ihr Polytheismus erkannte Ein- 
wirkung unsichtbarer Personen an, 
die mit den verschiedenen Oert- 
lichkeiten und Abtheilungen der 
physischen Welt für dasselbe er- 
klärt und vermengt wurden.' 

Mie Alterthümer jedes Standes 
aber waren göttliche und heroi- 
sche , welche wohl die Lineamente 
der gewöhnlichen Menschen wie- 
der hervorbrachten , sich aber um 
ihr Maass und ihre Grenzen gar 
nicht kümmerten.' 
Diese Belege lassen sich unendlich vervielföltigen, ohne dass 



Vol. I. p. 460 raised original- 
ly'by hands uu$een and fram data 
unassignable ^ if existed ßrst in 
ihe shape of floaiing iaUt among 
ihe people. 

i 

ebds. ihe spontaneous growth 
of ihe Grecian mmd. 

ebds. ihey fumished alimetU io 
ihe curiosiiy^ and Solution to ihe 
eague doubis and aspirations of 
ihe age. 

p. 469 ihetr polyiheisme — re- 
cognisedpresiding agencies of un- 
Seen beings in ihe differeni loca- 
liiies and depariments of the phy- 
sicai World. 

ebds. bui ihe aniiquities of 
every State foere divine and he- 
roic^ reproducing the lineaments^ 
bui disregarding the measure and 
ihe limiis^ of ordinary humanity. 



'260 Alte Geschichte. 

mim mühsam danach zu suchen brauchte ; diie Darstellungsweise des 
Hrn. Verf. hat ohnehin, wie vortrefOich sie in anderer Hinsicht ist, 
doch etwas breites und mühsames und der Leser ist oft genöthigt, eine 
Reihe von Sätzen mehrmals zu lesen um klar zu sehn, worauf der 
Verf. eigentlich hinaus will ; durch die Uebersetzung wird die Leetüre 
des Buchs noch erschwert, so' dass man keinen Abschnitt zu lesen 
wagen darf, ohne zum Original seine Zuflucht zu nehmen. Meine Le- 
ser werden mir, nachdem ich mich dieser unerfreulichen Verpflichtung 
in ihrem Interesse erledigt habe, gestatten, zu den Leistungen Hrn. 
Grotes selber zurückzukehren. 

Wie oben bemerkt, ist von diesem theilweise schon eine zweite 
und dritte Auflage erschienen. 

Es ist durchschnittlich nicht die Weise der ausgezeichneten eng- 
lischen Autoren, die neuen Auflagen ihrer Werke als gfinzlich umge- 
arbeitete den Lesern vorzuführen. Sie glauben es diesen schuldig zu 
sein, ihnen gleich das erstemal die vollendete und reife Frucht ihrer 
Studien darzubringen. Siejsiehn es dann späterhin selbst vor, dem 
ursprünglichen Werke die besondern Zusätze, sogpar in einen eignen 
Band zusammengefügt, beizugeben, anstatt einen von Grund aus, neuen 
Bau zu unternehmen. Hrn. Grotes Werk gehört, wie aus dem obigen 
geschlossen werden kann, in die Reihe derer, welche nicht der Au- 
genblick geboren hat; die neuen Auflagen enthalten demnach hie und 
da dankenswerthe Znsätze, aber keine neue Schöpfung. So haben 
ihm die Rambies and RecoUeeUons von Oberst Sleemann Veran- 
lassung zu glücklichen Vergleichungen zwischen griechischem und 
indischem Alterthum geboten. Am dankenswerthesten sind jedoch 
zwei Anhänge der 3. Auflage , in denen Hr. Grote einige Angriffe zu- 
rückweist, die Oberst Mure in seinem neusten Werke: einer Ge- 
schichte der griechischen Sprache und Litteratur, gegen dessen Skep- 
ticismus gerichtet hatte. Man kann den Erörterungen Grotes nicht 
folgen, ohne ihnen ebehso viel Belehrung als Anregung und Genuss zu 
danken, selbst wenn man sich verhindert sieht ihnen beizustimmen. 
Es wird, glaube ich, keiner weitern Entschuldigung bedürfen, wenn 
ich einige Augenblicke bei diesen Anhängen verweile. 

Grote hatte nemlich die historische Zuverlässigkeit der alten 
Genealogien und anderweitiger angeblicher Urkunden in Zweifel ge- 
zogen, und dagegen andern, wie z. B. dem Verzeichnis der olym- 
pischen Sieger eine wirkliche fides zugestanden. Oberst Mure rügte 
dies Verfahren nun als eine Willkttriichkeit, um so mehr da z. B. 
die Reihenfolge und Abstammung der alten spartanischen Könige be- 
reits von Herodot anerkannt werde , während dagegen auf die olym- 
pischen Verzeichnisse sich erst Timäus berufe. In dem ersten der 
oben erwähnten Anhänge dringt nun Grote darauf, man möge doch 
ohne diese Berufung auf Herodot und Timäus diese Urkunden allein 
für sitch betrachten , und durch Vergleichung der altern mit den Jün- 
gern ihre qualitative Verschiedenheit und hiernach ihren Anspruch auf 
historische Geltung feststellen. Diese Beobachtung führt nun Hrn. 



Grote : History of Greece. S61 

Grote zu folgendem Ergebnis: in Verzeichnissen, wie es das der Olym- 
pioniken., dus der athenischen Archonten, das der Sieger in den Kar- 
neen zn Sparta sind, — Verzeichnisse, deren Zahl sich dann bis ins 
unendliche gesteigert hat — , zeigt sich nirgend das Bestreben mit 
der Gegenwart an eine mythische Vorzeit anzuknüpfen, Göttern und 
Heroen einen Platz in der Reihe der Ahnen zu verschaffen , bestehende 
Institutionen, politische wie religiöse, recipierte Vorstellungen, wel- 
cher Art dieselben sein mögen , auf ein bestimmtes Datum zurückzu- 
fahren, auf ein specielles Factum zu gründen; weder der Glaube noch 
die Phantasie sind dabei irgend wie als thitig zu erkennen ; es han- 
delt sich nur um ein wirkliches und rein menschliches Bedürfnis, wel- 
ches befriedigt werden soll. Diesen prosaischen, praktischen und 
verstfindigen Charakter trägt das olympische Verzeichnis gleich von 
dem ersten in der Reihe, von Koröbus an. Das ist es, was ihm für 
die Benutzung als geschichtliche Quelle eine ganz andere Bedeutung 
gibt. 

Der zweite Anhang hat die Agrammatie in Sparta zum Gegeii- 
stande. Grote hatte bestritten, dass die yqi^ijuna — sonderbar klingt 
dafür der Ausdruck * Buchstaben' in der Uebersetzuog, es ist viel- 
mehr schlechtweg unser * Lesen und Schreiben' -r- in dem spartani- 
schen Jugendunterrichte je eine Stelle gehabt bitten, und sich hiebei 
ganz besonders auf Isokrates Aensserung berufen , die Spartaner seien 
vodovxov a^saleXsifiiUvoi %^g oioiv^ Ttatdslag xal q>tlo0og>lagy nöxs 
ovdh yQaiifuna lutv^avoviSiv. Mure stellte dieser Behauptung nun 
Beispiele aus den bekannten Zeiten der Geschichte entgegen, aus 
denen eine factische Bekanntschaft der Spartaner mit der Kunst des 
Lesens und Schreibens könne gefolgert werden , so z. B. die Briefe 
des Demarat (Herod. VII, 239) und des Pausanias (Thuc. I, 128) , die 
allerdings sehr lakonische Depesche, welche Hippokrates nach der 
Schlacht bei Kyzikus an die Behörden zu Sparta sendet (Xen. Hell. 
I, l), die Namensverzeichnisse von Heloten, die geschriebenen Ver- 
trage u. s. w. Grote hingegen gibt sich die ersinnlichste Mühe, diese 
Beispiele entweder überhaupt zweifelhaft zu machen oder doch den 
Schlttss, den Oberst Mure daraus gezogen hat, als fibereilt darzu- 
stellen. Dagegen sucht er nun theils die Auctoritfit des Isokrates zu 
kräftigen, theils durch Xenophon, Aristoteles und selbst Plato zu 
unterstützen. Ich muss offen bekennen , dass bei dieser Art von Ge- 
fecht nicht viel herauskommt. Plutarch sagt uns im Leben des Lykurg - 
mit dürrem Worten gerade das , was das einfachste und natürlichste 
scheint : Lesen und Schreiben hatten die jungen Spartaner ivetuc t^ 
XQSÜxg gelernt, des Bedürfnisses wegen, und also auch nicht weiter als 
es das Bedürfnis erforderte. Grote kennt natürlich die Stelle sehr wohl, 
aber er legt nur kein Gewicht darauf, weil nach seiner freilich irrigen 
Annahme Plutarch bei dieser Biographie aus Quellen einer spitern 
Zeit geschöpft habe, aus Autoren, die mit Agis und Kleomenes etwa 
gleichzeitig waren. Ich habe bereits früher erklärt, woher dieser 
Irthum entstanden ist. Plutarch nennt oft eine Mai««^ k^Nn^^^^^^^^ 



202 Alte Geschichte. 

• 

allerdings benutzt hat, aber nar io Einzelheiten; den Hanptautor aber 
pflegt er nicht zn nennen, und dies ist für den Lykurg gerade Epho> 
ras. Wenn man dies berücksichtigt, so erhfilt jene Notiz bei Flntarch 
ein ganz anderes Gewicht. Ich habe, wie gesagt, schon früher auf 
diese Eigenthümlichkeit Flntarchs aufmerksam gemacht. Wie man 
sich dieselbe auch erklären mag, so ist es doch ausserordentlich 
wichtig, dass man sie eben kennt und benutzt. 

Ich werde jetzt die Untersuchungen des Groteschen Werkes durch 
Band Y — ^VlII, welche den Zeitraum von dem Zuge des Xerxes bis 
zum Tode des Sokrates umfassen, in einer ähnlichen Weise vorfüh- 
ren, wie ich dies früher bei den vier ersten Bänden gethan habe, und 
dabei zugleich, kürzer oder ausführlicher, an ähnliche historische 
Arbeiten erinnern, um daraus den Schluss ziehn zu lassen, in wei- 
chem Verhältnis unser Geschichtswerk zu denselben stehe und inwie- 
fern durch dasselbe unsere Wissenschaft gef5rdert sei. 

Das 38. Capitel beginnt mit der Zeit, welche unmittelbar auf die 
Schlacht von Marathon folgt, und reicht bis zu der grossen Musterung 
des persischen Heeres bei Doriskus ; es enthält also die grossen Vor- 
bereitungen zu dem Kriege Seitens der Ferser. Ich muss gleich hier 
einige Worte über die historische Kritik des Hrn. Verf. voraussenden. 
Wir haben bekanntlich über den Zeitraum, in den wir nunmehr hin- 
eintreten, verschiedene und vielfach einander widersprechende Be- 
richte: Herodot, Diodor, Justin, Flutarch sind nicht immer im besten 
Einklänge miteinander ; die Aufgabe des Geschichtsforschers ist aber 
die historische Wahrheit, welche nur ^ine sein kann, zn gewinnen. 
Der Verf. verfährt nun hiebei folgendermassen: tf fragt bei jedem 
einzelnen Factum die Autoren , welche darüber berichten , und wählt 
nach seinem Ermessen und Urtheil diejenige Relation heraus, welche 
ihm die meiste Wahrscheinlichkeit hat. Es ist wohl zu erwarten, dass 
ihm hier der eine , dort der andere als der zuverlässigere erscheinen 
werde. Dagegen zeigt sich nicht, dass er seine Zeugen nnd Gewährs- 
männer überhaupt und im allgemeinen einer solchen Früfung unter- 
worfen hätte. Hiedurch bekommt die Kritik immer etwas zufölliges 
und nnzuverlässiges. Es ist wie wenn jemand durch Krankheit auf 
lange Zeit verhindert würde , das Leben draussen zu beobachten , und 
darauf angewiesen wäre ,* sich der Beobachtung anderer Personen zu 
bedienen. Man kann voraussetzen, dass diese Personen, wenn sie 
dasselbe Ereignis referieren sollen, so gut voneinander abweichen 
werden , wie unsre Historiker. Wird nun der kranke , den es ernst- 
lich verlaugt die Wahrheit zu hören , nicht aber seine Neugier oder 
eine Leidenschaft zu befriedigen, die jedesmaligen Berichte bloss ab- 
wägen und aus ihnen den probabelsten auswählen, oder Wird er zu- 
gleich hiermit die Natur seiner Referenten studieren ? Thut er das letz- 
tere , so wird es ihm leicht begegnen , dass er den sehr wahrschein- 
lichen Bericht des einen verwirft, und dagegen dem sonderbaren und 
unwahrscheinlichen eines andern beipflichtet , weil er von der Schärfe 
ifes Auges und der innern Wahrscheinlichkeit des letztem mehr als 



Grote: History of Greece. 283 

von diesen Eigenschaften des erstem überzeugt ist. Das unwahr- 
scheinliche ist oft gerade das wirkliche. Natürlich wird das eine nicht 
sein können ohne das andere. Die Prüfung der allgemeinen Glaub- 
haftigkeit und die des einzelnen wahrscheinlichen werden sich in glei- 
cher Weise bedingen, ergänzen, rectificieren , wie überhaupt in der 
menschlichen Erkenntnis die Wege, welche vom einzelnen und vom 
allgemeinen ausgehn, gemeinsam und miteinander verfolgt werden 
müssen , um zum Erkennen des wahren zu gelangen. Es ist dies mei- 
nes Erachtens so unzweifelhaft, dass nicht genug zu bewundern ist, 
wie wenig hierauf geachtet zu werden pflegt. Doch hierüber ein an- 
deres mal. Bei Grote habe ich mich umsonst bemüht ein sicheres Be- 
wusstsein über die Auctorität zu finden, welche jeder Autor verdient. 
Bei diesem Verfahren aber kann das Resultat seiner Untersuchungen 
nur als ein dem Zufall zugehöriges angesehn werden. Dagegen tritt 
nun bei ihm in die leer gelassene Stelle ein anderes Kriterium. Wie 
scheinbar unbefangen und unparteiisch auch diese Geschichtsbehand- 
lung sich geben mag, sie steht doch unter dem Einfluss gewisser po- 
litischer Ueberzeugungen, welche der Verf. zu seiner Forschung mit- 
gebracht hat. Wir werden unten sehn, wie die geschichtliche Wahr- 
heit, so wie sie, was sehr oft geschieht, diese Ueberzeugungen 
berührt, alteriert und corrumpiert wird. Für diese Dinge werden wir 
unten vielfach Gelegenheit haben Beweise beizubringen. 

Was nun den vor uns liegenden Abschnitt anlangt, so hat der 
Verf. vielfach die richtigen Ansätze dazu gemacht, die Glaubwürdig- 
keit des Herodot zu würdigen, aber es bleibt eben auch bei diesen 
Ansätzen ; der Verf. gibt seine Principien auf, wenn es ihm so zusagt. 
So bemerkt er die grosse Aehnlichkeit, welche das 7. Buch des He- 
rodot mit dem 2. Buch der Iliade habe , den Traum , dort an Xeries, 
hier an Agamemnon gesandt; — die Aufzählung der Nationen, wel- 
che zum Kampf aufgeboten werden ; — Artaban erinnert an Nestor ; 
— es ist ein höheres Walten, aus dem Herodot den. Krieg herleitet, 
der so viel Unglück über Asien bringen sollte. So schrieb Herodot, 
so dichtete Aeschylus , so glaubte das Volk. Es wäre sonst ganz na- 
türlich gewesen , dass Xerxes die Pläne seines Vaters wieder aufge-; 
nommen, selbst seine Regierung grossartig, glänzend zu erölTnen ge- 
wünscht hätte. Wie nahe hätte es nun dem Verf. gelegen, sich über- 
haupt zu vergewissern, von welcher Natur dieHerodoteische Geschichte 
war! War sie das Ergebnis einer Thukydideischen Forschung? oder 
war sie die Weise, wie diese Kriege im Volke lebten? Bald lässt 
der Verf. nun den Herodot bei den Personen, die den König begleitet 
hatten, etwa den Nachkommen des Demarat, die in seiner Nähe wohn- 
ten , specielle Erkundigungen einziehn , bald wieder aus der Anschau- 
ung und aus dem Glauben jener Zeit manches hineingetragen werden. 
Wie die Sache an sich plausibel erscheint, das ist das Kriterium. 
Unsere deutschen Historiker sind in dieser Beziehung consequenter. 
Dass z. B. ein Pferd einen Hasen geboren habe, ist eine nach der 
That erdichtete Vorbedeutung; dass aber Xerxes den HftUftw^^^n ^^ 



i64 Alte Geschichte. 

die ersten Brücken zerstört sind, mit Ruthen peitschen lässt, ist nicht 
unglaubhaft , denn die Alten haben öfters derartige leblose oder doch 
yernunftlose Gegenstände belohnen und bestrafen lassen. Die Ge- 
schichte mit Pylhius an sich ist wahrscheinlich , aber sein Reichthum 
abertrieben; die Zahlen, welche die Musterung bei Doriskus ergibt, 
bezweifelt er nicht eben, wenn er auch nicht mit Heeren glaubt, He- 
rodot könne die Angaben aus dem persischen Kriegsministerium er- 
halten haben. Die Unterredung, welche Xerxes hier mit Demarat hat, 
glaubt Grote, habe wirklich stattgefunden; aber Worte und Gedanken 
habe der Schriftsteller aus dem Volksglauben ergänzt. Ich habe für 
meine Person die Ueberzeugung, dass Herodot diese Kriege eben nur 
so wiedergibt, wie sie im Volke lebten, wie sich aus den vielen und 
bunten Erzählungen darüber nach einem Menschenalter eine einheit- 
liehe Vorstellung gebildet hatte ; als Herodot schrieb , waren die ver- 
schiedenen Elemente, die grossen Ereignisse, viele einzelne Erdich- 
tungen, der Glaube des Volks an die unmittelbare Mitwirkung der 
Cr&tter und dergl. bereits zu einer einigen Masse verdichtet, welche 
bereits nicht mehr in ihre Bestandtheile aufgelöst werden konnte ; im 
grossen und ganzen spiegelte sich der Geist, in welchem damals ge- 
kämpft war, getreulich ab, eine Kritik des einzelnen zu geben war 
nicht Herodots Absicht. Die geschichtliche Kritik war damals noch 
nicht durch Thnkydides erweckt worden ; sie hätte , selbst wenn sie 
bereits da gewesen wäre, doch unbenutzt bleiben müssen. Dies vor- 
ausgesetzt, sind uns über diesen Krieg alle abweichenden oder eig- 
nen Nachrichten, die etwa Diodor uns darbietet, von einem sehr 
gifOssen Gewicht, zuinai wenn es uns möglich ist, die Quelle zu ent- 
decken, aus der ein solcher Autor geschöpft hat, und wenn es sich 
ergeben sollte, dass in ihm etwa ein Ephorns verborgen wäre, — 
was für mich wenigstens unzweifelhaft ist. Doch wir dürfen nicht 
vergessen, dass es hier nicht der Ort ist Untersuchungen zu führen, 
sondern über Untersuchungen zu berichten. 

Das 39. Capitel gibt nun die Ereignisse bis zur Schlacht von 
Thermopylae in Griechenland, zunächst den Krieg zwischen Athen 
und Aegina. Grote lässt diesen Krieg bald nach der Schlacht von 
Marathon beginnen und sich bis 481 hinziehn, nach den ersten grossen 
Kämpfen in Räubereien und Plünderungen , denen endlich die Furcht 
vor dem nahenden persischen Heere ein Ende macht. Hiermit stehn 
dann die grossen Rüstungen der Athener zur See und die innern po- 
litischen Verhältnisse, die sich in Aristides und Themistokles kund 
geben , zusammen. Bekanntlich ist dies eine der dunkelsten Partien in 
der Geschichte; wir können es nicht umgehn hier ein wenig länger zu 
verweilen. Dem Verf. sind, ein sehr grosser Nachtheil für sein Werk, 
die ^historisch-philologischen Studien' von K. W. Krüger unbekannt 
geblieben, welche unter anderm eine Episode über das Archon- 
tat des Themistokles und die Zeit, in welcher die Er- 
bauung des Firaeeus angefangen, darbieten, meines Erachtens 
das gründliohBXt und durchdachteste über diese Gegenstände , wenn 



Grote: history of Greece. M5 

man auch verhindert sein solile dem Resultate dieser Untersuohnng 
beizupflichten. 

Thukydides sagt an der Stelle, wo er von der Vollendung 
des Hafenbaues spricht: vtt^^xto d' avrov ngoxe^ov htl t^ iTidvov 
a(fXijg f^g xor ivuxvxov ^Ad'fivalotg fiQ^s. Grote versteht diese Worte 
nicht von dem Archontenamte des Themistokles, sondern vielmehr 
von seiner Strategie, die ebenso gut eine aQX'q könne genannt werden, 
und lässt die Befestigung des Piraeeus also im Frühling 480 beginnen, 
dann aber, als der Feind wider alles Erwarten rasch und Widerstands^ 
los vorrückte, wieder ausgesetzt werden. Dies ist ohne Zweifel 
durchaus falsch. Der Ausdruck t^v ivucvalav rolg ^Ad-rivcUoig i(fxh^ 
ccQxeiv geht nur auf das Archontenamt und zwar auf das eines Epony- 
mus , wie Krüger a. a. 0. S. 14 hinreichend gezeigt hat. Die Frage 
ist nur, wann dies Archontat des Themistokles anzusetzen sei. Die 
Fasten bieten uns Olymp. 71, 4 = 493 v. Chr. einen Themistokles als 
Archon. Sollte dies nicht unser Themistokles sein? Böckh hatte 
sich hierfür entschieden. Er bemerkte überdies, aus einer Stelle dts 
Fhilochorus müsse als einer der Nachfolger des Themistokles ein Ar- 
chon Kebris entnommen werden , und diesen ohne Zweifel verdorbe- 
nen Namen erkannte er in dem Archon Hybrilides des Jahrs Ol. 73, 3 
an. Hiergegen tritt Krüger anf : das Jahr des Arehontates des The- 
mistokles sei später zu setzen; denn 1) es sei an sich anwahrsehein- 
lich, dass die Athener, dies rührige Volk, ein begonnenes so wiohti- 
ges Werk so lange hätten liegen lassen ; 2) wenn Themistokles bereiii 
493 Archon und ein Archon von so bedeutendem Einflüsse war, wie 
konnte Herodot (VII, 143) so viel später von ihm den Ausdruck av^^ 
ig TtQmovg vecsörl naquov gebrauchen? 3) wie konnte, wenn die 
Athener schon damals anfiengen Schiffe zu bauen, Thukydides sagen, 
^QO ti^g SiQ^ov (Sxqaxuig hätten die Athener nnr ßQccxia besessen, da 
sie doch, den jährlichen Bau von 20 Schiffen vorausgesetzt, binnen 
kurzem hätten zu einer bedeutenden Seemacht gelangen müssen ? Yoa 
den Jahren nun zwischen Marathon und Salamis sind uns die Archon- 
ten von 487, 486, 482, 481 unbekannt. Von diesen Jahren entscheidet 
sich Krüger, um 481 für Kebris zu gewinnen, für 482. Anf jene Ein- 
würfe Krügers hat in neuerer Zeit zu antworten unternommen 

Theod. Finck : de ThemistocUs aetate vita ingemo rebusque 
gestis (Gottingen, Yandenhoeck und Ruprecht 1849) 

und sich mit Böckh für das Jahr 493 entschieden. loh werde kiirs, 
hier und dort ergänzend, über Fincks Ansieht referieren. 

Er nimmt die Angabe als zuverlässig an, Themistokles habe ein 
Alter von 65 Jahren erreicht; indem er nun voraussetzt, derselbe eei 
469 gestorben, so erhält er als sein Geburtsjahr 534, so dass also TIm-* 
mistokles zu der Zeit, wo Miltiades bei Marathon siegte, nichl Mekr 
ein viog, sondern ein gereifter Mann war. Hiermit stimmt aaeh, wti 
wir anderweitig über ihn lesen. In der Sohlacht bei Marathon Um/fUi 
er neben Aristides (Flut. Arist. 5). Wenn dieser unter den 8tnu 

/V. Jakrb, f. PkU, u. Paed. Hä, LXV. Bft. Z. ^& 



266 Alte Geschichte. > 

legen als Führer seiner Phyle, der Antiochis, erscheint, so liegt es 
sehr nahe, aus der Art und Weise, wie Plutarch die beiden Männer 
hier verbindet, zu schliessen, Themistokles habe ebenso seine Phyle, 
die Leontis, befehligt, und sei auch mit unter den zehn Strategen der 
marathonischen Schlacht gewesen. Auch Grote hält dies nicht für 
unwahrscheinlich. Hiermit muss man nun verbinden, wie Themisto- 
kles unmittelbar nach jener Schlacht als bedeutender Staatsmann ge- 
gen Miltiades in die Schranken tritt: inQu^s vavta^ sagt Plutarch 
(Them. 4), MiXrwdov XQccvi^iSag ivxiXiyovxogj mg ttSxoqBl Skrjfsi^ßqo-- 
zog. Bei Plutarch erscheinen überdies Themistokles und Aristides 
ziemlich von gleichem Alter ; gehört der letztere der Hetaerie des Kli- 
sthenes zu, so dürfen wir auch bei Themistokles voraussetzen, dass 
er etwa um dieselbe Zeit, mindestens 24 Jahr alt, sich in das öffent- 
liche Leben gewagt und in eine Hetaerie begeben habe. Das Herodo- 
teische vsca<Stl igtavg n^movg TtaQicov würde ich also, wenn man durch- 
aus den Ausdruck veoxSTl urgieren will, darauf beziehn, dass Themisto- 
kles nicht zu den alten edlen Geschlechtern gehörte, sondern selbst 
erst sich zu Einfluss und Ansehn emporgehoben hatte. Doch ich glaube 
eben, bei Herodot, der so wenig das Bedürfnis einer chronologischen 
Geschichtserzählung fühlt, ist ein solcher Ausdruck nicht machtig ge- 
nug uns zu nöthigen, dass wir das Emporkommen des Themistokles 
bis unmittelbar vor den Zug des Xerxes hinabrücken. Bei Plutarch 
muss mau überdies bestimmt annehmen, dass der Bau der Schiffe 
gleich nach der Schlacht bei Marathon , noch bei Lebzeiten des Mil- 
tiades ; noch während der Regierung des Darius begonnen habe , und 
die specielle' Erwähnung von 100 Schiffen , die damals zuerst in An- 
griff genommen wurden , flösst mir besonderes Vertrauen zü Plutarch 
ein, sowie ich denn auch aus den Worten ri^v dtavo^irpf iaaavteg 
den SchlMss ziehe, dass die Yertheilung der Einkünfte von Lanrion 
wirklich jährlich stattgefunden habe und nun zu jährlichem Bau neuer 
Schiffe das Geld verwendet sei. Noch mehr gewinnt dies alles an 
innerer Wahrscheinlichkeit, wenn wir uns in die lebendigen Verhält- 
nisse jener Zeiten versetzen. Die durch Klisthenes bewirkte Neuge- 
staltung des Staats erweckte natürlich ein reges Leben in Athen; die 
Tyrannis war vertrieben, die alte Aristokratie gesprengt, aber im 
Schoosse des Demos traten sofort die Parteien hervor und suchten 
durch Hetaerien in ihre Bestrebungen Einheit und Macht und das Ruder 
des Staats in ihre Hände zu bringen. Aristides und Themistokles wa- 
ren unter denen, welche diese Bahn betraten. Es ist mir nicht un- 
glaubhaft, dass der Reformator Klisthenes einen Aristides in seiner 
Hetaerie hatte; ein Klisthenes musste bald, wenn die demokrati- 
sche Bewegung vorwärts drängte und über das Ziel hinaus strebte, 
welches er ihr gesetzt hatte, als antidemokratisch erscheinen, wie 
denn zu Kimons Zeit geradezu von der Aristokratie des Klisthe- 
nes die Rede und das Streben der damaligen Conservativen darauf 
gerichtet ist, die Klisthenische Verfassung zu erhalten. Themistokles 
nun gehört- zu denen die weiter streben; ich denke mir, er ist schon 



Grote: history of Greece. 267 

als Archou der Führer seiner Partei gewesen , damals wo er den Bau 
des Piraeens begann. Die von Persien drohende Gefahr brachte den 
Miltiades empor. Der Sieg, den dieser errungen, erweckte die ent- 
gegengesetzte Partei zu grosser Kraftanstrengnng , und damals, zwi- 
schen der Schlacht von Marathon und dem Sturz des Miltiades , war 
es , wo Themistokles den Bau der Flotte erwirkte. Das war es , wa- 
rum die Tropaeen des Miltiades ihm den Schlaf raubten; es handelte 
sich nicht nur um persönliche Eitelkeit bei ihm, sondern um politische Be- 
deutung ; dem Bau der Flotte gegenüber mochte auch der Piraeeus noch 
ausgesetzt bleiben ; die Kräfte Athens waren noch nicht stark genug, 
um beides zugleich ins Werk zu setzen. Man konnte sich begnügen; 
wenn man den Hafen gegen den ersten Angriff gesichert hatte. Dar- 
auf würde ich das Thukydideische incriQTtro cdrov beziehn. Ich denke 
mir, in dem allen wird man nur das Handeln eines consequenten , sei- 
nes Ziels sich klar bewussten Mannes erkennen. Jedesfalls aber ge- 
hören die Befestigung des Piraeeus und die Flotte nicht zusammen, 
sondern jene fällt mehrere Jahre früher als diese. Was nun aber den 
aeginetischen Krieg betrifft, so ist dieser, wenn man Herodot folgt, 
vor dem Zuge des Datis und Artaphernes ausgebrochen. Herodot 
sagt (VI, 93) : ^Ad^alot^i fiiv <J^ Ttoleftog iSvvijfmo TtQog Atyivrftag^ 

ÖS niqdriQ zo ianrcov htolss kxL , worauf der Zug der Perser be- 
richtet wird. Dieser Krieg dauerte, wie man hier aus dem Plnsquam- 
perfect und aus den Worten (VII, 144) ovtög b Ttokeiiog üvtfrag Sömae 
tote tr^v 'Ekkceda zu sehliessen berechtigt ist, fort, als bereits die 
Schlacht von Marathon geschlagen war. (Finck will von einem aegi- 
netischen Kriege zwischen den Schlachten von Marathon und Salamis 
überhaupt nichts wissen , ja er verlegt die Anfänge dieses Kriegs noch 
in das vorhergehende Jahrhundert.) Aber er dauerte eben^ wie sol- 
che Kriege geführt zu werden pflegen , unter Kapereien und Kflsten- 
verheerungen fort, ohne dass es zu grossen Schlachten kam. Daher 
ist es denn erklärlich, dass Themistokles einerseits den Krieg mit 
Aegina vorwenden konnte, um die Athener zum Bau einer Flotte zu 
treiben, andrerseits es doch nicht zum wirklichen Gebrauch dieser 
Flotte kam. Die endliche Beilegung dieser Feindseligkeiten mag dann 
immerhin erst durch Themistokles, Angesichts der nahenden Gefahr, 
bewirkt worden sein. Dies ist die Vorstellung, die ich von diesen Ver- 
hältnissen habe, und ich wünschte sehr durch diese Andeutungen zu 
neuer Aufnahme dieser Untersuchungen anzuregen. 

Der aeginetische Krieg veranlasst Hrn. Grote zu einer zwar nur; 
beiläufigen, aber doch wichtigen Bemerkung. Bei dem Beginn des- 
selben ist von der Aristokratie zu Aegina — den Jtcexieg — eine 
schwere Versündigung gegen die z/ijfti^^ d'eiSfMHpoQog verübt wor- 
den, die Herodot (VI, 91) erzählt. Dieses ayog iti^aacf^cci. ovx ol-, 

01 te iyivovto iTttfiifxavßifievot , aX)L Mcp&nficiv ixTteöovteg jt^te^ov Ix 
t^g vrfiov^ ^ (S(pt lieoDv yavia^m tifv ^eov. Die Vertreibung der A^- 
gineten von ihrer Insel geschah im Anfang des peloponnesischen Kriegs. 
Die Spartaner räumten ihnen zur Nutzung die Thyreatis ein. Hiet 



268 Alte Geschicfate. 

Wohnten sie aber nur bis 434, wo sie durch einen Ueberfall der von 
Kythera heimkehrenden Athener vemiehtet wurden. Herodot, schliesst 
Grote , hätte die obigen Worte nicht schreiben können , wenn er be- 
reits von diesem letzten Ung^lflck der Aegineten gewusst hätte, und 
gewinnt hieraus eine Zeitbestimmung für die Abfassung seines Buchs. 
Herodot, sagt er, schrieb su einer Zeit, wo die allgemeine Erbitte- 
rung gegen Athen aufs höchste gestiegen war, und schrieb eben in 
der Absicht, dieser Zeitstimmnng gegenüber die unsterblichen Ver- 
dienste Athens in ihr vollstes Licht zu setzen. Der Grandtext seiner 
Geschichte ist, dass Griechenland seine Freiheit einzig und allein den 
Athenern zu danken habe. Grote deutet auch auf die merkwürdige 
Schonung hin, welche Herodot den Argivern zu Theil werden lasse, 
wie rücksichtsvoll er VII, 152 ihrer gedenke. Man muss der feine» 
Beobachtung Grotes alte Anerkennung zu Theil werden lassen: der 
Historiker habe jene Rflcksidit nur genommen um der einfluss^reiche» 
Stellung willen, die Argos damals durch seine neutrale Stellung zwi- 
schen den kriegführenden Mficfaten einnahm, eine Stellung, in der es, 
wohin es sich wandte , einen entscheidenden Einfluss ausüben musste. 
Ich habe diese Ansichten unsers Verfassers um so lieber mittheilen 
wollen , weil sie sich in überraschender Weise denen nähern , welche 

Jos.Ruhino: de mortis HerodoH tempore disputatio (Vor- 
rede xu dem Sommerkatalog der Marburger Umrersität von 1848) 
ausgesprochen hat. Dionysins sagt von Herodot, er habe seine Ge- 
schichte TtecQenrelvag (lix^t xw üskoTtowriaiccxciv. Nachdem schon 
Ley in einem Programm hierauf Gewicht gelegt, fasst sie auch Ru- 
bino so, nach Dionysius reiche Herodot bis in die ersten Zeiten de» 
peloponnesischen Kriegs. Bei Herodot finde sich in der That kein 
Ereignis erwähnt, welches nach Artaxerxes, also nach 424, falle. Ru- 
bino lässt daher Herodot nach Artaxerxes und zwar imierbalb der 
sieben Monate, welche zwischen dem Tode des Artaxerxes und der 
Thronbesteigung des Darius Nothus liegen, sterben. Idi enthalte mich 
hierüber eines nähern Eingehns , da ich auf das verweisen kann , was 
bereits von Bahr in diesen Jahrbüdiern (Bd. LVL S. 3 — 11) hier- 
über mitgetheilt ist. 

Nächstdem aber tritt uns in diesem Capitel bereits die Grundan- 
sicht entgegen, welche den Verf. bei seiner Geschichtsauffassung ge- 
leitet hat, wie ich wenigstens glaube, vielfach auf Kosten der ge- 
schichtlichen Wahrheit. Nach dem Fall des Miltiades, sagt Grote, 
sind Themistokles und Aristides die einflussreichsten Personen in 
Athen. Die besonderen Ursachen ihrer Nebenbuhlerschaft kennen wir 
nicht, eine derselben ist jedoch wohl die Umgestaltung Athens zu einer 
Seemacht, welche Themistokles betrieb, während Aristides den old- 
fashioned Hellenism^ the undisturhed unifomUty of life, and nar~ 
row ränge of active daty and experience vorzog, wie es auch die 
spätem Philosophen thaten. (Beiläufig bemerkt, war die Fortent- 
wicklung des demokratischen Princips und die politische Parteistel- 
lung der Grund, und die Hinführung auf das Meer das Mittel zur Er- 



Grole: hislory of Greece. 209 

reichuBg jenes Zwecks, wie das ArisUdes auch sehr gut gefühlt hal^ 
wenn er sagt, er und Themistokles verdieaten alle beide den Tod — 
weil sie ihre Parteixwecke höher «teiltea als das wahre Wohl des 
«Staats.) Diese ungünstigen Urtheile der Philosophen über die Demo- 
kratie und den vavuTtog oxkog sind dem Verfasser ein wahrer Dorn 
im Auge ; er ergreift daher mit Freuden eine Stelle in den Memora- 
bilien (III, 5, 19), wo der jüngere Perikles sagt, dass die vav%b%oL 
«war nu^itq%ovat xol^ igteazÄctv^ o£ de imkitai xal ol tnatug^ di do- 
XOVÖ& Tuclonayad'la itqoxeiK^d'ui, xmv Tcoknw^ M7tei^4at4xtol ddi nav- 
tfav. Dies ist eine Aeusserung, auf die Grote grosses Gewicht legt 
und auf die er öfter wieder surückkommt Die so verachteten vavti- 
Hol sind gehorsam, die onkhai sind ungehorsam, sind revolutionär. 
Es ist nicht eben zu verwundern , dass man in Deutschland auch diese 
Entdeckung mit Freuden begrüsst und Grote glanbensvoU nachge> 
sprochen hat — wie dies s. B« im eriilen Jahrgang der deutschen 
Monatsschrift irgendw^o geschehn ist Ich war frappiert, dass Xeno- 
phon dies solle gesagt haben. Was sagt nun Xenophon? Die vctvxt- 
xol sind evrcKXTO^, ebenso findet man bei den yvfi^viHol aymvsgj 
ingleichen bei den Chören Gehorsam gegen die Vorsteher. Warum 
uun nicht ebenso bei den Hopliten und Rittern? Der Grund liegt nicht 
darin , dass die Athener überhaupt nicht evtmxxoi wfiren , sondern weil 
bei den Kitharisten, Choreuten und Schiffern Leute die «^i^ haben, wel- 
che ihr Fach verstehn und als solche anerkannt werden , zmv 6i ifr^* 
rrjymv oi iclausxoL avxoaxedui^ovaiv. Man gebe ihnen , ist die Folge- 
rung, nur auch sachverständige Führer , so wird es mit* Hopliten und 
Rittern auch besser stehn. Also der Grund hier des Gehorsams , dort 
des Ungehorsams liegt nicht in den Personen, welche gehorsam oder 
ungehorsam sind, sondern in der Tüchtigkeit oder Untüchtigkeit der 
Führer. Dies ist der Zusammenhang der Stelle, die Grote ganz aus 
ihrem Zusammenhang gerissen und dadurch das gerade Gegentheil 
aus ihr herausgelesen hat, ohne zu beachten, dass die edlen vavxntol 
nicht allein auf das Lob der evxa^la Anspruch haben, sondern das- 
selbe mit den Flöten- und Kitharspielern theilen müssen. Die Philo- 
logie ist nicht die starke Seite des Verfassers ; ich würde auch nicht 
so viel Gewicht darauf legen, wenn nicht auf ein solches Fundament 
ein umfassender Neubau alter Geschichte sollte aufgeführt werden. 

Es gäbe manches einzelne, was der Erörterung bedürfte; indes 
der Raum hindert mich darauf einzugehn. Nur was die Einnahmen aus 
Laurion betrifft, möchte ich auf Grotes Ansicht aufmerksam machen. 
Die Benutzung dieser Gruben, meint er, sei wohl erst seit Klisthenes 
begonnen, weil erst durch ihn das Bewusstsein gesicherter und ge- 
setzlicher Zustände gegeben sei. Die Summen, die durch diese Gru- 
ben in den Schatz kamen, waren l) die Kaufgelder, welche bei der 
Eröffnung einer Grube ein für allemal entrichtet wurden, und 2) die 
jährlichen Renten. Die zehn Drachmen, welche davon an jeden Bürger 
sollten gezahlt werden, waren natürlich nicht die ganze Summe, welche 
auf den Bau der Kriegsflotte verwandt wurde. Hiergegen ist nun Finok 



270 Alte Geschichte. 

der Ansicht, dass der Bau der Flotte saccessiv geschah und das^ 
jährlich 20 neue Schiffe gebaut wurden , indem er nach dem Vorgänge 
anderer eine sich auf eine spätere Zeit beziehende Aeusserung Dio- 
dors hieher zieht. 

Capitel 40 — 42 behandeln die Schlach.ten von Thermo- 
pylae und Artemisium, die von Salamis und endlich die 
von Plataea und Mykale. 

Ich habe so ^ben mich über die Schwäche der philologischen 
Seite dieses Werks geäussert ; um so glänzender tritt die Auffassungs- 
nnd Darstellungsgabe des Verfassers hervor, sobald er sich in einem 
Kreise bewegt , für den ein praktischer Blick sich eignet. Er hat für 
alle Verhältnisse der praktischen Lebens ein scharfes Auge , sobald 
die Klarheit des Urtheils nicht durch politische Vorurtheile getrübt 
wird. Es ist ein Vorzug, den der Engländer vor uns Deutschen und 
selbst vor den Franzosen voraus hat. Selbst bei Erzählungen, die 
durch ein so bekanntes und so oft durchwandertes Gebiet führen, 
folgt man dem Verf. mit Spannung und mit Genuss. 

Die Griechen waren nach Tempe vorgerückt, blieben aber nur 
einige Tage daselbst und zwar l) weil Xerxes mit seiner Flotte ihnen 
Truppen in den Rücken werfen konnte, 2) weil es noch einen andern 
Weg durch das Gebirge gab , den Xerxes wirklich wählte. Es ist dem 
Verf. auch unerklärlich, warum die Griechen diesen Fass unbesetzt 
gelassen hatten; es wäre doch für die Vollendung der griechischen 
Rüstungen so wichtig gewesen , den Feind an der Grenze aufzuhalten. 
Nun stellt sich* Leonidas mit einem kleinen Heer an den Thermopylen 
auf, und zwar hatte er sowohl den Fass am Meere wie den obern be- 
setzt, Aber er hatte nicht die Mittel dauernden Widerstand zu lei- 
sten. Warum Hess man ihn , zumal in dieser wichtigen Fosition, ohne 
Unterstützung? Die Antwort des Verf. ist: es war der Monat, in dem 
man die olympischen Spiele, in Sparta die Kameen feierte. Xerxes 
zögert mehrere Tage diese Stellung anzugreifen, weil er erwartete 
einen heftigen Widerstand zu finden ; er rechnete auf Bewegungen im 
Rücken des Leonidas; er hoffte, die Griechen würden auch diesen 
Fass ohne Schwertstreich räumen^ wie sie Tempe geräumt hatten. 
Er musste sich endlich doch zum Angriff entschliessen. Dass dieser 
lange erfolglos blieb, erklärt sieh aus der Localität wie aus der ver- 
schiedenen Bewaffnung. Als Hydarnes den obern Fass genommen, 
entlässt Leonidas seine Bundesgenossen. Dass er die Thebaner ge- 
waltsam zurückgehalten, wie Herodot erzählt, bezweifelt Grote. Die 
Thebaner , welche ihn nach Thermopylae begleitet hatten, gehörten zu 
den patriotisch gesinnten ; sie waren von den Gewalthabern aus den 
Gegnern der medisierenden ausgewählt worden, um sie gewissem 
Tode zu weihn. Leonidas Verfahren hätte also keinen rechten Zweck 
gehabt; er hätte echt hellenische Fatrioten mit sich ins Verderben 
gerissen. Blieben sie also, so blieben sie freiwillig: Diese Bemer- 
kung ist sehr richtig. Diodor, der die 400 Thebaner cejeo rtjg erigag 
^uqIöoq mitziehh lässt, weiss auch nichts davon, dass man sie mit 



Grote : history of Greece. S7l 

Gewalt zuräekgrehalten hätte, sondern lässt sie mit abEiehn; Herodot 
dagegen betrachtete dies thebanische Contingpent als medisch gesinntf 
and erzählt dem entsprechend, dass es von Leonidas zurückgehalten 
wird und sich hernach den Persern ergibt. Es ist jedesfalls unrichtig,- 
wenn man aus zwei entgegengesetzten Berichten ^ineu machen und 
dazu den Anfang von Diodor, den Schluss aber von Herodot entneh- 
men will. 

Der Verlast dieses Passes war sehr schmerzlich. Die Stellung 
der Flotte wurde dadurch unhaltbar; Boeotien und die benachbarten^ 
Länder giengen verloren; die Athener mussten über Hals und über 
Kopf ihr Land räumen , und ihr Verlust war bei der Eile gewis dop- 
pelt gross. Der Verf. erinnert an den Schaden , den sie 431 und in 
den folgenden Jahren hatten, wo sie doch nicht das Land zu raamen 
brauchten und die Müsse hatten alles bewegliche in Sicherheit zu 
bringen; er erinnert an die ähnlichen Lagen 1688 und dann 1821 and 
1822, wo die Athener wieder in Aegina, Salamis und zu Korinth 
Schutz suchen mussten. Die Räumung des Landes war eine fast totale, 
wie die geringe Zahl der eingebrachten Gefangenen zeigte. So folgt 
der Verfasser dem persischen Heere bis Athen und Salamis. Hier ist 
es nun wo der Verf. es bezweifelt, dass die Perser den Ausweg aas 
der Salaminischen Bucht, welcher sich zwischen Salamis und Megaris 
befindet , besetzt haben sollten. Bei Herodot steht das allerdings nicht 
ausdrücklich ; aber die Worte avijyov fiev ro an hni^g xi^ag xv- 
xXovfievOi TtQog riiv 2alce(uvaj avrjyov Sh ot a(ig)l rijv Kiov xb xal 
Kvv6(Savqw9 vsTctyfiivoi können doch nur so verstanden werden. Der' 
westliche Flügel der Flotte zog sich nach der Stadt Salamis, welche 
damals nach dem Meere zugewendet lag, an der Südküste der Insel 
hin; der östliche, welcher bei Keos und Kynosura aasserhalb der^ 
Bucht gelegen hatte , längs der attischen Küste in die Bucht hinein, 
und stellte sich hier der griechischen Flotte gegenüber auf. Nur so 
ist es erklärlich , wie Aristides , als er von Aegina nach Salamis hin- 
überkam, auf einen Theil der persischen Flotte stossen konnte. Die 
persische Flotte löst sieh auf, der König geht zurück. Nun folgt daf 
Jahr 479: die Athener müssen zum zweitenmale ihr Land räumen. 
Mardonius lässt den Athenern nach Salamis hinüber neue Friedensan- 
träge machen, wobei sich das bekannte Ereignh» mit Lykidas zuträgt. 
Diese selbe Geschichte wird schon das Jahr vorher über einen ge- 
wissen Kyrsilus berichtet. Es ist an sich unwahrscheinlich, <la8s sich 
ein solches Ereignis sollte zweimal zugetragen haben ; dann aber ist 
jedesfalls, wie Grote mit Recht urtheilt, die Erzählung des Herodot 
von Lykidas die wahrscheinlichere. Xerxes war nicht in der Lage^ 
mit den Athenern um Frieden zu unterhandeln ; was dem Mardoniaf 
freistand, passte nicht füglich für Xerxes. Die weitere Erzählung gibt 
Grote lebendig , klar. Die Stellung der beiden Heere vor Platae« we- 
sentlich in derselben Weise, wie sie bei Kiepert bezeichnet ist. 

Der Verf. unterbricht hier den Gang seiner Erzählung, nm die 
sicilischen Ereignisse bis zur Vertreibung der Geloni- 



%n Alte Geschichte. 

f ehen Dysaslie und Einselsung republicanisoher Yer- 
fassangea nachxuholeii , was im 43. Capitel geschieht. Die Ver- 
Mtiiisie werden in sehr lichtvoller und ansprechender Weise darge- 
stellt : Uebergang ans der Aristokratie durch die Tyrannis tu Verfas- 
swigen But wechselnden demokratischen Elementen. Im 5. Jahrhun- 
dert ist in allen Stidton der Insel die Aristokratie im Vollbesitz der 
Herschaft, die alten Geschlechter, welche ihren Ursprung von den 
ersten BegrOndem der St&dte herleiteten und sich im Besitz des ur-- 
sprfinglich occupierten Landes befanden, von ihnen abhängig, gleich 
wie Heloten, Mariandynen und Penesten, gewisse eingeborne siculi- 
sehe Tribus, dann neben beiden ein Demos, allmählich sich bildend, 
heranwachsend, nach gleichen Rechten strebend, ans Handwerkern 
and kleinen Grundeigenthttmem bestehend. Es kann nicht fehlen, dass 
im Laufe von mehrem Generationen eine solche Aristokratie sich auf- 
löst, dass edle Geschlechter verarmen und aus ihnen Demagogen her- 
Torgehn , dass aus irgend was für Ursachen in der Mitte der Aristo- 
kratie selbst Zwietracht und Parteiung ausbricht. Dies wird dann der 
Anlass zu Tyrannenherschaften, deren wir um das J. 500 in fast allen 
griechischen Städten der Insel sehn, in Rhegium, Zankle, Himera, 
Selinus, Gela, Leoutini. Ueber alle erhebt sich dann Gelon, dem ein 
Streit zwischen Gamoren und Demos auch Syrakus in die Hände lie- 
fert. Aristoteles erwähnt in seiner Politik, dass der Demos in Syra- 
kus vor der Tyrannis des Gelon durch seine ivct^la und ava^Uc zu 
Grunde gteng. Grote meint, Aristoteles habe die Zeit vor Gelon mit 
deijenigen verwechselt, welche der Dionysischen Tyrannis vorauf- 
gieng. Denn die Austreibung der Gamoren sei kein Act von lawless 
democracff gewesen; nach dieser Vertreibung aber habe der Demos 
keine Zeit gehabt sich zu constituieren , da die Besetzung der Stadt 
durch Gelon unmittelbar darauf gefolgt sei. Es ist immer misslich, 
gerade einem Aristoteles eine solche Verwechslung aufzubürden. Ari- 
stoteles hat eine atcc^la des Demos vor Augen, welche den evTtOQOig 
Verachtung gegen den Demos einflösst und diesem dadurch verderb- 
lich wird. Dies passt nicht für die Zustände , welche unmittelbar der 
Tyrannis des Gelon, aber ebenso wenig für die, welche der des Dio- 
nysius vorhergiengen. Aristoteles hat also frühere Zeiten vor Augen 
gehabt, in denen der Demos durch seine axa^la den Gamoren erlag. 
Dann hat sich der Demos noch einmal wieder aufgerafft und die Ga- 
moren verjagt, was dann endlich die Stadt in die Hände des Gelon ge- 
bracht hat. Gelon ist als Tyrann allerdings kein Feind der Aristokra- 
tie; aber Grote geht doch andrerseits zu weit, wenn er behauptet, 
die von Gelon angestrebte Verfassung sei Ihat of Patricians and clients^ 
wühoui any Plebs^ gewesen. Wir wissen nicht, dass er den Demos 
KU Syrakus irgendwie zu vernichten gestrebt hätte, wie er es aller- 
dings mit dem des besiegten Megara that. 

Das 44. Capitel enthält die Ereignisse, welche den gros- 
sen Siegen über die Perser unmittelbar folgen. Zu- 
nächst die Wiederaufrichtung der Mauern Athens in erweitertem Um- 



Grote: history of Greece. 273 

fong, wobei der Verf. sich an Forchhammer und Kiepert anschliesst. 
Theopomp wollte noch von einer Bestechung: der Ephoren wissen, 
welche Themistokles ang^ewandt habe. Grote bezweifelt diese jedoch, 
nicht weil er sie an sich fttr anwahrscheinlich hält, sondern weil 
Thakydides nichts davon berichtet. Dann die Befestigung des Piraeeus, 
die Unternehmungen gegen die Perser, woran sich der Hochverrath 
des Pausanias knüpft, und die Bildung einer athenischen Hegemonie; 
der Zug des Leotychides gegen die Aleuaden und die Bestechung des 
Königs ; im Innern Athens der Fortschritt des demokratischen Princips 
und der Sturz des Themistokles. 

Es ist sehr zu beklagen , dass der Verf. hier keine Notiz genom- 
men hat von den Untersuchungen , welche bei uns über die chronolo- 
gische Feststellung dieser Ereignisse angestellt sind. So setzt er noch 
den Fall des Pausanias in 467, die Klage der Spartaner gegen den be- 
reits exostrakisierten Themistokles in 466, und dem entsprechend den 
Tod des Aristides. Er fühlt es selbst, dass er den neunjährigen Zeit- 
raum , welcher seit dem ersten Yerrathe des Pausanias verflossen ist, 
nicht recht auszufüllen im Stande ist, und behilft sich damit, that ihe 
Sparkms were habiluaUy slow in their movements and that tke su- 
spect regent may perhaps communicated mth partisans in manif 
parts of Greece, Unter den Untersuchungen unserer Gelehrten neh- 
men die von Krüger die erste Stelle ein; an diese reihen sichGust. 
Wagner de Themistocle exuie in der Zeitschr. f. die Alterthumsw. 
1847 Nr. 14 — ^16. 25.26 und Finck in der oben angef. Abhandl. Finck 
knüpft daran an, dass Themistokles, als er 476 die olympischen Spiele 
besuchte und dort jene huldigende Anerkennung empfieng, noch in 
Athen lebte; 473, wo die Perser des Aeschylus aufgeführt wurden, 
könne er dagegen schon nicht mehr in Athen gewesen sein , wie aus 
dem Stücke hervorgehe. Nun sage Nepos über Aristides Tod: de^ 
cessit fere post annum quartum^ quam Themistocles Atkenis erat ex- 
pulsus, Aristides Tod könne nicht später als 470 fallen. So erhält 
Finck das Jahr 475 als das, in dem Themistokles verbannt ist. In das 
Jahr 474 setzt er dann die Entdeckung von Pausanias Yerrath und die 
Bestrafung desselben. Noch im Jahre 474 flieht Them. nach Kerkyra und 
von da zu Admet und weiter nach Asien , wohin er 473 kommt. Die 
Zeit von 473 bis 472 verwendet er dazu, die persische Spradie zu 
erlernen; in 469 fällt sein Tod und zwar, nach Fincks Ansicht, ein 
freiwillig gewählter. Bekanntlich lässt nun eine grosse Zahl von Hi- 
storikern den Themistokles zu Artaxerxes, eine eben so grosse Zahl 
dagegen zu Xerxes kommen. Finck versucht diesen gordischen Kno- 
ten dadurch zu lösen, dass er annimmt, Artaxerxes habe seinem Va- 
ter mehrere Jahre hindurch als eine Art von Mitregent zur Seite ge- 
standen. Was nun aber den Charakter des Themistokles betrifft, so 
gibt Grote zu, er möge sich durch seine Zweideutigkeit und durch 
üeine Habsucht in Miscredit gesetzt haben ; dazu sei dann gekommen, 
dass die Spartaner, denen er auf das äusserste verhasst war, allen 
Einfluss aufboten ihn zu stürzen. Ein solcher Mann musste.^ «unal 



874 Alte Geschichte. 

al« erst Pausanias überführt war, leicht der Verrätherei verdächtig 
erscheinen. Aof die Auctoritfit des Diodor nimmt Grote an , Themi- 
stokles sei bereits vorher des Medismus angeklagt, dann aber freige- 
sprochen worden ; hierauf sei er exostrakisiert und nach Argos gegan- 
gen , and nun nach des Pausanias Sturz von den Spartanern zum zwei- 
tenmal eine Anklage gegen Themistokles in Athen erhoben, der die 
endliche Katastrophe des Themistokles gefolgt sei. Nur darin ver- 
wirre sich Diodor, dass er die erste and die zweite Anklage 
nach dem Untergang des Pausanias setze. Grote ist offenbar geneigt, 
die zweite Anklage auf Medismus für begründet zu halten ; er macht 
darauf aufmerkaam , wie sehr günstig gerade Argos gelegen gewesen 
sei , um seine ehrgeizigen PUne zu verfolgen ; auch den Vorwurf der 
Habsucht weist er nicht zurück. Es ist das wesentlich übereinstim- 
mend mit dem, was Bfitther in seiner Geschichte der politischen 
Hetaerien in Athen (1840) ausgesprochen hat , S. 22 : seine Kühnheit 
sei auch in frevlen Uebermuth ausgeartet; seine Persönlichkeit sei 
auch von niedrigen Leidenschaften, nicht bloss von Ruhmgier sondern 
auch von Habsucht umfangen gewesen; in der Verbannung habe er 
seine Kraft, die den Staat errettet, auch auf Kosten des Vaterlandes 
zeigen wollen. An diesem Widerspruch sei er zu Grunde gegangen, 
sei es dass er sich selbst getödtet habe , sei es dass er durch diese 
innern Kämpfe aufgerieben sei. Hören wir dagegen Finck, den be- 
geisterten Apologeten des Themistokles : die schwarze Seele der Spar- 
taner, die zu allem flhig waren, suchte den Themistokles zu stürzen 
und Athen zu schaden , und es wäre nur eine levis iniwia gewesen, 
wenn die Athener dafür, dem Rath des Themistokles folgend, die spar- 
tanische Flotte in Gythium verbrannt hätten , was ja später Tolmides 
doch gethan hat (freilich im Kriege, nicht gegen Eidgenossen!). An die 
Habsucht des Themistokles ist ebenso wenig zu glauben : er hat weder 
von den dreissig Talenten, die er von Euboea erhielt, das meiste für 
sich behalten, noch nach dem Rückzug der Perser von den In- 
seln Geld eingetrieben. Ebenso hat er die Aufforderung des Pau- 
sanias, sich mit ihm zu vereinigen, zurückgewiesen und endlich 
dem Vaterlande treu sich selbst den Tod gegeben. Bei dieser Gele- 
genheit macht Finck eine Bemerkung, die sich auch mir immer aufs 
neue aufgedrängt hat. Bei Plntarch lesen wir nemlich , es sei Aristi- 
des gewesen, welcher allen Bürgern ohne Unterschied den Zugang zu 
deii Aemtern eröffnete. Finck bemerkt, dies gebe- einen unerklärli- 
chen Widerspruch in der gesamten politischen Thätigkeit des Aristi- 
des; dagegen passe diese Massregel für Themistokles ; ihm gebühre das 
Verdienst, den Bürgern ohne Unterschied die gleiche Berechtigung 
erworben zu haben. Grote hält an der Nachricht Plutarchs fest : es 
sei selbst die Ueberzeugung des Aristides gewesen, dass man dem 
Volke das volle Hecht nicht mehr verweigern dürfe ; eben hierdurch 
habe er sich in so hohem Grade Gunst und Vertrauen erworben. Noch 
habe freilich der Verwirklichung des Rechts dies im Wege 
srestanden^ dass die Wahl noch nicht durch Aas Loos ^^scVOksi %«v., 



Grote : bistory of Greece. 275 

worin allein der wahre Wille des Volks zu seinem Rechte komme. 
Dagegren erfolgte schon jetzt die Feststellnngr des Geschftftskreises der 
Afchonten, die nanmehr zu rein richterlichen Behörden umgebildet 
wurden, ingleichen die Einsetzung einer Reihe neuer Beamten — 
Astynomen und Agoranomen, Metronomen, Sitophylakes und dergl., 
wie sie die neuen Verhfiltnisse Athens mit sich brachten. Es sind dies, 
mitten am hellen lichten Tage der Ge»ehlchte, sehr dunkle Verhfilt- 
nisse , in denen man sich leicht labyrinthisch verwirren kann , obwohl 
es nicht an einem Faden fehlt, welcher durch diese Irgange hindurch- 
fähren könnte , wenn man nur seine idealen Vorstellungen sowohl von 
dem Demos als von dessen Führern aufgeben und in die Wirklichkeit 
sich herniederlassen wollte. 

Es ist natürlich, dass ein Volk, wie das athenische, in grossen 
Momenten wie von 6inem Geiste beseelt ist. Bei Marathon kämpft 
Themistokles neben Aristides, und bei Salamis sehn wir abermals 
Themistokles , Aristides, Kimon, Xanthippns eins. Sind aber diese 
grossen Momente vorbei, so bricht der Parteigeist, der einmal da ist, 
mit Macht wieder hervor. Man sollte nicht mehr von dem Volke, 
sondern von der momentan darin herschenden Partei reden, um das 
arme Volk nicht in namenlose Widersprüche kommen zu lassen. So 
wie die Freiheit gegeben. ist, stürzen sich die Hetaerien über dieselbe 
her, um sie zu ihrem Besten und in ihrem Interesse auszubeuten. 
Grote kennt nur Hetaerien, welche auf das Verderben des Staats, auf 
den Untergang ^r Freiheit berechnet sind, die im oligarchischen 
Sinne ; obwohl ein Blick in Plutarch genügt , um zu zeigen, dass 
Themistokles und Perikles ebenso gut ihre Hetaerien gehabt haben, 
wie Kimon und Thukydides; Dies ist meines Erachtens evident von 
Büttner bewiesen und unter andern auch von K. Fr. Hermann in 
einer sehr schönen Beurtheilung, die in den Berliner Jahrbüchern 
(1842) steht, anerkannt worden. Man mag nun sagen, diese Hetaerien 
seien im Dienste der Freiheit gewesen; jedesfalls sind sie etwas, was 
nicht da sein sollte, und Aristides hat daher, als die Hetaerie des 
Klisthenes aufgelöst war , der er angehört hatte , in gar keine Hetaerie 
wieder eintreten wollen , weil er dadurch in seiner Freiheit gebunden 
und genöthigt war , Dinge zu thun und zu lassen , die er sonst nicht 
würde getfaan oder nicht unterlassen haben. Das Wohl des Ganzen 
musste hinter diesen Parteibestrebungen zurückstehn. Man mag sagen, 
solche Vereinigungen waren nöthig, um das Volk einigermassen mit 
sicherer Hand zu leiten ; ich meine , man soll nicht den Staat in die 
Hände eines Volks legen , das einer solchen Leitung bedarf. Das Volk 
ist so wie so 'doch nicht wahrhaft frei und entscheidend ; es ist wie 
ein unmündiger Souverain. In Athen nun ist die Partei,, zu der The- 
mistokles gehört, nach der marathonischen Schlacht sehr emporge- 
kommen. Miltiades ist verurtheilt, Aristides im Exil, eine Flotte wird 
gebaut, Themistokles steht 480 an der Spitze Athens. Aber schA^VBc 
nächsten Jahre sind Aristides und Xa\\X\i\Y^u'^ — ^^0^ ^ss«äx SaX ^ 
Gegner des Themistokles , nur lum ÄX\w^ ^^% ^\VC\%Äfe% ^^ '^«s»^ ^"^^ 



276 Alte Gesohichte. 

bunden — Feldherrn der Athener; bei den weitem Kriegen gegen Per- 
eien ist Kimon der gefeierte Feldherr. Man wird doch nicht glauben, 
dass Themistokles diesem freiwillig so glänzende Lorbeern zuge- 
standen habe? oder dass der Bau des Piraeeus mit solchen Triumphen 
zu vergleichen sei? Bis zur Schlacht am Eurymedon ist die Aristo- 
kratie im Steigen, und Themistokles tri£Fl jetzt das gleiche Loos, 
welches den Aristides zehn Jahre früher betroffen hatte. Es ist hierbei 
ganz unnöthig davon zu sprechen, dass etwa Themistokles sich nicht 
bewahrt habe , so wenig wie von dem zum Ueberdruss breitgetretenen 
Undank des Volks. Er wird durch eine Partei gestürzt, das Volk ist 
das willenlose Werkzeug der einen wie der andern Partei. Es ist dies 
allerdings eine etwas prosaische Ansicht von den Dingen, die sich 
sehr schlecht dagegen ausnimmt, wenn etwa Büttner sagt: ^weil das 
Volk in der absoluten Demokratie selbst die alles bestimmende Macht 
sein wollte , so erkannte es den überlegenen Geist des Themistokles 
nur so lange an, oder eigentlicher, liess ihn nur so lange gewähren, 
als die Noth und das Bedürfnis der Zeit ihn unentbehrlich machte ' ; 
aber sie hat den Vorzug der Wahrheit. Ebenso verhält es sich mit 
dem Enthusiasmus Fincks für Themistokles. Themistokles ist eine 
grosse , tüchtige , edle Natur ; seine Thaten sind unsterblich ; er hat 
Athen die Richtung gegeben, in der es gross und herlich geworden 
ist. Dass er nicht gewesen ist wie Aristides; dass er sich nicht hat 
fangen und opfern lassen wie Sokrates ; dass er schwach gewesen ist 
und bei den Feinden Athens Rettung gesucht hat, — thut seinen Ver- 
diensten keinen Eintrag; aber der Mann einer Partei und das Haupt 
einer Hetaerie ist er doch gewesen. Hat nun Aristides wirklich jenen 
Antrag gestellt, dass das Volk ohne Unterschied zu allen Aemtern 
solle den Zugang haben dürfen, so halte ich das für eine Massregel, 
die darauf berechnet war, seine Partei populär zu machen oder zu er- 
halten, in einem Augenblicke, wo die Gunst des Volks sich zu wen- 
den begann , und es wundert mich dabei nur das 6ine , dass Themisto« 
kies sich mit einer solchen Proposition hat durch Aristides zuvor- 
kommen lassen. Was endlich die Ansicht Grotes anlangt, dass die 
Archonten auch jetzt noch nicht erloost seien, so widerstreitet sie 
der bei uns geltenden , dass von Selon bis Klisthenes die Archonten 
aus den Pentakosiomedimnen durch Cheirotonie, von Klisthenes bis 
Aristides durch das Loos , von da ab durch das Loos aus allen Bürgern 
gewählt worden, worüber Wachsmuth hellen. Alterthumsk. I. S. 547 
Anm. 56 nachzusehn ist. Ich will dabei nicht eben viel Gewicht le- 
gen auf Pausanias I, 15, 3 , wo es von dem Polemarchen Kallimachus, 
der mit bei Marathon war, heisst: og nole[iaq%Hv ^^ijto, denn das 
kann eine Ungenauigkeit des Ausdrucks sein ; aber es ist doch unmög- 
lich Zufall, dass Perikles nicht Archon geworden ist, während wir 
hier doch Themistokles , Aristides , Xanthippus und zwar gerade in so 
bedeutenden Jahren in diesem Amte sehn, den Aristides nach der 
Schlacht bei Marathon und den Xanthippus nach der von Salamis. 
Hierzn kommt noch^ dass bei den späletn Y>eac\itiM\VXftt^ ^wiOa^wsö. 



Grote : history of Greece. 277 

der Archonten dies Amt füglicher durch das Loos vergeben werden 
konnte als in jenen Zeiten, wo nach der ganz riditigen Ansicht Grotes 
richterliche und verwaltende Functionen noch nicht geschieden und 
den Archonten ein gut Theil der letztern, die doch nicht. jedermanns 
Sache sind, überlassen waren. 

Capitel 45 betrachtet die Greeian confederacy under 
Athens. Die erste Vereinigung der Griechen, welche sich an Athen 
anschlössen , ruhte auf der Anerkennung der Freiheit und Selbständig- 
keit der einzelnen Bundesglieder. Die Schlüsse wurden auf Bundes- 
tagen gefasst, natürlich unter überwiegendem Einfluss Athens; Athen 
führte dieselben aus. Es verstand sich ebenso von selbst, dass man 
nicht jedem Bundesgliede gestatten konnte, nach Belieben auszuschei- 
den und sich der Vortheile des Bundes zu erfreuen, ohne die Lasten 
desselben tragen zu helfen. Aber bei diesen nothwendigen Ein- 
schrinkungen wäre es doch möglich gewesen, die Freiheit der ein- 
zelnen zu wahren und eine kräftige einheitliche Leitung ohne Unter- 
drückung zu schaffen. Dies würde dem Verf. als das wünschenswer- 
theste erschienen sein, und er beklagt es schmerzlich, dass die 
Hegemonie zur o[q%i^ wurde , wiewohl die erste Anregung hierzu von 
den Bundesgenossen selber, nicht von Athen ausgieng. Die Sache ist 
sehr wahr , obwohl der Verf. den Begriff der ag^q schärfer fasst, als 
es z. B. Thukydides thut. Dass wir übrigens von der Art und Weise 
des Uebergangs nichts bestimmtes wissen, ist sehr natürlich, da die 
Sache sich von selber machte. Ob eine solche Symmachie, wie der 
Verf. sie sich denkt, von Daner sein konnte, will mir nicht recht ein- 
leuchten. Ich glaube vielmehr, dass die kräftigste Einheit, aber ohne 
Ueberbürdung und ohne Unterdrückung, das erwünschteste gewesen 
wäre. Die erstere wurde von den Athenern wohl erstrebt, aber die 
letztere nicht vermieden. 

Die Kriegsereignisse dieser Zeit sind uns wenig bekannt. Thu- 
kydides, sagt der Verf., kennt zwischen der Bildung der athenischen 
Hegemonie und dem Abfalle von Naxos nur 3 Ereignisse : die Erobe- 
rung von Eion , die Besetzung von Skyros , die Eroberung von Kary- 
stus. Sollten diese Jahre — die allerdings für den Verf., der die 
Belagerung von Naxos 466 setzt, zahlreicher sind als für uns — nicht 
mehr Inhalt an kriegerischen Unternehmungen gehabt haben? Der 
Krieg war mit den Schlachten von Mykale und Plataea nicht beendet; 
Uerodot deutet (VII, 106 f.) daraufhin, dass der Krieg gegen Penien 
einen ununterbrochenen Fortgang gehabt habe; überall in Thrakien, 
am Hellespont und in Kleinasien gab es persische Basatzungen, welche 
bezwungen werden mussten ; die Eroberung dieser Plätze war um so 
schwerer , da die Griechen in der Belagerungskunst noch wenig er- 
fahren waren. Ich kann mich nicht von der Dichtigkeit dieser Ver- 
muthung Überzeugen. Erstens haben wir nur einen vierjährigen Zeit- 
raum vor uns. Sodann meine ich, dass die Perser gar niclii «& x>»k 
Besatzungen hatten. Sie hiellen A\e %\\^TmOskN:\%&\fcXi ^^w^^ 
wie Byzanz, Sestos, Doriskas und «Äou, n^^Vää ^cäV^^ösäxh^bbsi^^ 



278 Alte Geschichte. 

Pässe beherschten, und diese wurden hartnäckig vertheidigt; die 
vTue^ot in den andern Orten haben vermuthlich gar keine Belagerung 
abgewartet. Das seltsamste bei Herodot ist, dass Maskames und seine 
Nachkommen sich in Doriskus behaupteten, und dass alle Versuche, 
die bis auf Herodots Zeit gemacht waren , ihn von dort zu vertreiben, 
erfolglos waren. Hätte übrigens Thukydides von einem solchen avve- 
Xmg jtolBfjLSiv der Athener gegen die Perser etwas gewusst, wie es 
Grote denkt, so würde er es hier ebenso gut erwähnt haben, wie er 
es bei der Expedition der Athener gegen Aegypten erwähnt. 

Sparta sieht dies Emporkommen mit Unzufriedenheit, aber es 
fügt sich darein wie in eine Sache, die nicht zu ändern ist. Es ist 
überdies , wie der Verf. bemerkt , moralisch schwer geschlagen : durch 
Pausanias Verrath, durch Leotychides Bestechlichkeit. Wie hätte es 
sonst dem Synoecismus von Elis, der um diese Zeit geschieht, so ruhig 
mit zugesehn? Es sucht sich durch Theben zu kräftigen, dem es trotz 
seiner medischen Gesinnung, trotz der sonstigen Abneigung der Spar- 
taner, andern Städten eine Art von Superiorität zuzugestehn, die Ob- 
macht über die boeotischen Städte erhält. Nun kommt noch dazu das 
Erdbeben und der Abfall der Heloten. Kimon bestimmt die Athe- 
ner zur Hilfe, nicht ohne grossen Widerspruch; aber noch dringt sein 
Einfluss durch. Wie zu erwarten, nimmt Grote nur eine einmalige 
Hilfesendung an. Die schimpfliche Rücksendung des athenischen Heers 
führt den Sturz Kimons herbei. Kimons Politik war: Aufrechthaltung 
des Bündnisses mit Sparta auf den Grundsatz der Parität, Friede unter 
den griechischen Staaten , Krieg gegen Persien , im Innern Festhalten 
an der Verfassung, wie sie durch Klisthenes geordnet ist, und Wi- 
derstand gegen die weitre Entwicklung des Demokratismus. Der Verf. 
spricht mit Anerkennung und Mässigung von Kimon ; es ist erfreulich 
zu sehn, wie er den Mann gelten lässt, dessen Politik er misbilligt, 
doppelt erfreulich, wenn man sein Urtheil mit denen von Büttner und 
Fi nck zusammenstellt. ^ Kimon' sagt der erstere * suchte als Haupt 
und im Interesse einer Partei , welche .ausserhalb des lebendigen Volks- 
geistes stand, die innere und äussere Politik Athens zu lenken. Durch 
den äussern Krieg wollte er ohne Zweifel den Thätigkeitstrieb des 
Volks von der Beschäftigung mit den innern Angelegenheiten ablenken 
Er ist den Lakedaemoniern zugethan und verkennt also die höhere Be- 
deutung des athenischen Geistes dem lakedaemonischen gegenüber. 
Er ist also der Mann einer Partei, welche ausserhalb des schon einig 
gewordenen Volksgeistes stehend denselben zu unterwerfen trachtet, 
also eigentlich nur eine Faction ist. Er ist insofern ein Feind der 
wahren Freiheit Athens gewesen. Da gerade zur Erreichung seiner 
Zwecke die Mittel des redlichen Staatsmanns nicht ausreichen konnten, 
so musste er Mittel der Art ergreifen , zu. denen die Factionen immer 
ihre Zuflucht nehmen müssen. Er konnte sich nur eine Partei aus sol- 
chen Leuten bilden, die nicht Aristokraten in seinem Sinn, sondern 
Oligarchen der schlechtesieü Art waren, wie die (vermeinten, aber 
n/eAi erwiesenen!) Verräther von T«inagT«i. Xäc\i "\^ Äat ^^^%^ ^^% 



Grote : bistory of Greece. 279 

Volks musste er sich eine Partei durch solche Mittel verschaffen, wie 
sie der scheinbaren Würde seines Charakters wenig ziemten ; er musste, 
in Ermangelung sittlicher Mittel, den Eigennutz für sich wirken lassen. 
Der Grundzug in seinem Charakter ist eine eitle und leidenschaftliche, 
auf handgreiflicher Selbsttäuschung beruhende Einbildung, klüger und 
besser als sein Volk zu sein.' Ich kann mich hier begnügen diese 
Sätze aus Büttners Buch zu citieren, da dieselben in der Schrift von 

Wilhelm Fischer : Kimm. Eine Rede. Basel 1847 

bereits eine sehr gründliche und leidenschaftslose Prüfung und resp. 
Widerlegung erfahren haben. Mit noch schwärzeren Farben mahlt F i n c k 
die nefaria scelestaque facinora des Kimon u. Leobotes, welche als An- 
kläger gegen den Themist. auftraten, S. 90. Nach Kimons Sturz wird das 
alte Bündnis, welches von den Perserkriegen her mit Sparta bestan- 
den, gelöst, neue Bündnisse mit Argos, mit Thessalien geschlossen^ 
übrigens der Krieg mit Persien eifrig fortgesetzt. Die AUiener bauen 
den Megarern ihre langen Mauern, beginnen selbst den Bau ihrer eig- 
nen Verbindungsmanern. Es entbrennt der Krieg gegen Aegina und 
dessen Verbündete ; ein spartanisches Heer erscheint in Mittelgriechen- 
land und siegt bei Tanagra. Diese Schlacht, sagt Grote, war für die 
Athener doch vortheilhaft. Perikles bewirkte die Zurückberufung des 
Kimon. Es war eine Zeit der Versöhnung, herzlicher Einigkeit, wie 
sie nur etwa nach der Schlacht bei Salamis oder nach dem Sturz der 
Vierhundert stattgefunden hat. Nun folgt die Schlacht bei Oenophyta 
und der herschende Einfluss Athens auf das mittlere Griechenland, der 
Höhestand Athens, welcher dauert bis zur Schlacht von Koronea. 
Diese Zusammenstellung Grotes ist sehr schön , aber nicht haltbar. Die 
Niederlage bei Tanagra war nicht von der Schwere, dass die Athener 
zu so ausserordentlicher Theiinahme für Kimon gestimmt wären. Hier- 
zu kommt , dass Kimon gleich nach seiner Rückkehr (ai^q noxzl^fiv) 
den 5jährigen Frieden mit Sparta schliesst, was 451 — 50 geschah, so 
dass die Rückkehr nicht kann unmittelbar auf jene Sohlacht gefolgt 
sein. Hierzu kommt noch, dass Ephialtes den Areopag stürzt in der 
Abwesenheit des Kimon, &g tcccUv hd ctQoteCccv i^iitkeviSe. Diodor 
setzt diesen Sturz Olymp. 80, 1, und seine Angabe bestätigt sich 
dadurch, dass die Orestie des Aeschylus, die den Sturz des Areopag 
voraussetzt, Ol. 80, 2 auf die Bühne gebracht ist. Es is( also auch 
Kimon nicht unmittelbar nach dem Feldzuge nach Ithome exostrakisiert 
worden, sondern diese Expedition hat nur den Einfluss des Kimon ge- 
brochen und seinen Sturz vorbereitet. Hierüber hat Vi scher S. 58 
eine sehr schöne Untersuchung geführt, durch die der künstliche 
Bau Grotes zusammenfällt. Wenn eine Zeit zu einer Versöhnung der 
Parteien geeignet war , so war es der Verlust so grosser Streitkräfte 
in Aegypten und das Drohn einer neuen Gefahr, während die alte, die 
von Sparta, noch über Athens Haupte schwebte. 

Kimon zog noch einmal gegen den «Wäw'^^SxAtä'^^^^n «t'^«jöstf«i 
von da Dicht wieder heim, aber die 1?tuOdl\ %«vbä% liQ>%% ^^^^ «sXn>& 



SSO Alte Gesohiohte. 

Jahre von dieser Seite her ein danernder Friede. Grote erklärt sich 
fdr den Kimonischen Frieden, gegen Dahlmann. Seine Gründe 
sind in der That sehr schwach : l) es haben wirklich zwischen Athen 
und Persien alle offenen und directen Feindseligkeiten aufgehört, Cy- 
pern ist von Athen aufgegeben, Amyrtaeus sich selber überlassen; 
2) die Satrapen erheben bis zur Niederlage der Athener in Sicilien 
von den Städten keine Tribute , es erscheinen keine persischen Schiffe 
in den griechischen Gewässern , der König gilt nicht mehr als Herr 
der Küste. Dass Thukydides den Frieden nicht nennt, ist ohne Ge- 
wicht; er konnte ihm nicht von grosser Bedeutung erscheinen, weil 
er eben nur das bestehende sanctionierte ; den spätem erschien er in 
einem ganz andern Lichte , als zumal die Spartaner die Griechen Klein- 
asiens dem Könige Preis gegeben hatten. Diesen sehr leichten Grün- 
den gegenüber kann ich auf unsern Krüger hinweisen, der mei- 
nes Bedünkens die Sache erledigt hat, wie denn z. B. auch Vis eher 
sich ebendahin erklärt. Es ist natürlich bei einem so vielfach durch- 
gesprochenen Gegenstande nicht wohl möglich, noch neue Argumente 
beizubringen. Thukydides kennt den Frieden nicht. Krüger bemerkt, 
dass beim Abfall von Samos Pissuthnes offen und direct Partei nimmt 
gegen die Athener und selbst eine persische Flotte erwartet wird; 
beim Beginn des peloponnesischen Kriegs schicken die Athener wie 
die Spartaner Gesandte an den König, um von ihm Unterstützung zu 
erhalten ; Aristens und seine Gefährten sachen wirklich nach Asien zu 
gelangen, Blit(og ^asucv tov ßcKiiXia %qri^axi xb %aqi%eiv nal |t;fi- 
nolB^auv^ dann wird Artaphernes mit Briefen von dem König an die 
Athener gefangen genommen. Sollten diese und andre Veranlassungen 
den Historiker nicht bestimmt haben anzudeuten, dass ein Frieden 
zwischen Athen und dem Könige bestanden habe? Auch Thuk. VÜI, 5 
hätte die Aufhebung des Friedens wohl auf bessere Weise angedeutet 
werden können als dadurch, dass Tissaphemes gemahnt wird die 
alten fpOQOt einzutreiben. Lassen wir uns an dem factischen Frieden 
genügen , der von beiden Mächten ohne Convention gehalten wird, bis 
das grosse Unglück der Athener dem Könige den Muth gibt, mit 
Athens Feinden sich zu verbinden. 

Im 46. Capitel ist die Rede von den constiiutional and 
judicial changes at Athens under Perihles^ der Fortent- 
wicklung des demokratischen Princips. In der Klisthenischen Verfas- 
sung waren die Beamten wie der Areopag noch im Besitz grosser 
Macht geblieben, richterliche und verwaltende Functionen noch nicht 
geschieden. Der nächste Fortschritt nach den Perserkriegen ist nun 
der, dass die Aemter allen Classen der Bürger zugänglich werden. 
In der Wirklichkeit aber werden dieselben nach wie vor durch die 
vornehmen besetzt. In den nun folgenden 20 Jahren wächst das Be- 
wusstsein des Volks so , dass die Ernennung durch das Loos hinzutritt. 
Grote will es ungesagt lassen , ob Perikles die Loosung einführte , ge- 
. nag- dass es um diese Zeit geschah. Jedesfalls aber waren es Perikles 
aad Ephialtea ^ welche die Gerichte umgeBVa\\»\Äii. \>«t kc«^^^«.^ ^«t- 



Grote : history of Greece. 281 

liert darch Ephialtes seine discreHonary censorial power so wie seine 
anderweiten richterlichen Functionen, und bleibt nur im Besitz 
der fpovixd. Die Magistrate verlieren gleichfalls ihre richterliehe 
und Strafgewalt; sie haben fortan nicht mehr das Urtheil zu sprechen, 
sondern die Klage so weit eu führen, dass sie den Dikasterien ge- 
schworner Richter vorgelegt werden kann. Die aite Heiiaea, das 
grosse Volksgericht, an weiches der vernrtheiite vom Spruch des 
Richters appellierte, wird nunmehr in Dikasterien organisiert, welche 
sofort in erster und letzter Instanz entscheiden. Für alle diese Yer- 
hfiltnisse hat der Verf., wie man bei seiner langjährigen parlamenta- 
rischen Thfitigkeit von vorn herein erwarten kann , ein sehr gebildetes 
Urtheil. Er erkennt die Macht der Beamten als eine Hemmung des 
Demokratismus; die Conservativen in Athen streben daher mit allen 
Mitteln jene Macht unverkürzt zu erhalten. Wir unsererseits müssen 
allerdings dieselbe als eine nothwendige Schranke der Demokratie an> 
sehn, nach deren Niederreissnng eigentlich der Gesetzlosigkeit und 
Tyrannei des Demos die Bahn eröffnet ist. An der Spitze derer, wel- 
che die Vollendung der Demokratie anstreben , steht Ferikles , an der 
Spitze der Gegner Kimon. Von dem erstem gibt Grote eine geistvolle 
Schilderung. Sein Freund Ephiaites wird al» arm, aber rechtlich, 
tfafitig dargestellt , vielleicht von grösserm Einflnss als Pelrikles , weil 
von rücksichtsloserer Cousequenz , daher ihn die Gegner durch Meu- 
chelmord über die Seite schafften. Den Abschluss dieser Ordnungen 
macht die ygccgni TcaQcivoficavj ein über dem Haupte derer schweben- 
des Schwert, die etwa auf dem Wege der Gesetzgebung die Verfas- 
sung beseitigen wollen. Gewis eine richtige Ansicht, da die Oligar- 
chen, so wie sie mit ihren Plänen hervortreten, zu allererst diese 
yQcitpfi 7ta^€cv6(Mov abschaffen. Ich bemerke hierbei , dass eine Ähn- 
liche Ansicht über die heliastischen Dikasterien von Bergk auf der 
Jenaischen Philologenversammlung vorgetragen ist. Wenn aber Ari- 
stoteles sagt: va öinaörti^icc {uC^ofpoqu %cni(ftffii IleQMkijg^ so kann 
das niemand interpretieren, wie Grote thut: ^er setzte die Dikasterien 
ein und wies ihnen einen Sold an ' , sondern so , dass die Dikaste- 
rien bereits vor dieser Veränderung da waren und von Ferikles nicht 
eingerichtet 9 sondern nur zu besoldeten gemacht worden sind. 

Die Demokratie hat nun ihre anscheinende oder wirkliche Vollen- 
dung erreicht. Der Verf. legt ein sehr grosses Gewicht auf diese Ver- 
änderungen (X)ap. 47) und die ihnen verdankten Segnungen. Ein gros- 
ser Theil der Bürger ist zu richterlichen Functionen berufen , ein thä- 
tiges Interesse am Staat in allen erweckt; za jeder dieser Thätigkeiten, 
zu Wasser wie zu Lande ^ in den Dikasterien wie in den Ekklesien, 
zeigt sich das athenische Volk tüchtig und also berufen und berech- 
tigt. Der Verf. kommt hier wieder zurück auf die oben erwähnte €v- 
ra^ia des vavrmog ixXog und lässt sich in Lobeserhebungen ein, die 
seltsam contrastieren mit den Aeusserungen, denen wir b«iT%inS«:^i<iS.^K^ 
begegnen , wenn er etwa sagt U , Gb owt^ cpvUl 'o^^CVa^ «wAuiv ^ ^A«^ 
ill, as olop oxlog q>$lei: itoulv ^ odet d\e .^\e\\^T^% ^wi^w»«» «» 

a: Jahrb. /. Pm, u. Paed. Brf. LXV. Hft. ^. ^ 



282 Alte Geschichte. 

Volke bezeichnet: Xoym fihf driiumqatlu^ ^ifW ^^ ^^ ^^ n^onov 
avdqog a^if ^welche Stellen sich zahllos, and nicht etwa allein aus den 
Komikern , vermehren lassen. Der Verf. muss doch selber zugestehn, 
dass diese innerlich so freie Stadt ihre Bundesgenossen immer mehr 
zu Unterthanen, die Hegemonie zur i^xri machte, und ihre eigne Macht 
auf Unterdrflckuttg gründete und zu Unterdrückung verwandte. Die 
Bundestage haben aufgehört, welche Sparta doch treulich inne hielt; 
die Bundescasse ist nach Atiien verlegt; die Bandesgelder werden von 
den Athenern verwandt wie es ihnen beliebt, jedesfalls nicht zu Nuta^ 
und Frommen der Verbündeten. Der Verf. ist weit entfernt dies zu 
billigen ; aber er ist doch geneigt es zu entschuldigen , da Athen seine 
Bandespflichten erfüllte, den Perser im Schach hielt, das Meer für Han-< 
del und Schiffahrt sicherte ; es konnte den Bundesgenossen gleich sein, 
durch welche Mittel Athen dies erreichte. Er vergleicht die uQX'^i der 
Athener mit der sp&tem der Spartaner (was beiläufig gesagt eine 
grosse Unbilligkeit ist, da er das damalige Verfahren der Spartaner 
und der Athener hätte vergleichen sollen). Ich wünschte, dem Verf. 
hätten bereits die Tributlisten Böckhs vorgelegen; der grosse 
Hass der Bundesgenossen gegen Athen und die grossen Sympathien, 
welche man den Spartanern entgegenbrachte, wovon Tbukydides 
spricht, würden ihm als vollständig erklärlich erschienen sein. Die 
Freiheit, welche sich so als Despotie erweist, sollte billig doch eini- 
ges Bedenken erregen. Der Verf. aber ist so für den Demos einge- 
nommen, dass er selbst das fffi^tpusfia tcSv Mßya^i(ov unter die regu- 
laiions setzt, welche die Athener zum Vortheil ihrer Unterthanen vor- 
nahmen. Wir dürfen voraussetzen , die antidemokratische Partei würde, 
wenn sie ihren Grundsätzen treu geblieben wäre , im Besitz der Her- 
sehaft die Zügel weniger straff angezogen, den Bundesgenossen ihre 
ursprüngliche fireiere Stellung gelassen, die ipoQOi vermindert haben. 
Thukydides wenigstens , als er die sämtlichen Gegner des Perikles zu 
einer einheitlichen Opposition, zu einem kräftigen Zusammenhalten 
gebracht hatte, machte gerade dies, die Verlegung der Bandescasse nach 
Athen, die Verwendung der Gelder zu Gunsten Athens, dem Perikles 
zum Vorwurf; er hätte gewünscht, dass man damit gegen Persien ge- 
kriegt hätte. Er griff die Demc^atie hier an ihrer verwundbarsten 
Stelle, an ihrer Achillesferse an, und solche ViTorte drangen auch in 
die Ohren und in die Herzen der Bundesgenossen. Der Kampf zwi- 
schen den beiden grossen Parteien muss sehr heftig geworden sein ; 
denn die Exostrakisieruug des Thukydides zeigt uns ganz offenbar den 
Bruch, der nur so geheilt werden konnte. Es stand wieder eben auf 
dem Punkte wie damals, wo Aristides, dann Themistokles , dann Ki- 
mon ins Exil gehn mussten. Es ist meines Erachtens eTne grosse 
Kurzsichtigkeit, wenn man den Thukydides und seine Gesinnungsge- 
nossen nur als eine Faction betrachtet, welche der grossen Einheit 
des Volks sich störend entgegenzustellen versucht; sie repraeseutie- 
reu eiae sehr wohl berechtigte Seile des athenischen Staatslebens. 
I^ass ThukydideB die OalnikismuspTobepTOVOC\w\\«8TO^\%\«VÄ^%,^w» 



Grote : bistory of Greece. 28S 

unbegründete Vermntbang Grotes, die in Piatarcbs Worten (6 üe^Ml^ 
— ig TOP aymva wxvaCTag %al dwnivdw&icag) gar keinen Halt bat. 
Gerade dieselben Worte würden passen , wenn Perikles den Ostrakis- 
mns veranlasst hatte , ja sie würden wegen des activen xoratfrcr; noch 
besser hierza passen. Doch ich bescheide mich gern nicht zo wissen, 
was ich nicht weiss. — Es ist hier aber überdies der Ort zu einer 
Bemerkung für die kommenden Partien. Der Verf. braucht sehr häufig 
das Wort aristokratisch, oligarchisch, ohne zu bedenken wasier damit 
sagt. Das demokratische Princip entwickelt sich in Athen und geht so 
durch verschiedene Stadien hindurch. Was nun in jedem dieser 
Stadien der Fortentwicklung desselben in den Weg tritt, ist ohne Um- 
slände oligarchisch. Oligarchisch ist, was nicht mit dem jedesmaligen 
Demokratismus eins ist. Es ist gerade so, wie die französuche Na- 
tion es gemacht hat in ihrer Revolution, wo sie alle, vonPolignac an 
bis zu Danton herunter, nach und nach den Namen der Aristokraten 
bekommen haben. Ich weiss recht wohl, dass die Athener in dieser 
Beziehung nicht besser und nicht schiechter gewesen sind als die 
Franzosen, dass sie den Klistheues zur Zeit des Kimon bereits als 
Aristokraten ansahn, und ich bin überzeugt, Perikles würde einem 
Kleon auch als Aristokrat haben gelten müssen ; aber ein Historiker 
muss nicht sprechen wie der Demos oder le peuple^ sondern muss 
wissen, was ein Aristokrat, was ein Oligarch begrifflich ist, und dar- 
nach seine Ausdrücke wählen, oder er muss befürchten, dass er das 
allerheterogenste unter diesen Namen bringt und eben dieselbe Per- 
son heut als Demokraten und morgen als Oligarchen bezeichnet Sol- 
che Parteinamen verderben das sachliche Verständnis. Wenn man die 
Merkmale des Oligarchen aus Aristoteles nehmen will , so ist nicht zu 
begreifen, wie man Kimon, Thukydides, Nikias Oligarchen nennen 
will; sie tragen diese Merkmale gar nicht an sich. Ich glaube, diese 
Bemerkungen werden zur richtigen Auffassung zorflekleiten. — Thuky- 
dides wurde verbannt, und dadurch dem Staate die gefihrdete innere 
Einheit wiedergegeben, was der Zweck dieses Instituts war. Ver- 
muthlich geschah dies 1 oder 3 Jahre nach dem Frieden. Im saausehen 
Kriege wird wieder ein Thukydides als Feldherr genannt; Grote hält 
diesen für einen nicht weiter bekannten Bürger gleiches Namens. 
Etwa um diese Zeit lässt Grote auch von Athen die Einladung zu einen 
panheUenischen Congress zu Athen ergehn, welche K. 0. Müller vor 
460 angesetzt hatte. Der Verf. bedauert, dass dieser Congress nicht in 
Stande kam; es hätte sich eine Yersöhnimg daraus ergeben können. 
Ich meines TheiU habe nie re^t an diesen ganzen Congress i^auben 
mögen, theils wegen der sonderbaren Form der Einladung, theilweilieh 
keinen rechten Zweck dabei erkenne ; ist die Einladung aber wirklich 
ergangen, so bin ich der Meinung, dass die Spartaner und Boeot^r 
sehr vernünftig gehandelt haben davon fern zu bleiben. 

Es bricht unn der Aufruhr in Samos ans, über den PluA»^ ^j^Sa 
abweichend von Thukydides bemliUV. (at^^XA vk^viX^^« ^«säjö«*».^«* 
PiaUirckiB^en JRelatioDen nocbUn, m« e»a9f|«ralAd v««^^ wmv^»^ ^ 



S84 Alte tiesehichle. 

tke day genommen sein. Er wftgt die Differenzen sorgfältig gegen- 
einander ab. Er bemerkt hierbei, l) dass die Athener ihre ganze 
Kraft gegen Samos brauchten , so dass das mit abgefallene Byzanz un- 
angegriffen bleiben musste, 2) dass der Aufstand sich nicht weiter 
verbreitete, woraus denn, wohl etwas zn rasch, der Sdiluss gezogen 
wird, die Unzufriedenheit mit Athen' könne nicht so fibergross gewe- 
sen sein, 3) dass die Samier sich um Hilfe nach Sparta wandten, wo 
jedoch die Korinthier den Grundsatz der Nichteinmischung in die An- 
gelegenheiten eines Bundes aufstellten; dass die Athener nicht darauf 
ausgpiengen, die Demokratie zur herschenden Verfassung im Bereich 
ihres Bundes zu machen — die Revolution , durch welche die Gamo- 
ren gestürzt werden, erfolgt erst später, also ist die Demokratie jetzt 
wenigstens nicht zu dauernder Herschaft gelangt — . Man darf hierbei 
nicht vergessen, dass die Spartaner gleichfalls demokratische Yer- 
fassangen wie z. B. in Megara , später in Phlius , unter ihren Verbün- 
deten duldeten. Es folgen nun Jahre einer schönen gldcklicben Ruhe. 
Die Bundesgenossen fügen sich unter Athens Hersohaft. Es ist, sagt 
Grote, nicht sowohl Hass als Indifferenz, was sie fühlen. Athen gibt 
sich nicht die Mühe, die zu gewinnen, welche es zwingen kann. 
Gleichwohl ist das Volk im allgemeinen den Athenern geneigt ; der 
Widerstand gegen Athen gebt in Lesbos, Chios, Thasos, Akanthus, 
Mende, Amphipolis von einigen wenigen Verschwomen aus. Die 
Dinge , welche ihnen natürlich lästig fielen , waren 1) der Tribut, über 
den nun Böckhs unvergleichliche Forschungen vor uns liegen; wir 
sehn daraus, die Tribute sind schwer gewesen; 2) die Gewaltsam- 
keiten einzelner Bürger ; 5) die Verpflicbtnng, eine grosse Anzahl von 
Processen nach Athen zur Entscheidung zu bringen, lieber diesen 
letztem Punkt sind allerdings die Urtheile sehr verschieden. ^ Hätte 
Athen' sagt Bö'ckh (Staatsh. I S. 319 2e Ausg.) *wie andere Staaten 
nur seine eigenen Rechtshändel geschlichtet, so würde ein Richtersold 
weniger nöthig gewesen sein. Die Bürger wären bei ihren Geschäften 
geblieben, emsig nnd arbeitsam. Aber zum grössten Schaden der 
Bundesgenossen hatte Athen sich über diese die Gerichtsbarkeit ange- 
liiasst, damit sie ganz in seiner Macht wären.' Wie nun Grote? Es 
ist bei einem jeden Bunde, sagt er, nöthig, dass unter den Bundes- 
gliedem Streitigkeiten auf rechtlichem Wege abgemacht werden. Am 
geeignetsten hierzu wäre nun allerdings ein Bundesgericht gewesen ; 
da aber der Bundestag in Delos aufgelöst war, so war Athen das na- 
türliche und nothwendige Forum für seine Unterthanen. Diese Ge- 
richte in Athen nun können denselben nur vortheilhaft gewesen sein. 
Natürlich kam nicht jede Klage nach Athen; wir wissen nicht, wie 
weit die Bandesglieder ihre eigne Gerichtsbarkeit behielten. Capital- 
sachen, politische Klagen u. s. w. werden vor einen athenischen Ge- 
richtshof gehört haben. Die Hauptsache war jedoch, Streitigkeiten 
jswhcben zwei Städten, wie zwischen Milet und Samos, zwischen 
Bargera verschiedener Städte , ZYaschen attieii\«c\i€k\i Mt^ern und einer 
Bandesg^enösBeuBUidlj zwischen deu ?ÄT\e\eii e\^w «väl^Vb»^ ^Xä^v 



Grote : history of Greece. 285 

reohUich cii gebuchten. Der Verf. erinnert auch daran, dass es über- 
all athenische Klernchen gab, die mit den eingebomen in Colliaionen 
kommen konnten. Kurs , es war eine unvermeidliche Nothwendigkeit 
die Sache so cu ordnen. Und wurden nicht die Bundesgenossen vor 
dieselben GeriGhtshöfe" verwiesen wie die Athener? So etwa Grote. 
Ich muss es dem Leser überlassen, die Sophistereien eines solchen 
Raisoinements, mit dem sehr wohl der vollendetste Despotismus eines 
Staats über den andern gerechtfertigt werden kann, zu würdigen. 

Dieser Friedenszustand wird nun unerwarteter Weise durch Epi- 
damnus und Potidaea gestört. Cap. 48 beginnt mit der Blokade Poti- 
daeas und geht bis zum Ende des ersten Kriegsjahrs. Perikles beherscht 
mit seinem Geiste noch immer Athen. Aber er steht schon nicht mehr 
ganz sicher da. Er selber zwar bleibt noch unangetastet; aber gegen 
Anaxagoras, Phidias, Aspasia richten sich Angriffe, die ihn mit tref- 
fen sollen. Wie nahe hätte es dem Verf. gelegen , näher auf die 
Grösse wie auf die Gefahr einer solchen Stellung einzugehn! Ich bin 
unermesslich weit entfernt, einen Perikles einem Mirabeau parallelisie- 
ren zu wollen; aber ihre Stellung ist doch ganz analog. Hinter dem 
einen wie hinter dem andern lauert bereits ein Geschlecht, das an 
ihren Platz zu treten begierig ist. Der Krieg war nicht zu vermeiden ; 
Perikles trägt nicht die Schuld desselben. Es war nicht Athen, sagt 
Grote, welches den Frieden brach, sondern die Feinde Athens, wel- 
che Potidaea zum Abfall reizten, welche Athen mit hoehmüthigem 
Ansinnen herausforderten. Athen mochte ehrgeizig und herschbegie- 
rig sein; seit dem 30jährigen Vertrag hatte es das wenigstens nicht 
bewiesen: die Athener sind nicht der angreifende Theil. Nun werden 
die Kriegsereignisse schön erzählt; der Verf. ist auf dem praktischen 
Boden zu Hause, es fehlt nicht an vielen feinen Beobachtnngen , auf 
deren Mittheilung.ich sehr ungern Verzicht leiste. Dann folgen Cap. 
49 das zweite u. dritte Kriegsjahr; die Pest, die Misstimmnng gegen Peri- 
kles , die sich in einem Process gegen ihn entlud. *Eati rfiUvr^ tov 
ßü}v tov' neQiKkiovg y sagt Plato (Gorg. p. 515), nloniiv oevtov nave-^ 
'^nfpLoavxo^ oXfyov 6h twl d'avaTOv hC^rfiotv^ was beiläufig bemerkt 
ein politischer Process gegen jemand war, dem man nicht beikommen 
kann. Eine Entsetzung vom Strategenamte hält auch Grote nicht für 
wahrscheinlich, weil Thnkydides sie verschweige. Er denkt sich 
die Sache, um die abweichenden Nachrichten zu vereinigen, so. Die 
Strategen traten ihr Amt in der Mitte des Jahrs an, wie die übrigen 
Beamten. Im Juli 430 wäre also die Strategie A%s Perikles zu Ende 
gewesen. Um seine Wiedererwählung zu hindern, richteten seine 
Feinde kurz vorher jenen Process gegen ihn. Er wurde wirklich nicht 
wiedererwählt, was als eine Art von Entsetzung angesehn werden 
konnte, dann aber nachträglich doch wieder gewählt, zum Ersatz etwa 
für einen ausscheidenden. Dies ganze Raisonnement aber ist sehr un- 
zuverlässig. Der Verf. setzt dabei voraus , dass die Strate^^^ra^ '%!». 
ersten Hekatombaeon ihr Amt anlralevi; ^cä iV^et v^^.^»LN«^Vws|»V^^ft^S»'- 
l?le Feldherrn sind, wie es die SacVie mW i\^ \iTv\i^\ «, \%*.XceN«ie^S^^ 



S66 Alte Gesehiehte. 

hindurch anunterbrochen im Amt und treten dasselbe zuTerlässig im 
Frabjahr an. So finden wir es denn auch wirklich von der Schlacht 
von Marathon au ; inmitten des Feldzugs wird nicht gewechselt. Lfingst 
haben hierüber Sei die r und Krüger das richtige gesehn. £s er- 
hellt aber auch aus Thukydides in Betreff des Ferikles. Perikles er- 
lebte vom Kriege 2 Jahr 6 Monate und starb also im Spätherbst 429, 
und zwar als Stratege. Fiele jener Process nun etwa um Jnli 430, so 
müsste er darnach noch zweimal Strateg geworden sein, was Thuky- 
dides gewis nicht unterlassen hatte anzudeuten, während er, indem 
er sag^: v&tegov d (nvd'ig ov TtokX^^^ &tQcevfiyov e^kovto^ bezeich- 
net, dass er im Lauf der neuen Strategie gestorben seL Der Tod des 
Perikles veranlasst den Verf. noch einmal einen Blick auf die Laufbahn 
desselben zurttckzuthun. Plutarch hatte diese in zwei Theile geson- 
dert: in der ersten, sagt er, oorrumpierte er das Volk, um Macht zu 
erwerben; wie er diese erworben, benutzte er sie auf eine unabhän- 
gige und patriotische Weise. Das Urtheil des Thukydides würde sich, 
wenn Plutarch Recht hätte, nur auf diese letztere Periode beziehn. In- 
des Grote weist auch von jener erstem den Vorwurf Plutarchs zurück. 
Dass er die Macht der Magistrate, des Areopags verminderte, die 
neuen Dikasterien einrichtete, die Diobelie u. dergl. hat Thukydides 
wenigstens nicht als Corruption angesehn. Büttner geht noch wei- 
ter: diese Diobelie sei eben darauf berechnet gewesen, den strafbaren 
und corrumpierenden Bestechungen der Aristokraten ein Ziel zu setzen. 
Allerdings, fährt Grote fort, musste Perikles sich anfangs an eine Par- 
tei anschliessen, und es ist wohl möglich, dass Bphialtesin derselben 
mächtiger war als er ; jene Umänderungen möchten , wenn Perikles sie 
förderte , mehr auf Rechnung seiner Partei zu stellen sein. Dies ist 
eine schlimme Aushilfe, mit der Perikles, wenn wir ihn befragen 
könnten , nicht im entferntesten zufrieden sein würde. Ich meine, sein 
Leben und seine Grundsätze sind von Anfang bis zu Ende wie ans 
^inem Guss; er ist darin, wie — Friedrich der Grosse, bewusst, klar, 
consequent ; er hat keinen Schritt zurückgethan. Wer einmal die Ent- 
wicklung des demokratischen Princips bis ans Ende wollte, musste 
alle jene Veränderungen wollen. Ueberdies haben wir eine sehr be- 
stimmte Nachricht, dass von vorn herein Perikles der dominierende 
Geist wer , aber durch seine Freunde die Sachen betreiben liess. Doch 
es ist unnöthig, dass wir hierbei länger verweilen; ich möchte nur 
auf eine geistvolle Behandlung dieser Partien der athenischen Ge- 
schichte hinweisen, welche in dem Programm des Gymnasiums zu 
Cleve 1850 erschienen ist, nemlich auf die 

Historischen Apologien yon Dr. Mor, Fleischer. 48 8. 4. 

Der Verf. steht etwa auf dem Standpunkte von Büttner und Grote. 

Wie die Verhältnisse Spartas, seine Isoliertheit, sein Festhalten am alten 

u. 6. w. theils im dorischen Charakter überhaupt, theils in der speciel- 

len Situation derSpartaner begründet sind, so ist umgekehrt auch die 

I^emokratie kein Zufall^ kein Einfall, kein Abfall., sondern eine Nothwen- 

digkeit für Athen; eine Aristokratie hälV© Vü KX\i^\i %\^V^ %^\i«\\ «vcl- 



Grole: history of Greece. 887 

mal das Bewuflstaein erwacht war, nicht halten können. Herr Flei- 
scher rechtfertigt es nun , wenn also 4ie Demokratie eine Nothwendig- 
keit war 9 dass die einielaen Schritte in ihrer Verwirklichung gethan 
werden. Zunächst dass die gewaltige Macht des Areopags , doppelt 
gewaltig durch die Unbestimmtheit seiner nicht gesetzlich formalisierten, 
sondern nur durch altes Herkommen und traditionelle Auctorität sanctio- 
oiertea Functionen, gebrochen wurde. Der Verf. zweifelt nicht an der 
ehreawerthen Gesinnung eines Aeschylus , Kimon , die das alte Insti- 
tut in Schutz nahmen; er fordert aber, dass man bei Ephialtes und 
Perikles nicht von Ranken schlechter Politiker spreche, die das athe- 
nische Volk nur in ungewohnte Bahnen ziehn, die alte Sitte zerstören, 
den Respeet vor der alten Auetoritat vernichten , den Voiksredner zum 
Herrn des Staats machen wollen. Was den Heliasten- und Ekklesia- 
stensold, die Diobelie, den Rathsherrusoid anlangt, so schliesst sich 
der Verf. an Büttner an. Die Unterdrückung der Bundesgenossen, fahrt 
er fort, ist nicht der Demokratie eigen, sondern ist von dem ari- 
stokratischen Sparta ganz ebenso geübt worden. Dieses Streben 
nach Centraiisation bildet den andern Fol zu jenem Streben nach In* 
dividualisierung. Die Herschaft Athens über seine Bundesgenossen ist 
nichts anderes, als wie das ganze griechische Leben auf der Basis der 
Sklaverei ruht; sie war eine Nothwendigkeit für Athen und die Bedin- 
gung seiner Grösse; sie war durch die Zersplitterung und den Farti- 
cularismus der griechischen Welt mit doppelter Nothwendigkeit ge- 
boten. ^ So wie Athen aus der aiten patriarchalischen Rohe und Ab« 
geschlossenheit herausgetreten ist, so wie sich seine historischen 
Keime unter den gegebenen Bedingungen zu entwickeln beginnen, so 
muss es auch die Linie der abstracten Gerechtigkeit überschreiten, es 
kann nicht anders.' Mit gleichem Recht kämpfen die andern Griechen 
unter der Aegpide Spartas für ihr Recht, ihre Freiheit, ihre Existenz. 
Man aolUe also, was mit solcher Bestammtheil durch die Natur und die 
ganze Entwicklung der Hellenen vorgeschrieben war , nicht als eine 
moralisoke Schuld den Athenern oder den Spartanern oder dem Peri- 
kles aufbürden. Doch wir kehren zu Grote zurück. 

Das dO. Cap. reicht vom Anfange des vierten Kriegs- 
jahres bis zu den revolutionären Bewegungen in Ker* 
kyra. Hier tritt «ns zuerst der Abfall von Lesbos entgegen. Die 
Gründe zu diesem Abfall, welche der lesbische Abgeordnete bei den 
PeloponneMcrn vorbringt, sind sehr schwach; es war kein rechter 
Grund dazu vorhanden. Dies erklärt, sagt Grote, l) die Theilnahm- 
losigkeit des Demos, 2) die barbarische Bestrafung, vi^elche Athen 
hernach beschloss. Mir scheint auch hier eine falsche Vorstellung • 
vorzuliegen. Ich gebe zu, dass die in Lesbos regierenden für Sparta 
mehr Sympathie fühlten.; folgt hieraus nun , dass nicht das sehnsüch- 
tige Verlangen da war, die alte volle Freiheit wiederzugewinnen und 
die schwere Last abzuwerfen , welche auf Lesbos lag? Es war nach 
Thukydides nicht Oligarchie odeT l>«iBkQ\LX«M\^ .^ ^%Sk ^"^ Wd^ss^ \s^ 
oder von Athen wegtrieb, sondeiu olm^ ^taLÖM\OöXwAN^\»MW»%^^ 



288 Alte tiesohiohle. 

liebe zar Freiheit, — d. h. im Anfang des Kriegs; denn späterhin trüb- 
ten sich allerdings- die Motive durch Beimischang von Parteiinteresse. 
Wenn also in Lesbos der Demos die Waffen gegen die alten Bürger 
kehrt, so kann man daraus nicht auf Sympathien desselben für Athen 
schliessen. Es sind Banden, die losgelassen in anarchischer Lust 
wüthen Und so wenig für Athen wie für Sparta etwas empfinden, wie 
auch daraus erhellt, dass die Athener bei ihrem ersten Beschlüsse 
nicht etwa die alten Bürger, sondern alle Mytilenaeer überhaupt, oaot 
rißmötVf EU tödten befehlen. Die Athener werden sehr gut gewusst 
haben , was sie thateA ; sie hätten sicherlich nicht Freunde und Feinde 
verwechselt. Eben so unrichtig ist, dass Grote die Strenge der Athe- 
ner so motiviert. Lfisst sich eine solche Motivierung auch bei Melos 
anwenden? Würde Athen milder gewesen sein, wenn die Lesbier 
triftigere Ursachen znm Abfall gehabt hätten ? Bei Gelegenheit dieses 
Ereignisses tritt bei Thukydides zuerst Kleon auf die Bühne. Die Art, 
wie der Verf. denselben fasst, fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. 
Der Verf. hat , wie ich bereits oben angedeutet habe , eine sehr 
vortheilhafte Vorstellung von dem Demos zu Athen und seinen Len- 
kern; es ist eine grosse Aehnlichkeit zwischen seinen Ansichten und 
denen Fleischers. Man kann nicht sagen, dass der Demos von 
Athen in geistvollerer Weise gegen die Angriffe der alten wie der 
spätem vertheidigt werden kann, als es hier geschehn ist. Der Demos 
in Athen ist kein Pöbel , wie ihn unsere neuern Zeiten zumal in den 
grossen Städten darbieten. Es sind die Söhne der Männer, welche die 
grossen Perserschlachten geschlagen haben, sagt Fleischer, aufge- 
wachsen in Einfachheit, Massigkeit, Frömmigkeit und strenger Sitte 
und Zucht. Diese Söhne haben dann das kleine Athen hoch erhoben, 
grosse Flotten geschaffen, einen weiten Handelsverkehr begründet, 
ihre Stadt zum Mittelpunkt der gesamten griechischen Cultur gemacht 
und zwar durch ihre eigne Kraft, ihren eignen Genius. In diesem 
Demos keimten die tiefsinnigen und erhabenen Gedanken , hier wuch- 
sen die geschickten und fleissigen Hände, hier fand die Kunst ein ge- 
bildetes richtendes Publicum. Alle arbeiteten hieran mit, alle fanden 
in diesem Schaffen ihren Genuss und ihren Lohn. Dies Volk ist kein 
Pöbel. Und sagt man nun, Perikles habe die Athener zu dem allen 
geleitet, so ist doch selbst die Art und Weise, wie er in den Besitz 
dieser Macht gelangt war, wie er sich in demselben erhielt, ein ehren- 
volles Zeugnis für dies Volk. Es war seine Redlichkeit, Einsicht, Be- 
redtsamkeit, Vaterlandsliebe, worauf sich seine Macht stützte. Auch 
die Art, wie dies Volk über sich den Spott der Komoedie ergehn lässt, 
ist nicht die Weise des Pöbels. Selbst über das Misvergnügen , dass 
die ersten Kriegsjahre und besonders die Pest hervorriefen, und den 
scheinbaren Wankelmuth des Volks sollte man weniger hart urtheilen. 
Dies alles ist sehr war, aber die alten, welche den Verhältnissen 
näher standen, urtheilten nicht so; sie sahen in dem Demos nur, was 
maa darin zu sehn erwarten darf: eine Masse ^ die eher der o^yq als 
der yt^cififf Raum gibt^ im Augenblick des \3iig\^c\i« scvnw^ \sltä^\v\j\\v- 



Grote : history of Greece. 289 

gen Fahrern zürnt,' im Giüek sich leicht überhebt, bei Unffilien ver- 
zagen möchte , es gern hört , wenn ihr jemand n^ag ^doui^ spricht, 
nnd sich anch darein findet , wenn ihr ein Mann wie Perikles iis i^ui- 
aei. %al jCQog oifyqv etwas erwidert, kurz zum Staatsregiment nicht 
befähigt und berufen ist. Man muss bei Thukydides die Darstellung, 
welche in den Reden von der athenischen Demokratie gegeben wird, 
von den Zügen, die im Lauf der Erzählung vorkommen, wohl schei- 
den. In jenen erstem gibt er die ideale Demokratie , in den letztern 
haben wir die wirkliche vor uns. Es mag nun das zur Entschul- 
digung für diesen Demos gereichen, dass er sich von Perikles hat be- 
herschen lassen; aber das ist, wie schon oben bemerkt, der Fehler, 
dass das Volk dieser Leitung bedarf. Denn was man anch darüber 
sagen mag, so wie es den Perikles verloren hat, ist es seines schützen- 
den Genius beraubt. Ich denke es ist gut, wenn Kinder ihren Eltern 
folgsam sind; aber es ist viel besser, wenn sie die Kraft des Willens 
und der Einsicht gewinnen , selber einmal das rechte zu erkennen und 
zu thun. Der Unterschied aber zwischen Perikles und den Demagogen, 
welche ihm folgten, und zwischen dem Demos unter Perikles und 
nach Perikles ist gar nicht zu verkennen. Der Demos war unter Peri- 
kles nur dem Schein nach mündig gewesen*; denn er wurde unmündig, 
als er den Perikles verloren hatte. Diesen Unterschied erkennt Grote 
nicht an, und es ist interessant zu sehn, wie Fleischer in seiner Be- 
urtheilung des Kleon wesentlich hiermit übereinstimmt. 

Bis dahin, sagt Grote, waren es die alten grundbesitzenden Fa- 
milien gewesen , welche an der Spitze des Staats gestanden hatten ; 
jetzt kam eine andere Classe von Leuten empor, die durch Handel, 
Fabriken u. s. w. reich geworden waren. Zu diesen gehörten die 
Kleon, Eukrates, Lysikles, Hyperbolus, welche Perikles bis dahin 
niedergehalten hatte. Es ist dieselbe Erscheinung wie im Mittelalter, 
wo die Macht auch vom Landadel an die Kaufleute und Industriellen 
kommt. Das ist meines Erachtens ein ganz falscher Gesichtspunkt. 
Erstens ist dieser Unterschied zwischen Landadel und Kaufleuten in 
Griechenland gar nicht so da gewesen wie im Mittelalter; die altedlen 
Geschlechter haben frühzeitig Handel getrieben und Gelderwerb nicht 
für unvereinbar mit ihrem ritterlichen Leben gehalten. Zweitens ist 
z. B. Themistokles , der, so viel ich weiss, nicht zum erbgesessenen 
Adel gehörte, Staatslenker gewesen. Ueberdies, hätte ein solcher 
Gegensatz stattgefunden , sollte er der scharfen Beobachtung des Thu- 
kydides entgangen sein? Der Unterschied zwischen Perikles und 
Kleon ist nicht Landadel oder Kaufmann, sondern Staatsmann oder 
Demagog , wobei ich Demagog fasse , wie Aristoteles den Begriff fasst, 
wenn er sagt , der Demagog sei dem Demos gegenüber dasselbe , was 
der Schmeichler dem Könige. Kleon ist also nicht zu betrachten als 
der Vertreter der gewerblichen Interessen, die nunmehr zur HerschafI 
kommen, sondern wie ihn Thukydides gefasst hat, als Re|^raeaQ«LtA».t. 
der schlechten Demagogen, die mvLnmc^t ^CÄ\\ÄVL\k«iX«sv%«^^^w^^^ 
rikhs leer gelassen hat. Wenn i^vki to^Yi \xi ^«« TääV ^\^ Vi,i?^«^ 



290 Alte Geschichte. 

welche wir über ihn hören, Urtheile von Gegnern sind, wie kommt 
es denn , dass nicht eine vereinzelte Stimme zn seinen Gunsten auf uns 
gekommen ist? Die Komiker, sagt Grote, haben kein Gewicht; sie 
haben alles herontergeiogen. Dies ist allerdings eine sehr falsche 
Aeusserung, die niemand thun wird, der die alte Komoedie in ihrer 
Totalität aufgefasst hat. Indes ich will sie einmal gelten lassen ; wie 
aber kann mau glauben, Thukydides spreche parteiisch von Kleon, 
weil er dem Kleon vermnthlich sein Exil zu verdanken habe ? Thu- 
kydides würde weder mit Themistokles noch mit Perikles in 6iner He- 
taerie gestanden haben; wie bewundernd spricht er gleichwohl von 
ihnen! Wie sollte er nun gegen Kleon, so viel Jahre nach dessen 

* Tode, ein so hartes Urtheil gelallt haben, wenn dies Urtheil unge- 
recht , wenn es der allgemeinen Stimme über ihn widersprechend ge- 
wesen wäre? Zudem ist Kleon mehr als dieser ^ine Demagog; 
er ist der Repraesentant jener Schaar von Volksführern und Volks ver- 
derbern ; sollte Thukydides seinen Hass gegen Kleon so weit ge- 
trieben haben, von diesen allen so scharf, so ungerecht zu denken? 
Es bleibt doch wahr, diese Demagogen tcoi crvtol (läHov ovzsg %al 
OffeyofUVQi xov Tcgmog iKaCxog yfyvec^a^ itgaitovro %€c& tiöovag tc5 
di}fiO %al TOT iCQccy(ia%a Mtäivai^ und es ist mir durchaus ein Räth- 
sel , wie Grote es anfangen will , neben Demosthenes einen Kleon zu 
stellen. — Schon Büttner hatte über Kleon ein, wie es mir scheint, 
sehr maass volles und gerechtes Urtheil gefällt; an dieses hätte sich 
der Verf. anschliessen sollen. Man mnss, sagt Buttner, den Kleon 
trotz seiner niedrigen Gesinnung nicht als gemeinen Possenreisser an- 
sehn. Aber er hat keinen bestimmten politischen Gedanken, sondern 
sucht nur sich in der Gunst des Volks zu erhalten; er sucht nicht 
den Willen des Volks zu bestimmen, sondern macht sich allen Launen 
desselben dienstbar; er tritt aus der Zahl seiner bisherigen politischen 
Freunde, um ganz sich mit der Hefe des Volks zu verbinden, wie 
Grote sagt, um sich ganz und frei dem Dienste des Staats zu widmen. 
Sehn wir nun Grote. Er geht von den Verhältnissen aus, in denen er 
selber lebt. Er denkt sich eine Opposition der Regierung gegenüber, 
und erkennt die grosse Wichtigkeit, welche eine Opposition für die 
Regierung selber und für den Staat. hat. Wenn keine Opposition da 
wäre, denkt er, müsste man eine schaffen. Sie ist es, welche den 
Handlungen der Regierung beobachtend folgt , mit ihrem scharfen kri- 
tischen Auge die Blossen, die Misgriffe der Regierung erspäht, und 
diese dadurch zur Gewissenhaftigkeit, Vorsicht nöthigt und von selbst- 
süchtigen, dem Gemeinwesen verderblichen Plänen zurückschreckt. 
Solch ein Mann der Opposition ist Kleon; als Oppositiousredner hat 
er seine Stelle im Staate und wirkt heilsam für denselben; er muss 
aber nichts weiteres erstreben, muss nicht selbst regieren wollen. 
Das hat Kleon gethan , aber sehr gegen seinen Willen ; es ist allein 
die Malice seiner Gegner, welche ihn in diese falsche Stellung ge- 
bracht hat Jedonnano sieht auf den ersten Blick, wie haltlos diese 

AnsicbUsL In Athen ist, wenn man von einet Ow^*^^^^^ "f *^^^ ^^ 



Grote:Thi8tory of Greece. 291 

diese bei den Männern der aristokratischen oder besser eonservativen 
Partei sn snchen ; der Demos und seine Führer sind die regierenden. 
Leute wie Nikias und Demosthenes sind die ausführenden, deren sieh 
die Demagogen bedienen, erstens weil es in ihrem Interesse liegt, 
nicht vom Platze zn weichen, um nicht aus der Gunst des Volks ver- 
drängt zu werden, und zweitens weil sie unfähig sind zu allen guten 
und rechtlichen Dingen. Gesetzt aber auch, man könne diese Sehaar 
als Oppositionsmänner betrachten, so ist doch nicht vorauszusetzen, 
dass Männer von Ehre unter allen Umständen Opposition bilden , wie 
diese Leute es thun , sondern dass sie gegen gewisse Grundsätze an* 
kämpfen, die den ihrigen widersprechend sind, oder aber wir sind 
gezwungen, sie, wie es Aristoteles gethan hat, für servile Schmeich- 
ler der Menge zu halten. Sehn wir aber ihre Handlungen an : sind sie 
es nicht gewesen, welche den Perikles anklagten? und unfeinen Grund 
hin, den man, wenn Thnkydides Glauben verdient, für schmähliehe 
Verleumdung halten muss. Ist nicht Kleon höchst wahrscheinlich der- 
jenige , welcher den Heiiastensold von 1 Obolus auf 3 erhöht hat, Qud 
das zur Zeit des Kriegs? Wir sind leider über die Einführung des 
Ekklesiastensoldes nicht genug unterrichtet, ich glaube jedoch, dass 
sie in dieselbe Zeit zu setzen ist. Ich setze hiermit selbst die Art und 
Weise, wie man Lesbos bestrafte, in Verbindung. Das Land wurde 
an 2700 Kieruchen gegeben, und diese fanden sich mit den Lesbiem 
dahin ab , dass diese für jeden Kleros 2 Minen zahlten. Es sind dies 
90 Talente jährlich. Grote meint nun , diese Kieruchen seien eine Art 
Garnison gewesen , welche als eine Art von Soldanweisung diese Kle- 
ren bekommen habe. Sie seien nicht in den wirklichen Besitz dieser 
Grundstücke gekommen, sondern hätten nur, so lange sie dort in 
Garnison gestanden , den Niessbrauch gehabt. Wie hätte Athen zu einer 
Zeit, wo der Schatz bedeutend zusammengeschmolzen war, auf jähr- 
lich 90 Talente Verzicht leisten sollen? Später habe der Staat diese 
Verloosung wieder aufgehoben. Ich will zugeben, dass der Staats- 
schatz sehr angegriffen war, obschon ich es aus der ausserordent- 
lichen Beisteuer, welche damals von den Unterthanen eingetrieben 
wird, nicht gerade schliessen möchte. Aber dass Kleruchie je etwas 
derartiges bedeuten könne, ist mir, eh es mir sicherer bewiesen wird, 
unglaublich. Soldaten zur Garnison pflegt man nicht durch das Loos 
auszuwählen , wie es hier geschah. Ferner aber ist eine solche Gar- 
nison zu stark; als Belagerungsheer wäre es mehr denn zu viel ge- 
wesen. Die Sache verhält sich aber, wenn man sie unbefangen an- 
sieht , ganz einfach und klar. Die Athener konnten den Lesbiem einen 
90^0^ auflegen; dieser würde aber 1) in die Staatscasse geflossen 
sein und 2) wohl nicht 90 Talente erreicht haben. Statt dieses q»^ 
legten sie ihnen diesen Tribut auf, der nun den durch das Loos er- 
korenen Bürgern als eine Art von Rente zu gute kommen sollte. Die 
Kieruchen konnten ruhig in Athen bleiben und hier diese Rente vec- 
zehren. Diese Rente hinderte sie ii\c^\^^«wBk «v^ ^%^x^«^%^^^»"&^ 
diemMte tbaten oder sonst in 6VeikWvc^\^«Bi ^wifcVv^si««^ ^«t«^-. ^ä»sö^^ 



S02 Alte Geschichte. 

den davon gezahlten Sold zu geniessen. Die lesbischen Städte be< 
hielten ihre bürgerlichen Einrichtungen, blieben stadtische Gemeinwesen 
nach wie vor, die Bürger blieben im Besitz ihres anderweitigen Ver< 
mögens. Mit diesem Verhältnis stimmt auch die Antiphontische Rede 
de caede Herodit völlig übereiu. Ich meine, diese Kleruchie war 
ganz im Sinne jener Demagogie , welche den Staat zn einer leichten 
und ergiebigen Erwerbsquelle für die einzelnen Bürger machte. 

Ueber die Hinrichtung der Plataeer urtheilt Grote streng und ge- 
recht. Natürlich werden wir dabei immer von der Yorstellungsweise 
der alten ausgehn müssen. Demnächst enthüllen die Greuelscenen von 
Kerkyra das tiefe sittliche Verderben und die Wuth der Parteien. Bei 
Grote fallt der Schatten nur immer auf die Oligarchen. Der Demos ist 
in seinen Augen nicht der angreifende Theil ; im Demos ist conserva- 
tive Gesinnung, die vornehmen sind die selbstsüchtigen Revolutio- 
näre. Es ist die einseitigste Parteilichkeit, welche der Verf. überall 
an den Tag legt und die gegen die ernste Strenge des Thukydides 
wunderbar absticht. 

Im 51. Capitel tritt uns Nikias entgegen, den der Verf. im 
ganzen recht gut charakterisiert hat, so weit es seine vorgefassten 
Meinungen möglich machen. So nennt er ihn ohne weiteres einen Oli- 
garchen. Ich habe schon oben über den Misbrauch gesprochen, der 
mit diesem Parteinamen getrieben wird. Oligarch ist dem Verf. und 
denen , die auf dem gleichen Standpunkte stehn , jeder der in der con- 
sequenten Durchführung des . demokratischen Prinoips nicht so weit 
geht, als ein anderer zu gehn für gut findet. So wird Nikias ein Oli- 
garch, der kein einziges Kennzeichen von einem Oligarchen an sich 
trägt; er sucht sich durch jedes rechtliche Mittel die Gunst des Volks 
zu verschaffen, er sucht dem Volke durch Glanz in seinen Liturgien 
zn gefallen, er wacht mit einer Aengstiichkeit über seinen Wandel 
and über sein Leben, deren Perikles sich dreist hatte überheben kön- 
nen , er lässt sich nicht bloss in keine aristokratische Verbindung ein, 
sondern vermeidet selbst den Schein derselben; — aber er ist reich, 
er wünscht den Frieden , er wünscht Versöhnung mit Sparta , er ist 
nicht Freund von den Demagogen , die reichen hoffen auf ihn und sei- 
nen Beistand, das reicht aus ihn zum Oligarchen zu stempeln. Zur 
Zeit des Hermokopidenprocesses , wo alles voll Verdacht gegen die 
heimlichen Oligarchen ist, nennt niemand den Namen des Nikias; auf 
der Expedition nach Siciiien gibt er durch seine Zögerung selbst dem 
frechsten Sykophanten keinen Anlass ihn zu verdächtigen ; er ist doch 
ein Oligarch, allerdings nur heimlicher; denn die Oligarchie ist noch 
in ihrem staie of quiescence and iorpidity; später wird sie kühn, 
herausfordernd und angreifend. Das heisst , so viel ich sehe , allem 
richtigen Verständnis der Geschichte den Krieg erklären. Es ist eine 
teuschende Vergleichung zu sagen : Perikles habe in seinem sichern 
Bewusstsein des Umgangs mit der Aspasia pflegen dürfen, Nikias da- 
grcffen mit Aengstiichkeit auf die Moralität seines Lebens achten müs- 
0ea, Perikles sei von Philosophen und MnftlWn ., ^\Vaw nä^\^^\- 



Grote : history of Crreece. 29S 

sagem umgeben gei/vesen, yfie Louis XIV von seinen Beichtvätern. 
Das ist .alles wahr, Nikias ist kein Perikles; Nikias ist einer kühnen 
entschlossenen Politik nicht fähig , und er ist darnm oft genug von den 
Komikern verspottet worden ; aber er ist kein Oligarch. Er ist , dar- 
auf kommt Grote wieder zurück, ministeriell, Kleon gehört dagegen 
zu der Opposition und hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die Hand- 
lungen der Regierung zu beobachten, zu benrtheilen und zu denuncie- 
ren. Doch es ist unnöthig bei diesen Träumereien noch länger zu 
verweilen , da wir , wenn wir den positiven Daten unserer Historiker 
folgen, weder über die Person noch aber die politische Thätigkeil 
des Nikias in Zweifel sein können. In einer unbefangenen , sich an 
jene Data anschliessenden und aus ihnen herleitenden Weise ist eine 
Untersuchung aber Nikias begonnen worden in 

Schmidts Commentaiioräs de vita Niciae Atheniensis pars prior 

(Progr. des Joachimsthalschen Gymnasiums vom Herbst 1847. 43 S. 4) 

der wir eine baldige Vollendung wünschen mflssen. Ich habe den In- 
halt dieser Abhandlung hier nicht kritisch ins einzelne verfolgt, da 
dieselbe bereits in einer umfassenden Weise in diesen NJahrb. Bd. 51. 
S.81 ff. beurtheilt ist; sie gibt aber die Belege für die anerkannte o^cn^ 
des Nikias , um deren willen Aristoteles ihn mit Thukydides und The- 
ramenes als ßHnarot xcav TtoXtzwv nal ncer^ixiiv i%ovT€g evvotttv xal 
(piMuv ^qag xhv dfjfiov hinstellte, und Thukydides besonders seinen 
Tod als einen unverdienten bezeichnete. Der Spott der Komiker ge^ 
gen seine Aengstlichkeit rührte aus einer andern Ursache her als der 
gegen Kleon ; diesen suchten sie zu vernichten , jenen aus seiner 
Schüchternheit zu einem grössera Selbstvertrauen, zu kühnem und 
entschlossenem Auftreten gegen die Volksverderber herauszutreiben; 
Leider besass er nicht die Kraft, durch eine Perikleisohe Beredtsam- 
keit diese Leute niederzukämpfen. Dass Nikias auch als Feldherr mit 
mehr als Vorsicht handelte, ist zuzugeben. Aber es fehlte ihm. auch 
nicht an warnenden Beispielen. Perikles war für unverschuldetes Un- 
glück in schwere Geldbusse genommen; Sophokles nnd Pythodor 
mussten in die Verbannung gehn , weil sie vermeintlich übereilt Si- 
cilien aufgegeben hatten ; Eurymedon wurde aus demselben Grunde in 
eine Geldbnsse genommen; Laches musste als gemeiner Soldat deii 
Feldzug in Boeotien mitmachen ; Faches tödtete sich vor den Augen 
seiner Richter selbst. Es war nicht zu verwundem , dass Nikias so 
sicher als möglich zu gehn strebte, dass er vor gewagten Unterneh- 
mungen zurückschrak, dass er den Frieden dem Kriege vorzog. Man 
wird mit Vergnügen Schmidt weiter durch eine Reihe von glück- 
lichen und erfolgreichen Unternehmungen des Nikias folgen. Von der 
Selbstsucht des Nikias, die Büttner in seinem ganzen Leben nnd 
Streben findet, und worin er besonders den Unterschied zwischen ihm 
und Perikles 'findet, ist in der That nicht mehr zu entdecken alt li«L 
irgend einem andern Bürger. Et d.TiAt|> «vöil taOo\ ^^^ ^ ^^^sä ^a« 
Rednerbühne noch zu FeldherrntaaWvik ^ ww^^riL WvS^ «^^' "^^^^^^ 



294 Alle Gesdiidite. 

er saeht sich nicht za bereichern, sondern ist bereit aus seinen Mit- 
teln ^osse Opfer zu bringen; er setzt seine Person nicht gern der 
wechseWollen Laune der Volksgunst, wohl aber der Gefahr der 
Schlacht aus. Wo ist nun die Selbstsucht? wo die Feindschaft gegen 
das Volk? Einsig und allein darin, dass er Sicherung wünscht gegen 
die Tyrannei des Demos und das Treiben der Demagogen, dass er 
dem in unabsehliche Weite sich hinsiehenden Kriege, der die reichen 
and besitieuden belastet, durch einen ehrenvollen Frieden ein Ende 
lu machen strebt, dass er von der sich auflösenden Sitte und Zucht 
in der Weise surackkehren möchte, dass er der wachsenden Irreli- 
giosität gegenüber an dem alten Glauben festhält. 

Das 62. Cap. bringt uns die Ereignisse vor Fylos, das siebente 
Kriegsjahr. Der Verf. ers&hlt die Ereignisse auch hier vortrefflich, 
trflbt aber auch hier durch seine Politik sich das Urtheil. Die Sparta- 
ner sind auf der Insel eingeschlossen, der grosse Preis des Sieges; 
Sparta thut alles, um sie zu retten; es schickt Gesandte um Frieden 
nach Athen. Das Benehmen Kleons gegen diese kann auch Grote nicht 
billigen; er nennt dasselbe a greai abuse of publieittf^ fügt aber be- 
gQtigend hinzu : noi nnknown in modern , though mare frequent in 
ancieni^ poUtical life. Aber dass die Athener die günstige Gelegen- 
heit aus den Händen Hessen? Ein Uebersohätzen der günstigen Chan- 
cen, die mau vor sich zu haben glaubt, ist bei jeder Verfassung mög- 
lich ; es ist nicht die Schuld der Demokratie ; Napoleon und der eng- 
lischen Aristokratie ist es nicht besser gegangen. Der Verf. erinnert 
in einer Rede Burkes an die Stimmung Englands, als die Engländer 
jenen Sieg bei Long Island über die Amerikaner gewonnen hatten. 
Kleons Absicht war, den Zustand, wie er vor dem 30jährigen Frieden 
war, wiederherzustellen; ich gebe zu, dies waren die Forderungen 
Kleons ; wenn man aber fragt : war ein Erreichen dieses Zieles denk- 
bar? hatten die Spartaner selbst die Hacht diesen Zustand wieder zu- 
rückzuführen? und die Antwort lautet nein, so ist es natürlicher an- 
zunehmen, Kleon wollte den Frieden nicht und stellte daher Been- 
gungen, von denen er im voraus wusste, dass sie von den Spartanern 
nidbt konnten bewilligt werden. Nun zog sich die Belagerung uner- 
wartet in die Länge , und es folgt nun jene Scene in der athenischen 
Volksversammlung, wo Kleon wider seinen Willen genöthigt wird, 
das Commando in Pylos zu übernehmen. Ich bitte die Leser, den 
Thukydides sich hier . vor Augen zu halten , um dann zu sehn , was 
Grote daraus macht Die Strategen, sagt er, fordern Unterstützung; 
Kleon ist nicht abgeneigt ihnen diese zu bewilligen, aber er findet 
an dem , was sie gethan haben, zu tadeln ; das und das, sagt er, würde 
ich an eurer Stelle gethan haben. Diesen unschuldigen Ausdruck grei- 
fen nun seine Gegner auf, welche, deplorabljß Hmidy ignorant and 
reckless of tke public inierest^ nur darauf denken, wie sie den Kleon 
stürzen wollen. Kleon geht zurück; so habe er es nicht gemeint; in- 
ife0 Im Volke gelbst sind Stimmen, welche ihn ermuthigen , die Sache 
jeaea zum Trott dock zu übernebmeD Netzi^cXi «» ^Q^^ ^i\?)»<G^ 



Grote : history of Greece. 295 

zieh nicht xurück , du wirst dieh mit Ehren aus der Affaire siehn und 
wir werden dir beistehn. Wenn jemand dabei zu tadeln ist, so sind 
es Nikias und seine Freunde. Sie teuschten sich. Sie hatten erwartet, 
dass die Spartaner sich vertheidigen würden bis auf den letzten Mann, 
wie bei Thermopylae. Nun kam alles ganz anders. Die Athener haben 
also keineswegs die levitjf or folly gehabt, einen Mann, den sie als 
unfähig anerkannten , an die Spitze eines schwierigen Unternehmens 
zu stellen , in der Absicht that ikey might amuse ihemsehes »ttk kis 
blunders, Kleon war wider seinen Willen von einer misgünstigen und 
beschränkten Partei zum Strategen gemacht, und hatte sich glänzend 
bewährt. Grote bedauert, dass wir nicht wissen, wie man ihn nun 
bei seiner Rückkehr begrüsste; er bedauert noch mehr, dass Athen 
diese Höhe des Glücks nicht zu einem vortheilhaften Frieden benutzte. 
Allein die Stimmung in Athen war einmal kriegerisch. So Grote. Es 
ist kaum nöthig zu zeigen , dass dies dem Bericht des Thukydides völ- 
lig widerstreitet; wie soll man aber voraussetzen, dass Thukydides 
über diese Scene geteuscht wäre oder gar hätte teuschen wollen? 
Kleon hatte den Frieden hintertrieben und fürchtete die Rechenschaft 
dafür, wenn der Winter herankäme und die Blokade aufgegeben wer- 
den müsste. Er schob die Schuld auf die in Athen anwesenden Stra- 
tegen, dass sie nicht die geeigneten Mittel ergriffen, um die einge- 
schlossenen Spartaner zu fangen. Er erklärte, wenn er Feldherr wäre, 
würde er die Leute schon in seine Gewalt bekommen. Die Strategen 
treten ihm das Commando ab, und er erklärt sich bereit dazu, zieht 
erst zurück, als er sieht, dass Ernst daraus werden soll. Mikias 
Schuld war nicht Böswilligkeit, sondern dass er dem Kleon diese Ge- 
legenheit gewährte sich wirklich auszuzeichnen. Er hat genug dafür 
herhalten müssen bei den Komikern; aber nie sprechen sie in Aus- 
drücken von ihm , wie sie (kote gebraucht hat. Wir sehn ihn vielmehr 
gleich nachher wieder im Commando und ungesohwächt an Anaehn. 
Das Volk aber hat dabei einmal gethan, olov oxXog gfiXtinomv. 

Mit dem achten Kriegsjahre (Cap. 53) kommt mehr Flanmässigkeit m 
den Krieg ; die Athener setzen sich in Kythera fest , versuchen einen 
Angriff auf Megara, entwerfen einen combinierten Angriffsplan auf 
Boeotien , die Spartaner schicken den Brasidas nach dem Norden hin^ 
auf, wo er als Befreier auftritt. Grote erkennt das grosse Talent und 
die ganze Persönlichkeit des Brasidas gern an, aber er leugnet, das« 
die Unterthanenstädte Athens eine Neigung zum Abfall von Athen ge- 
habt hätten. Es war eine entschiedene Minorität, die den Abfall bcK 
trieb, etwa wie die in Plataea, welche die Thebaner einÜMs; die 
Masse der Bürger fühlte keinen Hass gegen Athen; sie hatten ihre 
Ernten draussen im Felde; das war es, was sie bestimmte in den Ab- 
fall zu willigen. Wir können ebensowohl fragen, was sie zurOok- 
hielt sich offen dem Befreier ansusohliessen. Aus Thukydides erhellt, 
dass sie l) die Kräfte Athens fürchteten. Die meisten dieser Orte, la- 
gen am Meere , waren so gut wie vMra\%T \ V\^ %^J^^«Ä ««. 'Vj^m^ ^»^ 
Atbenenkiü widerstehn, denen \h\tt \«liX *\8>^ ^«* iÖMl,*eNRSöK^ ^^ 



206 Alte Geschichte. 

Schäften hatte erliegen müssen, ganz zuletzt das starke Lesbos, ohne 
dass die Spartaner vermocht hätten es zu retten ? Es war nichts natur- 
licher, als dass sie Bedenken trugen den Abfall zu wagen, bei dem 
die Aussicht auf Erfolg so gering, die zu erwartende Strafe aber 
furchtbar streng war. 2) Alle diese Orte waren auf den Verkehr zur 
See angewiesen; gesetzt auch, sie vertheidigten ihre Mauern, so wur- 
den sie durch Beschlüsse, wie es das iffrifpuSfUt rmv MsyaQimv war^ 
von dem Meere und von allen Hfifen und Märkten im Bereich der athe- 
nischen Herschaft ausgeschlossen, ein Verlust, der .doch die Höhe des 
q>6i^ sicherlich unermesslich überstieg. 3) Wenn man auch Be- 
freiung von der gegenwärtigen Herschaft würde gewünscht haben , so 
wusste man doch nicht, wessen man sich von Sparta zu gewärtigen 
hatte; würde ihnen die Autonomie gewährt werden? würde Sparta 
nicht versuchen ihnen oligarchische Verfassungen aufzudrängen? 
4) Endlich kamen auch Parteimotive hinzu, welche bestimmend wirk- 
ten, s. Thuk. IV, 108. Als die Städte erfuhren, was die Spartaner zu 
gewähren bereit waren, fielen sie schaarenweise ab. Bei dieser Ge- 
legenheit erscheint auch unser Historiker Thukydides als athenischer 
Feldherr. Bekanntlich rettete er nur Eion; Amphipolis war bei seiner 
Ankunft schon verloren. Thukydides wurde dafür mit der Verban- 
nung bestraft. Die Geschichtschreiber behandeln ihn als einen un- 
schuldig leidenden; Grote dagegen ist der Ansicht, dass er seine Strafe 
wohl verdient habe. Thukydides, sagt er, stand mit seinem Geschwader 
in Thasos, aber gewis nicht zum Schutz dieser durchaus nicht be- 
drohten Insel , sondern um in diesen Gewässern das Interesse Athens 
wahrzunehmen. Er wusste , dass Amphipolis bedroht war ; er brauchte 
bloss die Brücke zu besetzen , um die Stadt zu erhalten. Ob die Strafe 
des Exils für eine solche Versäumnis zu hart war, darüber darf man 
nicht rechten; wenn man aber die Grösse des Verlustes erwägt, so 
wird mau sich überzeugen, dass die Strafe keinem Athener , ja keinem 
Griechen würde zu hart erschienen sein. So Grote. Ich halte diese 
Deduction für ganz falsch.- Ich setze voraus, dass Thukydides hier 
wahr berichtet hat. Die Eroberung von Amphipolis erfolgte im Win- 
ter; %€ifia>v r^v xorl wtiveupev^ sagt Thukydides. Die Athener hatten 
nan hier zwei Feldherrn, Eukles und Thukydides, die ein gemein- 
schaftliches Commando hatten. Eukles blieb in Amphipolis , Thuky- 
dides gieng mit der Flotte nach Thasos, um dort zu überwintern. In 
Amphipolis oder Eion konnte er nicht bleiben, weil möglicherweise 
der Fluss sich' mit Eis belegen konnte, wo dann die Flotte verloren 
war. Das Unternehmen des Brasidas war ein glänzender coup de main; 
er hatte die Brücke gewonnen, eh noch die in der Stand eine Ahnung 
von der Sache hatten. Ist also jemand tadelnswerth, so ist es Eukles, 
dass er die Brücke nicht stärker besetzt hielt. 

Das 54. Capitel führt nun den Krieg bis zum Frieden des Nikias. 
Der einjährige Friede (423 — 122), in dessen Anfang der Abfall von 
Skione und Mende fäüi. Ferdikkas entzweit sich mit Brasidas und er- 
fve/si den Athenern durch seine VerWndu»geii\ul\ÄWi^\\w^^««^H«\0\- 



Grote: history of Greece. 297 

> 

tigen Dfenst, dass die Thessaler die für Brasidas bestimmten Ver- 
starknngen nicht durchlassen. Der Waffenstillstand läuft den 14. Ela- 
phebolion ab ; mit Rücksicht auf die Heiligkeit des Festes aber lässt 
mau ihn stillschweigend noch bis zu den Pythien fortdauern. So 
Grote , wesentlich mit A r n o 1 d in der Erklärung von Thuk. V, 1 Ober- 
einstimmend. Dann wird der Krieg wieder aufgenommen. Kleon gehl 
ab, um Amphipolis wieder zu gewinnen. Der Verf. bestreitet hier die 
Ansicht derer, welche den Kleon gleich Brasidas für einen Freund 
des Kriegs halten. Wie konnte der Krieg einem Mann wie Kleon an- 
genehm sein? Die Fortsetzung des thrakischen Kriegs war eineNoth> 
wendigkeit für Athen; Perikles würde hierauf ebenso gedrungen ha- 
ben wie Kleon; überdies hatten die Spartaner selbst während des 
Waffenstillstandes gezeigt, dass sie weiter um sich zu greifen trach- 
teten. Dass aber Kleon selber das Commando übernahm? Hatte ihn 
etwa sein Glück bei Pylos aufgebläht? Er war ja, sagt Grote, in den 
folgenden Jahren nicht Feldherr gewesen ; es ist auch nicht zu bewei- 
sen, dass er sich zu diesem Commando gedrängt haben sollte; er 
hätte es vermuthlich lieber gesehn , wenn Nikias oder sonst ein er- 
fahrner Feldherr die Truppen geführt hätte , aber diese lehnten ver- 
muthlich den Befehl ab. Das sind Yermuthungen ohne- allen Grund. Der 
einjährige Friede hatte den Athenern keinen Vortiieil gebracht; das 
brachte natürlich Kleon und seines gleichen wieder in die Höhe. Die 
Chance stand sehr ungünstig , fährt Grote fort : ein unerfahmer Feld- 
herr, ein aufrührerisches Heer. Der Verf. unterlässt es nicht, hierbei 
von der Insubordination der Hopliten zu reden , was , denke ich , ge- 
nugsam widerlegt ist. Er geht selbst so weit den exilierten Thukydi- 
des zu verdächtigen : the local influence of the banished Thucydides 
would no longer be at the sereice of Athens — much less of the ser- 
t>ice of Klean, Das sind schlimme Insinuationen, die maa beweisen 
muss ; sonst wird die Geschichte zur Verleumderin. Denn man kann 
sich ebensowohl an einem verstorbenen versündigen wie an einem 
lebenden. Die weitem Ereignisse bis zur Schlacht werden, unter- 
stützt durch eine der schönen Karten , welche dem Werke beigegeben 
sind , gut erzählt. Der Tod des Kleon gibt dem Verf. Anlass , noch 
einmal auf dessen Leben znrückzubHckeu. Kleon . war nicht gewinn- 
süchtig , sondern nur ein Mann of tiolent temper and fierce political 
antipathies — a bitter Speaker — and sometimes inhonest in his ca- 
lumnies against adversaries^ wie das die Weise der grossen Opposi- 
tionsredner immer gewesen ist. Das äusserste des Misverständnisses 
ist meines Bedünkens, dass Grote, was ihre innerliche Politik anbe- 
trifft, den Kleon mit dem Cato Censorius auf 6ine Linie stellt. 

Ich muss , um nicht die Grenzen einer Anzeige zu überschreiten, 
von jetzt rascher vorgehn. Cap. 55 und 56 führen die Geschichte vom 
Friedendes Nikias bis zur Schlacht von Mantinea. Be- 
sonders lichtvoll sind die Wirren, welche dem Frieden Cq^j^^^^cm^- 
einandergesetzt. Dann folgt ©ine C\iM«to«t'\«X^ ^^^ WvVVNvv'^^^'^^^ 
Grote erkennt seine Begabung , aiainen l&nAi %ä\ i&i«t ^% Vö«^ ^^««^ "^^ 

JY. Jahrb. f. Phü. u. Paed. Bd. t.XV. Hfl, ^. 



296 Alte Geschickte. 

Charakter, an ernsten sittlichen Grundsätzen. Alkibiades hätte der 
Demokratie zugehört wie Perikles y wenn er den Grundsätzen seines 
Vaters hätte folgen wollen , der sein nahes Verhältnis zu Sparta auf- 
gegeben hatte; gleichwohl wäre der Sohn gern in Athen der Führer 
der Philolakonen geworden, aber die Spartaner zogen es vor, sich an 
Nikias zu halten. Es hatte ihm nichts geholfen, dass er sich der Ge- 
fangenen von Sphakteria angenommen, dass er fär den Frieden und 
fflr das Bündnis mit Sparta gesprochen , die Rückgabe der Gefangenen 
betrieben hatte ; so schlug er sich denn auf Seiten der Argiver. Hier 
wirft der Verf. einen Blick auf den Gang des Kriegs zurück. Die Po- 
litik des Perikles beim Beginn des Kriegs war die gewesen, sich auf 
das Meer und auf Vertheidigung zu beschränken. Nach der Einnahme 
von Sphakteria gehn die Athener zum Angriff über; sie suchen Me- 
gara und Boeotien zu gewinnen. Dieser Versuch läuft höchst unglück- 
lich ab ; wie ganz anders gelingt dem Brasidas sein Auftreten in Chal- 
kidike ! Die Athener suchen das verlorne um jeden Preis wiederzu- 
erhalten, Kleon durch Krieg, Nikias durch Frieden; beides umsonst; 
sie haben selbst ihr bestes Unterpfand, die gefangenen Spartaner, hin- 
gegeben. Sie hätten nun den unter Kleon mislungenen Versuch mit einem 
stärkern Heere, unter einem bessern Feldherm wiederholen müssen; 
Alkibiades aber leitete sie auf einen andern, falschen Weg. Er be- 
trachtete das Innere der Peloponnes als die verwundbarste Stelle der 
Spartaner ; er hoffte für seinen Ruhmdurst hier mehr Befriedigung als 
bei einer Expedition in eine entfernte barbarische Gegend (?wo Bra- 
sidas sich unsterblich gemacht?); es schreckte ihn auch wohl die 
Kälte, die er vor 12 Jahren dort ausgestanden (lächerlich!). Nun 
wird die Schlacht von Mantinea mit den Ereignissen, die ihr vorangehn 
und nachfolgen , gut geschildert. In diese Zeit fällt die Exostrakisie- 
rung des Hyperbolutf , für den der Verf. ähnliche Sympathie wie für 
Kleon hat, nur dass jener geistig untergeordneter ist. Den Schluss 
macht der Zug gegen Melos. Der Verf. gibt zu , dass das Verfahren 
gegen die Melier über alle Maassen ungerecht gewesen sei ; aber die 
Art und Weise, wie bei Thukydides die Verhandlung geführt werde, 
habe Thukydides allein zu vertreten; die Athener würden nicht so, 
würden wenigstens sophistisch gesprochen haben. Thukydides habe 
in diesem seinem Dialoge ein^Bild von dem gewaltsamen Sinne ge- 
ben wollen , welcher die Athener vor ihrem ebenso ungerechten wie 
verderblichen Zuge gegen Sicilien erfüllte. Ich will hiergegen nicht 
streiten , aber Grote glaubt doch sonst den Reden, welche Thukydides 
einschiebt, wenn sie ihm bequem sind. Es war wenigstens der Geist 
rohester, härtester, das Recht verhöhnender Gewalt, in dem diese un- 
erhörteste aller Barbareien verübt wurde. Cap. 57 zeigt uns , wie in 
Sicilien auf den Sturz der Tyrannenhäuser eine glückliche Zeit folgte. 
In dem 50jährigen Friedenszustand erblfihn auf der Insel Macht , Wohl- 
stand, geistige Regsamkeit. Hierhin wenden die Athener ihr Auge. 
Alkibiades war die Veranlassung des \3iiIwii«äwäwi% .^ ^\Va«ls aber war 
^^, der demselben durch seinen WidewVand wäI \cä«ä %t^i%*wS\%«^ 



Grote: history ofGreece. S99 

Charakter gab; er bewirkte, dass so grosse Kräfte dar &uf verwandt 
wurden, dass das Misliugen desselben den Ruin Athens herbeifahren 
musste. Gegen den Vorwurf der kurry^ pas$ion and ignarance^ der 
den Athenern hierbei gemacht wird, nimmt er sie auch jetzt in Schutt. 
Der Verf. billigt das Unternehmen nicht, er tadelt den Alkibiades 
streng. Wie hätte Athen, selbst wenn der Zug einen glücklichen Er- 
folg gehabt hätte , eine so maasslos wachsende Herschaft Eusanmen- 
halten sollen? Wie verkehrt ist das ganse Princip, Athen bedörfe 
neuer Eroberungen, um die alten zu behaupten! Gegen Amphipolis 
hätte sich Athen wenden sollen. 

In Gap. 58 — 60 vvird nun der Zug bis zur Verniehtang der athe- 
nischen Expedition dargestellt. Eh er beginnt, geschieht in Athen 
die Verstümmlung der Hermen. Ueber die dadurch in Athen hervor-^ 
gerufene Aufregung urtheilt Grote sehr besonnen. Die Hermen ge- 
nossen einer hohen Verehrung, sie hatten selbst in ihrer Form etwas 
ehrwürdiges. Wenn es uns seltsam scheint, dass solche trißes and 
absurdities so viel Aufsehn machen können, so muss man sich nur in 
die religiösen Empfindungen der Griechen hineinversetzen. In den 
PerserkriegeU' ist die grösste Klage immer , dass die Tempel zerstört 
sind; das ganze staatliche Leben roht auf einem religiösen Grunde; 
durch diese Entweihung waren sie des Schutzes und Segens der Göt- 
ter beraubt. Dies Verbrechen lässt überdies auf eine grosse wohl or- 
ganisierte Verschwörung schliesaen. Der Zweck der Verschwörung 
war 1) den Alkibiades zu stürzen, 2) den Zug nach Sicilien aufzu- 
schieben oder vielleicht ganz zu beseitigen. Denn dieser Frevel 
konnte als ein böses Omen für das ganze Unternehmen erscheinen; 
wurde dies hintertrieben , so wurde Alkibiades zurückgeschoben. Der 
Verf. sucht selbst, weil Teukrus seine Denunciation von Korinth aus 
offerierte, einen Zusammenhang mit Korinth und Megara. Indes es 
war alles zu weit vorgeschritten, um jetzt stehn zu bleiben;^ die Flotte 
segelt ab. Hier sind nun die Feldherrn schwankend. Lamachus Plan 
war, wie Grote mit Recht glaubt, der beste; es siegte endlich der 
des Alkibiades , welcher zwischen den entgegengesetzten des Lama- 
chus und Nikias die Mitte hielt. In die Untersuchung, welche über die 
Verstümmlung der Hermen eingeleitet wurde, dürfen wir Grote nicht, 
folgen. Sehr passend aber zieht er das papistische Complott in Eng- 
land und die Verurtheilung des Hrn. von Abbeyille (1766) in Frank- 
reich zur Vergleichung herau, um zu zeigen, dass dergleichen Aufre-«. 
gungen und Ungerechtigkeiten überall stattfinden können. Den Glanz- 
punkt des Werkes bildet die Darstellung der Belagerung von Syrakus, 
die 414 beginnt. Hier ist Grote vollendet meisterhaft. Für die 
Darstellung der Localitit wird Cavallaris schönes Schrifichen be- 
nutzt. Ich kann hier nicht ins einzelne eingehn. Der Verf. aber zeigt, 
wie richtig Lamachus, der die Seele des Kriegs war, den Angriff auf 
Syrakus begonnen , durch die vortrefflich angele^tevi^ «l^^x Vkv^ss«. ^«s^- 
vollendet g-ebliebenen Linien 8ytä\l\» \om U^X^xi \äsää ^Jä^^wjömssäk^ 
bgiie, wie alles den glücklißhBVen lS.Tto\% V^'R«^ V\^^*- ^^«ä»* "«»^^ 



300 Alte Geschichte. 

nicht das begonnene zu vollenden. Er liess den Gylippus Sicilien er- 
reichen, er liess ihn nach Syrakus hineinkommen, den einzigen Weg- 
aber Euryalus und Epipolae, der so leicht zu vertheidigen war. 
Gylippus bringt einen neuen Geist in Syrakus , er föhrt die Syrakiisa- 
ner zum Angriff und zum Siege, er bereitet alles selbst zum See- 
kampfe vor, er sichert durch trefOiche Vertheidigungslinien die Ver- 
bindung mit dem Innern. Nikias mnss in Athen Unterstützung fordern. 
Jetzt hätte den Athenern ein Kleon Noth gethan , um auf die Verkehrt- 
heit aufmerksam zu machen , dass ein Nikias im Commando blieb. E» 
war schon ein Misgriff die Belagerung fortzusetzen , aber es war in- 
sanity dies unter Nikias zn thun. Die Athener aber bleiben fest bei 
dem Unternehmen; sie bewilligen reiche Unterstttt:&ung; kein Wort 
des Verdachts wird gegen Nikias laut. Nun langt Demosthenes im 
grossen Hafen an. Als sein gut angelegter Angriff auf Epipolae schei- 
tert, will er die Belagerung aufheben; Nikias weigert sieh, einen Um- 
schwung in Syrakus hoffend^ — wirkliche fatuity — , bi« alles ver- 
loren ist. 

Capitel 61 und 62 führen uns die Ereignisse vor , welche der 
Auflösung der athenischen Armee in Sicilien folgen, bis zu der oli- 
garchischen Revolution der Vierhundert und der Wiederherstellung- 
der Demokratie. Athen hatte seine besten Bürger in> Sicilien verlo- 
ren, hatte eine feindliche Garnison im eignen Lande, hatte zu den alten 
Feinden neue hinzubekommen. Der Grosskönig lässt durch seine Sa- 
trapen wieder die alten Tribute einfordern ; die Unterthanen der Athe- 
ner, selbst Euboea, wenden sich an Sparta mit dem Erbieten des 
Abfalls , wenn man denselben durch Zusendung von Hilfe veranlassen 
wolle. Die Feinde der Athener scheuen sich nicht mehr ihnenauf den» 
Meere zu begegnen. Wie verschieden ist eine jetzt erfolgende See- 
schlacht bei Naupaktus von jenen alten, in denen Phormio siegte 1 
Tissaphern^s und Pharnabazus bitten wetteifernd, die Spartaner möch- 
ten mit einer Flotte in Chios oder am Hellespont auftreten. Alkibta- 
des Einfluss entscheidet su Gunsten des Tissaphernes. Grote hält auch 
hier an der Vorstellung fest, die Masse der Bevölkerung in den Städten 
sei nicht von Hass gegen die athenisdie Herschaft erfüllt gewesen ; es 
sei der Oligarchie in Chios eigentlich nmr durch eine Teuschung ge- 
lungen, den Abfall zu bewirken. Es ist nicht tm. leugnen, die oUyoL 
hatten hier alles zum Abfall vorbereitet und die ganze Angelegenheit 
in ihre Hand genommen; an andern Orten wird uns das nicht berich- 
tet; bei Eretria z. B. muss man schliessen, dass das ganze Volk mit 
den Spartanern sympathisiert habe. Derartige Veränderungen gehn 
mit Nothwendigkeit von wenigen aus ; ihre Popularität erweist sich 
dann darin, dass sie von allen acceptiert und aufrecht erhalten wer- 
den. — In Athen selber werden sehr wichtige Schritte gethan , um 
die Kräfte des Staats zu sammeln, um in die ganze Verwaltung eine 
grössere Besonneuheii und Solidität zu bringen (Thuk.VIII,l). Unter 
den neuen Einrichtungen nimmt die Einseli-img Act Ytö\wlV^^ eine der 
ersten Stellen ein, Wus Thnkydides von den ?ro\i\i\«iÄ w^^..^ \«X ^^\ä 



Grote: history of Greece. 301 

durflig; es ist nicht za verwundern, dass die Ansichten der gelehrten 
über dieselben sehr auseinandergehu ; darin aber stimmen sie wenig- 
stens aberein, dass ein TtQoßovXsvew in ihrer Function gelegen habe, 
dass das ganze Institut ein mehr oder weniger antidemokratisches ge- 
wesen sei. Grote bestreitet es nicht gerade, es habe nichts an das 
Volk gebracht werden können , bevor die Probulen dazu ihre Einwil- 
ligung gegeben; er meint aber, in den Worten des Thukydides liege' 
das nicht nothwendig. Der Zweck , glaubt er , sei nicht gewesen eine 
controlierende Behörde zu schaffen, sondern vielmehr den Weg zur 
Auffindung neuer Hilfsmittel zu erleichtern. Uebrigens habe diese Be- 
hörde nur kurze Zeit in Athen bestanden , nur zu einer Zeit ganz be- 
sonderer Noth und Entmuthigung. Er stimmt hierin wesentlich mit 
BQttner überein^ nach dessen Ansicht die Probulen zur Zeit der oli- 
garchischen Revolution der Vierhundert nicht mehr bestanden haben. 
Büttner meint selbst, das Eingehn dieser Behörde möge wohlgesinnte 
Bürger zu dem Glauben gebracht haben , dasfi für Athen nur in einer 
entschiedenen Aristokratie Hilfe zu hoffen sei. Aus Arist. Rhet. III, 
18, 6 erhellt jedoch , dass die Probulen wirklich mit der Einsetzung 
der 400 zu thun gehabt haben. Da« genauste hierüber bietet noch 
immer W. Wattenbach: de quadringentorum Aihenisf actione (Berlin 
1842), welcher übrigens einen Zusammenhang zwiischen diesen Probulen 
und der folgenden Oligarchie bezweifelt und jeden Schluss aas dem 
Namen Probulen auf eine oligarchische Natur ihres Amtes zurückweist. 
Die Veranlassung zu jener Revolution nun erzählt Grote klar und 
schön. Er hebt den Undank hervor, mit dem die Spartaner dem Alki- 
biades für seine überaus grossen Verdienste lohnten, und vergleicht 
damit das Verfahren der Demokratie. Jene befehlea Mord, diese ruft 
ihn heim, um ihn vor geschwome Richter zu stellen. Alkibiades ist 
übrigens in seinen Augen noch immer jener charakterlose selbstsüch- 
tige Mensch, wie ihn Phryuichus, a clear-tighted and sagacious man^ 
hut personaUy hostile io Alcibiades and thoroughly seeing through 
his character and projects^ erkennt. Alkibiades gibt die erste An- 
regung zu jener Oligarchie, die hernach ohne ihn und wider ihn ins 
Leben gerufen wird. Zwischen den 6vyyQag)etg und den Probulen 
nimmt Grote keinen Zusammenhang an. Die Grundzüge der neuen 
Verfassung werden bei Thukydides scharf bezeichnet. Der Verf. fügt 
noch hinzu , dass die 5000 in der Wirklichkeit gar nicht existierten, 
sondern nur eine auf Imponieren berechnete unbekannte Grösse waren ; 
l) wurde dadurch das gehässige der Oligarchie gemindert, wenn eine 
so grosse Zahl stimmberechtigter Bürger genannt wurde, 2) aber er- 
schien hierdurch die Macht der Oligarchen grösser, als sie es in der 
That war. Er stellt sodann eine ernste Betrachtung an, wie es doch 
kam, dass die Demokratie so jählings zusammenbrach. Ihre innere 
Kraft, ihr Selbstvertrauen war durch die Niederlage auf Sicilien, 
durch das Unglück, das sie von allen Seiten bedrohte, gebrocheoiv 
hierzu kam die freventliche GewaVl ^w Wx^^ccO^äti., "^ää ^«ä.'^«^<ö<ää^- 
mord systematisch handhabten. \ot iV\^\si\i\^'öt^<i.\v^\^^\^^'ä«^^^'^^^^ 



302 Alte Geschichte, 

aber die Seite; diese bildeten the viial movement of all tkal wai tu-^ 
telary and public-spivited in democracy. Aggressive in respect to of- 
ßcial delinquents ^ they tvere defensive in respect to the public and 
tke Constitution. Wir hätten wohl gewünscht, dass der Verf. die in> 
nere Auflösung des Demos in diese Betrachtung' mit aufgenommen und 
uns, um mit Thukydides zu sprechen, von dem Mangel an evrikeucy 
(fOHpifoavvti ^ evra^Ca^ von dem Untergange der wahrhaft patriotischen 
Gesinnung und von dem Verderben, welches überall dem Partei- und 
Hetaerienwesen folgt , ein lebendiges Bild entworfen hätte. Indes die 
sittliche Macht im Volke erhebt sich, wie Bfittner so schön ausein- 
andersetzt, noch einmal, bricht die Oligarchie und setzt die Demo- 
kratie , aber mit der Beschränkung wieder ein , welche dem Thuky- 
dides jene Worte grosser Anerkennung entlockt (Thuk. VIII, 97). 
Nach des Verf. Ansicht soll die Zahl der 5000 keine dauernde Be- 
schränkung enthalten ; sie wurde sofort als eine überschreitbare hin- 
gestellt durch den Zusatz, es solle jeder zu ihr gehören wer eine 
Rüstung besitze ; es war eine indefinite expression for a suffrage ex^ 
tensive^ but not universal. Diese Zahl bildete einen milden Ueber- 
gang von der Oligarchie zu der alten Verfassung, welche nach Ver- 
lauf von noch nicht Einern Jahre in ihre volle Thätigkeit wieder ein* 
gesetzt ist , wie das ein Volksbeschluss bei Andok. de myster. 93 — 99 
zeigt. Grote erklärt sich also gegen Hermann, der jene Wiederher- 
stellung der unbeschränkten Demokratie, without any proöf^ erst 
später , nach der Rückkehr des Alkibiades , erfolgen lasse. Die Auf- 
hebung der Besoldung blieb jedoch , vermuthlich wegen Erschöpfung 
der Gassen. Wiefern und innerhalb welcher Grenzen die Besoldung 
während dieser 7 Jahre wieder eingeführt wurde , ist nicht zu sagen. 
Doch erkennt der Verf. an , dass die Diobelie in dieser Zeit fortbe- 
standen hat. Die Ansicht Grotes nähert sich hier sehr derjenigen, 
welche 

Wilhelm Vischer: Untersuchungen über die Verfassung von 
Athen in den leiten Jahren des peloponnesischen Krieges ( Ba- 
sei 1844) 

ausgesprochen hat. Wachsmuth, Forclihammer , Peter, Scheibe und 
Ros(^her hatten, mehr oder weniger Gründe beibringend, behauptet, 
die gemässigte Demokratie habe bestanden bis zur Oligarchie der 
Dreissig. Vi seh er prüft zuerst die Beweise für diese Ansicht und 
zeigt durch genaue Erwägung derselben , dass nur der negative , sehr 
bedenkliche , von dem Stillschweigen der Autoren über jene Rückkehr 
zur absoluten Demokratie hergenommne übrig bleibe. Er geht sodann 
zu dem positiven Beweise über, dass wirklich die alte Demokratie in 
der Zwischenzeit durchaus in Geltung gewesen sei, dass die Be- 
schränkungen in der That nicht mehr stattgefunden haben, welche 
Thukydides als solche namentlich erwähnt hat. Diese sind l) die Be- 
schränkang der höchsten Gewalt auf diejenigen ^ o% onXa TtaQixovxcci, 
Von vorn herein wsir durch diese Besl\mmu\i% ^\^ Ti^^^ ^^^ %«^\* 



Grote : history of Greece. 908 

w^t aberschritten, und der Uebergang zum alten unbeschränkten Bür- 
gerrecht angebahnt. Aber auch bei den wchi naqex'^iuvoi kann es 
nicht sein Bewenden gehabt haben. Dieser politische Körper wird 
nirgends mehr erwähnt, dagegen in dem Process gegen die Feldherrn 
der dfjfiog oder auch l^^i^vcobi Ttavieg^ wie denn überhaupt der gause 
Process der Weise der Demokratie aus Kleons Zeit aufs Haar ähnlich 
sieht. 2) war die Soldzahlung aufgehoben und zwar jede, mit Aus- 
nahme der (StQoxsvofUvoi. Die Diobelie ist wieder in roUem Gange, 
wie uns Inschriften tehren; man muss vielmehr erwarten, dass der 
Sold wieder eingeführt sei« Die Klage des Aristophanes in den Ekkie- 
siazusen, als der edle Myronides den Staat leitete, habe niemand es 
gewagt um Sold den Staat zu verwalten, hat keine Pointe, wenn kurz 
vorher 7 Jahre lang der Sold sistiert ist. Die 2 Obolen in den Frd> 
sehen möchte Vischer von einem aaf 2 Obolen reduderten Richter* 
solde fassen; eine andere Stelle Vs. 1465 dagegen muss jedesfalls eine 
Anspielung hierauf enthalten. 5) Thukydides erwähnt auch die Nie- 
dersetzung von Nomotheten, freilich ohne irgend eine nähere Andeu- 
tung über dieselben, ob sie als dne ausserordentliche i^xA anzusehn 
sind oder nur besonders erwähnt werden, weil sie zu ausserordent- 
licher Zeit ernannt sind. Wäre das erstere der Fall , so könnte ver- 
muthet werden , dass sie di^ Restauration der alten Verfassung ver- 
mittelt hätten. Wirklich finden wir bereits unter Archon Glankippus 
410^—409 das Gesetz des Demophantus, welches die Demokratie zu 
sichern bestimmt ist. Alkibiades hatte bei Kyzikns gesiegt, den Athe- 
nern waren neue Hilfsquellen eröffnet und in der Siegesfrende mag, 
wie einst nach den Perserkriegen, jede Schranke des allgemeinen 
Bürgerrechts niedergebroehen sein. 4) endlich gibt V